Die Magie der Manie

Eine Nacht. Ein Februar. Ein Jahr.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Es begeisterte mich immer wieder, welche Kraft Musik haben konnte, was sie im Stande war, in uns zu bewirken, wie sie die unterschiedlichsten Menschen ohne ein einziges Wort miteinander verband. Mit welcher Wucht sie unsere tiefsten Emotionen, positive wie negative, zu Tage bringen und uns bis ins Mark treffen konnte.

Nicht auszudenken, was das Leben ohne sie wäre.

Noch faszinierender war jedoch, dass ein und dieselbe Musik von jedem Menschen so unterschiedlich wahrgenommen, verarbeitet und bewertet wurde, je nach Stimmungslage, der Sensibilität für all ihre Feinheiten und Diskrepanzen, das Hören zwischen den Zeilen sowie den Einstellungsgrad unserer ganz individuellen Filter für Wahrnehmung, Emotionen und Verarbeitung.

Die Auslastung der Tanzfläche hatte nun ihr Maximum erreicht und in der diffusen Atmosphäre einer utopischen Ruhe vor dem Sturm standen wir alle mit Blick zur Bühne und in freudiger Erwartung auf das, was nun kommen mochte, einfach nur da und beobachteten den gut gebauten, bärtigen und sehr gemütlich wirkenden Mann mittleren Alters, der sich nun am DJ-Pult zu schaffen machte und die letzten Einstellungen daran vornahm.

Als die ersten zarten Klänge ertönten, ging ein Raunen durch den Raum und die Menge verschmolz zu einem Agglomerat aus diversen Neurotransmittern, die unsere synaptischen Spalte fluteten und unsere Nervenzellen zu Höchstleistungen antrieben. Bei den meisten anderen meiner unbekannten Tanzkollegen ganz offensichtlich als Ergebnis einer gerade in ihrem Gehirn stattfindenden künstlich induzierten chemischen Reaktion, was ich still zur Kenntnis nahm. Mich genau so still darüber freute, dass mein Körper mir diesen Dienst ohne jegliche äußere Einwirkung erwies. Ich trank schon seit über einem Jahr keinen Tropfen Alkohol. Wäre wohl kontraproduktiv bei Depressionen. Ich war mittlerweile an einem Punkt angekommen, an dem es mir dieses kurze Vergnügen nicht mehr wert war. Nach einer kurzen Umstellungs- und Eingewöhnungsphase feierte es sich genau so gut wie vorher, mit dem kleinen Vorteil, dass mir der Kater und vor allem auch die schwarzen Löcher erspart blieben, die meinen Weg manchmal noch mehrere Tage lang pflasterten, wie ein Minenfeld.

Freude.

Echte.

Einfach nur aus mir selbst heraus.

Zur sanften zurückhaltenden Melodie des Sets gesellten sich die ersten elektronischen Elemente, vermischten sich zu einem harmonischen und unwiderstehlichen Rhythmus und wurden schließlich komplettiert durch den einsetzenden Bass, der unsere Eingeweide zum Beben brachte.

Ich schloss die Augen und ließ mich vom Inbegriff der elektronischen Perfektion aufsaugen, mein Körper wusste ganz genau, was zu tun war und begann sich im Takt der Musik zu bewegen.

In meinem Kopf knallten an einer Stelle Sicherungen durch, während an einer anderen scheinbar neue neuronale Verknüpfungen entstanden.

Wie konnte es mir nur noch vor so kurzer Zeit so unglaublich schlecht gegangen sein? So schlecht, dass mich nichts und niemand davon hatte überzeugen können, dass es jemals wieder besser werden würde. Unvorstellbar! Das muss ein schlechter Traum gewesen sein!

Plötzlich war da nur noch Musik.

Keine Sorgen.

Keine Angst.

Kein selbstauferlegter Druck.

Kein Gefühl von Scheitern.

Keine Traurigkeit.

Kein Schmerz.

Keine Selbstzweifel.

Keine Hoffnungslosigkeit.

Kein Dunkel.

Nur Licht.

Musik.

Eine ungeheuer befreiende und intensive Leere erschloss selbst die letzten Winkel meines Denkens und machte Raum für verloren geglaubte Emotionen, die begannen, meinen Körper zu durchfluten.

