Im hoffnungslosen Fall

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Einen Fuß vor den anderen setzen. Schritt für Schritt. Weiter. Immer weiter.

Einen Zombie, bitte.

Ich weiß nicht, wie lange ich schon unterwegs bin. Ich weiß nur, dass ich das Haus verlassen habe, als es noch dunkel war. Und es ist Sommer. Also muss es weit vor 6 Uhr morgens sein. Das Gefühl in mir war unerträglich geworden. Ich war mir sicher, mein Körper würde das nicht eine Sekunde länger mehr mitmachen. Was hätte ich dafür gegeben, einfach aus ihm herauszuschlüpfen und zu flüchten. An einen fernen Ort. An dem ich sicher wäre vor der Erbarmungslosigkeit, mit der Schmerz, Panik und tiefste Hoffnungslosigkeit in meiner Seele wüteten. In seiner Machtlosigkeit hatte mein Körper wortwörtlich versucht, all das von sich zu stoßen. Ich hatte mich die halbe Nacht übergeben. Aber außer zunehmender Erschöpfung und Kraftlosigkeit hatte auch das keinen Effekt gehabt. Ähnlich wenig wie das Plündern des kompletten Restbestands der in meinem Haushalt verfügbaren Alkoholika in der Nacht zuvor. Die Mischung von Kirschwasser, Cognac, billigem Weißwein vom Kiosk und selbstgebranntem Dattelschnaps kann ich nicht wirklich empfehlen. Allerdings muss man dieser kreativen Cocktailkreation zu Gute halten, dass die Verneblung, die ich durch das zügige Herunterkippen eben jener verhältnismäßig schnell erreichte, sowie das ebenso ziemlich zügige Auskotzen derselben, zumindest für eine kurze Zeit das unerträgliche Gefühl in mir übermannt hatten. Alles war besser, als die Ausgeburt der Hölle in mir. Und wenn Kirschwasserkotze die bessere Alternative ist, muss es schon ziemlich beschissen um dich stehen.

Also lief ich los.

Einen Fuß vor den anderen setzen. Schritt für Schritt. Weiter. Immer weiter.

In der Not…

Irgendwann war ich an der Elbe angekommen. Ich schlüpfte durch das Geländer und setzte mich auf die Kaimauer. Drehte mir eine Zigarette. Rauchte sie. Drehte mir noch eine. Rauchte auch diese. Noch eine. Und noch eine. Hinter den Docklands kroch langsam die Sonne den Horizont empor, um den Hafen kurz darauf mit strahlend goldenem Licht zu fluten. Ein Bild von fast einschüchternder Schönheit. Als ob mir diese verdammte Stadt unter die Nase reiben wollte, wie schön die Welt doch war. Und wie undankbar ich, deren Inneres selbst durch die hellsten Sonnenstrahlen nichts an seiner alles vereinnahmenden Dunkelheit zu verlieren vermochte. Die Diskrepanz zwischen diesem Schwarz in mir und der Schönheit um mich herum machte mir noch einmal schmerzhaft bewusst, wie tief ich gefallen war.

…tritt der Teufel wieder in die Kirche ein.

Was für ein hoffnungsloser Fall. Im wahrsten Sinne. Und dass sich dieser Zustand niemals wieder ändern würde. Dass ich das nicht aushalten würde. Wenigstens das war sicher. Egal wie sehr ich darum flehte und sogar betete. Ich glaubte nicht an Gott. Und er machte dummerweise auch keine Anstalten, mir zu helfen. Vielleicht war sein Support nur denen vorenthalten, die nicht wie ich aus der Kirche ausgetreten waren und weiterhin brav ihre Kirchensteuer zahlten. Wer weiß.

„Ist alles okay bei dir?“

Liebeskummer an die Macht!

Gerade bin ich meinem Körper für seine bleierne Schwere ausnahmsweise mal dankbar. Sonst wäre ich vor Schreck vermutlich von der Kaimauer gefallen. Auf der anderen Seite der Brüstung steht ein Mann mittleren Alters mit verhältnismäßig besorgter Miene und einer ziemlich teuren Spiegelreflex, die an einem Gurt um seinen Hals baumelt. In der Hand hält er ein Stativ. Erst als die Worte, die ich versuche zu sprechen, meine Lippen und damit zwangsläufig auch einen Teil meines Gesichts bewegen, fällt mir auf, dass ich ganz schön verheult aussehen müsste, weil meine Wangen scheinbar ein exklusives Salzlifting verpasst bekommen haben. Auf jeden Fall ist irgendwie alles verklebt. Weswegen ich direkt zu der Erkenntnis komme, dass es verschwendete Energie wäre, eine Fassade aufrecht zu erhalten, wo keine ist. Von daher heule ich einfach weiter und sage: „Nein, nichts ist okay.“ Auf eine seltsam unaufdringliche und einfühlsame Art und Weise fragt der Fremde, ob ich Liebeskummer habe. Was würde ich dafür geben, einfach nur normalen beschissenen Liebeskummer zu haben! Das wäre wie ein Sechser im Lotto. Balsam für die Seele. Ein Sabbatical im Kloster. Aber dummerweise gibt es gerade keinen Kerl in meinem Leben, um den es sich zu trauern lohnen würde. Ich nehme mir schon mal fest vor, den nächsten Liebeskummer wie königlichen Besuch feierlich mit einem roten Teppich zu empfangen und ihn in vollen Zügen zu genießen. Das wird ein Fest!

Verschnaufpause.

Das Interessante an dieser Begegnung mit Knut, der eigentlich anders heißt, ist, dass er, ohne mich länger als ein paar Minuten zu kennen, innerhalb kürzester Zeit so viele gute und wahre Dinge zu mir sagt, dass es mir tatsächlich kurz etwas besser geht. Was angesichts der Tatsache, dass ich mich nicht erinnern kann, wann ich mich jemals so furchtbar gefühlt habe in meinem Leben, schon echt ne Leistung ist. Er hört zu. Versteht. Erzählt von seinem Sohn und dessen Erfahrungen mit Depressionen. Seiner Frau. Seinem Burn-Out. Er schafft es irgendwie, einmal den Pausenknopf in meinem mentalen Abwärtsspiralenprogramm zu drücken. Mich sanft am Arm zurück zu ziehen, um mir zu zeigen, dass ich nicht die volle Ladung Wasser abbekomme, wenn ich einen Schritt zurück gehe. Wasser, das sich durch die vorbeirasenden Autos tsunamiartig über mich ergießen würde. Weil ich viel zu nah an der Straße stehe. Unsere Unterhaltung dauert vermutlich nicht länger als eine halbe Stunde. Und doch ist es eine Begegnung, an die ich noch lange zurückdenken werde. Es auch heute noch oft tue. Weil sie mich gelehrt hat, dass selbst die allerschwärzesten Momente unverhofft einen Funken Hoffnung enthalten können. Auch wenn wir diesen vielleicht erst später so einordnen. Dass Zwischenmenschlichkeit sich auch auf dem unsichersten Terrain selbstsicher bewegen kann. Und dass auch die Verbindung zu einem Fremden für einen Moment reichen kann, um uns nicht mehr ganz so alleine zu fühlen.

Die andere Seite.

Bevor wir uns verabschieden muss ich Knut versprechen, dass ich nicht in die Elbe springen werde, ihm meine Nummer gebe und mich später noch einmal melde. Ich mag zwar in jeglicher anderer Hinsicht gerade unzurechnungsfähig sein, aber meine Menschenkenntnis und Intuition hat mich bisher selten im Stich gelassen. Es ist eine väterliche Fürsorge, die er ausstrahlt. Nicht mehr und nicht weniger. Als er in Richtung Hafen davonläuft, blicke ich ihm noch lange hinterher und frage mich, was er wohl fotografiert hat. Nach einer Zeit, die ich nicht abschätzen kann, klettere ich über die Brüstung zurück auf die andere Seite und setze meinen Weg fort. Wohin und wie weit weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass ich in Bewegung bleiben muss.

Einen Fuß vor den anderen setzen. Schritt für Schritt. Weiter. Immer weiter.

Mein Handy brummt in meiner Jackentasche und ich öffne die WhatsApp-Nachricht einer unbekannten Nummer. Knut hatte kurz bevor er mir begegnet war, das wohl schönste Bild vom Sonnenaufgang über Hamburg eingefangen, das ich bis heute zu sehen bekommen habe. Bei der Qualität der Kamera hatte ich mich anscheinend auch nicht getäuscht. Ein glutroter Ball hängt über der Stadt, gleißend helle Lichtstrahlen werden von den Glasfassaden der Bürogebäude reflektiert und fordern die kleinen unscheinbaren Wellen der Elbe zum Tanz auf. Man erkennt es nur, wenn man genau hinsieht.

Auf der Kaimauer zeichnen sich die Umrisse einer Person ab, die scheinbar lässig an das Geländer gelehnt dort sitzt und scheinbar locker eine Zigarette in ihrer rechten Hand hält. Scheinbar das Spektakel bewundert. Scheinbar einfach den Moment genießt.

Scheinbar schöne Welt.

…dort steht sie wieder auf

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

So vertraut und doch so fremd.

Mit dem stündlichen Auf und Ab, einem Wechselwhirlpool der Gefühle, der mich dort erwartet, hatte ich trotzdem nicht gerechnet. Und die Wucht, mit der mich die Realität plötzlich trifft, liegt nicht an der viel offensichtlicheren Anwesenheit der Krise durch die Massen von Menschen mit Mundschutz auf den Straßen und die immer noch leeren Klopapierregale bei Rewe. Schon auf dem Weg zu meiner Wohnung fühlt sich mein sonst so geliebter Stadtteil irgendwie fremd an. Es kommt mir alles so paradox vor. Der Frühling zeigt sich von seiner schönsten Seite, die Straßen und Plätze sind voller als je zuvor, die Leute drängen sich über die engen Fußgängerwege oder sitzen in großen Gruppen mit Kaffee-to-go-Bechern auf Bänken und Bürgersteigen, Abstand hält da kaum jemand. Und gleichzeitig trägt im Supermarkt jeder Mundschutz und als ich in Gedanken versunken zu nah an einer Oma vorbeilaufe, pöbelt sie mich direkt an. Ich fühle einen ständigen Wechsel zwischen „Eigentlich ist doch alle ganz normal und wieder okay. Was für ein schöner Tag!“ und „Irgendwas stimmt hier ganz und gar nicht. Smells like Apokalypse now.“. Ich habe das Gefühl, durch mein Rumlatschen auf der Straße zu einem illusorischen Gefühl von Normalität beizutragen, fühle mich unwohl und merke eine zunehmende Aggression in mir aufsteigen, als ich merke, dass Ausweichen hier unmöglich ist und ich und die doofe Oma anscheinend die einzigen sind, die das überhaupt erst versuchen.

Nur eine Frage des Winkels?

Meine Wohnung ist die gleiche und sie ist immer noch gleich schön. Und trotzdem ist alles andere anders. Mein Alltag ist nicht mehr da. Keine Struktur. Und damit meine ich am wenigsten meinen aktuell nicht mehr existenten Job. Ich schlafe schlecht und wache morgens mit dem wohl vertrauten Gefühl der Bedrückung und Herzklopfen auf. Starre aus dem Fenster auf die Kräne am Hafen und kann nicht aufstehen. Also bleibe ich liegen. Eine Stunde, zwei. Dobby macht seinen Job mal wieder nicht und die Sucht verpasst mir irgendwann den nötigen Arschtritt, um wenigstens eine Portion schwarzes Lebenselixir zu mir zu nehmen, kombiniert mit einer Ladung schwarzem Todeselixir, weil ich irgendwie seit ein paar Tagen wieder rauche. Nicht so viel. Irgendwie hilft es. Auf RTL.de habe ich letztens gelesen, dass Rauchen gegen Corona helfen soll. Die Quelle ist mir egal. Solange sie mir die gewünschte Absolution erteilt, die ich in diesem Moment will. Ich lege mich wieder ins Bett und liege dort weitere zwei Stunden. Vielleicht auch drei. Die Kräne am Hafen recken mit eisernem Willen würdevoll ihre stählernen Hälse gen Himmel, wie sie das seit jeher tun. Doch etwas irritiert mich an dem Bild. Dann fällt mir auf, dass einige von ihnen nur auf halber Höhe über dem Wasser schweben. Die einlaufenden Containerriesen sind ungewöhnlich leer. Wo es nichts zu entladen gibt, braucht es auch keine Kräne. Der sonst so beruhigend und stetig brummende Sound des größten Hafen Deutschlands verliert den Kampf gegen die aufkommenden Brise, bevor er wie gewohnt die Fenster meines Schlafzimmers erreichen und mir ein muckelig maritimes Gefühl von „gut aufgehoben sein“ vermitteln kann.

