Damit kann ich arbeiten.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Make a wish

Die Liste der guten Wünsche ist lang, sei es zum Geburtstag, zum Start ins neue Jahr oder anderen „wünschenswerten“ Ereignissen in unserem Leben. Da wird gewünscht, was das Zeug hält. Zu den absoluten Spitzenreitern gehören Gesundheit, Glück, Zufriedenheit, Erfolg…Was auch immer uns da auf hübschen Postkarten oder verschmierten Handydisplays erwarten mag, die gut gemeinten Worte des Senders erlangen ihre Bedeutung stets erst durch die Interpretationen des Empfängers. Und die könnten wohl unterschiedlicher nicht sein.

Das ist doch krank…

Die Weltgesundheitsorganisation (World Health Organization, WHO) beispielsweise definiert Gesundheit als „(…) ein(en) Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht allein das Fehlen von Krankheit und Gebrechen.“ Ich denke darüber nach, was diese Definition bei genauerer Betrachtung in Bezug auf psychische Erkrankungen, im Speziellen die bipolare Störung, bedeuten würde. Ein „Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens“ scheint mir zwar ziemlich erstrebenswert, andererseits allerdings nicht wirklich realistisch. Würde man danach gehen, wären vermutlich 90% der Menschheit offiziell „krank“. In einer manischen Phase beispielsweise fühlen sich Bipolare definitiv vollkommen körperlich, geistig und sozial wohl. Leider etwas zu wohl. Und trotzdem ist dieser Zustand nicht „gesund“. Depressive sind nicht gebrechlich…Was der eine Mensch vielleicht als „krank“ empfinden würde, setzt ein anderer für sich in Relation und fühlt sich damit weitestgehend „gesund“…Gedankenfetzen in meinem Kopf.

Zeit aufzustehen!

Für mich bedeutet Gesundheit, morgens aufstehen und meinen Alltag ohne unüberwindbare Anstrengungen bewältigen zu können. Mich den Herausforderungen des Lebens gewachsen zu fühlen. Von der verschwindend kleinen wie dem morgendlichen Zähneputzen bis hin zu den ganz ganz großen. Gesund zu sein bedeutet für mich, mein Leben trotz gewisser Umstände und auch Einschränkungen, die meine Bipolarität mit sich bringt, selbstbestimmt zu gestalten und niemals den Glauben zu verlieren, dass alles gut wird. Dass auch den längsten und dunkelsten Tunnel am Ende wieder das Licht erwartet. Was hier gerade so leichtfüßig über die Tastatur huscht, ist in Phasen schwerer Depression keine Option. Eine seelenlose leere Aussage, die auf halbem Weg zu unserem Verstand plötzlich spurlos verschwindet.

Störung in der Leitung

Wer noch nie mit einer Mischung aus Entsetzen und Gleichgültigkeit ertragen musste, wie es sich anfühlt, die Kontrolle über jegliche Impulse zu verlieren, die unserem Körper sonst Bewegung suggerieren, wird sich nicht vorstellen können, wie es möglich ist, dass jemand morgens einfach nicht aufstehen kann. Es sei denn natürlich, es handelt sich um zwei gebrochene Beine oder eine andere schwere körperliche Krankheit, die man am besten direkt auf den ersten Blick von außen erkennt. Damit jeder Bescheid weiß. Wüsste ich selbst nicht, wie es sich anfühlt, ich könnte es nicht glauben. Jedem Menschen, der diesem Gefühl noch nicht begegnet ist, gönne ich das von ganzem Herzen und wünsche ihm oder ihr, dass es auch in Zukunft dabei bleibt.

Was für den einen zur grundlegenden Definition von Gesundheit bedeutet, wie zum Beispiel das Aufstehen am Morgen, könnte für viele anderen Menschen selbstverständlicher nicht sein. Unsere ganz persönliche Definition von „gesund sein“ hängt immer davon ab, welchen subjektiven Wert wir dem Phänomen „Gesundheit“ zusprechen. Dieser wiederum ist das Resultat diverser Erfahrungen, Umstände, unserem bisherigen Lebens- und gegebenenfalls auch Leidensweg, Vergleichen, Prädispositionen und noch vielem mehr.

Was der Bauer nicht kennt…

Die Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen in unserer Gesellschaft macht Fortschritte, keine Frage. Aber es geht noch so viel mehr. Nach wie vor fällt es uns Menschen leichter, Dinge zu akzeptieren und anzuerkennen, die ganz offensichtlich sind. Die wir klar und deutlich sehen können. Am liebsten schwarz auf weiß. Und mit Stempel drauf. Ich greife einfach nochmal auf den Klassiker zurück: Das gebrochene Bein, komplett eingegipst. Vielleicht blaue Flecken oder Schürfwunden vom Unfall. Mist, das muss echt wehtun. Erstmal schön auskurieren! Niemand würde jemals von jemandem mit einem oder zwei gebrochenen Beinen erwarten, aufzustehen und einfach loszulaufen. Leider sind die Protagonisten eines gestörten Hirnstoffwechselspiels wohl immer noch nicht salonfähig, die Bühne nicht groß genug, um das Publikum für psychische Erkrankungen begeistern zu können. Leid und Qual spielen sich unauffällig in unserem Hirn ab, fein säuberlich verpackt in unsere Schädeldecke, dekoriert mit einer hübschen Frisur on top. Da kann man sich doch einfach mal zusammen reißen.

Mit Vorsicht zu genießen?

Ich denke oft darüber nach, wie ich mich selbst in Bezug auf meine Krankheit sehe. Welchen Blick ich mir von anderen in dieser Hinsicht wünschen würde. Einerseits möchte ich auf keinen Fall mit Samthandschuhen angefasst werden, sondern einfach „ganz normal“ behandelt werden. Andererseits bringt meine Erkrankung bestimmte Voraussetzungen, Umstände und Bedingungen mit sich, die sich fernab des allgemein als „normal“ geltenden Bereichs bewegen. Im wahrsten Sinne jenseits von Gut und Böse. Will ich auch in diesen Momenten, dass mein Umfeld mit mir umgeht, als wäre nichts gewesen? Will ich, dass mein Chef, der von meiner Erkrankung weiß, mir Überstunden bis zum Gehtnichtmehr auflädt und Nachtschichten zuteilt, obwohl er über die negativen Auswirkungen von Stress und einem gestörten Schlaf- und Wachrhythmus auf das Krankheitsbild informiert ist? Will ich, dass meine Freunde mit mir feiern und die Nächte durchmachen, als gäbe es kein Morgen mehr, obwohl sie wissen, dass ich gerade manisch bin und wie es weitergehen wird, wenn mich nicht bald jemand bremst? Will ich, dass meine Schwester zu mir sagt „Jetzt reiß dich doch mal zusammen“ oder „Ist doch gar nichts passiert“, wenn ich depressiv und seit Tagen nur noch am Heulen bin? Will ich als krank gesehen werden? Will ich eine „Sonderbehandlung haben“? Sehe ich mich selbst als krank?

Take it.

Der Grat ist schmal. All diese Fragen lassen sich nicht von einem auf den anderen Tag beantworten. Und auch nicht in einem Blogartikel. Ich habe Jahre dafür gebraucht und es kommen fast täglich neue dazu. Auf manche Fragen gibt es keine Antwort. Auf andere muss es keine geben. Manche Dinge im Leben haben wir nicht unter Kontrolle. Dazu gehört auch, ob wir physisch oder psychisch krank werden. Das Leben ist wunderschön, aber weit entfernt von gerecht. Wir tun uns einen Gefallen, wenn wir das, was wir nicht ändern können, akzeptieren. Und zwar so bald wie möglich. Alles andere ist verschwendete Zeit und Energie. Was wir akzeptieren, können wir annehmen und was wir annehmen, wird ein Teil von uns.

Or leave it.

Meine bipolare Störung ist ein Teil von mir. Sie ist nicht mein Feind. Ich bin krank, aber ich bin nicht die Krankheit. Vermutlich hätte ich sie mir im Supermarktregal nicht ausgesucht, wenn ich die Wahl gehabt hätte. Auch nicht als Sonderangebot. Aber irgendwie ist sie nun mal in meinen Einkaufswagen gerutscht. Ich habe kein Problem damit, zu sagen „Ich bin krank“. Wenn ich eine Grippe habe, denke ich auch nicht darüber nach, ob ich mich jetzt trauen sollte, zu sagen „Ich bin krank“. Da mir allerdings bewusst ist, dass ein Großteil unserer Gesellschaft dann vielleicht doch einen etwas größeren Unterschied zwischen Depression und Schnupfen macht, bin ich auf alles gefasst, wenn ich noch das kleine Wörtchen „psychisch“ vor das „krank“ setze. Was ihr daraus macht, bleibt euch überlassen.

Darauf können wir bauen…

Auch uns bleibt überlassen, was wir aus dem Päckchen machen, das wir ungefragt bekommen haben. Es gibt zwei Möglichkeiten. Und da wir nicht immer aus Scheiße Gold machen müssen, Optimierungswahn und emsige Leistungsgesellschaft bei aller Liebe, reicht es für’s Erste vielleicht auch, erst mal dort anzusetzen, wo wir mit unserer psychischen Erkrankung stehen. Sie als Teil von uns anzuerkennen. Den Forderungen nachzukommen, die sie an uns stellt. Die Bereitschaft zu zeigen, diese zu respektieren. Und dann, ganz langsam, Schritt für Schritt, mit viel Nachsicht und Geduld, die Fähigkeit zu entwickeln, so gut wie möglich mit all dem umzugehen. Ein lebenswertes Leben zu führen. Trotz und mit ihr.

Denn nichts Geringeres als das haben wir verdient.

plus one.

Und so schnell ist der ganze Spuk auch schon wieder vorbei. Weihnachten und Silvester liegen hinter uns, ein frisch geschlüpftes Jahr vor uns. Irgendwie ist der ganze Kram dieses Mal äußerst unspektakulär an mir vorbeigezogen, was ich als sehr angenehm empfunden habe. In Weihnachtsstimmung war ich zum ersten und letzten Mal schon Anfang Oktober aufgrund einer zeitlich etwas fehl platzierten Frank Sinatra-Playlist im Café und auf unerklärliche Art und Weise habe ich erschreckenderweise sogar verpasst, mich durch diverse Weihnachtsmarktbuden und Plätzchenberge zu futtern.

Auch Silvester huschte klamm und heimlich vorbei. Abgesehen davon, dass ich Silvester für mehr als überbewertet halte, habe ich es bisher doch eher selten geschafft, mich von den Erwartungen zu lösen, die dann doch irgendwie an diesen letzten Abend des alten Jahres gestellt werden. Sowohl von mir selbst als auch von den Menschen um mich herum. Im Idealfall sollte es dann vielleicht doch schon ein besonderer Abend werden. Oder zumindest ein besonders schöner. Dieses (letztes) Jahr war all das seltsam unaufgeregt. Ich war von den Tagen davor ganz schön gestresst, müde und hatte eigentlich auch so gar keine Lust auf überhaupt irgendeine Action. Musste außerdem mittags ein Gespräch führen, vor dem es mir schon ein Weilchen graute und das mich bereits vorher, aber auch währenddessen und danach einiges an Energie und Überwindung kostete. Und mich, obwohl es letzten Endes gut lief, auch ein bisschen traurig machte. Am liebsten hätte ich mich eigentlich einfach ins Bett gehauen und ganz entspannt ins neue Jahr geschnarcht, war dann aber schon vollgepackt auf halbem Weg zu den Freunden, bei denen ich zu Silvester eingeladen war.

Noch vor ein paar Jahren hätte ich mich angesichts der Tatsache, dass ich genau an diesem einen Abend nun nicht in Bombenstimmung war, über alle Maßen gestresst und mit den Gedanken, die dabei aufgekommen wären, definitiv auch nicht in bombigere Stimmung gebracht. Ganz im Gegenteil. Hätte vielleicht krampfhaft versucht, gute Miene zum bösen Spiel zu machen und stets bemüht trotzdem den Alleinunterhalter gespielt. Mit dem Ergebnis, dass danach erfreulicherweise vielleicht tatsächlich alle anderen gut unterhalten gewesen wären, ich selbst aber bestenfalls angestrengt.

