Wo die Hoffnung hinfällt…

Ich kann es echt nicht fassen, dass mein letzter Eintrag schon wieder über zwei Wochen her ist. Die Welt steht still, wenn auch schon etwas weniger still als noch vor zwei Wochen. Auch meine Inspiration und Motivation zum Schreiben standen still. Dabei hatte ich doch eigentlich so viel Zeit. Zeit, die gefühlt rast wie selten zuvor.

Eine Zeit, die gerade keine einfache ist. Wie über Nacht kippte meine Stimmung plötzlich ins Gegenteil und fuhr all meine Euphorie, den Optimismus und die Gelassenheit der letzten Wochen ohne jegliche Vorwarnung gegen die Wand. Bumm.

Shitstorm ohne Klopapier

Da es dieses Mal keinerlei Frühwarnzeichen gab, auf die ich hätte reagieren können, überraschte mich der Shitstorm dieses Mal ohne eingepackten Regenschirm oder Klopapier. Gibt’s eh immer noch nicht bei dem Supermarkt vor meiner Tür. Wie immer wollte ich erstmal herausfinden, ob es denn überhaupt einen Auslöser gab oder ob die Welle einfach so herangerollt gekommen war. Wie sie das so oft tut. Wellen entstehen ja schließlich auch einfach so mal ohne dass ein großes Schiff heranschippert oder ein Stein ins Wasser geworfen wird. Oder nicht? Gibt es vielleicht immer einen Auslöser? Das könnte man mal rausfinden.

Auch wenn ich die aktuelle Situation die letzten Wochen nicht verleugnet hatte, so habe ich sie doch definitiv ab und zu einfach verdrängt. Und dazu musste ich mich nicht mal wirklich anstrengen, denn es gab andere Dinge in meinem Leben, die es ohne mein Zutun geschafft hatten, Sorgen, Ängste und Ohnmachtsgefühle vorerst auf’s Abstellgleis zu befördern oder sogar gar nicht erst aufkommen zu lassen. Wenn sie sich dann doch mal an meine Fersen hefteten, gelang es mir bis dato immer, trotz allem positiv zu bleiben. Auch wenn alles gerade, wenn ich mal ganz ehrlich zu mir selbst war, eigentlich einfach ganz schön beschissen war. Trotzdem noch das kleinste positive Detail im großen Ganzen zu finden. Ich erinnere an das goldene Maiskorn im Kackehaufen: https://tanzzwischendenpolen.com/2020/03/23/blogartikelreihe-psychisch-krank-in-zeiten-von-corona-teil-2/. Ob nun ein automatischer Selbstschutzmechanismus des Geistes oder tatsächlich eine authentische Annahme und Akzeptanz der prekären Lage, ich ging der ein oder anderen Freundin durch meinen grenzenlosen Optimismus in den letzten Wochen glaube ich ganz schön auf den Sack. Mir selbst irgendwie gar nicht. Eine von ihnen meinte, dass sie sich einfach gerade nicht mehr einreden will, dass ja alles auch was Positives hat. Ich verstand sie in dem Moment nicht, weil ich der Meinung war, dass es völlig in Ordnung sei, sich auch mal für eine Weile etwas schön zu reden. Sofern es einem damit besser ging, versteht sich. Sie war damals schon an einem Punkt, den ich etwas später erreichen sollte. Jetzt.

Eine andere gute Freundin sagte zu mir, dass positives Denken nur so lange gesund sei, wie eine gewisse Leichtigkeit herrsche. Keine Zwanghaftigkeit. Wie Recht sie hat.

Lief bei mir.

Ich denke, es fing damit an, dass ich seit sechs Wochen auf die Bewilligung meiner Leistungen vom Jobcenter wartete. Über Geld redet man nicht, schon gar nicht auf einer öffentlichen Plattform, zu der jeder Zutritt hat? Finde ich nicht. Da unser Chef direkt im März Kurzarbeit für uns angemeldet hatte und ich normalerweise sowieso schon Teilzeit arbeite, das gesamte Trinkgeld und auch die drei Hunde, mit denen ich mir sonst auch noch einiges an Geld dazu verdiene, auf einmal wegfielen, reichten die 60 % meines bisherigen Gehalts natürlich vorne und hinten nicht aus. Nach meiner letzten Begegnung mit dem Jobcenter, als ich zusätzlich zu meinem Krankengeld vor, während und nach meinem Klinikaufenthalt 2017 bis Anfang 2018, Sozialleistungen hatte beantragen müssen, hatte ich gehofft, mich damit nicht mehr so bald beschäftigen zu müssen. Es hatte eine ganze Weile gedauert, bis ich mich diesbezüglich finanziell wieder gut aufgestellt hatte. Alles parallel zur gesundheitlichen Wiederaufstellung. Erst vor ein paar Monaten war endlich der Punkt erreicht, an dem eigentlich alles lief und passte: Teilzeitjob im Café plus gutes Trinkgeld, ein gelegentlicher Minijob auf Veranstaltungen und das Ausführen von drei Hunden, nebenher mein Studium. Auch wenn ich immer noch nur einen verschwindend kleinen Teil von den Gehältern in meinem Umfeld verdiente, zur Verfügung hatte, für mich war es so viel wie schon seit Langem nicht mehr. Da ich mich an das Wenige gewöhnt und meinen Lebensstil über die Zeit dementsprechend angepasst hatte, war es mehr als genug. Ich musste mir endlich keine Sorgen mehr machen, keine Preise mehr bei Penny vergleichen und war mehr als zufrieden und glücklich damit. Ich brauche nicht viel. Konnte sogar immer wieder was zur Seite legen. Für einen Urlaub, der nicht stattfinden würde.

Bürokratie, du Bitch.

Denn dann kam Corona. Alle drei Jobs auf einmal weg. Das Konstrukt, dessen Aufbau so viel Zeit gebraucht und mich vor allem in schlechteren Phasen überdurchschnittlich viel Energie gekostet hatte, innerhalb von einem Tag in sich zusammengefallen. Tja. So schnell kann das mal gehen. Und obwohl ich weiß, dass es so unfassbar vielen Menschen gerade ähnlich oder genau so geht und ich sehr dankbar und froh bin, dass diese Sorgen und Auswirkungen nicht noch existenzieller sind, wie beispielsweise durch einen eigenen Laden, ist das schon auch trotzdem heftig kacke.

Das äußerst zuvorkommende Jobcenter hatte vor sechs Wochen mit vereinfachten und unbürokratischen Anträgen zu Beginn der Krise geworben. Ich glaube, ich habe noch nie Unbürokratischeres erlebt. Über Wochen hinweg bekam ich regelmäßig Briefe mit diversen Aufforderungen zur Nachreichung von Unterlagen, von denen anfangs nie die Rede gewesen war. Der neue Monat kam, die Miete wurde fällig, Essen wäre auch nett. Ja, ich habe das Glück, Familie und Freunde zu haben, die mich im Notfall immer unterstützen würden. Nicht nur mental, sondern auch finanziell. Ein Luxus, den nicht jeder hat und den ich über alle Maßen zu schätzen weiß. Für den ich sehr sehr dankbar bin. Und ich weiß von vielen anderen Betroffenen, die gerade, auch nach jahrelanger Selbstständig- und Unabhängigkeit plötzlich wieder darauf angewiesen sind. Auch Menschen jenseits der 30 oder 40. Erwachsene Menschen, die bis jetzt mit beiden Beinen im (Berufs-) Leben standen. Und trotzdem ist es kein gutes Gefühl. Exponentiell schlechter wird das Gefühl, wenn Woche um Woche trotz täglichen Anrufen und der dringlichen Bitte nach Priorisierung des Antrages aufgrund nicht mehr gewährleisteter Sicherung des Lebensunterhalts immer noch kein Geld auf dem Konto ist. Freunde und Bekannte von mir warteten teilweise noch länger auf spezielle Corona-Schutz-Schirme oder dergleichen. Von wegen Soforthilfe. Da mögen jetzt Stimmen laut werden, dass wir mal dankbar und froh sein sollen, in einem Sozialstaat wie Deutschland zu leben und dass es in anderen Ländern ganz anders aussähe. Das ist sicher richtig. Trotzdem fühlt man sich in einer solchen Situation dann doch ganz schön alleine gelassen. Und zwar zu Recht.

Ich sehe was, was du nicht siehst und das sind meine Bedürfnisse.

Ich habe Jahre gebraucht, um zu verstehen und zu akzeptieren, dass manche Dinge, die psychisch stabile und gesunde Menschen locker wegstecken mögen, für mich Stressoren sind, die Krankheitsphasen, in diesem Zusammenhang vor allem depressive, auslösen können. Die Liste ist lang. Das können Überarbeitung und zu starke Belastung über einen längeren Zeitraum, zu wenig Zeit und Ruhe für mich, sozialer Overload, Hektik, Lärm und diverse andere Überstimulation, zu schnelle und zu viele Ortswechsel, Disharmonie in zwischenmenschlichen Beziehungen, fehlende Tagesstruktur, zu wenig Bewegung, unregelmäßig und zu wenig essen, schlechter oder zu wenig Schlaf sein. Existenzielle und finanzielle Sorgen sind ganz vorne mit dabei und ich kenne das bereits aus der Vergangenheit.

Stress mich nicht!

Die Forschung, die sich mit den Ursachen für bipolare Störungen beschäftigt, behandelt verschiedene Bereiche, unter Anderem: Genetische Faktoren, Biologische Faktoren, körperliche und auf Medikamente bezogene Ursachen sowie psychosoziale Faktoren. Bei letzteren spielt Stress eine tragende Rolle. Während psychosoziale Belastung und Stress eine bipolare Störung auch erstmalig auslösen können, ist bekannt, dass bipolar erkrankte Menschen sehr viel sensibler (Anmerkung: Oft treten Hochsensibilität und bipolare Erkrankungen gemeinsam auf) auf psychosozialen Stress wie Schwierigkeiten am Arbeitsplatz, Konflikte in der Partnerschaft, Wohnungswechsel etc. reagieren (vgl. https://dgbs.de/bipolare-stoerung/ursachenhttps://dgbs.de/bipolare-stoerung/ursachen). Hier ist vor Allem auch das so genannte „Vulnerabilitäts-Stress-Modell“ zu nennen, welches ursprünglich von Bonnie Spring und Joseph Zubin auf die Schizophrenie bezogen und darauf basierend von DGBS-Mitglied Wilhelm Reher auf das Feld der bipolaren Störung ausgeweitet und entsprechend modifiziert wurde. Das Modell macht deutlich, wie äußere psychische Belastungen oder Stress als äußere Faktoren gepaart mit einer gewissen Vulnerabilität (Verletzlichkeit, erworben oder angeboren) das (Wieder-)Auftreten von Krankheitsepisoden begünstigen kann. Für Interessierte, Betroffene oder Angehörige lohnt es sich auf jeden Fall, dieses Modell einmal anzuschauen: https://dgbs.de/fileadmin/cust/dgbs-materialien/VS_Modell_Reher.pdf

Die Anderen…

Obwohl ich um den enormen Einfluss solcher Stressoren auf das Krankheitsbild der bipolaren Störung weiß und mich mittlerweile vor allem aus persönlicher Erfahrung bestens mit dieser Thematik auskenne, vergleiche ich mich in solchen Situationen trotzdem immer noch mit psychisch komplett gesunden Menschen. Vor allem, wenn ich über einen längeren Zeitraum stabil war. Mir die Krankheit nicht jeden Tag einen Spiegel vorgehalten hat. Ich mich gut, vielleicht sogar sehr gut und völlig „normal“ gefühlt habe. Ich hadere immer wieder damit, dass mich Dinge und Ereignisse, von denen ich weiß, dass ich sie unter „normalen“ Umständen locker bewältigen könnte und schon ganz andere Dinge in meinem Leben geschafft habe, in schlechten Phasen plötzlich komplett überfordern. Dass ich sie nicht „einfach“ direkt angehe und erledige. So wie „andere Leute“. Dass ich nicht „einfach“ so diszipliniert, produktiv und organisiert bin wie „andere Leute“. Dass ich nicht „einfach“ weiter funktioniere. „Einfach“ wegstecke. „Einfach“ mache. Dass mich stattdessen eine Lethargie überfällt, die ich mir selbst als Faulheit diagnostiziere und mich dafür selbst abwerte. Was sollte es sonst sein? Ich könnte mich doch „einfach“ mal zusammenreißen. Alles Dinge, die ich selbst niemals zu einer Person sagen würde, von der ich weiß, dass sie gerade in einer Depression steckt. Aber nein, mit mir selbst bin ich lieber streng und stelle frustriert fest, dass ich mich eben nicht einfach zusammenreißen kann und rutsche dadurch immer tiefer in die depressive Abwärtsspirale der negativen Gedanken und Selbstvorwürfe.

…sind und bleiben die Anderen.

Ich weiß, der Rollstuhl ist als Beispiel langsam ausgelutscht, aber ich finde ihn einfach passend. Welcher Mensch, der im Rollstuhl sitzt oder vielleicht auch „nur“ ein gebrochenes Bein hat, würde sich ernsthaft mit einem Menschen mit zwei gesunden Beinen vergleichen und sich selbst abwerten, sich als Versager sehen, weil er die Hundert Meter nicht in der gleichen Zeit laufen kann wie der andere?

Es gibt verschiedene Formen der Lethargie. Die Lethargie, die halt mal kommt und genau so schnell auch wieder geht. Die jeder mal hat. Die gesund und auch ab und an wichtig ist. Uns zwingt, mal runter zu fahren und danach wieder voll durchstarten zu können. Und die Lethargie, die komplett von uns Besitz ergreift und zu vollkommener Lähmung und Handlungsunfähigkeit führen kann. Die depressive Lethargie. Ich kenne beide Formen. Es ist unmöglich, sie zu verwechseln.

Wo ist der Anker hin?

Nach knapp zwei Wochen im Exil an der wunderschönen Nordseeküste, meiner zweiten Heimat, menschenleeren Stränden und Wäldern, Ruhe, Natur, frischer Luft, Joggen, Fahrradfahren und gutem Essen sitze ich im Zug nach Hamburg. Meiner seit über sechs Jahren ersten Heimat. Meiner so geliebten Wahlheimat. Es ist das erste Mal in dieser gesamten Zeit, dass es mich nicht wie magisch dorthin zurück zieht. Meistens reichen nur ein paar Tage, selbst nach dem wunderschönsten Urlaub packt mich früher oder später die Sehnsucht nach dem schönen Perlchen. Ich habe meine zwischenmenschlichen Kontakte seit dem Lockdown brav auf das Mindeste reduziert und meine engsten Freunde in Hamburg seitdem nicht gesehen. Sie fehlen mir. Und ich muss ein paar wichtige Dinge organisieren. Ich steige aus dem Zug.

Und ich fühle mich komisch.

Dirty vs. Desinfected Thirty.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Es ist soweit. Ich bin offiziell Mitglied im Club der 30-er.

Und wo darf ich sitzen?

