plus one.

Und so schnell ist der ganze Spuk auch schon wieder vorbei. Weihnachten und Silvester liegen hinter uns, ein frisch geschlüpftes Jahr vor uns. Irgendwie ist der ganze Kram dieses Mal äußerst unspektakulär an mir vorbeigezogen, was ich als sehr angenehm empfunden habe. In Weihnachtsstimmung war ich zum ersten und letzten Mal schon Anfang Oktober aufgrund einer zeitlich etwas fehl platzierten Frank Sinatra-Playlist im Café und auf unerklärliche Art und Weise habe ich erschreckenderweise sogar verpasst, mich durch diverse Weihnachtsmarktbuden und Plätzchenberge zu futtern.

Auch Silvester huschte klamm und heimlich vorbei. Abgesehen davon, dass ich Silvester für mehr als überbewertet halte, habe ich es bisher doch eher selten geschafft, mich von den Erwartungen zu lösen, die dann doch irgendwie an diesen letzten Abend des alten Jahres gestellt werden. Sowohl von mir selbst als auch von den Menschen um mich herum. Im Idealfall sollte es dann vielleicht doch schon ein besonderer Abend werden. Oder zumindest ein besonders schöner. Dieses (letztes) Jahr war all das seltsam unaufgeregt. Ich war von den Tagen davor ganz schön gestresst, müde und hatte eigentlich auch so gar keine Lust auf überhaupt irgendeine Action. Musste außerdem mittags ein Gespräch führen, vor dem es mir schon ein Weilchen graute und das mich bereits vorher, aber auch währenddessen und danach einiges an Energie und Überwindung kostete. Und mich, obwohl es letzten Endes gut lief, auch ein bisschen traurig machte. Am liebsten hätte ich mich eigentlich einfach ins Bett gehauen und ganz entspannt ins neue Jahr geschnarcht, war dann aber schon vollgepackt auf halbem Weg zu den Freunden, bei denen ich zu Silvester eingeladen war.

Noch vor ein paar Jahren hätte ich mich angesichts der Tatsache, dass ich genau an diesem einen Abend nun nicht in Bombenstimmung war, über alle Maßen gestresst und mit den Gedanken, die dabei aufgekommen wären, definitiv auch nicht in bombigere Stimmung gebracht. Ganz im Gegenteil. Hätte vielleicht krampfhaft versucht, gute Miene zum bösen Spiel zu machen und stets bemüht trotzdem den Alleinunterhalter gespielt. Mit dem Ergebnis, dass danach erfreulicherweise vielleicht tatsächlich alle anderen gut unterhalten gewesen wären, ich selbst aber bestenfalls angestrengt.

Dieses Jahr habe ich es einfach mal so sein lassen wie es war. Nicht versucht, etwas zu ändern oder zu optimieren. Es nicht mal ändern wollen, weil ich wusste, dass meine Stimmung eine gesunde Reaktion auf das war, was ich hinter mir hatte. Dass es vielleicht schon morgen oder spätestens in ein paar Tagen erledigt sein würde. Heute aber noch nicht. Und heute war halt nun mal Silvester. Aber ich war hier, umringt von besten Freunden und lieben Bekannten. Inmitten von Bergen gigantischen Essens. Ich war hier, beobachtete ein bisschen mehr als sonst, redete ein bisschen weniger als sonst. Lachte viel, aber nicht ganz so laut. Ich war hier, fühlte mich wohl und geborgen im Kreise meiner Freunde. In der Gewissheit, dass keiner von mir irgendetwas erwartete. Überrascht darüber, dass auch ich nicht mehr von mir erwartete. Dankbar für die wundervollen Menschen und all die Liebe und tiefe Verbundenheit in meinem Leben. In guten wie in schlechten Zeiten.

Ich war hier und mit mir die leichte Schwere, die ich heute im Gepäck hatte. Mein ungebetenes Plus One. Sie durfte auf dem Stuhl neben mir sitzen und ab und zu ein bisschen vor sich hin raunzen. Von dem leckeren Essen bekam sie allerdings nichts ab.

War eh schon schwer genug.

Pimp my brain

Ein attraktives Angebot…

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

…so ein frisches Hirn für nur 39 Euro.

Wobei wir mit einem durchschnittlichen Gewicht unseres Gehirns von ungefähr 1400 Gramm mit nur 100 Gramm vermutlich nicht ganz so weit kommen würden. Da müssten wir dann doch etwas tiefer in die Tasche greifen. Und da stehen wir nun. Der Traum von der Schnäppchengrundsanierung unseres werten Organs – zerplatzt!