Dieses Jahr habe ich es einfach mal so sein lassen wie es war. Nicht versucht, etwas zu ändern oder zu optimieren. Es nicht mal ändern wollen, weil ich wusste, dass meine Stimmung eine gesunde Reaktion auf das war, was ich hinter mir hatte. Dass es vielleicht schon morgen oder spätestens in ein paar Tagen erledigt sein würde. Heute aber noch nicht. Und heute war halt nun mal Silvester. Aber ich war hier, umringt von besten Freunden und lieben Bekannten. Inmitten von Bergen gigantischen Essens. Ich war hier, beobachtete ein bisschen mehr als sonst, redete ein bisschen weniger als sonst. Lachte viel, aber nicht ganz so laut. Ich war hier, fühlte mich wohl und geborgen im Kreise meiner Freunde. In der Gewissheit, dass keiner von mir irgendetwas erwartete. Überrascht darüber, dass auch ich nicht mehr von mir erwartete. Dankbar für die wundervollen Menschen und all die Liebe und tiefe Verbundenheit in meinem Leben. In guten wie in schlechten Zeiten.

Ich war hier und mit mir die leichte Schwere, die ich heute im Gepäck hatte. Mein ungebetenes Plus One. Sie durfte auf dem Stuhl neben mir sitzen und ab und zu ein bisschen vor sich hin raunzen. Von dem leckeren Essen bekam sie allerdings nichts ab.

War eh schon schwer genug.

Pimp my brain

Ein attraktives Angebot…

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

…so ein frisches Hirn für nur 39 Euro.

Wobei wir mit einem durchschnittlichen Gewicht unseres Gehirns von ungefähr 1400 Gramm mit nur 100 Gramm vermutlich nicht ganz so weit kommen würden. Da müssten wir dann doch etwas tiefer in die Tasche greifen. Und da stehen wir nun. Der Traum von der Schnäppchengrundsanierung unseres werten Organs – zerplatzt!

Wie so oft wollen wir natürlich direkt alles auf einmal haben. Dabei würden 100g doch vielleicht auch erst mal reichen…

Es würde so oft vollkommen genügen, erst einmal einzelne Dinge zu ändern. Kleine Schritte zu machen. Schauen, was passiert. Ob sich da was tut. Ob es noch mehr braucht oder ob das vielleicht schon ausreicht. Aber dafür braucht es Geduld. Geduld, die wir nicht haben aufgrund eines Mangels an Zeit, die wir uns nicht nehmen. Deswegen muss es schnell gehen. Am besten immer.

Abgesehen davon, dass ich mir als arme Studentin nicht mal ein halbes frisches Hirn hätte leisten können, wollte ich es tatsächlich erst einmal mit der günstigsten Variante von 100g probieren. Ich erinnere mich grade an den Artikel „Mit Vollgas über die Insel“ zurück, in dem ich beschreibe, wie wichtig es meiner Meinung nach ist, entgegen aller Vernunft rechtzeitig abzubremsen, um nicht im hohen Bogen aus der nächsten Kurve zu fliegen. Was ganz sicher auch auf psychisch gesunde Menschen zutrifft, vor allem aber eben auf jene, deren Leben aufgrund einer bipolaren Störung ein Auf und Ab der Superlative sein kann.

Zuhause

Dieses Mal war ich gefühlt noch nicht mal besonders schnell unterwegs gewesen. Nachdem ich mit dem April und Mai auch dieses Jahr nochmal den zauberhaften Frühling und die gigantische Rapsblüte auf meiner Lieblingsinsel mitgenommen hatte, fing ich ab Juni an, mich nach und nach wieder in Hamburg einzurichten. Und es war so schön, wieder hier zu sein. Dieses Gefühl und die Gewissheit, die aus deinem tiefsten Inneren kommt und dir sagt, hier gehörst du hin, hier ist dein Zuhause. Was auch geschieht, hier wird dir nichts passieren, hier bist du sicher. An dieser Stelle kommt mir auch der schon etwas ältere Artikel „Ist Heimat wirklich dort, wo dein Herz ist?“ in den Sinn… Diese Diskussion ähnelt etwas der vom Ei und der Henne – was war denn nun zuerst da? Fühlen wir uns irgendwo zuhause und erlauben irgendwann auch unserem Herz, dort anzukommen oder macht unser Herz den ersten Schritt und erst daraus entwickelt sich unser Heimatempfinden? Ich glaube nach wie vor, dass dieses Gefühl von Heimat und einem Angekommen sein, einem sicheren Hafen (ein Vergleich, der bei Hamburg natürlich noch mal ein bisschen schöner ist als bei Städten ohne Hafen) von ganz vielen verschiedenen Aspekten abhängt. Das können Menschen sein, ein Job, eine Wohnung, gewisse Umstände…ich habe für mich festgestellt, dass es vor allem die Menschen sind, aber tatsächlich auch der Ort Hamburg an sich, wo ich immer leben wollte, für den ich mich aus freistem Willen damals entschieden habe, der mir dieses unbezahlbare und treue Gefühl von Heimat schenkt.

Punktlandung.

Aber darum soll es hier heute nicht gehen. Ich war also pünktlich zum Sommerbeginn wieder in Hamburg, habe meinen neuen Job und einen Nebenjob angefangen, weiterhin nebenher als Hundesitterin gearbeitet, und war plötzlich auch schon im zweiten Semester. Das ging ganz schön schnell. Das letzte Semester war ja gerade erst vorbei, ich war zwar drei Wochen im Urlaub gewesen, aber da konnte man das nächste ja schon erst mal etwas ruhiger angehen lassen, dachte ich mir. Was auch echt ziemlich lange gut ging. Bis ich dann Ende des Sommers feststellen musste, dass ich nun zwar ein halbes Jahr Zeit für diverse Kurzgeschichten, Prüfungsleistungen und Hausarbeiten gehabt hatte, nun aber als Ergebnis meiner überaus erfolgreichen Prokrastination alles innerhalb kürzester Zeit und auf einmal fertig machen musste. Tja, was soll ich sagen. Geil war’s nicht. Aber es hat dann doch erschreckend gut geklappt. Nochmal Glück gehabt. Nächstes Mal wird natürlich alles besser!

Also bin ich zum Herbstanfang dieses Jahr ohne Pause zwischen den beiden Semestern, selbst schuld, direkt ins nächste geschlittert. Habe zu dem Zeitpunkt gerade etwas mehr gearbeitet und relativ bald gemerkt, dass die Pause, wie ich sie auch Anfang des Jahres zwischen dem ersten und dem zweiten gehabt hatte, dringend gebraucht hätte. Dass es dafür jetzt allerdings ein bisschen spät war. Nur war ich leider so kaputt, dass ich nicht drum herum kam, mir zwei Wochen „freizunehmen“, weil ich neben meinen Jobs schlicht und ergreifend nicht noch die Energie aufbringen konnte, die ich für’s Studium brauchte. Hat ja im zweiten Semester auch funktioniert, dachte ich mir. Mir fiel allerdings relativ schnell auf, dass es dieses Semester offensichtlich anders war und ich schon ganz schön viel verpasst hatte. Je größer der Druck wurde, desto weniger Zugang fand ich zu meiner Kreativität. Dann geb ich einfach ab nächster Woche Vollgas, nahm ich mir vor. Im gleichen Moment fiel mir auf, dass genau das der Grund dafür war, warum ich nun so kaputt war. Es gab nun also zwei Möglichkeiten: Wieder Vollgas geben, alles bereits Verpasste unter ganz viel Zeitdruck und Stress aufzuholen versuchen. Hochkant aus der nächsten Kurve fliegen. Totalschaden. Oder einfach die Ausfahrt zur nächsten Raststätte nehmen, erstmal tanken und Pause machen. Snickers kaufen. Snickers essen.

Um mich herum wurde es lauter und lauter, während in meinem Hirn kreative Stille herrschte. Ich brauchte es genau andersherum! Ich brauchte Ruhe. Es sollte endlich ruhig sein da draußen!

Let’s call it „Empirical Escape“

Dieses mal waren es nicht einmal bestimmte Symptome oder die so genannten offiziellen „Frühwarnzeichen“, die mich den Blinker setzen ließen. Dafür schlief ich noch zu gut, klopfte mein Herz noch zu ruhig, aß ich noch genug. War doch alles gut! Noch. Und genau das war der springende Punkt: Noch. Ich brauchte mittlerweile nicht einmal unbedingt immer unübersehbare Frühwarnzeichen, um brav in meinem sorgfältig über die letzten Jahre bestückten Notfallkoffer zu wühlen. Allein aus meinen Erfahrungen, Beobachtungen und Erkenntnissen der letzten Jahre seit der Diagnose wusste ich, was auf mich zukommen würde, wenn ich so weitermachte. Wenn ich mir nicht in einem der vielen Bereiche irgendwie Luft verschaffte, den Druck raus nahm, Zeit schenkte. Wenn auch nur 100 Gramm. Und ganz ehrlich: Das waren mir die 39 Euro dann definitiv wert!

Eine lohnende Investition

100 Gramm frisches Hirn in Form eines Urlaubssemesters. Und mit ihm kamen sie auch schon, die ungebetenen Gäste und klopften an „Wozu brauchst du denn jetzt im dritten Semester schon eine Pause?? Du hast doch erst zwei gemacht!“, „Kann ja noch nicht so anstrengend gewesen sein!“, „Die anderen schaffen das doch auch, sogar mit Vollzeitjob und Kindern!“, „Dann brauchst du ja noch länger, bis du fertig bist!“, „Hättest du dich halt einfach mal besser organisiert…“, „Schon mal drüber nachgedacht, ob du einfach nur faul bist?“, „Alles eine Frage der Disziplin, wenn du mich fragst!“, „Jetzt reiß dich mal zusammen!“, „Kannst ja jetzt auch nicht alles auf deine Krankheit schieben!“… Sie brabbelten alle durcheinander und doch konnte ich sie hinter geschlossener Tür klar und deutlich hören. Den Schlüssel zur Tür hatte jedoch ich. Ich hatte sie schließlich auch abgeschlossen. Und ich war es auch, die entschied, dass sie das erstmal bleibt. Um genau zu sagen, für ein Semester. Die Stimmen wurden weniger, leiser, sie entfernten sich.

Und plötzlich war es ganz ruhig.

Ein dunkelbunter Strauß voll Leben

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Das gute Fee

Ich liege gerade gemütlich eingekuschelt und entspannt in meinem Bett, lausche entspannter Musik bei entspanntem Kerzenschein, während mir nebenher mindestens genau so entspannt kleine leckere Toffifees um die Ohren fliegen. Wer bitte denkt sich so eine Verpackung aus??! Reine Schikane, wenn ihr mich fragt. Mir fällt auf, dass ich mich nicht erinnern kann, jemals in meinem Leben eine Tafel Schokolade oder Ähnliches geöffnet zu haben, ohne sie direkt bis auf den letzten Krümel aufzuessen. Ich frage mich, woher diese kleinen Rillen in der Schokolade, die das Teilen oder gar das Auf-Teilen (ein Worst-Case-Szenario jagt das nächste) eben jener wohl einfacher machen sollen, überhaupt ihre Daseinsberechtigung haben. Frevel!

So. Alle Toffifees (oder müsste es im Plural vielleicht Toffifeen heißen? Toffi, die kleine Karamell-Fee?) wieder eingesammelt. Und „versorgt“. Dann kann ich mich jetzt ja wieder entspannen. Und schreiben.

