Erwart doch einfach mal ab!

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Dieser Text soll keine Hommage an die Etablierung einer generellen Anspruchs- oder Erwartungslosigkeit sein. Ich denke, es ist wichtig und richtig, dass wir Menschen Ansprüche haben. Und Erwartungen.

Während ich meinen Text hier geschrieben habe, ist mir (am Ende) aufgefallen, dass die Übergänge zwischen den Begrifflichkeiten „Ansprüche“ und „Erwartungen“ fließend sind. Ich hoffe, dass dadurch keine allzu große Verwirrung entsteht, aber ich werde im folgenden Text beide Wörter benutzen.

Ansprüche an uns selbst können uns zu Leistungen anspornen, die uns zufrieden machen, mit denen wir uns gut fühlen. Auch zu Höchstleistungen, wenn wir das denn wollen. Ansprüche führen dazu, dass wir uns Mühe geben, um etwas so gut oder schön zu gestalten, wie wir es uns vorstellen. Verhindern Gleichgültigkeit. Ansprüche beeinflussen die Wahl unserer Freund- und Partnerschaften, sie entscheiden darüber, wer in unser Leben und wer uns nah sein darf. Ansprüche lassen uns Dinge erreichen, die wir begehren oder uns schon lange gewünscht haben. Unsere ganz individuellen Ansprüche, die wir an uns selbst oder auch an andere stellen, sagen unglaublich viel über uns als Menschen aus. Denn sie sind unmittelbar und unwiderruflich verbunden mit unserem persönlichen Wertesystem, ja, auch mit unserer Moral. Ist Ehrlichkeit keine Eigenschaft, die für uns in unseren Beziehungen einen hohen Wert hat, so werden wir bei der Wahl unserer Freund-/innen und Partner/innen wohl kaum einen Anspruch auf Ehrlichkeit stellen. Und genau so wenig wären wir dementsprechend enttäuscht, wäre dieser Jemand nicht ehrlich zu uns.

Schwierig kann es dann werden, wenn unsere Ansprüche an Dinge oder Menschen zu hoch sind. Wieso? Wer überhaupt zieht die Grenze zwischen „angebracht“, „zu niedrig“, „zu hoch“?
Je höher die eigenen Ansprüche, desto besser die aus ihnen erbrachte Leistung, oder nicht? Das mag in manchen Fällen stimmen. Aber was passiert, wenn der eigene Anspruch zwar sehr hoch war, aber die daraus resultierende Leistung trotzdem, aus welchen Gründen auch immer, nicht mal annähernd diesem Anspruch gerecht wird. In keiner Relation steht. Dann wird es ungemütlich.
Denn je höher unsere Ansprüche sind, ob nun an uns selbst, eine Sache oder einen anderen Menschen, desto enttäuschter sind wir, wenn wir selbst, diese eine Sache oder dieser eine Mensch nicht so funktionieren, nicht so abliefern, nicht so gefallen, wie wir das erwartet haben.
Und hier kommt die Erwartung mit ins Spiel.

Letzten Endes sind Ansprüche eng verknüpft mit Erwartungen, manch einer würde sie vielleicht auch als Synonyme einordnen. Das kann die Erwartung an eine Sache, vielleicht an ein Geschehen sein, unsere ganz eigene Vorstellung, die unser Gehirn bis ins kleinste Detail immer und immer wieder in den schillerndsten Farben durchspielt, bevor besagte Sache oder das Geschehen überhaupt eingetreten ist, bevor sie vor uns steht, bevor wir sie in den Händen halten. Während wir noch warten sozusagen. Erwarten.

Das Traurige und Tückische an zu hohen Erwartungen ist meiner Meinung nach, dass sie uns die Unvoreingenommenheit, die Bedingungslosigkeit, unsere Objektivität und Offenheit nehmen. Eine Messlatte setzen, die erreicht oder am Besten sogar übertroffen werden soll. Wird sie das nicht, sind wir enttäuscht. Das hatten wir uns aber anders vorgestellt. Das hätte besser sein können. Das könnte man noch optimieren. Das ist nicht ganz ideal so. Ein persönliches oder gesellschaftliches Ideal, das nicht erfüllt wurde.

Wieso haben wir verlernt, die Dinge „einfach“ auf uns zukommen zu lassen? Liegt es überhaupt in der Macht des Menschen, völlig unvoreingenommen abzuwarten, anstatt immer nur zu erwarten? Abwarten, was passiert und sich dann ein Bild davon zu machen, ohne dieses schon im Vorhinein zu skizzieren? Haben wir keine Erwartungen, so können diese auch nicht enttäuscht werden, ganz egal wie eine Sache letzten Endes abläuft oder ausgeht. Wie sich ein Mensch verhält, wie er ist. Es gäbe keinen Maßstab, an dem etwas gemessen werden würde, keine Bewertung, kein Abwägen, keine Noten.

Würde es helfen, wenn wir, in Angesicht der Illusion und auch der Ablehnung von völliger Anspruchs- und Erwartungslosigkeit, diese im Zaum, sie niedrig halten könnten? Uns dann umso mehr freuen, falls sie übertroffen werden? Und uns genau so freuen, wenn sie einfach nur erfüllt werden? Gute Frage. Abwarten und Tee trinken.

Der Spargelsalat und ich

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Freitagabend. Ein wunderschöner und erlebnisreicher Tag liegt hinter mir. Einer der ersten richtigen Sommertage. Das erste mal beinfrei dieses Jahr. Ich war mit dem Hund einmal durch die halbe Stadt spaziert. Kaffee auf St.Pauli, Sonnenbaden in Altona, Mittagessen mit einem guten Freund in der Schanze, bei meiner alten Arbeitsstelle allen mal wieder hallo gesagt und mit meiner besten Freundin Eiskaffee schlürfend durch die Innenstadt flaniert. So sehr ich Hamburg auch zu jeder anderen Jahreszeit und zum größten Schietwetter liebe…an einen Sommer zwischen Elbe und Alster kommt so schnell nichts ran.

Ich hatte mir im Laufe der Woche fest in den Kopf gesetzt, ganz dringend diesen grünen Spargelsalat nachzumachen, der mich auf einer Veranstaltung am Dienstagabend so von den Socken gehauen hatte. So sehr, dass ich im Rahmen meiner Bemühungen, möglichst unbemerkt und idealerweise erfolgreich nochmal um die Spargelsalatschüssel am Buffet herumzuschleichen, leider so gut wie nichts von dem spannenden Vortrag über skandinavisches Lampendesign mitbekommen hatte. Wie dem auch sei. Der thailändisch interpretierte grüne Spargelsalat sollte es sein.

Nachdem ich mich zur absoluten Einkaufs-Rush hour durch drei verschiedene Supermärkte und den kleinen Asiamarkt um die Ecke habe schubsen lassen, hatte ich endlich alles was ich brauchte zusammen, schwörte mir wie immer auf dem Weg durch die vier Stockwerke zu meiner Wohnung, dass ich auf jeden Fall bald mit dem Rauchen aufhören würde und spürte schon beim Drehen des Schlüssels im Schloss die mir wohl bekannte Vorfreude. Auf mein Zu Hause. Meine ruhige, leere Wohnung. Keine nervigen quasselnden Mitbewohner, die anscheinend schon den ganzen Tag auf dein Nachhausekommen gewartet haben, um dir endlich von ihrem spannenden Reifenwechsel zu erzählen, keine kreischenden Kinder, kein Kerl. Hier möchte ich kurz anmerken, dass ich weder etwas gegen Mitbewohner, Kerle und schon gar nicht Kinder im Allgemeinen habe! So wenig ich auch nur ein einziges Gespräch oder einen einzigen Kontakt dieses Tages missen wollte, so sehr machte sich nun mein Bedürfnis nach Ruhe und Zeit nur für mich alleine breit.

Dafür standen die Zeichen gut, denn ich hatte ja eingekauft und freute mich auf das Schnippeln, Vorbereiten und Kochen bei offenem Fenster, nebenher eine rauchen und meine Lieblingsmusik hören. Diese Kombi hatte ich vor einiger Zeit für mich entdeckt und war fasziniert von der meditativen Wirkung, die sie auf mich hatte. Richtig schön runterkommen und währenddessen wie im Schlaf (im wahrsten Sinne des Wortes) das Fortbestehen der eigenen Spezies durch regelmäßige Nahrungsaufnahme sichern. Los geht’s.

Aus dem Innenhof drang gedämpfter Stimmensmoothie mit der lauen Abendluft durch mein geöffnetes Küchenfenster während ich so von einem Rezeptschritt zum nächsten stolperte. Nur weil Kochen eine meditative Wirkung auf mich hatte, hieß das noch lange nicht, dass ich es auch konnte! Als sich in mir gerade Verwirrung angesichts von „in kochendem Wasser garen“ (Entweder kochen oder garen…aber nicht beides zusammen, oder?) meldete, klingelte das Telefon. Mama. Meine Mutter war für mich die beste Köchin der Welt und manchmal ärgerte ich mich ein bisschen darüber, dass ich ihr nicht einfach ab und zu mal beim Kochen zugesehen hatte. Dann würde ich jetzt sicher kein Koch-Gar-Dilemma haben. Ganz begeistert erzählte ich ihr von meinem kulinarischen Meisterwerken und wollte sie gerade nach der Definition von „Garen“ fragen. So weit kam es allerdings gar nicht.