Das Bild der Kräne in dieser seltsamen Position beunruhigt mich bedeutend mehr als leere Klopapierregale. Es sieht einfach nicht richtig aus.

Morgen ist auch noch ein Tag.

Die nächsten Tage treffe ich drei meiner besten Freunde, auf die ich den Kontakt beschränkt habe. Das tut unfassbar gut. Meine Stimmung wechselt stündlich und es ist unfassbar anstrengend. Sie alle wissen seit Jahren um meine Krankheit. Kennen meine Auf’s und Ab’s. Haben mich in diversen Phasen schon erlebt. Waren überfordert. Haben gelernt, damit umzugehen. Sind für mich da. An dem Tag, an dem das Aufstehen so schwer fällt, sage ich meinem Kumpel kurzfristig ab. Überhaupt nicht meine Art. Normalerweise die Zuverlässigkeit in Person. Aber nicht in depressiven Phasen. Ich entschuldige mich und er versteht. Keine Vorwürfe. Einfach nur das Angebot, dass er da ist, wenn ich reden möchte. Und dass morgen auch noch ein Tag ist. Ob er für mich kochen soll abends. Ich möchte lieber alleine sein heute Abend. Ich bin erleichtert. Irgendwann nehme ich meinen ganzen Willen zusammen, stehe auf und mache einen langen Spaziergang, nur mit Hund, an der Elbe. Laufe bis mir die Füße weh tun. Spreche kein Wort, gehe nicht an mein Handy. Es geht mir stündlich besser. So viel besser, dass ich mich entscheide, meiner Freundin am Abend doch nicht abzusagen. Die richtige Entscheidung. Wir holen die letzten zwei Monate nach und quatschen und lachen, bis uns die Tränen kommen. Später liege ich unfassbar erschöpft genau so unbeweglich in meinem Bett wie am Morgen und studiere stundenlang die Raufasertapete an der Wand neben mir. Erstaunlich, wie fein säuberlich sich die verschiedenen Abschnitte lückenlos aneinanderreihen. Eine tiefe Traurigkeit überkommt mich.

In guten wie in schlechten Zeiten.

Zum ersten Mal seit der Diagnose bin ich mit der Situation konfrontiert, nicht mehr „alleine“, sondern in einer Beziehung zu sein. Verliebt bis über beide Ohren. Ich mache es so wie bisher und ziehe mich zurück, in der Hoffnung, dass mein Partner nicht so viel davon mitbekommt. Möchte nicht, dass er mich so sieht oder erlebt. In dieser Phase, in der ich nicht ich selbst bin und von meinem eigentlichen Wesen so weit entfernt, dass ich mich selbst kaum wiedererkenne. Das Gefühl habe, mich und den Kontakt zu meinem Selbst komplett zu verlieren. Fühle mich der Situation nicht gewachsen, all das plötzlich mitzuteilen und zu erklären, was da gerade in mir vorgeht. Gehe davon aus, dass diese stündlichen Wechsel von Außen nicht nachvollziehbar sind, wo ich doch selbst kaum mehr folgen kann. Womit ich Recht haben könnte. Behalte es lieber für mich, melde mich lieber ein bisschen weniger. Muss einsehen, dass eine Beziehung so nicht funktioniert. Dass ich meine Gefühls- und Gedankenwelt teilen und erklären muss, damit ich verstanden werde. Dass ich nicht erwarten kann, dass mein Gegenüber das riecht oder in meinen Kopf schauen kann. Zulassen, dass jemand für mich da sein möchte. All meine alten Ängste, dem anderen zu viel, eine Belastung, keine gute Gesellschaft, unzumutbar zu sein, hinter mir lassen. Auch wenn sie vor langer Zeit schon mal Wirklichkeit wurden. Verinnerlichen, dass dieser eine besondere Mensch anders ist. Dass er für mich da ist, egal in welcher Phase ich mich gerade befinde. Mich mit all meinen Seiten, Eigenschaften und Fehlern liebt. Nicht nur die guten, einfachen und unkomplizierten Zeiten mit mir teilen möchte. Sondern auch die dunklen und schweren. Darauf vertrauen, dass Liebe so etwas kann und dass es das aushält.

Chaos.

Der nächste Morgen. Ich gehe mit dem Freund, dem ich am Tag zuvor abgesagt hatte, im Wald spazieren. Es ist sommerlich warm, ein paar Frauen tragen Kleider, es riecht nach feuchtem Moos und der Boden knackt leise unter den Füßen. Aber es ist völlig überlaufen. Mir zu viel. Ich würde mich eigentlich gerne mit ihm austauschen, aber irgendwie ist mir das Sprechen zu anstrengend. Ich entschuldige mich und er sagt, dass ich nichts sagen muss und mich einfach über die Gesellschaft freuen soll. Ich entspanne mich. Wir laufen schweigend nebenher und manchmal erzählt er etwas, über das ich lachen muss. Als ich später zu Hause bin, habe ich einen neuen Brief vom Jobcenter im Briefkasten mit der Aufforderung, weitere Unterlagen nachzureichen. Sofort steigt wieder Panik in mir hoch. Allein der Gedanke, auch nur eine einzige Unterlage zu beschaffen geschweige denn einen Brief zur Post zu bringen, überfordert mich gerade bis ins Unermessliche. Ich treffe meine beste Freundin zum Eisessen und ihre Anwesenheit lenkt mich ab. Meine Wohnung sieht furchtbar aus. Dreckiges Geschirr und Pfandflaschen stapeln sich in Küche und Flur, während in meinem Zimmer großflächig mein Koffer und dessen Inhalt verteilt sind. Wenigstens sind es alkoholfreie Bierflaschen. Ich mache einfach das Licht aus, dann ist es dunkel und ich sehe das Chaos nicht. Aber das Chaos in meinem Kopf kann ich nicht einfach ausschalten. Ich liege stundenlang wach und höre meinem Herz beim Rasen zu.

Tapetentalent.

Es ist Sonntag. Selbst wenn ich aufstehen könnte, ich will nicht. Nicht mal für den Kaffee reicht es heute. Ich bleibe liegen. Das muss wirklich ein begnadeter Rausfasertapetenkünstler gewesen sein. In meinem Zimmer wird es immer dunkler. Draußen knallt die Sonne von einem tiefblauen Himmel. Ich sage meiner besten Freundin für den Abend ab. Kann jetzt keine Gesellschaft haben. Fange an, mich zu erklären. Sie unterbricht mich und sagt, dass alles gut ist. Und dass sie es weiß. Dass morgen auch noch ein Tag ist. Und dass sie jederzeit trotzdem kommt, sollte ich meine Meinung nochmal ändern. An Kochen ist nicht zu denken, an Einkaufen schon gar nicht. Zum Pizzabestellen müsste ich aufstehen und den Laptop anmachen. Kann mich nicht entscheiden. Hab auch keinen Hunger. Ich weiß aber, dass ich etwas essen muss.

Und wenn es nur der kleine Finger wäre…

Montag. Das Aufstehen geht eigentlich. Kaffee läuft auch. Gar nicht so schlecht. Jetzt geht’s bergauf! Ich gehe lange an der Elbe spazieren, höre gute Musik und fühle mich schon wieder sehr viel mehr zu Hause hier. Als ich wieder zu Hause bin, überlege ich gerade, was ich für abends, wenn meine beste Freundin kommt, doch gleich noch einkaufen wollte. Mein Gehirn ist wie ein Sieb zur Zeit. Wie ein Schlag in die Fresse haut mich aus dem Nichts eine abgrundtiefe Traurigkeit einfach um. Ich lege mich ins Bett und freue mich schon fast über die Tränen, die sie endlich hervorbringt und das Gefühl der lethargischen Leere verdrängt. Da ist sie wieder. Die Schockstarre. Ich weiß nicht, wie lange ich so da liege und nicht mal meinen kleinen Finger bewege. Es müssten ein paar Stunden sein, denn ich komme mittags wieder und um sechs Uhr abends klingelt meine beste Freundin an der Tür. Ich zwinge mich hoch und meine Stimme an der Gegensprechanlage reicht aus, damit sie Bescheid weiß. Hochkommt, obwohl ich eigentlich für einen Spaziergang runterkommen sollte. So sehr ich mich in diesen Akutphasen meistens einfach nur vom Rest der Welt verstecken und es einfach alleine durchstehen möchte, so froh und dankbar bin ich, dass sie genau jetzt da ist. Dass da überhaupt jemand ist.

Sie nimmt mich in den Arm und ich schaffe es, gleichzeitig ihr T-Shirt vollzurotzen und es direkt im Anschluss fast mit der Asche von meiner Kippe in Flammen zu setzen. Mittlerweile heule und lache ich gleichzeitig. Auch interessant. Sie lacht mit mir.

Auch im Tandem kann man springen.

Nachdem sie uns bei unserem Lieblingsvietnamesen was zu essen geholt hat, weil ich nicht mehr raus möchte, liegen wir satt in meinem Bett, ich in ihrem Schoß, wir rauchen, quatschen und lachen und sie krault mir stundenlang den Kopf. Ich bin erschöpft und plötzlich ganz ruhig. Ich höre auf, gegen den emotionalen Schleudergang anzukämpfen, in dem ich mich seit ein paar Tagen befinde. Auch ihm wird irgendwann die Puste ausgehen, das weiß ich. Und sobald das der Fall ist, kann ich wieder auftanken, es wird mir wieder besser gehen und ich kann mir ein paar Reserven anlegen. Für den nächsten Schleudergang.

Auch wenn es manchmal nicht ganz so offensichtlich ist, so lerne ich doch durch jede neue Phase dazu. Ganz ohne verkrampften oder zwanghaften Optimismus.

Ganz egal wie oft und tief ich noch falle, ich weiß, ich werde immer wieder aufstehen.

Ich weiß, dass ich das alleine schaffe.

Aber ich weiß mittlerweile auch, dass ich das gar nicht alles alleine schaffen muss. Dass ich mich darauf verlassen kann, dass da immer eine Hand sein wird, nach der ich greifen kann, wenn alle Stricke reißen.

Dass auch in der Welt da draußen Platz für mich ist.

Ganz egal, ob ich gerade falle oder fliege.

Wo die Hoffnung hinfällt…

Ich kann es echt nicht fassen, dass mein letzter Eintrag schon wieder über zwei Wochen her ist. Die Welt steht still, wenn auch schon etwas weniger still als noch vor zwei Wochen. Auch meine Inspiration und Motivation zum Schreiben standen still. Dabei hatte ich doch eigentlich so viel Zeit. Zeit, die gefühlt rast wie selten zuvor.

Eine Zeit, die gerade keine einfache ist. Wie über Nacht kippte meine Stimmung plötzlich ins Gegenteil und fuhr all meine Euphorie, den Optimismus und die Gelassenheit der letzten Wochen ohne jegliche Vorwarnung gegen die Wand. Bumm.