Wie so oft wollen wir natürlich direkt alles auf einmal haben. Dabei würden 100g doch vielleicht auch erst mal reichen…

Es würde so oft vollkommen genügen, erst einmal einzelne Dinge zu ändern. Kleine Schritte zu machen. Schauen, was passiert. Ob sich da was tut. Ob es noch mehr braucht oder ob das vielleicht schon ausreicht. Aber dafür braucht es Geduld. Geduld, die wir nicht haben aufgrund eines Mangels an Zeit, die wir uns nicht nehmen. Deswegen muss es schnell gehen. Am besten immer.

Abgesehen davon, dass ich mir als arme Studentin nicht mal ein halbes frisches Hirn hätte leisten können, wollte ich es tatsächlich erst einmal mit der günstigsten Variante von 100g probieren. Ich erinnere mich grade an den Artikel „Mit Vollgas über die Insel“ zurück, in dem ich beschreibe, wie wichtig es meiner Meinung nach ist, entgegen aller Vernunft rechtzeitig abzubremsen, um nicht im hohen Bogen aus der nächsten Kurve zu fliegen. Was ganz sicher auch auf psychisch gesunde Menschen zutrifft, vor allem aber eben auf jene, deren Leben aufgrund einer bipolaren Störung ein Auf und Ab der Superlative sein kann.

Zuhause

Dieses Mal war ich gefühlt noch nicht mal besonders schnell unterwegs gewesen. Nachdem ich mit dem April und Mai auch dieses Jahr nochmal den zauberhaften Frühling und die gigantische Rapsblüte auf meiner Lieblingsinsel mitgenommen hatte, fing ich ab Juni an, mich nach und nach wieder in Hamburg einzurichten. Und es war so schön, wieder hier zu sein. Dieses Gefühl und die Gewissheit, die aus deinem tiefsten Inneren kommt und dir sagt, hier gehörst du hin, hier ist dein Zuhause. Was auch geschieht, hier wird dir nichts passieren, hier bist du sicher. An dieser Stelle kommt mir auch der schon etwas ältere Artikel „Ist Heimat wirklich dort, wo dein Herz ist?“ in den Sinn… Diese Diskussion ähnelt etwas der vom Ei und der Henne – was war denn nun zuerst da? Fühlen wir uns irgendwo zuhause und erlauben irgendwann auch unserem Herz, dort anzukommen oder macht unser Herz den ersten Schritt und erst daraus entwickelt sich unser Heimatempfinden? Ich glaube nach wie vor, dass dieses Gefühl von Heimat und einem Angekommen sein, einem sicheren Hafen (ein Vergleich, der bei Hamburg natürlich noch mal ein bisschen schöner ist als bei Städten ohne Hafen) von ganz vielen verschiedenen Aspekten abhängt. Das können Menschen sein, ein Job, eine Wohnung, gewisse Umstände…ich habe für mich festgestellt, dass es vor allem die Menschen sind, aber tatsächlich auch der Ort Hamburg an sich, wo ich immer leben wollte, für den ich mich aus freistem Willen damals entschieden habe, der mir dieses unbezahlbare und treue Gefühl von Heimat schenkt.

Punktlandung.

Aber darum soll es hier heute nicht gehen. Ich war also pünktlich zum Sommerbeginn wieder in Hamburg, habe meinen neuen Job und einen Nebenjob angefangen, weiterhin nebenher als Hundesitterin gearbeitet, und war plötzlich auch schon im zweiten Semester. Das ging ganz schön schnell. Das letzte Semester war ja gerade erst vorbei, ich war zwar drei Wochen im Urlaub gewesen, aber da konnte man das nächste ja schon erst mal etwas ruhiger angehen lassen, dachte ich mir. Was auch echt ziemlich lange gut ging. Bis ich dann Ende des Sommers feststellen musste, dass ich nun zwar ein halbes Jahr Zeit für diverse Kurzgeschichten, Prüfungsleistungen und Hausarbeiten gehabt hatte, nun aber als Ergebnis meiner überaus erfolgreichen Prokrastination alles innerhalb kürzester Zeit und auf einmal fertig machen musste. Tja, was soll ich sagen. Geil war’s nicht. Aber es hat dann doch erschreckend gut geklappt. Nochmal Glück gehabt. Nächstes Mal wird natürlich alles besser!