Schwarz auf Weiß

Ich schreibe Tagebuch seit ich schreiben kann. Denke ich. Es war immer schon schön gewesen, sich im Nachhinein durch die vergangenen Wochen, Monate und sogar Jahre zu blättern, diese untereinander zu vergleichen, Revue passieren zu lassen, sich wieder zu erinnern. All das für immer verewigt zu haben. Allerdings hätte ich niemals geahnt, wie wichtig diese Aufzeichnungen meiner Vergangenheit einmal für mich sein könnten. Wie wertvoll sie waren. Und zwar nicht nur für mich persönlich.

Relativ zu Beginn meiner Zeit in der Klinik vor genau zwei Jahren, drückte mir meine Therapeutin einen Stapel Blätter in die Hand und bat mich, bis zur nächsten Sitzung doch mal ein paar Life Charts der letzten fünf oder am besten zehn Jahre anzufertigen, mit allen Höhen und Tiefen. Auf den Monat und am besten auf die Woche genau. Aha. Sorgen bereitete mir dabei nicht etwa die Frage, wie um alles in der Welt ich mich auch nur annähernd an die Einzelheiten der letzten zwei Jahre oder auch nur des letzten Jahres erinnern sollte. Was ich nicht mehr würde erinnern können, das hatte ich irgendwo Schwarz auf Weiß. So viel war sicher. Viel eher beunruhigte mich die Vorstellung, wie viel Zeit es kosten würde, all meine Aufschriebe der letzten Jahre zu durchforsten. Ich war zu Recht beunruhigt.

Ungeahnte Gemeinsamkeiten

Eine Woche später saß ich meiner Therapeutin wieder gegenüber. Mit der Achterbahnfahrt meiner jüngeren Vergangenheit in Papierformat auf meinem Schoß. Es waren keine geschätzten oder ungefähren Angaben. Kein Vielleicht, kein Wahrscheinlich, kein eher nicht. Genau so, wie ich die Kurven etwas wackelig mit dem schwarzen Filzstift auf das Papier gezeichnet hatte, war es gewesen. In der Mitte war eine Nulllinie. Ich fragte mich damals, was sich die Ersteller dieser Achsen dabei gedacht hatten, weil es eigentlich erst weit abseits von ihr, oben oder unten halt, so richtig abging. Ich listete akribisch auf, wann ich welche Medikamente genommen, vertragen, nicht vertragen, ausgeschlichen oder einfach abgesetzt hatte. Welche Jobs ich in der jeweiligen Zeit gemacht hatte. Ob ich damit glücklich gewesen war. Wie viel ich gefeiert, wie wenig geschlafen, wie viel Alkohol ich getrunken hatte. Wie meine Lebensgewohnheiten allgemein gewesen waren. Und so weiter. Und letzten Endes verbanden sich all diese einzelnen Punkte zu einem Schaubild der Extreme, weitab von jeglicher Kontinuität geschweige denn Neutralität. Die letzten Jahre hätten wohl unterschiedlicher nicht sein können, so viele Ereignisse, Entwicklungen, Veränderungen, in sämtlichen Lebensbereichen. Und doch glichen die Kurven ihrer Schaubilder wie ein Ei dem anderen.

Ich glaubte zuerst, einen Fehler gemacht und mich vertan zu haben, aber ich hatte sie Schwarz auf Weiß vor mir: Meine hypomanen und depressiven Phasen der letzten Jahre. Nach denen ich rückblickend fast die Uhr hätte stellen können, so zuversichtlich waren sie gekommen und gegangen. Die Hypomanie, vom ersten Vogelgezwitscher sachte und sanft aus dem Winterschlaf geweckt, kletterte mit jedem Grad mehr auf dem Thermometer ebenfalls eine Sprosse höher auf der Leiter der Lebenslust, um ein paar Monate später, ganz oben angekommen, plötzlich und völlig unerwartet das Gleichgewicht zu verlieren und in die Dunkelheit der Depression zu stürzen. Und es war nicht der Boden, der den Fall auffing. Denn der war einfach weg.

Gigantisch grau und schrecklich schön

Ich umarmte das Leben nicht, ich fiel darüber her. Bis es vor mir davon lief. Ich rauchte nicht, ich brannte. Bis nur noch ein Aschehäufchen übrig war. Meine Gedanken flossen nicht, sie rasten. Bis sie nur noch kreisten. Ich lief nicht, ich rannte. Bis ich nicht mehr konnte. Ich brachte keinen frischen Wind mit rein, ich fegte wie ein Sturm über alles hinweg. Von dem nichts übrig blieb. Ich lächelte nicht, ich lachte aus vollem Halse. Bis mir die Luft wegblieb. Ich glühte nicht vor, ich fackelte mich ab. Bis ich Verbrennungen 3. Grades hatte. Ich sang nicht, ich grölte. Bis es mir die Sprache verschlug. Ich blubberte nicht, ich schäumte über. Bis keine Kohlensäure mehr da war. Ich funktionierte nicht nur, ich war stets 100% geladen. Bis auf einmal alle Akkus leer waren.

Die Welt lag mir nicht zu Füßen, sie rollte mir den roten Teppich aus. Bis ich merkte, dass ich nicht die passende Garderobe dafür trug. Ich war nicht begeistert, ich war die Begeisterung. Bis nur noch Entgeisterung blieb. Ich sprang nicht über meinen Schatten, ich flog mit dem Licht. Bis ich erblindete. Ich fühlte nicht, sämtliche Gefühle nahmen Besitz von meinem Geist. Bis er gefangen war. Ich tanzte nicht, ich schwebte. Bis mein Körper erstarrte. Ich war nicht verliebt, ich war so voller grenzenloser Liebe, dass ich nicht wusste, wohin damit. Bis da nur noch Leere war. Ich schlief nicht, ich träumte die kühnsten Träume. Bis selbst diese jeglichen Reiz verloren. Mein Blut pumpte nicht, es schoss durch meine Adern. Bis es auf einmal gefror. Ich war nicht wach, ich war unter Strom. Bis irgendwann alle Sicherungen durchknallten. Ich war nicht einfach nur aktiv, ich war getrieben. Bis die Jagd schließlich ein Ende fand.

Ich baute keine Luftschlösser, ich meißelte Burgen in Stein. Unter dessen Last ich zusammenbrach. Ich freute mich nicht, ich schwamm in einem Meer voll Serotonin, Dopamin und Endorphinen. An dessen Küste mich ein Strand voll Treibsand erwartete.

Ich sah die Welt nicht mit anderen Augen, ich erfand sie neu.

Bis sie mir so unfassbar fremd wurde.

Mein Herz klopfte nicht, es raste.

Bis es auf einmal stolperte, hinfiel und einfach liegen blieb.

Nö.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Dass öfter mal Nein sagen gesund ist und wir dass ja unbedingt vieeel öfter tun sollten, ist mittlerweile kein Geheimnis mehr. Wenn wir es allen Recht machen wollen, blieben wir selbst auf der Strecke. True Story. Man könne es ja sowieso nie allen Recht machen. Auch richtig. Einfach mal abgrenzen und nur nach sich schauen. Ja ja…

Schön und gut…

…aber wie so oft ist das alles leichter gesagt als getan. Dass man definitiv lernen kann, Nein zu sagen, kann ich nur bestätigen. Dass das sehr gut tun kann ebenfalls. Die größere Herausforderung sehe ich eher in dem Finden des richtigen Maßes. Das Pikante zwischen dem Brennt-mir-die-Zunge-weg-Höllenscharf und dem Schmeckt-nach-überhaupt-Garnichts. Weder seine Seele verkaufen und sich komplett verlieren noch zum absoluten Vollassi mutieren. Auch hier ist die goldene Mitte wohl mal wieder das Ziel und gleichzeitig auch die größte Schwierigkeit. Wovor haben wir Angst, wenn wir das Wort mit den vier Buchstaben mal wieder nicht über die Lippen gebracht haben, obwohl unser Kopf so voll damit war, dass er fast geplatzt wäre? Ist es wirklich nur Ablehnung, vor der wir uns fürchten? Woher kommt es, dass sich so viele von uns damit so schwer tun? Geht auch hier unsere Kindheit als Sündenbock durch? Ist mal wieder die Gesellschaft an allem schuld? Was macht eine chronische Ja-Sag-Philie auf Dauer mit uns und vielleicht sogar unserer physischen und psychischen Gesundheit?

Hunger!

Mein körperlicher Zustand könnte sich momentan definitiv eine Scheibe von meinem mentalen abschneiden. Seit ein paar Wochen bin ich unglaublich erschöpft, kann ohne Probleme auch mal 12 Stunden durchschlafen, bin trotzdem dauermüde und ruhebedürftig wie eine Migränepatientin. Wohingegen mein sowieso schon leicht hysterischer Stoffwechsel nochmal drei Gänge zugelegt hat und auf absoluten Hochtouren läuft. Ich hatte schon immer einen gesunden Appetit und liebe Essen in jeglicher Form seitdem ich denken kann. Die regelmäßigen Ratschläge meiner Freunde, wenn sie sich wie so oft über mein etwas spezielles Essverhalten amüsieren, mich doch endlich mal beim Arzt auf Würmer durchchecken zu lassen, haben bisher weder sie noch ich jemals ernst genommen. Eigentlich kenne ich meinen Körper mittlerweile so gut, dass ich jederzeit für diverse Eventualitäten und existenziellen Kohlenhydratknast gewappnet bin und immer zumindest einen kleinen Snack dabei habe. Denn ist der Hunger erstmal da (also eigentlich immer), dann muss es schnell gehen (also eigentlich immer). Aber die Hochofenattitüde, die mein Stoffwechsel gerade an den Tag legt, finde selbst ich langsam nicht mehr witzig. Was auch immer ich zu mir nehme geht offensichtlich binnen Sekunden in Flammen oder löst sich in Luft auf. Eigentlich bin ich den ganzen Tag entweder am Essen zubereiten, am Essen zu mir nehmen oder am Essensreste (Reste…haha) wegräumen, sprich abspülen. Gott segne die Erfindung der Geschirrspülmaschine. Die ich leider nicht besitze. Abgesehen davon, dass ich mit meinem Studium und zwei Jobs leider ab und zu noch andere Dinge zu tun habe anstatt mich 24/7 um meine Nahrungsaufnahme zu kümmern, ist es tatsächlich auch erschreckend teuer, eine vierköpfige Familie zu ernähren. Dazu muss man vielleicht noch erwähnen, dass all das Essen wohin auch immer wandert, aber definitiv nicht auf meine Hüften. Im Gegenteil. Und ja, die Schilddrüsenwerte sind normal.

Düster, Diggie.

Es gibt tausend mögliche Erklärungen für meinen aktuellen Zustand. Vielleicht sind es die Nachwehen der fetten Erkältung letztens. Vielleicht ist es der Herbst mit seinen kürzeren Tagen und dem Lichtmangel. Vielleicht sind es die Nebenwirkungen der Medikamente (Müdigkeit und gesteigerter Appetit sind dabei oft keine Seltenheit). Vielleicht ist es eine Art emotionale Erschöpfung, entstanden aus all den Ereignissen der letzten Zeit. Vielleicht sind es die über 50 Kilometer, die ich jede Woche mit den Hunden laufe. Vielleicht ist es die Doppelbelastung mit zwei Jobs und dem Studium. Wer weiß. Natürlich mache ich mir dazu meine Gedanken, da ich immer gerne für alles eine Erklärung habe, idealerweise noch Schwarz auf Weiß. Aber eigentlich ist es egal. Es ist gerade so. Punkt. Und es wird auch wieder vorbeigehen. Seitdem ich denken kann, habe ich die dunkle Jahreszeit jemals auch nur annähernd herbeigesehnt. Premiere dieses Jahr. Der Herbst mit seinen bunten Blättern und dem warmen Licht, aber vor allem auch seinem grauen Himmel, kalt-feuchtem Regen, düsteren Tagen, an denen es gar nicht richtig hell wird, Sonnenuntergängen ohne Sonne um 16 Uhr, mies gelaunten Fratzen in der U-Bahn und von kahlen Baumskeletten gesäumte Straßenzüge, die an Tristesse kaum zu übertreffen sind. Ich weiß auch nicht warum, aber irgendwie find ich’s dieses Jahr geil. Würde am liebsten mit sämtlichen Bäumen meine Blätter um die Wette abwerfen und mich vergnügt grunzend in der nächsten versifften Schlammpfütze wälzen. Eventuell spreche ich diese heimlichen Phantasien mal in meiner nächsten Therapiesitzung an.