Und was soll ich sagen? Natürlich habe ich mich am Tag danach nicht anders gefühlt. Mal abgesehen davon, dass ich total vollgestopft war von all dem Kuchen und dem guten Essen und einen kleinen Sonnenbrand auf der Nase hatte von dem wunderschönen Wetter an diesem Tag. Keine Party mit über 30 Leuten in unserem Café, keine angereisten Freunde aus verschiedensten Ecken Deutschlands, vor allem nicht der Besuch aus Italien. Dafür acht Stunden Sonne satt, strahlend blauer Himmel, Blumen, Luftballons, Papas weltbester Rhabarberkuchen und Eiskaffee mit Schlagsahne, Vogelgezwitscher. Im engsten Kreis auf der Terrasse meiner Eltern, zu denen wir brav zwei Meter Abstand hielten und nur mal kurz zum Pinkeln ins Haus schlichen. Meine Schwester auf dem ipad zugeschalten. Der Blumenstrauß in Sichtweite vor ihrer Kamera, die Musik, zu der sie das Geburtstagsständchen trällerte, im Hintergrund durch ihr WG-Zimmer schallend, der Kuchen, den sie für mich gebacken hatte und zusammen mit uns verputzte, in ihrer Hand. Lautes Gelächter auf ihre Frage, wo am Tisch sie denn nun sitzen dürfe. Anfangs ein paar kurze, etwas traurige Blicke und Bedauern darüber, dass sie nicht bei uns sein konnte. Gefolgt von zwei Stunden virtuellem Miteinander, das sich nach ein paar Minuten fast so anfühlte, als würde sie tatsächlich am Tisch sitzen.

Von fast allen Freunden und Bekannten, die sich an diesem Tag bei mir meldeten, wurde ich gefragt, ob ich denn meinen Geburtstag hoffentlich trotzdem ein bisschen genießen könnte. Weil ja eigentlich alles anders geplant gewesen war. Und dieses Jahr ja alles anders wäre. Das stimmt wohl.

Anders ausgelassen

Aber auch wir sind anders. Werden gerade anders. Verändern uns, passen uns an, finden Alternativen, arrangieren uns, stellen uns um. Oder versuchen zumindest, uns umzugewöhnen. Dadurch dass wir dazu gezwungen sind, uns mit zu verändern, mag das „andere“ Leben teilweise gar nicht mehr so anders scheinen. Meine Antwort war immer die gleiche. Dass es der schönste und entspannteste Geburtstag seit Langem war. Dass der Tag schöner nicht hätte sein können. Trotz und mit allem, was eben gerade dazu gehörte. Und allem, was gerade eben fehlte. Und vielleicht war es auch gerade deswegen so schön. Weil all die Erwartungen, die ich an die eigentlich geplante Party, meine Gastgeberrolle, gelungenes Essen, ausreichend Trinken und das Wohlbefinden aller Anwesenden bestimmt gehabt hätte, sich in dem Moment, in dem klar wurde, dass nichts davon so stattfinden würde, mit einem Schlag in Luft aufgelöst hatten. Was nicht heißt, dass ich mich nicht sehr freue, wenn ich das irgendwann nachholen kann. Wenn das hier vorbei ist. Falls. Und dann, da bin ich mir sicher, wird dieses Fest an Ausgelassenheit, Freude, Liebe und Leichtigkeit nicht zu übertreffen sein. Und wenn wir noch ein Jahr darauf warten müssen. Dann werde ich halt zweimal 30. Auch schön.

Nicht nur die Party fiel aus. Die allgemein verbreitete und gefürchtete 30-er-Krise erfreulicherweise auch. Nur erfreulicherweise, nicht überraschenderweise. Natürlich machen wir uns zu bestimmten Zeiten in unserem Leben Gedanken über bestimmte Dinge. Frau in manchen Hinsichten bestimmt nochmal anders als Mann. Das ist sicher gut und auch richtig so. Vielleicht kommt die Midlife-Crisis ja noch irgendwann. Soll sie mal. Aber die Quarterlife-Crisis habe ich definitiv hinter mir.

Wenn ich erstmal 30 bin…

Wer weiß, ob uns die Erwartungen, die wir an das dritte Lebensjahrzehnt oft haben mögen, tatsächlich von der Gesellschaft suggeriert werden. Oder unserer Erziehung. Oder ob das nur eine Ausrede ist. Ob sie vielleicht doch aus uns selbst kommen. Mein Haus, mein Auto, mein Job oder wie war das noch gleich? Statussymbole, Macht, Einfluss, Wohlstand, Karriere, Erfolg? Höher, schneller, weiter, geiler, besser? Ob nun intrinsisch oder extrinsisch motiviert, was erhoffen wir uns von all dem? Sind es Attribute und Errungenschaften, die von Herzen kommen und uns mit Freude und Glück erfüllen? Oder ist es die stille Hoffnung auf Anerkennung, die uns danach streben lässt? Die uns ein Gefühl von Sicherheit gibt. Einen geschützten Raum, der uns unsere Ängste, die Illusion von Kontrolle und unsere Unvollkommenheit vergessen oder zumindest verdrängen lässt?

Ich mal mir die Welt…

Was sich für den einen gut und richtig anfühlt, Glück und Erfüllung bedeutet, mag für den anderen unwichtig und nebensächlich sein. Es scheint oft leichter, nach Werten zu streben, die offiziell anerkannt und schon seit Langem in unserer Gesellschaft akzeptiert sind. Ideale, die zu verfolgen und im besten Falle zu erreichen es uns ermöglicht, nicht zu sehr aufzufallen. Uns einzugliedern. Nicht durchs Raster zu fallen. Uns nicht rechtfertigen oder erklären zu müssen, weil wir es vielleicht anders machen. Machen wollen. Weil sich dieses System vielleicht einfach nicht stimmig anfühlt für uns. Wozu wir dieses System übrigens nicht zwangsläufig immer direkt kritisieren oder verurteilen müssen. Sondern lediglich feststellen, dass wir da halt irgendwie nicht reinpassen. Nicht, weil da kein Platz für uns wäre. Wozu wir uns nicht exotisch fühlen müssen. Sondern erkennen, dass wir uns unser eigenes Konstrukt erschaffen müssen. Eines, das unseren ganz persönlichen und eigenen Werten entspricht. Werte, die uns die Richtung weisen, in die wir gehen wollen. Werte, an denen wir unser Leben ausrichten können, um es für uns mit Sinn zu füllen und lebenswert zu machen. Werte, die uns immer wieder als Schilder an den Abzweigungen unseres Lebensweges daran erinnern, inne zu halten und uns zu fragen, ob wir noch in die richtige Richtung gehen. Manchmal sind sie leicht zu übersehen.

Ich…

…bin jetzt 30 Jahre alt.

Und ich habe kein Haus. Kein Auto. Keine Karriere, die bei karriereaffinen Menschen Eindruck schinden würde. Keine Position, in der ich Macht über andere ausüben kann. Könnte es mir nicht mal leisten, auch nur Zehner durch den Club zu schmeißen.

Dieses Haus, dieses Auto, diese Karriere, Macht und Reichtum…nichts davon wollte ich jemals, nichts davon fehlt mir in irgendeiner Art und Weise. Trotzdem gab es eine nicht allzu kurze Zeit in meinem Leben, in der ich dachte, dass mir das doch aber fehlen müsste. Und dass ich das doch eigentlich wollen müsste. Habe Dinge getan und Wege eingeschlagen, die rein theoretisch irgendwann zu diesen Zielen hätten führen können. Und mich gewundert, warum sie mich nicht glücklich machten.

Jetzt…

…bin ich 30 Jahre alt.

Nach unzähligen Höhen und Tiefen, unüberwindbar scheinenden Herausforderungen, nicht lösbar wirkenden Problemen, noch mehr Zweifeln und Rückschlägen habe ich meinen Weg gefunden. Lebe ich das Leben, das ich wirklich leben möchte. Ein Leben nach meinen ganz eigenen Werten und Vorstellungen. Ein Leben, das bei manchen Menschen auf Unverständnis stößt und mir nicht selten kritische, vielleicht auch abfällige Blicke beschert. Das in den meisten Hinsichten so gar nichts mit Auto und Karriere zu tun hat. Und auch nicht mit Macht. Sondern einem Job, der zwar nicht mein Konto mit Geld im Überfluss, dafür aber mich selbst mit Freude füllt. Und zwar jeden verdammten Tag, den ich dort hingehe. Ein Arbeitspensum, das mir so viel freie Zeit gibt, in der ich all die Dinge tun kann, die mir wirklich wichtig sind. Das so reduziert ist, dass dessen Stresslevel keine Gefahr für meine psychische Stabilität darstellt. Der Erkenntnis, dass ich an den Job, mit dem ich meinen Lebensunterhalt verdiene, nicht mehr wie früher den Anspruch habe, dass er mich voll und ganz erfüllen muss. Dass ich nicht lebe, um zu arbeiten, sondern arbeite, um zu leben. Und dass es mir reicht, wenn ich mich mit meinem Job identifizieren kann. Dass ich mich nicht über ihn definieren möchte. Dass Berufung und Beruf getrennt werden können. Dass ich meine Erfüllung und Sinnstiftung außerhalb davon erlebe.

Ein Leben

in dem ich eine gute Freundin, Schwester oder Tochter, eine gute Partnerin oder Mutter bin. In dem ich mir Zeit für die Menschen nehme, die mir wichtig sind, für sie da bin, ihnen wirklich zuhöre und sie verstehe. In dem ich bedingungslosen Rückhalt und Unterstützung erfahre. In dem Zwischenmenschlichkeit eines der höchsten Güter ist. In dem es wahre Freundschaft und tiefgehende Beziehungen gibt. Ein Leben prall gefüllt mit Liebe, Miteinander, Aufrichtigkeit und echten Emotionen. Ein Leben, in dem ich immer wieder zurück zu mir finde, egal wie schwer es auch sein mag. Ein Leben, zu dem sich irgendwann eine innere Zufriedenheit und Ruhe gesellte, die seitdem nicht mehr von meiner Seite weicht.

Ein Leben, in dem ich mich so eingerichtet habe, dass ich es trotz und mit meiner Erkrankung bestmöglich meistern und so oft und viel wie möglich genießen kann. So lange links oder rechts abgebogen bin, bis ich auf einen Weg stieß, der sich richtig anfühlte. Auf dem ich plötzlich durchatmen konnte und sich mein Rucksack, der vorher manchmal so schwer schien, auf einmal ziemlich leicht zu tragen war. Ich nicht mehr so oft stolperte. Auf dem ich mich angekommen fühlte, obwohl ich noch nicht wusste, wohin er mich wohl führen würde.

Ein Leben, das erst durch all die Höhen und Tiefen meiner Erkrankung zu dem Leben wurde, das ich nun leben darf.

Und ich bin erst 30 Jahre alt.

Einmal alles bitte.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

„Ich bin psychisch krank. Und du so?“

Eigentlich hätte ich sehr gerne mal ausprobiert, wie sich diese Information auf einem Tinderprofil macht. Direkt neben Hobbies und Lieblingseis. Einfach mal nur, um zu sehen was passiert. Aber selbst das war mir den vergeudeten Speicherplatz auf meinem Handy nicht wert. Vielleicht kann ich ja mal jemand anderen nötigen, der mir diese Sozialstudie auswertet. Wird bestimmt witzig.

Alles was zählt.

Ich würde diesen Blog nicht schreiben, wenn ich den offenen Umgang mit und die Enttabuisierung sowie Entstigmatisierung von psychischen Erkrankungen, welcher Art auch immer, in unserer Gesellschaft nicht so unglaublich wichtig und grundlegend finden würde. Ich würde nicht im Traum daran denken, meine tiefsten Tiefen und höchsten Höhenflüge frei zugänglich für jeden in einem Medium auszuschlachten, das niemals vergisst. Ich würde nicht Menschen davon erzählen, die ich gerade mal ein paar Minuten kenne. All das würde ich nicht tun, wenn ich nicht hundertprozentig hinter der Meinung stehen würde, dass hier jeder Einzelne zählt und seinen Teil zu einer größeren Akzeptanz dieses Themas beitragen kann. In vielerlei Hinsicht.

Aber es gibt Unterschiede.

Ob das lohnt?

Mit der Zeit habe ich ein ziemlich feines Gespür dafür entwickelt, wo und bei wem diese Thematik vermutlich „gut aufgehoben“ ist. Wo sie ankommt. Wo sie im besten Fall einen Mehrwert schafft und nicht nur Angst und Schrecken hinterlässt. In vielen Fällen, vor allem bei fremden Menschen, geht es mir schon lange nicht mehr darum, dass mir mein Gegenüber Verständnis, Empathie oder Akzeptanz entgegenbringt. Denn dafür brauche ich niemanden. Nicht mehr. Es geht um etwas Anderes. Es ist ein spontanes Gefühl, eine Art Intuition. Das zurückhaltende Mädchen, das letztens bei mir im Café saß und der einzige Gast war. Ihren Milchkaffee trank und Tagebuch schrieb. Wenn ich jemanden per Hand irgendwo etwas schreiben sehe, werde ich sowieso immer aufmerksam und frage mich, was diese Person da wohl gerade aufs Papier bringt. Wenn ich das Gefühl habe, dass es okay ist, frage ich auch manchmal nach. So wie an diesem Tag.

Weiß und leer und einfach da.

Sie lächelte und erzählte mir, dass sie gerade Probleme in ihrer Beziehung hatte und ihre Gedanken besser sortieren konnte, wieder einen klareren Kopf bekam, wenn sie das alles aufschrieb. Wie gut ich das kannte. Das Blatt Papier, das nicht wertet und sich alles nur Erdenkliche um die Ohren hauen lässt. Ohne sich auch nur ein einziges Mal zu beschweren. Ohne uns zu belächeln. Ohne zu zweifeln. Ohne verständnislos den Kopf zu schütteln. Ohne uns die Schuld zu geben. Ohne direkt gut gemeinte Ratschläge zu erteilen, um die wir nie gebeten haben. Ohne direkt von den eigenen Erfahrungen diesbezüglich zu erzählen. Ohne uns seine Meinung aufzudrängen. Das wie ein guter Freund einfach nur zuhört. Einfach da ist.

Nur ein kleiner Moment.

Während wir uns so über diese gemeinsame Verbindung, die Liebe zum Schreiben, austauschten, kamen wir irgendwie auf Blogs zu sprechen und ich erzählte ihr von meinem. Und so, als wenn wir uns gerade über die Zutaten unseres neuen veganen Avocadokuchens unterhielten, erzählte ich ihr, dass ich bipolar sei und vor allem darüber schrieb. Woraufhin sie mir von ihren depressiven Phasen der Vergangenheit und ihrem Klinikaufenthalt erzählte. Wie auch sie in dieser Zeit die heilsame Wirkung des Schreibens für sich entdeckt hatte. Und so standen wir da ein paar Minuten, ich hinter der Kasse am Tresen und sie auf der anderen Seite, und führten ein Gespräch, das beide von uns in dieser Tiefe mit so manch anderen Bekannten, die wir schon sehr viel länger und besser kannten, vielleicht bis heute nicht geführt haben. Einfach, weil es sich in diesem Moment stimmig anfühlte. Weil da eine Verbindung und ein Vertrauen war. Ein Gespräch von wenigen Minuten, das für den Rest des Tages ein warmes Gefühl in mir hinterließ. Sie drehte sich eine Zigarette, packte ihr Tagebuch ein und wir wünschten uns alles Gute.