„Ach Mensch. Manchmal fragen Papa und ich uns wirklich, wie unsere beiden Töchter immer noch keinen Partner an ihrer Seite haben können. Wie schade, dass du den Spargelsalat für dich alleine zubereiten musst und kein toller Mann neben dir steht, der den für dich zubereitet!“

Plopp. Die kleine „Quality-time-with-myself“-Blase, in der ich so zufrieden vor mich hingeschwebt war, platzte in einer lächerlichen glitschigen Miniaturversion des sich eigentlich für das Platzen einer Blase gehörenden Pengs und hinterließ ein paar unspektakuläre Seifenreste auf den weißen Küchenfliesen. Die konnte man schnell wegwischen. So als wäre nichts passiert. Und doch hatte sich etwas geändert. Und ich spreche hier nicht vom Zustand des Spargels, der mittlerweile definitiv mehr gekocht als gegart war.

Während meine Mutter meiner offensichtlichen Entrüstung und weniger offensichtlichen, weil zu verheimlichen versuchten Betroffenheit mit gut gemeinten Erklärungsversuchen über eben genau das, es gut gemeint zu haben, entgegnete, hörte ich schon gar nicht mehr wirklich zu und erwischte mein Unterbewusstsein dabei, wie es bereits eine Liste mit all den Vorzügen und Schönheiten des Singlelebens erstellte. Das ließ mich dann doch kurz stutzig werden und ich fragte mich, warum dieser Satz mich überhaupt auch nur annähernd traf, wo ich doch, und zwar ohne mir etwas vorzumachen, gerade einfach nur voll und ganz bei mir und sehr zufrieden mit meinem Leben war.

Ein Leben, für das ich mich frei entschieden hatte und das ich aus nicht weniger freiem Willen genau so lebte, wie ich es seit einiger Zeit tat. Es war nicht so, dass ich per se etwas gegen nette Männer in meiner Küche hatte. Gegen nur halbnette oder aber auch gar nicht nette allerdings sehr wohl. Um kurz klarzustellen: Ich weiß, es gibt sehr wohl nette Männer da draußen. Meine Küche weiß das auch. Was allerdings noch nicht heißt, dass ich direkt mein Leben mit ihnen teilen oder das Singledasein per Arschtritt ins Jenseits befördern möchte. Und das nicht, weil ich eine Hardcore-Emanze bin, die sich in jeder Lebenssituation beweisen muss, wie selbst die Frau doch ist, dass die Welt keine Männer braucht und vor lauter Begeisterung gar nicht mehr aus dem Möbelschleppen und Hardwarekonfigurieren rauskommt. Die augenscheinliche Unkonventionalität, Freiheit und Unabhängigkeit unserer Generation diesbezüglich fühle ich mich trotz allem immer wieder gezwungen, infrage zu stellen. „Du bist ja wohl nicht im Ernst gerne Single!“, „Du brauchst einfach mal wieder einen Mann.“, „Wie, du hast noch nie getindert?!!“, „Wer wohnt schon gerne alleine?“, „Langsam fängt die Uhr doch an zu ticken, oder?“, „Wenn man zu lange alleine ist, wird man doch komisch“, „Sei mal nicht so streng mit dem, mit deinen Ansprüchen wird das nie was!“…die Liste der konstruktiven Bereicherungen aus unserem Umfeld ist lang. Und wir sprechen hier nicht von der Generation unserer Eltern oder Großeltern.

Ich sehe das „Singlesein“ nicht als notwendiges Übel oder Durststrecke zwischen einer vergangenen und einer nächsten Beziehung, die es aus lauter Angst vor dem Allein- und mit sich selbst Konfrontiertsein, ja sich womöglich im schlimmsten Fall sogar tatsächlich mal selbst reflektieren und hinterfragen zu müssen, möglichst schnell hinter sich zu lassen gilt, sondern als eine wertvolle Chance, die man für sich nutzen und dabei sehr viel Schönes erfahren kann.

Die Chance, sich selbst kennenzulernen, tatsächlich mal keine partnerschaftlichen Kompromisse eingehen zu müssen, seine Bedürfnisse ohne schlechtes Gewissen an allererste Stelle zu setzen, Frieden mit dem Alleinsein zu schließen, seine Schönheit zu erkennen und das darin schlummernde Potenzial zu nutzen, mit voller Absicht Zahnpastatuben offen rumliegen zu lassen und die Geschirrspülmaschine aus Prinzip völlig „falsch“ einzuräumen, nackt zu putzen (was sonst wahrscheinlich auch nicht wirklich ungern gesehen worden wäre und sich deshalb nicht sonderlich als Rebell-Akt, wortwörtlich, eignet) einfach mal nur das zu machen, wonach einem gerade ist. „Aber das ist doch total egoistisch“, mag da der ein oder andere selbsternannte Gutmensch quaken. Kann man so sehen, muss man aber nicht. Eine gesunde Portion Egoismus an der richtigen Stelle hat noch niemandem geschadet und läuft auch unter dem Namen Selbstfürsorge.

So toll das auch alles klingen mag, diese verinnerlichten Überzeugungen, gelebten Werte und authentischen Lebenskonzepte…wenn man ganz ehrlich zu sich selbst ist, sind diese oft trotzdem nicht ganz frei von gesellschaftlichen Zwängen und immer noch in Sichtweite des konventionellen Zeigefingers.

Klar meinen es Eltern nur gut mit einem, zumindest die meisten. Und ja, in ihrer Generation war das auch nochmal anders als bei uns, auch wenn ich mich noch immer nicht so recht entscheiden kann, ob es damals besser oder schlechter war. Oder keins von beidem. Allein in Hamburg sind aktuell 514.000 von insgesamt 974.000 Haushalten Singlehaushalte (https://www.hamburg.de/info/3277402/hamburg-in-zahlen/), sprich mehr als die Hälfte.

„Da bist du doch in deiner Stadt in bester Gesellschaft“, hatte mal ein Bekannter zu mir gesagt. Freut mich echt total für die anderen 513.999, aber ehrlich gesagt kann ich gerade ganz gut auf deren Gesellschaft verzichten und finde meine eigene völlig ausreichend. Der Weg zu dieser Genügsamkeit und inneren Zufriedenheit war lang. Und falls eines der sich unter diesen 513.999 oder sonstwo existierenden Singlehaushalten befindlichen männlichen Wesen doch irgendwann mal ganz ohne Wisch den Weg bis in meine Küche gefunden haben sollte, dann hoffe ich Mama zuliebe, dass der Herr kochen kann.

Back on track?

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

So sehr wir uns auch manchmal in Kontakt mit uns selbst und in unserer Mitte fühlen mögen, es gibt Dinge, die von einem auf den anderen Moment wie ein Wirbelsturm durch unsere Gefühlswelt wüten und ein Schlachtfeld sondergleichen hinterlassen. All die Häuser, die so mühsam aufgebaut wurden, innerhalb von Sekundenbruchteilen umreißen und Leere und Zerstörung zurücklassen. Wir stehen mit schlaffen Armen und ungläubigem Blick vor dem, was da noch übrig geblieben ist und allein die Vorstellung, all das wieder aufbauen zu müssen, erschöpft uns so sehr, dass wir uns erst einmal hinsetzen und durchatmen müssen.

Der Ursprung dieser Stürme des Lebens, die uns von Zeit zu Zeit heimsuchen, kann unterschiedlicher Natur sein. Es kann ein Verlust sein, eine tiefe Verletzung, ein unerwarteter und nicht erwünschter Wandel, eine Trennung…die Liste ist lang. Während es menschlich und angebracht ist, gewisse Gefühle mit gewissen Ereignissen zu verbinden, diese auch tief spüren zu können, ist der Grad schmal. Der Grad zwischen Trauer, Verletztsein, Zweifeln einerseits und zu tief in diesem Strudel der Gefühle zu versinken, den Kontakt zu sich selbst zu verlieren und der Entwicklung einer Machtlosigkeit andererseits.

Auch wenn wir manchmal meinen, wir könnten uns vor Verletzungen und Leid schützen oder sie vermeiden, werden wir früher oder später mit der Erkenntnis konfrontiert, dass es sich hier um eine Illusion handelt. Es wird immer wieder Menschen geben, die uns Verletzungen zufügen und das ganz unabhängig davon, ob das ihre Absicht ist oder nicht. Es geht um das Gefühl des Verletztseins, das in unserem Herzen ankommt, uns bis ins Mark trifft, uns die Kehle zuschnürt, einen überdimensionalen Stein in unseren Magen legt, uns körperliche Schmerzen bereiten kann. Meistens trifft es uns unerwartet, doch das tut nichts zur Sache. Würde uns jemand ankündigen, dass er uns jetzt gleich wehtun würde und dann mit seinen darauf folgenden Worten unsere Welt zum Einstürzen bringen, es würde rein gar nichts besser machen.