Shitstorm ohne Klopapier

Da es dieses Mal keinerlei Frühwarnzeichen gab, auf die ich hätte reagieren können, überraschte mich der Shitstorm dieses Mal ohne eingepackten Regenschirm oder Klopapier. Gibt’s eh immer noch nicht bei dem Supermarkt vor meiner Tür. Wie immer wollte ich erstmal herausfinden, ob es denn überhaupt einen Auslöser gab oder ob die Welle einfach so herangerollt gekommen war. Wie sie das so oft tut. Wellen entstehen ja schließlich auch einfach so mal ohne dass ein großes Schiff heranschippert oder ein Stein ins Wasser geworfen wird. Oder nicht? Gibt es vielleicht immer einen Auslöser? Das könnte man mal rausfinden.

Auch wenn ich die aktuelle Situation die letzten Wochen nicht verleugnet hatte, so habe ich sie doch definitiv ab und zu einfach verdrängt. Und dazu musste ich mich nicht mal wirklich anstrengen, denn es gab andere Dinge in meinem Leben, die es ohne mein Zutun geschafft hatten, Sorgen, Ängste und Ohnmachtsgefühle vorerst auf’s Abstellgleis zu befördern oder sogar gar nicht erst aufkommen zu lassen. Wenn sie sich dann doch mal an meine Fersen hefteten, gelang es mir bis dato immer, trotz allem positiv zu bleiben. Auch wenn alles gerade, wenn ich mal ganz ehrlich zu mir selbst war, eigentlich einfach ganz schön beschissen war. Trotzdem noch das kleinste positive Detail im großen Ganzen zu finden. Ich erinnere an das goldene Maiskorn im Kackehaufen: https://tanzzwischendenpolen.com/2020/03/23/blogartikelreihe-psychisch-krank-in-zeiten-von-corona-teil-2/. Ob nun ein automatischer Selbstschutzmechanismus des Geistes oder tatsächlich eine authentische Annahme und Akzeptanz der prekären Lage, ich ging der ein oder anderen Freundin durch meinen grenzenlosen Optimismus in den letzten Wochen glaube ich ganz schön auf den Sack. Mir selbst irgendwie gar nicht. Eine von ihnen meinte, dass sie sich einfach gerade nicht mehr einreden will, dass ja alles auch was Positives hat. Ich verstand sie in dem Moment nicht, weil ich der Meinung war, dass es völlig in Ordnung sei, sich auch mal für eine Weile etwas schön zu reden. Sofern es einem damit besser ging, versteht sich. Sie war damals schon an einem Punkt, den ich etwas später erreichen sollte. Jetzt.

Eine andere gute Freundin sagte zu mir, dass positives Denken nur so lange gesund sei, wie eine gewisse Leichtigkeit herrsche. Keine Zwanghaftigkeit. Wie Recht sie hat.

Lief bei mir.

Ich denke, es fing damit an, dass ich seit sechs Wochen auf die Bewilligung meiner Leistungen vom Jobcenter wartete. Über Geld redet man nicht, schon gar nicht auf einer öffentlichen Plattform, zu der jeder Zutritt hat? Finde ich nicht. Da unser Chef direkt im März Kurzarbeit für uns angemeldet hatte und ich normalerweise sowieso schon Teilzeit arbeite, das gesamte Trinkgeld und auch die drei Hunde, mit denen ich mir sonst auch noch einiges an Geld dazu verdiene, auf einmal wegfielen, reichten die 60 % meines bisherigen Gehalts natürlich vorne und hinten nicht aus. Nach meiner letzten Begegnung mit dem Jobcenter, als ich zusätzlich zu meinem Krankengeld vor, während und nach meinem Klinikaufenthalt 2017 bis Anfang 2018, Sozialleistungen hatte beantragen müssen, hatte ich gehofft, mich damit nicht mehr so bald beschäftigen zu müssen. Es hatte eine ganze Weile gedauert, bis ich mich diesbezüglich finanziell wieder gut aufgestellt hatte. Alles parallel zur gesundheitlichen Wiederaufstellung. Erst vor ein paar Monaten war endlich der Punkt erreicht, an dem eigentlich alles lief und passte: Teilzeitjob im Café plus gutes Trinkgeld, ein gelegentlicher Minijob auf Veranstaltungen und das Ausführen von drei Hunden, nebenher mein Studium. Auch wenn ich immer noch nur einen verschwindend kleinen Teil von den Gehältern in meinem Umfeld verdiente, zur Verfügung hatte, für mich war es so viel wie schon seit Langem nicht mehr. Da ich mich an das Wenige gewöhnt und meinen Lebensstil über die Zeit dementsprechend angepasst hatte, war es mehr als genug. Ich musste mir endlich keine Sorgen mehr machen, keine Preise mehr bei Penny vergleichen und war mehr als zufrieden und glücklich damit. Ich brauche nicht viel. Konnte sogar immer wieder was zur Seite legen. Für einen Urlaub, der nicht stattfinden würde.

Bürokratie, du Bitch.

Denn dann kam Corona. Alle drei Jobs auf einmal weg. Das Konstrukt, dessen Aufbau so viel Zeit gebraucht und mich vor allem in schlechteren Phasen überdurchschnittlich viel Energie gekostet hatte, innerhalb von einem Tag in sich zusammengefallen. Tja. So schnell kann das mal gehen. Und obwohl ich weiß, dass es so unfassbar vielen Menschen gerade ähnlich oder genau so geht und ich sehr dankbar und froh bin, dass diese Sorgen und Auswirkungen nicht noch existenzieller sind, wie beispielsweise durch einen eigenen Laden, ist das schon auch trotzdem heftig kacke.

Das äußerst zuvorkommende Jobcenter hatte vor sechs Wochen mit vereinfachten und unbürokratischen Anträgen zu Beginn der Krise geworben. Ich glaube, ich habe noch nie Unbürokratischeres erlebt. Über Wochen hinweg bekam ich regelmäßig Briefe mit diversen Aufforderungen zur Nachreichung von Unterlagen, von denen anfangs nie die Rede gewesen war. Der neue Monat kam, die Miete wurde fällig, Essen wäre auch nett. Ja, ich habe das Glück, Familie und Freunde zu haben, die mich im Notfall immer unterstützen würden. Nicht nur mental, sondern auch finanziell. Ein Luxus, den nicht jeder hat und den ich über alle Maßen zu schätzen weiß. Für den ich sehr sehr dankbar bin. Und ich weiß von vielen anderen Betroffenen, die gerade, auch nach jahrelanger Selbstständig- und Unabhängigkeit plötzlich wieder darauf angewiesen sind. Auch Menschen jenseits der 30 oder 40. Erwachsene Menschen, die bis jetzt mit beiden Beinen im (Berufs-) Leben standen. Und trotzdem ist es kein gutes Gefühl. Exponentiell schlechter wird das Gefühl, wenn Woche um Woche trotz täglichen Anrufen und der dringlichen Bitte nach Priorisierung des Antrages aufgrund nicht mehr gewährleisteter Sicherung des Lebensunterhalts immer noch kein Geld auf dem Konto ist. Freunde und Bekannte von mir warteten teilweise noch länger auf spezielle Corona-Schutz-Schirme oder dergleichen. Von wegen Soforthilfe. Da mögen jetzt Stimmen laut werden, dass wir mal dankbar und froh sein sollen, in einem Sozialstaat wie Deutschland zu leben und dass es in anderen Ländern ganz anders aussähe. Das ist sicher richtig. Trotzdem fühlt man sich in einer solchen Situation dann doch ganz schön alleine gelassen. Und zwar zu Recht.

Ich sehe was, was du nicht siehst und das sind meine Bedürfnisse.

Ich habe Jahre gebraucht, um zu verstehen und zu akzeptieren, dass manche Dinge, die psychisch stabile und gesunde Menschen locker wegstecken mögen, für mich Stressoren sind, die Krankheitsphasen, in diesem Zusammenhang vor allem depressive, auslösen können. Die Liste ist lang. Das können Überarbeitung und zu starke Belastung über einen längeren Zeitraum, zu wenig Zeit und Ruhe für mich, sozialer Overload, Hektik, Lärm und diverse andere Überstimulation, zu schnelle und zu viele Ortswechsel, Disharmonie in zwischenmenschlichen Beziehungen, fehlende Tagesstruktur, zu wenig Bewegung, unregelmäßig und zu wenig essen, schlechter oder zu wenig Schlaf sein. Existenzielle und finanzielle Sorgen sind ganz vorne mit dabei und ich kenne das bereits aus der Vergangenheit.

Stress mich nicht!

Die Forschung, die sich mit den Ursachen für bipolare Störungen beschäftigt, behandelt verschiedene Bereiche, unter Anderem: Genetische Faktoren, Biologische Faktoren, körperliche und auf Medikamente bezogene Ursachen sowie psychosoziale Faktoren. Bei letzteren spielt Stress eine tragende Rolle. Während psychosoziale Belastung und Stress eine bipolare Störung auch erstmalig auslösen können, ist bekannt, dass bipolar erkrankte Menschen sehr viel sensibler (Anmerkung: Oft treten Hochsensibilität und bipolare Erkrankungen gemeinsam auf) auf psychosozialen Stress wie Schwierigkeiten am Arbeitsplatz, Konflikte in der Partnerschaft, Wohnungswechsel etc. reagieren (vgl. https://dgbs.de/bipolare-stoerung/ursachenhttps://dgbs.de/bipolare-stoerung/ursachen). Hier ist vor Allem auch das so genannte „Vulnerabilitäts-Stress-Modell“ zu nennen, welches ursprünglich von Bonnie Spring und Joseph Zubin auf die Schizophrenie bezogen und darauf basierend von DGBS-Mitglied Wilhelm Reher auf das Feld der bipolaren Störung ausgeweitet und entsprechend modifiziert wurde. Das Modell macht deutlich, wie äußere psychische Belastungen oder Stress als äußere Faktoren gepaart mit einer gewissen Vulnerabilität (Verletzlichkeit, erworben oder angeboren) das (Wieder-)Auftreten von Krankheitsepisoden begünstigen kann. Für Interessierte, Betroffene oder Angehörige lohnt es sich auf jeden Fall, dieses Modell einmal anzuschauen: https://dgbs.de/fileadmin/cust/dgbs-materialien/VS_Modell_Reher.pdf

Die Anderen…

Obwohl ich um den enormen Einfluss solcher Stressoren auf das Krankheitsbild der bipolaren Störung weiß und mich mittlerweile vor allem aus persönlicher Erfahrung bestens mit dieser Thematik auskenne, vergleiche ich mich in solchen Situationen trotzdem immer noch mit psychisch komplett gesunden Menschen. Vor allem, wenn ich über einen längeren Zeitraum stabil war. Mir die Krankheit nicht jeden Tag einen Spiegel vorgehalten hat. Ich mich gut, vielleicht sogar sehr gut und völlig „normal“ gefühlt habe. Ich hadere immer wieder damit, dass mich Dinge und Ereignisse, von denen ich weiß, dass ich sie unter „normalen“ Umständen locker bewältigen könnte und schon ganz andere Dinge in meinem Leben geschafft habe, in schlechten Phasen plötzlich komplett überfordern. Dass ich sie nicht „einfach“ direkt angehe und erledige. So wie „andere Leute“. Dass ich nicht „einfach“ so diszipliniert, produktiv und organisiert bin wie „andere Leute“. Dass ich nicht „einfach“ weiter funktioniere. „Einfach“ wegstecke. „Einfach“ mache. Dass mich stattdessen eine Lethargie überfällt, die ich mir selbst als Faulheit diagnostiziere und mich dafür selbst abwerte. Was sollte es sonst sein? Ich könnte mich doch „einfach“ mal zusammenreißen. Alles Dinge, die ich selbst niemals zu einer Person sagen würde, von der ich weiß, dass sie gerade in einer Depression steckt. Aber nein, mit mir selbst bin ich lieber streng und stelle frustriert fest, dass ich mich eben nicht einfach zusammenreißen kann und rutsche dadurch immer tiefer in die depressive Abwärtsspirale der negativen Gedanken und Selbstvorwürfe.