Das Ja(hr) des Neins

Ich könnte mir vorstellen, dass es einfach daran liegt, dass die Diskrepanz zwischen meinem körperlichen Zustand und dem der Natur gerade so verschwindend klein ist, dass sich das alles so richtig und gut anfühlt. Auch die Natur hat den ganzen Frühling und Sommer über alles gegeben (okay, in Hamburg vielleicht nicht ganz so doll, aber ihr wisst, was ich meine), Blüten explodieren, Pollen fliegen, Glückshormone verrückt spielen und Schokolade schmelzen lassen. Davon gilt es sich nun zu erholen, alles von sich fallen zu lassen, alles auf Rückzug, alles auf Ruhe, alles zurück auf null. So anders sind wir Menschen dann doch nicht. Alles eine Frage der Betrachtung. Um den Bogen nun nochmal zum Anfang und zur Thematik des Nein-Sagens zu spannen: Wenn wir davon ausgehen, dass zu häufiges Ja-Sagen uns auslaugen und erschöpfen kann, dann kann ich zumindest das, bei all meinen Erklärungsversuchen für meine Erschöpfung, definitiv als Grund dafür ausschließen, so viel ist sicher. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich in einem Jahr jemals so großzügig mit „Neins“ um mich geworfen habe. Nein zu Jobs, die ich nicht machen möchte. Nein zu Freundschaften, die mir nicht mehr gut tun. Nein zu Männern, die nicht wissen, was sie wollen und einfach nur nicht alleine sein können. Nein zu der Frage, ob ich denn nicht irgendwann mal einen „richtigen Job“ machen wolle. Nein zu der Diskussion darüber, was ein richtiger und was ein unrichtiger Job ist. Nein zu gut gemeinten Ratschlägen, was ich vielleicht anders machen könnte. Nein zur Frage, ob dass denn nun nicht ein bisschen zu hart gewesen sei. Nein zur Kippe. Nein zur 40-Stunden Woche. Nein zum 9-5-Job. Nein zu PCs. Nein zur Verblödung durch Trash-TV. Nein zum Wecker, wenn ich noch keinen Bock habe, aufzustehen. Nein zum schlechten Gewissen, wenn ich einfach mal einen ganzen Tag lang nichts tue. Auch nicht duschen. Nein zum Versuch, Dinge zu tolerieren oder zu verstehen, auf die ich schlicht und ergreifend einfach so gar keinen Bock habe. Nein zum Ablegen von Rechenschaft. Nein zum Gruppenzwang, wenn „wir doch unbedingt mal wieder feiern gehen müssen“. Nein zum Zweifel daran, ob ich wirklich die ganze Schüssel mit rohem Schokokuchenteig auslöffeln sollte. Nein zu diversen Nachrichten und Nein zum Schuldgefühl, dass ich nicht weiß, was auf der Welt so passiert. Nein zu selbstgemachtem Stress. Nein zum Freundlichsein, wenn sich der Stammkunde zum hundertsten Mal aufführt, als wäre das Café sein privates Büro. Nein zu dem verschwitzen Typen, der sich im Bus fast auf meinen Schoß setzt, obwohl daneben noch drei Plätze frei sind. Vielleicht auch besser für’s erste Nein zum Drang, ihm direkt eine auf die Schnauze zu hauen. Nein zum Perfektionszwang und dem Gedanken, dass eine 1.3 ja schon irgendwie geiler gewesen wäre als die 1,7. Nein zu Körperkult und stickigen und überfüllten Fitnessstudios, wenn ich viel lieber bei Wind und Wetter draußen spazieren gehe. Dann halt ohne Sixpack. Nein zu Unverpackt-Läden, weil ich das zwar super finde, mir aber leider nicht leisten kann. Nein zu diesen superhässlichen pseudotrendigen Smartphone-Umhänge-…Stricken(?!). Nein zu Leuten, die mit einem Personal-Shit-Storm über mich hinwegfegen, ohne einmal zu fragen, wie es mir geht. Nein zu Leuten, die sich einfach selbst gerne reden hören und nur mit dir reden, weil sie ihren Spiegel trotz ihres riesengroßen Egos auf Dauer dann doch zu langweilig finden. Nein zur Tendenz, das Leid anderer zu meinem eigenen zu machen und mich nicht davon distanzieren zu können. Nein zu Auberginen. Nein zum Druck, der sich manchmal von Außen anschleicht. Nein zum Druck, den einzig und allein ich mir selbst mache. Nein zu Menschen, die mich kaum kennen und sich trotzdem rausnehmen, mir zu sagen, was ich doch ganz bestimmt bräuchte. Nein zu Lebensentwürfen, die einfach nicht zu mir passen. Nein zur Befriedigung der Bedürfnisse anderer, wenn ich mich gerade um meine eigenen kümmern sollte. Nein zu Energiestaubsaugern. Nein zu Pop-up-Nachrichten. Nein zur neuen Jeans, wenn ich die alte reparieren kann. Nein zur Contenance. Nein zum Ja.

Einfach nö.

Mag vielleicht auf den ersten Blick etwas radikal erscheinen. Und vielleicht ist es das auch. Tut aber nichts zur Sache. Ich habe noch nie so fleißig Neins verteilt und mich noch nie so gut dabei gefühlt. Und so befreit. Jedes Mal wenn ich meine Grenzen verteidigt, meine Bedürfnisse für mich selbst erkannt und nach außen kommuniziert, jedes Mal, wenn ich mich ohne schlechtes Gewissen abgegrenzt habe, bin ich mir selbst etwas mehr auf die Pelle gerückt. Positives Pellerücken aber. Natürlich sollte man abwägen, ob das Nein unbedingt mit einem „Ich-möchte-dir-instant-auf-die-Fresse-hauen“ verbunden sein muss (und ob man dann vielleicht in Betracht ziehen sollte, seine Meditationsapp mal wieder zu reaktivieren) oder ob man es einfach ganz normal, wie sagt man so schön, freundlich aber bestimmt, gegebenenfalls mit einer kurzen Erklärung oder einem Verweis auf später, über die Bühne bringen kann. Nicht immer, aber meistens habe ich auf die zweite Variante zurückgegriffen, die sich für mich in dem Moment stimmig angefühlt hat und damit auch authentisch war. Entgegen der Vermutungen, dadurch eventuell Menschen zu verkraulen oder im tragischsten Fall womöglich plötzlich mutterseelenalleine auf der Welt zu sein und tränenumflorte „Keiner-mag-mich“-Einträge in sein Tagebuch zu kritzeln, habe ich dadurch weder meine Freunde noch meine Familie noch meinen Job verloren. Und vor allem nicht mich selbst. Ganz im Gegenteil sogar. Ein wohl dosierter und von der richtigen Intention geleiteter Gebrauch dieses magischen Wörtchens verleiht seinem wortkargen Opponenten erst den eigentlichen Wert und wahre Größe.

Schlechtes Gewissen?

Nö.

Vom Nirwana der Nüchternheit

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Schüchterne Stabilität

Ich bin zum ersten Mal seit meiner Diagnose und auch zum ersten Mal in den vergangenen zehn Jahren seit ziemlich genau einem Jahr weitestgehend stabil. Mit stabil meine ich nicht „ohne Ausschläge nach oben oder unten“. Die gab es auch dieses Jahr. Sowohl nach unten als auch nach oben. Da gab es die relativ kurze und gleichzeitig nicht zu verachtende hypomane Phase im Frühjahr, die ich relativ schnell in den Griff bekam und währenddessen getroffene Entscheidungen und ihnen folgende Handlungen glücklicherweise wieder rückgängig machen konnte, bevor sie längerfristigen Schaden anrichteten. Und auch einige depressive Episoden gab es über das Jahr verteilt, von denen fast alle durch vorangegangene Stresssituationen entstanden waren. Da ich mittlerweile weiß, dass diese Phasen zu mir gehören und kommen und gehen, bedeutet „stabil“ für mich, dass diese stetig wiederkehrenden Auf’s und vor allem Ab’s verhältnismäßig geringer ausgeprägt waren und kürzer ausfielen, als sie das schon getan hatten. Und ich selbst während dieser akuten Phasen, wenn auch unter deutlich größerer Anstrengung und daraus resultierender Erschöpfung, meinen Alltag bewältigen, zur Arbeit gehen, für mich selbst sorgen und meine sozialen Kontakte, wenn auch manchmal vermindert, pflegen konnte. Wusste, was mir in diesen Momenten gut tun würde und genau das tat, um wieder in Richtung Mitte zu gelangen. Aus eigener Kraft und mithilfe all des Wissens, das ich mir in den letzten Jahren angeeignet hatte.

Eine Frage des Lebensstils?

Dieses Jahr der „Stabilität“ bedeutet mir unglaublich viel. Und es macht mich auch in gewisser Hinsicht ganz schön stolz. Weil ich weiß, dass ich diesen Zustand neben einer regelmäßigen und konsequenten Medikamenteneinnahme zu einem großen Teil den Anpassungen meines Lebensstils und Alltags, dem Bewusstwerden meiner Bedürfnisse und deren Erfüllung, dem Erkennen meiner Grenzen und deren Verteidigung zu verdanken habe. Bei mir zu bleiben, selbst wenn es im Außen mal zerrt und schubst und drängt. Gut auf mich zu achten, vor allem, wenn es mir nicht gut geht. So wie ich mich auch um eine gute Freundin oder einen guten Freund kümmern würde. Nicht zu streng zu mir zu sein. Selbstmitgefühl zu haben. Klar abgegrenzt von Selbstmitleid. Verstehen und akzeptieren, dass ich nicht perfekt bin und es auch nicht sein muss. Dass das niemand ist. Egal ob Bipolar oder nicht. Und dass das okay ist. Dass wir alle Menschen sind.

Darauf trinken wir nicht!

Der 24. September dieses Jahres war ein ganz besonderer Tag für mich. Ein zweijähriges Jubiläum. Am Samstag des Wochenendes bevor ich 2017 in die Klinik ging, hatte ich zum letzten Mal Alkohol getrunken. Selbstmedikation. In der Hoffnung, diesen quälenden Zustand wenigstens für eine kurze Zeit überwinden zu können und den verheerenden immer schwindelerregender Gedankenspiralen für ein paar Stunden zu entkommen. Sich abwechselnden Schmerz, Traurigkeit, Hoffnungslosigkeit, Qual und Verzweiflung betäuben zu können. Einfach vergessen, was da gerade mit mir passierte. Vergessen waren am nächsten Morgen lediglich sämtliche Details des vorherigen Abends. Alles andere war immer noch da. Knallte mit noch stärkerer Wucht in mein Bewusstsein, noch bevor ich morgens verkatert die Augen öffnete.

Seit jenem Abend am 24. September 2017 habe ich keinen Tropfen Alkohol mehr angerührt. Und ich weiß, dass das auch so bleiben wird. Entgegen einiger Meinungen und nicht erwähnenswerter Kommentare von unwichtigen Menschen in einem der Vergangenheit angehörenden Umfeld. Einer der Vergangenheit angehörenden Lebensphase. „Lisa trinkt keinen Alkohol mehr, ja, genau!“. Mein über die Jahre anscheinend äußerst erfolgreich etabliertes Partyanimal-Image stellte sich als ziemlich hartnäckig heraus. „Find ich ja ganz cool, aber du wirst bestimmt irgendwann in deinem Leben mal wieder was trinken, ’n Sektchen zu Silvester oder so“. Der Blick und Kommentar des Supermarktverkäufers, den ich nach dem Regal mit dem alkoholfreien Sekt fragte: „Wer trinkt denn so was?“ Erst als ich ihm trocken entgegnete, dass ich schwanger sei, war sein kleines beschränktes Weltbild wieder hergestellt. Sein grunzendes Lachen sprach Bände der Erleichterung.