Fuck Fake.

Dass Offenheit Verbindung und Vertrauen schaffen kann, ist kein Geheimnis. In den letzten Jahren habe ich vor allem in Bezug auf meine Erkrankung immer wieder eine sehr wertvolle Erfahrung gemacht. Dass wir oft erst in den Momenten, in denen wir uns ohne Angst vor Ablehnung und Kontrollverlust öffnen und uns dadurch verletzlich machen, ja, vielleicht sogar schutzlos ausliefern, Raum für echte und tiefe Verbundenheit schaffen. Dass wir unserem Gegenüber durch unsere Verletzlichkeit zeigen, dass man uns vertrauen kann. Dass wir alles andere als perfekt sind. Dass auch wir unser Päckchen zu tragen haben. Ob nun in Form einer psychischen Erkrankung oder anders. Dass genau das uns auf einer tieferen menschlichen Ebene verbindet. Dass Authentizität immer über Fake siegen wird. Dass das Leben bedeutet.

Hinter den Kulissen

In der absoluten Mehrheit der Fälle haben mir die Menschen, vor allem die, die ich nicht gut kannte, von ihren eigenen Schwierigkeiten, dunklen Zeiten oder tatsächlich auch eigenen psychischen Erkrankungen erzählt, wenn ich ihnen von meiner Krankheit erzählte. Menschen, denen man es genau so wenig ansieht, wie man es mir ansieht. Menschen, die wir vielleicht an einem unserer eigenen dunklen Tage auf der Straße lachen sehen und sie in diesem Moment darum beneiden. Nicht sehen, wie oft sich ihre eigene Welt verdunkelt. Vielleicht schon, wenn sie an diesem Tag nach Hause kommen. Wie schwer der Kampf, den Tag zu beginnen vielleicht an ihrem Morgen gewesen war. Menschen, die in jedem erdenklichen Lebensbereich erfolgreich zu sein scheinen und denen offensichtlich alles in den Schoß fällt. Wir wissen nicht, wie viele Jobs sie vielleicht aufgrund ihrer Erkrankung schon verloren haben. Menschen, die so gut und „normal“ funktionieren zu scheinen, obwohl sie jeden einzelnen Tag mit ihrer Erkrankung und all den Herausforderungen, die sie mit sich bringt, konfrontiert sind. All die Mühe, Energie und Kraft, die das Leben trotz und mit ihrer Erkrankung mit sich bringt, nicht sehen können.

Lückenlose Langeweile

Vor meiner Diagnose Ende 2017 waren es vor allem meine depressiven Phasen, die unvermeidlich auch immer einen Einfluss auf mein Berufsleben hatten. Das noch nie beständig war. Mein Lebenslauf alles andere als gerade. Definitiv nicht lückenlos. Womit ich unter bipolaren Menschen in bester Gesellschaft bin. Es wäre wohl einfacher zu fragen, welche Jobs ich noch nicht gemacht habe. Viele wunderschöne und spannende Erlebnisse, viele viele tolle Menschen, viel gelernt, viel Spaß. Aber auch viel Chaos und Durcheinander. Des Faktes, dass ich bei einem gängigen Konzern mit meinem Lebenslauf trotz Studium niemals wieder eine Chance hätte, bin ich mir bewusst. Genau so weiß ich allerdings, dass ich in einem Unternehmen, das auf diese Dinge Wert liegt, völlig fehl am Platz wäre. Dass ich noch nie für meinen Lebenslauf gelebt habe. Und es auch in Zukunft nicht tun werde. Dass ich ihn so bunt ziemlich gerne mag und mir Tabellen noch nie standen. Dass ich nur noch tue, was sich gut anfühlt. Worin ich Sinn sehe. Was mein Herz hüpfen lässt, wenn ich nur daran denke. Mittlerweile akzeptiert habe, dass alles, was mir Spaß macht und mich interessiert, mich vermutlich niemals reich machen wird. Dass mir das manchmal Angst macht. Dass diese Angst jedoch nicht groß genug ist, um meinen Weg nicht auch in Zukunft genau so weiter zu gehen.

Kein Platz für dich

Ich habe Jobs durch meine Erkrankung verloren. Zum Beispiel als ich in einer hypomanen Phase meinem Chef völlig betrunken auf der Weihnachtsfeier mal so richtig schön die Meinung gesagt habe. Die Traurigkeit hielt sich in Grenzen. Vor allem als ich am nächsten Morgen die zwei Flaschen Champagner und den Kilosack Erdnüsse entdeckt habe, die ich anscheinend noch hatte mitgehen lassen. War eh beschissen der Job. Sehr lange her. Heute kann ich darüber lachen. Meine Eltern fanden das damals nicht so witzig.

Ein Job im Restaurant. Ich wurde in der Probezeit gekündigt, nachdem ich ein paar Tage krank geschrieben war, als die schwere depressive Phase im Sommer vor der Klinik ihren Lauf nahm. Der Tag, an dem wir völlig unterbesetzt waren, ich die ganze Nacht nicht geschlafen hatte und eine Panikattacke die nächste ablöste. Für immer in mein Gedächtnis gebrannt. Wie ich vor den Gästen in Tränen ausbrach und sowohl meine Gefühle als auch mein Körper sich komplett meiner Kontrolle entzogen. Die mitleidigen Blicke.

Der Bürojob, in dem ich zwei Jahre gearbeitet habe. Mein toller Teamleiter, der gerade mal so alt wie ich und eigentlich eher ein Freund war. Wie lange ich überlegte, ob ich ihm erzählen sollte, was mit mir los war. Wiederkehrende Zusammenbrüche auf der Arbeit durch völlige Überforderung und ein absolut abgefucktes Stresslevel mir irgendwann die Entscheidung nahmen. Seine verständnisvolle Reaktion. Die prekäre Lage, in die ihn meine Offenbarung brachte. Sein Platz zwischen Menschlichkeit und Empathie auf der einen und Arbeitgeber und wirtschaftlichem Denken auf der anderen Seite. Er sprach es nicht aus. Doch es war unmissverständlich klar, dass letzten Endes nur die Zahlen zählten. Dass hier funktionierende Arbeitnehmer gebraucht wurden. Ich nahm ihm die Entscheidung ab.

Meld dich mal, wenn du angekommen bist.

Und dann ist da noch die Liebe. Über die ich heute eigentlich schreiben wollte. Bevor der Text wie so oft eine Eigendynamik entwickelt hat. Wie sagt man so schön? Go with the flow. Oder so.

Oft passiert es dann, wenn wir es am wenigsten erwarten. Zum Beispiel während der Corona-Krise. Dann ist er plötzlich da. Dieser eine Mensch. Aus dem Nichts. Und wir merken erst dann, wie sehr wir uns nach diesem einen Menschen gesehnt haben. Ohne zu wissen dass er überhaupt existiert. Wo bis jetzt Ängste und Zweifel waren ist da auf einmal eine Gewissheit, die wir mit Worten nicht erklären können. Die uns ruhig werden lässt. Uns ein Gefühl von Zuhause gibt.

Die einzige Frage, die ich noch habe, ist: Wird dieses Zuhause stabil genug sein für mich im Gesamtpaket? Mit meiner Erkrankung? Mit all meinen guten, aber auch meinen schlechten Tagen? Teillieferung ausgeschlossen. All inclusive oder gar nicht.

Mein Herz klopft schneller.

Das hier konnte ich nicht üben mit Fremden, Arbeitgebern oder Bekannten.

Ich hole tief Luft und traue mich.

„Ich bin psychisch krank.“

Und wenn wir Glück haben, ändert dieser eine kleine Satz rein gar nichts an dem Ausdruck in den Augen, die uns in diesem einen großen Moment ansehen.

Mit jeder Phase(r) unseres Körpers.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Interessanterweise habe ich seit Beginn des Jahres zum ersten Mal nicht jede Woche einen Blogartikel hochgeladen. Obwohl ich so viel Zeit habe wie schon lange nicht mehr. Ich muss schmunzeln, wenn ich an den letzten Artikel denke. Mit all den Dingen, für die wir ja jetzt endlich mal Zeit haben! Es drängt sich mir die Vermutung auf, dass es sich beim ausschlaggebenden Faktor diesbezüglich vielleicht doch nicht um fehlende Zeit handelt, wie wir so oft meinen. Oder auch als Entschuldigung nehmen. Zumindest hätten wir gerade die Zeit, mal ausgiebig über diese Frage nachzudenken.

Die Dynamik, die sich die letzten Wochen an einem selbst und dem sozialen Umfeld beobachten ließ, war spannend. Und auch ein bisschen lustig. Wir sind irgendwie so von einer in die nächste Phase geschlittert.

Zuerst, vor noch gar nicht all zu langer Zeit, die uns allerdings wie eine Ewigkeit vorkommt, war da größtenteils Ignoranz und Verleugnung. Keine Ahnung, was es mit diesem Corona-Kram auf sich hat und warum die da so ausrasten.

Fast unmerklich in die nächste Phase gestupst worden. Hm. Scheint vielleicht irgendwie doch ein bisschen größer zu sein als gedacht. Vielleicht schau ich halt doch mal ein bisschen öfter Nachrichten.

Mit bereits deutlich erhöhter Geschwindigkeit weiter in die Panikphase geknallt, mit allem was dazu gehört. Erst Sorge, dann vielleicht auch Angst. Unsicherheit. Das kann doch alles nicht wahr sein. Wie in einem schlechten Film! Dass wir das noch erleben dürfen/müssen!

Smoother Übergang in die Schockstarre. Job weg. Struktur weg. Alter Alltag weg. Vielleicht lieber mal husch raus aus dem Moloch der Metropole. Bisschen Land ist ja auch mal schön. Und die gute Luft erst, ahhh! Herrlich!

Zwei Tage später. Hm. Un nu? Wie wird es weitergehen? Und wann? Oder überhaupt?

Hier stinkt’s nach Kuhscheiße.

Warum glotzt der Nachbar denn so doof über seinen spießigen Gartenzaun?

Vorsichtshalber mal lieber in die Phase der Vermeidung stolpern. Massenweise blöde Witze reißen, die latente Verzweiflung in unserem und dem Lachen unserer Freunde gekonnt ignorieren. Uns gegenseitig mit Videos und Bildern zur aktuellen Situation überfluten. Ziemlich witzigen ehrlich gesagt.

Sich in einer ruhigen Minute vielleicht darüber bewusst werden, dass nur die darüber lachen können, die bis jetzt noch nicht unmittelbar mit der Dramatik der Situation und deren verheerenden Folgen in Kontakt gekommen ist. Wer ein Familienmitglied an dieses Virus verliert, amüsiert sich ganz sicher nicht mehr über Klopapier- und Desinfektionsmittelsatire.

Jede erdenkliche Quelle zum Thema aufsaugen.

Komplett aufhören, Nachrichten zu schauen.

Voller Motivation weiter in die Aktionismusphase, in der wir uns entweder tatsächlich über all die geschenkte Zeit zum Putzen, Aufräumen, Aussortieren, Wände streichen, Gärtnern, Stricken, Musizieren, Steuererklären und was nicht noch alles freuen oder es uns zumindest einreden, dass das alles totaaaal toll ist.

In der zweiten oder dritten Woche oder vielleicht auch schon früher feststellen, dass man jetzt eigentlich auch erstmal wieder genug getan hat und vielleicht auf manche Dinge, die man sich schon so ewig vorgenommen hatte und jetzt dank Corona ja tatsächlich auch mal Zeit dazu hätte, halt einfach trotzdem keinen Bock hat.

Ich hab ja echt schon lange nicht mehr so richtig schön gemütlich mit einem Buch und Tee auf dem Sofa gelegen…

Krass, dass man Netflix tatsächlich leerschauen kann.

Einfach mal wieder früh ins Bett und einen gesunden Schlaf-Wach-Rhythmus etablieren.

Kaffeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeee!!!

Und mal wieder so richtig schön gesund und frisch kochen. Auja. Sogar auf dem Markt einkaufen!

Geil. Pizza.

Heimlich kriechen wir in die Phase der Lethargie. Sonst wollen wir doch immer mehr Freizeit haben. Zeit zum Nichtstun. Einfach mal sein. Sich selbst finden, in Kontakt mit uns und unserem Inneren kommen. Mal so richtig schön und voller nicht wertender Achtsamkeit zu uns finden. Blaaaaaaaaa. Gähn. Wir stellen fest, dass freie Tage ihren Wert offensichtlich nicht aus anderen freien Tagen ziehen.

Ach wie schön, dass wir alle in dieser schweren Zeit näher zusammenrücken und endlich mal wieder Zeit füreinander haben! Familie ist das Wichtigste im Leben!

Einen Tag später. Lagerkoller. Alle drehen durch.

Zwei Wochen Quarantäne wird super! Ich bin so gerne für mich! Endlich hab ich mal meine Ruhe.

Drei Tage später. Mit Kuscheltier im Arm und einem halben Liter Ben&Jerry’s Cookie Dough Double Chocolate Caramel Brownie im Bett liegen, den traurigsten Film aller Zeiten schauen und sich selbst bemitleiden.

Vielleicht bemerken wir, dass wir zwar weder Sternekoch noch Bestsellerautor oder begnadete Strickliesel geworden sind, dafür aber wieder jeden Morgen die Laufschuhe schnüren, im nächsten Frankreichurlaub tatsächlich ein Bier bestellen könnten und entgegen jahrelanger Überzeugung doch keine zwei linken Hände haben! Uns darüber freuen und lieber all das sehen anstatt das, was wir vielleicht ursprünglich mit dieser Zeit vorhatten und alles nicht getan haben. Dass das gerade die falsche Zeit für Perfektionismus, Wettbewerb und selbstauferlegten Druck ist.

Dass es vielleicht auch ganz schön viel Kraft und Zeit kosten kann, sich einmal so von heute auf morgen einen komplett neuen Alltag zu schaffen und sich selbst Struktur und Halt zu geben. Ohne Außen.

Im Idealfall kommen wir in Begleitung einer schrittweisen Umstellung und Anpassung an unser momentanes und neues Leben langsam aber sicher in der Phase der Akzeptanz an. Arrangieren uns mit der neuen Situation. Nehmen an, dass wir nicht wissen, wann das alles vorbei ist. Ob es überhaupt irgendwann ganz vorbei ist. Welche langfristigen Auswirkungen es auf unser individuelles, gesellschaftliches, wirtschaftliches und politisches Leben haben wird. Wie schnell oder langsam sich all das entwickelt. Wie es weitergeht.

