Dirty vs. Desinfected Thirty.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Es ist soweit. Ich bin offiziell Mitglied im Club der 30-er.

Und wo darf ich sitzen?

Und was soll ich sagen? Natürlich habe ich mich am Tag danach nicht anders gefühlt. Mal abgesehen davon, dass ich total vollgestopft war von all dem Kuchen und dem guten Essen und einen kleinen Sonnenbrand auf der Nase hatte von dem wunderschönen Wetter an diesem Tag. Keine Party mit über 30 Leuten in unserem Café, keine angereisten Freunde aus verschiedensten Ecken Deutschlands, vor allem nicht der Besuch aus Italien. Dafür acht Stunden Sonne satt, strahlend blauer Himmel, Blumen, Luftballons, Papas weltbester Rhabarberkuchen und Eiskaffee mit Schlagsahne, Vogelgezwitscher. Im engsten Kreis auf der Terrasse meiner Eltern, zu denen wir brav zwei Meter Abstand hielten und nur mal kurz zum Pinkeln ins Haus schlichen. Meine Schwester auf dem ipad zugeschalten. Der Blumenstrauß in Sichtweite vor ihrer Kamera, die Musik, zu der sie das Geburtstagsständchen trällerte, im Hintergrund durch ihr WG-Zimmer schallend, der Kuchen, den sie für mich gebacken hatte und zusammen mit uns verputzte, in ihrer Hand. Lautes Gelächter auf ihre Frage, wo am Tisch sie denn nun sitzen dürfe. Anfangs ein paar kurze, etwas traurige Blicke und Bedauern darüber, dass sie nicht bei uns sein konnte. Gefolgt von zwei Stunden virtuellem Miteinander, das sich nach ein paar Minuten fast so anfühlte, als würde sie tatsächlich am Tisch sitzen.

Von fast allen Freunden und Bekannten, die sich an diesem Tag bei mir meldeten, wurde ich gefragt, ob ich denn meinen Geburtstag hoffentlich trotzdem ein bisschen genießen könnte. Weil ja eigentlich alles anders geplant gewesen war. Und dieses Jahr ja alles anders wäre. Das stimmt wohl.

Anders ausgelassen

Aber auch wir sind anders. Werden gerade anders. Verändern uns, passen uns an, finden Alternativen, arrangieren uns, stellen uns um. Oder versuchen zumindest, uns umzugewöhnen. Dadurch dass wir dazu gezwungen sind, uns mit zu verändern, mag das „andere“ Leben teilweise gar nicht mehr so anders scheinen. Meine Antwort war immer die gleiche. Dass es der schönste und entspannteste Geburtstag seit Langem war. Dass der Tag schöner nicht hätte sein können. Trotz und mit allem, was eben gerade dazu gehörte. Und allem, was gerade eben fehlte. Und vielleicht war es auch gerade deswegen so schön. Weil all die Erwartungen, die ich an die eigentlich geplante Party, meine Gastgeberrolle, gelungenes Essen, ausreichend Trinken und das Wohlbefinden aller Anwesenden bestimmt gehabt hätte, sich in dem Moment, in dem klar wurde, dass nichts davon so stattfinden würde, mit einem Schlag in Luft aufgelöst hatten. Was nicht heißt, dass ich mich nicht sehr freue, wenn ich das irgendwann nachholen kann. Wenn das hier vorbei ist. Falls. Und dann, da bin ich mir sicher, wird dieses Fest an Ausgelassenheit, Freude, Liebe und Leichtigkeit nicht zu übertreffen sein. Und wenn wir noch ein Jahr darauf warten müssen. Dann werde ich halt zweimal 30. Auch schön.

Nicht nur die Party fiel aus. Die allgemein verbreitete und gefürchtete 30-er-Krise erfreulicherweise auch. Nur erfreulicherweise, nicht überraschenderweise. Natürlich machen wir uns zu bestimmten Zeiten in unserem Leben Gedanken über bestimmte Dinge. Frau in manchen Hinsichten bestimmt nochmal anders als Mann. Das ist sicher gut und auch richtig so. Vielleicht kommt die Midlife-Crisis ja noch irgendwann. Soll sie mal. Aber die Quarterlife-Crisis habe ich definitiv hinter mir.

Wenn ich erstmal 30 bin…

Wer weiß, ob uns die Erwartungen, die wir an das dritte Lebensjahrzehnt oft haben mögen, tatsächlich von der Gesellschaft suggeriert werden. Oder unserer Erziehung. Oder ob das nur eine Ausrede ist. Ob sie vielleicht doch aus uns selbst kommen. Mein Haus, mein Auto, mein Job oder wie war das noch gleich? Statussymbole, Macht, Einfluss, Wohlstand, Karriere, Erfolg? Höher, schneller, weiter, geiler, besser? Ob nun intrinsisch oder extrinsisch motiviert, was erhoffen wir uns von all dem? Sind es Attribute und Errungenschaften, die von Herzen kommen und uns mit Freude und Glück erfüllen? Oder ist es die stille Hoffnung auf Anerkennung, die uns danach streben lässt? Die uns ein Gefühl von Sicherheit gibt. Einen geschützten Raum, der uns unsere Ängste, die Illusion von Kontrolle und unsere Unvollkommenheit vergessen oder zumindest verdrängen lässt?

Ich mal mir die Welt…

Was sich für den einen gut und richtig anfühlt, Glück und Erfüllung bedeutet, mag für den anderen unwichtig und nebensächlich sein. Es scheint oft leichter, nach Werten zu streben, die offiziell anerkannt und schon seit Langem in unserer Gesellschaft akzeptiert sind. Ideale, die zu verfolgen und im besten Falle zu erreichen es uns ermöglicht, nicht zu sehr aufzufallen. Uns einzugliedern. Nicht durchs Raster zu fallen. Uns nicht rechtfertigen oder erklären zu müssen, weil wir es vielleicht anders machen. Machen wollen. Weil sich dieses System vielleicht einfach nicht stimmig anfühlt für uns. Wozu wir dieses System übrigens nicht zwangsläufig immer direkt kritisieren oder verurteilen müssen. Sondern lediglich feststellen, dass wir da halt irgendwie nicht reinpassen. Nicht, weil da kein Platz für uns wäre. Wozu wir uns nicht exotisch fühlen müssen. Sondern erkennen, dass wir uns unser eigenes Konstrukt erschaffen müssen. Eines, das unseren ganz persönlichen und eigenen Werten entspricht. Werte, die uns die Richtung weisen, in die wir gehen wollen. Werte, an denen wir unser Leben ausrichten können, um es für uns mit Sinn zu füllen und lebenswert zu machen. Werte, die uns immer wieder als Schilder an den Abzweigungen unseres Lebensweges daran erinnern, inne zu halten und uns zu fragen, ob wir noch in die richtige Richtung gehen. Manchmal sind sie leicht zu übersehen.

Ich…

…bin jetzt 30 Jahre alt.

Und ich habe kein Haus. Kein Auto. Keine Karriere, die bei karriereaffinen Menschen Eindruck schinden würde. Keine Position, in der ich Macht über andere ausüben kann. Könnte es mir nicht mal leisten, auch nur Zehner durch den Club zu schmeißen.

Dieses Haus, dieses Auto, diese Karriere, Macht und Reichtum…nichts davon wollte ich jemals, nichts davon fehlt mir in irgendeiner Art und Weise. Trotzdem gab es eine nicht allzu kurze Zeit in meinem Leben, in der ich dachte, dass mir das doch aber fehlen müsste. Und dass ich das doch eigentlich wollen müsste. Habe Dinge getan und Wege eingeschlagen, die rein theoretisch irgendwann zu diesen Zielen hätten führen können. Und mich gewundert, warum sie mich nicht glücklich machten.

Jetzt…

…bin ich 30 Jahre alt.

Nach unzähligen Höhen und Tiefen, unüberwindbar scheinenden Herausforderungen, nicht lösbar wirkenden Problemen, noch mehr Zweifeln und Rückschlägen habe ich meinen Weg gefunden. Lebe ich das Leben, das ich wirklich leben möchte. Ein Leben nach meinen ganz eigenen Werten und Vorstellungen. Ein Leben, das bei manchen Menschen auf Unverständnis stößt und mir nicht selten kritische, vielleicht auch abfällige Blicke beschert. Das in den meisten Hinsichten so gar nichts mit Auto und Karriere zu tun hat. Und auch nicht mit Macht. Sondern einem Job, der zwar nicht mein Konto mit Geld im Überfluss, dafür aber mich selbst mit Freude füllt. Und zwar jeden verdammten Tag, den ich dort hingehe. Ein Arbeitspensum, das mir so viel freie Zeit gibt, in der ich all die Dinge tun kann, die mir wirklich wichtig sind. Das so reduziert ist, dass dessen Stresslevel keine Gefahr für meine psychische Stabilität darstellt. Der Erkenntnis, dass ich an den Job, mit dem ich meinen Lebensunterhalt verdiene, nicht mehr wie früher den Anspruch habe, dass er mich voll und ganz erfüllen muss. Dass ich nicht lebe, um zu arbeiten, sondern arbeite, um zu leben. Und dass es mir reicht, wenn ich mich mit meinem Job identifizieren kann. Dass ich mich nicht über ihn definieren möchte. Dass Berufung und Beruf getrennt werden können. Dass ich meine Erfüllung und Sinnstiftung außerhalb davon erlebe.