Verletzt zu werden gehört nicht zu den Dingen im Leben, die unserer Kontrolle obliegen. Es passiert einfach. Egal, was für mehr oder weniger gesunde Schutzmechanismen wir etablieren, es wird auch uns irgendwann treffen. Denn sie gehören zum Leben dazu. Während wir dieses Schicksal offensichtlich nicht abwenden können, so bleibt uns zumindest der kleine Trost unserer Macht darüber, wie wir mit diesem Schmerz umgehen und was wir vielleicht sogar von ihm lernen können.

Wir können uns ins unserem Schmerz suhlen und die Katastrophe durch eine gehörige Brise Selbstmitleid, Selbstzweifeln und Reue perfekt machen. Wir können unseren Schmerz aber auch als das nehmen, was er ist. Im ersten Moment einfach nur beschissen und verdammt wehtuend. Wir können, nein, wir sollten sogar weinen, bis unsere Augen so verquollen sind, dass wir am kommenden Tag definitv nicht das Haus verlassen können werden, schreien, bis uns die Stimme wegbleibt und, wir wollen ja mal nicht so sein, bei vollem Bewusstsein die „Life sucks“-Playlist auf Spotify auswählen und uns tatsächlich ein Weilchen lang dem Selbstmitleid hingeben. Warum nicht. 

Wir wissen nicht, wie lange dieser Schmerz andauern wird und es macht auch keinen Sinn, darüber Spekulationen anzustellen. Wir können ihn mit jedem neuen Morgen, an dem er mit uns aufwacht, wahrnehmen und muffelig begrüßen. Was noch lange nicht heißt, dass er auch einen Kaffee serviert bekommt. So weit kommt’s noch. Wir können ins uns hineinspüren und trotz der permanenten Anwesenheit dieses ekelhaften Gefühls trotzdem in Kontakt mit uns selbst bleiben. Versuchen, unsere Verletzung so weit es geht von dem Menschen zu trennen, der sie uns zugefügt hat und ihr dadurch die Romantik nehmen. Den Schmerz ertragen, in der Gewissheit, dass er gekommen und jetzt gerade da ist. Dass er aber auch wieder gehen wird. Dass er sich vernichtend anfühlen kann. Dass er uns aber nicht vernichten wird. Dass er Zeuge unserer Fähigkeit ist, zu fühlen und zu lieben. Denn ohne sie wären wir unverletzlich.

Aber erst unsere Verletzlichkeit macht die liebenswerte und authentische Menschlichkeit unseres Seins aus. 

„Einfach“ nur gut.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Sonntag morgen, 7:07 Uhr, Bahnhof Altona

Es ist 7:07 Uhr, als der Zug in Altona den Bahnhof verlässt und meine Freundin wieder zurück in Richtung Heimat bringt. Es waren wunderschöne Tage, nur leider, wie immer mit geliebten Menschen, viel zu kurz. Aber das nächste Wiedersehen ist schon geplant und vorfreudige Zeit ist alles andere als verschwendete Zeit! Eigentlich war mein ursprünglicher Plan nach dem Aufwachen zu dieser unchristlichen Zeit, noch dazu an einem Sonntag, gewesen, sofort wieder unter die Daunendecken in meinem kuscheligen Bett zu schlüpfen und ausgiebig auszuschlafen. Aber als ich aus dem Bahnhof ins Freie hinaustrete, weiß ich: Das wird nicht passieren.

Es ist ein Morgen, wie ich ihn lange nicht erlebt habe. Was vermutlich nicht zuletzt daran liegt, dass ich ein nicht wirklich passionierter Frühaufsteher bin. Um es vorsichtig auszudrücken. Würde es nicht fürchterlich kitschig klingen, hätte ich behauptet, dieser Morgen wäre von einer fast magischen Schönheit, die Luft so rein und klar und frisch, dass man sie gar nicht schnell genug einatmen könnte, das Licht mehr als filmreif. Einfach nur wunderschön. Also nix mit wieder ins Bett, sleep is for the week, der frühe Vogel und so, sondern nochmal kurz nach Hause, ne Stulle schmieren, Kaffee kochen und mitnehmen. Ich hab spontan Lust auf Fischmarkt und stiefele los.

Sonnenpflaster

Die Sonne bahnt sich ihren Weg durch die halbhohen Häuserschluchten meines Viertels und bringt die Pflastersteine auf den kleinen Seitenstraßen zum Leuchten. Da es die letzten Tage trotz des zumindest laut Kalendermonats noch herrschenden Winters überdurchschnittlich warm war, stehen Tier-und Pflanzenwelt bereits in den Startlöchern und die Vögel zwitschern um die Wette. Jedes Jahr bin ich wie auf’s Neue völlig fasziniert davon, wie dieser unvergleichliche Frühlingssound ein Heer von Schmetterlingen in meinem Bauch freilässt, das keine noch so große Verliebtheit in dieser Form hinkriegen würde. Die Vögel zwitschern fröhlich weiter und meine kleinen Schmetterlinge flattern zu ihren Liedern um die Wette. Großartiges Gefühl. Als ich über die Kreuzung gehe, schiebt sich die Sonne aus dem Schatten des Gebäudes, das mal meine Stammkneipe war, und scheint mir unmittelbar und grell ins Gesicht. Deswegen sehe ich das Mädchen nicht kommen, bevor sie direkt vor mir steht. Besser gesagt, vor mir schwankt. Amüsiert verhelfe ich ihr mit meinem Feuerzeug zur wahrscheinlich letzten Zigarette dieser Nacht und biege ab Richtung Hafen.

Ich würde jedem Touristen, der in die Hansestadt kommt, empfehlen, den Hamburger Fischmarkt nicht nur einmal, sondern mindestens zweimal zu besuchen. Und zwar einmal im Anschluss an eine durchzechte Nacht und alles andere als nüchtern und das andere mal frisch geduscht, gerade aufgestanden und mit mindestens einem guten Kaffee in der Hand. Es sind Welten, die bei diesem Spektakel aufeinanderprallen, jede mit ihrem ganz eigenen Reiz.

Tor zu meiner Welt

Kurz bevor ich mich ins Getümmel stürze, die Marktschreier sind schon von Weitem zu hören, setze ich mich mit meinem Kaffee ein Stück vor dem eigentlichen Fischmarkt auf die Kaimauer und rauche eine Zigarette. Vor mir die Krähne, deren Stahl in der aufgehenden Sonne blitzt und die Reflektion der Lichtstrahlen auf der Elbe, die so sehr blenden, dass ich die Augen zukneifen muss. Industrieromantik, die ihresgleichen sucht. Wie man darauf nicht stehen kann, ist mir ein Rätsel. Eine Barkasse schippert in gemächlichem Tempo vorbei und schlägt unscheinbare kleine Wellen, die mit einem sanften „Pltsch“ gegen die Steinmauer unter mir schwappen. Auf meiner Linken glänzt erhaben und stolz die Elbphilharmonie in einiger Entfernung, zu meiner Rechten reiht sich majestätisch Kran an Kran. Richtung Horizont nähert sich ein großer, mit hunderten bunten Containern beladener Frachter, der eine lange Reise hinter sich haben wird. Oder vielleicht auch vor sich und er fährt Richtung Meer. Er ist zu weit weg, als das ich das erkennen könnte. Das Tor zur Welt. Hamburg war auch für mich ein Tor. Ein Tor zu meiner eigenen kleinen Welt. Und allem, was dazu gehört.

Ich habe die Augen immer noch geschlossen, spüre, wie meine Haut langsam von der Sonne aufgewärmt wird, schlürfe meinen lauwarmen Kaffee, ziehe ab und zu an meiner Zigarette, und zwar heute mal ohne jegliches schlechte Gewissen, lausche dem Plätschern der Wellen und Aale-Dieters unverwechselbarem Marktgeschrei in der Ferne. Und bin einfach nur glücklich.

Einfach? Nur? Glücklich?