…sind und bleiben die Anderen.

Ich weiß, der Rollstuhl ist als Beispiel langsam ausgelutscht, aber ich finde ihn einfach passend. Welcher Mensch, der im Rollstuhl sitzt oder vielleicht auch „nur“ ein gebrochenes Bein hat, würde sich ernsthaft mit einem Menschen mit zwei gesunden Beinen vergleichen und sich selbst abwerten, sich als Versager sehen, weil er die Hundert Meter nicht in der gleichen Zeit laufen kann wie der andere?

Es gibt verschiedene Formen der Lethargie. Die Lethargie, die halt mal kommt und genau so schnell auch wieder geht. Die jeder mal hat. Die gesund und auch ab und an wichtig ist. Uns zwingt, mal runter zu fahren und danach wieder voll durchstarten zu können. Und die Lethargie, die komplett von uns Besitz ergreift und zu vollkommener Lähmung und Handlungsunfähigkeit führen kann. Die depressive Lethargie. Ich kenne beide Formen. Es ist unmöglich, sie zu verwechseln.

Wo ist der Anker hin?

Nach knapp zwei Wochen im Exil an der wunderschönen Nordseeküste, meiner zweiten Heimat, menschenleeren Stränden und Wäldern, Ruhe, Natur, frischer Luft, Joggen, Fahrradfahren und gutem Essen sitze ich im Zug nach Hamburg. Meiner seit über sechs Jahren ersten Heimat. Meiner so geliebten Wahlheimat. Es ist das erste Mal in dieser gesamten Zeit, dass es mich nicht wie magisch dorthin zurück zieht. Meistens reichen nur ein paar Tage, selbst nach dem wunderschönsten Urlaub packt mich früher oder später die Sehnsucht nach dem schönen Perlchen. Ich habe meine zwischenmenschlichen Kontakte seit dem Lockdown brav auf das Mindeste reduziert und meine engsten Freunde in Hamburg seitdem nicht gesehen. Sie fehlen mir. Und ich muss ein paar wichtige Dinge organisieren. Ich steige aus dem Zug.

Und ich fühle mich komisch.

Kaltfront.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Ich wache auf und noch bevor ich die Augen öffne, weiß ich, dass sie da ist.

Einer dieser Tage…

Man kann es gar nicht so genau beschreiben, aber etwas ist anders. Der ganze Körper fühlt sich anders an. Es fängt schon beim Aufwachen an. Der Geist steckt noch in einer Brühe von wirren Träumen fest, die wie Treibsand an ihm kleben und unaufhaltsam nach unten ziehen. Ich will meine Augen nicht öffnen. Den Tag nicht beginnen. Der Haken an der Sache ist, dass es den Tag leider überhaupt nicht interessiert, ob ich ihn gerade beginnen will oder nicht. Er wird trotzdem durchlebt werden müssen. Mit all den Gedanken, Gefühlen und Körperempfindungen, von denen ich weiß, dass er sie heute mit sich bringen wird. Ob ich das will oder nicht. Mindestens zwölf Stunden aus klebrigem Kaugummi, die vor mir liegen. Erfreulicherweise „nur“ zwölf, da es bereits nach 10 Uhr ist, was ich nach einem kurzen Blick auf mein Handy feststelle. Augen sind also schon mal offen. Erste Herausforderung erfolgreich gemeistert!

Reicht dann aber eigentlich auch schon wieder. Ich deaktiviere den Flugmodus auf meinem Handy, es trudeln ein paar Nachrichten ein, ein verpasster Anruf, eine Sprachnachricht. Alles zu viel. Ohne genauer auf irgendetwas davon einzugehen, schalte ich mein Handy komplett aus. Ich kann gerade nichts aufnehmen. Kann mich nicht erklären, kann mich nicht verstellen, kann niemandem zuhören. Ich bin mit einem Freund verrabredet und habe gesehen, dass er mir eben geschrieben hat. Ich sollte ihm absagen, aber dazu müsste ich mein Handy wieder anmachen. Allein die Vorstellung macht mich unendlich müde.

Ein. Aus. Ein. Aus.

Die Vorhänge sind noch zugezogen, aber der Stoff ist sehr dünn und die Sonne kämpft sich durch. Durchflutet mein Zimmer mit hellem Morgenlicht. Naja. Vielleicht eher Vormittagslicht. Wie lange ich den Frühling herbeigesehnt habe! Endlich ist er da. Es könnte mir nicht gleichgültiger sein. Während es in meinem Zimmer immer heller wird, verdunkelt sich mein Innerstes immer mehr. Ich drehe mich mit dem Kopf zur Wand und ziehe mir meine Biberbettwäsche bis über die Nasenspitze. Eigentlich ist mir darunter immer viel zu warm, ich benutze sie aber trotzdem gerne, weil sie so schön kuschelig ist. Heute wärmt sie mich nicht so wie sonst.

Ich weiß, dass es nur schlimmer werden wird, wenn ich weiter hier rumliege. Wie auf einer Aschenbahn drehen finstere Gedanken Runde um Runde, nur um immer wieder den gleichen Startpunkt zu erreichen und festzustellen, dass sich wieder nichts verändert hat. Ich versuche es mit Atmen, das funktioniert oft. Unseren Atem tragen wir ja praktischerweise immer bei uns. Nicht umsonst erfreuen sich Achtsamkeitstechniken, spezielle Atemübungen und dergleichen schon seit geraumer Zeit stets zunehmender Beliebtheit. Fragt sich, ob sie genau so beliebt wären, wenn wir einfach öfter mal schon etwas früher eine kleine Pause einlegen oder durchatmen würden anstatt zu tun, zu rennen und zu schnaufen, bis wir so gestresst, erschöpft und überfordert sind, dass wir hektisch und in der Hoffnung auf schnellstmögliche Besserung direkt einen überteuerten Achtsamkeitskurs oder ein Yoga-Retreat (nur für ein Wochenende versteht sich) buchen. Damit es uns ganz schnell wieder besser geht, damit wir genau so bald wieder rennen und schnaufen können.

Ich atme ein, meine Lunge beginnt sich mit Luft zu füllen. Weiter komme ich nicht. Auch dieses Phänomen ist mir nicht neu. Ein imaginärer Felsbrocken (oder ist es eher ein Haufen Scheiße?) liegt schwer auf meiner Brust und drückt. Macht alles eng. Mein Herz klopft schneller als sonst. Noch rast es nicht, aber ich höre es als dumpfes Pochen in meinen Ohren. Da es mit dem “ Einfach mal tief durchatmen“ ja leider nicht so klappen mag gerade, versuche ich wenigstens einigermaßen regelmäßig und ruhig zu atmen, um das latente Gefühl von Panik, das in mir aufsteigt, in Schach zu halten. Bevor sie mich überrollt.

Auf! Stehen.

Ich nehme meine ganze Kraft zusammen und stehe auf. Vielleicht ist es gut, dass ich gleich arbeiten muss. Vielleicht lenkt das ein bisschen ab. Manchmal tut mir Ablenkung in solchen Phasen gut. Befinde ich mich allerdings gerade im Auge des Sturms, dem Epizentrum der Depression, kann so etwas wie Arbeit, vor allem mit Stress verbunden, auch das genaue Gegenteil bewirken, unendlich quälend und fast unüberwindbar anstrengend sein. Konzentration, wenn auch nur auf Kleinigkeiten, ein Ding der Unmöglichkeit. Allein bevor ich das Haus verlasse, schließe ich drei Mal die Tür nochmal auf, hole nochmal etwas, um auf dem letzten Treppenabsatz festzustellen, dass ich das eigentlich Wichtigste vergessen hab. Mein Essen, das ich tatsächlich ausnahmsweise wirklich mal vorgekocht hatte. Krass wie ich mein Leben im Griff habe! Ist aber auch egal. Hab eh keinen Hunger. Mir ist schlecht.

Zu laut. Zu viel. Zu koffeinfrei.

Ich bin ganz alleine im Café. Kein einziger Gast. Bevor sich meine Erleichterung über Corona breitmachen kann, kommen zwei Mütter mit ihren kleinen Kindern durch die Ladentür, die die nächsten drei Stunden an ihrem beschissenem hipster oatly-Hafermilch-Flat White, koffeinfrei natürlich, schlürfen werden, während ihre kleinen Augensterne in euphorischer Endlosschleife die Blechdose aus unserem Spielzeugregal quer durch das Cafe werfen. Aggression steigt in mir hoch. Und zwar rasant. Das Scheppern der Blechdose vereint sich mit dem Gekreische des Nachwuchses, der mich irgendwie an Schranz aus einer vollkommen übersteuerten Anlage erinnert. Es ist alles unfassbar laut. Mein rechtes Ohr fängt an zu fiepen. Mein Herz rast. Ich halt es plötzlich nicht mehr aus, freundlich lächelnd am Tresen zu stehen. Ich spüre ihn kommen. Unaufhaltsam. Er folgt mir in die Küche. Ich versuche, ihm zu entwischen, aber er packt mich und hält mich fest. Der Point of no return.

Das was mich nun erwartet kenne ich. Habe ich schon viele Male erlebt. Und jedes Mal ist es aufs Neue ekelhaft. Panik steigt in mir auf. Das Atmen fällt mir plötzlich schwer, meine Hände zittern und werden feucht. Mir ist so heiß. Mein Herz legt nochmal einen Gang zu. Und noch einen. Die Nadel auf dem Tacho bewegt sich zielstrebig auf den roten Bereich jenseits der zu verantwortenden Geschwindigkeit zu. Sie wackelt. Noch einen Millimeter. Ich sehe rot. Und dann kommen sie endlich, die Tränen. So stelle ich mir einen Vulkanausbruch vor, der endlich von sich spuckt, was so lange in seinem Inneren gebrodelt hat. Eine Welle der Trauer und Verzweiflung schwappt in jeden Winkel meines Körpers. Bevor sie abebben kann, kommt direkt die nächste angerollt, nur mit doppelter Wucht. Wirbelt alles durcheinander. Das ist der Moment, in dem ich die Kontrolle verliere. Und zwar voll und ganz.

Ein. Aus. Ein. Aus.

Ich versuche weiterzuatmen. Einatmen. Luft anhalten. Ausatmen. Einatmen. Luft anhalten. Ausatmen. Jetzt bleibt nur zu hoffen, dass es schnell vorbei geht. Und weiteratmen. Alles andere bringt nichts. In diesem Moment kündigt die Ladenglocke neue Kundschaft an. Kacke. Auf dem Weg zurück in den Gastraum checke ich mein Gesicht in der Spiegelung der Mikrowelle. Keine Chance. Selbst wer mich nicht kennt und blind wäre, wüsste sofort, was Sache ist. Da aber nur ich heute arbeite, bringt das mir alles gerade herzlich wenig. Ich gehe so normal wie möglich die Treppen zum Gastraum runter und da steht der Ingwertee mit extra viel Ingwer. Eine unserer Stammgäste. Und schaut mich mit großen Augen an. Schweigen. „Was möchtest du denn trink…“?, setze ich an. Weiter komme ich nicht, breche wieder in Tränen aus und laufe zurück in die Küche. „Alter Lisa, jetzt reiß‘ dich zusammen!“, schreie ich mich innerlich an. Etwas, das ich niemand anderem in der selben Situation auch nur zuflüstern würde.