Schauen mit fast schon ekelerregendem unverbesserlichen Optimismus in eine Zukunft, von der wir auch vor Corona noch nie wussten, was sie bringen mag.

Lassen die Dinge auf uns zukommen.

Halten zusammen.

In dem Wissen, dass es weitergehen wird. Dass der Mensch anpassungsfähig ist.

Dass Krisen das weitaus größere Potenzial für Wachstum haben als Friede Freude Eierkuchen.

Und hoffen auf das Beste.

Blogartikelreihe: Psychisch krank in Zeiten von Corona – Teil 2

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Alles nur eine Frage der Betrachtung?

Mittlerweile kann wohl kaum jemand mehr behaupten, dass das Thema Corona spurlos an ihm vorbei geht. Jeden Tag erreichen uns neue Nachrichten, Beschränkungen, Vorsichtsmaßnahmen. Aber über die soll es hier heute nicht gehen, denn wir kennen sie alle schon auswendig. Der heutige Artikel beschränkt sich nicht auf die Situation von psychisch kranken Menschen im Speziellen, sondern auf die aktuelle mentale Verfassung von uns allen, egal ob vorbelastet oder nicht: Was macht die Coronavirus-Krise mit unserer Psyche?

Wie, du hast zwei Kinder?!

Vor allem in Zeiten wie diesen ist der Austausch mit unseren sozialen Kontakten trotz häuslicher Isolation wichtiger denn je (siehe Teil 1 der Blogartikelreihe: https://tanzzwischendenpolen.com/2020/03/18/blogartikelreihe-psychisch-krank-in-zeiten-von-corona/). Das Schöne daran ist, dass man tatsächlich endlich mal die Zeit hat, auch mit alten Freunden oder Bekannten wieder Kontakt aufzunehmen, von denen man ewig nichts gehört hat. Mal rausfinden, was die gerade so treiben, wo sie stecken und, falls man wirklich schon sehr sehr lange keinen Kontakt mehr hatte, erst mal fragen, was das Leben so mit ihnen gemacht hat in den letzten Jahren. Da erfährt man plötzlich Dinge, die man nie erwartet hätte…Nachwuchs, Hochzeiten, Scheidungen, Jobs, die man mit diesem Menschen niemals in Verbindung gebracht hätte, Wohnsitz in exotischen Ländern…das ist auf jeden Fall spannend. Und lenkt ab.

„Wie geht es dir gerade wirklich?“

Durch den regen Austausch mit meinem nahen und fernen Umfeld habe ich die letzten Tage einen ziemlich guten Eindruck bekommen, wie ähnlich wir doch alle gerade fühlen, denken und handeln. Obwohl wir in vielen anderen Hinsichten so unterschiedlich sind. Ich habe meinen Freunden und Bekannten bewusst immer wieder die Frage gestellt, wie es ihnen momentan wirklich geht, wie sie mit der Situation umgehen und sich dabei fühlen. Ob sie Angst haben. Und wenn ja, wovor. Was sie dagegen tun. Was sie versuchen, zu vermeiden. Wie ihre Gedanken dazu sind.

Auch wenn es nicht alle auf die gleiche Art und Weise zeigen oder direkt darüber sprechen, so leugnet mittlerweile kaum einer mehr ein latentes Gefühl der Sorge und Beklemmung. Selbst die „richtig harten“ Jungs, die sonst relativ unemotional und rational daher kommen, schicken über soziale Medien Tipps herum, wie man sich vor dem Virus schützen kann, die sich tatsächlich nicht in die Masse aller ironischen Memes, Videos, Bilder und Sprachnachrichten einreihen, sondern einfach ernst gemeint sind. Mal so ganz ohne Witz und Ironie. Die, die sich sonst damit brüsten, wie gerne sie doch alleine sind und wie sehr sie das genießen. Wie unabhängig sie sind und wie gut sie alleine klar kommen. Mich eingeschlossen. Hach, wie sehr wir doch in uns ruhen! Uns kann so schnell nichts umhauen, komme, was wolle! Tja. Da haben wir die Rechnung aber vielleicht ohne Corona gemacht.

Doch lieber gemeinsam als einsam?

Schon nach kürzester Zeit stellen nun nicht nur die unter uns, die Alleinesein sowieso generell schon immer kacke fanden und am liebsten in Gesellschaft sind, sondern auch eben erwähnte Teilzeit-Einzelgänger fest, dass es einen Unterschied gibt zwischen freiwilligem, selbst gewähltem Rückzug und dem fremdbestimmt auferlegten Alleinesein. Und zwar einen gewaltigen! Und damit meine ich nicht „gemeinsam einsam“, also mit Familie, Kindern, Partnern oder WG-Mitbewohnern „alleine“, sprich ohne Besuch von weiteren Personen und isoliert vom Rest des sozialen Umfelds, zu Hause zu sein. Wobei hier unbedingt erwähnt sei, dass die gemeinsame Isolation wieder andere, nicht minder herausfordernde Situationen mit sich bringt. Nur eben andere. Gemeinsam einsam ist halt einfach nicht das gleiche wie alleine einsam. Nur du. In deiner Bude. Mit deinen Gedanken. Deinen Sorgen. Deinen Ängsten. Wir alle mit der Unsicherheit, in der wir uns gerade befinden. Der Unsicherheit, die noch nie die Sicherheit war, die wir uns bisher mehr oder weniger erfolgreich eingeredet haben. Plötzlich können wir nicht mehr von ihr davon laufen und müssen ihr ins Auge sehen. Trotz unserer Angst. Und akzeptieren, dass sie unser ständiger Begleiter ist. Dass sie das schon immer war. Und auch immer bleiben wird. Dass wir eben über die meisten Dinge doch keine Kontrolle haben. Dass wir loslassen müssen, wenn wir unseren Frieden mit diesem Zustand schließen möchten.

Hunger auf Mensch!

Spätestens sobald auch der einsamste Cowboy im Freundeskreis plötzlich beiläufig erwähnt, dass er nach einer Woche Quarantäne vielleicht doch langsam durchdreht und verhältnismäßig viele, relativ inhaltsarme Nachrichten schickt, nur um den Tag über irgendwie in Kontakt zu bleiben, dürfen wir uns dann denke ich auch endlich eingestehen, dass all das okay ist. Dass wir Menschen sind und der Mensch ein soziales Wesen, das den regelmäßigen Kontakt und Austausch mit seinen Mitmenschen brauch, um sich wohlzufühlen und seine Gesundheit zu erhalten. Um sich als Teil von einem Ganzen zu fühlen. Wir müssen zwar nicht mehr physisch verhungern, wenn wir nicht Teil der Herde sind oder auf unseren Anteil am saftigen Mammutfleisch verzichten, doch wir können auch emotional verhungern. Wenn wir uns zu lange abgeschnitten fühlen vom Rest der Welt oder es tatsächlich auch sind. Dass wir uns in einem Ausnahmezustand befinden, den in dieser Form wohl noch keiner von uns erlebt hat und dass es durchaus normal und auch angebracht ist, uns damit unwohl, ängstlich und auch alleine oder gar einsam zu fühlen. Dass wir nicht an uns zweifeln müssen, weil wir all das jetzt so erleben und fühlen und plötzlich nicht mehr cool mit dem Alleinsein sind. Sondern ganz schön damit zu kämpfen haben. Dass wir es gerade weder achtsam noch unachtsam annehmen können. Und auch nicht wollen. Und dass das vor Allem eines ist: Zutiefst menschlich.

Meer ist Meer.

Wir mögen zwar in unterschiedlich ausgestatteten Schiffen oder Booten sitzen (siehe Blogartikelreihe Teil 1), und doch haben wir alle etwas gemein: Wir befinden uns gerade mitten auf dem Ozean. Um uns herum nur Wasser, egal wohin wir blicken. Nirgendwo Land in Sicht. Nur Horizont. Das ist das, was wir gerade haben und das ist auch das einzige, mit dem wir gerade arbeiten können. Das verbindet uns alle. Auch wenn es ganz bestimmt wichtig ist, anzuerkennen und zu akzeptieren, welche Dinge wir nicht im Griff haben und welche gerade schwierig sind, ist es mindestens genau so wichtig, wenn nicht sogar noch wichtiger, dass wir auch sehen und wertschätzen, auf was wir trotz allem weiterhin Einfluss nehmen können. Wenn auch vielleicht momentan anders als wir es bisher getan haben. Dass wir dem Ohnmachtsgefühl, das uns dieser Tage immer wieder überkommen mag, begegnen können, indem wir aktiv werden. Dass wir unsere Selbstwirksamkeit nicht verlieren, egal wie viele Beschränkungen, Veränderungen, Unsicherheiten und Einschnitte es in unserer Gesellschaft und unserem persönlichen Leben gerade geben mag. Dass es immer noch viele Bereiche gibt, in denen wir handlungsfähig bleiben und Einfluss nehmen können. Sollten.

Dass es sich selbst in dieser außergewöhnlichen Situation nicht anders verhält und alles in vielen Hinsichten nach wie vor eine Frage der Betrachtung ist.

Und sie ist am dampfen…

Da wir mittlerweile alle bestens darüber informiert sind, was gerade alles ganz schön scheiße läuft, sollten wir immer wieder und immer öfter versuchen, uns auf die Dinge zu konzentrieren, die wir in dieser Krise trotz Allem positiv bewerten können. Das Coole daran ist, dass etwas nicht mal unbedingt positiv sein muss, damit wir es als positiv bewerten können. Ja, es mag uns manchmal zum Hals raushängen, dieses ewige „Sieh doch mal das Gute daran!“ oder „Alles Negative hat auch immer etwas Positives!“. Oder „Mach das Beste draus!“…Ist ja alles schön und gut, aber manchmal ist etwas auch einfach so richtig lupenrein scheiße und wir haben schlicht und ergreifend keinen Bock, uns auf gut Glück und bis zum Hals in der Scheiße steckend durch eben jene zu wühlen. Auf der Suche nach dem one and only unverdauten goldenen Maiskorn, das wir vielleicht doch noch weiter verwerten könnten. Und uns damit einzureden, dass doch alles halb so wild ist.

Doch, es ist wild! Und es ist schwierig. Und es fühlt sich gerade alles seltsam an. Irgendwie surreal. Und es macht uns Angst. Und wir wissen nicht, wie es weitergeht. Oder wie lange das noch so geht. Es geht nicht darum, zu behaupten, dass das alles nur halb so wild sei. Aber es geht darum, dass sich in jeder Krise, auch in der jetzigen, immer auch etwas Positives finden lässt. Mag es noch so klein sein und mögen wir noch so lange danach suchen müssen.

Aber es ist da.

Die Entscheidung, ob wir uns auf diese kleinen Dinge konzentrieren wollen, liegt einzig und allein bei uns. Und wenn es jeden Tag nur eine Kleinigkeit ist, dann sind es am Ende der Woche schon sieben. Das heißt nicht, dass wir den Ernst der Lage nicht erkennen oder ihn schmälern oder komplett verdrängen wollen. Wir können uns jedoch ohne schlechtes Gewissen und bewusst dazu entscheiden, die positiven Dinge nach wie vor wahrzunehmen und umso mehr wertzuschätzen, auch wenn sie dieser Tage nicht so offensichtlich sind oder von anderen größer scheinenden Dingen verdrängt zu werden drohen. Ganz besonders dann.

Doch was uns bleibt…

Ja, viele von uns können gerade nicht zur Arbeit gehen. Aber wir können die freie Zeit nutzen, um Dinge zu tun, die wir schon so lange tun woll(t)en und nie dazu gekommen sind. Neben den üblichen Verdächtigen wie Steuererklärung der letzten hundert Jahre erledigen, endlich das eigene Buch schreiben, Frühjahrsputz, noch viel endlicher das Wohnzimmer streichen, richtig gut kochen, backen, stricken, was auch immer lernen und uns durch „In vier Wochen zum Sixpack“ quälen gibt es so viele Möglichkeiten, unseren neuen und mehr oder weniger ungewohnt leeren und rahmenlosen Alltag umzustrukturieren und neu zu füllen. Unserer Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Die weitaus größere Herausforderung besteht vermutlich eher darin, sich letzten Endes für ein paar wenige (und vorzugsweise realistische) unserer großartigen innovativen Ideen zu entscheiden.

Und uns zu allem Übel nicht auch selbst jetzt noch fertig zu machen, wenn wir nicht mal die Hälfte davon schaffen. Empörenderweise nicht schon zwei Tage nachdem sämtliche, über lange Zeit und vermutlich mühsam etablierte Alltagsstruktur- und routinen von einem auf den anderen Tag in sich zusammengefallen waren, einen perfekten Plan B hinlegen konnten. Ohne jegliche Anpassungsschwierigkeiten. Der Mensch ist ja schließlich kein Gewohnheitstier! Nö! Und ein Herdentier schon gleich dreimal nicht! Wir können die freie Zeit aber auch einfach mal nicht nutzen und endlich mal wieder gar nichts tun, wenn uns danach ist (https://tanzzwischendenpolen.com/2020/02/27/ja-hier-is-was-faul/). Weil wir auch dafür schon lange keine Zeit mehr hatten. Oder sie uns nicht genommen, uns nie zugestanden haben. Ausschlafen, rumgammeln, Binge-Watchen bis zum Umfallen oder Bücherlesen bis zur ausgeprägten Sehschwäche, endlich mal Zeit für so richtig gähnende Langeweile aufkommen lassen und mal schauen, was passiert. Wir können die freie Zeit mit unseren Liebsten verbringen, sie wir sonst vielleicht viel zu selten oder kurz sehen. Wenn sie denn gerade in der Nähe sind. Uns gegenseitig nochmal besser und auch ganz anders kennen lernen. Oder auch uns selbst. Näher zusammen rücken in dieser Zeit. Virtuell, wenn es nicht anders geht.

Kein Grund zur FOMO.

Und auch das mag jeder von euch vielleicht schon bis zum Erbrechen gelesen und gehört haben, aber es ist was dran: In Zeiten von FOMO (Fear of Missing Out; die Angst, etwas zu verpassen) und scheinbar grenzenlosen Möglichkeiten, Ablenkungen und Überfluss in jeglichen Hinsichten, bietet uns die aktuelle Situation eine so in unserer Generation noch nie da gewesene Chance. Die Chance, wirklich mal runter zu kommen. Es gab vermutlich noch nie so wenig zu verpassen wie aktuell in dieser Situation. COVID-19-Live-Ticker mal außen vor. Und wenn es nichts zu verpassen gibt, brauchen wir auch keine Angst davor haben, etwas zu verpassen. Wer bisher nie zur Ruhe gekommen ist und der Meinung war, das wäre ja sowieso gar nicht möglich in unserer hektischen, schnellen und konsumorientierten Welt, der könnte bald der Realität in Form eines Scherbenhaufens seiner ausrangierten Argumenten ins Auge sehen müssen. Zählt leider nicht mehr, sorry.