Wohlwissend, dass der Zustand von „einfach nur glücklich“ nicht selbstverständlich ist. Ich war am Abend zuvor eingeschlafen und hatte mich einfach auf den nächsten Tag gefreut. Aber nicht so sehr, dass ich vor lauter Euphorie und Aufregung auf den nächsten Morgen nicht hatte einschlafen können und ein vermeintlich genialer Gedanke den nächsten in meinem Kopf gejagt hatte. Genau so wenig hatte ich am Abend zuvor, gefangen in einem negativen Gedankenstrudel, in meinem Bett gelegen und mich gefragt. wie ich den nächsten Tag überstehen sollte. Ich war am Morgen, wenn auch wegen der Uhrzeit etwas müde, aufgestanden, hatte meiner Freundin und mir Kaffee gekocht und die Fenster meines Zimmers weit aufgerissen, um die frische Morgenluft hereinzulassen. Ich hatte nicht wie gelähmt in meinem Bett gelegen, unfähig, mich zu bewegen geschweige denn aufzustehen und daraufhin den ganzen Tag im Bett gebracht, nichts gegessen, nicht geduscht, mein Handy ausgemacht, meine Kleider auf den überdimensionalen und stetig wachsenden Klamottenberg geschmissen und den Abwasch Abwasch sein lassen. Genau so wenig war ich wie ein junges Reh auf Ectasy und mit Herzrasen ohne Wecker um 7 aus dem Bett gehüpft und hatte bis 12 Uhr mittags schon meine gesamte Wohnung geputzt und gesaugt, die komplette Wäsche gewaschen, 10 Texte für die Uni geschrieben, endlich mal sämtliche in der letzten Zeit vernachlässigten entfernten Bekannten per WhatsApp kontaktiert, vier Kaffee getrunken, mindestens genau so viele Zigaretten dazu geraucht, endlich mal meinen Kleiderschrank ausgemistet, diverse aussortierte Dinge fotografiert und auf Kleiderkreisel hochgeladen, nebenher mit meiner Schwester telefoniert und hier und da mal ein bisschen nach Jobs im Kreativbereich gegoogelt.

Ich bin einfach nur ins Bett gegangen, habe einfach nur gut geschlafen, bin einfach nur aufgestanden und jetzt sitze ich einfach nur mit einem Kaffee in der Sonne am Fischmarkt. So einfach ist das. Nicht.

Nicht zu schnell. Aber schnell genug.

Umso mehr genieße und wertschätze ich das Gefühl, gerade ganz bei mir zu sein. Eine flauschig-weiche Zufriedenheit, die von mir Besitz ergreift und eine stoische Ruhe in mir erzeugt, die so schnell nichts umhauen kann. Mein Herz schlägt regelmäßig und nicht zu schnell, aber schnell genug in meiner Brust, mein Atem geht gleichmäßig und trägt mich. Ich empfinde tiefe Dankbarkeit. Bescheidene Ehrfurcht vor diesem kleinen, sicheren Ort der Geborgenheit in mir. Keine Extreme. Weder in die eine noch in die andere Richtung. Aber auch keine gefühlslose Nulllinie. Einfach nur gut.

Aura is a bitch, too.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Vom Karma wussten wir das ja schon.

Ich glaube fest daran, dass das, was wir ausstrahlen, eine sehr große Wirkung auf die Dinge und Menschen hat, die uns begegnen. Ja, ich glaube auch daran, dass jeder Mensch eine gewisse Aura besitzt, die sich, je nach Lebens- und Gemütslage, immer wieder verändern kann. Und das ganz ohne spirituell besonders affin zu sein. Wie stehen unsere Auren denn eigentlich zu Depressionen, drängte sich mir kürzlich ein Gedanke auf, der mich nicht mehr losließ. Wem Aura hier zu spirituell erscheint, kann für sich dieses Wort im folgenden Text gerne durch „Ausstrahlung“ ersetzen, aber mir gefällt „Aura“ einfach.

Schachmatt, liebe Aura!

Immer, wenn ich tief und fest in einer meiner nicht gerade wenigen depressiven Phasen der letzten Jahre feststeckte, hatte ich das Gefühl, nur noch mehr unangenehme Situationen, unfreundliche Reaktionen und missmutige Menschen anzuziehen. So wie man in einer solchen Phase alles durch den berühmt-berüchtigten grauen Filter sieht und die Welt um einen herum im depressiven Nebel zu versinken droht, so stelle ich mir vor, dass sich auch die Aura eines (im Moment) traurigen, in negativen Gedankenspiralen gefangenen und verzweifelten Menschen dunkel verfärben oder Glanz und Farbe verlieren kann. Und dass man dadurch, abgesehen von dem sowieso gerade ausschließlich negativen Denken und Grau-in-Grau sehen, auch eher negative Situationen oder Menschen anzieht. Was einen dann abermals im sowieso schon wohl etablierten Pessimismus (und zwar als Symptom der Depression und nicht als Charaktereigenschaft!) bestärkt, à la „Mich mag sowieso keiner“, „Immer passieren nur mir solche Dinge“, „Keiner will mir helfen“ und Ähnliches aus dem Repertoire der selbstvernichtenden Behauptungen bestärkt, und schon schließt sich der Teufelskreis.

Blind.

Wenn es uns gut geht, wissen und sehen wir (sowohl rückblickend als auch vorausschauend), dass es selbst in den allerdunkelsten Momenten irgendetwas Schönes geben kann, wenn auch noch so klein, augenscheinlich nichtig und unscheinbar, aber es ist da. Kann für kurze Zeit, wenn auch nur für den Bruchteil einer Sekunde, etwas Licht ins Dunkel bringen. Doch wenn wir in besagtem Teufelskreis gefangen sind, sind wir für all das blind. Und zwar leider nicht blind vor Liebe. Sondern blind vor Traurigkeit, Schmerz und Verzweiflung.

Das Leben zieht scheinbar an einem vorbei, man selbst ist plötzlich nicht mehr Teil der eigenen Welt und der um einen herum. Vom Hauptdarsteller zum Statisten. Aus dem Raster gefallen. Nicht mehr funktionsfähig. Und was kaputt ist, wird aussortiert.

Ich bin meine Gedanken. Oder etwa nicht?

So kann es sich zumindest manchmal anfühlen. Und da die Depression uns leider meist dazu bringt, all unseren Gedanken ungefiltert Glauben zu schenken, seien sie auch noch so selbstdegradierend und vernichtend, und uns voll und ganz mit ihnen zu identifizieren, gelingt es uns irgendwann nicht mehr, Situationen und auch Gefühle aus einer gewissen Distanz oder weniger bewertend zu betrachten. Wir werden sozusagen unsere Gedanken.

Gruselig.

Ab einem bestimmten Moment hatte es sich für mich nicht mal mehr „nur“ so angefühlt, als wäre ich kein funktionierender Teil der Gesellschaft mehr, sondern als wäre ich komplett aus der Welt gefallen. Eine Welt, deren Leben und Alltag in schwindelerregender Geschwindigkeit und ohrenbetäubendem Lärm an mir vorbei jagten, während ich völlig erstarrt und handlungsunfähig zurückblieb. Meine Kraft gerade noch reichte, um mir die Ohren zuzuhalten, wie ein kleines Kind, das nicht hören will, und meine Augen fest zusammen zu kneifen, um zu verhindern, dass sich die gruseligen Szenen dieses Horrorfilms in mein Gehirn brannten und mir schlaflose Nächte und Angstzustände bereiteten. Mit dem kleinen, aber bedeutenden Unterschied, dass beides bereits zu meinem Alltag gehörte und sich das Grauen nicht auf einem Bildschirm, sondern mitten in meinem Leben abspielte.

Einmal Überlänge, bitte.

Für das Ticket zum Kino meiner Psyche musste ich sogar Aufschlag zahlen, da der Gruselstreifen Überlänge hatte. Aber irgendwann fiel auch hier der Vorhang und ich konnte den dunklen Kinosaal verlassen, raus ins Helle. Ich kann mich noch heute ganz genau und bis ins kleinste Detail an den allerersten winzigen Moment der Freude nach all den dunklen Wochen und Monaten erinnern. Ausgelöst durch eine simple zwischenmenschliche Geste. Es war so ein leises, zartes, flatteriges Gefühl in meiner Körpermitte, dass ich es zuerst überhaupt nicht zuordnen konnte. Aber dann plötzlich wurde mir klar: Ich hatte gerade Freude empfunden. Zwar nur ein kleines Fünkchen, aber sie war da gewesen. Ein kleiner tapsiger Babyschritt in die richtige Richtung. Wieder laufen lernen. Hatte ich doch damals auch hingekriegt.

Ab diesem Tag keimte in mir die Hoffnung auf, dass sich, parallel zu meiner Psyche, vielleicht ja auch meine Aura zu erholen begann und bereits einen Teil ihres Glanzes wiedererlangt hatte.
Ausgehend von meinem Inneren, das vorsichtig nach und nach wieder kleine Räume für Lebensfreude und Leichtigkeit schaffen würde. Denn begraben unter den Seelenscherben der vorangegangenen Zeit hätte sie besagte Situation, die aus dieser schönen Geste entstanden war und zu meinem neuen alten Gefühl der Freude geführt hatte, ganz sicher nicht begünstigt geschweige denn angezogen.

Dieser Gedanke begleitete mich durch die Höhen und Tiefen, die noch folgen sollten und gab mir die Kraft, auch diese zu durchstehen.

Moin, Moin!

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Moin zu unseren Ängsten.
Moin zu unseren Sorgen.
Moin zu unseren Zweifeln.
Moin zu unserer Traurigkeit.
Moin zu unserer Wut.

