Unfassbar.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Pizza mit Nichts.

Ganz zu Beginn möchte ich euch heute einmal vorwarnen, dass es eventuell etwas ungeordnet werden könnte heute. Allein mich hier an meinen PC zu setzen hat mich unfassbar viel Überzeugungskraft meines momentan erneut in depressiven Sphären schwebenden Hirns sowie meines äußerst antriebslosen und schwerfälligen Körpers gekostet. Nun sitze ich hier völlig erschöpft am Tisch und schreibe mal los. Aber ich schreibe. Das zählt jetzt erstmal. Allerdings kann ich nicht garantieren, dass ich hier heute irgendeine Ordnung halten werde. Einerseits habe ich irgendwie so viel im Kopf, das ich hier sagen möchte, andererseits kann ich mich gerade weder entscheiden, ob ich Mais oder Pilze oder doch lieber gar nichts auf meiner Pizza haben möchte, geschweige denn nur für ein bestimmtes Thema, über das ich jetzt schön fein sortiert und strukturiert schreiben werde. Konzentration war auch schon mal besser. Also müssen wir es eben heute mal so nehmen, wie es ist.

Das große Blah.

In meinem letzten Blogartikel vom 1. Mai hatte ich geschrieben: „Die Stimmung verläuft gerade nicht bipolar, sondern in Wellen.“ War da ziemlich motiviert, an einem der darauf folgenden Tage einen Artikel zum Thema „Languishing“ zu schreiben, von dem ich selbst in einem englischen Artikel gelesen hatte. Mit meinem aktuellen Empfinden nach über einem halben Jahr Arbeitslosigkeit, Endlos-Lockdown, fehlender Struktur in endlos scheinenden und immer gleichen Tagen sowie stetig schwindenden Reserven zur Bewältigung all dessen, sprach mir dieser Artikel aus der Seele. Der Artikel beschreibt das „Blah“, das viele (und mittlerweile vermutlich sogar die meisten von uns) nach über einem Jahr Pandemie immer stärker empfinden. Von dem „vernachlässigten Sandwichkind der mentalen Gesundheit“ als vorherrschende Emotion des Jahres 2021 ist die Rede. Es handele sich weder um ein Burnout – wir hätten ja noch Energie – noch um eine Depression – wir hätten die Hoffnung ja noch nicht verloren – sondern sind „einfach“ irgendwie freud- und ziellos. „We are languishing“.

Deine Mutter hält durch!

Da mich bereits nur zwei Tage später diverse depressive Symptome nach allen Regeln der Kunst verführt und im wahrsten Sinne des Wortes flachgelegt hatten, war leider an keinen weiteren Blogartikel zu denken. Weder über „Languishing“ noch sonst irgendwas. Der Artikel wird aber kommen, denn die Thematik ist einfach zu gut. Wäre ich nicht so tieftraurig gewesen, hätte ich darüber gelacht. Die Stimmung verläuft gerade nicht bipolar, neeeein! In Wellen. Jaja. Als ob mein Hirn das gehört hätte und sich dachte, na das werden wir ja noch sehen. Zu früh gefreut.

Ich bin gerade dabei, mich mal wieder aus dem Loch heraus zu kämpfen. Die letzte depressive Phase im Februar ist noch nicht lange genug her und aufgrund der aktuellen Situation war es mir trotz aller Bemühungen nicht möglich, meine Akkus mit Aktivitäten und all den Ressourcen, der ich mich ohne Pandemie, Lockdown und Kontaktbeschränkungen sonst bedienen kann und von denen ich weiß, dass sie sowohl Phasen verhindern, abfangen als auch deutlich abmildern können, wieder voll genug aufzuladen. Ich versuche, diesen Artikel nicht zu nutzen, um über die Pandemie zu jammern. Das kann nämlich keiner mehr hören. Und es bringt nichts. Bloß ist es leider so, dass man irgendwann merkt, dass man gerade keine Kraft mehr zum Durchhalten, Zuversichtlichsein, Abwarten und Positivdenken hat. Dass die persönlichen Reserven erschöpft sind und Lethargie und Monotonie einen zu erdrücken drohen.

Toxic positivity.

Ich spreche hier auch wie immer nur aus meiner ganz persönlichen Sicht. Ich liebe meinen Job im Café mit allem, was dazugehört, meine Mädels, die keine Arbeitskolleginnen, sondern engste Freundinnen sind. Unsere Stammgäste. Der Kontakt und das Schnacken mit ihnen. Der Duft von Kaffee und frisch aufgebackenen Croissants in der Frühschicht. Die Leichtigkeit und das viele Lachen, das unsere Arbeit dort begleitet. Die Zerstreuung. Kuchen backen und dekorieren. Neue Eindrücke und neuen Input. Struktur im Tag, die anders ist als die, die ich mir mittlerweile krampfhaft jeden Tag aufs Neue versuche, selbst zu erschaffen. Seit einem halben Jahr können wir nun schon nicht mehr dort arbeiten. Und trotz aller Tagesgestaltungs-Kreativität und nicht selten toxischen Positivität (auch dazu wird es in Zukunft mal einen Artikel geben) à la „Ich versuche, das Beste daraus zu machen“, „Jede Krise macht einen ja auch stärker“, „Corona hat ja auch Vorteile“, „Massenveranstaltungen find ich eh nicht so geil“, „Hab ich wenigstens keinen sozialen Stress mehr“, hat es sich jetzt einfach langsam mal totspaziert. Totreflektiert. Totgezoomt. Totgebacken. Totgepuzzled. Totgebingewatched. Totaussortiert. Totumdekoriert. Tot-Coffee-to-go-ed. Totmeditiert. Totfrühlingsgeputzt. Totgejournaled.