Die Welt, in der wir leben und wie wir sie bisher zu kennen glaubten, steht innerhalb kürzester Zeit plötzlich so gut wie still. Wir können sie nun anschreien, dass sie sich gefälligst weiterdrehen soll wie bisher, sie schubsen, treten und an ihr zerren. Daran verzweifeln.

Oder aber wir tun es ihr gleich.

Und drehen uns langsamer.

Für’s Erste.

Blogartikelreihe: Psychisch krank in Zeiten von Corona Teil 1: Soziales Leben

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Wie versprochen kommt hier auch schon das „Corona-Special“! Beim Brainstorming zu diesem Artikel sind mir so viele verschiedene Aspekte eingefallen, über die es sich zu sprechen lohnt, dass ich beschlossen habe, dass diese spezielle Situation die perfekte Gelegenheit ist, um nach einem Jahr Bloggen mal ein neues Format auszuprobieren und eine ganze Blogartikelreihe zu starten!

Da die Corona-Krise unser aller Leben gerade massiv beeinflusst und auch beeinträchtigt, werden wir uns in jedem Artikel einen einzelnen (Lebens-)Bereich vornehmen, diesen zuerst in Zusammenhang mit der aktuellen Lage bringen, sprich welche Herausforderungen, Einschränkungen und Probleme er eventuell mit sich bringt, um uns danach verschiedene Strategien und Möglichkeiten zu einem bestmöglichen Umgang damit anschauen. Bei den Bereichen, in denen es meiner Meinung nach einen bedeutenden Unterschied bezüglich Problematik und Umgang zwischen psychisch gesunden und psychisch kranken Menschen gibt, werde ich darauf eingehen und versuchen, euch möglichst viele Inspirationen, Tipps und Ideen zu geben, die mir persönlich gerade helfen und von denen vielleicht auch andere Betroffene profitieren können.

Um hier nicht für Unmut und Empörung zu sorgen, möchte ich direkt zu Beginn nochmal betonen, dass die Intention, die hinter diesem Artikel steht, nicht die Ansicht ist, dass die aktuelle Situation nicht auch für die psychisch gesunden und stabilen unter uns eine genau so große Belastung ist. Wir sitzen alle in einem Boot. Doch während psychisch gesunde Menschen in einem recht großen und stabilen Schiff sitzen, das sich von Sturm und Unwetter so schnell nicht beeindrucken lässt, befinden sich psychisch kranke Menschen vielleicht gerade eher in einem kleinen Boot, das eher einer Nussschale ähnelt und vielleicht noch das ein oder andere Leck hat. Seine Kapazitäten, dem Sturm standzuhalten, sind begrenzt.

Ich denke, wir alle sind mittlerweile genug informiert und spüren die Veränderungen, die die Corona-Krise für unsere Gesellschaft, die Politik, unsere Wirtschaft, aber vor allem auch unser soziales Leben, unseren persönlichen Alltag, unsere Selbstbestimmung und Freiheit mitbringt. Deswegen möchte ich versuchen, mich nicht auf die Probleme, sondern auf mögliche Strategien zum Angehen dieser Herausforderungen oder zumindest eine Erleichterung dieser schwierigen Zeit zu konzentrieren. Nicht an dem festhalten, über das wir gerade keine Kontrolle mehr haben und was uns mehr und mehr entzogen wird, sondern auf das fokussieren, was wir nach wie vor selbstbestimmt tun können, worauf wir Einfluss haben und was uns selbst trotz häuslicher und sozialer Isolation keiner nehmen kann.

Ich persönlich befinde mich seit zwei Tagen in freiwilliger Quarantäne, stelle nach und nach fest, welche Änderungen damit einhergehen, was mir gerade gut tut und was ich tun kann, um weitestgehend stabil zu bleiben, vor allem, da ich gerade erst wieder aus einem depressiven Tief herausgekrabbelt bin. Für die unter euch, die sich schon in den Medien bezüglich häuslicher Quarantäne und deren psychischen Herausforderungen inklusive Tipps belesen haben, werden die folgenden Punkte womöglich keine bahnbrechenden Erkenntnisse mehr darstellen. Vielleicht könnt ihr ja trotzdem etwas daraus mitnehmen.

1.) Soziales Leben

Die Problematik

Eine der größten Gefahren der sozialen Isolation ist wohl das sich komplett Selbst-Überlassen-Seins, dem Alleinsein, wenn man es nicht gewohnt ist, dem Gefühl von Einsamkeit und, Überraschung, Isolation vom Rest der Welt. Vor allem für die meisten Menschen, die das Alleinsein normalerweise vermeiden, es als negativ empfinden, für die Alleinsein mit Gefühlen der Einsamkeit einhergeht, die sich wann immer es geht ablenken, um nicht mich sich selbst und ihren Gedanken, Gefühlen und Empfindungen konfrontiert sein zu müssen. Ablenkung, ständige Stimulation und Reizüberflutung die in unserer Gesellschaft immer und überall möglich und jederzeit verfügbar sind. Waren. Vor allem Möglichkeiten des fast grenzenlosen Konsums und unzählige Orte zur sozialen Interaktion, Treffen mit Freunden und Familie, Verbundenheit, das Gefühl von Zugehörigkeit und Miteinander, kulturelle Vielfalt…die Liste ließe sich noch endlich weiterführen. All das bricht nach und nach weg. Egal ob wir das wollen oder nicht und egal wie viel Angst uns das macht. Wie es uns den Boden unter den Füßen wegzieht, unsere Welt und die Illusion von Sicherheit, die wir uns bisher noch einbilden konnten, einmal auf den Kopf stellt. Alles ins Wanken bringt. Während das Alleinsein in häuslicher Isolation für psychisch stabile Menschen in erster Linie aufgrund des damit verbundenen Gefühls von Einsamkeit und Unwohlsein eine psychische Belastung darstellen mag, liegt das Problem bei psychisch kranken Menschen, auch speziell in Bezug auf bipolare Störungen und vor allem deren depressive Phasen, eher darin, dass sozialer Rückzug, Isolation, Alleinesein, das Gefühl von Einsamkeit…all das sowohl Symptome einer Depression als auch „Handlungen“ sind, die eine depressive Phase oft auch erst auslösen oder verschlimmern können. Unser Gehirn ist von Natur aus darauf ausgelegt, kontinuierlich nach Reizen zu suchen. Stimulation. Im Angesicht völliger Reiz- und Stimulationsarmut sowie auf uns selbst zurückgeworfen sein fackelt unser Geist nicht lange und bombardiert uns erbarmungslos mit Gedanken und daraus resultierenden Gefühlen, die wir durch all die Ablenkung und Geschäftigkeit, die unseren Alltag sonst bestimmt, tief vergraben haben. So tief, dass wir uns sicher waren, sie nie wieder hören oder fühlen zu müssen. Weil unsere Angst davor, sie nicht ertragen zu können, überwältigend ist.

Wie können wir damit umgehen?

Am Allerwichtigsten, und das werdet ihr auch auf jeder anderen Seite finden, die sich aktuell mit diesem Thema auseinandersetzt, ist es jetzt, auch ohne direkten sozialen Kontakt in Verbindung mit unseren Mitmenschen, Familien, Freunden, Partnern, Nachbarn…etc. zu bleiben. Auch hier haben wir ja aktuell auch ganz unterschiedliche Voraussetzungen. Manche von uns, wie beispielsweise auch mir, bleibt gerade nur die eigene Gesellschaft, wenn wir unser Zuhause alleine bewohnen, andere wohnen in einer WG oder mit ihrem Partner und/oder ihren Kindern zusammen. Ganz sicher hat beides seine Vor- und Nachteile. Auch wenn ich mich natürlich über Gesellschaft freuen würde, bin ich ehrlich gesagt gerade ganz froh, dass ich mich momentan nicht auch noch mit einem Mitbewohner über die Haare im Abfluss kümmern oder mir krampfhaft überlegen muss, wie ich meine zwei kleinen Kinder, die nicht verstehen, warum sie gerade nicht wie jeden Tag in die Kita oder die Schule gehen können, als nächstes bespaßen kann. Und nebenher vielleicht auch noch mein Home Office wuppen muss. Es macht einiges einfacher, wenn man nur für sich selbst verantwortlich ist. Andererseits ist es bestimmt auch sehr sehr schön, in dieser schwierigen Zeit seine Liebsten auch physisch um sich zu haben und alle etwas näher zusammenzurücken. Aber der Punkt ist: Auch ohne direkten physischen Kontakt können wir sehr wohl zusammenrücken. Was oft auch ein Fluch ist und über das so manch einer gerne und ausgiebig schimpft (mich eingeschlossen), entpuppt sich in dieser Zeit als unser Segen: Soziale Medien, Smart Phones, Nachrichtendienste. Wir haben heute so viele Möglichkeiten, um mit anderen in Kontakt zu bleiben, dass das weitaus größere Problem daran ist, sich erstmal für einen passenden Kanal zu entscheiden. Wir können telefonieren, skypen, über WhatsApp kommunizieren, Gruppen gründen, in denen wir uns gemeinsam austauschen und aufbauen können, Mut machende und Hoffnung spendende Posts, Stories, Live Videos und was es da nicht alles gibt, auf Facebook, Instagram und was auch immer anschauen, selbst posten, kommentieren, uns darüber austauschen. Etwas, das ich bisher noch nie getan habe. Ich glaube, ich habe in meinem Leben noch kein einziges Facebook-Like verteilt oder danach gelechzt (warum auch, wenn man selbst nichts postet) und mich bis auf meine Reisephase nicht mit den Chroniken und Posts anderer Leute beschäftigt, nachdem ich dessen negative Auswirkungen auf meine Psyche einmal bitter während eines sechswöchigen Praktikums im Sommer in Irland machen musste. Sechs Wochen Regen, sechs Wochen Kommafehler korrigieren, 6 Wochen nur komische Menschen, 6 Wochen Heimweh, Einsamkeit und Depression. Da haben mir die Bilder von all meinen Freunden, die offensichtlich alle gerade entweder die Welt bereisten, den Sommer ihres Lebens, immer Spaß mit ihren Freunden und auch ansonsten ein durch und durch perfektes und glückliches Leben hatten, nicht wirklich geholfen.

Was uns Hoffnung geben kann

Jetzt ist das anders. Es hat ein Shift stattgefunden. Auf keinem sozialen Medium geht es gerade darum, sich durch eine Auflistung augenscheinlicher Highlights und dem perfekten Leben zu profilieren und sich damit gegenseitig zu übertrumpfen. Nein. Es geht darum, zu zeigen, dass wir alle im selben Boot oder Schiff (siehe oben) sitzen. Dass wir solidarisch miteinander sind. Dass wir alle gewisse Ängste haben, auch wenn sie von Mensch zu Mensch unterschiedlich sind. Dass wir uns Sorgen machen. Dass keiner von uns weiß, was morgen, was in einer Woche, was in einem Jahr ist. Dass wir alle nicht wissen, wie lange das hier noch gehen, wie gravierend und weitreichend die Folgen und Auswirkungen sein werden. Dass der langsame Zerfall von illusorischer Sicherheit und unser Gefühl von Kontrolle uns als Menschen in unseren Grundfesten erschüttern. Dass uns all das vor Herausforderungen stellt, mit denen wir niemals gerechnet hätten. Denen wir uns alles andere als gewachsen fühlen. Dass keiner von uns das hat kommen sehen. Es geht darum, dass uns trotz der räumlichen Isolation die Macht bleibt, ein Gefühl der Verbundenheit zwischen uns entstehen zu lassen und während dieser Zeit aufrecht zu erhalten. Dass Verbundenheit distanzlos ist. Dass sie uns den Halt und die Sicherheit geben kann, die wir an so vielen anderen Stellen gerade verlieren. Dass wir zusammenrücken können, während wir räumlich auseinanderdriften. Dass wir all das auch als eine große Chance begreifen können. Für unsere Gesellschaft. Für uns als Individuen.

Dass wir nicht alleine sind.

Hilfe für Psychisch Kranke

Wie weiter oben bereits erwähnt, kennzeichnet sich die besondere Problematik der sozialen Isolation, dass fehlende Kontakte bei Menschen mit entsprechender Prädisposition oder auch chronischen psychischen Erkrankungen wie auch der bipolaren Störung eine depressive Episode auslösen und Depressionstendenzen verstärken können. Wenn man bedenkt, dass soziale Isolation für den Mensch als soziales Wesen selbst bei psychisch höchst stabilen Personen ohne vorangegangene depressive Phasen bereits nach kurzer Zeit ebenfalls zu depressiven Verstimmungen führen kann, überrascht diese Tatsache nicht wirklich. Die Befürchtungen und Unsicherheiten, mit denen wir alle momentan zu kämpfen haben, lassen für uns noch die dagewesene Ängste dort entstehen, wo vorher noch keine waren, und verstärken die, die wir bereits hatten. Und im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen, vor allem natürlich auch Zwangs-/Angst- und Panikstörungen, spielt Angst eine tragende Rolle, deren Zunahme einen äußerst negativen Einfluss auf die Dynamik diverser psychischer Erkrankungen und natürlich auch der Psyche des Menschen im Allgemeinen haben kann.

Wenn WhatsApp nicht reicht

Für viele Betroffene wird es leider nicht reichen, all die oben und momentan überall empfohlenen sinnvollen Maßnahmen zur Aufrechterhaltung von sozialen Kontakten über diverse Kommunikationskanäle und -medien und eines Gefühls von Miteinander, Zugehörigkeit und Verbundenheit im Kampf gegen das Gefühl von Isolation und Einsamkeit anzuwenden. Was einem psychisch stabilen Menschen genug Halt geben mag, vermag für einen psychisch kranken Menschen gegebenenfalls nicht ausreichen. Viele Betroffene werden bereits jetzt oder in der kommenden Zeit auf zusätzliche Hilfe und Unterstützung angewiesen sein. Und zwar nicht, weil sie schwächer als die anderen sind, sondern weil sie krank sind. Neben dem Problem der sozialen Isolation hat die zwar (noch) freiwillige, aber dringlichst angeordnete häusliche Isolation zur Folge, dass viele Betroffene, die aktuell in psychotherapeutischer Behandlung sind, ihre Sprechstunden nicht wahrnehmen, weil sie sich entweder in offizieller oder freiwilliger Quarantäne befinden und ihre Wohnung aus Angst, sich selbst oder andere anzustecken, nicht verlassen. Ein weiteres Problem ist, dass natürlich auch Therapeuten Menschen sind, die Familie und Kinder haben und durch die flächendeckenden Schließungen von Kitas und Schulen ihre Sprechstunden selbst eventuell gar nicht mehr wahrnehmen können, weil sie sich um ihre Kinder kümmern müssen.