Rausch als Regel?

Frühere Partybekanntschaften, die „ganz sicher nicht mit Wasser anstoßen“ würden. „Komm, jetzt trink doch was mit! Ein Bier geht doch!“. „Wie, du bist jetzt gerade komplett nüchtern?? Nicht mal Emma oder so? Hätte hier noch ’nen Joint?“- „Wie hältst du das hier nur nüchtern aus…“ Partys mit Leuten oder Musik, die mir nicht zusagten und die ich mir früher vermutlich schön getrunken hätte, verließ ich frühzeitig oder ging einfach nicht hin. Ohne seitdem jemals das Gefühl gehabt zu haben, etwas zu verpassen. Gut gemeinte Solidaritäts-Versuche à la „Ich trinke heute auch einfach mal nichts“, die in den seltensten Fällen erfolgreich waren. War wohl doch nicht ganz so einfach. Die Erkenntnis, dass Alkohol trinken weitaus mehr zu unserer Gesellschaft gehört und von ihr akzeptiert wird, als keinen Alkohol zu trinken. Dass du dafür eine Erklärung brauchst. Und dass du, wenn du nicht gerade schwanger oder trockene/r Alkoholiker/in bist, manchmal ganz schön schlechte Karten haben kannst. Allerdings nur bei Gegnern. Nicht bei Mitspielern.

Diese stellten in dieser Übergangsphase und auch bis heute zum Glück die deutliche Mehrheit dar. Größtenteils bin ich in meinem sozialen Umfeld, in meiner Familie und meinem engen Freundeskreis sowieso, ausschließlich auf Verständnis, Unterstützung und vor allem auch Respekt gestoßen. Meine Familie, die ohne Nachfragen und nur aus Solidarität auch immer mal wieder über längere Zeit keinen Alkohol trinkt. Freunde, die bei einem gemeinsamen Essen nachfragen, ob es in Ordnung ist, wenn sie Alkohol trinken. Obwohl ich niemals auch nur daran gedacht hätte, diese Frage mit Nein zu beantworten geschweige denn es verlangen würde. Die trotzdem jedes Mal auf’s Neue fragen. Und es manchmal auch ohne Fragen einfach nicht tun und mit mir das alkoholfreie Alsterwasser teilen. Bekannte, die ich nur ab und zu sehe, die es sich trotzdem gemerkt haben und mir seitdem nie wieder Alkohol angeboten haben. Bis heute kenne ich genau eine einzige Person in meinem gesamten sozialen Umfeld, die wie ich komplett abstinent lebt. Der Austausch mit ihr gibt mir viel.

Bin ich (nicht) auch nur ein Mensch?

Mein absoluter Favorit der Reaktionen im Außen ist und bleibt der Kommentar eines Arztes in der Klinik, nachdem er mich gerade über die Wechselwirkungen meiner gerade neu aufdosierten Medikamente mit Alkoholkonsum aufgeklärt hatte. Mit seinem eigentlich so sympathischen und immer etwas spitzbübischen Grinsen blinzelte er mich sichtlich vergnügt durch seine lustige Hipsterbrille an und verpasste seiner Aufklärung über die unendliche Liste der negativen Auswirkungen von Alkoholkonsum sowohl auf mein Krankheitsbild aus auch die lebenslange Medikamenteneinnahme eine bühnenreife Pointe: „Aber Frau Waldherr, genau wie Sie selbst weiß natürlich auch ich, dass Sie halt nur ein Mensch sind und auch mal wieder feiern und Alkohol trinken werden.“ Natürlich! Wer keinen Alkohol trinkt ist schließlich auch kein Mensch!

Duell der Substanzen

Aber in gewisser Hinsicht hatte er tatsächlich Recht. Keiner der Menschen, die ich kenne, die mit verschiedenen Arten von psychischen Erkrankungen zu tun haben – und das sind mittlerweile einige – verzichtet auf Alkohol. Vorweg ist es mir an dieser Stelle wichtig, klar zu machen, dass jeder Mensch für sich selbst und für sein eigenes Glück verantwortlich ist, jeder machen kann und soll, was er will, für sich selbst entscheiden sowie die Verantwortung und Konsequenzen seiner Handlungen und seines Verhaltens tragen muss. Und trotzdem erstaunt es mich doch immer wieder, dass anscheinend kaum jemand Bedenken dabei hat, Medikamente, die so unmittelbar und kontinuierlich in unseren Hirnstoffwechsel eingreifen und dort sämtliche Wirkmechanismen, die uns das Leben retten können oder es bereits mehrmals getan haben, entfalten, mit Alkohol oder anderen natürlichen oder chemischen bewusstseinsverändernden Substanzen zu kombinieren. Und sich dann fragen, warum sich ihre Depressionen verschlimmern oder immer wiederkehren, sie in eine Manie schlittern oder Psychosen entwickeln. All das niemals in Verbindung mit ihrem Konsum bringen würden und vor allem nicht wollen. Denn es macht ja Spaß. Und tut in dem Moment doch auch gut. Oder nicht? Die Magie des Moments ist trügerisch. Und all zu schnell verflogen. Ich habe über längere Zeit hinweg so gerne, wild und exzessiv getrunken und gefeiert, dass es weh tat. Allerdings nicht nur am nächsten Morgen.

Vorhang auf!

Ich empfinde es als schmalen Grad, meine Zeilen hier nicht einer Moralapostelei zuzuordnen. Das sollen sie keineswegs sein. Meine Motivation, diesen Blog zu schreiben, besteht zu einem großen Teil darin, meine Erfahrungen, sowohl die negativen als auch die positiven, möglichst genau zu schildern. Die Erkenntnisse, die ich in verschiedenen Bereichen und Hinsichten für mich über einen langen Zeitraum gewonnen habe. Die Schlüsse, zu denen ich irgendwann, manchmal mehr, manchmal weniger schmerzhaft, gekommen bin. Konsequenzen, die ich letztendlich gezogen habe. Ziehen musste, um mich selbst zu schützen. Manchmal gegen meinen Verstand. Manchmal gegen mein Herz. Und trotzdem weiß ich, dass manche von ihnen für mich überlebenswichtig waren. Es nach wie vor sind. Und auch bleiben werden. Es gibt Aspekte der bipolaren Erkrankung, wie wir weder als Betroffene noch als Angehörige beeinflussen können. Die sich unserer Macht entziehen. Genau so gibt es aber auch viele Bereiche, die wir durch unser eigenes Verhalten und unsere Lebensweise positiv beeinflussen, uns unserer Selbstwirksamkeit bewusst werden können. Erkennen, dass wir nicht wie hilflose Marionetten von der Krankheit durch unser Leben geschleift werden müssen, sondern in den allermeisten Fällen zumindest einige der Fäden noch selbst in der Hand halten. Sie vor dem Absturz bewahren können, auch wenn sie mal nur noch an einem Faden hängen. Die Figuren tanzen lassen können. Es liegt an uns, diese Fäden in der Hand zu behalten.

Selbstmedikation vs. Komorbidität

Einer dieser Fäden ist meiner Meinung nach der Konsum von Alkohol und anderen bewusstseinsverändernden Substanzen. Weswegen es mir so wichtig ist, diesem Thema hiermit einen eigenen Artikel zu widmen. In naher Zukunft wird ein Artikel folgen, der sich nicht wie dieser meinen persönlichen Erfahrungen diesbezüglich widmen, sondern die wissenschaftliche Hintergründe der Thematik beleuchten wird. Diverse Fachliteratur zur bipolaren Erkrankung legen die Vermutung nahe, dass bipolare Erkrankungen in Kombination mit regelmäßigem und/oder übermäßigem Alkoholkonsum äußerst schwer unter Kontrolle zu bekommen sind und eine langfristige stabile Stimmungslage unter dessen Einfluss sehr viel unwahrscheinlicher ist. Dass sämtliche bewusstseinsverändernde Substanzen den Verlauf der Erkrankung negativ beeinflussen können. Wobei außerdem erwähnt werden muss, dass eine Unterscheidung zwischen exzessivem Trinken als Selbstmedikation oder Symptom während einer depressiven oder (hypo-)manen Phase einerseits und Alkoholmissbrauch oder -sucht als Komorbidität (eine Begleiterkrankung der Grunderkrankung (in diesem Fall die bipolare Erkrankung), die diagnostisch klar voneinander abzugrenzen sind) andererseits sehr schwer und der Übergang oft fließend ist.*

* Die in diesem Abschnitt aufgeführten wissenschaftlichen Hintergründe habe ich mir im Laufe der letzten Jahre aus diversen Quellen angelesen und für diesen Artikel mit bestem Gewissen aus meinem Gedächtnis zusammengetragen, ohne die Quellen aktuell noch vorliegen zu haben. Da es sich bei diesem Blogbeitrag außerdem nicht um eine wissenschaftliche Arbeit handelt, werde ich hier keine Quellen zitieren. Deswegen besteht bezüglich dieses Abschnitts allerdings auch kein Anspruch auf wissenschaftliche Vollständigkeit. Im bereits angekündigten Artikel über die wissenschaftlichen Hintergründe der bipolaren Erkrankung werde ich dies nachholen.

Jede Jagd hat ein Ende

Rückblickend kann ich dazu einfach nur sagen, dass sich meine Hochs und Tiefs in keiner Zeit so erbarmungslos und unberechenbar jagten wie in den Jahren, in denen ich regelmäßig und überdurchschnittlich viel Alkohol konsumiert habe. Nie wieder so hoch geflogen bin. Und auch nie wieder so tief gefallen.

Eine allmähliche Stabilisierung meiner Stimmungslage begann erst, nachdem ich am 24. September 2017 meine Entscheidung für ein abstinentes Leben getroffen hatte.

Für keinen Rausch der Welt würde ich diese jemals wieder auf’s Spiel setzen.

Mit Vollgas über die Insel

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Ich sitze gerade mit einer Tasse Tee in meinem alten Kinderzimmer und erinnere mich an den November letzten Jahres, als ich zur genau selben Zeit zu Besuch bei meiner Familie war. Und jeden Abend bei meiner Mutter im Arm geweint habe. Es mal wieder so weit war. Und zwar direkt nach der Saison auf Fehmarn, wo ich 2018 sieben Monate gelebt und gearbeitet hatte, um, bei aller grenzenloser Liebe zu Hamburg, dem Großstadttrubel mal für eine Weile zu entfliehen. Nach Saisonende Anfang November hatte ich gerade noch keinen neuen Job und auch meine Wohnung in Hamburg noch nicht wieder zurück, die ich während meiner Abwesenheit untervermietet hatte. Ich wechselte in zwei Monaten über zehn mal den Schlafplatz, wohnte bei diversen Freunden in Hamburg und pendelte zwischen Stuttgart, Berlin und Fehmarn hin und her. Und auch wenn das Inselleben auf Zeit eine ganz wundervolle, intensive und irgendwie magische Zeit voller neuer Erfahrungen, inspirierender Begegnungen und schöner Momente war, hatte mich die Saison im Café am Meer mit den ausschließlich 10 bis 12-Stundenschichten, und das teilweise über eine Woche am Stück ohne Pause, gegen Ende dann doch ganz schön geschlaucht. Was im Nachhinein betrachtet nicht wirklich überraschend ist. Der Bandscheibenvorfall, den ich vermutlich größtenteils meinem emanzipatorischen Bierkistenwuchten à la „Lass gut sein, ich mach das schon!“, zu verdanken hatte, war im Vergleich zu den dunklen Wochen, die mich zum Herbstbeginn erwarteten, schlichtweg nicht erwähnenswert.