Ein Leben

in dem ich eine gute Freundin, Schwester oder Tochter, eine gute Partnerin oder Mutter bin. In dem ich mir Zeit für die Menschen nehme, die mir wichtig sind, für sie da bin, ihnen wirklich zuhöre und sie verstehe. In dem ich bedingungslosen Rückhalt und Unterstützung erfahre. In dem Zwischenmenschlichkeit eines der höchsten Güter ist. In dem es wahre Freundschaft und tiefgehende Beziehungen gibt. Ein Leben prall gefüllt mit Liebe, Miteinander, Aufrichtigkeit und echten Emotionen. Ein Leben, in dem ich immer wieder zurück zu mir finde, egal wie schwer es auch sein mag. Ein Leben, zu dem sich irgendwann eine innere Zufriedenheit und Ruhe gesellte, die seitdem nicht mehr von meiner Seite weicht.

Ein Leben, in dem ich mich so eingerichtet habe, dass ich es trotz und mit meiner Erkrankung bestmöglich meistern und so oft und viel wie möglich genießen kann. So lange links oder rechts abgebogen bin, bis ich auf einen Weg stieß, der sich richtig anfühlte. Auf dem ich plötzlich durchatmen konnte und sich mein Rucksack, der vorher manchmal so schwer schien, auf einmal ziemlich leicht zu tragen war. Ich nicht mehr so oft stolperte. Auf dem ich mich angekommen fühlte, obwohl ich noch nicht wusste, wohin er mich wohl führen würde.

Ein Leben, das erst durch all die Höhen und Tiefen meiner Erkrankung zu dem Leben wurde, das ich nun leben darf.

Und ich bin erst 30 Jahre alt.

Einmal alles bitte.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

„Ich bin psychisch krank. Und du so?“

Eigentlich hätte ich sehr gerne mal ausprobiert, wie sich diese Information auf einem Tinderprofil macht. Direkt neben Hobbies und Lieblingseis. Einfach mal nur, um zu sehen was passiert. Aber selbst das war mir den vergeudeten Speicherplatz auf meinem Handy nicht wert. Vielleicht kann ich ja mal jemand anderen nötigen, der mir diese Sozialstudie auswertet. Wird bestimmt witzig.

Alles was zählt.

Ich würde diesen Blog nicht schreiben, wenn ich den offenen Umgang mit und die Enttabuisierung sowie Entstigmatisierung von psychischen Erkrankungen, welcher Art auch immer, in unserer Gesellschaft nicht so unglaublich wichtig und grundlegend finden würde. Ich würde nicht im Traum daran denken, meine tiefsten Tiefen und höchsten Höhenflüge frei zugänglich für jeden in einem Medium auszuschlachten, das niemals vergisst. Ich würde nicht Menschen davon erzählen, die ich gerade mal ein paar Minuten kenne. All das würde ich nicht tun, wenn ich nicht hundertprozentig hinter der Meinung stehen würde, dass hier jeder Einzelne zählt und seinen Teil zu einer größeren Akzeptanz dieses Themas beitragen kann. In vielerlei Hinsicht.

Aber es gibt Unterschiede.

Ob das lohnt?

Mit der Zeit habe ich ein ziemlich feines Gespür dafür entwickelt, wo und bei wem diese Thematik vermutlich „gut aufgehoben“ ist. Wo sie ankommt. Wo sie im besten Fall einen Mehrwert schafft und nicht nur Angst und Schrecken hinterlässt. In vielen Fällen, vor allem bei fremden Menschen, geht es mir schon lange nicht mehr darum, dass mir mein Gegenüber Verständnis, Empathie oder Akzeptanz entgegenbringt. Denn dafür brauche ich niemanden. Nicht mehr. Es geht um etwas Anderes. Es ist ein spontanes Gefühl, eine Art Intuition. Das zurückhaltende Mädchen, das letztens bei mir im Café saß und der einzige Gast war. Ihren Milchkaffee trank und Tagebuch schrieb. Wenn ich jemanden per Hand irgendwo etwas schreiben sehe, werde ich sowieso immer aufmerksam und frage mich, was diese Person da wohl gerade aufs Papier bringt. Wenn ich das Gefühl habe, dass es okay ist, frage ich auch manchmal nach. So wie an diesem Tag.

Weiß und leer und einfach da.

Sie lächelte und erzählte mir, dass sie gerade Probleme in ihrer Beziehung hatte und ihre Gedanken besser sortieren konnte, wieder einen klareren Kopf bekam, wenn sie das alles aufschrieb. Wie gut ich das kannte. Das Blatt Papier, das nicht wertet und sich alles nur Erdenkliche um die Ohren hauen lässt. Ohne sich auch nur ein einziges Mal zu beschweren. Ohne uns zu belächeln. Ohne zu zweifeln. Ohne verständnislos den Kopf zu schütteln. Ohne uns die Schuld zu geben. Ohne direkt gut gemeinte Ratschläge zu erteilen, um die wir nie gebeten haben. Ohne direkt von den eigenen Erfahrungen diesbezüglich zu erzählen. Ohne uns seine Meinung aufzudrängen. Das wie ein guter Freund einfach nur zuhört. Einfach da ist.

Nur ein kleiner Moment.

Während wir uns so über diese gemeinsame Verbindung, die Liebe zum Schreiben, austauschten, kamen wir irgendwie auf Blogs zu sprechen und ich erzählte ihr von meinem. Und so, als wenn wir uns gerade über die Zutaten unseres neuen veganen Avocadokuchens unterhielten, erzählte ich ihr, dass ich bipolar sei und vor allem darüber schrieb. Woraufhin sie mir von ihren depressiven Phasen der Vergangenheit und ihrem Klinikaufenthalt erzählte. Wie auch sie in dieser Zeit die heilsame Wirkung des Schreibens für sich entdeckt hatte. Und so standen wir da ein paar Minuten, ich hinter der Kasse am Tresen und sie auf der anderen Seite, und führten ein Gespräch, das beide von uns in dieser Tiefe mit so manch anderen Bekannten, die wir schon sehr viel länger und besser kannten, vielleicht bis heute nicht geführt haben. Einfach, weil es sich in diesem Moment stimmig anfühlte. Weil da eine Verbindung und ein Vertrauen war. Ein Gespräch von wenigen Minuten, das für den Rest des Tages ein warmes Gefühl in mir hinterließ. Sie drehte sich eine Zigarette, packte ihr Tagebuch ein und wir wünschten uns alles Gute.

Fuck Fake.

Dass Offenheit Verbindung und Vertrauen schaffen kann, ist kein Geheimnis. In den letzten Jahren habe ich vor allem in Bezug auf meine Erkrankung immer wieder eine sehr wertvolle Erfahrung gemacht. Dass wir oft erst in den Momenten, in denen wir uns ohne Angst vor Ablehnung und Kontrollverlust öffnen und uns dadurch verletzlich machen, ja, vielleicht sogar schutzlos ausliefern, Raum für echte und tiefe Verbundenheit schaffen. Dass wir unserem Gegenüber durch unsere Verletzlichkeit zeigen, dass man uns vertrauen kann. Dass wir alles andere als perfekt sind. Dass auch wir unser Päckchen zu tragen haben. Ob nun in Form einer psychischen Erkrankung oder anders. Dass genau das uns auf einer tieferen menschlichen Ebene verbindet. Dass Authentizität immer über Fake siegen wird. Dass das Leben bedeutet.

Hinter den Kulissen

In der absoluten Mehrheit der Fälle haben mir die Menschen, vor allem die, die ich nicht gut kannte, von ihren eigenen Schwierigkeiten, dunklen Zeiten oder tatsächlich auch eigenen psychischen Erkrankungen erzählt, wenn ich ihnen von meiner Krankheit erzählte. Menschen, denen man es genau so wenig ansieht, wie man es mir ansieht. Menschen, die wir vielleicht an einem unserer eigenen dunklen Tage auf der Straße lachen sehen und sie in diesem Moment darum beneiden. Nicht sehen, wie oft sich ihre eigene Welt verdunkelt. Vielleicht schon, wenn sie an diesem Tag nach Hause kommen. Wie schwer der Kampf, den Tag zu beginnen vielleicht an ihrem Morgen gewesen war. Menschen, die in jedem erdenklichen Lebensbereich erfolgreich zu sein scheinen und denen offensichtlich alles in den Schoß fällt. Wir wissen nicht, wie viele Jobs sie vielleicht aufgrund ihrer Erkrankung schon verloren haben. Menschen, die so gut und „normal“ funktionieren zu scheinen, obwohl sie jeden einzelnen Tag mit ihrer Erkrankung und all den Herausforderungen, die sie mit sich bringt, konfrontiert sind. All die Mühe, Energie und Kraft, die das Leben trotz und mit ihrer Erkrankung mit sich bringt, nicht sehen können.