„Einmal systemrelevant färben, bitte.“

Ich muss zugeben, dass ich persönlich meine Therapeutin bezüglich des Termins, den ich in einer Woche bei ihr hätte, diesbezüglich noch nicht kontaktiert habe. Mittlerweile wissen wir, dass sich in einer Woche eine komplette Welt aus den Fugen geraten kann und keiner weiß, was morgen oder in ein paar Stunden ist. In verschiedenen Quellen habe ich allerdings gelesen, dass vielerorts wohl auf Videosprechstunden ausgewichen wird. Und ähnlich wie bei der herkömmlichen Telefonseelsorge oder einer Notfallsprechstunde könnte ich mir auch vorstellen, dass Therapiestunden auch erstmal telefonisch stattfinden. Ziemlich dramatisch finde ich persönlich, dass dieser Berufszweig bisher nicht als „systemrelevant“ eingestuft wurde und dadurch beispielsweise Eltern, die als Psychologische Psychotherapeuten tätig sind, keine Sonderbetreuung ihrer Kinder in zustehen würde. Für eine Aufrechterhaltung der Psychotherapieversorung in Deutschland ist allerdings gerade das dringend notwendig! Offensichtlich hält unsere Gesellschaft es für systemrelevanter, uns weiterhin vom Friseur die Haare färben zu lassen, damit wir topgestylt Eiskaffee schlürfend vor unserem Lieblingscafé um die Ecke sitzen können. Inmitten einer eng aneinander gekuschelten sonnenanbetenden Menschenmasse. Auf einen Schnack mit den Mädels.

Um selig den Frühling zu genießen, auf den wir so lange gewartet haben.

Corona und psychisch krank – Wie wir uns jetzt selbst helfen und gut für uns sorgen können.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Ihr Lieben,

ohne große Umschweife und ohne die Herausforderungen, Ängste und Sorgen, die der aktuelle Ausnahmezustand für uns ALLE mit sich bringt, wird hier in Kürze ein Artikel erscheinen, der die besondere Situation, in der sich auch psychisch kranke Menschen momentan befinden und die vielleicht nochmal etwas anderen Herausforderungen oder Probleme, die diese für Betroffene und Angehörige mit sich bringen, in Betracht ziehen wird.

Was wir jetzt tun können, um uns selbst zu schützen, gut für uns zu sorgen, Panik zu vermeiden, trotz der sozialen Isolation verbunden und vor allem weitestgehend stabil zu bleiben. Auch wenn wir gerade alleine zu Hause sind und viele Ressourcen und Tools, derer wir uns sonst bedienen können, um unsere Gemütslage zu beeinflussen und Episoden zu umschiffen, äußere Rahmen, Routinen und unser Gefühl von Sicherheit gerade nicht so zugänglich sind wie normalerweise.

Welche Möglichkeiten wir trotzdem nach wie vor haben, wie wir uns Alternativen schaffen und weiterhin positiv bleiben können. Darauf vertrauen müssen, dass alles gut wird.

Ihr Lieben, ich sitze dran und versuche, den Artikel noch heute (oder aufgrund meines aktuell etwas durcheinander gekommenen vielleicht auch heute Nacht noch hochzuladen und mit euch zu teilen!

Außerdem fände ich es total schön, wenn wir hier eine kleine Gesprächsrunde über die Kommentarfunktion eröffnen könnten, in der wir uns über unsere ganz persönlichen Umgangsstrategien austauschen und Ratschläge aneinander weitergeben können.

Gesund bleiben, Ruhe bewahren, einmal tief durchatmen.

Kaffee trinken und abwarten.

Kaltfront.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Ich wache auf und noch bevor ich die Augen öffne, weiß ich, dass sie da ist.

Einer dieser Tage…

Man kann es gar nicht so genau beschreiben, aber etwas ist anders. Der ganze Körper fühlt sich anders an. Es fängt schon beim Aufwachen an. Der Geist steckt noch in einer Brühe von wirren Träumen fest, die wie Treibsand an ihm kleben und unaufhaltsam nach unten ziehen. Ich will meine Augen nicht öffnen. Den Tag nicht beginnen. Der Haken an der Sache ist, dass es den Tag leider überhaupt nicht interessiert, ob ich ihn gerade beginnen will oder nicht. Er wird trotzdem durchlebt werden müssen. Mit all den Gedanken, Gefühlen und Körperempfindungen, von denen ich weiß, dass er sie heute mit sich bringen wird. Ob ich das will oder nicht. Mindestens zwölf Stunden aus klebrigem Kaugummi, die vor mir liegen. Erfreulicherweise „nur“ zwölf, da es bereits nach 10 Uhr ist, was ich nach einem kurzen Blick auf mein Handy feststelle. Augen sind also schon mal offen. Erste Herausforderung erfolgreich gemeistert!

Reicht dann aber eigentlich auch schon wieder. Ich deaktiviere den Flugmodus auf meinem Handy, es trudeln ein paar Nachrichten ein, ein verpasster Anruf, eine Sprachnachricht. Alles zu viel. Ohne genauer auf irgendetwas davon einzugehen, schalte ich mein Handy komplett aus. Ich kann gerade nichts aufnehmen. Kann mich nicht erklären, kann mich nicht verstellen, kann niemandem zuhören. Ich bin mit einem Freund verabredet und habe gesehen, dass er mir eben geschrieben hat. Ich sollte ihm absagen, aber dazu müsste ich mein Handy wieder anmachen. Allein die Vorstellung macht mich unendlich müde.

Ein. Aus. Ein. Aus.

Die Vorhänge sind noch zugezogen, aber der Stoff ist sehr dünn und die Sonne kämpft sich durch. Durchflutet mein Zimmer mit hellem Morgenlicht. Naja. Vielleicht eher Vormittagslicht. Wie lange ich den Frühling herbeigesehnt habe! Endlich ist er da. Es könnte mir nicht gleichgültiger sein. Während es in meinem Zimmer immer heller wird, verdunkelt sich mein Innerstes immer mehr. Ich drehe mich mit dem Kopf zur Wand und ziehe mir meine Biberbettwäsche bis über die Nasenspitze. Eigentlich ist mir darunter immer viel zu warm, ich benutze sie aber trotzdem gerne, weil sie so schön kuschelig ist. Heute wärmt sie mich nicht so wie sonst.

Ich weiß, dass es nur schlimmer werden wird, wenn ich weiter hier rumliege. Wie auf einer Aschenbahn drehen finstere Gedanken Runde um Runde, nur um immer wieder den gleichen Startpunkt zu erreichen und festzustellen, dass sich wieder nichts verändert hat. Ich versuche es mit Atmen, das funktioniert oft. Unseren Atem tragen wir ja praktischerweise immer bei uns. Nicht umsonst erfreuen sich Achtsamkeitstechniken, spezielle Atemübungen und dergleichen schon seit geraumer Zeit stets zunehmender Beliebtheit. Fragt sich, ob sie genau so beliebt wären, wenn wir einfach öfter mal schon etwas früher eine kleine Pause einlegen oder durchatmen würden anstatt zu tun, zu rennen und zu schnaufen, bis wir so gestresst, erschöpft und überfordert sind, dass wir hektisch und in der Hoffnung auf schnellstmögliche Besserung direkt einen überteuerten Achtsamkeitskurs oder ein Yoga-Retreat (nur für ein Wochenende versteht sich) buchen. Damit es uns ganz schnell wieder besser geht, damit wir genau so bald wieder rennen und schnaufen können.

Ich atme ein, meine Lunge beginnt sich mit Luft zu füllen. Weiter komme ich nicht. Auch dieses Phänomen ist mir nicht neu. Ein imaginärer Felsbrocken (oder ist es eher ein Haufen Scheiße?) liegt schwer auf meiner Brust und drückt. Macht alles eng. Mein Herz klopft schneller als sonst. Noch rast es nicht, aber ich höre es als dumpfes Pochen in meinen Ohren. Da es mit dem “ Einfach mal tief durchatmen“ ja leider nicht so klappen mag gerade, versuche ich wenigstens einigermaßen regelmäßig und ruhig zu atmen, um das latente Gefühl von Panik, das in mir aufsteigt, in Schach zu halten. Bevor sie mich überrollt.

Auf! Stehen.

Ich nehme meine ganze Kraft zusammen und stehe auf. Vielleicht ist es gut, dass ich gleich arbeiten muss. Vielleicht lenkt das ein bisschen ab. Manchmal tut mir Ablenkung in solchen Phasen gut. Befinde ich mich allerdings gerade im Auge des Sturms, dem Epizentrum der Depression, kann so etwas wie Arbeit, vor allem mit Stress verbunden, auch das genaue Gegenteil bewirken, unendlich quälend und fast unüberwindbar anstrengend sein. Konzentration, wenn auch nur auf Kleinigkeiten, ein Ding der Unmöglichkeit. Allein bevor ich das Haus verlasse, schließe ich drei Mal die Tür nochmal auf, hole nochmal etwas, um auf dem letzten Treppenabsatz festzustellen, dass ich das eigentlich Wichtigste vergessen hab. Mein Essen, das ich tatsächlich ausnahmsweise wirklich mal vorgekocht hatte. Krass wie ich mein Leben im Griff habe! Ist aber auch egal. Hab eh keinen Hunger. Mir ist schlecht.

Zu laut. Zu viel. Zu koffeinfrei.

Ich bin ganz alleine im Café. Kein einziger Gast. Bevor sich meine Erleichterung über Corona breitmachen kann, kommen zwei Mütter mit ihren kleinen Kindern durch die Ladentür, die die nächsten drei Stunden an ihrem beschissenen hipster oatly-Hafermilch-Flat White, koffeinfrei natürlich, schlürfen werden, während ihre kleinen Augensterne in euphorischer Endlosschleife die Blechdose aus unserem Spielzeugregal quer durch das Cafe werfen. Aggression steigt in mir hoch. Und zwar rasant. Das Scheppern der Blechdose vereint sich mit dem Gekreische des Nachwuchses, der mich irgendwie an Schranz aus einer vollkommen übersteuerten Anlage erinnert. Es ist alles unfassbar laut. Mein rechtes Ohr fängt an zu fiepen. Mein Herz rast. Ich halt es plötzlich nicht mehr aus, freundlich lächelnd am Tresen zu stehen. Ich spüre ihn kommen. Unaufhaltsam. Er folgt mir in die Küche. Ich versuche, ihm zu entwischen, aber er packt mich und hält mich fest. Der Point of no return.

Das was mich nun erwartet kenne ich. Habe ich schon viele Male erlebt. Und jedes Mal ist es aufs Neue ekelhaft. Panik steigt in mir auf. Das Atmen fällt mir plötzlich schwer, meine Hände zittern und werden feucht. Mir ist so heiß. Mein Herz legt nochmal einen Gang zu. Und noch einen. Die Nadel auf dem Tacho bewegt sich zielstrebig auf den roten Bereich jenseits der zu verantwortenden Geschwindigkeit zu. Sie wackelt. Noch einen Millimeter. Ich sehe rot. Und dann kommen sie endlich, die Tränen. So stelle ich mir einen Vulkanausbruch vor, der endlich von sich spuckt, was so lange in seinem Inneren gebrodelt hat. Eine Welle der Trauer und Verzweiflung schwappt in jeden Winkel meines Körpers. Bevor sie abebben kann, kommt direkt die nächste angerollt, nur mit doppelter Wucht. Wirbelt alles durcheinander. Das ist der Moment, in dem ich die Kontrolle verliere. Und zwar voll und ganz.

Ein. Aus. Ein. Aus.

Ich versuche weiterzuatmen. Einatmen. Luft anhalten. Ausatmen. Einatmen. Luft anhalten. Ausatmen. Jetzt bleibt nur zu hoffen, dass es schnell vorbei geht. Und weiteratmen. Alles andere bringt nichts. In diesem Moment kündigt die Ladenglocke neue Kundschaft an. Kacke. Auf dem Weg zurück in den Gastraum checke ich mein Gesicht in der Spiegelung der Mikrowelle. Keine Chance. Selbst wer mich nicht kennt und blind wäre, wüsste sofort, was Sache ist. Da aber nur ich heute arbeite, bringt das mir alles gerade herzlich wenig. Ich gehe so normal wie möglich die Treppen zum Gastraum runter und da steht der Ingwertee mit extra viel Ingwer. Eine unserer Stammgäste. Und schaut mich mit großen Augen an. Schweigen. „Was möchtest du denn trink…“?, setze ich an. Weiter komme ich nicht, breche wieder in Tränen aus und laufe zurück in die Küche. „Alter Lisa, jetzt reiß‘ dich zusammen!“, schreie ich mich innerlich an. Etwas, das ich niemand anderem in der selben Situation auch nur zuflüstern würde.

Wofür es sich lohnt

Als ich wieder zurückgehe, steht der Ingwertee mit extra viel Ingwer noch mit genau so großen Augen an noch genau der gleichen Stelle und sieht ganz schön hilflos aus. In der Ecke sitzt schon seit über einer Stunde unser großer Latte Macchiato mit Zimtpulver, eine andere Stammkundin, die seit meiner kleinen mythologischen Metamorphose in der Küche schwer konzentriert auf ihr Handy schaut, obwohl sie kurz davor eigentlich noch ganz gesprächig war. Mir war der Ingwertee mit extra viel Ingwer von Anfang an super unsympathisch. Also so richtig. Und das passiert mir nicht so häufig. Ihre grelle Stimme, ihr arrogantes Auftreten, ihr kalter Blick. Einfach alles. Jetzt ist nichts davon übrig und sie sieht mich einfach nur an. Mitfühlend. Nicht mitleidig. Ihr Blick wird weich, sie streicht mir etwas unbeholfen über den Arm und fragt mich, ob sie etwas für mich tun kann. Das kann sie tatsächlich. Denn sie raucht Kette und ich habe jetzt dringlich Bock auf eine Kippe, scheiß egal, ob ich noch rauche oder nicht. Andere ertränken ihre Sorgen in Alkohol, mir ist jetzt eben gerade danach, sie abzufackeln. Wenigstens ein bisschen anzukokeln. Wir gehen zusammen raus und sie sagt, ich kann gerne Bescheid sagen, wenn es etwas gibt, das sie noch tun kann. Ich bedanke mich und wir verabschieden uns. Ab sofort gibt es noch mehr Ingwer, glaub‘ mir mal!

Als ich wieder reingehe, steht der große Zimt-Latte-Macchiato auf und möchte zahlen. Sie hat es anscheinend eilig, weicht meinem Blick aus und weg ist sie. Wie unterschiedlich wir Menschen doch sind, denke ich mir noch. Interessant. Was ich da noch nicht weiß ist, dass sie am nächsten Tag wieder da sein und mir selbst gebackene Kekse mitbringen wird, die sie ihren Kindern immer in die Schule mitgibt. Weil sie fand, dass ich so traurig aussah.

Ich mache zehn Kreuze, als ich abends im Bett liege.

Es geht mir besser.

Am nächsten Morgen ist alles wieder genau so beschissen wie davor.

Tagsüber ist es besser, abends wieder schlechter.

Auf und Ab.

Auf

und

Ab.

Auf. Ab.

Auf.

Ab.

Es ist anstrengend. Ich bin müde.

Mühsam. Aber: Es nährt sich.