Also bin ich zum Herbstanfang dieses Jahr ohne Pause zwischen den beiden Semestern, selbst schuld, direkt ins nächste geschlittert. Habe zu dem Zeitpunkt gerade etwas mehr gearbeitet und relativ bald gemerkt, dass die Pause, wie ich sie auch Anfang des Jahres zwischen dem ersten und dem zweiten gehabt hatte, dringend gebraucht hätte. Dass es dafür jetzt allerdings ein bisschen spät war. Nur war ich leider so kaputt, dass ich nicht drum herum kam, mir zwei Wochen „freizunehmen“, weil ich neben meinen Jobs schlicht und ergreifend nicht noch die Energie aufbringen konnte, die ich für’s Studium brauchte. Hat ja im zweiten Semester auch funktioniert, dachte ich mir. Mir fiel allerdings relativ schnell auf, dass es dieses Semester offensichtlich anders war und ich schon ganz schön viel verpasst hatte. Je größer der Druck wurde, desto weniger Zugang fand ich zu meiner Kreativität. Dann geb ich einfach ab nächster Woche Vollgas, nahm ich mir vor. Im gleichen Moment fiel mir auf, dass genau das der Grund dafür war, warum ich nun so kaputt war. Es gab nun also zwei Möglichkeiten: Wieder Vollgas geben, alles bereits Verpasste unter ganz viel Zeitdruck und Stress aufzuholen versuchen. Hochkant aus der nächsten Kurve fliegen. Totalschaden. Oder einfach die Ausfahrt zur nächsten Raststätte nehmen, erstmal tanken und Pause machen. Snickers kaufen. Snickers essen.

Um mich herum wurde es lauter und lauter, während in meinem Hirn kreative Stille herrschte. Ich brauchte es genau andersherum! Ich brauchte Ruhe. Es sollte endlich ruhig sein da draußen!

Let’s call it „Empirical Escape“

Dieses mal waren es nicht einmal bestimmte Symptome oder die so genannten offiziellen „Frühwarnzeichen“, die mich den Blinker setzen ließen. Dafür schlief ich noch zu gut, klopfte mein Herz noch zu ruhig, aß ich noch genug. War doch alles gut! Noch. Und genau das war der springende Punkt: Noch. Ich brauchte mittlerweile nicht einmal unbedingt immer unübersehbare Frühwarnzeichen, um brav in meinem sorgfältig über die letzten Jahre bestückten Notfallkoffer zu wühlen. Allein aus meinen Erfahrungen, Beobachtungen und Erkenntnissen der letzten Jahre seit der Diagnose wusste ich, was auf mich zukommen würde, wenn ich so weitermachte. Wenn ich mir nicht in einem der vielen Bereiche irgendwie Luft verschaffte, den Druck raus nahm, Zeit schenkte. Wenn auch nur 100 Gramm. Und ganz ehrlich: Das waren mir die 39 Euro dann definitiv wert!

Eine lohnende Investition

100 Gramm frisches Hirn in Form eines Urlaubssemesters. Und mit ihm kamen sie auch schon, die ungebetenen Gäste und klopften an „Wozu brauchst du denn jetzt im dritten Semester schon eine Pause?? Du hast doch erst zwei gemacht!“, „Kann ja noch nicht so anstrengend gewesen sein!“, „Die anderen schaffen das doch auch, sogar mit Vollzeitjob und Kindern!“, „Dann brauchst du ja noch länger, bis du fertig bist!“, „Hättest du dich halt einfach mal besser organisiert…“, „Schon mal drüber nachgedacht, ob du einfach nur faul bist?“, „Alles eine Frage der Disziplin, wenn du mich fragst!“, „Jetzt reiß dich mal zusammen!“, „Kannst ja jetzt auch nicht alles auf deine Krankheit schieben!“… Sie brabbelten alle durcheinander und doch konnte ich sie hinter geschlossener Tür klar und deutlich hören. Den Schlüssel zur Tür hatte jedoch ich. Ich hatte sie schließlich auch abgeschlossen. Und ich war es auch, die entschied, dass sie das erstmal bleibt. Um genau zu sagen, für ein Semester. Die Stimmen wurden weniger, leiser, sie entfernten sich.

Und plötzlich war es ganz ruhig.