Schlimmer geht immer.

Irgendwann habe ich erkannt, dass ich mir selbst diese Erschöpfung, diesen Pessimismus, den ich so überhaupt nicht von mir kenne und abgesehen davon auch nicht schätze, dieses Gefühl des absoluten Stillstandes und der damit einhergehenden Resignation und Perspektivlosigkeit weder ein- noch zugestehen wollte. Immer noch dachte „Anderen geht es doch viel schlechter“, die alte Laier. Konnte meine Gedanken selbst nicht mehr hören. Merkte, dass dieses selbst auferlegte Verbot meiner Gedanken und Empfindungen leider, Überraschung, so gar nicht zu besserer Laune führte. Weswegen ich irgendwann auf den altbewährten Perspektivwechsel zurückgegriffen und mir vorgestellt habe, was ich einer guten Freundin oder einem guten Freund in der gleichen Situation sagen würde. Wie ich über sie oder ihn denken würde, wenn sie oder er so fühlen würde. Nur um mal wieder festzustellen, dass ich keinen einzigen der unfreundlichen und unnachsichtigen Gedanken jemals über jemand anderen hätte.

Warum tun wir uns dann manchmal so schwer damit, einfach lieb zu uns zu sein? Haben Erwartungen an uns, die überhaupt nicht erfüllt werden können? Völlig überhöhte Ansprüche, die überhaupt nicht realistisch sind? Und abgesehen davon auch gar nicht notwendig. Sind unser strengster Kritiker? Jaja, die guten „Inneren Antreiber“. Oder viel mehr „Innere Kritiker“. Glaubenssätze, die sich vor tausend Jahren ohne einmal nachzufragen in unserem Hirn eingenistet haben und, selbst wenn wir uns ihrer durch rezidivierenden Reflektionsreflux vom Allerfeinsten irgendwann endlich bewusst sind, so hartnäckig kleben bleiben, dass wir uns im Laufe unseres Lebens immer und immer wieder daran erinnern müssen, dass das doch so eigentlich gar nicht stimmt. Dass wir manchmal ganz schön unfair zu uns sind. Und dass wir das gar nicht verdient haben. Weil wir das eigentlich doch ganz schön gut machen. Und dass gut auch einfach gut genug sein kann. Sein darf.

Mach einfach mal nicht das Beste draus!

Ist das hier jetzt doch ein Jammer-Artikel? Ich hoffe nicht. Wen dieser Artikel deprimiert, kann ja auch aufhören zu lesen und auf andere Artikel warten. Ich persönlich habe in den letzten Wochen und Monaten, und zwar bevor ich in die aktuelle depressive Phase geschliddert bin, einfach mal wieder gemerkt, dass toxische Positivität, in allem immer das Gute zu sehen, aus allem immer das Beste zu machen, uns so viel schlechter fühlen lassen kann und all die Sorgen, Ängste und negativen Gedanken, die wir, warum auch immer, in einem bestimmten Moment oder über einen bestimmten Zeitraum haben, so viel stärker und schlimmer werden lassen können, als wenn wir einfach mal anerkennen, dass es nun gerade mal nicht so toll läuft. Oder halt auch einfach mal so richtig beschissen. Dass wir Übermenschen wären, wenn wir das jetzt einfach so auf die leichte Schulter nehmen und selbst bis zum Hals in dieser Scheiße steckend noch „Carpe Diem“ flöten würden. Dass das Leben nicht immer toll läuft. Dass es Sonnentage gibt. Aber auch Regentage. Sowohl bei psychisch gesunden auch als psychisch kranken Menschen.

Es gibt Regentage. Und dann gibt es Regentage.

Dass die Regentage aber auch nicht heißen, dass die Sonne nie wieder scheinen wird, von was uns das depressive Gehirn von bipolar oder auch unipolar depressiv erkrankten Menschen so zuverlässig und glaubwürdig immer wieder auf’s Neue überzeugen möchte und dessen einfach nicht müde wird. Depressive Regentage sind jedoch anders als „gesunde“ Regentage. Ich kenne beide. Man kann sie nicht annähernd miteinander vergleichen. Depressive Regentage sind so viel dunkler. Und so viel schwerer. Oft ohne einen einzigen Lichtstrahl am Horizont. Oft ohne eine Wolke als Quelle des Regens. Er fällt einfach so. Tiefe Traurigkeit, wie aus heiterem Himmel.

Du darfst.

Die aktuelle depressive Phase hat mich dummerweise sowieso schon im Stromsparmodus erwischt. Akkus nicht mal zur Hälfte aufgeladen. Ladekabel hat wohl ’nen Wackler. Ich glaube, dass mein schon etwas krampfhaftes „Halte durch“, „Anderen geht es immer noch schlechter“ und „Bleib positiv“ nach all den Monaten nun genau das Gegenteil bewirkt haben. Bis ich mir endlich irgendwann eingestanden habe, dass das, was ich gerade denke und fühle, der Situation völlig angemessen ist. Dass ich so denken und fühlen darf. Dass meine Reserven aufgebraucht sein dürfen. Dass ich müde sein darf vom letzten Jahr. Dass ich die alte Normalität vermissen darf. Dass ich darüber traurig sein darf. Dass ich mich nach einem Ende der Ausnahmesituation sehnen darf.