Lückenlose Langeweile

Vor meiner Diagnose Ende 2017 waren es vor allem meine depressiven Phasen, die unvermeidlich auch immer einen Einfluss auf mein Berufsleben hatten. Das noch nie beständig war. Mein Lebenslauf alles andere als gerade. Definitiv nicht lückenlos. Womit ich unter bipolaren Menschen in bester Gesellschaft bin. Es wäre wohl einfacher zu fragen, welche Jobs ich noch nicht gemacht habe. Viele wunderschöne und spannende Erlebnisse, viele viele tolle Menschen, viel gelernt, viel Spaß. Aber auch viel Chaos und Durcheinander. Des Faktes, dass ich bei einem gängigen Konzern mit meinem Lebenslauf trotz Studium niemals wieder eine Chance hätte, bin ich mir bewusst. Genau so weiß ich allerdings, dass ich in einem Unternehmen, das auf diese Dinge Wert liegt, völlig fehl am Platz wäre. Dass ich noch nie für meinen Lebenslauf gelebt habe. Und es auch in Zukunft nicht tun werde. Dass ich ihn so bunt ziemlich gerne mag und mir Tabellen noch nie standen. Dass ich nur noch tue, was sich gut anfühlt. Worin ich Sinn sehe. Was mein Herz hüpfen lässt, wenn ich nur daran denke. Mittlerweile akzeptiert habe, dass alles, was mir Spaß macht und mich interessiert, mich vermutlich niemals reich machen wird. Dass mir das manchmal Angst macht. Dass diese Angst jedoch nicht groß genug ist, um meinen Weg nicht auch in Zukunft genau so weiter zu gehen.

Kein Platz für dich

Ich habe Jobs durch meine Erkrankung verloren. Zum Beispiel als ich in einer hypomanen Phase meinem Chef völlig betrunken auf der Weihnachtsfeier mal so richtig schön die Meinung gesagt habe. Die Traurigkeit hielt sich in Grenzen. Vor allem als ich am nächsten Morgen die zwei Flaschen Champagner und den Kilosack Erdnüsse entdeckt habe, die ich anscheinend noch hatte mitgehen lassen. War eh beschissen der Job. Sehr lange her. Heute kann ich darüber lachen. Meine Eltern fanden das damals nicht so witzig.

Ein Job im Restaurant. Ich wurde in der Probezeit gekündigt, nachdem ich ein paar Tage krank geschrieben war, als die schwere depressive Phase im Sommer vor der Klinik ihren Lauf nahm. Der Tag, an dem wir völlig unterbesetzt waren, ich die ganze Nacht nicht geschlafen hatte und eine Panikattacke die nächste ablöste. Für immer in mein Gedächtnis gebrannt. Wie ich vor den Gästen in Tränen ausbrach und sowohl meine Gefühle als auch mein Körper sich komplett meiner Kontrolle entzogen. Die mitleidigen Blicke.

Der Bürojob, in dem ich zwei Jahre gearbeitet habe. Mein toller Teamleiter, der gerade mal so alt wie ich und eigentlich eher ein Freund war. Wie lange ich überlegte, ob ich ihm erzählen sollte, was mit mir los war. Wiederkehrende Zusammenbrüche auf der Arbeit durch völlige Überforderung und ein absolut abgefucktes Stresslevel mir irgendwann die Entscheidung nahmen. Seine verständnisvolle Reaktion. Die prekäre Lage, in die ihn meine Offenbarung brachte. Sein Platz zwischen Menschlichkeit und Empathie auf der einen und Arbeitgeber und wirtschaftlichem Denken auf der anderen Seite. Er sprach es nicht aus. Doch es war unmissverständlich klar, dass letzten Endes nur die Zahlen zählten. Dass hier funktionierende Arbeitnehmer gebraucht wurden. Ich nahm ihm die Entscheidung ab.

Meld dich mal, wenn du angekommen bist.

Und dann ist da noch die Liebe. Über die ich heute eigentlich schreiben wollte. Bevor der Text wie so oft eine Eigendynamik entwickelt hat. Wie sagt man so schön? Go with the flow. Oder so.

Oft passiert es dann, wenn wir es am wenigsten erwarten. Zum Beispiel während der Corona-Krise. Dann ist er plötzlich da. Dieser eine Mensch. Aus dem Nichts. Und wir merken erst dann, wie sehr wir uns nach diesem einen Menschen gesehnt haben. Ohne zu wissen dass er überhaupt existiert. Wo bis jetzt Ängste und Zweifel waren ist da auf einmal eine Gewissheit, die wir mit Worten nicht erklären können. Die uns ruhig werden lässt. Uns ein Gefühl von Zuhause gibt.

Die einzige Frage, die ich noch habe, ist: Wird dieses Zuhause stabil genug sein für mich im Gesamtpaket? Mit meiner Erkrankung? Mit all meinen guten, aber auch meinen schlechten Tagen? Teillieferung ausgeschlossen. All inclusive oder gar nicht.

Mein Herz klopft schneller.

Das hier konnte ich nicht üben mit Fremden, Arbeitgebern oder Bekannten.

Ich hole tief Luft und traue mich.

„Ich bin psychisch krank.“

Und wenn wir Glück haben, ändert dieser eine kleine Satz rein gar nichts an dem Ausdruck in den Augen, die uns in diesem einen großen Moment ansehen.

Gemutlich hier.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

„Ihr Ziel befindet sich auf der anderen Seite.“

Das Interessante ist, dass ich manchmal einen Artikel anfange, den ich vorher schon mehrmals im Kopf durchgegangen bin und das Thema sowie den Aufbau ganz klar vor mir habe. Manchmal läuft das dann auch einfach so durch, fertig, hochladen. Oft ist es allerdings auch so, dass ich mit einer bestimmten Idee im Kopf anfange zu schreiben und sich während des Schreibens eine ganz andere Thematik als viel interessanter, relevanter oder einfach passender entwickelt. Ich greife sie auf, der Text nimmt direkt die nächste Ausfahrt, obwohl das Navi eigentlich die übernächste geplant hatte, und am Ende hat der Artikel nicht mehr viel mit dem eigentlichen Plan zu tun. Selbst das Bild, das ich vielleicht am Anfang schon ausgesucht und hochgeladen hatte, passt nicht mehr und muss nochmal ausgetauscht werden. Ich finde diese Eigendynamik, die ein Text entwickeln kann und auch die verschiedenen Phasen eines Schreibprozesses, zu dem übrigens Schreibblockaden genau so gehören, ganz schön spannend und faszinierend.

Ganz gleich, ob es sich nun um das Schreiben eines Textes oder etwas ganz anderes handelt…um eine gewisse Eigendynamik entstehen zu lassen, dürfen wir nicht zu sehr festhalten, müssen wir uns von dem wohligen Gefühl der Kontrolle und Sicherheit lösen und darauf vertrauen, dass sich das Ganze schon in eine gute Richtung entwickeln wird. Einen sicheren Hafen zu verlassen mag den einen mehr, den anderen weniger aus seiner Komfortzone schubsen und uns dementsprechend mehr oder weniger Mut abverlangen. Um diese ganz besondere Eigenschaft, die meiner Meinung nach oft stark unterschätzt wird, soll es hier heute gehen. Eine kleine Anmerkung vorweg: Aus Gründen der Lesbarkeit werde ich in diesem und auch allen meinen anderen Blogartikeln auf das Gendern verzichten.

Tut Mut gut?

Im letzten Artikel ging es um die guten und eigentlich immer gleichen Wünsche für’s neue Jahr. Gesundheit, Glück, Zufriedenheit, Erfolg…eigentlich wollte ich an diesem Tag bereits zum Thema Mut schreiben. Und irgendwie ging es dann doch in Richtung Gesundheit. Die meisten Menschen würden vermutlich bestätigen, dass Mut bei Weitem nicht so wichtig ist wie Gesundheit. Oder Glück. Oder Erfolg. Aber hängt nicht irgendwie alles davon zusammen? Bedingt sich nicht sogar ab und an gegenseitig? Können wir glücklich sein oder werden, wenn wir nicht den Mut aufbringen, unser Glück selbst in die Hand zu nehmen? Werden wir erfolgreich sein, wenn wir nicht den Mut haben, unser Ziel gegen alle Widrigkeiten und allen Zweifeln zum Trotz weiter zu verfolgen, egal, was die anderen denken? Wie lange bleibt uns unsere Gesundheit erhalten, wenn wir uns aus Angst vor Ablehnung nie trauen, unseren Bedürfnissen nachzugeben und gut für uns zu sorgen, weil das bedeuten würde, auch mal Nein zu sagen, sich abzugrenzen und damit eventuell jemanden vor den Kopf zu stoßen?