Ein dunkelbunter Strauß voll Leben

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Das gute Fee

Ich liege gerade gemütlich eingekuschelt und entspannt in meinem Bett, lausche entspannter Musik bei entspanntem Kerzenschein, während mir nebenher mindestens genau so entspannt kleine leckere Toffifees um die Ohren fliegen. Wer bitte denkt sich so eine Verpackung aus??! Reine Schikane, wenn ihr mich fragt. Mir fällt auf, dass ich mich nicht erinnern kann, jemals in meinem Leben eine Tafel Schokolade oder Ähnliches geöffnet zu haben, ohne sie direkt bis auf den letzten Krümel aufzuessen. Ich frage mich, woher diese kleinen Rillen in der Schokolade, die das Teilen oder gar das Auf-Teilen (ein Worst-Case-Szenario jagt das nächste) eben jener wohl einfacher machen sollen, überhaupt ihre Daseinsberechtigung haben. Frevel!

So. Alle Toffifees (oder müsste es im Plural vielleicht Toffifeen heißen? Toffi, die kleine Karamell-Fee?) wieder eingesammelt. Und „versorgt“. Dann kann ich mich jetzt ja wieder entspannen. Und schreiben.

Schwarz auf Weiß

Ich schreibe Tagebuch seit ich schreiben kann. Denke ich. Es war immer schon schön gewesen, sich im Nachhinein durch die vergangenen Wochen, Monate und sogar Jahre zu blättern, diese untereinander zu vergleichen, Revue passieren zu lassen, sich wieder zu erinnern. All das für immer verewigt zu haben. Allerdings hätte ich niemals geahnt, wie wichtig diese Aufzeichnungen meiner Vergangenheit einmal für mich sein könnten. Wie wertvoll sie waren. Und zwar nicht nur für mich persönlich.

Relativ zu Beginn meiner Zeit in der Klinik vor genau zwei Jahren, drückte mir meine Therapeutin einen Stapel Blätter in die Hand und bat mich, bis zur nächsten Sitzung doch mal ein paar Life Charts der letzten fünf oder am besten zehn Jahre anzufertigen, mit allen Höhen und Tiefen. Auf den Monat und am besten auf die Woche genau. Aha. Sorgen bereitete mir dabei nicht etwa die Frage, wie um alles in der Welt ich mich auch nur annähernd an die Einzelheiten der letzten zwei Jahre oder auch nur des letzten Jahres erinnern sollte. Was ich nicht mehr würde erinnern können, das hatte ich irgendwo Schwarz auf Weiß. So viel war sicher. Viel eher beunruhigte mich die Vorstellung, wie viel Zeit es kosten würde, all meine Aufschriebe der letzten Jahre zu durchforsten. Ich war zu Recht beunruhigt.

Ungeahnte Gemeinsamkeiten

Eine Woche später saß ich meiner Therapeutin wieder gegenüber. Mit der Achterbahnfahrt meiner jüngeren Vergangenheit in Papierformat auf meinem Schoß. Es waren keine geschätzten oder ungefähren Angaben. Kein Vielleicht, kein Wahrscheinlich, kein eher nicht. Genau so, wie ich die Kurven etwas wackelig mit dem schwarzen Filzstift auf das Papier gezeichnet hatte, war es gewesen. In der Mitte war eine Nulllinie. Ich fragte mich damals, was sich die Ersteller dieser Achsen dabei gedacht hatten, weil es eigentlich erst weit abseits von ihr, oben oder unten halt, so richtig abging. Ich listete akribisch auf, wann ich welche Medikamente genommen, vertragen, nicht vertragen, ausgeschlichen oder einfach abgesetzt hatte. Welche Jobs ich in der jeweiligen Zeit gemacht hatte. Ob ich damit glücklich gewesen war. Wie viel ich gefeiert, wie wenig geschlafen, wie viel Alkohol ich getrunken hatte. Wie meine Lebensgewohnheiten allgemein gewesen waren. Und so weiter. Und letzten Endes verbanden sich all diese einzelnen Punkte zu einem Schaubild der Extreme, weitab von jeglicher Kontinuität geschweige denn Neutralität. Die letzten Jahre hätten wohl unterschiedlicher nicht sein können, so viele Ereignisse, Entwicklungen, Veränderungen, in sämtlichen Lebensbereichen. Und doch glichen die Kurven ihrer Schaubilder wie ein Ei dem anderen.