Wofür es sich lohnt

Als ich wieder zurückgehe, steht der Ingwertee mit extra viel Ingwer noch mit genau so großen Augen an noch genau der gleichen Stelle und sieht ganz schön hilflos aus. In der Ecke sitzt schon seit über einer Stunde unser großer Latte Macchiato mit Zimtpulver, eine andere Stammkundin, die seit meiner kleinen mythologischen Metamorphose in der Küche schwer konzentriert auf ihr Handy schaut, obwohl sie kurz davor eigentlich noch ganz gesprächig war. Mir war der Ingwertee mit extra viel Ingwer von Anfang an super unsympathisch. Also so richtig. Und das passiert mir nicht so häufig. Ihre grelle Stimme, ihr arrogantes Auftreten, ihr kalter Blick. Einfach alles. Jetzt ist nichts davon übrig und sie sieht mich einfach nur an. Mitfühlend. Nicht mitleidig. Ihr Blick wird weich, sie streicht mir etwas unbeholfen über den Arm und fragt mich, ob sie etwas für mich tun kann. Das kann sie tatsächlich. Denn sie raucht Kette und ich habe jetzt dringlich Bock auf eine Kippe, scheiß egal, ob ich noch rauche oder nicht. Andere ertränken ihre Sorgen in Alkohol, mir ist jetzt eben gerade danach, sie abzufackeln. Wenigstens ein bisschen anzukokeln. Wir gehen zusammen raus und sie sagt, ich kann gerne Bescheid sagen, wenn es etwas gibt, das sie noch tun kann. Ich bedanke mich und wir verabschieden uns. Ab sofort gibt es noch mehr Ingwer, glaub‘ mir mal!

Als ich wieder reingehe, steht der große Zimt-Latte-Macchiato auf und möchte zahlen. Sie hat es anscheinend eilig, weicht meinem Blick aus und weg ist sie. Wie unterschiedlich wir Menschen doch sind, denke ich mir noch. Interessant. Was ich da noch nicht weiß ist, dass sie am nächsten Tag wieder da sein und mir selbst gebackene Kekse mitbringen wird, die sie ihren Kindern immer in die Schule mitgibt. Weil sie fand, dass ich so traurig aussah.

Ich mache zehn Kreuze, als ich abends im Bett liege.

Es geht mir besser.

Am nächsten Morgen ist alles wieder genau so beschissen wie davor.

Tagsüber ist es besser, abends wieder schlechter.

Auf und Ab.

Auf

und

Ab.

Auf. Ab.

Auf.

Ab.

Es ist anstrengend. Ich bin müde.

Mühsam. Aber: Es nährt sich.

Die Dinge, von denen ich weiß, dass ich sie gerade nicht wirklich ändern kann, dass ich sie „einfach“ aushalten muss, versuche ich zu akzeptieren. Wende an, was ich in den letzten Jahren ausprobiert und gelernt habe. Überlege immer wieder neu, was mir jetzt gerade helfen könnte, was mir gut tut und was nicht. Spreche darüber, wenn mir danach ist. Spreche nicht darüber, wenn ich es gerade nicht kann oder möchte. Erinnere mich daran, in kleinen Schritten zu denken. In noch kleineren. Halte mich daran fest, dass es vorbeigehen wird. Dass ich weiß, dass ich das weiß. Dass es auch letztes Mal wieder vorbeigegangen ist.

Dass es wieder bergauf gehen wird.

Und irgendwann auch wieder bergab.

Dass ich das aushalten kann.

Ich atme ein.

Tief.

Hält es das aus?

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Und damit meine ich nicht den Ast, an dem die Schaukel hängt…

In Anknüpfung an den letzten Artikel soll es heute mal nicht um die Betroffenen einer bipolaren Störung gehen. Sondern um die Menschen, die ihnen am nächsten stehen. Familie, Freunde, Partner. Denn eine psychische Erkrankung, nicht nur die bipolare sondern jegliche Formen, hat nicht nur diverse Auswirkungen auf die Betroffenen selbst, sondern immer auch unausweichlich auf deren Angehörige. Und diese stellen sowohl die eine als auch die andere Seite vor Herausforderungen von erheblichem Ausmaß.

Diese Thematik ist so umfangreich, dass es schwer fällt, sie einzugrenzen. Außerdem ist sie so sensibel und verletzlich, dass sie einer besonderen Feinfühligkeit bedarf, die ich hoffe, in meinen folgenden Worten wahren zu können. Bevor es im nächsten Artikel um den allgemeinen Umgang mit der Erkrankung in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen gehen wird, vor allem auch nachdem alle Beteiligten durch eine Diagnosestellung wissen, mit was sie es da zu tun haben, möchte ich euch heute einen Eindruck der Zeit lange (über 10 Jahre) vor meiner Diagnose und teilweise auch vor meiner ersten hypomanen Phase geben und welchen Einfluss all das auf unsere Familie hatte.

Je nach Lebensalter und -phase werden unterschiedliche Bereiche des sozialen Umfelds in erster Linie betroffen sein. Bei einem Kind oder jungen Erwachsenen wird das in den meisten Fällen die Familie, die Eltern, die Geschwister, vielleicht Tanten, Onkel oder Großeltern sein. Je nach Qualität und Intensität der familiären Situation aber vielleicht auch eher der eigene Freundeskreis. Im Erwachsenenalter dann oft vermehrt der Lebens- oder Ehepartner und gegebenenfalls die eigenen Kinder.

Erwachsenwerden ist nicht leicht

Bei mir persönlich waren vor allem meine Eltern und jeweiligen Partner betroffen. Irgendwann auch engste Freunde. Heute wird es um meine Familie gehen. Die erste depressive Episode, an die ich mich erinnern kann, erlebte ich mit 14 Jahren. Ich erinnere mich dunkel daran, dass ich jeden morgen aufwachte und einfach nur weinte. Eine diffuse Angst vor Allem hatte. Und so überhaupt gar nicht wusste, was eigentlich los war. Nur, dass ich so noch nie zuvor gefühlt hatte und sich das ganz und gar nicht gut anfühlte. Dass da gerade irgendwas gehörig schief lief. Und ich nicht wusste was. Als ich eines Abends wie ein kleines Kind auf dem Schoß meines Vaters saß und mich mal wieder scheinbar grundlos in Tränen auflöste, versuchte er mich zu trösten und sagte immer wieder, dass Erwachsenwerden nicht leicht sei. Er meinte es gut. Und so versuchten sowohl ich als auch meine Eltern uns meine damals noch relativ selten, aber doch immer wieder auftretenden und aus dem Nichts kommenden Tiefphasen eine gewisse Zeit lang mit den Schwierigkeiten, die so eine Pubertät eben so mit sich bringt, zu erklären. Da war ich ja schließlich nicht die Einzige.

Wenn Liebe an ihre Grenzen stößt

Die erste schwere Depression erwartete mich auf den letzten Metern meines einjährigen Work & Travel-Aufenthalts in Australien, Neuseeland, Bali, Fiji und Singapur (https://tanzzwischendenpolen.com/2019/09/24/nicht-jedem-anfang-wohnt-ein-zauber-inne/). Eben noch über den Wolken geschwebt schlug ich ungebremst auf der Erde auf. Point of no return. Heute weiß ich, dass ich einen Großteil meiner Zeit, die ich alleine auf der anderen Seite der Welt verbrachte, wo ein Abenteuer das nächste jagte, ich zum ersten Mal in meinem Leben exzessiv feierte und trank, und jeden Tag so viel Neues auf mich einstrudelte, dass ich mit dem Verarbeiten überhaupt nicht hinterher kam, in hypomanen Sphären schwebte. Es ist die erste hypomane meines Lebens. Ich kann nicht sicher sagen, ob es sich in meiner Jugend „nur“ um eine unipolare rezidivierende Depression (meine falsche Diagnose über zehn Jahre hinweg) handelte und erst im Alter von 19, als meine Reise zu Ende ging, in die Bipolarität schwappte, oder ob ich es schon immer war. Ich kann mich allerdings an keine hypomanen Phasen davor erinnern. Erinnern kann ich mich allerdings an den Moment, in dem meine Mutter in sich zusammengesackt und mit Tränen in den Augen vor mir saß und sagte, dass sie Angst habe, ihr Kind zu verlieren. Weil keiner mehr Zugang zu mir fand. Ich am allerwenigsten. Es tat mir so weh, sie so hilflos zu sehen. Fühlte mich dabei selbst so hilflos. Und es machte mir eine riesen Angst, als ich realisierte, dass meine Eltern, die mir doch bisher immer in jeder Lebenslage helfen konnten und mich allein durch ihren bedingungslosen Rückhalt und ihre Unterstützung bereits besser fühlen ließen, plötzlich auf Grenzen stießen.

Ich sehe, dass du gerade lügst.

Dass sie eben nicht allmächtig waren. Wie man es als Kind und vielleicht auch junger Erwachsener tatsächlich vermutet, hofft und auch lange glaubt. Dass es selbst durch ihre Anwesenheit, ihre Fürsorge und ihren Trost nicht besser werden würde. Wie es das bei Liebeskummer tat. Oder einem aufgeschürften Knie. Oder einer verkackten Klausur. Dass jede noch so tiefe und bedingungslose Liebe plötzlich einfach nicht mehr reichte. Die Macht, die ihr sonst inne lag, einfach von heute auf morgen komplett verloren hatte. So oft dachte ich in diesen Momenten: „Wenn mir selbst das nicht mehr helfen kann, dann bin ich wirklich verloren. Was soll mir dann noch jemals helfen, um mich wieder besser zu fühlen?“ Es war nicht nur ein Gedanke, es war ein Gefühl. Ein so schwarzes, schweres und hoffnungsloses Gefühl, dass sich an meinen Körper klebte wie ein nasser Neoprenanzug, der viel zu klein war. Den ich mit eigener Kraft nicht ausziehen konnte. Und kein anderer. In meiner tiefsten Verzweiflung fragte ich meine Mama oft wie ein kleines hilfloses Kind, das noch niemals etwas von Selbstvertrauen gehört hatte: „Mama, versprichst du mir, dass das hier vorbeigehen wird?“. Jedes Mal sprachen ihre Lippen das Versprechen aus.

Doch die Sorge in ihrem Blick sprach eine andere Sprache.

Na dann. Prost!

Wie sie gelitten haben mussten, als von dem neugierigen, aufgeregten und lebenshungrigen Kind, das sie vor einem Jahr zum Flughafen gebracht hatten, lediglich eine leere Hülle zurückkam. Wie traurig sie aussahen, als sie den Frühstückstisch im Urlaub kurz nach meiner Ankunft so schön gedeckt und Sekt eingeschenkt hatten, um mit mir auf die Zulassung zu meinem Studium an der Uni Heidelberg anstoßen wollten, die an diesem Tag ankam. Die Zulassung, die ich meiner Mutter zu verdanken hatte, da sich die Immatrikulationsbedingungen geändert hatten, als ich im Ausland war und sie sich um das ganze komplizierte Verfahren gekümmert hatte. So Sorge gehabt hatte, dass sie etwas falsch macht und ich deswegen nicht angenommen werden würde. Jeden Tag über Wochen ganz aufgeregt den Stand auf der Internetseite gecheckt hatte. Voller Erleichterung und Stolz vor mir saß und mir voller aufrichtiger und reiner Freude ihr Sektglas zum Anstoßen entgegenstreckte. Sich in mir kein Gefühl regte. Es hätte mir nicht egaler sein können. Meine Zukunft lag vor mir wir ein endlos tiefes schwarzes Loch, das nur darauf wartete, mich zu verschlingen. Wenn mich bis dahin nicht schon das eben so schwarze Loch meiner Vergangenheit oder meiner Gegenwart erwischt haben würde, versteht sich. Ich hob träge mein Glas und kippte den Sekt in mich rein. Sah die Enttäuschung in ihren Augen. Es tat mir so unfassbar Leid. Ich sollte mich mit ihnen freuen. Ich sollte mich gefälligst freuen! Ich hatte verdammt noch mal allen Grund dazu! Was stimmte denn nicht mit mir??! Sie waren die besten Eltern, die man sich wünschen konnte. Hatten mein Leben lang alles nur erdenkliche für mich getan. Liebten mich so bedingungslos, ganz egal, was ich tat. Unterstützten mich in jeder Lebenslage. Und was tat ich? Ich war einfach nur undankbar. Ich war ein schlechter Mensch. Ich hatte auf ganzer Linie versagt. Der Schmerz, den ich bei diesen Gedanken empfand, war vernichtend. Und endgültig.