Ich hatte im April 2018 zum ersten Mal seit meinem Aufenthalt in der Klinik wieder gearbeitet. Meine vorangegangene Krankschreibung, aufgrund derer mich mein neuer Arbeitgeber damals nach nur einer Woche Abwesenheit in der Probezeit gekündigt hatte, eingerechnet, war ich inklusive des Klinikaufenthalts sieben Monate krankgeschrieben gewesen und hatte mich Schritt für Schritt wieder im Alltag zurechtfinden müssen. Und zwar erstmal ohne Job, ohne einen Wecker, der morgens klingelt, ohne feste Verpflichtungen, die man erfüllen soll oder darf, ohne einen sicheren Rahmen oder jegliche Struktur. Ohne offiziell „gebraucht“ zu werden. Alle Freunde und Familie in ihrem Alltag und ihren Jobs. Und ich? Joa. Ich und ich würde ich sagen. Nachdem ich zwei Monate in einer Art „sicherem Hafen“ in der Klinik aufgefangen wurde, mit Menschen, die auf eine bestimmte Art alle in einem Boot saßen. Auch dieser Zeit werde ich noch einen eigenen Artikel widmen. Denn sie war alles andere als leicht.

Gleichzeitig habe ich selten so viel über mich gelernt wie in diesen letzten Monaten des alten und den ersten des neuen Jahres und eine ganz andere Art von Selbstbewusstsein, Unabhängigkeit und Urvertrauen entwickelt. Ein Urvertrauen zu mir selbst. In den Spiegel zu schauen und zu sehen, was bleibt, wenn da nichts mehr im Außen ist, was dir einen Rhythmus vorgibt. Da bist nämlich in erster Linie erstmal du selbst. Und du bist verantwortlich für den Takt deines Lebens. Und zwar ohne Job. Ohne jegliche Routine. Ohne „Sicherheit“. Vielleicht erstmal mit sehr wenig Geld. Uns nicht über unseren Job, die damit verbundene Anerkennung, Status, Macht, Wissen, Wohlstand, Leistung oder dergleichen zu definieren. Nicht in erster Linie über unser soziales Umfeld durch ständigen Austausch, Meinungen von und Bestätigung im Außen. Über unser Aussehen. Das tun wir alle. Und teilweise ist das auch gut und richtig so. Aber ist es auch möglich, uns einfach „aus uns selbst heraus“ zu definieren? Was bleibt, wenn wir einmal aus den verschiedenen Rollen, die wir in unserem Leben innehaben, Tochter, Sohn, Mutter, Vater, Freund/in, Partner/in, Angestellte/r, Chef…in Gedanken herausschlüpfen oder uns eine oder mehrere plötzlich genommen werden? Damit meine ich jetzt keinen Todesfall, zum Beispiel einen Jobverlust, wodurch einem plötzlich die Rolle des/der Angestellten entzogen wird. Eine Trennung. Den Auszug eines erwachsenen Kindes. Was macht uns jenseits dessen aus? Jemand sagte einmal zu mir, dass es unmöglich wäre, sich nur aus dem Innen heraus zu definieren. Das ist es nicht. Dafür aber unfassbar schwer und vermutlich lebenslange und kontinuierliche Arbeit. Hat man diesen Punkt jedoch einmal erreicht, kann einem denke nicht mehr viel passieren. Bald auch mehr zu diesem Thema…

Ich hatte mich, als ich im April 2018 anfing, auf der Sonneninsel zu arbeiten, so unfassbar über die Arbeit im Café gefreut, die mir so viel Spaß machte und war einfach nur glücklich und stolz darauf, dass ich wieder arbeiten durfte, wollte und vor allem auch konnte, wo ich noch vor ein paar Monaten nicht mal in der Lage war, das Haus geschweige denn mein Bett zu verlassen und der festen Überzeugung, dieser Zustand würde sich niemals wieder ändern. Nicht mehr vom Krankengeld abhängig war, von dem damals nach Abzug meiner Fixkosten genau 30 Euro übrig blieben. Dass es sich etwas schwierig gestaltet, von 30 Euro im Monat zu leben, muss ich an dieser Stelle denke ich nicht weiter ausführen. Wodurch mir meine Zeit in der Klinik erfreulicherweise noch durch das Stellen eines Hartz 4-Antrages versüßt wurde. Eine Angelegenheit, die bei mir selbst ohne Konzentrationsstörungen, chronischen Schlafmangel und zu der Zeit diverse andere akute Symptome nicht auf Begeisterung gestoßen wäre. Von meinen Erfahrungen auf diversen Ämtern und meiner aufschlussreichen und inspirierenden Begegnung mit dem netten und hilfsbereiten Herrn von der Krankenkasse erzähle ich zur allgemeinen Unterhaltung gerne bei Gelegenheit.

Einfach wieder gewisse finanzielle Freiheiten zu haben, nicht jeden, wirklich jeden einzelnen Cent umdrehen zu müssen und vor allem nicht mehr von einer anderen Instanz abhängig zu sein. Das hat sich einfach nur gut angefühlt. In der Gastronomie zu arbeiten, was mir, ob neben dem Studium oder auch mal in Voll-oder Teilzeit entgegen vieler Zweifel, kritischer Stimmen und teilweise berechtigter Sorge in meinem Umfeld, schon immer sehr viel Spaß gemacht hat. Mir sowohl der Austausch mit den Gästen als auch die Arbeit in einem gut funktionierenden Team einfach liegt und mich irgendwie erfüllt. Durch das unschlagbare Team auf Fehmarn und die Freundschaften, die dort sehr schnell entstanden sind, fühlte sich die Arbeit trotz der eigentlich unmenschlich langen Schichten und der nicht enden wollenden Schlange von Gästen nie wirklich wie Arbeit an. Der dort herrschende Teamgeist hat alles kompensiert.

Ich hatte schon lange nicht mehr so viel Spaß auf der Arbeit. Noch dazu den schönsten Arbeitsweg der Welt zu haben und morgens mit meiner verrosteten Klappermühle über knallgelbe Rapsfelder am glitzernden Wasser entlang zu trödeln, die Fehmarnsundbrücke majestätisch am Horizont, die kreischenden Möwen am fast immer blauen Himmel über mir, frische Ostseeluft, die mir um die Nase wehte. Vor Schichtbeginn mit den Kollegen Kaffee und Kippchen in der Sonne auf der Terrasse, die die nächsten zehn Stunden rappelvoll mit Touristen sein würde. Was uns trotzdem nicht aus der Ruhe bringen oder uns gar die gute Laune verderben würde. Die Unentbehrlichkeit von schlechten Witzen und einfach nur dummem Gelaber auf der Arbeit. Die Weite des Meeres direkt vor unserer Nase. Die Kiter, die bei Wind ihre Bahnen von links nach rechts und zurück zogen, sich ab und zu in die Lüfte erhoben und manchmal für den Bruchteil einer Sekunde scheinbar dort einfroren. Die in den Yachthafen ein- und auslaufenden Segelboote und Fischkutter. Als der Sommer in vollem Gange war, morgens vor der Arbeit und schon vom Radfahren nassgeschwitzt vom Steeg in die Ostsee zu hüpfen und jede kleine Pause am Tag zu nutzen, um genau das zu wiederholen. Sich mit Arschbomben und Rückwärtssaltos zu batteln. die Blaualgenwarnungen zu ignorieren. Auf der Vollmondparty alle zusammen nackt und vom Wasser aus die Mondfinsternis zu bestaunen. Kurz vor Feierabend gemeinsam mit den Gästen, König-der-Löwen-Soundtrack oder anderer dramatischer Musik einen der schönsten Sonnenuntergänge miterleben zu dürfen, die ich je gesehen habe. Jeden Abend aufs Neue. Sieben Monate lang. Und das nicht 30 Flugstunden entfernt, sondern direkt vor unserer Nase. All diese Dinge hatten die Tatsache, dass so eine Saison in der Gastronomie auf einer Touristeninsel doch mehr als knackig sein kann, erstmal für mich kompensiert. So dass ich erst ganz am Ende, als ich irgendwann runterkam, merkte, wie anstrengend die letzten Monate doch gewesen waren. Trotz aller Schönheit, Freiheit und Magie.

Ganz am Anfang war ich nach den Schichten, die zu Beginn der Saison aufgrund des früheren Sonnenuntergangs noch deutlich kürzer waren, überdurchschnittlich erschöpft gewesen und musste mich erst wieder an das Pensum gewöhnen. Überhaupt daran, wieder zu arbeiten, körperlich, aber auch was meine Konzentration und mein Erinnerungsvermögen betraf. Das Energielevel vor meiner schweren depressiven Episode 2017 habe ich bis heute nicht wieder erreicht und brauche immer noch deutlich mehr Pausen und Erholung als die anderen Menschen in meinem Umfeld. Zu viel Stress oder eine zu starke Belastung über einen zu langen Zeitraum ohne regelmäßige und ausreichende Pausen sind bei mir mittlerweile fast die Garantie für einen Ausflug in Gefilde weit jenseits der Nulllinie. Eine Erkenntnis, die zu akzeptieren mir anfangs schwer fiel. Diese Auslöser habe ich nach und nach zu identifizieren gelernt, der Umgang mit ihnen und vor allem auch deren Reduzierung auf ein Minimum ist nach wie vor konstante Arbeit. Die immer wieder auf’s Neue ein hohes Maß an Achtsamkeit, Reflexion und Einsicht erfordert, was oft anstrengend ist. Vor allem, weil die Kunst, um nicht aus der nächsten Kurve herausgeschleudert zu werden, darin besteht, frühzeitig abzubremsen. Dabei macht schnelles Fahren doch so viel Spaß und bremsen kann man doch auch noch später. Oder nicht?

Auf Fehmarn habe ich zum ersten Mal seit der Klinik wieder gearbeitet, in der ich zwar einiges an Theorie gelernt hatte, vor allem was Belastungsgrenzen oder Überlastung angeht. Aber das Wissen darum und die Umsetzung dieses Wissens sind, wie ich im herbstlichen Nachhilfeunterricht dann auf die etwas härtere Tour lernen musste, einfach doch zwei paar Schuhe. Vor lauter Begeisterung, dass ich wieder unabhängig war und ich trotz allem wieder arbeiten konnte, hatte ich relativ schnell das gesunde Maß aus dem Blick verloren und es mit den langen Schichten wohl etwas übertrieben. Dachte mir, klar, ist schon anstrengend, aber so lange es mir so viel Spaß macht, kann es doch nicht schlecht sein. Kann es doch. Auch positiver Stress gepaart mit überdurchschnittlicher körperlicher Belastung kann irgendwann zu viel sein. Wird.

Ich finde Gas geben nach wie vor super.

Allerdings merke ich immer öfter, dass ich die Kurve irgendwie besser kriege, wenn ich rechtzeitig abbremse.

Sets. Wähle deine Welle weise.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Ich sitze frisch geduscht in meinem etwas in die Jahre gekommenen, aber immer noch ausreichend flauschigen Bademantel in meiner Küche. Meine in kuschelige und damals Masche für Masche sorgfältig von Oma gestrickte bunte Wollsocken eingepackten Füße an die heiße Heizung gedrückt, die den Raum mit der für sie so typischen und etwas stickigen Luft füllt. Ich kann die Wärme förmlich einatmen. Vor mir auf dem Tisch flackert und knistert eine Kerze in dem alten Messinghalter. Die kleine Espressomaschine auf dem Herd blubbert mit den silbergrauen Wölkchen, die aus dem Schornstein im Hinterhof wie flauschige Wattebäuschen hervollquellen, um die Wette. Ich öffne kurz das Fenster, um den Dampf aus dem Badezimmer herauszulassen, das sich tatsächlich in meiner Küche befindet, was manchmal mehr, manchmal weniger gut, aber insgesamt ziemlich amüsant und auch ganz schön praktisch ist. Frische kalte, aber noch nicht eisige Morgenluft strömt herein. Die Sonne erklimmt erhaben das letzte Häuserdach und flutet den Innenhof mit einem zarten warmen Goldorange. Ich atme die frische Luft tief ein, strecke mich und drehe das Radio auf. Der Herbst ist da.