Ich glaubte zuerst, einen Fehler gemacht und mich vertan zu haben, aber ich hatte sie Schwarz auf Weiß vor mir: Meine hypomanen und depressiven Phasen der letzten Jahre. Nach denen ich rückblickend fast die Uhr hätte stellen können, so zuversichtlich waren sie gekommen und gegangen. Die Hypomanie, vom ersten Vogelgezwitscher sachte und sanft aus dem Winterschlaf geweckt, kletterte mit jedem Grad mehr auf dem Thermometer ebenfalls eine Sprosse höher auf der Leiter der Lebenslust, um ein paar Monate später, ganz oben angekommen, plötzlich und völlig unerwartet das Gleichgewicht zu verlieren und in die Dunkelheit der Depression zu stürzen. Und es war nicht der Boden, der den Fall auffing. Denn der war einfach weg.

Gigantisch grau und schrecklich schön

Ich umarmte das Leben nicht, ich fiel darüber her. Bis es vor mir davon lief. Ich rauchte nicht, ich brannte. Bis nur noch ein Aschehäufchen übrig war. Meine Gedanken flossen nicht, sie rasten. Bis sie nur noch kreisten. Ich lief nicht, ich rannte. Bis ich nicht mehr konnte. Ich brachte keinen frischen Wind mit rein, ich fegte wie ein Sturm über alles hinweg. Von dem nichts übrig blieb. Ich lächelte nicht, ich lachte aus vollem Halse. Bis mir die Luft wegblieb. Ich glühte nicht vor, ich fackelte mich ab. Bis ich Verbrennungen 3. Grades hatte. Ich sang nicht, ich grölte. Bis es mir die Sprache verschlug. Ich blubberte nicht, ich schäumte über. Bis keine Kohlensäure mehr da war. Ich funktionierte nicht nur, ich war stets 100% geladen. Bis auf einmal alle Akkus leer waren.

Die Welt lag mir nicht zu Füßen, sie rollte mir den roten Teppich aus. Bis ich merkte, dass ich nicht die passende Garderobe dafür trug. Ich war nicht begeistert, ich war die Begeisterung. Bis nur noch Entgeisterung blieb. Ich sprang nicht über meinen Schatten, ich flog mit dem Licht. Bis ich erblindete. Ich fühlte nicht, sämtliche Gefühle nahmen Besitz von meinem Geist. Bis er gefangen war. Ich tanzte nicht, ich schwebte. Bis mein Körper erstarrte. Ich war nicht verliebt, ich war so voller grenzenloser Liebe, dass ich nicht wusste, wohin damit. Bis da nur noch Leere war. Ich schlief nicht, ich träumte die kühnsten Träume. Bis selbst diese jeglichen Reiz verloren. Mein Blut pumpte nicht, es schoss durch meine Adern. Bis es auf einmal gefror. Ich war nicht wach, ich war unter Strom. Bis irgendwann alle Sicherungen durchknallten. Ich war nicht einfach nur aktiv, ich war getrieben. Bis die Jagd schließlich ein Ende fand.

Ich baute keine Luftschlösser, ich meißelte Burgen in Stein. Unter dessen Last ich zusammenbrach. Ich freute mich nicht, ich schwamm in einem Meer voll Serotonin, Dopamin und Endorphinen. An dessen Küste mich ein Strand voll Treibsand erwartete.

Ich sah die Welt nicht mit anderen Augen, ich erfand sie neu.

Bis sie mir so unfassbar fremd wurde.

Mein Herz klopfte nicht, es raste.

Bis es auf einmal stolperte, hinfiel und einfach liegen blieb.

Nö.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Dass öfter mal Nein sagen gesund ist und wir dass ja unbedingt vieeel öfter tun sollten, ist mittlerweile kein Geheimnis mehr. Wenn wir es allen Recht machen wollen, blieben wir selbst auf der Strecke. True Story. Man könne es ja sowieso nie allen Recht machen. Auch richtig. Einfach mal abgrenzen und nur nach sich schauen. Ja ja…