Alles auf Angst

In diversen Definitionsansätzen von Mut taucht immer wieder das Wörtchen Sicherheit auf. Mutig sei der, der es wagt, sich in Situationen zu begeben, die mit einer gewissen Unsicherheit, also einer Abwesenheit von Sicherheit, verbunden sind. Wir Menschen mögen es nicht, wenn eines unserer Grundbedürfnisse in Abwesenheit glänzt. Ehrlich gesagt macht es uns sogar eine scheiß Angst. Alles, was wir nicht kennen, alles, was neu ist, widerstrebt uns erst einmal. In unserer ganz persönlichen Komfortzone haben wir es uns kuschelig gemütlich eingerichtet und fühlen uns pudelwohl. Da kann uns nichts passieren. Glauben wir. Ein trügerischer Gedankengang, der das unfreiwillige Verlassen der Komfortzone nicht mit einkalkuliert. Die uns allen wohl bekannte Aussage, dass wahres Wachstum und Chance auf Weiterentwicklung erst außerhalb unserer Komfortzone auf uns warten, ignorieren wir erfolgreich. Wir hangeln uns von Wochenende zu Wochenende, können uns vor lauter schlechter Laune beim Gedanken an die neue Woche nicht mal mehr auf den Tatort Sonntagabends konzentrieren, gehen jeden Tag mit Bauchschmerzen zur Arbeit und sehnen den Freitagnachmittag schon herbei, bevor der Montag überhaupt angefangen hat. Dann ist irgendwann zum Glück das Wochenende da, an dem wir uns gerne mal so richtig schön voll laufen lassen oder anderweitig zuballern, um den aufgestauten Frust und die Erschöpfung der Woche wegzuspülen. Wenn wir mit Familie, Freunden und Bekannten über die Arbeit sprechen, schmettern wir leidenschaftlich Hasstiraden auf unseren Chef, die Arbeitskollegen, unser Gehalt und die Inhalte unseres Jobs.

Eigentlich liegt die Lösung auf der Hand: Ein neuer Job muss her. Und zwar schnell. Doch so beschissen unser Job auch sein mag, wenigstens wissen wir, dass er beschissen ist. So viel ist sicher. Und selbst eine beschissene Sicherheit fühlt sich wohl oft besser an als die überwältigende Angst, uns ohne jegliche Aussicht auf Erfolg ins Universum des Unbekannten zu schießen. Diese Angst und das Leid, das mit manchen Lebenssituationen für uns einhergeht, liefern sich einen erbitterten Kampf. Viel zu oft geht die Angst in Führung. Auch wenn das Leid noch so groß sein mag.

Aus Liebe zu Mut

Was sich im Berufsleben abzeichnet, lässt sich auch in diversen anderen Lebensbereichen wiederfinden. Die Angst, keinen passenden Partner mehr zu finden, für den Rest unseres Lebens alleine zu bleiben und ganz furchtbar einsam und alleine zu sterben, ist mittlerweile kein Phänomen mehr, das der älteren Generation vorbehalten ist. Leider. Die grenzenlose Angst vor dem Alleine sein. Wir sind nicht glücklich oder vielleicht sehr unglücklich in einer Beziehung und bringen trotzdem nicht den Mut auf, uns von diesem Partner zu lösen, der weder zu uns passt noch uns gut tut. Wir haben ja schließlich keine Garantie, dass es da draußen überhaupt jemand Besseren gibt. Dass es beim Nächsten vielleicht nicht sogar noch schlimmer wird. Vielleicht sollten wir uns einfach mal zusammen reißen und nicht so hohe Ansprüche haben. Obwohl sie eigentlich immer noch zu niedrig sind. Frei nach dem Motto „Lieber gemeinsam unglücklich als alleine unglücklich!“.

„Alleine glücklich“ scheint oft überhaupt keine Option zu sein. Wo wären wir, hätten wir den Mut, darauf zu vertrauen, dass es da draußen nicht nur einen, sondern sogar mehrere Menschen gibt, mit denen wir eine glückliche Partnerschaft führen könnten? Was würde es mit uns machen, hätten wir den Mut, den Gedanken, was denn passieren würde, wenn dem eben nicht so sei, einmal zu Ende zu denken? Ganz zu Ende. Wo stünden wir, hätten wir den Mut, zu erkennen, dass wir bereits vollständig sind und wir nur dann eine wirklich erfüllende Partnerschaft führen können, die unser Glück noch steigern kann, wenn wir selbst bereits eine gewisse Grundzufriedenheit und ein gesundes Selbstwertgefühl ins uns tragen. Was würde sich ändern, hätten wir den Mut, zu akzeptieren, dass wir uns die Partnerin oder den Partner weder backen noch erzwingen können und die Welt erstaunlicherweise selbst dann nicht untergeht, wenn wir unseren Weg erstmal ohne partnerschaftliche Begleitung beschreiten. Dankbar sind für alle anderen wunderbaren Wegbegleiter, mit denen wir zwar nicht das Bett, aber unser Leben teilen. Wissen, dass wir selbst immer da sind. Vertrauen. In uns selbst, unsere Unabhängigkeit, Selbstwirksamkeit und Autonomie.

Was uns niemand nehmen kann. Und auch auch niemand anderes geben.

Wie viel können wir uns zumuten?

Nicht nur in Arbeitsleben und Partnerschaft kann die Tugend des Mutes eine große Rolle einnehmen. Wenn wir genau hinsehen, versteckt sie sich in all unseren Lebensbereichen. Und meist tut sie das in Begleitung ihres Opponenten, der Angst. Und unsere Angst ist groß.

Angst vor Ablehnung.

Angst vor dem Scheitern.

Angst zu versagen.

Angst vor Verlust.

Angst vor dem Loslassen.

Angst vor dem Ungewissen.

Angst vor unseren Gefühlen.

Angst vor Veränderung.

Angst vor der Stille.

Angst vor dem Alleinsein.

Angst vor Verletzung.

Wir könnten die Liste beliebig weiterführen. Ganz gleich um welche Art von Angst es sich handeln mag, sie kann so überwältigend sein, dass wir es nicht wagen, nach der Hand zu greifen, die uns der Mut von der anderen Seite der Schlucht entgegenstreckt. Wir sehen klar und deutlich, wie schön und hell es auf der anderen Seite zu sein scheint. Doch die Schönheit, die wir nur erahnen können, steht nicht in Relation mit der unberechenbaren Gefahr des Sturzes in eine bodenlose Tiefe. Wenn wir auf unserer Seite bleiben, sind wir sicher vor dem Absturz. Und nehmen die dunklen Wolken in Kauf, die sich von hinten unaufhaltsam nähern.

Mutiviert ins neue Jahr

Keiner kann uns zwingen, unseren Ängsten ins Gesicht zu lachen. Wir können unser Leben auch leben, ohne je etwas zu wagen. Und damit auch sehr glücklich werden. Oder aber wir geben unserem Mut die Chance, sich zu beweisen. Obwohl wir Angst haben. Und werden damit vielleicht noch glücklicher.

Wir haben die Wahl.

Lasst uns den Mut haben, so zu sein, wie wir sind und uns nicht zu verstellen. Weil wir nicht jedem gefallen müssen. Und können.

Lasst uns den Mut haben, unserer Angst vor dem Versagen den Wind aus den Segeln zu nehmen, indem wir für uns den Begriff des Scheiterns neu definieren. Uns zu fragen, wie stabil ein Selbstwertgefühl ist, das ausschließlich auf Perfektion und Erfolg gründet. Was bedeutet Erfolg für uns? Sind wir erst dann gut genug, wenn wir etwas geleistet oder erreicht haben? Was überhaupt verstehen wir unter Leistung und Errungenschaften?

Lasst uns den Mut haben, zu akzeptieren, dass wir keine Macht über die meisten Verluste im Leben haben und dem Hier und Jetzt mit Dankbarkeit und Wertschätzung begegnen. Denn es ist das einzige, was wir haben.

Lasst uns den Mut zum Loslassen von Vergangenem haben. Ohne Verbitterung und Reue zu erkennen, dass etwas vielleicht nicht als „zu Ende gegangen“, sondern einfach als „erfüllt“ betrachtet werden kann. Und weiterziehen darf. Lasst uns Mut zu sanfter Wehmut haben.

Lasst uns den Mut haben, Ungewissheit zu ertragen und uns auf die Chancen konzentrieren, die in ihr liegen. Nicht die Gefahren .

Lasst uns den Mut haben, uns Zugang zu unseren Gefühlen zu gewähren. Den leichten wie den schweren. Den angenehmen und den unangenehmen. Mit der Gewissheit, dass wir sie aushalten können. Dass sie unser Menschsein erst zu etwas Besonderem machen und unserem Dasein Sinn verleihen.

Lasst uns den Mut haben, zu ändern, was uns nicht gut tut oder nicht mehr passt. Auf die Gefahr hin, dass das Nächste nicht direkt besser sein wird. In der Hoffnung, dass es früher oder später gut werden wird. Dass die Entscheidung dafür und die Umsetzung einer Veränderung bereits der erste Schritt dorthin ist. Darum wissend, dass die einzige Konstante im Leben die Veränderung ist.

Lasst uns den Mut haben, Stille zuzulassen, auch wenn sie im ersten Moment ohrenbetäubend schein mag. Uns einmal anzuschauen, was da eigentlich in uns ist. Dem wir sonst weder Raum noch Zeit einräumen. Nein zu sagen. Zur ständigen Ablenkung, sozialem Stress, Hektik, übertriebener Geschäftigkeit, Wichtigtuerei und Reizüberflutung, mit der wir uns erfolgreich und manchmal Zeit unseres Lebens von dem ablenken, was wirklich zählt. Was wir wirklich wollen. Wer wir wirklich sind.