Wellen der Euphorie brachen direkt auf dem Grund meines Herzens.

Ein Gefühl der Glückseligkeit nahm von mir Besitz.

Und ich ließ es geschehen.

Gegen 10 Uhr morgens und nach genau so vielen vertanzten Stunden stolperte ich wie benommen aus der zum Schneiden dicken Luft und schützenden Dunkelheit des Clubs ins Freie, wo der Tag für den Rest der Stadt bereits seit Stunden begonnen hatte. Die Sonne blendete mich und ich hatte Schwierigkeiten, meine Augen den Lichtverhältnissen anzupassen. Wie durch einen Schalldämpfer nahm ich die Umgebungsgeräusche nur peripher wahr, vorbeirauschende Autos, einen hupenden Bus, Fahrradklingeln, quengelnde Kinder, undefinierbares Piepen, diffuses Geplapper der vorbeigehenden Passanten. Die Hektik der Großstadt streckte ihre Fühler nach mir aus, während ihr Puls das Blut durch meine Adern pumpte. Doch noch war ich nicht bereit, wieder in ihre Fänge zu geraten. Zu schön war die kleine, filigrane und vom baldigen Platzen bedrohte Blase, aus der ich mich erst gerade wieder in die Realität zurück katapultiert hatte.

Ich überquerte die Straße, betrat die kleine Bäckerei auf der anderen Straßenseite und inhalierte tief den Geruch der in der Luft liegenden Zimtnote von wohl gerade erst gebackenen Franzbrötchen und den unverkennbaren Duft frisch gekochten Kaffees. Erst in der Stille des leeren Ladens wurde ich mir, wie in Watte gepackt, der lauten Nacht bewusst.

Auf meine erfreute Äußerung, welch wunderbare Stille er hier genieße, lachte der Verkäufer herzlich und reichte mir den bestellten Kaffee und mein absolutes Lieblingsgebäck, tatsächlich noch warm und in einer perfekten Symbiose aus karamellisiertem Zucker und halbweichem Teig. Vorbildlich an der Papiertüte klebend.

Mehr brauchte es nicht.

Ich bezahlte mit meinem letzten Kleingeld und zündete mir draußen die berüchtigte Konterkippe an. Half leider meistens genau so wenig wie das alkoholische Pendant.

Mit schmerzenden Beinen und wundgetanzten Füßen machte ich mich auf den weiten Weg in mein Bett, noch nicht gewillt, mit dem in den öffentlichen Verkehrsmitteln herrschenden geschäftigen Alltagsstrom zu schwimmen.

Anscheinend konnten auch zehn Stunden langes Tanzen meine übersprudelnde Energie, die ich seit ein paar Tagen verspürte und meine grenzenlose Begeisterungsfähigkeit für so ziemlich alles nicht im Zaum halten. Ich wusste gar nicht wohin mit all diesen Glücksgefühlen, dieser Kraft, die ich in mir pochen spürte. Die raus wollte. Ich wollte mehr. Ich wusste auch, dass ich mehr bekommen würde. Dass ich mich nach nur ein paar wenigen Stunden Schlaf ausgeruht fühlen und wie eine Rakete in den Tag starten würde, als wäre nichts gewesen. Wahrscheinlich sogar noch Sport machen. Ein paar Texte schreiben. Putzen. Einkaufen. Leute treffen. Und zwar mit Links! Nichts konnte mich in meiner außerordentlichen Produktivität und Motivation aufhalten! Die Gedanken in meinem Kopf lieferten sich ein Wettrennen sondergleichen, reißende Ideenströme überfluteten auf ihrem Weg sämtliche Häuser der Vernunft, teilten Mauern der Realität entzwei, zerstörten Wege des Verstandes.

Das Seltsame ist, dass ich dieses Gefühl, selbst wenn ich gewusst hätte, was mich ein paar Wochen später erwarten und erneut komplett zu Boden reißen würde, für kein Geld der Welt hergegeben hätte.

Der Himmel zog sich langsam zu und ich trottete unter Hamburgs strahlendem Grau nach Hause.

Wie ich diese Stadt liebte.

Ohne Wein und Aber.