Die Dinge, von denen ich weiß, dass ich sie gerade nicht wirklich ändern kann, dass ich sie „einfach“ aushalten muss, versuche ich zu akzeptieren. Wende an, was ich in den letzten Jahren ausprobiert und gelernt habe. Überlege immer wieder neu, was mir jetzt gerade helfen könnte, was mir gut tut und was nicht. Spreche darüber, wenn mir danach ist. Spreche nicht darüber, wenn ich es gerade nicht kann oder möchte. Erinnere mich daran, in kleinen Schritten zu denken. In noch kleineren. Halte mich daran fest, dass es vorbeigehen wird. Dass ich weiß, dass ich das weiß. Dass es auch letztes Mal wieder vorbeigegangen ist.

Dass es wieder bergauf gehen wird.

Und irgendwann auch wieder bergab.

Dass ich das aushalten kann.

Ich atme ein.

Tief.

Viele viele weiße Smarties…

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Kürzlich war es wieder so weit und es wurde anhand von EKG und Blutentnahme mal wieder überprüft, ob mein Körper weiterhin mit der Medikation zurechtkommt, auf die ich nun schon seit über zwei Jahren eingestellt bin. Selbst wenn man vielleicht gerade mal nicht ganz so oft daran denkt, dass man eine psychische Erkrankung hat, vor allem, wenn es einem vielleicht schon ein ganzes Weilchen und momentan gut geht, wird man spätestens in solchen Situationen daran erinnert, dass es sich eben doch um eine Krankheit handelt und man nicht zum Spaß jeden Morgen diverse Pillen schluckt und mittlerweile sogar einen Pillenreminder auf seinem Handy hat, da eine unregelmäßige Einnahme oder Vergessen der Einnahme fatale Folgen haben könnte. Da ich diesbezüglich (und auch in einigen anderen Hinsichten) nicht die Disziplin und Organisation in Person bin, hatte ich mir irgendwann die erstbeste App dazu runtergeladen. Ich glaube, der Inhalt ist ursprünglich englisch, denn sie schickt mir jeden Morgen folgende Nachricht: „Vergessen Sie nicht, Pillen einzunehmen!“. Was ich nach wie vor irgendwie ziemlich amüsant finde. Dann nehme ich wie befohlen meine Pillen, setze mit einem befriedigenden Gefühl zwei Häkchen, woraufhin die Pop-Up-Nachrichten verschwinden und denke meistens nicht weiter darüber nach. Doch das war nicht immer so.

Auch ohne Doktortitel…

Auch wenn es den meisten wahrscheinlich mittlerweile aufgefallen ist…ich bin weder Ärztin noch Psychiaterin noch Psychotherapeutin oder was auch immer. Alles, was ich auf meinem Blog über die medizinischen und pharmakologischen Hintergründe und Aspekte der bipolaren Störung schreibe, basiert auf dem Wissen, das ich mir über die Jahre durch Lektüre von Fachliteratur und vertrauenswürdigen Internetquellen angeeignet habe. Deswegen ist die Wahrscheinlichkeit, das ich hier absoluten Mist erzähle, zwar verschwindend klein (abgesehen davon ist das nicht meine Intention), aber trotzdem finde ich es wichtig zu erwähnen. Selbst wenn ich hier also keine Garantie auf wissenschaftliche Vollständigkeit verspreche, braucht ihr euch trotzdem keine Sorgen machen, denn alles was ich diesbezüglich hier schreibe, habe ich nach bestem Wissen und Gewissen recherchiert und bin mittlerweile über die Jahre tatsächlich zur Expertin meiner Erkrankung geworden. Ein überaus wichtiger Punkt übrigens, was einen guten Umgang mit der eigenen Erkrankung angeht. Nicht zuletzt weil die Akzeptanz einer Sache umso mehr wächst, je besser man über sie informiert ist. Aber zurück zum Thema: Da die Menge an vertrauenswürdigen Quellen bezüglich der bipolaren Störung nicht zu verachten ist, werde ich mich in den allermeisten Fällen auf die Informationen der Deutschen Gesellschaft für Bipolare Störungen (DGBS) berufen, womit man definitiv auch immer auf der sicheren Seite sein wird.

Auf der Jahrestagung der DGBS in Hamburg, die im Herbst 2018 stattfand, habe ich unter vielen anderen tollen, informativen und hilfreichen Materialien einen Ratgeber für Betroffene und Angehörige erhalten: „Im Wechselbad der Gefühle: Manie und Depression – Die bipolare Störung“, verfasst von den Autorinnen und Autoren PD Dr. phil. Rita Bauer, Prof. Dr. med. Dr, rer. nat. Michael Bauer, Dr. med. Ulrike Schäfer, Volker Mehlfeld und Martin Kolbe. Im Abschnitt über die Behandlung der bipolaren Störung, im Unterpunkt „Vorbeugende Behandlung (Rezidivprophylaxe) findet sich der Teil, der für mein heutiges Thema wichtig ist.

Einmal ist keinmal?

Die unipolare Depression, bei der es keine manischen oder hypomanen Phasen gibt (daher „uni“ und nicht „bi“) und die, abhängig von unzähligen Faktoren und Umständen, in manchen Fällen nur einmalig im Leben des Betroffenen auftritt, kann in den meisten Fällen erfolgreich mithilfe eines Antidepressivums behandelt werden. Wenn es gut läuft, kann dieses nach einer ausreichenden Zeit der Symptomfreiheit ausgeschlichen werden, und wenn es noch besser läuft, bleibt das die einzige depressive Phase des Betroffenen und er muss nie wieder in seinem Leben Antidepressiva einnehmen. Geheilt. Das Leben kann normal weitergehen. Wenn es nicht so gut läuft, kommt die Depression (immer) wieder. Eine immer wiederkehrende Depression ohne Hochphasen nennt sich „rezidivierende unipolare Depression“, übrigens die häufigste Fehldiagnose wenn es um bipolare Störungen geht. Auch bei mir. Bei dieser wiederkehrenden Form ist die Wahrscheinlichkeit, dass nie wieder Antidepressiva zum Einsatz kommen werden, schon etwas geringer als bei der einmalig aufgetretenen unipolaren Depression.

Ich versuche das Ganze nicht zu theoretisch zu halten. Aber ich halte diese Vorinformationen für wichtig, um den Rest zu verstehen. Bei der bipolaren Erkrankung mit ihren immer wiederkehrenden Episoden handelt es sich in der Regel um eine lebenslange Erkrankung, die eine pharmakologische Langzeitbehandlung erforderlich macht. Im Klartext: Lebenslange Medikamenteneinnahme. Zur Vermeidung erneuten Auftretens von (hypo-)manischen oder depressiven Phasen werden in der Behandlung von bipolaren Störungen (anders als Antidepressiva bei den eben erwähnten „reinen“ Depressionen) sogenannte „Stimmungsstabilisatoren“ als „Phasenprophylaxe“ eingesetzt. Lebenslange Erkrankung = lebenslange Medikation. Macht irgendwie Sinn, oder?

Antibiotikum, ja bitte, Antidepressivum, nein danke!

Doch nicht allem was Sinn macht ordnen wir uns widerspruchslos unter. Ich finde, man kann nicht oft genug die Parallelen von psychischen zu physischen Erkrankungen ziehen. Auch chronischen, die vielleicht ebenfalls einer lebenslangen Behandlung bedürfen. Für diverse Krankheiten gibt es heutzutage wirksame Medikamente, die den Menschen noch vor ein paar Jahrzehnten nicht zur Verfügung standen und über deren Existenz wir froh und dankbar sind. Medikamente, mit denen Menschen mit ernsthaften Erkrankungen trotzdem ein gutes Leben führen können. Wir müssen die Pharmaindustrie ja nicht direkt komplett verherrlichen, alles hat zwei Seiten, aber manche Dinge sind einfach Fakt. Auch wenn sich wahrscheinlich jeder von uns freut, wenn er nicht auf Medikamente angewiesen ist und versucht, diese nur dann einzunehmen, wenn es eben wirklich nötig ist, denken wir glaube ich eher weniger nach, wenn wir ein Antibiotikum nehmen müssen. Es geht uns schlecht, wir wissen, dass unser Körper das gerade braucht und es ohne eventuell sogar gefährlich werden kann. Klare Sache. Nehmen wir dann halt. Oder wenn wir herz- oder zuckerkrank sind und dementsprechend dauerhaft Medikamente einnehmen oder unserem Körper zuführen müssen, was er selbst nur mangelhaft oder gar nicht produziert. Und obwohl psychische Erkrankungen wie die unipolare oder bipolare Depression in unserem Gehirn entstehen, was erwiesenermaßen ein Teil unseres Körpers und sie somit genau genommen auch eine körperliche Erkrankung ist, sieht es mit unserer Offenheit gegenüber und der Einstellung zur Einnahme von Medikamenten ganz schön anders aus. Auch hier kann ich nur für mich und Menschen, mit denen ich mich über dieses Thema austausche, sprechen.

Das war’s…

Als ich mit 20 aus dem Ausland zurück kam und meine erste schwere depressive Phase hatte, wurden mir das erste Mal in meinem Leben Antidepressiva verschrieben. Und ich fand es furchtbar. Ich dachte mir, nun ist es soweit mit mir gekommen, dass ich sogar Medikamente nehmen muss. Dann muss es ja wirklich schlimm um mich stehen. Das ist das Ende. Ich krieg es nicht mal selbst hin, dass es mir besser geht, ich bin ein Versager, das ist hoffnungslos. Im Nachhinein weiß ich natürlich, dass all diese Gedanken depressiv verfärbt waren, aber ich fand es wirklich schlimm. Ich trug die Schachtel mit den Medikamenten schon seit ein oder zwei Wochen bei mir, hatte sie aber noch nicht angefangen zu nehmen. Irgendwie muss das doch von selbst wieder weggehen, dachte ich mir, obwohl ich eigentlich keine Hoffnung hatte. Dann passierte etwas, was mich selbst ohne Depression total aus der Bahn geworfen hätte, und das war es dann. Endstation. Ich erinnere mich wie heute an den Moment, als ich morgens mit kalten nackten Füßen auf den türkisfarbenen Fliesen unseres kleinen Badezimmers in unserem Ferienhaus stand und die erste Tablette aus dem jungfräulichen Blister in meine Hand drückte. Sie kritisch betrachtete. Auf meine Zunge legte, einen großen Schluck aus dem Wasserhahn nahm und sie runterschluckte. Ich war verloren. Und daran würde keine Pille der Welt etwas ändern können.

Meine Dankbarkeit an die Pharmaindustrie, als es mir ein paar Wochen später anfing besser zu gehen, war mit Worten nicht zu beschreiben. Obwohl das bestimmt nicht wirklich an den Medikamenten lag, dachte ich mir kurz darauf.

…noch nicht mal ANNÄHERND!

Ein paar Wochen später lag ich mit einer Freundin aus Neuseeland auf meiner kleinen Matratze in meinem fast genauso kleinen Studentenzimmer in Heidelberg, kicherte mit ihr um die Wette und schmiedete die kühnsten Pläne. Das Semester hatte schon angefangen, ich bereits einen Job als Barkeeperin in einem der größten Clubs dort, wo ich mir am Wochenende bis früh morgens die Nächte um die Ohren schlug, nachdem ich mit denen unter der Woche genau das selbe getan hatte, nur auf der anderen Seite des Tresens. Ich hatte direkt Freundschaften geschlossen und stolperte von einem Highlight zum nächsten. Ich liebte mein Leben! Ich dachte ja schon, ich hätte mich in Australien frei gefühlt, aber das hier war next level! Es könnte nicht besser sein! Ich war so erwachsen und unabhängig und frei und die Stadt war wie eine riesengroße Spielwiese, einzig und allein für mich gemacht! Meine mir im Ausland erfolgreich angeeigneten liquid skills konnte ich hier ideal zum Einsatz bringen und mein Wissen vertrauensvoll an meine Mitstreiter weitergeben. Wir feierten das Leben und uns, wir tanzten bis zum Umfallen, und zwar im wahrsten Sinne, wir knutschten, egal ob Männlein oder Weiblein, wir liebten, weinten und lachten. Erinnerten und vergaßen. Schlitterten kreischend und mit roten Wangen vom heißen Mojito auf dem Weihnachtsmarkt über Europas längste, mit Schnee bedeckte und mit hunderten von kleinen Lichtern und Sternen gesäumte Einkaufsstraße. Ich wusste gar nicht wohin mit all meinen Endorphinen! So sollte es für immer bleiben!

Ich hätte den Teufel lieber an der Wand.

Nicht all zu überraschend ist die Tatsache, dass ich nach kurzer Zeit meine Medikamente wieder absetzte. So was brauchte ich doch gar nicht! Auch hier weiß ich im Nachhinein, dass es höchstwahrscheinlich eine hypomane Phase war, die im Laufe der folgenden Jahre bis zur richtigen Diagnose und der adäquaten Behandlung immer wieder durch die Antidepressiva, die ich immer wieder verschrieben bekommen würde, ausgelöst worden war. Depression, Medikamente anfangen, Hoch, Medikamente absetzen, Depression, Medikamente wieder anfangen, Hoch… Ich weiß nicht mal mehr genau, wie oft sich dieser Teufelskreis in den knapp zehn Jahren wiederholt hat. Wie oft meine Familie, meine Freunde und ich uns fragten, was plötzlich mit mir los war. Wie oft wir uns alle freuten, als es mir wieder gut, sogar sehr gut ging. Wie oft wir all das nicht verstanden und jeder auf seine Art und Weise hilflos war. Es war oft. Sehr oft.

Bin ich noch ich?

Ich wollte das ohne Medikamente schaffen. Bin ich nicht schwach, wenn ich es nicht selbstständig aus dem Tief schaffe? Wer sagt mir denn, dass ich unter Einfluss der Medikamente immer noch ich selbst bin und sich dadurch nicht nur wie geplant die Stimmung, sondern auch meine Persönlichkeit ändert? Ich gar nicht mehr ich bin? Wie soll ich überhaupt das eine vom Anderen unterscheiden? Ich stehe doch gerade ganz am Anfang meines Lebens, ich will keine Medikamente nehmen müssen! Bestimmt werde ich dann irgendwann abhängig, auch wenn die sagen, die machen nicht abhängig! Klar, Libido ist sowieso überbewertet! Wer weiß, was das für Langzeitschäden hinterlässt! Sind die überhaupt schon so lange auf dem Markt, dass so was ausreichend erforscht werden konnte? Bestimmt werde ich fett davon!

Und das war noch nicht mal die Hälfte meiner Gedanken dazu.

Sonnencreme hätte auch nichts gebracht.