Lasst uns den Mut haben, uns wieder und wieder zu öffnen, uns einzulassen und Vertrauen zu fassen. Die Oberfläche zur Seite zu schaufeln, um die Entstehung von echter und tiefer Verbundenheit zu ermöglichen. Nicht vorsichtshalber schnell wegzulaufen, sobald etwas verbindlich und wichtig wird. Uns nicht zu verstellen oder unsere Bedürfnisse hintenanzustellen, nur um jemandem zu gefallen oder nicht zu kompliziert und anspruchsvoll zu scheinen. Auf die Gefahr hin, dass wir ohne Vorwarnung fallen gelassen, verlassen oder einfach ersetzt werden. Dass wir vernichtenden Schmerz empfinden werden. Dass auch dieser vorbeigehen wird. Dadurch nicht an uns selbst zu zweifeln. Uns als Mensch nicht infrage zu stellen. Bei uns zu bleiben und klar zu unterscheiden zwischen dem, was mit uns zu tun hat und dem, was einzig und allein beim anderen liegt. Aus Ersterem zu lernen und aus Zweiterem nicht zu schließen, dass wir nicht gut genug sind. In Betracht zu ziehen, dass die andere Person schlichtweg nicht gut genug für uns war. Auch das zu verzeihen. Weiterzugehen.

Lasst uns den Mut haben, die Kunst des Alleinseins zu erlernen. Sicherzustellen, dass wir es nicht mit Einsamkeit verwechseln. Sein Potenzial zu erkennen und für uns zu nutzen. Um irgendwann festzustellen, dass wir nie wieder einsam sein müssen, wenn wir in uns ruhen.

Weil wir uns immer auf uns selbst verlassen können. Weil wir immer da sind.

Weil wir der einzige Mensch sind, bei dem wir nicht die Wahl haben, ob wir unser restliches Leben mit ihm verbringen wollen oder nicht.

Und das erfordert ganz schön viel Mut.

Vom Nirwana der Nüchternheit

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Schüchterne Stabilität

Ich bin zum ersten Mal seit meiner Diagnose und auch zum ersten Mal in den vergangenen zehn Jahren seit ziemlich genau einem Jahr weitestgehend stabil. Mit stabil meine ich nicht „ohne Ausschläge nach oben oder unten“. Die gab es auch dieses Jahr. Sowohl nach unten als auch nach oben. Da gab es die relativ kurze und gleichzeitig nicht zu verachtende hypomane Phase im Frühjahr, die ich relativ schnell in den Griff bekam und währenddessen getroffene Entscheidungen und ihnen folgende Handlungen glücklicherweise wieder rückgängig machen konnte, bevor sie längerfristigen Schaden anrichteten. Und auch einige depressive Episoden gab es über das Jahr verteilt, von denen fast alle durch vorangegangene Stresssituationen entstanden waren. Da ich mittlerweile weiß, dass diese Phasen zu mir gehören und kommen und gehen, bedeutet „stabil“ für mich, dass diese stetig wiederkehrenden Auf’s und vor allem Ab’s verhältnismäßig geringer ausgeprägt waren und kürzer ausfielen, als sie das schon getan hatten. Und ich selbst während dieser akuten Phasen, wenn auch unter deutlich größerer Anstrengung und daraus resultierender Erschöpfung, meinen Alltag bewältigen, zur Arbeit gehen, für mich selbst sorgen und meine sozialen Kontakte, wenn auch manchmal vermindert, pflegen konnte. Wusste, was mir in diesen Momenten gut tun würde und genau das tat, um wieder in Richtung Mitte zu gelangen. Aus eigener Kraft und mithilfe all des Wissens, das ich mir in den letzten Jahren angeeignet hatte.

Eine Frage des Lebensstils?

Dieses Jahr der „Stabilität“ bedeutet mir unglaublich viel. Und es macht mich auch in gewisser Hinsicht ganz schön stolz. Weil ich weiß, dass ich diesen Zustand neben einer regelmäßigen und konsequenten Medikamenteneinnahme zu einem großen Teil den Anpassungen meines Lebensstils und Alltags, dem Bewusstwerden meiner Bedürfnisse und deren Erfüllung, dem Erkennen meiner Grenzen und deren Verteidigung zu verdanken habe. Bei mir zu bleiben, selbst wenn es im Außen mal zerrt und schubst und drängt. Gut auf mich zu achten, vor allem, wenn es mir nicht gut geht. So wie ich mich auch um eine gute Freundin oder einen guten Freund kümmern würde. Nicht zu streng zu mir zu sein. Selbstmitgefühl zu haben. Klar abgegrenzt von Selbstmitleid. Verstehen und akzeptieren, dass ich nicht perfekt bin und es auch nicht sein muss. Dass das niemand ist. Egal ob Bipolar oder nicht. Und dass das okay ist. Dass wir alle Menschen sind.

Darauf trinken wir nicht!

Der 24. September dieses Jahres war ein ganz besonderer Tag für mich. Ein zweijähriges Jubiläum. Am Samstag des Wochenendes bevor ich 2017 in die Klinik ging, hatte ich zum letzten Mal Alkohol getrunken. Selbstmedikation. In der Hoffnung, diesen quälenden Zustand wenigstens für eine kurze Zeit überwinden zu können und den verheerenden immer schwindelerregender Gedankenspiralen für ein paar Stunden zu entkommen. Sich abwechselnden Schmerz, Traurigkeit, Hoffnungslosigkeit, Qual und Verzweiflung betäuben zu können. Einfach vergessen, was da gerade mit mir passierte. Vergessen waren am nächsten Morgen lediglich sämtliche Details des vorherigen Abends. Alles andere war immer noch da. Knallte mit noch stärkerer Wucht in mein Bewusstsein, noch bevor ich morgens verkatert die Augen öffnete.

Seit jenem Abend am 24. September 2017 habe ich keinen Tropfen Alkohol mehr angerührt. Und ich weiß, dass das auch so bleiben wird. Entgegen einiger Meinungen und nicht erwähnenswerter Kommentare von unwichtigen Menschen in einem der Vergangenheit angehörenden Umfeld. Einer der Vergangenheit angehörenden Lebensphase. „Lisa trinkt keinen Alkohol mehr, ja, genau!“. Mein über die Jahre anscheinend äußerst erfolgreich etabliertes Partyanimal-Image stellte sich als ziemlich hartnäckig heraus. „Find ich ja ganz cool, aber du wirst bestimmt irgendwann in deinem Leben mal wieder was trinken, ’n Sektchen zu Silvester oder so“. Der Blick und Kommentar des Supermarktverkäufers, den ich nach dem Regal mit dem alkoholfreien Sekt fragte: „Wer trinkt denn so was?“ Erst als ich ihm trocken entgegnete, dass ich schwanger sei, war sein kleines beschränktes Weltbild wieder hergestellt. Sein grunzendes Lachen sprach Bände der Erleichterung.

Rausch als Regel?

Frühere Partybekanntschaften, die „ganz sicher nicht mit Wasser anstoßen“ würden. „Komm, jetzt trink doch was mit! Ein Bier geht doch!“. „Wie, du bist jetzt gerade komplett nüchtern?? Nicht mal Emma oder so? Hätte hier noch ’nen Joint?“- „Wie hältst du das hier nur nüchtern aus…“ Partys mit Leuten oder Musik, die mir nicht zusagten und die ich mir früher vermutlich schön getrunken hätte, verließ ich frühzeitig oder ging einfach nicht hin. Ohne seitdem jemals das Gefühl gehabt zu haben, etwas zu verpassen. Gut gemeinte Solidaritäts-Versuche à la „Ich trinke heute auch einfach mal nichts“, die in den seltensten Fällen erfolgreich waren. War wohl doch nicht ganz so einfach. Die Erkenntnis, dass Alkohol trinken weitaus mehr zu unserer Gesellschaft gehört und von ihr akzeptiert wird, als keinen Alkohol zu trinken. Dass du dafür eine Erklärung brauchst. Und dass du, wenn du nicht gerade schwanger oder trockene/r Alkoholiker/in bist, manchmal ganz schön schlechte Karten haben kannst. Allerdings nur bei Gegnern. Nicht bei Mitspielern.

Diese stellten in dieser Übergangsphase und auch bis heute zum Glück die deutliche Mehrheit dar. Größtenteils bin ich in meinem sozialen Umfeld, in meiner Familie und meinem engen Freundeskreis sowieso, ausschließlich auf Verständnis, Unterstützung und vor allem auch Respekt gestoßen. Meine Familie, die ohne Nachfragen und nur aus Solidarität auch immer mal wieder über längere Zeit keinen Alkohol trinkt. Freunde, die bei einem gemeinsamen Essen nachfragen, ob es in Ordnung ist, wenn sie Alkohol trinken. Obwohl ich niemals auch nur daran gedacht hätte, diese Frage mit Nein zu beantworten geschweige denn es verlangen würde. Die trotzdem jedes Mal auf’s Neue fragen. Und es manchmal auch ohne Fragen einfach nicht tun und mit mir das alkoholfreie Alsterwasser teilen. Bekannte, die ich nur ab und zu sehe, die es sich trotzdem gemerkt haben und mir seitdem nie wieder Alkohol angeboten haben. Bis heute kenne ich genau eine einzige Person in meinem gesamten sozialen Umfeld, die wie ich komplett abstinent lebt. Der Austausch mit ihr gibt mir viel.

Bin ich (nicht) auch nur ein Mensch?