Kurz: Moin zu allem, was unsere Gefühlswelt neben all unseren positiven Empfindungen eben auch ausmacht. Und diese Gefühle, ich denke, da sind wir uns einig, fühlen sich erst mal selten gut an. Und um noch ehrlicher zu sein, eigentlich tun sie das nie. Wir wollen diese Gefühle nicht haben, sie gefallen uns nicht. Sie entstehen meistens aus negativen Gedanken, die uns genau so wenig gefallen. Wir sind Meister/-innen im Verdrängen, im Uns-ablenken, im Leugnen. Sind ständig auf der Jagd nach guten Gefühlen. Wir wollen schließlich glücklich sein. Am besten immer und überall. Darum geht es doch im Leben, oder? Die schlechten Gefühle stehen uns da nur im Weg in Richtung Glückseligkeit.

Das stimmt so nicht ganz…

Abgesehen davon, dass negative Gefühle, Erfahrungen und Erinnerungen unvermeidbar zu unserem Leben gehören wie die positiven und auch oft einen Sinn haben, ja gar einen Zweck erfüllen, ist fast nichts kontraintuitiver als sich solch einer unangenehmen Empfindung anzunähern und dieses Gefühl zuzulassen. Weil es sich einfach nicht anfühlt. Uns Angst macht. Vielleicht sogar für eine gewisse Zeit zu lähmen scheint. Viel naheliegender scheinen uns Mechanismen wie Verdrängen oder Ignorieren, sofern möglich. Es wäre gelogen, zu behaupten, das wäre nicht der einfachere Weg. Jedoch führt der leichtere Weg nicht zwangsläufig zu den schöneren Orten.

Das Thema für den heutigen Artikel ergab sich aus dem Gespräch mit einem Freund, das wir letzte Woche führten. Ihm geht es gerade ganz schön schlecht, die gute alte Winterdepression meint er, morgens nicht aus dem Bett kommen, keinerlei Antrieb geschweige denn Motivation, zur Arbeit zu gehen. Sein Hausarzt habe ihm geraten, sich einen Therapeuten zu suchen, mit jemandem über seine „Probleme“ zu sprechen. Daraufhin meinte ich zu ihm, dass ich das für keine schlechte Idee halte und dass es generell selten verkehrt ist, über das, was einen bewegt zu sprechen, sich und sein Verhalten zu reflektieren. Weil es mir irgendwie passend erschien, erzählte ich ihm von meinem Blogprojekt, über was ich schrieb und dass er sich das doch mal anschauen könnte. Vielleicht wäre ja etwas Brauchbares dabei, im besten Fall könnte es ihm gut tun, im schlechtesten einfach nur langweilig sein. Daraufhin entgegnete er, dass ihn das Thema zwar brennend interessieren würde, er aber lieber nichts von psychischen Problemen hören wollte. Sonst denke er noch, er habe das auch.

Das macht Sinn.

Wenn ich mich unter meiner Bettdecke verstecke, dann sieht mich ja schließlich auch keiner. Ich hatte, als seine Nachricht auf meinem Display aufpoppte, ehrlich gesagt den Bruchteil einer Sekunde überlegen müssen, ob mich das schockieren oder amüsieren sollte. Ich entschied mich für Zweiteres, wohlwissend, dass er mit dieser Einstellung nicht alleine war, dass man damit auch ziemlich weit kommen konnte und nicht zuletzt, dass ich lange genau dasselbe getan hatte. Ich konnte es ihm nicht verübeln. Es war sein Weg und es stand mir nicht zu, das ihm gegenüber zu bewerten. Es regte mich allerdings mal zum Nachdenken an und dafür bin ich ihm dankbar.

Alarmstufe Grün!

Mit dem, was ich hier sage, spreche ich sicher nicht für alle und das ist auch nicht Sinn und Zweck des Ganzen. Jeder hat seine eigene Art, mit negativen Gefühlen und Empfindungen umzugehen und solange sie funktioniert, ist das eine feine Sache. Ich persönlich jedoch habe die Erfahrung machen dürfen, dass ein wirkliches Vorankommen, ein Sich-weiter-entwickeln, ein Über-Sich-Hinauswachsen bei mir erst in dem Moment einsetzte, als ich begann, mich mit meinen negativen Gefühlen aktiv auseinander zu setzen. Ihnen Raum zu geben. Sie mir als eine Art Beobachterin von einer anderen Ebene aus anzusehen. Eine gewisse Distanz zu schaffen, anstatt mich voll und ganz mit meinen Gefühlen zu identifizieren. Versuchen, sie in diesem Moment nicht zu (be)werten, sondern „einfach“ nur zu akzeptieren, dass sie eben gerade da sind. Und zu merken, dass sowohl meine Seele als auch mein Körper imstande sind, diese auszuhalten. Es machte mir am Anfang riesige Angst. Wie sollte ich etwas annehmen und zulassen, was sich so dermaßen beschissen anfühlte, dass mir übel wurde und meinen ganzen Körper in Alarmbereitschaft versetzte? Es klappte nicht von Anfang an, zu groß waren meine Aversionen und zu stark die Kontraintuition, die ich empfand. Ich brach die Versuche ab, schob die Gefühle wieder weg, sah ihnen kurz in die Augen, machte einen Schritt auf sie zu, bekam es mit der Angst zu tun, drehte mich schließlich weg und ging. Irgendwann allerdings fand eine Entwicklung statt. Langsam und leise. Aber sie war da. Irgendwann merkte ich, dass sich das zwar in dem Moment immer noch nicht gut anfühlte, aber dass das auch okay sein durfte. Und nichts Dramatisches passierte. Nichts, mit dem ich nicht hätte umgehen können.

Es war nicht gleich einfach, die unterschiedlichen Gefühle zu akzeptieren. Ich tue mich noch heute deutlich leichter damit, Traurigkeit in ihrer ganzen Wucht anzunehmen, ihr den Raum zu geben, den sie in diesem Moment verlangt und trotzdem nicht zu verzweifeln. Bei Wut sieht das Ganze schon wieder anders aus. Sie ist für mich im Gegensatz zu der relativen Passivität der Traurigkeit ein sehr lautes Gefühl, das Aktion fordert und am liebsten laut herausgebrüllt werden will. Ich persönlich habe noch nie schreiend im Wald gestanden. Steht aber auf jeden Fall noch auf meiner To-Do-Liste.

Jedes Gefühl hat eine Daseinsberechtigung, unabhängig davon, ob unser subjektives Empfinden oder unser Verstand es als gut oder schlecht denunziert. Wir können versuchen, den Gefühlen auf den Grund zu gehen, meistens haben sie den Ursprung in unseren Gedanken. Gefühle und Gedanken sind unmittelbar miteinander verbunden und stehen in ständigem Austausch.

Du bist nicht deine Gedanken.

Ein kleiner Exkurs in das breite Feld der Psychosomatik wäre an dieser Stelle bestimmt ganz spannend, würde aber definitiv den Rahmen sprengen. Wir müssen aber auch nicht immer wissen, woher ein Gefühl kommt oder warum wir es gerade empfinden. Manchmal reicht es auch einfach, zu registrieren, dass es gerade da ist. Und dann ist das so. Zumindest für den Moment. Je weniger wir hinterfragen, bewerten, versuchen, zu verdrängen, desto stärker wird dieses Gefühl meistens, weil wir ihm nicht den Raum zugestehen, den es braucht.

Nichts bleibt für immer.

Das ist das Beruhigende an der ganzen Sache. Ganz gleich, um was für ein Gefühl es sich handelt, es wird auch wieder gehen. Je weniger wir uns dagegen wehren, desto schneller meist. Genau so wie auch die positiven Gefühle nicht durchgehend in uns wohnen und ständig präsent sind. Glaubt ihr nicht? Ausprobieren! Es kann euch nichts passieren.

Und wir werden für unseren Mut belohnt. Jedes angenommene, mit Haut und Haaren durchlebte und schließlich überstandene negative Gefühl lässt uns stärker werden. War scheiße, aber ich hab’s gerockt. Die Belohnung ist unter anderem eine langfristige Steigerung unserer Resilienz, unserer Selbstwirksamkeit, unserer emotionalen Unabhängigkeit. Natürlich dürfen (und sollen!) wir uns Unterstützung und Hilfe holen, wenn wir sie brauchen. Spüren müssen und können wir die Gefühle in uns jedoch nur allein. Und sich dieser Ressource bewusst zu sein und sie für sich nutzen zu können, werden wir weder mit Verdrängung noch Ignoranz unserer Gefühle erreichen können. Es lohnt sich also.

Und nicht vergessen: Dieser Text ist keine Ode an die negativen Gefühle ins unserem Leben oder eine Hommage an deren herzliches Willkommenheißen. Es muss kein sabbeliges und euphorisches „Moin, moin“ sein. Ein einfaches „Moin“ tut es auch.

Shades of Grey muss nicht sexy sein.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Abgesehen davon, dass ich den Roman nie sexy fand. Nicht mal ansatzweise. Ich hatte mit der deutschen Version angefangen und war schockiert von diesem literarischen Desaster. „Sex and the City“ kann man ja in der Synchronisation auch nicht ertragen, dachte ich mir und versuchte es nochmal mit der Originalfassung, aber auch die machte es nicht besser. Im Gegenteil. Als ich meine immer stärker werdende Aggression über den Begriff „my inner goddess“ nicht mehr zurückhalten konnte, schmiss ich das Buch in die Ecke und rührte es nicht mehr an, bevor ich es entsorgte. Fremdschämen Deluxe. Aber darum soll es hier heute nicht gehen.