Dass jede und jeder von uns das darf. Und wir damit nicht alleine sind. Immer mehr Menschen sind mittlerweile am Ende ihrer Kräfte und auch am Ende ihres Lateins. Und zwar auch Menschen ohne jegliche psychische Vorbelastung. Die Stabilsten unter den Stabilen. Die vielleicht sogar noch ihren Job weiter ausführen können und sich zumindest um ihre Existenz keine Gedanken machen müssen. Auch hier sei noch einmal klar gestellt, dass die Herausforderungen, vor die diese Pandemie eine*n jede*n von uns stellt, höchst individuell sind und keine davon hier geschmälert werden soll.

Zum Trotz.

Da ich diesen Blog allerdings in erster Linie schreibe, um anderen Betroffenen oder auch Angehörigen von Menschen mit bipolaren Störungen zu zeigen, dass sie nicht alleine sind, ihnen durch die Schilderungen meiner eigenen Phasen und Erlebnisse mit der Erkrankung ein Gefühl von Gesehen- und Verstanden werden zu geben und letzten Endes natürlich auch Hoffnung zu spenden, möchte ich auch diesen Artikel vor allem ihnen widmen.

Mich selbst und euch hiermit und in der aktuellen Pandemie-Situation, mit der wir nun schon über ein Jahr leben und wahrscheinlich auch noch eine Weile leben werden, daran erinnern, dass die bipolare Störung gewisse Vorbelastungen und auch Vulnerabilitäten (Verletzlichkeiten) mit sich bringt, die bei psychisch gesunden Menschen nun mal einfach nicht gegeben sind. Dass in unserem Hirnstoffwechsel Dinge nicht so laufen, wie sie laufen sollten. Das möchte ich an dieser Stelle erwähnen, weil ich bis Ende letzten Jahres trotz allem so gut durch diese Corona-Zeit gekommen und darauf ehrlich gesagt total stolz war. Trotz Arbeitslosigkeit. Trotz finanzieller Sorgen. Trotz weggebrochener Struktur. Trotz fehlender Ressourcen, die mittlerweile fester und verlässlicher Bestandteil meines Krankheitsmanagements waren.

Schmeckt anders. Klingt anders. Is(s)t anders.

Das sind so „einfache“ Dinge wie Saunabesuche, Tanzen gehen, Mädelsabende ohne Abstand und in der Gruppe, die wir nun mal eben sind, nicht nur mit einer Person, miteinander zu Hause kochen oder Essen gehen, dabei andere lachende und sich unterhaltende Menschen um sich herum haben. Lebendigkeit. Leichtigkeit. Zerstreuung. Im Café sitzen, einen Cappuccino trinken, dessen Milchschaum ich zu Hause niemals so hinkriegen würde und der einfach so viel besser schmeckt, und Tagebuch oder einen Blogartikel zu schreiben, völlig versunken und zuckerwattenweich gebettet in eine süße Symphonie aus Geräuschen, die sich so zu Hause an meinem Schreib- oder Küchentisch niemals so ergeben könnten. Das Dampfen des Milchschäumers an der Kaffeemaschine, Tellergeklapper und das Rauschen der Geschirrspülmaschine in der Caféküche, leise französische Jazzmusik im Hintergrund, die Ladenklingel, jedes Mal wenn sich die Tür öffnet oder schließt, die mir sonst so unfassbar hart auf den Sack geht, Menschen, die ein und ausgehen, ihren ganz eigenen kleinen Teil zur Atmosphäre und der Stimmung im Raum für die Zeit, die sie Gast sind, beitragen, lachen und auch manchmal weinen, leise oder laut sind und Gespräche führen, deren Sätze nicht nur aus 7-Tage-Inzidenz, Impfung, Ausgangssperren und Corona-Regelungen bestehen.

Nie wieder Bananenbrot!!!

Für die meisten Menschen sind gewisse Ressourcen Teil des Lebens und wichtig für ihr körperliches und mentales Wohlbefinden. Wenn diese Dinge nicht möglich sind, dann fehlen sie und vermutlich hat diese Lücke langfristig keinen positiven Einfluss auf die Stimmung. Bei psychisch kranken Menschen jedoch bedeutet der Wegfall dieser Ressourcen dann doch noch ein bisschen mehr. Da ist die Isolation durch die Kontaktbeschränkungen und die fehlende körperliche Nähe nicht nur nervig, traurig oder belastend. Sie ist existenziell. Sie sind unverzichtbarer Bestandteil der eigenen Phasenprophylaxe und des Stabilitätsmanagements. Ressourcen, auf die wir als Betroffene zurückgreifen, wenn unsere Frühwarnsysteme anspringen, die eine bevorstehende Phase, ob nun depressiv oder hypoman, ankündigen. Mit Hilfe derer wir über die Zeit gelernt haben, nochmal fix die Kurve zu kratzen, rechtzeitig gegenzusteuern und somit das Schlimmste zu verhindern. Ressourcen, die bisher aus so viel mehr als Spazierengehen und Bananenbrot backen bestanden. Deren Wegfall und Unrealisierbarkeit sehr viel mehr als nur Langeweile für Betroffene bedeuten. Als besondere Gefahr sehe und empfinde ich auch selbst die Isolation, die zeitweise extrem war (sofern man sich an die Kontaktbeschränkungen gehalten hat), je nach persönlicher Lebens-/Wohnsituation. Denn Isolation kann nicht nur Ursache von Depressionen, sondern ebenso auch Symptom sein. Fehlende soziale Kontakte und sozialer Rückzug können in einer depressiven Phase münden. Gleichzeitig sind Selbstisolation und sozialer Rückzug Hauptsymptome einer Depression, in der die Betroffenen, je nach Schweregrad der Episode, das Interesse an allem verlieren können, das ihnen bisher wichtig war und gut getan hat. Keinen Antrieb und keine Energie mehr haben, um sich überhaupt mit jemandem zu treffen. Oder sich selbst in ihrer negativen Stimmung sowieso als Belastung für den Rest der Welt empfinden. Und das Gefühl haben, dass sie sowieso niemandem wirklich wichtig sind aufgrund den verheerenden Veränderungen, die eine Depression für das eigene Selbstwertgefühl mit sich bringt.