Mein absoluter Favorit der Reaktionen im Außen ist und bleibt der Kommentar eines Arztes in der Klinik, nachdem er mich gerade über die Wechselwirkungen meiner gerade neu aufdosierten Medikamente mit Alkoholkonsum aufgeklärt hatte. Mit seinem eigentlich so sympathischen und immer etwas spitzbübischen Grinsen blinzelte er mich sichtlich vergnügt durch seine lustige Hipsterbrille an und verpasste seiner Aufklärung über die unendliche Liste der negativen Auswirkungen von Alkoholkonsum sowohl auf mein Krankheitsbild aus auch die lebenslange Medikamenteneinnahme eine bühnenreife Pointe: „Aber Frau Waldherr, genau wie Sie selbst weiß natürlich auch ich, dass Sie halt nur ein Mensch sind und auch mal wieder feiern und Alkohol trinken werden.“ Natürlich! Wer keinen Alkohol trinkt ist schließlich auch kein Mensch!

Duell der Substanzen

Aber in gewisser Hinsicht hatte er tatsächlich Recht. Keiner der Menschen, die ich kenne, die mit verschiedenen Arten von psychischen Erkrankungen zu tun haben – und das sind mittlerweile einige – verzichtet auf Alkohol. Vorweg ist es mir an dieser Stelle wichtig, klar zu machen, dass jeder Mensch für sich selbst und für sein eigenes Glück verantwortlich ist, jeder machen kann und soll, was er will, für sich selbst entscheiden sowie die Verantwortung und Konsequenzen seiner Handlungen und seines Verhaltens tragen muss. Und trotzdem erstaunt es mich doch immer wieder, dass anscheinend kaum jemand Bedenken dabei hat, Medikamente, die so unmittelbar und kontinuierlich in unseren Hirnstoffwechsel eingreifen und dort sämtliche Wirkmechanismen, die uns das Leben retten können oder es bereits mehrmals getan haben, entfalten, mit Alkohol oder anderen natürlichen oder chemischen bewusstseinsverändernden Substanzen zu kombinieren. Und sich dann fragen, warum sich ihre Depressionen verschlimmern oder immer wiederkehren, sie in eine Manie schlittern oder Psychosen entwickeln. All das niemals in Verbindung mit ihrem Konsum bringen würden und vor allem nicht wollen. Denn es macht ja Spaß. Und tut in dem Moment doch auch gut. Oder nicht? Die Magie des Moments ist trügerisch. Und all zu schnell verflogen. Ich habe über längere Zeit hinweg so gerne, wild und exzessiv getrunken und gefeiert, dass es weh tat. Allerdings nicht nur am nächsten Morgen.

Vorhang auf!

Ich empfinde es als schmalen Grad, meine Zeilen hier nicht einer Moralapostelei zuzuordnen. Das sollen sie keineswegs sein. Meine Motivation, diesen Blog zu schreiben, besteht zu einem großen Teil darin, meine Erfahrungen, sowohl die negativen als auch die positiven, möglichst genau zu schildern. Die Erkenntnisse, die ich in verschiedenen Bereichen und Hinsichten für mich über einen langen Zeitraum gewonnen habe. Die Schlüsse, zu denen ich irgendwann, manchmal mehr, manchmal weniger schmerzhaft, gekommen bin. Konsequenzen, die ich letztendlich gezogen habe. Ziehen musste, um mich selbst zu schützen. Manchmal gegen meinen Verstand. Manchmal gegen mein Herz. Und trotzdem weiß ich, dass manche von ihnen für mich überlebenswichtig waren. Es nach wie vor sind. Und auch bleiben werden. Es gibt Aspekte der bipolaren Erkrankung, wie wir weder als Betroffene noch als Angehörige beeinflussen können. Die sich unserer Macht entziehen. Genau so gibt es aber auch viele Bereiche, die wir durch unser eigenes Verhalten und unsere Lebensweise positiv beeinflussen, uns unserer Selbstwirksamkeit bewusst werden können. Erkennen, dass wir nicht wie hilflose Marionetten von der Krankheit durch unser Leben geschleift werden müssen, sondern in den allermeisten Fällen zumindest einige der Fäden noch selbst in der Hand halten. Sie vor dem Absturz bewahren können, auch wenn sie mal nur noch an einem Faden hängen. Die Figuren tanzen lassen können. Es liegt an uns, diese Fäden in der Hand zu behalten.

Selbstmedikation vs. Komorbidität

Einer dieser Fäden ist meiner Meinung nach der Konsum von Alkohol und anderen bewusstseinsverändernden Substanzen. Weswegen es mir so wichtig ist, diesem Thema hiermit einen eigenen Artikel zu widmen. In naher Zukunft wird ein Artikel folgen, der sich nicht wie dieser meinen persönlichen Erfahrungen diesbezüglich widmen, sondern die wissenschaftliche Hintergründe der Thematik beleuchten wird. Diverse Fachliteratur zur bipolaren Erkrankung legen die Vermutung nahe, dass bipolare Erkrankungen in Kombination mit regelmäßigem und/oder übermäßigem Alkoholkonsum äußerst schwer unter Kontrolle zu bekommen sind und eine langfristige stabile Stimmungslage unter dessen Einfluss sehr viel unwahrscheinlicher ist. Dass sämtliche bewusstseinsverändernde Substanzen den Verlauf der Erkrankung negativ beeinflussen können. Wobei außerdem erwähnt werden muss, dass eine Unterscheidung zwischen exzessivem Trinken als Selbstmedikation oder Symptom während einer depressiven oder (hypo-)manen Phase einerseits und Alkoholmissbrauch oder -sucht als Komorbidität (eine Begleiterkrankung der Grunderkrankung (in diesem Fall die bipolare Erkrankung), die diagnostisch klar voneinander abzugrenzen sind) andererseits sehr schwer und der Übergang oft fließend ist.*

* Die in diesem Abschnitt aufgeführten wissenschaftlichen Hintergründe habe ich mir im Laufe der letzten Jahre aus diversen Quellen angelesen und für diesen Artikel mit bestem Gewissen aus meinem Gedächtnis zusammengetragen, ohne die Quellen aktuell noch vorliegen zu haben. Da es sich bei diesem Blogbeitrag außerdem nicht um eine wissenschaftliche Arbeit handelt, werde ich hier keine Quellen zitieren. Deswegen besteht bezüglich dieses Abschnitts allerdings auch kein Anspruch auf wissenschaftliche Vollständigkeit. Im bereits angekündigten Artikel über die wissenschaftlichen Hintergründe der bipolaren Erkrankung werde ich dies nachholen.

Jede Jagd hat ein Ende

Rückblickend kann ich dazu einfach nur sagen, dass sich meine Hochs und Tiefs in keiner Zeit so erbarmungslos und unberechenbar jagten wie in den Jahren, in denen ich regelmäßig und überdurchschnittlich viel Alkohol konsumiert habe. Nie wieder so hoch geflogen bin. Und auch nie wieder so tief gefallen.

Eine allmähliche Stabilisierung meiner Stimmungslage begann erst, nachdem ich am 24. September 2017 meine Entscheidung für ein abstinentes Leben getroffen hatte.

Für keinen Rausch der Welt würde ich diese jemals wieder auf’s Spiel setzen.

Mit Vollgas über die Insel

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Ich sitze gerade mit einer Tasse Tee in meinem alten Kinderzimmer und erinnere mich an den November letzten Jahres, als ich zur genau selben Zeit zu Besuch bei meiner Familie war. Und jeden Abend bei meiner Mutter im Arm geweint habe. Es mal wieder so weit war. Und zwar direkt nach der Saison auf Fehmarn, wo ich 2018 sieben Monate gelebt und gearbeitet hatte, um, bei aller grenzenloser Liebe zu Hamburg, dem Großstadttrubel mal für eine Weile zu entfliehen. Nach Saisonende Anfang November hatte ich gerade noch keinen neuen Job und auch meine Wohnung in Hamburg noch nicht wieder zurück, die ich während meiner Abwesenheit untervermietet hatte. Ich wechselte in zwei Monaten über zehn mal den Schlafplatz, wohnte bei diversen Freunden in Hamburg und pendelte zwischen Stuttgart, Berlin und Fehmarn hin und her. Und auch wenn das Inselleben auf Zeit eine ganz wundervolle, intensive und irgendwie magische Zeit voller neuer Erfahrungen, inspirierender Begegnungen und schöner Momente war, hatte mich die Saison im Café am Meer mit den ausschließlich 10 bis 12-Stundenschichten, und das teilweise über eine Woche am Stück ohne Pause, gegen Ende dann doch ganz schön geschlaucht. Was im Nachhinein betrachtet nicht wirklich überraschend ist. Der Bandscheibenvorfall, den ich vermutlich größtenteils meinem emanzipatorischen Bierkistenwuchten à la „Lass gut sein, ich mach das schon!“, zu verdanken hatte, war im Vergleich zu den dunklen Wochen, die mich zum Herbstbeginn erwarteten, schlichtweg nicht erwähnenswert.