Grau ist nicht gleich grau

Wo fange ich an, wo höre ich auf? Diese Frage, die sich mir immer wieder auf’s Neue bezüglich meiner Blogeinträge stellt, könnte ich genau so gut auf meine Stimmungen beziehen. Wo fängt eine depressive Phase an, wo hört sie auf? Wann legt die Hypomanie los, wann ist sie vorbei? Obwohl genau das eines der Hauptsymptome einer depressiven Episode ist, Schwarz-Weiß-Denken, ist sie nie nur das. In einer Depression gibt es unzählig viele Grauabstufungen, alle hellen Farben sucht man dort allerdings vergeblich, so viel ist sicher. Shades of Grey. Was die grauen Schatten bei der Depression sind, sind in einer Hypomanie die kräftig leuchtenden Farben eines Regenbogens, so strahlend hell und grell, dass man seine Augen mit einer Sonnenbrille schützen muss, um nicht zu erblinden. Blind vor Schönheit.

Ich packe meinen Notfallkoffer und vergesse, mitzunehmen…

Keine Depression ist wie die andere, keine Hypomanie verläuft genau nach den gleichen Mustern. Sowohl unter verschiedenen Menschen als auch bei den eigenen Phasen. Es gibt zwar die so genannten Frühwarnzeichen, für die sie einen in der Klinik und Therapie versuchen, zu sensibilisieren und einem einen „Notfallkoffer“ an die Hand geben, damit man dem ganzen Übel noch entgegenwirken kann, bevor es sich nicht mehr aufhalten lässt. Und was ist, wenn ich trotz aller Sensibilisierung ausversehen mal wieder die falschen Klamotten eingepackt habe, mit denen ich dann gar nichts anfangen kann? Bikini im Skigebiet macht eine ähnlich schlechte Figur wie Schneeanzug auf einer Südseeinsel. Ist fast wie Blind Booking. Du hast dein Gepäck schon eingecheckt, weißt aber nicht, wohin dich die Reise bringen wird.

Und da ist sie wieder…

Ich sitze in der 25 und bin auf dem Weg nach Hause. Draußen ist es schon wieder dunkel und es pisst schon den ganzen Tag. Und den Tag davor. Und den Tag davor. Ich komme gerade aus der WG meiner besten Freundin und hatte eigentlich einen schönen Abend. Nicht nur eigentlich. Er war schön. Und trotzdem überfällt mich schlagartig eine so tiefe Traurigkeit, als ich im Bus sitze und durch das Fenster den vorbeifließenden Verkehr beobachte, dass ich mich für einen Moment komplett machtlos fühle. Die Lichter der Autos verschwimmen vor meinen Augen als mir die Tränen über’s Gesicht laufen. Früher hätte ich dagegen angekämpft. Mittlerweile lasse ich es „einfach“ zu. Von einem freudigen Begrüßen und Willkommenheißen, wie es einem in mancher Achtsamkeitsrunde empfohlen wird, bin ich zwar weit entfernt, aber man muss es ja auch nicht gleich übertreiben. Früher war es mir peinlich und unangenehm, wenn ich in öffentlichen Verkehrsmitteln in Tränen ausbrach. Oder auf öffentlichen Plätzen. In öffentlichen Toiletten. Und es gibt definitiv Menschen, die seltener als ich in der Öffentlichkeit in Tränen ausbrechen. Heute ist mir auch das nicht peinlich, ich fühle mich nicht mal beobachtet. Werde ich schlicht und ergreifend tatsächlich auch nicht, weil alle anderen Zombies sowieso auf ihr Handy glotzen. Wenn sie nicht gerade dabei sind, sich gegenseitig umzurempeln, weil es sich mit Blick nach unten so schlecht geradeaus schauen lässt.

Ich könnte in diesem Moment den Ursprung meiner Traurigkeit nicht benennen. Vielleicht am Tag danach. Vielleicht aber auch nicht. Eines der Phänomene, die jene Menschen, die bereits eine oder mehrere Depressionen in ihrem Leben durchlebt haben, von dem ganzen Rest unterscheidet. Wobei „ganz“ hier auch mit Vorsicht zu genießen ist. Ohne schlechte Stimmung machen zu wollen (hab ich eh schon), es werden immer mehr. Psychisch gesunde und stabile Menschen sind genau so mal traurig oder haben weniger gute Tage, aber für Ersteres haben sie im Gegensatz zu Depressiven meist einen mehr oder wenigen triftigen Grund und im zweiten Fall sind sie im Idealfall auch oft einfach nur eine Frau und wissen, dass es bald vorbei ist, ziehen sich die PMS-Playlist von Spotify (gibt es wirklich) und allerhand Süßes und Fetthaltiges rein.

Ich bin „einfach“ nur traurig. Und zwar bodenlos. Ohne Grund. Obwohl doch eigentlich gerade alles gut ist (ist es dann oft auch doch nicht, wenn man nochmal genau darüber nachdenkt). Auch diesen Gedanken konnte ich nach harter Arbeit an mir selbst und vielen Rückschlägen langsam loslassen: Selbst wenn gerade alles, wirklich alles, gut ist, nicht nur augenscheinlich, sondern so ganz wirklich, auch dann bin ich nicht sicher vor dem grauen Schleier, der mir manchmal im Vorübergehen übergeworfen wird und meinen Tagen urplötzlich jegliche Farbe und Lebendigkeit, Freude und Leichtigkeit entzieht. Mit der Kraft eines Turbostaubsaugers. Mit dem kleinen Haken, dass ich nicht einfach den Staubsaugerbeutel entleeren und sorgfältig die Scherben meines Ichs und was davon übrig bleibt, wieder zusammensammeln kann. Es kann sein, dass der Beutel längere Zeit verschlossen bleibt. Oder auch kürzer, wenn ich Glück habe.

Gedankenzähmen „leicht“ gemacht?

Bis dahin bleibt mir manchmal einfach nur die Wahl, mich gegen diesen Zustand, den ich bereits kenne, zu wehren, mir Vorwürfe zu machen, die Situation noch vernichtender zu bewerten, als sie es sowieso schon ist und dadurch endgültig auf die Abwärtsspirale in meinem Kopf aufzuspringen. Oder ich versuche, wie ich es gelernt habe, eine gewisse Distanz zwischen meinen Gedanken, meinen Gefühlen und mir zu schaffen, diesen ihren Raum geben und sie „achtsam“ zu akzeptieren. Darauf vertrauend, dass es wieder besser werden wird.

Ich bin sehr froh und dankbar, dass ich durch die intensive Auseinandersetzung mit meiner Krankheit, all den Fortschritten und Rückschlägen, dem vielen Lernen und Erfahren mittlerweile tatsächlich so etwas wie eine Wahl habe. Manchmal. Nicht immer. Auch das ist ein Lernprozess, der Zeit braucht. Aber die gute und für Betroffene hoffentlich Hoffnung machende Nachricht ist: Man kann es lernen.

Mittlerweile bin ich in meinem Stadtteil angekommen, ich fühle mich immer noch traurig, aber nicht mehr machtlos. Meine Wimperntusche ist verschmiert, aber die Tränen sind getrocknet. Mir ist nach Bewegung. Scheiß Regen. Mir egal. Heiße Schoki to go, ja, ohne umweltfreundlichen Bambusbecher heute, und im Regen warm eingepackt noch ne Runde an die Elbe. Selbstfürsorge. Auch das lässt sich lernen. Gute Nachricht: Ist ein bisschen leichter als das mit den Gedanken. Und macht mehr Spaß.

Herzlich Willkommen!

Als ich später die Treppen zu meiner Wohnung hochstapfe, mit meiner Traurigkeit im Schlepptau sowie in Einklang und müde, fällt mein Blick auf die Schiefertafel meiner Nachbarn, auf der „Willkommen bei Familie Schopner“ steht. Na wenn Familie Schopner jeden so herzlich willkommen heißt, können die das ja, ganz nach alter Achtsamkeitsmanier, gerne auch direkt mit meiner Depression machen und ich kann sie einmal hier lassen, denke ich mir im Vorbeigehen und muss schmunzeln.

Neues Jahr, neue Fahrt!

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Auch 2019 wird wieder kein Hoch und kein Tief ausgelassen!

Steigt ein und begleitet mich ein Stück auf meiner Berg-und Talfahrt, wenn ihr möchtet.