Und da schloss sich das Loch über mir.

Rette mich. Wer kann?

Manche Momente brennen sich für immer in unser Gedächtnis. Ohne um Erlaubnis zu bitten.

Ich sitze auf meiner Fensterbank und rauche die dritte Zigarette in Folge. Meine Hände zittern. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal gegessen habe. Allein bei dem Gedanken daran wird mir schlecht. Ich ernähre mich seit Tagen nur noch von Kaffee und Zigaretten. Keine einzige Jeans passt mir mehr. Mein Herz rast. Jede Bewegung kostet mich unendliche Überwindung. Am Horizont zeichnen sich wie durch einen Schleier die Kräne am Hafen ab. Ein Bild, das mich sonst mit einer unbändigen Freude und tiefer Verbundenheit zu meiner Wahlheimat erfüllt. Jetzt sind es einfach nur Kräne. An einem Hafen. In einer Stadt. Einer Stadt irgendwo auf der großen weiten Welt. Ich ziehe an meiner Zigarette und blase den blau-weißen Rauch in die spätsommerliche Abenddämmerung. Mir ist schon ganz schlecht. Ich rauche weiter. In mir ist es leer. Das einzige, was ich zu empfinden im Stande bin, sind tiefste Verzweiflung und eine endgültige, vernichtende Hoffnungslosigkeit. Das einzige, was in meinem Kopf Kreis um Kreis dreht, ist der Gedanke, dass das hier niemals vorbeigehen wird. Gejagt vom nächsten Gedanken, der sagt, dass er all das keine einzige Sekunde länger mehr aushält. Ich schaue auf die Uhr. Halb 7. Hinter mir liegt ein Tag, der sich anfühlt wie ein Jahr. Bald ist Nacht und ich habe panische Angst davor. Weil ich wieder nicht schlafen werde und die Gedanken noch erbarmungsloser auf mich niederprasseln werden. Ich bin mir sicher, dass da kein Licht am Ende des Tunnels ist. Nein, ich weiß es. Egal, was die anderen sagen. Die haben keine Ahnung. Sagen es, um mich zu beruhigen. Woher wollen sie es denn wissen? Es ist einfach nur schwarz. Alles was war, alles was ist, alles was kommt. Meine Seele schreit und windet sich und findet schon seit Monaten keinen Moment der Ruhe. Sie kann nicht mehr. Ich will einfach nur aus meinem Körper heraus, ihm und all diesen Gedanken, den Schmerzen, der Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung entfliehen.

Ich kann nicht mehr. Und damit bin ich nicht alleine.

Es war die Hilflosigkeit in ihrem Blick. Die Angst in ihrem Gesicht. Das Zittern in ihrer Stimme, als sie mich anflehte, mir endlich Hilfe zu holen. Eine noch nie da gewesene Unbeholfenheit, als sie mich zum Abschied umarmte und in der Sicherheitskontrolle verschwand. Zum ersten Mal in meinem Leben drehte sie sich nicht nochmal um. Ich wusste, dass sie weinte. Und ich wusste, dass ein Punkt erreicht war, an dem sie mir nicht mehr helfen konnte. Ganz egal, was sie tat. Ganz egal, wie sehr sie es versuchte. Ganz egal, wie sehr sie mich liebte. Ich wusste, dass mir niemand mehr helfen konnte. Dass nur noch ich mir selbst helfen konnte. Und genau hier lag das Problem.

Unten auf der Straße streiten sich zwei Kinder um ihr Eis. Die Welt dreht sich einfach so weiter. Als wäre nichts passiert.

Mehr als alles andere weiß ich, dass ich ich mir nicht mehr selbst helfen kann. Dass ich am Ende bin. In jeglicher Hinsicht. Ich habe komplett die Kontrolle verloren. Über meinen Körper, meinen Geist, all meine Empfindungen, Erinnerungen, Gefühle und Gedanken. Ich baumele wie eine leblose Marionette schlaff an einem seidenen Faden, der nicht dem leisesten Windhauch mehr standhalten wird. Die Erkenntnis dieser absoluten Machtlosigkeit und des Verlusts jeglicher Einflussnahme auf all das, was da gerade mit mir geschieht, trifft mich mit einer Wucht, die alles andere in den Schatten stellt. Und dann, plötzlich, ist es da.

Das Gefühl, das in rasender Geschwindigkeit bis in den allerletzten Winkel meines Körpers kriecht, kann ich nicht sofort einordnen. Es ist so überwältigend, dass mir die Luft wegbleibt.

Ich hätte niemals für möglich gehalten, dass ich mich jemals in meinem Leben so einsam und verloren fühlen würde. So unfassbar alleine. Dass da Grenzen waren, an die selbst die größte und bedingungsloseste Liebe stoßen würde. Dass jeglicher Zuspruch, Trost und Rückhalt, jede nur erdenkliche Unterstützung an mir abprallen würde, als hätte es sie nie gegeben. Dass nichts mehr mich erreichen könnte.

Mittlerweile ist es dunkel geworden. Ich sitze immer noch auf meiner Fensterbank. Aus der Ferne leuchten mir die Lichter des Hafens entgegen und machen den Himmel darüber ein kleines bisschen hell. Drum herum ist alles schwarz.

Und da weiß ich, dass ich Hilfe brauche. Ich bete zu Gott, dass ich sie schnell bekomme.

Zu einem Gott, an den ich schon lange nicht mehr glaube.

Nicht jedem Anfang wohnt ein Zauber inne…

Bildquelle: Michel Rosenberg

Meins. Ab jetzt.

„Pffffff.“

Ich starre an die Decke. Die Decke, die gar keine Decke ist, sondern der
Lattenrost des Bettes über mir. Alte vergilbte Holzplanken und zwischen
ihnen eine verwaschene Matratze, die definitiv schon bessere Zeiten
gesehen hat. Wie die Matratze, auf der ich selbst bewegungslos und wie
erstarrt liege, unter dem billigen Bettlaken aussieht, will ich gar nicht
wissen.

„Pffffff.“

Ich liege im Schlafraum eines Hostels. In Singapur. Ich habe die Betten
nicht gezählt, aber es dürften so um die 30 sein. Ich habe mein Handy schon
lange nicht mehr gecheckt, deswegen weiß ich nicht, wie viel Uhr es ist.
Dazu müsste ich mich bewegen und mit der Hand unter mein Kopfkissen
greifen, wo ich das Handy am Abend zuvor versteckt habe. Damit es nicht
geklaut wird. Vielleicht ist es nachmittags.

„Pffffff.“

Aus dem Fenster kann ich nicht schauen, da alle Vorhänge zugezogen sind.
Wahrscheinlich hat sich keiner der anderen Backpacker überhaupt erst die
Mühe gemacht, sie aufzuziehen, weil sie direkt nach dem Aufstehen
frühstücken gegangen sind. Und direkt nach dem Frühstück ihre Sachen
gepackt haben, um die Sehenswürdigkeiten der Stadt zu erkunden. Mit dem
Boot zu fahren. Einen Ausflug nach Sentosa Island zu machen. Oder sich
mit dem ultraschnellen Aufzug auf die obere Plattform dieses riesigen
Hotels zu beamen. Sieht so aus, als würde ein Schiff auf drei Säulen liegen.
So lang wie die Hotelkomplexe hoch. Mit Infinity Pool.

„Pffffff.“

Ich bin alleine in dem großen kahlen Raum. Ein seelenloser Raum, in dem
lieblos ein paar Messingstockbetten aufgestellt wurden. Aber für den Preis
pro Nacht darf man sich echt nicht beschweren. Allein meinen Augenlidern
den Impuls zum Blinzeln zu geben kostet mich fast unüberwindbare Kraft.
Kraft, die still und heimlich aus meinem Körper und Geist gewichen ist,
ohne auch nur einen winzig kleinen Rest übrig zu lassen. Wenigstens ein
paar Krümel, an denen ich mich festklammern könnte. Etwas, das mir sagen
könnte, es geht vorbei, es wird schon wieder. Du schaffst das. Sie ist einfach
gegangen, ohne mir die Möglichkeit zu geben, sie aufzuhalten. Ihr zu sagen,
dass ich sie noch brauche. Sie ist weg. Als wäre sie niemals da gewesen.

„Pffffff.“

Ich habe keinen Hunger. Schon seit Tagen nicht mehr. Im Hostel gibt es
jeden Tag weißes labberiges Toastbrot, Erdnussbutter und Marmelade
umsonst im Frühstücksraum. Peanut butter jelly. All day long. Fand ich
eigentlich immer geil. Vorgestern habe ich mich noch irgendwie dorthin
geschleppt, um dann sofort wieder umzukehren, weil sich dort so viele
Leute getummelt haben. Sich auf unterschiedlichsten Sprachen unterhalten
haben. Alle gut gelaunt. Kommunikativ. Offen. Traveller’s high. War ich
das nicht selbst noch vor gerade mal zwei Wochen? Konnte ich so etwas
mal? Wo ist dieses Ich hin? Wo bin ich hin?

„Pffffff.“

Es ist die letzte Etappe meiner Reise. Die Reise, auf die ich so lange
hingefiebert hatte und es gar nicht erwarten konnte, wegzukommen aus
meinem alten Leben. Der Schule. Den Leuten dort, die mir nie wirklich lagen.
Dem Leistungsdruck, den ich mir selbst immer gemacht hatte. Nur ich selbst
und niemand anderes. Die Regeln, die andere für einen machten. Ich hatte
Freunde. Gute sogar. Aber irgendwie hatte ich immer das Gefühl, dass ich
nicht auf denselben Bahnen schwamm wie sie. Nicht besser. Auch nicht
schlechter. Einfach anders. Ich hatte damals das Gefühl, die meisten von
ihnen waren zufrieden mit dem, was sie hatten. Mit dem, was war. Ich nicht.

Ich wollte mehr. Ein Teil von mir wollte ausbrechen, frei sein, durchdrehen,
endlich unvernünftig sein, Neues sehen, Altes hinter mir lassen, Neues
erleben, Altes vergessen. Auf die Suche gehen. Nach etwas, von dem ich
noch nicht wusste, was es sein würde. Aber was ich wusste war, dass ich es
finden würde. Und dass ich das nur könnte, wenn ich abhaute. Weit weg.
Per Anhalter raus aus jeder erdenklichen Komfortzone.

„Pffffff.“

Ich hatte lange das Gefühl, über viele, vielleicht sogar die meisten Dinge
keinerlei Kontrolle zu haben. Ich lebte nicht mein Leben, sondern auf eine
gewisse Weise lebte es mich. Diesem Gefühl von Kontrollverlust und
Machtlosigkeit habe ich vermutlich meine stets überdurchschnittlichen
Leistungen zu verdanken. Und das nicht im positiven Sinne. Es war auch
nicht so, dass ich keine Menschen in meinem Leben gehabt hätte, die mich
liebten. Die ich liebte. Ganz im Gegenteil. Dass ich keine schöne und
behütete Kindheit oder Jugend gehabt hätte. Nein, auch das war es nicht.
Manchmal quälte mich ein schlechtes Gewissen, weil ich mir so undankbar
vorkam. Aber da war etwas in mir, das befreit werden wollte. So etwas wie
ein „wahres Ich“, begraben unter vielen anderen Dingen, die es jahrelang
stets in Schach gehalten hatten. Diese Dinge wollte ich wegschaufeln und
schauen, was sich darunter verbarg. Ob da nicht noch mehr war.