Ich hatte im April 2018 zum ersten Mal seit meinem Aufenthalt in der Klinik wieder gearbeitet. Meine vorangegangene Krankschreibung, aufgrund derer mich mein neuer Arbeitgeber damals nach nur einer Woche Abwesenheit in der Probezeit gekündigt hatte, eingerechnet, war ich inklusive des Klinikaufenthalts sieben Monate krankgeschrieben gewesen und hatte mich Schritt für Schritt wieder im Alltag zurechtfinden müssen. Und zwar erstmal ohne Job, ohne einen Wecker, der morgens klingelt, ohne feste Verpflichtungen, die man erfüllen soll oder darf, ohne einen sicheren Rahmen oder jegliche Struktur. Ohne offiziell „gebraucht“ zu werden. Alle Freunde und Familie in ihrem Alltag und ihren Jobs. Und ich? Joa. Ich und ich würde ich sagen. Nachdem ich zwei Monate in einer Art „sicherem Hafen“ in der Klinik aufgefangen wurde, mit Menschen, die auf eine bestimmte Art alle in einem Boot saßen. Auch dieser Zeit werde ich noch einen eigenen Artikel widmen. Denn sie war alles andere als leicht.

Gleichzeitig habe ich selten so viel über mich gelernt wie in diesen letzten Monaten des alten und den ersten des neuen Jahres und eine ganz andere Art von Selbstbewusstsein, Unabhängigkeit und Urvertrauen entwickelt. Ein Urvertrauen zu mir selbst. In den Spiegel zu schauen und zu sehen, was bleibt, wenn da nichts mehr im Außen ist, was dir einen Rhythmus vorgibt. Da bist nämlich in erster Linie erstmal du selbst. Und du bist verantwortlich für den Takt deines Lebens. Und zwar ohne Job. Ohne jegliche Routine. Ohne „Sicherheit“. Vielleicht erstmal mit sehr wenig Geld. Uns nicht über unseren Job, die damit verbundene Anerkennung, Status, Macht, Wissen, Wohlstand, Leistung oder dergleichen zu definieren. Nicht in erster Linie über unser soziales Umfeld durch ständigen Austausch, Meinungen von und Bestätigung im Außen. Über unser Aussehen. Das tun wir alle. Und teilweise ist das auch gut und richtig so. Aber ist es auch möglich, uns einfach „aus uns selbst heraus“ zu definieren? Was bleibt, wenn wir einmal aus den verschiedenen Rollen, die wir in unserem Leben innehaben, Tochter, Sohn, Mutter, Vater, Freund/in, Partner/in, Angestellte/r, Chef…in Gedanken herausschlüpfen oder uns eine oder mehrere plötzlich genommen werden? Damit meine ich jetzt keinen Todesfall, zum Beispiel einen Jobverlust, wodurch einem plötzlich die Rolle des/der Angestellten entzogen wird. Eine Trennung. Den Auszug eines erwachsenen Kindes. Was macht uns jenseits dessen aus? Jemand sagte einmal zu mir, dass es unmöglich wäre, sich nur aus dem Innen heraus zu definieren. Das ist es nicht. Dafür aber unfassbar schwer und vermutlich lebenslange und kontinuierliche Arbeit. Hat man diesen Punkt jedoch einmal erreicht, kann einem denke nicht mehr viel passieren. Bald auch mehr zu diesem Thema…

Ich hatte mich, als ich im April 2018 anfing, auf der Sonneninsel zu arbeiten, so unfassbar über die Arbeit im Café gefreut, die mir so viel Spaß machte und war einfach nur glücklich und stolz darauf, dass ich wieder arbeiten durfte, wollte und vor allem auch konnte, wo ich noch vor ein paar Monaten nicht mal in der Lage war, das Haus geschweige denn mein Bett zu verlassen und der festen Überzeugung, dieser Zustand würde sich niemals wieder ändern. Nicht mehr vom Krankengeld abhängig war, von dem damals nach Abzug meiner Fixkosten genau 30 Euro übrig blieben. Dass es sich etwas schwierig gestaltet, von 30 Euro im Monat zu leben, muss ich an dieser Stelle denke ich nicht weiter ausführen. Wodurch mir meine Zeit in der Klinik erfreulicherweise noch durch das Stellen eines Hartz 4-Antrages versüßt wurde. Eine Angelegenheit, die bei mir selbst ohne Konzentrationsstörungen, chronischen Schlafmangel und zu der Zeit diverse andere akute Symptome nicht auf Begeisterung gestoßen wäre. Von meinen Erfahrungen auf diversen Ämtern und meiner aufschlussreichen und inspirierenden Begegnung mit dem netten und hilfsbereiten Herrn von der Krankenkasse erzähle ich zur allgemeinen Unterhaltung gerne bei Gelegenheit.

Einfach wieder gewisse finanzielle Freiheiten zu haben, nicht jeden, wirklich jeden einzelnen Cent umdrehen zu müssen und vor allem nicht mehr von einer anderen Instanz abhängig zu sein. Das hat sich einfach nur gut angefühlt. In der Gastronomie zu arbeiten, was mir, ob neben dem Studium oder auch mal in Voll-oder Teilzeit entgegen vieler Zweifel, kritischer Stimmen und teilweise berechtigter Sorge in meinem Umfeld, schon immer sehr viel Spaß gemacht hat. Mir sowohl der Austausch mit den Gästen als auch die Arbeit in einem gut funktionierenden Team einfach liegt und mich irgendwie erfüllt. Durch das unschlagbare Team auf Fehmarn und die Freundschaften, die dort sehr schnell entstanden sind, fühlte sich die Arbeit trotz der eigentlich unmenschlich langen Schichten und der nicht enden wollenden Schlange von Gästen nie wirklich wie Arbeit an. Der dort herrschende Teamgeist hat alles kompensiert.

Ich hatte schon lange nicht mehr so viel Spaß auf der Arbeit. Noch dazu den schönsten Arbeitsweg der Welt zu haben und morgens mit meiner verrosteten Klappermühle über knallgelbe Rapsfelder am glitzernden Wasser entlang zu trödeln, die Fehmarnsundbrücke majestätisch am Horizont, die kreischenden Möwen am fast immer blauen Himmel über mir, frische Ostseeluft, die mir um die Nase wehte. Vor Schichtbeginn mit den Kollegen Kaffee und Kippchen in der Sonne auf der Terrasse, die die nächsten zehn Stunden rappelvoll mit Touristen sein würde. Was uns trotzdem nicht aus der Ruhe bringen oder uns gar die gute Laune verderben würde. Die Unentbehrlichkeit von schlechten Witzen und einfach nur dummem Gelaber auf der Arbeit. Die Weite des Meeres direkt vor unserer Nase. Die Kiter, die bei Wind ihre Bahnen von links nach rechts und zurück zogen, sich ab und zu in die Lüfte erhoben und manchmal für den Bruchteil einer Sekunde scheinbar dort einfroren. Die in den Yachthafen ein- und auslaufenden Segelboote und Fischkutter. Als der Sommer in vollem Gange war, morgens vor der Arbeit und schon vom Radfahren nassgeschwitzt vom Steeg in die Ostsee zu hüpfen und jede kleine Pause am Tag zu nutzen, um genau das zu wiederholen. Sich mit Arschbomben und Rückwärtssaltos zu batteln. die Blaualgenwarnungen zu ignorieren. Auf der Vollmondparty alle zusammen nackt und vom Wasser aus die Mondfinsternis zu bestaunen. Kurz vor Feierabend gemeinsam mit den Gästen, König-der-Löwen-Soundtrack oder anderer dramatischer Musik einen der schönsten Sonnenuntergänge miterleben zu dürfen, die ich je gesehen habe. Jeden Abend aufs Neue. Sieben Monate lang. Und das nicht 30 Flugstunden entfernt, sondern direkt vor unserer Nase. All diese Dinge hatten die Tatsache, dass so eine Saison in der Gastronomie auf einer Touristeninsel doch mehr als knackig sein kann, erstmal für mich kompensiert. So dass ich erst ganz am Ende, als ich irgendwann runterkam, merkte, wie anstrengend die letzten Monate doch gewesen waren. Trotz aller Schönheit, Freiheit und Magie.

Ganz am Anfang war ich nach den Schichten, die zu Beginn der Saison aufgrund des früheren Sonnenuntergangs noch deutlich kürzer waren, überdurchschnittlich erschöpft gewesen und musste mich erst wieder an das Pensum gewöhnen. Überhaupt daran, wieder zu arbeiten, körperlich, aber auch was meine Konzentration und mein Erinnerungsvermögen betraf. Das Energielevel vor meiner schweren depressiven Episode 2017 habe ich bis heute nicht wieder erreicht und brauche immer noch deutlich mehr Pausen und Erholung als die anderen Menschen in meinem Umfeld. Zu viel Stress oder eine zu starke Belastung über einen zu langen Zeitraum ohne regelmäßige und ausreichende Pausen sind bei mir mittlerweile fast die Garantie für einen Ausflug in Gefilde weit jenseits der Nulllinie. Eine Erkenntnis, die zu akzeptieren mir anfangs schwer fiel. Diese Auslöser habe ich nach und nach zu identifizieren gelernt, der Umgang mit ihnen und vor allem auch deren Reduzierung auf ein Minimum ist nach wie vor konstante Arbeit. Die immer wieder auf’s Neue ein hohes Maß an Achtsamkeit, Reflexion und Einsicht erfordert, was oft anstrengend ist. Vor allem, weil die Kunst, um nicht aus der nächsten Kurve herausgeschleudert zu werden, darin besteht, frühzeitig abzubremsen. Dabei macht schnelles Fahren doch so viel Spaß und bremsen kann man doch auch noch später. Oder nicht?