Vulnerabilitäts-Stress-Modell.

Wie schon am Anfang des Artikels angekündigt, springe ich heute ein bisschen von Thema zu Thema. Und hätte zu jedem einzelnen eigentlich noch so viel mehr zu sagen. Werde dazu auch in kommenden Artikeln noch mehr sagen. Nun möchte ich nochmal auf den Absatz zurück kommen, in dem ich die so genannte Vulnerabilität erwähnt habe. In der Psychologie spricht man vom „Vulnerabilitäts-Stress-Modell“, das ziemlich bekannt ist und das viele von euch bestimmt schon kennen. Es beschreibt die „individuelle Verletzlichkeit“ eines Menschen anhand eines Fasses, das unterschiedlich schnell zum Überlaufen gebracht werden kann. Das ist so ein umfangreiches Thema, das ich dazu einen eigenen Artikel schreiben werde.

Für jetzt soll die Info reichen, dass jeder Mensch aus unterschiedlichen Gründen ein unterschiedliches Fassungsvermögen in seinem Fass hat und es dementsprechend mehr oder weniger Wasser braucht, um dieses zum Überlaufen zu bringen. Im Vergleich zu psychisch gesunden und relativ unvorbelasteten Personen haben psychisch kranke Menschen ein geringeres Fassungsvermögen. Allein durch all die Herausforderungen und Schwierigkeiten, die eine psychische Erkrankung mit sich bringt, ist da sozusagen schon weniger Platz für zusätzliche Belastungen. Braucht es bei ihnen weniger Liter Wasser als bei den gesunden Menschen, um das Fass zum Überlaufen zu bringen. So wie ein Mensch mit schwachem Immunsystem schneller und häufiger krank wird als eine Person mit starkem Immunsystem.

Alles meine Schuld?

Die Pandemie ist eine der Belastungen, die da seit einem Jahr fleißig und unaufhörlich in rauen Mengen in unsere Fässer gekippt wird. Ich war also so stolz darauf, dass ich trotz allem bis Ende letzten Jahres so stabil geblieben war und es mir eigentlich ziemlich lange ziemlich gut ging angesichts dieses riesengroßen dampfenden Kackehaufens vor meiner Tür. Ich hatte mittlerweile ein so gutes Krankheitsmanagement, dass meine Phasen weniger wurden und kürzer sowie weniger intensiv ausfielen. Und dann saß ich da plötzlich wieder in meiner depressiven Phase im Februar und war völlig am Ende. Wie war das denn jetzt gekommen?! Ich hatte doch die ganze Zeit so gut auf mich geachtet und alle meine so akribisch aufgestellten Regeln für eine bestmögliche Stabilität ganz brav befolgt. Und jetzt das! Ich war unfassbar frustriert und fühlte mich wie der letzte Loser. Wo wir wieder beim Selbstwert in depressiven Phasen wären. Mir fiel nicht noch mehr ein, was ich noch tun könnte. Anscheinend war diese Erkrankung ja wohl doch stärker als ich.

Da malte mir meine Therapeutin die drei Fässer an ein Flipchart. Und plötzlich fiel mir wie Schuppen von den Augen, was ich vor lauter Frustration über die erneute Depression bis dahin nicht einmal in Betracht gezogen hatte. Mein Fass war im Laufe des letzten Jahres durch stetes und unermüdliches Zuführen von ganz und gar nicht zauberhaftem Pandemie-Pansch zu einer Corona-Kloake mutiert, gegen die selbst die edelsten Absichten bezüglich Krankheitsmanagement und Phasenprophylaxe machtlos waren. Dass ein Überlaufen meines Fasses angesichts dieser anhaltenden Belastung im Außen unausweichlich gewesen war. Die Betonung liegt hier auf „im Außen“.

Feudelfreuden.

All das, was ich bisher gelernt habe, um depressive oder hypomane Krankheitsphasen zu verhindern oder abzuschwächen, kommt jedoch „von Innen“. Da sind Entscheidungen, die ich bewusst treffe. Handlungen, die ich selbstbestimmt durchführe. Meine ganz eigene Art, mit dieser Erkrankung umzugehen. Meine Sichtweise auf die Dinge. Etwas, das in meiner Macht liegt. Das ich bis zu einem bestimmten Punkt kontrollieren kann.

Und dann gibt es nun mal die Dinge oder Ereignisse im Leben, die wir nicht beeinflussen oder kontrollieren können. Die sich unserer Macht entziehen. Und wenn die weltweite Verbreitung eines tödlichen Virus kein Paradebeispiel dafür ist, was ein Individuum nicht kontrollieren kann, dann weiß ich auch nicht.