„Pffffff.“

Australien. Neuseeland. Bali. Fiji. Singapur. So viele Sehnsuchtsorte, die
ich in den letzten Monaten besucht hatte. So viele Eindrücke.
Wunderschöne Erlebnisse. Unvergessliche Erfahrungen. Magische
Momente. Außergewöhnliche Menschen. Inspirierende Gespräche.
Bereichernde Begegnungen. Pulsierende Metropolen. Landschaften und
Natur, die ich mir noch vor einem Jahr nicht einmal zu erträumen gewagt
hätte. Jobs, von denen ich niemals gedacht hätte, dass ich sie einmal machen
würde oder könnte. Das erste eigene Auto. Ohne Versicherung.
Freundschaften, von denen ich wusste, sie würden bleiben. Verliebtsein, von dem ich wusste, dass es nicht bleiben würde. Der Reiz, der genau darin lag.
Das Gefühl von Unabhängigkeit, Freiheit und Selbstbestimmung, nach dem
ich mich so lange gesehnt hatte. Mein Leben. Mein Ich. Meins. Alles.
Glückseligkeit.

„Pffffff.“

Noch vor zwei Wochen fuhr ich mit einem überdimensionalen Rasenmäher
über die Farm im obersten Norden Australiens, wo ich einige Wochen lang
arbeitete. Ein älteres, unfassbar herzliches Pärchen, Heather und Jerry, die
ein Bed and Breakfast dort mitten im Nichts betrieben, die ich bei der
täglichen Arbeit unterstützte. Wwoofing hieß das. Das stand für „Willing
workers on organic farms“. Eine gängige Art für Reisende, eine Zeit lang
Geld zu sparen, indem sie ihre Arbeitskraft für Unterkunft und Essen zur
Verfügung stellten, meistens auf einer Farm.

„Pffffff.“

Noch vor zwei Wochen stand ich jeden Morgen voller Euphorie mit dem
Sonnenaufgang auf, schnitt Hecken, machte die Betten und putzte die
Räume des Bed and Breakfast. Half Heather nachmittags auf der
lichtüberfluteten Veranda des Farmhaupthauses beim Kumquat-Marmelade
einkochen. Bretterte lachend mit dem Rasenmäher über das riesige
Farmgelände und ließ mich so durchschütteln, dass ich mich am nächsten
Tag für das Tragen von zwei BHs übereinander entschied und allen
Daheimgebliebenen davon erzählte, weil ich es so lustig fand. Bekam eines
Nachts panische Angst, weil ich undefinierbare schlurfende Schritte auf
dem Flur in Richtung meines Schlafzimmers hörte. In einer riesigen Hütte
mitten im Busch, die ich ganz allein bewohnte. Nur um irgendwann
festzustellen, dass es sich nicht, wie befürchtet, um einen australischen
Busch-Axtmörder, sondern ein kleines niedliches Wombat-Tierchen
handelte, das auf dem Wellblechdach seine Runden drehte. Entdeckte beim
nächtlichen Gang zur Toilette einen riesigen grünen Frosch im Klo, erschrak mich zu Tode und entschied mich spontan zum Freiluftpinkeln, obwohl ich
mich dabei im dunklen Nichts mindestens genau so gruselte.

„Pffffff.“

Noch vor zwei Wochen fuhr ich jeden Nachmittag nach der Arbeit mit dem
Fahrrad durch das nahegelegene Naturschutzgebiet, in dem Jerry
Wandertouren für Touristen anbot, verlor mich in der unendlichen Weite
dieses faszinierenden Landes, von dem ich in der langen Zeit trotzdem nur
einen so klitzekleinen Teil gesehen hatte, ignorierte die Verbotsschilder,
fuhr weiter und sah hier und da kleine Krokodile und gar nicht mal so kleine
Schlangen am Wegrand.
Saß jeden Nachmittag zum Afternoon-Tea und jeden Abend zum Dinner mit
Heather und Jerry zusammen und kam aus dem Staunen gar nicht mehr
heraus. Über ihr Leben. Ihre Geschichten. Heather war Krankenschwester
bei den Flying Doctors gewesen, hatte damals in New York ihre Ausbildung
gemacht und in ein paar Jahrzehnten vermutlich mehr erlebt als andere
Menschen in einem ganzen Leben nicht.
Vor noch zwei Wochen lief ich jeden Abend nach dem Essen mit meiner
großen Taschenlampe den kleinen Trampelpfad durchs Stockfinstere zurück
zu meiner Hütte, sah Schlangen, hoffte, dass es keine Brown Snake war, der
ich versehentlich den Weg versperrte, sie somit in Bedrängnis brachte und
zur Verteidigung provozierte. Machte meine Taschenlampe aus, sah nach
oben in den abgefahrensten Sternenhimmel, den ich je in meinem Leben
gesehen hatte. Stellte fest, wie unfassbar weit weg ich wirklich von zu
Hause weg war. Denn der große Wagen und alle anderen Sternbilder
standen Kopf. Weil ich auf der anderen Erdhalbkugel war. Ganz alleine.
Und so unfassbar frei.

„Pffffff.“

Und nun liege ich hier. Ganz alleine. Und so unfassbar traurig. Verzweifelt.
Ohne jegliche Hoffnung, dass dieser Zustand jemals vorbeigeht. Ich bin mutterseelenallein am anderen Ende der Welt. Keiner, der mir helfen kann.
Keiner, der mir jemals helfen können wird. Während eine immer größer
werdende bleierne Schwere meinen Körper bis zur absoluten Erstarrung
lähmt, scheint mein Herz unter dieser Last erdrückt zu werden und pocht
und rast panisch um sein Leben. Ich frage mich, ob so ein Herz einfach so
stehen bleiben kann. Weil es nicht mehr möchte. Weil die Last zu schwer
wiegt. Weil die finsteren und vernichtenden Gedankenspiralen in meinem
Kopf es umwickeln wie Stacheldraht und immer fester zudrücken. Bis es
aufhört zu schlagen. Einfach so.

„Pffffff.“

Ich muss pinkeln. Komisch, denke ich. Denn ich kann mich nicht erinnern,
wann ich das letzte Mal etwas getrunken habe. Ich kann nicht aufstehen.

„Pffffff.“

Ich spüre etwas vibrieren. Es muss wohl mein Handy sein unter meinem
Kopfkissen. Die Vibration überträgt sich direkt in mein Gehirn. Ich
wünsche mir so sehr, dass es meine Gedanken einfach wegvibriert. Ich kann
sie nicht stoppen. Sie werden immer finsterer und düsterer. Ich kann nichts
gegen sie tun, ich habe nicht die Kraft dazu. Sie ergreifen Besitz von
meinem Geist, der schließlich zur unumstößlichen Gewissheit kommt, dass
alles absolut hoffnungslos ist und auch immer so bleiben wird. Dass sich
niemals wieder etwas daran ändern wird. Dass ich komplett machtlos bin. In
einer Welt, in der ich keinen Platz mehr habe.

„Pffffff.“

Das Vibrieren hat aufgehört. Die Gedanken nicht. Ein paar Minuten oder
vielleicht auch Stunden später fängt das Handy erneut an zu vibrieren. Ich
habe das Gefühl für Raum und Zeit verloren. Da, wo normalerweise
vermutlich mal so etwas wie positive Empfindungen wären, ist Leere und
Nichts. Was ist schon normal. Wahrscheinlich ist es Mama. Oder Papa. Die
spüren das.

„Pffffff.“

Kurz bevor ich fast ins Bett pinkle, erweist mir mein Körper den ersten und
einzigen Dienst des Tages und steht irgendwie auf. Ich sehe mich wie aus
einer Vogelperspektive und in Zeitlupe zum Klo gehen. An der Rezeption
vorbei. „What’s up?“, meine ich aus weiter Ferne zu hören. Worte, die an der
Blase, die sich um mich herum gebildet hat, abfedern und weiterhüpfen wie
ein Flummi. Ich hebe nicht den Kopf, sondern gehe weiter Richtung
Toiletten. Mein Körper setzt einen Fuß vor den anderen. Wie er das wohl
macht, frage ich mich. Wie all die Körper auf dieser Welt all diese
anstrengenden Schritte tun. Stunde um Stunde. Tag für Tag. Jahr für Jahr.
Ein Leben lang. Unvorstellbar. Als ich die leeren Waschräume betrete,
schaffe ich es nicht einmal zur Toilettentür und übergebe mich direkt in das
Waschbecken links neben mir. Da ich nichts gegessen habe, färbt sich das
Schneeweiß vor mir sonderbar grün, meine Speiseröhre brennt, als würde
Säure in ihr hochsprudeln. Und dann würge ich nur noch. Möchte all den
Schmerz, all die Traurigkeit, all die Angst und Hoffnungslosigkeit
herauswürgen. Aber alles bleibt erbarmungslos in mir. Ich blicke in den
Spiegel. Hätte ich die Kraft dazu, würde ich mich erschrecken. Aber auch
das ist mir egal. Meine ungewaschenen Haare kleben verschwitzt an meiner
Stirn. Ich bin bleicher als das Waschbecken vor mir, meine Lippen platzen
an einigen Stellen auf. Über finsteren Augenringen liegen Augen in tiefen
Höhlen und starren mich blicklos und leer an. Ich kenne diese Augen nicht.
Aus ihnen ist jede Lebendigkeit und jeder Glanz gewichen. Lebendigkeit,
die vor nur kurzer Zeit noch so überwältigend war, das ich nicht wusste,
wohin mit meiner übersprudelnden Freude, Euphorie und Liebe.
Lebendigkeit, an die ich mich schon jetzt nicht einmal annähernd mehr
erinnern kann. Die soweit weg ist, das ich sie nicht greifen kann. Vielleicht
hat sie auch nie existiert.

„Pffffff.“

Ich habe es irgendwie zurück ins Bett geschafft und bin so erschöpft, dass
ich am liebsten sofort schlafen würde. Einfach nur schlafen. Vergessen.
Aber mein Körper hat keine Gnade, kein Erbarmen und lässt mir schon seit
Tagen keinen Moment des Wegdriftens. Die einzige Zeit, die eine kurze
Erholung von dieser unendlichen Qual gewähren könnte. Ich fühle mich, als
würde ich sterben wollen. Ich will nicht sterben wollen. Ich möchte nur nach
dem nächsten Schlaf am nächsten Morgen nicht aufwachen müssen. Für
eine lange Zeit. Wie ein Winterschlaf.

„Pffffff.“

Mein Flug nach Hause geht in zwei Tagen. Ich habe keine Ahnung, wie ich
all die Impulse an meinen Körper senden soll, damit dieser noch einmal
funktioniert. Die notwendig wären, um mit all meinen Sachen all die
Kilometer zu diesem Flughafen zu fahren und irgendwie in Deutschland zu
landen, Warum überhaupt nach Deutschland? Studium. Auch das könnte
mir nicht gleichgültiger sein. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass
ich mich eigentlich einmal darauf gefreut hatte und immer wusste, dass ich
genau das in genau dieser Stadt studieren wollte. Bis vor zwei Wochen
vermutlich.

„Pffffff.“

„Miss? Miss! Phone! For you. Dad!“
Neben mir steht die Rezeptionistin und streckt mir einen Telefonhörer
entgegen. Sie hat knallrote Haare. War mir vorhin gar nicht aufgefallen.
Kann man eigentlich nicht übersehen. Ich greife wie in Zeitlupe nach dem
Hörer. Halte ihn an mein Ohr. Und höre die Stimme meines Vaters. Diesen
Tonfall kenne ich nicht von ihm. Er macht mir Angst. Ich frage mich noch,
wie er es ohne jegliche Englischkenntnisse wohl geschafft hat, dem Mädel
von der Rezeption beizubringen, wer er ist und was er möchte. Vielleicht
hatte Mama ihm das aufgeschrieben. Egal. Das, was in den nächsten
Minuten zwischen uns stattfindet, kann man nicht als Gespräch bezeichnen.