Hallo ihr Lieben,

ich hoffe, ihr habt Weihnachten, die Feiertage und auch die Tage zwischen den Jahren weitestgehend unversehrt überstanden und seid gut ins neue Jahr gekommen. 2019 ist da und dieses Jahr habe ich mich ganz besonders auf Neujahr gefreut, da ich nach längerer Zeit wieder in meine Wohnung eingezogen bin, die ich für ein dreiviertel Jahr untervermietet hatte. Die Woche war ganz gut was los, denn wenn man selbst weder Dachboden noch Keller hat und seine ganzen Habseligkeiten kreuz und quer auf diverse Freundschaftshaushalte verteilt hatte, ist es gar nicht mal so einfach, das alles wieder zusammen zu sammeln geschweige denn sich daran zu erinnern, wo jetzt was war! Frei nach dem Motto „Neues Jahr, neues Glück!“, wenn auch schon ordentlich abgedroschen, habe ich direkt mal mein Zimmer komplett umgestellt, alle Sachen verräumt und, wohlwissend um die eventuelle Kurzlebigkeit meiner Motivation dieser Art, direkt mal noch eine wilde Runde geputzt. Nun sitze ich, sichtlich zufrieden, bei einer dampfenden Tasse Tee hier an meinem schönen alten Holzschreibtisch, der heute nicht enden wollende Regen prasselt wie im schönsten Kitschstreifen an meine Fensterscheiben und anstatt wie bisher meine Tapete sehe ich nun in der Ferne die blinkenden Krähne am Hafen, wenn ich den Blick über den Computerbildschirm hebe. Und ich weiß, ich bin zu Hause.

Wie schon auf meiner Startseite angedeutet, entsteht dieser Blog vorerst im Rahmen eines Moduls des Studiums, das ich im Oktober aufgenommen habe. Allerdings war es schon länger mein Plan, einen Blog über dieses Thema zu starten, wie es dann aber so oft ist, zumindest bei mir, stand ich mir selbst mal wieder im Weg und habe mich durch meine nicht selten viel zu hohen Ansprüche an mich selbst davon abhalten lassen, überhaupt irgendetwas zu tun. Weil ich „einfach“ nicht wusste, wie ich anfangen sollte. Weil ich dachte, es müsste direkt perfekt werden. Eine gute und übersichtliche Struktur. Tolle Bilder. Schlaue Weisheiten. Zum Glück hat mir besagtes Modul nun den kleinen Tritt verpasst, den ich noch brauchte und ich habe „einfach“ mal angefangen. Ohne zu wissen, wie das eigentlich genau geht. Hä, man brauch ein offizielles Impressum, wenn man einen Blog öffentlich macht? Wo zum Teufel kann ich diese Schriftgröße anpassen? Warum ändern sich alle Bilder, obwohl ich nur das eine hier ändern wollte? Und wie war das nochmal mit der eigenen Domain? Werde ich jemals wieder einen Job bekommen, wenn ich für alle Welt zugänglich die Geschichte meiner psychischen Erkrankung erzähle? Will ich wirklich so offen sein und über meine tiefsten Täler und atemberaubendsten Höhenflüge berichten, auf die Gefahr hin, dass jeder es lesen, jeder seine Meinung dazu sagen kann?

Ja, ich will!

Meiner Meinung nach herrscht in unserer Gesellschaft trotz aller Fortschritte und Entwicklungen immer noch ein sehr großer Nachholbedarf bezüglich des allgemeinen Verständnisses für sowie der Akzeptanz und der Entstigmatisierung von psychischen Erkrankungen. Überforderung entsteht überall dort, wo Menschen nicht wissen, wie sie helfen können, wie sie sich verhalten sollen. Angst wird geschürt durch unzureichende oder, schlimmer noch, falsche Information. Wenn selbst die nächsten Angehörigen eines psychisch kranken Menschen an ihre Grenzen stoßen, sich ohnmächtig fühlen, weil ihre Hilfe nicht angenommen werden möchte oder kann, hilflos sind…wie soll dann beispielsweise ein/e Arbeitgeber/-in, der/die durch eine/n psychisch erkrankte/n Mitarbeiter/-in zum ersten Mal mit dieser ihr oder ihm bisher unbekannten Thematik konfrontiert wird, adequat reagieren?

Wie ihr sicher schon merkt, man könnte hier nun seine Fühler in jede nur erdenklich mögliche Richtung ausstrecken und so viele verschiedene Themen auf einen Tisch packen, dessen Beine sich ächzend unter der Informationslast biegen würden. Aber das möchte ich, wenn möglich, vermeiden und versuchen, diese Inhalte, Themen, Infos Stück für Stück zu bearbeiten. Glaubt mir, ich habe mir zahllose schlaflose Nächte den Kopf über dieses Unternehmen zerbrochen, wie will ich das aufziehen, wie soll ich es ordnen, wie macht es Sinn, wie würde ich es als Leser/-in gerne haben? Und ich muss euch leider – oder vielleicht auch zum Glück (?) – mitteilen, dass ich darauf bis jetzt noch keine Antwort gefunden und beschlossen habe, dass sich das mit der Zeit sicher ergeben wird, dass ich „einfach“ mal anfangen muss.

Und wie geht es jetzt weiter?

Ich nehme euch mit auf meinen ganz persönlichen Weg zur Diagnose meiner Bipolar II-Erkrankung, der über zehn Jahre gedauert hat, ich möchte meine Erfahrungen, die ich vor und auch nach der Diagnose gemacht habe, die ich immer noch jeden Tag mache, mit euch teilen. Ich möchte euch erzählen von der Art, wie ich mein Leben heute trotz, oder viel mehr und besser gesagt, mit der Erkankung lebe, euch aufzeigen, was helfen kann, was mir persönlich geholfen hat oder hilft, was man vermeiden sollte oder könnte. Ich möchte euch sowohl an meinem tiefsten Schwarz als auch an meinem grellsten Strahlen teilhaben lassen. Ich werde vor allem auch versuchen, meine Phasen und die Symptome, die ich durchlebt habe und das nach wie vor tue, so genau wie möglich zu beschreiben, um nochmal mehr deutlich zu machen, dass sich eine Bipolar II-Erkrankung, in der sich hypomane und depressive Phasen abwechseln, ganz klar von einer unipolaren Depression abzugrenzen ist und einer völlig anderen Behandlung bedarf. Ein Grund für die häufigen Fehldiagnosen, falsche Therapieansätze oder Medikation und die zehn Jahre, die bis zur richtigen Diagnose einer Bipolar II-Erkrankung im Schnitt vergehen, ist der Fakt, dass deren hypomane Phasen, die nicht so stark ausgeprägt sind wie die manischen Phasen einer Bipolar I-Erkrankung, sowohl von Betroffenen als auch von Angehörigen oft als gesund eingestuft und empfunden werden.

Auch ich wusste über 10 Jahre nicht, was das eigentlich „in“ mir ist

Müsste ich einen ungefähren Zeitpunkt in meinem Leben bestimmen, zu dem ich rückblickend das erste mal eine depressive Phase hatte, würde ich ihn ungefähr auf 13, 14 Jahre legen. Richtig los ging es dann aber erst mit 18, als ich nach dem Abitur für ein Jahr ins Ausland ging. Nun bin ich 28. Meine Diagnose habe ich Ende 2017 erhalten. Nachdem ich bereits mehrere Therapien gemacht und auch verschiedene Ärzte aufgesucht hatte. Das war mein Weg – und auch wenn er lang und stellenweise sehr sehr steinig war, gehört er zu mir und ich bin froh, ihn gegangen zu sein und letztendlich auch eine Diagnose erhalten zu haben, die mir weitere Wege und Möglichkeiten eröffnet hat. Allerdings heißt das nicht, dass der Weg zur korrekten Diagnose so weit sein muss. Dazu möchte ich hier gerne beitragen.

Je schneller die richtige Diagnose gestellt und die entsprechende Therapie eingeleitet wird, desto besser die Prognose für die Erkrankung

Und wenn nur eine Leserin oder ein Leser durch meine Erzählungen und Schilderungen für die eigenen Empfindungen und Stimmungsextreme sensibilisiert wird und somit die Weichen für eine schnellere korrekte Diagnose und eine adequate und effektive Behandlung gestellt werden können, dann wäre zumindest bereits eine Abkürzung auf dem Weg zur Diagnose geschafft!

Bis dahin…

Wo wir auch schon wieder bei den hohen Ansprüchen wären und ich hier gerne den Bogen zum Anfang schlagen und zu einem Schluss für diesen ersten Artikel im neuen Jahr kommen möchte. Ob du nun Betroffene/r, Angehörige/r, Interessierte/r oder einfach nur Leser/in bist:

Hiermit fordere ich Dich, ja, Dich, noch einmal ganz herzlich und offiziell zum Tanz auf. Dem Tanz zwischen den Polen.

Ich wünsche euch einen guten Start in die zweite Woche des Jahres!

Eure Lisa.

Ist Heimat wirklich dort, wo dein Herz ist?

Wer kennt ihn nicht, diesen Spruch: „Home is where your heart is“ – Heimat ist dort, wo dein Herz ist.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Ob als hübscher Druck auf der Fußmatte, unser Lieblingskaffeetasse, in jedem Souvenirladen aufzutreibender Postkarte oder diversen Bildern zum Einrahmen – die Auswahl ist groß.