Diese Erkenntnis hilft mir dabei, in diesen Zeiten nachsichtiger mit mir zu sein. Zu akzeptieren, dass das Fass, so lange dieses Brackwasser weiter kontinuierlich zugeführt wird und es nicht genügend Möglichkeiten zum Abfließen gibt, überdurchschnittlich voll sein und vielleicht noch das ein oder andere Mal überlaufen wird. Dass es nichts bringt, mit Gewalt zu versuchen, einen Deckel darauf zu pressen und meine sowieso schon begrenzte Energie dafür zu verschwenden.

Also bleibe ich erst mal daneben stehen und beobachte. Und wenn das Fass wieder überläuft, fasse ich mir ein Herz, schwinge den Feudel und wische die Sauerei auf.

Das ist alles, was ich gerade tun kann.

Und das ist schon unfassbar viel.

Was da ist.

Gerade ist jeder Tag ein Kampf. Das geht jetzt schon seit über zwei Wochen. Zwei Wochen, von denen jeder Tag ein Tag zu viel ist. Es ist unfassbar anstrengend. Ein paar Mal dachte ich schon, ich wäre aus dem Loch rausgekrabbelt. Dachte, das wäre jetzt aber wirklich der absolute Tiefpunkt gewesen und ab morgen würde es wieder besser werden. Habe mich optimistisch auf dem aufsteigenden Ast gewähnt. Und wieder den Halt verloren. An einem dieser Abende letzte Woche habe ich es geschafft, mir einzugestehen, dass ich das gerade nicht alleine stemmen kann, dass mich diese Traurigkeit zu erdrücken droht, der Schmerz zu vernichtend ist, um ihn zu tragen, ohne dabei gestützt zu werden.

Next level.

Die Angst, zu viel oder zu anstrengend zu sein, nicht bedürftig sein zu wollen, sich deswegen schwach zu fühlen, die Erwartung an sich selbst haben, das doch jetzt alleine schaffen zu müssen…nicht nur mit Abstand, sondern selbst in diesem Ausnahmezustand selbst bin ich mir des Faktes bewusst, dass diese selbst verurteilenden und gnadenlosen Gedanken und Schlussfolgerungen, diese Ängste, Vergleiche, der ohrenbetäubende innere Kritiker…nicht gesunde Gedanken sind, die auch nur annähernd im Verhältnis mit irgend etwas stehen, sondern meine depressiven Gedanken. Selbstzerstörerische Gedanken, die mich nur noch mehr in den schwarzen Schlund reißen wollen. Eine der größten Errungenschaften im Zwiegespräch mit unserem übereifrigen Gedankenapparat da oben ist wohl, dass unsere Gedanken nicht der Wirklichkeit entsprechen (müssen). Dass sie nur Gedanken sind. Ich weiß das mittlerweile. Sehr gut sogar. Es hilft mir in ganz vielen Situationen.

Wenn ich in einer depressiven Phase allerdings schon bis zum Hals in der Scheiße stecke, entfalten diese Gedanken in dem Moment, in dem sie durch meinen Kopf rauschen, trotz allem ihre Wirkung und lassen mich noch schlechter fühlen. Obwohl ich weiß, dass sie nicht der Wirklichkeit entsprechen. Vielleicht ist das ja so next level shit, das ich dafür noch ein bisschen brauche.

Bodenlos.

Zurück zu diesem Abend. Unter größter Anstrengung schaffe ich es irgendwie, einen mir sehr nahe stehenden Menschen zu kontaktieren. Der mich seit Jahren kennt und der auch um meine Erkrankung weiß. Der mich schon ein paar Mal „am Boden“ erlebt hat. Klar, ich soll jederzeit vorbei kommen. Scheiß drauf, ich lasse meine Schlafanzughose an, ziehe einen Pulli über und begebe mich wie in Trance auf den Weg in einen anderen Stadtteil. Jeder Schritt so unglaublich anstrengend. Das „am Boden“, das dieser Mensch heute zu sehen bekommt, stellt die anderen Bodenbesuche allerdings mehr als in den Schatten. Da ist Schock. Da ist Überforderung. Da ist Hilflosigkeit. Was meine eigene Hilflosigkeit in dem Moment ins Unermessliche wachsen lässt. Sich zu meiner Traurigkeit ein Gefühl der Einsamkeit gesellt.

Ihr alle. Und doch nur ich.

Die Art von Einsamkeit, die wir verspüren, obwohl wir unter Menschen sind. Menschen, die uns lieben. Die immer für uns da sind. Die uns in- und auswendig kennen. Die uns schon unser ganzes Leben, seit Jahren oder Jahrzehnten begleiten. Nie von unserer Seite gewichen sind. Mit denen wir gelacht, geweint, gefeiert und getrauert haben. Durch Höhen und Tiefen gegangen, uns in guten wie auch schlechten Zeiten beigestanden haben.

Die Art von Einsamkeit, die ihr schwarzes Tuch über uns wirft und die Menschen im Außen daran ziehen und zerren können, so viel sie wollen. Sie können uns nicht davon befreien.
Die Einsamkeit, die uns scheinbar von allem anderen um uns herum abtrennt. Uns bewusst macht, dass uns niemand diesen Schmerz nehmen kann.
Die Königsdisziplin der Einsamkeit.

Wenn Liebe nicht reicht.

Einerseits verzweifeltes Flehen danach, doch bitte dieses eine Mal einfach die Verantwortung abgeben zu dürfen und gleichzeitig das Wissen darum, dass nur wir selbst durch diese Gefühle gehen können. Dass uns das niemand abnehmen kann.
Die dunkelsten Momente meiner depressiven Phasen, in denen mir selbst die mir am nächsten stehenden Menschen nicht auch nur ein Milligramm der Last auf meinen Schultern nehmen konnten, in denen nichts und niemand mehr zu helfen schien, in denen ich mit voller Wucht gegen die Mauern gerannt bin, die die Grenzen der Hilfe und Belastung meiner Liebsten waren. Diese Momente haben mir am meisten Angst gemacht. Wenn nicht mal das, was in allen anderen Lebenslagen, immer und überall, egal wo und wie, geholfen hat, mehr helfen kann.