In den letzten Jahren habe ich ihm immer mit einer gewissen Skepsis entgegengesehen. Vielleicht sogar Ablehnung. Angst. Wollte den Sommer, seine Wärme, die Helligkeit und die langen Tage nicht loslassen. Wie vermutlich 90 Prozent der deutschen Bevölkerung. Aber es gab noch einen anderen Grund für meine Gefühle gegenüber dieser Jahreszeit, die doch so wunderschön sein kann. Ich kann mich nicht genau erinnern, wann es anfing. Ich weiß nur, dass es schon sehr sehr lange so war. Vor allem die letzten fünf Jahre vor meinem Klinikaufenthalt im Herbst 2017 erinnere ich fast bildhaft und sehr gut. Die Tage wurden kürzer, das unermüdliche Strahlen des Sommers schwächer, die Helligkeit matter. Der Spätsommer konnte sich noch so von seiner besten und schokoladigsten Seite zeigen, in meinem Inneren wurde es heimlich und leise, aber unaufhaltsam dunkler. Abgesehen von meinen Tagebucheinträgen kann ich den genauen Zeitpunkt dessen so genau einordnen, da ich in den letzten Jahren immer den Geburtstag einer guten Freundin Ende September verpasst hatte, weil es mir so schlecht ging, dass das letzte, was ich hätte gebrauchen oder ertragen können, viele und noch dazu gut gelaunte Menschen auf einem Haufen gewesen wären. Auch wenn es mir jedes Mal Leid tat und sie jedes Mal enttäuscht war. Nach ein paar Jahren wusste sie Bescheid, erwartete nichts Anderes mehr und wir holten ihren Geburtstag später zu zweit nach, bei Kuchen und Kaffee. Und es war okay so.

Anfangs dachte ich immer, das wäre wohl einfach eine lupenreine Herbstdepression, wie sie viele Menschen aufgrund des Lichtmangels in unseren Breitengraden haben. Kein Wunder bei der vielen Dunkelheit, Kälte, Sturm und Regen. Ich besorgte mir eine Tageslichtlampe. Stellte fest, dass es mich ganz schön aggressiv machte, früh morgens in so ein grelles und unnatürliches Licht zu glotzen und meine Laune dadurch definitiv nicht besser wurde. Mampfte fleißig teure Vitamin D-Präparate. Meldete mich widerwillig wieder beim Fitnessstudio an, wo ich manchmal auch einfach nur in die Sauna ging, ohne mich vorher auf irgendeinem blöden Crosstrainer und unter den Blicken tättowierter Muskelprotze und abgemagerter top gestylter Mädels zu langweilen, die unauffällig auf die Anzeige deines Kalorienverbrauchs schielten. Ging bei Wind und Wetter an der Elbe spazieren. Versuchte, so gut wie möglich vorzusorgen. Nicht, dass mir manches davon nicht gut tat. Aber trotzdem kam die Klatsche zuverlässig wieder. Es geht doch nichts über deutsche Pünktlichkeit.

Nach der ausführlichen Analyse der letzten Jahre, die ich mit meinen Therapeuten und Ärzten in der Klinik auf Grundlage all meiner Tagebücher aufstellen musste, und der darauf folgenden Bipolar II-Diagnose weiß ich heute, dass es sich dabei um den Waschmaschinenschleudergang handelte, der unweigerlich auf das Surfen der größten Wellen im vorangegangenen Frühjahr und Sommer folgen musste. Neujahrs-Line-Up. Take-Off im Frühling. Ein Sommer voller High Tides, Pointbreaks, Barrels und grüner Wellen.

Dann ohne Vorwarnung und Umwege per Schleudergang direkt in die Impact-Zone.

Close-Out.

Nicht jedem Anfang wohnt ein Zauber inne…

Bildquelle: Michel Rosenberg

Meins. Ab jetzt.

„Pffffff.“

Ich starre an die Decke. Die Decke, die gar keine Decke ist, sondern der
Lattenrost des Bettes über mir. Alte vergilbte Holzplanken und zwischen
ihnen eine verwaschene Matratze, die definitiv schon bessere Zeiten
gesehen hat. Wie die Matratze, auf der ich selbst bewegungslos und wie
erstarrt liege, unter dem billigen Bettlaken aussieht, will ich gar nicht
wissen.

„Pffffff.“

Ich liege im Schlafraum eines Hostels. In Singapur. Ich habe die Betten
nicht gezählt, aber es dürften so um die 30 sein. Ich habe mein Handy schon
lange nicht mehr gecheckt, deswegen weiß ich nicht, wie viel Uhr es ist.
Dazu müsste ich mich bewegen und mit der Hand unter mein Kopfkissen
greifen, wo ich das Handy am Abend zuvor versteckt habe. Damit es nicht
geklaut wird. Vielleicht ist es nachmittags.

„Pffffff.“

Aus dem Fenster kann ich nicht schauen, da alle Vorhänge zugezogen sind.
Wahrscheinlich hat sich keiner der anderen Backpacker überhaupt erst die
Mühe gemacht, sie aufzuziehen, weil sie direkt nach dem Aufstehen
frühstücken gegangen sind. Und direkt nach dem Frühstück ihre Sachen
gepackt haben, um die Sehenswürdigkeiten der Stadt zu erkunden. Mit dem
Boot zu fahren. Einen Ausflug nach Sentosa Island zu machen. Oder sich
mit dem ultraschnellen Aufzug auf die obere Plattform dieses riesigen
Hotels zu beamen. Sieht so aus, als würde ein Schiff auf drei Säulen liegen.
So lang wie die Hotelkomplexe hoch. Mit Infinity Pool.

„Pffffff.“

Ich bin alleine in dem großen kahlen Raum. Ein seelenloser Raum, in dem
lieblos ein paar Messingstockbetten aufgestellt wurden. Aber für den Preis
pro Nacht darf man sich echt nicht beschweren. Allein meinen Augenlidern
den Impuls zum Blinzeln zu geben kostet mich fast unüberwindbare Kraft.
Kraft, die still und heimlich aus meinem Körper und Geist gewichen ist,
ohne auch nur einen winzig kleinen Rest übrig zu lassen. Wenigstens ein
paar Krümel, an denen ich mich festklammern könnte. Etwas, das mir sagen
könnte, es geht vorbei, es wird schon wieder. Du schaffst das. Sie ist einfach
gegangen, ohne mir die Möglichkeit zu geben, sie aufzuhalten. Ihr zu sagen,
dass ich sie noch brauche. Sie ist weg. Als wäre sie niemals da gewesen.

„Pffffff.“

Ich habe keinen Hunger. Schon seit Tagen nicht mehr. Im Hostel gibt es
jeden Tag weißes labberiges Toastbrot, Erdnussbutter und Marmelade
umsonst im Frühstücksraum. Peanut butter jelly. All day long. Fand ich
eigentlich immer geil. Vorgestern habe ich mich noch irgendwie dorthin
geschleppt, um dann sofort wieder umzukehren, weil sich dort so viele
Leute getummelt haben. Sich auf unterschiedlichsten Sprachen unterhalten
haben. Alle gut gelaunt. Kommunikativ. Offen. Traveller’s high. War ich
das nicht selbst noch vor gerade mal zwei Wochen? Konnte ich so etwas
mal? Wo ist dieses Ich hin? Wo bin ich hin?

„Pffffff.“

Es ist die letzte Etappe meiner Reise. Die Reise, auf die ich so lange
hingefiebert hatte und es gar nicht erwarten konnte, wegzukommen aus
meinem alten Leben. Der Schule. Den Leuten dort, die mir nie wirklich lagen.
Dem Leistungsdruck, den ich mir selbst immer gemacht hatte. Nur ich selbst
und niemand anderes. Die Regeln, die andere für einen machten. Ich hatte
Freunde. Gute sogar. Aber irgendwie hatte ich immer das Gefühl, dass ich
nicht auf denselben Bahnen schwamm wie sie. Nicht besser. Auch nicht
schlechter. Einfach anders. Ich hatte damals das Gefühl, die meisten von
ihnen waren zufrieden mit dem, was sie hatten. Mit dem, was war. Ich nicht.

Ich wollte mehr. Ein Teil von mir wollte ausbrechen, frei sein, durchdrehen,
endlich unvernünftig sein, Neues sehen, Altes hinter mir lassen, Neues
erleben, Altes vergessen. Auf die Suche gehen. Nach etwas, von dem ich
noch nicht wusste, was es sein würde. Aber was ich wusste war, dass ich es
finden würde. Und dass ich das nur könnte, wenn ich abhaute. Weit weg.
Per Anhalter raus aus jeder erdenklichen Komfortzone.

„Pffffff.“

Ich hatte lange das Gefühl, über viele, vielleicht sogar die meisten Dinge
keinerlei Kontrolle zu haben. Ich lebte nicht mein Leben, sondern auf eine
gewisse Weise lebte es mich. Diesem Gefühl von Kontrollverlust und
Machtlosigkeit habe ich vermutlich meine stets überdurchschnittlichen
Leistungen zu verdanken. Und das nicht im positiven Sinne. Es war auch
nicht so, dass ich keine Menschen in meinem Leben gehabt hätte, die mich
liebten. Die ich liebte. Ganz im Gegenteil. Dass ich keine schöne und
behütete Kindheit oder Jugend gehabt hätte. Nein, auch das war es nicht.
Manchmal quälte mich ein schlechtes Gewissen, weil ich mir so undankbar
vorkam. Aber da war etwas in mir, das befreit werden wollte. So etwas wie
ein „wahres Ich“, begraben unter vielen anderen Dingen, die es jahrelang
stets in Schach gehalten hatten. Diese Dinge wollte ich wegschaufeln und
schauen, was sich darunter verbarg. Ob da nicht noch mehr war.

„Pffffff.“

Australien. Neuseeland. Bali. Fiji. Singapur. So viele Sehnsuchtsorte, die
ich in den letzten Monaten besucht hatte. So viele Eindrücke.
Wunderschöne Erlebnisse. Unvergessliche Erfahrungen. Magische
Momente. Außergewöhnliche Menschen. Inspirierende Gespräche.
Bereichernde Begegnungen. Pulsierende Metropolen. Landschaften und
Natur, die ich mir noch vor einem Jahr nicht einmal zu erträumen gewagt
hätte. Jobs, von denen ich niemals gedacht hätte, dass ich sie einmal machen
würde oder könnte. Das erste eigene Auto. Ohne Versicherung.
Freundschaften, von denen ich wusste, sie würden bleiben. Verliebtsein, von dem ich wusste, dass es nicht bleiben würde. Der Reiz, der genau darin lag.
Das Gefühl von Unabhängigkeit, Freiheit und Selbstbestimmung, nach dem
ich mich so lange gesehnt hatte. Mein Leben. Mein Ich. Meins. Alles.
Glückseligkeit.

„Pffffff.“

Noch vor zwei Wochen fuhr ich mit einem überdimensionalen Rasenmäher
über die Farm im obersten Norden Australiens, wo ich einige Wochen lang
arbeitete. Ein älteres, unfassbar herzliches Pärchen, Heather und Jerry, die
ein Bed and Breakfast dort mitten im Nichts betrieben, die ich bei der
täglichen Arbeit unterstützte. Wwoofing hieß das. Das stand für „Willing
workers on organic farms“. Eine gängige Art für Reisende, eine Zeit lang
Geld zu sparen, indem sie ihre Arbeitskraft für Unterkunft und Essen zur
Verfügung stellten, meistens auf einer Farm.