Bevor wir jedoch wie die Lemminge unsere zumindest lokale Heimat, nämlich unsere Schlaf- und Wohnzimmer mit diesem schlauen Spruch tapezieren, sollten wir ihn doch eigentlich erst einmal richtig verstanden haben, oder nicht?

Beim Lesen dieses Spruchs drängt sich mir zu aller erst die Frage auf, wo denn eigentlich überhaupt unser Herz sein soll, damit dieser Ort sich „Heimat“ schimpfen darf. Was uns wiederum zur nächsten Frage führt: Muss es zwangsläufig ein Ort sein, an den unser Heimatgefühl gebunden ist? Dieser so leicht daher gesagte und direkt für bare Münze genommene Spruch lässt mehr Raum für Interpretationen, als man auf den ersten Blick meinen könnte.

Nehmen wir uns also des ersten Szenarios an, Heimat sei verbunden mit einem Ort. Einer bestimmten Stadt vielleicht. Einem Land. Oder einem Kontinent.

Wir wollten schon unser Leben lang an diesem bestimmten Ort wohnen und dürfen ihn nun unsere Wahlheimat nennen. Es fühlt sich richtig an, dort zu sein. Wir fühlen uns heimisch. Verbunden. Unser Herz hängt an diesem Ort.

Erstmal schön und gut.

Was würde allerdings passieren, wenn es diesen Ort, unsere Heimat, plötzlich nicht mehr gäbe? Gründe, warum es dazu kommen könnte, findet man genug, wenn man sich in unserer Welt einmal umschaut. Auch wenn wir uns größtenteils noch in der Illusion von Sicherheit wiegen, all das wäre weit weg und passiere nur anderswo.

Das jedoch steht auf einem anderen Blatt geschrieben.

Würde aber genau dieser Fall eintreten und der Ort, den wir Heimat nennen, wäre von einem auf den anderen Tag verschwunden – wären wir dann zu lebenslanger Heimatlosigkeit verdammt? Dürften oder könnten wir uns einfach, so mir nichts, dir nichts, eine neue Heimat zulegen? So wie sich Hundeliebhaber einen neuen Welpen holen, um über den Verlust ihres verstorbenen Haustiers hinwegzukommen? So wie wir uns den nächsten Partner suchen, weil es mit dem letzten dann irgendwie doch nicht so gut gepasst hat, wie wir eigentlich dachten, er oder sie nicht so funktioniert hat, wie wir ihn oder sie, unfähig, unser Ego zu überwinden, lieber gehabt hätten? Mitarbeiter, die gekündigt werden, frei nach dem Motto, jeder sei ersetzbar? Gehört auch Heimat zu einem der jederzeit beliebig austauschbaren Güter unserer Gesellschaft?

Nicht selten jedoch machen wir die Erfahrung, dass der noch so langweilige und weder architektonisch noch landschaftlich reich beschenkte Ort einem perfekt erscheinen mag. Was in den meisten Fällen keineswegs dem eigenen mangelnden Sinn für Ästhetik, sondern vielmehr den Menschen, die einen an eben jenem Ort umgeben, zuzuschreiben ist. Denn genau die machen diesen Ort zu etwas Besonderem, setzten uns wie frisch Verliebten eine rosarote Brille auf, durch die die Welt einfach schöner wird, ganz egal, wo wir uns gerade befinden. Vieles steht und fällt mit den Menschen, die uns am nächsten sind und damit auch, wie wohl wir uns fühlen, wie wir angenommen, akzeptiert und wertgeschätzt werden.

Spinnen wir unseren unheimlichen Worst-Case-Faden weiter, stoßen wir auch hier relativ bald auf die Vergänglichkeit zwischenmenschlicher Beziehungen, seien sie freundschaftlicher, intimer oder familiärer Natur. Freund- oder Partnerschaften können in die Brüche gehen, Familien sich auf immer und ewig zerrütten. Menschen ziehen um, können krank werden oder sterben. Sollten wir einmal an einen Punkt in unserem Leben gelangen, an dem wir wirklich alleine sind, nur auf uns gestellt, einsam – verlieren wir dann jeglichen Halt, weil unser Gefühl von Heimat einzig und allein an die Menschen um uns gebunden war?

Auch das ist alles andere als eine beruhigende Vorstellung.

Wie können wir uns selbst ein verlässliches und konstantes Heimatgefühl erschaffen, ohne von äußeren Umständen oder Instanzen abhängig zu sein? Ist das überhaupt möglich?

Stellen wir uns einmal vor, unser Leben gleiche einer Reise mit einem Schiff auf offener See.

Wir steuern verschiedene Häfen an, es verlassen Menschen das Schiff, während andere, neue Menschen an Board kommen. An manchen Häfen gehen wir an Land, verbringen eine gewisse Zeit dort, manchmal kürzer, manchmal länger, bevor wir wieder in See stechen.

Manche Umstände oder Komponenten können wir frei wählen und selbst beeinflussen, wie beispielsweise die Ausrüstung, die wir im Gepäck haben.

Welche Menschen wir an Board lassen – blinde Passagiere, die wir zwar nicht willkommen heißen wollen, mit denen wir aber trotzdem umgehen müssen, ausgenommen.

Welche Häfen wir gerne ansteuern wollen.

Wieder anderes liegt außerhalb unserer Macht. Wir können nicht immer verhindern, dass Menschen, die wir lieben, das Schiff verlassen oder wir aus unterschiedlichen Gründen nicht so lange an einem Ort bleiben können, wir wir es uns vorgestellt haben, ihn vielleicht auch gar nicht erst erreichen können.

Auch Wind und Wetter obliegen nicht unserer Kontrolle. Die See kann rau und stürmisch sein und unser Schiff ordentlich zum Wackeln, im schlimmsten Fall gar zum Kentern bringen. Oder uns aber ruhige und sichere Fahrt gewähren, einen klaren Blick bis zum Horizont und die schönsten Sonnenauf- wie Untergänge bescheren.

Es gibt verschiedene Dinge, die uns auf unserer Reise begleiten und unterstützen können.

Unser ganz persönliches Logbuch etwa. Die Fülle aller Erfahrungen und Erlebnisse, die wir im Laufe unserer Reise machen.

Ein gemäß unseres individuellen Wertesystems geeichter Kompass, der uns die Richtung weisen kann. Sind wir uns im Klaren darüber, wie wir die verschiedenen Himmelsrichtungen für uns definieren, so zeigt uns die Kompassnadel, wie wir leben wollen. Wo die Reise hingehen soll.

Immer wieder vernehmen wir außerdem Lichtsignale entlang der Küste, die uns Orientierung geben. Selbst bei größtem Sturm und Unwetter. Menschen, die in unser Leben treten und uns ein Stück des Weges begleiten. Uns Halt und Hoffnung geben können, wenn wir sie selbst verloren haben.

Letzten Endes können wir uns jedoch der Wahrheit nicht verschließen und sollten der Tatsache ins Auge blicken: Als Kapitän unseres Schiffes auf der Reise, die wir Leben nennen, besitzen allein wir selbst die Freiheit, die Macht und auch die Pflicht, zu entscheiden, wo, wie und wann wir vor Anker gehen.

Selbst im größten Sturm und auf offener See, ohne jeglichen Leuchtturm in Sicht, weder Kompass noch Logbuch zur Hand, haben wir doch immer die Möglichkeit, den Anker zu werfen, der im Bauch unseres Schiffes versteckt ist.

Und diesen Anker tragen wir immer in uns selbst. Selbst wenn wir meinen, ihn verloren zu haben. Er ist immer da. Ganz egal, wo und mit wem wir uns gerade befinden.

Sollte unser hübscher Allerweltsspruch dann nicht eigentlich lauten:

„Heimat ist immer in dir selbst. Ganz egal, mit wem oder wo du gerade bist.“

Oder, um unserer anglisierten Welt und eventuellen Werbezwecken gerecht zu werden: „Home is always where you are. No matter with whom or where you are.“

Tragen wir das Gefühl von Heimat in uns selbst, so widrig die äußeren Umstände auch sein mögen, sind wir mit uns im Reinen, fühlen uns wohl in unserem Körper und Geist, irgendwie zugehörig und gewollt von, verbunden mit der Welt, in der wir leben, haben wir ein Urvertrauen, dass alles gut werden wird, jederzeit und überall – dann kann uns das niemand nehmen.

Ob uns eine solche Neudefinition dieses altbekannten Credos nun ängstigen oder beruhigen mag, uns zum Umdenken anregt oder uns die Augen vor dem Unangenehmen verschließen lässt – das bleibt jedem selbst überlassen.

Wie viele oder wenige Wohnzimmerwände dieser transformierte Satz wohl noch schmücken dürfte, führt er uns letzten Endes doch so erbarmungslos vor Augen, dass, was auch immer passieren mag, zum Schluss einzig und allein immer nur wir selbst die Verantwortung für unser Heimatempfinden tragen. Ganz gleich, wo und mit wem auch immer.