Psychische Erkrankungen betreffen nicht nur die Menschen, die an ihnen erkrankt sind, sondern auch unser gesamtes soziales Umfeld. Familie, Freund*innen, Partner*innen. Und selbst wenn diese alles in ihrer Macht stehende tun, um uns zu helfen, kann es sein, dass das nicht reicht. Wir dürfen nicht von ihnen erwarten, dass sie uns heilen. Sind wir körperlich erkrankt, erwarten wir das auch nicht. Die Menschen in unserem Leben haben ihre Grenzen. Einen Punkt, an dem es nicht weiter in ihrer Macht steht, uns helfen zu können. So sehr sie das auch wollen. So sehr sie uns auch lieben. Unsere Angehörigen können und sollen unsere psychische Erkrankung nicht tragen. Und das hat nichts mit der tiefen Zuneigung, Liebe und Loyalität zu tun, die sie uns gegenüber empfinden. Oder der Stabilität unserer Beziehung zu ihnen. Diese kann noch so stark sein und unkaputtbar scheinen, aber sie darf und kann dieses Gewicht nicht alleine tragen.

Wir mögen allerdings auf unserem Lebensweg immer wieder in Versuchung gekommen sein, zu glauben, dass Liebe allein reicht. Dass sie alles besser macht. Dass sie uns immer helfen kann. Dass es mit ihr immer besser ist als ohne sie. Dass sie heil machen kann, was kaputt ist. Wir denken an all die Situationen in unserem Leben, an all die schwierigen und traurigen Momente, in denen uns Liebe und Zuneigung trotz allem immer Trost gespendet haben.

Aber Liebe ist nicht immer die Antwort.

Keiner sieht was geht.

„Ich versteh‘ einfach nicht, warum es dir nicht besser geht, wenn ich dich tröste, warum es nicht reicht, dass ich da bin“, hat mich der damals wichtigste Mensch in meinem Leben in einer meiner ersten depressiven Phasen (als ich noch weit entfernt von der Bipolar-2-Diagnose war) immer wieder gefragt. Ich konnte ihm keine Antwort geben. Und habe mich noch schlechter gefühlt. Ich wusste nur, dass Liebe hier anscheinend plötzlich nicht mehr reichte. Nicht funktionierte wie bisher. Nicht nur partnerschaftliche, auch familiäre Liebe spielte plötzlich nach anderen Regeln.
Und es machte mir eine scheiß Angst. Wenn so viel Liebe nicht reicht, dann kann es keine Hoffnung mehr geben. Davon war ich fest überzeugt. Und zutiefst verzweifelt darüber.

Genau wie bei körperlichem Leiden gibt es Fachleute, an die wir uns wenden können und sollen, wenn nicht der Körper, sondern unsere Seele leidet. Die dafür ausgebildet sind. Die uns helfen können. Mittlerweile weiß ich, dass es einzig und allein meine eigene Verantwortung ist, mir diese Art von Hilfe zu suchen. Eine Verantwortung, die ich nicht abgeben kann, auch wenn das leichter scheinen mag (Fälle, in denen Betroffene nicht (mehr) in der Lage sind, diese Verantwortung zu übernehmen oder selbstbestimmt zu entscheiden, natürlich ausgenommen, ich kann hier wie immer nur für mich selbst sprechen). Dass, auch wenn ich die wunderbarsten Menschen, die man sich nur wünschen kann, in meinem Leben habe, letzten Endes trotzdem immer nur ich selbst durch diese Gefühle und Episoden gehen kann, um weiter mit ihnen umgehen zu lernen, sie immer wieder auf’s Neue hinter mir zu lassen und weiterzumachen.

Unsere Angehörigen können uns weder retten noch heilen. Und das sollen sie auch nicht.
Sie können uns auf unserem Weg begleiten. Unsere Hand nehmen. Mit uns in dieselbe Richtung gehen.

Die Schritte auf diesem Weg müssen und können jedoch nur wir alleine machen.

Und dort, wo Liebe nicht die Antwort sein kann, unsere Fragen anders stellen.

Ich bin hier, habe das Ticket.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Kann mal jemand diese verfickte Achterbahn anhalten??!

Kann mich nicht daran erinnern, dass ich überhaupt ein Ticket gekauft habe!

Vielmehr werde ich in den Wagen geschubst, der metallene Hebel so grob und eng zugedrückt, dass es mir fast die Luft zum Atmen nimmt und ab geht’s.

Psychisch gesunde Menschen haben auch gute und schlechte Tage. Stimmungsschwankungen. Leben halt.

Auch ich habe die in meine symptomfreien Phasen. Remission genannt. Die letzte schenkte mir über ein halbes Jahr. Während dieser Phasen sind meine Stimmungswechsel „normal“, ich kann mit ihnen umgehen. Und zwar bestens. Kann jederzeit aussteigen. Selbstbestimmt.

In meinen Krankheitsphasen rauscht die Bahn einfach durch. Immer wieder am Ausstieg vorbei. Es steigen Menschen zu, andere steigen aus. Doch ich bleibe sitzen. Und es geht in die nächste Runde.