Wenn es wenigstens nur die eigene Meinung wäre, mit der man sich rumschlagen müsste…aber da sind ja noch diverse und meistens gut gemeinte Ratschläge aus unserem Umfeld oder auch von Ärzten und Therapeuten. Leider überdurchschnittlich oft gut gemeint und schlecht gemacht. „Du brauchst doch keine Medikamente, du bist so ein positiver Mensch, du schaffst das auch so“, habe ich mehr als nur einmal gehört. Meistens war es tatsächlich Liebe und der Glaube an mich, der daraus sprach, einfach der Wunsch, dass es mir wieder besser ginge. Aber manchmal war es auch die Angst. Angst vor dem Unbekannten. Lieber in keiner Form etwas mit psychischen Erkrankungen zu tun haben. Nicht erkennen oder akzeptieren zu können, dass ein nahe stehender Mensch damit zu kämpfen hat und Hilfe braucht. Aus der eigenen Angst heraus. Deswegen erstmal lieber so tun, als wäre das alles gar nicht da. Vielleicht geht es dann ja von selbst weg. „Frau Waldherr, Sie sind nicht depressiv, Sie sind einfach nur hochsensibel. Das ist nichts wofür Sie Medikamente brauchen.“ Die Worte meiner Therapeutin, bei der ich drei Jahre in Behandlung war. Der ich jede Woche von meinem Leben, meinen Auf’s und Ab’s berichtet habe. Was habe ich mich gefreut, als sie mir das sagte. Mit mir war doch alles in Ordnung! Ich war einfach nur hochsensibel! Für die Erkenntnis hätte ich sie zwar gar nicht gebraucht, aber egal! Ha! Ich war nämlich eben doch niemand, der Medikamente brauchte, endlich hatte es jemand richtig erkannt! Ich war nämlich gar nicht krank! Ein paar Wochen nach meiner letzten Sitzung im Frühjahr schlitterte ich mit Hochgeschwindigkeit in eine hypomane Phase, die mir über mehrere Monate den Sommer meines Lebens bescherte. Den verheerenden und unerträglichen Sonnenbrand spürte ich erst im Herbst. Dafür mit einem Schlag und so vernichtend, dass ich dachte, jetzt kann ich wirklich nicht mehr. Medikamente. Pünktlich zum nächsten Frühjahr verschwand er. So als wäre nichts gewesen. Machte Platz für den nächsten.

Weißer Kittel hin oder her!

Vielleicht hätte ich auf mein Gefühl hören sollen, als ich diesen kleinen hässlichen Zen-Garten in ihrem Wartezimmer sah. Sie ist die einzige Person, der ich je Vorwürfe gemacht habe bezüglich eines Erkennens meiner bipolaren Störung. Sie als Therapeutin, die mich jede Woche gesehen und mit mir gesprochen hat, hätte das meiner Meinung nach erkennen müssen. Auch wenn die Diagnose schwierig sein mag. Alle anderen konnten es nicht wissen. Vor kurzem sprach mich mein Hausarzt, der neu in der Praxis war und mich davor genau einmal zu einer Rezeptübergabe gesehen hatte, nach einem kurzen arrogant-gelangweilten Blick auf seinen Computer auf meine Medikation an und fragte mich, ob ich schon mal daran gedacht hatte, es mit Lithium zu versuchen. Ein Medikament, das vor allem bei der Behandlung von manischen Phasen der Bipolar-1-Störung das erste Mittel der Wahl und diesbezüglich höchst wirksam ist. Bei einer Bipolar-2-Störung mit überwiegend depressiven Phasen ist es das definitiv nicht. Ich möchte damit nicht sagen, dass es immer so sein muss, aber leider gibt es viele Idioten. Da helfen dann leider leider auch Doktortitel und weißer Kittel nichts, dem ich früher so blind vertraut hätte. Und die können mit ihrem Unwissen viel Schaden anrichten. Also hört nicht auf zu suchen, bis ihr jemanden gefunden habt, dem ihr wirklich vertraut und von dem ihr das Gefühl habt, in professionellen Händen zu sein. Informiert euch, hinterfragt und seid kritisch! Es sind euer Körper und euer Leben, die dadurch beeinflusst werden. Nach einem meinerseits nicht minder arrogant-gelangweilten fünfminütigen Vortrag über verschiedene Stimmungsstabilisatoren, deren Vor- und Nachteile sowie Wirkmechanismen im Gehirn und dem Vorschlag, dass er sich doch bitte nicht in Bereiche einmischen soll, von denen er keine Ahnung hat und mir stattdessen lieber mal kurz ins Ohr schauen soll, das tue nämlich weh, war die arrogante Ausstrahlung meines aalglatten Hausarztes dann auch ganz fix verflogen.

Genug ausprobiert.

Nachdem ich während meines Klinikaufenthaltes Ende 2017 die Diagnose und damit endlich auch erstmalig die richtige Medikation erhalten hatte, stellte ich die medikamentöse Behandlung nie wieder infrage. All die Jahre hatten mir gereicht. Die bipolare Störung ist eine Krankheit, die mich mein Leben lang begleiten wird. Wie immer bestätigen sicher Ausnahmen die Regel, aber Forschung und Statistik sprechen eine ziemlich eindeutige Sprache. Die Rückfallrate ohne medikamentöse und auch psychotherapeutische Begleitung ist immens hoch. Es wird im Zusammenhang mit der bipolaren Störung nicht von Heilung gesprochen. Sondern von einer möglichst langfristigen Stabilisierung der Stimmungslage durch Phasenprophylaxe. Mit möglichst selten auftretenden neuen Episoden. Zu einem positiven Verlauf der Erkrankung tragen natürlich in erheblichem (und vielleicht sogar genau so großem oder größeren?) Maße noch diverse andere Faktoren wie Lebensführung, Stressreduktion, etc. bei, über die es bei Zeiten auch einen Artikel geben wird.

Ja, es gibt Cooleres und bestimmt auch Einfacheres, als sich als junger Mensch in der Akzeptanz zu üben, den Rest seines Lebens auf Medikamente angewiesen zu sein. Aber hat ja auch niemand behauptet, dass alles immer cool und einfach wäre. Abgesehen davon gibt es definitiv auch weitaus Schlimmeres. Ich weiß mittlerweile auch ohne Statistik, Forschung und weiße Kittel, was passiert, wenn ich meine Medikamente nicht nehme. Und ich habe nicht vor, diese Antwort jemals wieder herauszufordern.

Ich habe mich nicht für oder gegen ein Medikament entschieden.

Ich habe mich für’s Leben entschieden.

Ja, hier is was faul.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Erwischt.

Auf meinem Handy blinkt eine Push-Nachricht auf, die eine neue E-Mail in meinem Posteingang verkündet. Der Betreff der Nachricht lautet: „Lisa, willst du faul sein oder glücklich?“. Ein Newsletter von einem Youtube-Kanal, den ich abonniert habe und sonst eigentlich echt gut finde. Jetzt fühle ich mich ehrlich gesagt auf frischer Tat ertappt. Weil ich schon seit geraumer Zeit in meinem Bett liege, meine Hände an meiner Kaffeetasse wärme und durch mein Fenster Blickkontakt mit Hamburgs strahlendem Grau halte. Und einfach so vor mich hinglotze. Ich höre keine Musik, ich lese kein Buch, ich schaue keine Serie. Mache einfach nichts. Geschweige denn etwas annähernd Produktives.

Ich glotze einfach nur.

Lizenz zur Langeweile

Und ehrlich gesagt mache ich das schon seit ein paar Tagen so. Es tut gut, keinerlei Reizen ausgesetzt zu sein und der Stille zu lauschen. Außerdem bin ich schon seit einer Woche krank und dementsprechend schlapp. Und dann darf man ja schließlich auch mal faul sein. Oder nicht? Hier geht es aber auch schon los: Brauchen wir immer erst eine Erklärung oder Rechtfertigung für’s Faulsein? Müssen wir uns erst im Außen oder selbst die Erlaubnis erteilen, faul sein zu dürfen? Braucht Aktionslosigkeit immer eine Absolution? Um auf besagte Email zurückzukommen: Kann man nur entweder glücklich ODER faul sein? Entweder sind wir also fleißig und glücklich oder faul und unglücklich. Beides geht nicht oder was? Demnach müsste ich eigentlich gerade ganz schön unglücklich sein. Bin ich aber ehrlich gesagt so ganz und gar nicht. Sollte ich deswegen jetzt ein schlechtes Gewissen haben?

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber auf mich hatte der schlechte Ruf, den Faulheit in unserer Gesellschaft seit jeher zu genießen scheint, lange einen enormen Einfluss. Und um ganz ehrlich zu sein kann ich mich auch heute noch manchmal nicht komplett von dem schlechten Gewissen lösen, das mich manchmal im schönsten Faulheitsflow erwischt. Aber immer öfter. Und trotzdem bin ich irgendwie noch nicht verwahrlost seitdem.

Und wenn wir es schaffen würden, nicht alles schaffen zu wollen?

Allein Sprüche wie „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“ oder „Der frühe Vogel fängt den Wurm“ und sonstige philosophisch wertvolle Redewendungen suggerieren uns von klein auf, dass Fleißigsein gut und Faulsein schlecht ist. Wir leben in einer Gesellschaft, in der Leistungsdruck, Perfektionsstreben und Selbstoptimierung unsere ständigen Begleiter sind. Was nun auch wirklich nichts Neues ist. Besonders schlaue Stimmen sollen ja behaupten, es wäre unsere eigene Entscheidung, ob wir uns all dem beugen und unser Leben danach ausrichten wollen oder halt eben nicht. Stimmt schon. Aber nur weil uns all das nicht zusagt, heißt das noch lange nicht, dass wir uns so mir nichts dir nichts und ohne jegliche Zweifel von etwas lösen können, das ungefähr 95 Prozent der Menschen um uns herum nun mal tun. Weil man es halt so macht. Weil es doch irgendwie alle so zu machen scheinen. Weil es sich bei uns so gehört. Schließlich wollen wir ja etwas leisten. Schaffen. Erreichen. Hinkriegen. Erfolgreich sein. Es zu etwas bringen. Und da ist Faulheit ja bestimmt nicht das Mittel der Wahl.

Wir könnten hier jetzt natürlich erstmal die Definition von „Erfolg“ oder „erfolgreich sein“ genauer unter die Lupe nehmen oder unsere Gesellschaft gnadenlos auseinanderpflücken, aber das möchte ich gar nicht. Zumindest heute nicht. Ich frage mich gerade einfach, ob sich Glück und Faulheit tatsächlich ausschließen und falls nein, wie dann eine friedliche Koexistenz der beiden aussehen könnte.

Ich glaube, dass es hier, wie bei so vielem Anderen, auch mal wieder darum geht, was wohl die Anderen von uns denken mögen, wenn wir faul sind. Ob sie uns dann vielleicht ablehnen. Vielleicht komisch finden, wenn wir faul sind. Oder, noch schlimmer, dass sie vielleicht als erste erkennen, was wir selbst noch gar nicht wissen, nämlich dass wir es tatsächlich sind! Und was dann? Gibt es in unserer Gesellschaft und unserem sozialen Umfeld Platz für eine Affinität zum Abhängen? Verpassen wir dabei vielleicht nicht das Wichtigste?

Darf man das?

Das Problem besteht nicht darin, sich von etwas auszuruhen oder zu erholen. Wenn wir krank sind etwa. Und den ganzen Tag im Bett liegen. Das ist keine Faulheit, das ist Krankheit! Und auch nach getaner Arbeit haben wir es natürlich verdient, uns mal mit ein bisschen Faulheit zu belohnen. Wie gesagt: Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Und wenn wir es dann doch mal wagen sollten und einfach so und ganz ohne Grund dem Faulsein frönen, dann flitzen vor unserem inneren Auge gerne diverse Punkte auf unseren diversen To Do-Listen hin und her, die erledigt werden wollen. In der illusorischen Hoffnung auf den Moment, zu dem wir alle Punkte abgehakt haben werden. Was wir in der Zeit, die wir mit Faulsein vergeudet haben, doch alles hätten schaffen können! Da haben wir das Faulsein ohne Absolution schon gewagt und dann können wir es nicht mal genießen und werden auch noch von einem schlechten Gewissen geplagt.

Leer=Gut.

Und vor lauter schlechtem Gewissen und Selbstvorwürfen übersehen wir dabei bedauerlicherweise all das Potenzial, das sich hinter der eher abtörnenden Fassade von Faulsein und Nichtstun versteckt. Wenn der Geist zur Ruhe kommt. Wenn da plötzlich Platz ist für Ideen und Pläne, die vor lauter Geschäftigkeit und Beschäftigtsein immer nur untergegangen sind und einfach vergessen wurden. Gedanken, die erst aufkommen, wenn sich eine gewisse Leere einstellt, die wir oft als Langeweile missdeuten. Ab hier erledigt unser Kopf den Rest ganz von Alleine. Das menschliche Gehirn ist erwiesenermaßen darauf ausgelegt, nach Stimulation zu streben. Sobald diese durch vorübergehende Reizarmut für eine Weile nicht mehr gegeben ist, begibt es sich emsig auf die Suche und lässt Ideen, Gedanken und Tagträume entstehen. Und mit den Gedanken kommen die Gefühle. Auch die schlechten und schwierigen. Vielleicht einer der Hauptgründe, warum wir unterbewusst sogar Angst vor dem Faulsein haben. Und zwar nicht wegen der Ablehnung im Außen, sondern der Auseinandersetzung mit unserem Innersten. Was uns da im Innen erwartet, wenn nichts mehr im Außen ist.

Muß ich?

Der Zug für die Salonfähigkeit der „Faulheit“ ist zumindest in unserer Gesellschaft schon ein Weilchen abgefahren. Vielleicht können wir uns aber auch einfach selbst bescheißen, indem wir es heimlich und leise durch das Wörtchen „Muße“ ersetzen. Irgendwie klingt das doch fleißiger. Und produktiver. Und auch noch ohne Assoziationen zu vergammelten Äpfeln zu erzeugen. Die wirklich bedeutenden Kunstwerke in der Geschichte der Menschheit entstanden schließlich aus Muße, die der offiziellen Definition nach „eine freie Zeit und innere Ruhe (ist), in der man seinen eigenen Interessen nachgehen kann“.

Meine persönliche Lösung für das ganze Faulheitsfiasko ist eine radikale Akzetanz der Tatsache, dass ich einfach furchtbar gerne faul bin. Und auch gerne oft. Irgendwie möchte ich es auch gar nicht als Muße tarnen, weil sich für mich das Bild eines Menschen, der mit allen vieren von sich gestreckt kaffeeschlürfend im Bett liegt und auf unbestimmte Zeit aus dem Fenster glotzt (nicht dass das die einzige Visualisierung von Faulheit wäre), eigentlich echt ganz gut mit dem Wort Faulheit beschreiben lässt. All den guten Ideen, die dabei kommen mögen, zum Trotz.

Die Königsdisziplin im Faulsein besteht jedoch darin, sich vorher bewusst dafür zu entscheiden. Und ebenso bewusst gegen To-Do-Listen-Tummeln, schlechtes Gewissen und Selbstaufwertung durch Erledigen bis zum Erbrechen.

Ich überlasse den Newsletter mit berüchtigtem Betreff seinem kümmerlichen Dasein in meinem Posteingang. Zusammen mit 13.853 anderen Mails, die ich nach dem Lesen auch alle nicht gelöscht habe.

Weil ich dafür einfach zu faul bin.