„Pffffff.“

Noch vor zwei Wochen stand ich jeden Morgen voller Euphorie mit dem
Sonnenaufgang auf, schnitt Hecken, machte die Betten und putzte die
Räume des Bed and Breakfast. Half Heather nachmittags auf der
lichtüberfluteten Veranda des Farmhaupthauses beim Kumquat-Marmelade
einkochen. Bretterte lachend mit dem Rasenmäher über das riesige
Farmgelände und ließ mich so durchschütteln, dass ich mich am nächsten
Tag für das Tragen von zwei BHs übereinander entschied und allen
Daheimgebliebenen davon erzählte, weil ich es so lustig fand. Bekam eines
Nachts panische Angst, weil ich undefinierbare schlurfende Schritte auf
dem Flur in Richtung meines Schlafzimmers hörte. In einer riesigen Hütte
mitten im Busch, die ich ganz allein bewohnte. Nur um irgendwann
festzustellen, dass es sich nicht, wie befürchtet, um einen australischen
Busch-Axtmörder, sondern ein kleines niedliches Wombat-Tierchen
handelte, das auf dem Wellblechdach seine Runden drehte. Entdeckte beim
nächtlichen Gang zur Toilette einen riesigen grünen Frosch im Klo, erschrak mich zu Tode und entschied mich spontan zum Freiluftpinkeln, obwohl ich
mich dabei im dunklen Nichts mindestens genau so gruselte.

„Pffffff.“

Noch vor zwei Wochen fuhr ich jeden Nachmittag nach der Arbeit mit dem
Fahrrad durch das nahegelegene Naturschutzgebiet, in dem Jerry
Wandertouren für Touristen anbot, verlor mich in der unendlichen Weite
dieses faszinierenden Landes, von dem ich in der langen Zeit trotzdem nur
einen so klitzekleinen Teil gesehen hatte, ignorierte die Verbotsschilder,
fuhr weiter und sah hier und da kleine Krokodile und gar nicht mal so kleine
Schlangen am Wegrand.
Saß jeden Nachmittag zum Afternoon-Tea und jeden Abend zum Dinner mit
Heather und Jerry zusammen und kam aus dem Staunen gar nicht mehr
heraus. Über ihr Leben. Ihre Geschichten. Heather war Krankenschwester
bei den Flying Doctors gewesen, hatte damals in New York ihre Ausbildung
gemacht und in ein paar Jahrzehnten vermutlich mehr erlebt als andere
Menschen in einem ganzen Leben nicht.
Vor noch zwei Wochen lief ich jeden Abend nach dem Essen mit meiner
großen Taschenlampe den kleinen Trampelpfad durchs Stockfinstere zurück
zu meiner Hütte, sah Schlangen, hoffte, dass es keine Brown Snake war, der
ich versehentlich den Weg versperrte, sie somit in Bedrängnis brachte und
zur Verteidigung provozierte. Machte meine Taschenlampe aus, sah nach
oben in den abgefahrensten Sternenhimmel, den ich je in meinem Leben
gesehen hatte. Stellte fest, wie unfassbar weit weg ich wirklich von zu
Hause weg war. Denn der große Wagen und alle anderen Sternbilder
standen Kopf. Weil ich auf der anderen Erdhalbkugel war. Ganz alleine.
Und so unfassbar frei.

„Pffffff.“

Und nun liege ich hier. Ganz alleine. Und so unfassbar traurig. Verzweifelt.
Ohne jegliche Hoffnung, dass dieser Zustand jemals vorbeigeht. Ich bin mutterseelenallein am anderen Ende der Welt. Keiner, der mir helfen kann.
Keiner, der mir jemals helfen können wird. Während eine immer größer
werdende bleierne Schwere meinen Körper bis zur absoluten Erstarrung
lähmt, scheint mein Herz unter dieser Last erdrückt zu werden und pocht
und rast panisch um sein Leben. Ich frage mich, ob so ein Herz einfach so
stehen bleiben kann. Weil es nicht mehr möchte. Weil die Last zu schwer
wiegt. Weil die finsteren und vernichtenden Gedankenspiralen in meinem
Kopf es umwickeln wie Stacheldraht und immer fester zudrücken. Bis es
aufhört zu schlagen. Einfach so.

„Pffffff.“

Ich muss pinkeln. Komisch, denke ich. Denn ich kann mich nicht erinnern,
wann ich das letzte Mal etwas getrunken habe. Ich kann nicht aufstehen.

„Pffffff.“

Ich spüre etwas vibrieren. Es muss wohl mein Handy sein unter meinem
Kopfkissen. Die Vibration überträgt sich direkt in mein Gehirn. Ich
wünsche mir so sehr, dass es meine Gedanken einfach wegvibriert. Ich kann
sie nicht stoppen. Sie werden immer finsterer und düsterer. Ich kann nichts
gegen sie tun, ich habe nicht die Kraft dazu. Sie ergreifen Besitz von
meinem Geist, der schließlich zur unumstößlichen Gewissheit kommt, dass
alles absolut hoffnungslos ist und auch immer so bleiben wird. Dass sich
niemals wieder etwas daran ändern wird. Dass ich komplett machtlos bin. In
einer Welt, in der ich keinen Platz mehr habe.

„Pffffff.“

Das Vibrieren hat aufgehört. Die Gedanken nicht. Ein paar Minuten oder
vielleicht auch Stunden später fängt das Handy erneut an zu vibrieren. Ich
habe das Gefühl für Raum und Zeit verloren. Da, wo normalerweise
vermutlich mal so etwas wie positive Empfindungen wären, ist Leere und
Nichts. Was ist schon normal. Wahrscheinlich ist es Mama. Oder Papa. Die
spüren das.

„Pffffff.“

Kurz bevor ich fast ins Bett pinkle, erweist mir mein Körper den ersten und
einzigen Dienst des Tages und steht irgendwie auf. Ich sehe mich wie aus
einer Vogelperspektive und in Zeitlupe zum Klo gehen. An der Rezeption
vorbei. „What’s up?“, meine ich aus weiter Ferne zu hören. Worte, die an der
Blase, die sich um mich herum gebildet hat, abfedern und weiterhüpfen wie
ein Flummi. Ich hebe nicht den Kopf, sondern gehe weiter Richtung
Toiletten. Mein Körper setzt einen Fuß vor den anderen. Wie er das wohl
macht, frage ich mich. Wie all die Körper auf dieser Welt all diese
anstrengenden Schritte tun. Stunde um Stunde. Tag für Tag. Jahr für Jahr.
Ein Leben lang. Unvorstellbar. Als ich die leeren Waschräume betrete,
schaffe ich es nicht einmal zur Toilettentür und übergebe mich direkt in das
Waschbecken links neben mir. Da ich nichts gegessen habe, färbt sich das
Schneeweiß vor mir sonderbar grün, meine Speiseröhre brennt, als würde
Säure in ihr hochsprudeln. Und dann würge ich nur noch. Möchte all den
Schmerz, all die Traurigkeit, all die Angst und Hoffnungslosigkeit
herauswürgen. Aber alles bleibt erbarmungslos in mir. Ich blicke in den
Spiegel. Hätte ich die Kraft dazu, würde ich mich erschrecken. Aber auch
das ist mir egal. Meine ungewaschenen Haare kleben verschwitzt an meiner
Stirn. Ich bin bleicher als das Waschbecken vor mir, meine Lippen platzen
an einigen Stellen auf. Über finsteren Augenringen liegen Augen in tiefen
Höhlen und starren mich blicklos und leer an. Ich kenne diese Augen nicht.
Aus ihnen ist jede Lebendigkeit und jeder Glanz gewichen. Lebendigkeit,
die vor nur kurzer Zeit noch so überwältigend war, das ich nicht wusste,
wohin mit meiner übersprudelnden Freude, Euphorie und Liebe.
Lebendigkeit, an die ich mich schon jetzt nicht einmal annähernd mehr
erinnern kann. Die soweit weg ist, das ich sie nicht greifen kann. Vielleicht
hat sie auch nie existiert.

„Pffffff.“

Ich habe es irgendwie zurück ins Bett geschafft und bin so erschöpft, dass
ich am liebsten sofort schlafen würde. Einfach nur schlafen. Vergessen.
Aber mein Körper hat keine Gnade, kein Erbarmen und lässt mir schon seit
Tagen keinen Moment des Wegdriftens. Die einzige Zeit, die eine kurze
Erholung von dieser unendlichen Qual gewähren könnte. Ich fühle mich, als
würde ich sterben wollen. Ich will nicht sterben wollen. Ich möchte nur nach
dem nächsten Schlaf am nächsten Morgen nicht aufwachen müssen. Für
eine lange Zeit. Wie ein Winterschlaf.

„Pffffff.“

Mein Flug nach Hause geht in zwei Tagen. Ich habe keine Ahnung, wie ich
all die Impulse an meinen Körper senden soll, damit dieser noch einmal
funktioniert. Die notwendig wären, um mit all meinen Sachen all die
Kilometer zu diesem Flughafen zu fahren und irgendwie in Deutschland zu
landen, Warum überhaupt nach Deutschland? Studium. Auch das könnte
mir nicht gleichgültiger sein. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass
ich mich eigentlich einmal darauf gefreut hatte und immer wusste, dass ich
genau das in genau dieser Stadt studieren wollte. Bis vor zwei Wochen
vermutlich.

„Pffffff.“

„Miss? Miss! Phone! For you. Dad!“
Neben mir steht die Rezeptionistin und streckt mir einen Telefonhörer
entgegen. Sie hat knallrote Haare. War mir vorhin gar nicht aufgefallen.
Kann man eigentlich nicht übersehen. Ich greife wie in Zeitlupe nach dem
Hörer. Halte ihn an mein Ohr. Und höre die Stimme meines Vaters. Diesen
Tonfall kenne ich nicht von ihm. Er macht mir Angst. Ich frage mich noch,
wie er es ohne jegliche Englischkenntnisse wohl geschafft hat, dem Mädel
von der Rezeption beizubringen, wer er ist und was er möchte. Vielleicht
hatte Mama ihm das aufgeschrieben. Egal. Das, was in den nächsten
Minuten zwischen uns stattfindet, kann man nicht als Gespräch bezeichnen.

Abwechselnd reden meine Eltern mich ein. Dann weint Mama und Papa
nimmt den Hörer wieder an sich. Mama schluchzt und redet abwechselnd im
Hintergrund weiter, was mich verwirrt. Sie hätten mit dem Arzt gesprochen,
mehrmals. Sie sagen mir, was er gesagt hat. Die Worte flattern als leere
bedeutungslose Buchstaben in mein Ohr und ohne Zwischenstopp im
Gehirn auf der anderen Seite wieder heraus. Arzt. Bin ich krank? Was
verdammt noch mal fehlt mir? Zumindest schon mal die Worte, um diesen
abartigen Zustand, in dem ich mich seit gefühlter Ewigkeit befinde, auch
nur annähernd beschreiben zu können. Ich weiß nur, dass sich der Gedanke,
all das auch nur einen Tag, eine Stunde, eine Minute länger ertragen zu
müssen, sich jeglicher Vorstellungskraft entzieht. Den einzigen
zusammenhängenden Satz, den mein Sprachsteuerungszentrum im Laufe
des Telefonats hervorbringt, ist: „Papa, ich kann nicht mehr.“
Als ich auflege, ohne ein Tschüss zu erwidern, ist sein Flug nach Singapur
gebucht. Es gab keinen früheren als den in drei Tagen. 72 Stunden. 72
Stunden, die vor mir liegen, bis mich jemand retten kommt. Rettet wovor?

„Pffffff.“

Ich würde mein Leben lang kein gesundes Verhältnis zu automatischen
Raumerfrischern mehr haben.

Dafür aber nach zehn Jahren zahlloser Höhen und Tiefen, Fortschritten und
Rückschlägen ein für mich gesundes Verhältnis zu meiner Krankheit. Und
die Erkenntnis, dass ich mich nicht nur trotz, sondern auch mit ihr gesund fühlen kann.