Wo einmal Selbstbestimmung war, hängen nun Fäden an diversen Stellen meines Körpers. Zerren und ziehen an mir, lassen mich einen grotesken Tanz performen, der bestenfalls Entsetzen und Verwunderung in seinem Publikum hervorrufen würde.

Hoch. Runter. Looping. Und nochmal.

(Wie der Rauch auf dem Foto oben, nur horizontal gespiegelt)

Manchmal mit so rasender Geschwindigkeit, dass da nur noch Rauschen ist in meinem Kopf. Lähmung in meinem Körper.
Ohrenbetäubende Stille in meinem Hören. Flimmern in meinem Sehen. Dunkelschwarz in meinem Denken.
Tieftraurig in meinem Fühlen.

Mir wird übel. Würde ich mich jetzt übergeben und die ganze Scheiße bei voller Fahrt auskotzen, würde sie mir einfach nur herzhaft zurück ins Gesicht klatschen.

Ich bin im freien Fall.

Da, der Ausgang! Nee, doch nicht, haha, verarscht!

So nah und doch so fern.

Harter Brocken.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Das beschreibt mein Wochenende ganz gut. Es war anstrengend, es war scheiße, es war dunkelgrau. Obwohl die ganze Zeit die Sonne schien.
Und es ist vorbei.
Das Wochenende.

Wie es das Timing eben manchmal so will, war leider niemand in live verfügbar, der hätte da sein können. Und ich es bei denen, die hätten da sein können, wie so oft nicht geschafft habe, nach Hilfe zu fragen, weil ich ja wie immer meine, alles alleine schaffen zu müssen und nicht bedürftig sein zu dürfen. Angst habe, zu viel zu sein. Eine Belastung zu sein.

Diese Gedanken entspringen nicht meinem „gesunden“ ich, es ist die Depression, die mir versucht, diese Dinge einzureden. Und wenn sie was drauf hat, dann ist es das!

Sobald sie den Hebel in deinem Hirn auf Abwärtsgang umgelegt hat, saugt sie dich unaufhaltsam immer weiter in das tiefe schwarze Loch ohne Boden.

Dort wo eine Negativity-Fetisch-Party vom Allerfeinsten wütet. Alles, was dich schlecht fühlen lässt, darf sich dort austoben. Die einzige Voraussetzung ist, dass es einvernehmlich selbstabwertend zugehen muss. Verzweiflung, Angst und Traurigkeit fallen lüstern übereinander her.

Dieses mal gab es einen special guest, die nur äußerst selten Teil meines mind fucks in depressiven Phasen ist. Wahrscheinlich weil sie weiß, wie groß meine Abneigung ihr gegenüber ist. Und dass ich tief in meinem Inneren eine scheiß Angst vor ihr habe. Sie tiefe Wunden aufreißt.

Dass sie in symptomfreien Phasen nicht Thema ist, selbst wenn ich viel alleine bin. Denn das wähle ich frei. Und dann weiß, dass sie eine Illusion ist.

Doch das Wochenende war nicht normalerweise.

Mein Alleinsein nicht frei gewählt.

Und die Einsamkeit, die mich wie aus dem Nichts gepackt hat, auch leider keine Illusion.

Nothing…

…lasts for ever
let that be the reason you stay
even this sick twisted misery
will not last

– hope

Ich bin so erschöpft. So müde. Habe so viel geweint die letzten Tage wie im letzten halben Jahr nicht. Mich heute morgen nach einer beschissenen Nacht mit größter Überwindung in die Küche an meinen Laptop geschleppt, um während meiner Online-Therapie eine Stunde lang in die Kamera zu rotzen. Wenigstens konnte ich zum ersten Mal in der Sitzung rauchen.

Mich um die Hunde und meine grundlegendsten Bedürfnisse wie Nahrungsaufnahme, genug Wasser trinken und den leider mehr als überfälligen Einkauf, der mit der für depressive Phasen allseits bekannten Entscheidungsunfähigkeit ganz besonders viel Spaß macht, zu kümmern, hat mir so viel abverlangt, dass ich direkt wieder in Tränen ausgebrochen bin, als ich endlich zu Hause war. Zu Recht. Denn es ist fucking anstrengend.

Ich erinnere mich daran, dass es Phasen gab, in denen ich nicht eines dieser Dinge geschafft hätte. Auch nicht unter größter Anstrengung.
Nicht weil ich nicht wollte, keine Lust hatte oder zu faul war. Sondern weil ich nicht konnte. Weil ich eine Krankheit habe.
Kein Aufruf zu Mitleid. Einfach Fakt.

Und egal ob uni- oder bipolar:

DEPRESSIONEN SIND EINE KRANKHEIT.

BIPOLARE STÖRUNGEN SIND EINE KRANKHEIT.

Eine Krankheit, die man von außen oft nicht sieht, deren Symptome nicht immer gleichermaßen präsent sind. Die in unserer Gesellschaft immer noch zu sehr stigmatisiert, tabuisiert oder verschwiegen wird. Eine Krankheit, die jedes Jahr und jeden Tag Todesopfer fordert.

In der deutschen Allgemeinbevölkerung wird die Möglichkeit, an einer Bipolar-II-Störung (Depressionen und Hypomanien), wie ich sie habe, auf 1-3 % geschätzt (Quelle: DGBS (Deutsche Gesellschaft für bipolare Störungen).

Laut der DGBS versucht jede*r 4. Betroffene im Verlauf der Erkrankung mindestens einmal, sich das Leben zu nehmen.

JEDER 4.!