Auf Fehmarn habe ich zum ersten Mal seit der Klinik wieder gearbeitet, in der ich zwar einiges an Theorie gelernt hatte, vor allem was Belastungsgrenzen oder Überlastung angeht. Aber das Wissen darum und die Umsetzung dieses Wissens sind, wie ich im herbstlichen Nachhilfeunterricht dann auf die etwas härtere Tour lernen musste, einfach doch zwei paar Schuhe. Vor lauter Begeisterung, dass ich wieder unabhängig war und ich trotz allem wieder arbeiten konnte, hatte ich relativ schnell das gesunde Maß aus dem Blick verloren und es mit den langen Schichten wohl etwas übertrieben. Dachte mir, klar, ist schon anstrengend, aber so lange es mir so viel Spaß macht, kann es doch nicht schlecht sein. Kann es doch. Auch positiver Stress gepaart mit überdurchschnittlicher körperlicher Belastung kann irgendwann zu viel sein. Wird.

Ich finde Gas geben nach wie vor super.

Allerdings merke ich immer öfter, dass ich die Kurve irgendwie besser kriege, wenn ich rechtzeitig abbremse.

Die Magie der Manie

Eine Nacht. Ein Februar. Ein Jahr.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Es begeisterte mich immer wieder, welche Kraft Musik haben konnte, was sie im Stande war, in uns zu bewirken, wie sie die unterschiedlichsten Menschen ohne ein einziges Wort miteinander verband. Mit welcher Wucht sie unsere tiefsten Emotionen, positive wie negative, zu Tage bringen und uns bis ins Mark treffen konnte.

Nicht auszudenken, was das Leben ohne sie wäre.

Noch faszinierender war jedoch, dass ein und dieselbe Musik von jedem Menschen so unterschiedlich wahrgenommen, verarbeitet und bewertet wurde, je nach Stimmungslage, der Sensibilität für all ihre Feinheiten und Diskrepanzen, das Hören zwischen den Zeilen sowie den Einstellungsgrad unserer ganz individuellen Filter für Wahrnehmung, Emotionen und Verarbeitung.

Die Auslastung der Tanzfläche hatte nun ihr Maximum erreicht und in der diffusen Atmosphäre einer utopischen Ruhe vor dem Sturm standen wir alle mit Blick zur Bühne und in freudiger Erwartung auf das, was nun kommen mochte, einfach nur da und beobachteten den gut gebauten, bärtigen und sehr gemütlich wirkenden Mann mittleren Alters, der sich nun am DJ-Pult zu schaffen machte und die letzten Einstellungen daran vornahm.

Als die ersten zarten Klänge ertönten, ging ein Raunen durch den Raum und die Menge verschmolz zu einem Agglomerat aus diversen Neurotransmittern, die unsere synaptischen Spalte fluteten und unsere Nervenzellen zu Höchstleistungen antrieben. Bei den meisten anderen meiner unbekannten Tanzkollegen ganz offensichtlich als Ergebnis einer gerade in ihrem Gehirn stattfindenden künstlich induzierten chemischen Reaktion, was ich still zur Kenntnis nahm. Mich genau so still darüber freute, dass mein Körper mir diesen Dienst ohne jegliche äußere Einwirkung erwies. Ich trank schon seit über einem Jahr keinen Tropfen Alkohol. Wäre wohl kontraproduktiv bei Depressionen. Ich war mittlerweile an einem Punkt angekommen, an dem es mir dieses kurze Vergnügen nicht mehr wert war. Nach einer kurzen Umstellungs- und Eingewöhnungsphase feierte es sich genau so gut wie vorher, mit dem kleinen Vorteil, dass mir der Kater und vor allem auch die schwarzen Löcher erspart blieben, die meinen Weg manchmal noch mehrere Tage lang pflasterten, wie ein Minenfeld.

Freude.

Echte.

Einfach nur aus mir selbst heraus.

Zur sanften zurückhaltenden Melodie des Sets gesellten sich die ersten elektronischen Elemente, vermischten sich zu einem harmonischen und unwiderstehlichen Rhythmus und wurden schließlich komplettiert durch den einsetzenden Bass, der unsere Eingeweide zum Beben brachte.

Ich schloss die Augen und ließ mich vom Inbegriff der elektronischen Perfektion aufsaugen, mein Körper wusste ganz genau, was zu tun war und begann sich im Takt der Musik zu bewegen.

In meinem Kopf knallten an einer Stelle Sicherungen durch, während an einer anderen scheinbar neue neuronale Verknüpfungen entstanden.

Wie konnte es mir nur noch vor so kurzer Zeit so unglaublich schlecht gegangen sein? So schlecht, dass mich nichts und niemand davon hatte überzeugen können, dass es jemals wieder besser werden würde. Unvorstellbar! Das muss ein schlechter Traum gewesen sein!

Plötzlich war da nur noch Musik.

Keine Sorgen.

Keine Angst.

Kein selbstauferlegter Druck.

Kein Gefühl von Scheitern.

Keine Traurigkeit.

Kein Schmerz.

Keine Selbstzweifel.

Keine Hoffnungslosigkeit.

Kein Dunkel.

Nur Licht.

Musik.

Eine ungeheuer befreiende und intensive Leere erschloss selbst die letzten Winkel meines Denkens und machte Raum für verloren geglaubte Emotionen, die begannen, meinen Körper zu durchfluten.

Wellen der Euphorie brachen direkt auf dem Grund meines Herzens.

Ein Gefühl der Glückseligkeit nahm von mir Besitz.

Und ich ließ es geschehen.

Gegen 10 Uhr morgens und nach genau so vielen vertanzten Stunden stolperte ich wie benommen aus der zum Schneiden dicken Luft und schützenden Dunkelheit des Clubs ins Freie, wo der Tag für den Rest der Stadt bereits seit Stunden begonnen hatte. Die Sonne blendete mich und ich hatte Schwierigkeiten, meine Augen den Lichtverhältnissen anzupassen. Wie durch einen Schalldämpfer nahm ich die Umgebungsgeräusche nur peripher wahr, vorbeirauschende Autos, einen hupenden Bus, Fahrradklingeln, quengelnde Kinder, undefinierbares Piepen, diffuses Geplapper der vorbeigehenden Passanten. Die Hektik der Großstadt streckte ihre Fühler nach mir aus, während ihr Puls das Blut durch meine Adern pumpte. Doch noch war ich nicht bereit, wieder in ihre Fänge zu geraten. Zu schön war die kleine, filigrane und vom baldigen Platzen bedrohte Blase, aus der ich mich erst gerade wieder in die Realität zurück katapultiert hatte.

Ich überquerte die Straße, betrat die kleine Bäckerei auf der anderen Straßenseite und inhalierte tief den Geruch der in der Luft liegenden Zimtnote von wohl gerade erst gebackenen Franzbrötchen und den unverkennbaren Duft frisch gekochten Kaffees. Erst in der Stille des leeren Ladens wurde ich mir, wie in Watte gepackt, der lauten Nacht bewusst.

Auf meine erfreute Äußerung, welch wunderbare Stille er hier genieße, lachte der Verkäufer herzlich und reichte mir den bestellten Kaffee und mein absolutes Lieblingsgebäck, tatsächlich noch warm und in einer perfekten Symbiose aus karamellisiertem Zucker und halbweichem Teig. Vorbildlich an der Papiertüte klebend.

Mehr brauchte es nicht.

Ich bezahlte mit meinem letzten Kleingeld und zündete mir draußen die berüchtigte Konterkippe an. Half leider meistens genau so wenig wie das alkoholische Pendant.

Mit schmerzenden Beinen und wundgetanzten Füßen machte ich mich auf den weiten Weg in mein Bett, noch nicht gewillt, mit dem in den öffentlichen Verkehrsmitteln herrschenden geschäftigen Alltagsstrom zu schwimmen.

Anscheinend konnten auch zehn Stunden langes Tanzen meine übersprudelnde Energie, die ich seit ein paar Tagen verspürte und meine grenzenlose Begeisterungsfähigkeit für so ziemlich alles nicht im Zaum halten. Ich wusste gar nicht wohin mit all diesen Glücksgefühlen, dieser Kraft, die ich in mir pochen spürte. Die raus wollte. Ich wollte mehr. Ich wusste auch, dass ich mehr bekommen würde. Dass ich mich nach nur ein paar wenigen Stunden Schlaf ausgeruht fühlen und wie eine Rakete in den Tag starten würde, als wäre nichts gewesen. Wahrscheinlich sogar noch Sport machen. Ein paar Texte schreiben. Putzen. Einkaufen. Leute treffen. Und zwar mit Links! Nichts konnte mich in meiner außerordentlichen Produktivität und Motivation aufhalten! Die Gedanken in meinem Kopf lieferten sich ein Wettrennen sondergleichen, reißende Ideenströme überfluteten auf ihrem Weg sämtliche Häuser der Vernunft, teilten Mauern der Realität entzwei, zerstörten Wege des Verstandes.

Das Seltsame ist, dass ich dieses Gefühl, selbst wenn ich gewusst hätte, was mich ein paar Wochen später erwarten und erneut komplett zu Boden reißen würde, für kein Geld der Welt hergegeben hätte.

Der Himmel zog sich langsam zu und ich trottete unter Hamburgs strahlendem Grau nach Hause.

Wie ich diese Stadt liebte.

Ohne Wein und Aber.