Abwechselnd reden meine Eltern mich ein. Dann weint Mama und Papa
nimmt den Hörer wieder an sich. Mama schluchzt und redet abwechselnd im
Hintergrund weiter, was mich verwirrt. Sie hätten mit dem Arzt gesprochen,
mehrmals. Sie sagen mir, was er gesagt hat. Die Worte flattern als leere
bedeutungslose Buchstaben in mein Ohr und ohne Zwischenstopp im
Gehirn auf der anderen Seite wieder heraus. Arzt. Bin ich krank? Was
verdammt noch mal fehlt mir? Zumindest schon mal die Worte, um diesen
abartigen Zustand, in dem ich mich seit gefühlter Ewigkeit befinde, auch
nur annähernd beschreiben zu können. Ich weiß nur, dass sich der Gedanke,
all das auch nur einen Tag, eine Stunde, eine Minute länger ertragen zu
müssen, sich jeglicher Vorstellungskraft entzieht. Den einzigen
zusammenhängenden Satz, den mein Sprachsteuerungszentrum im Laufe
des Telefonats hervorbringt, ist: „Papa, ich kann nicht mehr.“
Als ich auflege, ohne ein Tschüss zu erwidern, ist sein Flug nach Singapur
gebucht. Es gab keinen früheren als den in drei Tagen. 72 Stunden. 72
Stunden, die vor mir liegen, bis mich jemand retten kommt. Rettet wovor?

„Pffffff.“

Ich würde mein Leben lang kein gesundes Verhältnis zu automatischen
Raumerfrischern mehr haben.

Dafür aber nach zehn Jahren zahlloser Höhen und Tiefen, Fortschritten und
Rückschlägen ein für mich gesundes Verhältnis zu meiner Krankheit. Und
die Erkenntnis, dass ich mich nicht nur trotz, sondern auch mit ihr gesund fühlen kann.

Kaffee. Zum Gehen.

Eine Erzählung.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

So wirklich aufgeregt war er eigentlich gar nicht. Wahrscheinlich, weil er einfach so überhaupt keine Ahnung hatte, was da die nächsten drei Monate auf ihn zukommen würde. Nachdem er nun schon seit einem halben Jahr nicht mehr früh aufstehen hatte müssen (oder dürfen?), es abgesehen davon auch meistens gar nicht gekonnt hätte, war es auf jeden Fall sehr…nennen wir es mal „interessant“, den Wecker auf 6.45 Uhr zu stellen. Tatsächlich auch aufzustehen, zu duschen, sich anzuziehen und dann mit einem schicken umweltfeindlichen Coffee-to-go-Pappbecher in der Hand ins frühmorgendliche Bahnhofsgetümmel von Geschäftsleuten, Pendlern und anderen wichtigen offensichtlich erwerbstätigen Menschen zu stürzen.

Sollten die anderen nur meinen, er wäre viel zu beschäftigt, um morgens vor seinem für die Welt so unglaublich bedeutungsvollen Job Zeit für einen Coffee-to-stay zu Hause zu haben. Ein Luxus, den selbst das attraktivste Jahresgehalt nicht finanzieren konnte. Coffee-to-go stand für Geschäftigkeit. Produktivität. Erfolg. Nur Menschen, die ihr Leben im Griff hatten, trugen Coffee-to-go’s durch die Gegend, schnellen Schrittes selbstverständlich. Dass die 2,70€ für dieses von ihm selbst zum Statussymbol ernannten Heißgetränkes nicht mal annähernd in seinem mehr als traurigen und jede Woche aufs Neue akribisch berechneten Krankengeldbudgets einkalkuliert gewesen war und er sich nun ernsthafte Gedanken um den Einkauf bei Penny am Abend machen musste, würde keiner von den Anderen merken. Sie würden nur den Coffee-to-go in seiner Hand sehen. Seinen zielstrebigen Gang. Und dann würden sie beruhigt wieder wegschauen und weitergehen. Und alles wäre gut. Test bestanden. Fehlte eigentlich nur noch der maßgeschneiderte Anzug, der seit seiner Kündigung wegen wiederholter Krankmeldungen einsam und ausgedient zu Hause in seinem Schrank hing und schon lange kein Licht mehr gesehen hatte. Der ebenso depressiv geworden war mit der Zeit. Gab es eigentlich einen Dresscode in dieser Klinik?

Erst vor ein paar Tagen hatte er in einer Forschungszeitschrift einen Artikel zum Thema psychische Erkrankungen gelesen. Abgesehen davon, dass er bereits um die Statistik wusste, die belegte, dass ein Drittel aller Menschen im Laufe ihres Lebens mindestens einmal mit einer psychischen Erkrankung zu tun hatten, schockierte ihn die Stigmatisierung und der schlechte Ruf, den Erkrankungen der Seele und des Geistes in der Gesellschaft trotz aller Fortschritte, trotz dieser horrend hohen Zahlen an Betroffenen, immer noch genossen, über alle Maßen. In dem Artikel stand außerdem, dass der günstige oder eben auch ungünstige Verlauf von psychischen Erkrankungen nicht von der jeweiligen Diagnose abhinge, sondern vielmehr Ausdruck von unzulänglichen Behandlungsstrukturen und gesellschaftlicher Ausgrenzung war. Letzteres eine sehr schmerzhafte Erfahrung, die auch er im vergangenen Jahr hatte machen müssen. Die ihn beinahe um den Verstand gebracht hätte. Nie zuvor in seinem Leben hatte er sich so einsam und verlassen gefühlt. Und das nicht als Symptom seiner Krankheit. Sondern als Ursache.

Zum allerersten Mal seit Monaten fühlte er sich plötzlich wieder als Teil der Gesellschaft. Mit echter Daseinsberechtigung. Nicht mehr wie ein Aussätziger, ohne Beschäftigung, ständig am Existenzminimum kratzend, ohne Struktur und Halt, dafür aber wenigstens mit einer nicht zu verachtenden Depression.

Und das, obwohl er heute erst mal nur auf dem Weg in die psychiatrische Tagesklinik war, die seinen Tagen wieder einen geregelten Ablauf geben und ihm den Sprung zurück in einen „normalen“ Alltag erleichtern sollte. Damit er endlich wieder funktionieren könnte. Einen produktiven Beitrag zu einer Gesellschaft leisten, all seine Zeit, Kraft und Energie in eine Arbeitswelt stecken könnte, die ihn überhaupt erst krank gemacht hatte. Das Brennen für den Betrieb. Ein Feuer, das ihn als Schatten des kleines Aschehäufchens seiner Selbst zurückgelassen hatte. Sollte das sein „normaler Alltag“ sein? Sein Leben als Kollateralschaden einer Welt, in der er sich nicht mehr zurecht fand? Er klammerte sich fester an die heiße Tarnung in seinen Händen und stieg in den Zug.

Pizzapanik.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Eine Erzählung.

Sie saß ihm gegenüber, auf den Stufen vor dem Hintereingang des Restaurants, und rauchte die dritte Zigarette in den letzten zehn Minuten. Warum um Gottes Willen hörte sie nicht endlich auf zu heulen? Er blickte sich unauffällig um und hoffte inständig, dass nicht gerade jetzt jemand vorbeikommen würde. Wie unangenehm. Mit jeder Minute fühlte er sich unwohler und war sich nicht sicher, ob er wütend auf sie war oder Mitleid haben sollte. Er hatte sich ganz schön erschrocken, als sie mitten im Mittagsgeschäft die Pizzabretter, die sie gerade zu Tisch 4 hätte bringen sollen, einfach auf dem Tresen abstellte, und rausrannte. Der Laden war, wie immer um diese Zeit, rappelvoll gewesen und einige der Gäste hatten ihn irritiert angestarrt, allen voran die Familie an Tisch 4. Peinlich. Er konnte sich das eigentlich nicht leisten, da sie heute sowieso unterbesetzt waren, aber er musste sie zurückholen.

Und nun saßen sie da, im Restaurant war die Hölle los, da dürfte er sich nachher etwas anhören von den anderen Mitarbeitern. Als er raus kam, saß sie zusammengekauert auf den Stufen, zitterte am ganzen Körper, die Tränen liefen ihr in hässlichen schwarzen Wimperntuschebächen übers Gesicht und sie sagte, sie könnte kaum atmen. Eine Panikattacke, sagte sie. Panik? Attacke? Ob sie das schon mal gehabt hätte, fragte er sie. In letzter Zeit schon, antwortete sie leise. Dass sie das kannte, aber dass es gerade immer schlimmer wurde. Sie könnte nicht mehr schlafen, nichts mehr essen, sei nur noch am Weinen. Das mit dem Essen sah sogar er, der nicht gerade Spezialist für weibliche Gewichtsschwankungen war. Sie war immer weniger geworden in den letzten Wochen. Und essen hatte er sie schon lange nicht mehr gesehen. Sie hatten ja in ihrer 10-Stunden-Schicht auch keine Pause, so war das nun mal in der Gastro. Augen auf bei der Berufswahl. Anfangs hatte sie aber, wie alle anderen, immer kurz im Gang zwischen Gastraum und Küche zumindest ein paar Nudeln oder ein Stück Pizza verschlungen. Sie konnte nicht mehr, schluchzte sie. Er schaute sie verunsichert an. Sie schaffte es morgens nicht mehr, aufzustehen. Deswegen war sie in letzter Zeit auch so oft zu spät gekommen. Kapierte er nicht. Abgesehen davon, dass die Schicht um 11 begann und das für ihn nicht mehr wirklich morgens war. Wie konnte man morgens nicht aufstehen können? Außer natürlich, man war querschnittsgelähmt, hatte zwei gebrochene Beine oder den Kater seines Lebens. Dann vielleicht.

Langsam wurde er ungeduldig. Sie heulte immer noch. Wenn sie den Stress nicht abkonnte, wieso suchte sie sich nicht einen Bürojob? Gastro war kein Zuckerschlecken, das wusste doch eigentlich jeder, der das schon mal gemacht hatte. Er konnte hier keine labilen Heulsusen gebrauchen. Konnte sie sich nicht einfach zusammenreißen? War doch alles gut. Sie hatte eine Job, einen Macker, eine Wohnung, war gesund. Sie müsste sich krankschreiben lassen, sagte sie. Wieso das denn jetzt? Es ginge nicht mehr. Die Hauptsaison fing gerade an. Hätte sie nicht ein besseres Timing für ihr chronisches prämenstruelles Syndrom organisieren können? Frauen. Deswegen stellte er lieber Männer ein. Wie lange sie plante, krank zu sein, fragte er. Sie sah ihn aus verschmierten Augen an. Sie sah erbärmlich aus.

Er spürte kein Mitleid, sondern spielte in Gedanken schon die Dienstpläne für die kommenden Wochen durch, fragte sich, wie er das hinkriegen sollte und ärgerte sich schon jetzt darüber, dass er nach der Schicht heute wieder bis nachts in dem kleinen schäbigen Kabuff im Erdgeschoss sitzen und Timetabletetris spielen würde. Und das nur, weil sie sich nicht im Griff hatte. Die Tür wurde aufgestoßen und einer seiner Köche sah ihn mit ungläubigem Blick an: „Dein Ernst??! Der Laden ist bis auf den letzten Platz voll und du machst erst mal gemütlich Raucherpause?“ Recht hatte er. „Sorry, kleines Problem hier. Komme.“ Sie saß immer noch bewegungslos auf den Stufen, hatte aber wenigstens mit der Heulerei aufgehört. „Geh nach Hause“, sagte er. „Jeder hat mal ’nen miesen Tag. Morgen sieht die Welt schon wieder anders aus, glaub mir.“ Sichtlich zufrieden mit der in seinen Augen durchaus Mut machenden Äußerung tätschelte er, ohne ihr noch einmal in die Augen zu sehen, unbeholfen ihre Schulter und eilte, erleichtert um das Ende der Situation, ins Restaurant.

Er hatte sie direkt gemocht, sie war zu Beginn eine seiner besten Servicekräfte gewesen. Schnell, freundlich, immer einen guten Spruch auf den Lippen. Jeder hatte sie gemocht. Leider war sie noch in der Probezeit gewesen. Nachdem sie zwei Wochen am Stück krank gewesen war, machte er ihre Kündigung fertig. Sie brauchten hier nun mal Leute, die funktionierten.

Er sah sie nie wieder.