MINDESTENS einmal!

Manchmal braucht es nicht viele Worte. Denk mal drüber nach.

Für mehr Verständnis und Akzeptanz in unserer Gesellschaft!

Off-Mode.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Am liebsten würde ich laut schreien. Doch ich bin wie gelähmt. Seit fünf Stunden sitze ich in meinem Zimmer am Laptop vor dem Uni-Seminar, auf das ich mich so gefreut hatte. Sehen tue ich nichts, da alle ihre Kameras ausschalten mussten, weil sonst die Audioübertragung nicht funktioniert. Weniger Gemeinschaftsgefühl geht nicht.

Gestern bin ich um halb 8 abends eingeschlafen, weil ich so erschöpft war. Einschlafen kann ich seit Monaten nicht mehr, weswegen ich meine Ärztin für den Übergang um etwas, das mir dabei helfen soll, gebeten habe. Das funktioniert ganz gut. Von anderen weiß ich, dass sie sich zuballern, indem sie abends oder mittlerweile auch mal mittags ihre Flasche Wein trinken oder sich anderweitig betäuben. Keine Option für mich.

Trotz meiner bipolaren Störung und all der Herausforderungen, vor die sie mich seit über 10 Jahren immer wieder stellt, trotz meiner Arbeitslosigkeit durch Corona und dem Wegfallen jeglicher Struktur von außen, trotz des Alleinelebens und durch das Ernstnehmen der Kontaktbeschränkungen zwangsläufig sehr viel Alleinseins bin ich seit Beginn der Pandemie bisher stabil geblieben.

Was von außen easy aussehen mag, ist jeden Tag harte Arbeit. Jeden Tag aufs Neue herausfordernd. Jedes Mal anstrengend. Aber es gehört zu mir und ich kann das. Finde jeden Tag aufs Neue heraus, was ich gerade brauche, was ich mir und meiner Psyche mit den momentan verfügbaren Mitteln und übrig gebliebenen Ressourcen Gutes tun kann, damit ich sie irgendwie mitschleifen kann durch diese Zeit.

Ich bin jeden Tag stundenlang draußen mit den Hunden, bin dankbar für alles Schöne, versuche nachsichtig mit mir zu sein. Gut für mich zu sorgen. Ich weiß aus all den Jahren sehr genau, was mir gut tut und was nicht. Was ich will. Wer ich bin.


Aber was, wenn das nicht länger reicht? Der Gedanke macht mir Angst.
Es ist die Frage, wie lange all dieses Gute noch die Macht hat, mich über diese nicht enden wollende Zeit weiterzutragen.


Plötzlich fängt mein Herz an wie verrückt zu klopfen. Zittern. Tränen.


Tränen, die ich heute mit euch teilen möchte. Weil wir sie viel zu oft verstecken.

Sicher ist in diesen Zeiten nicht viel.

Aber es geht weiter. Immer.

Da bin ich mir sicher.

Mitten im tiefsten Winter…

Bildquelle: Gregor Runge

… wurde mir endlich bewusst, dass in mir ein unbesiegbarer Sommer wohnt.“

– Albert Camus

Meine Energie schwindet von Tag zu Tag, die Akkus sind leer. Ich zwinge mich aufzustehen und öffne das Fenster. Grau-nasse Kälte schleudert mir ein mehr als unhöfliches Moin entgegen. Erstmal Kaffee. Ich zünde ein paar Kerzen an. Draußen wird es schon wieder dunkel. Gute-Laune-Musik an. Ich lege mich zurück ins Bett, schlürfe müde meinen Kaffee und glotze ins Graue. „Look for the good“ von Jason Mraz gibt mir den Rest. Und da fließen sie endlich, die Tränen. Und zwar nicht, weil ich das Gute nicht mehr sehen kann oder will, sondern weil ständig das Gute zu sehen irgendwann seinen Tribut fordert.

So gut es mich durch all die Monate seit Beginn der Pandemie gebracht hat, so sehr hat es mich auch erschöpft. Und das ist okay. Nein, es ist nicht nur okay, es ist wichtig und definitiv überfällig.
Ich lasse sie zu. All die Gefühle, die gerade in mir hochkommen. Traurigkeit. Wut. Resignation. Realisiere, wie viel Kraft es mich gekostet hat, den Herausforderungen der Krise zu trotzen und mit den Einschränkungen umzugehen.
Gestehe mir diese Verletzlichkeit zu. Die Menschlichkeit dahinter. Bin dankbar für sie.

Doch inmitten dieser Traurigkeit spüre ich vor allem ein Gefühl der Stärke in mir. Gewissheit, dass ich mit all dem umgehen kann und werde. Zuversicht, dass nach jedem Tief ein Hoch kommt. Hundertprozentiges Vertrauen in mich, meinen Körper und meine mir über die Jahre hart erkämpften Selbstheilungsfähigkeiten und Ressourcen. Die Erfahrung all der bisher überstandenen Krisen. Die Einsicht, dass tiefe Traurigkeit und Hoffnung gleichzeitig da sein können. Die Erkenntnis, dass ich mich bei und mit all dem trotzdem sicher und geborgen fühle.

Und dass ich diese innere Stärke ohne meine Erkrankung und all die tiefen Täler der letzten Jahre niemals entwickelt hätte.

Während ich diese letzten Zeilen tippe, beschließt Spotify’s zufällige Wiedergabe, dass es jetzt erst Recht nochmal Zeit für „Look for the Good“ ist.

Zu meinen verquollenen Augen gesellt sich ein kleines Grinsen.