Schön und gut…

…aber wie so oft ist das alles leichter gesagt als getan. Dass man definitiv lernen kann, Nein zu sagen, kann ich nur bestätigen. Dass das sehr gut tun kann ebenfalls. Die größere Herausforderung sehe ich eher in dem Finden des richtigen Maßes. Das Pikante zwischen dem Brennt-mir-die-Zunge-weg-Höllenscharf und dem Schmeckt-nach-überhaupt-Garnichts. Weder seine Seele verkaufen und sich komplett verlieren noch zum absoluten Vollassi mutieren. Auch hier ist die goldene Mitte wohl mal wieder das Ziel und gleichzeitig auch die größte Schwierigkeit. Wovor haben wir Angst, wenn wir das Wort mit den vier Buchstaben mal wieder nicht über die Lippen gebracht haben, obwohl unser Kopf so voll damit war, dass er fast geplatzt wäre? Ist es wirklich nur Ablehnung, vor der wir uns fürchten? Woher kommt es, dass sich so viele von uns damit so schwer tun? Geht auch hier unsere Kindheit als Sündenbock durch? Ist mal wieder die Gesellschaft an allem schuld? Was macht eine chronische Ja-Sag-Philie auf Dauer mit uns und vielleicht sogar unserer physischen und psychischen Gesundheit?

Hunger!

Mein körperlicher Zustand könnte sich momentan definitiv eine Scheibe von meinem mentalen abschneiden. Seit ein paar Wochen bin ich unglaublich erschöpft, kann ohne Probleme auch mal 12 Stunden durchschlafen, bin trotzdem dauermüde und ruhebedürftig wie eine Migränepatientin. Wohingegen mein sowieso schon leicht hysterischer Stoffwechsel nochmal drei Gänge zugelegt hat und auf absoluten Hochtouren läuft. Ich hatte schon immer einen gesunden Appetit und liebe Essen in jeglicher Form seitdem ich denken kann. Die regelmäßigen Ratschläge meiner Freunde, wenn sie sich wie so oft über mein etwas spezielles Essverhalten amüsieren, mich doch endlich mal beim Arzt auf Würmer durchchecken zu lassen, haben bisher weder sie noch ich jemals ernst genommen. Eigentlich kenne ich meinen Körper mittlerweile so gut, dass ich jederzeit für diverse Eventualitäten und existenziellen Kohlenhydratknast gewappnet bin und immer zumindest einen kleinen Snack dabei habe. Denn ist der Hunger erstmal da (also eigentlich immer), dann muss es schnell gehen (also eigentlich immer). Aber die Hochofenattitüde, die mein Stoffwechsel gerade an den Tag legt, finde selbst ich langsam nicht mehr witzig. Was auch immer ich zu mir nehme geht offensichtlich binnen Sekunden in Flammen oder löst sich in Luft auf. Eigentlich bin ich den ganzen Tag entweder am Essen zubereiten, am Essen zu mir nehmen oder am Essensreste (Reste…haha) wegräumen, sprich abspülen. Gott segne die Erfindung der Geschirrspülmaschine. Die ich leider nicht besitze. Abgesehen davon, dass ich mit meinem Studium und zwei Jobs leider ab und zu noch andere Dinge zu tun habe anstatt mich 24/7 um meine Nahrungsaufnahme zu kümmern, ist es tatsächlich auch erschreckend teuer, eine vierköpfige Familie zu ernähren. Dazu muss man vielleicht noch erwähnen, dass all das Essen wohin auch immer wandert, aber definitiv nicht auf meine Hüften. Im Gegenteil. Und ja, die Schilddrüsenwerte sind normal.

Düster, Diggie.

Es gibt tausend mögliche Erklärungen für meinen aktuellen Zustand. Vielleicht sind es die Nachwehen der fetten Erkältung letztens. Vielleicht ist es der Herbst mit seinen kürzeren Tagen und dem Lichtmangel. Vielleicht sind es die Nebenwirkungen der Medikamente (Müdigkeit und gesteigerter Appetit sind dabei oft keine Seltenheit). Vielleicht ist es eine Art emotionale Erschöpfung, entstanden aus all den Ereignissen der letzten Zeit. Vielleicht sind es die über 50 Kilometer, die ich jede Woche mit den Hunden laufe. Vielleicht ist es die Doppelbelastung mit zwei Jobs und dem Studium. Wer weiß. Natürlich mache ich mir dazu meine Gedanken, da ich immer gerne für alles eine Erklärung habe, idealerweise noch Schwarz auf Weiß. Aber eigentlich ist es egal. Es ist gerade so. Punkt. Und es wird auch wieder vorbeigehen. Seitdem ich denken kann, habe ich die dunkle Jahreszeit jemals auch nur annähernd herbeigesehnt. Premiere dieses Jahr. Der Herbst mit seinen bunten Blättern und dem warmen Licht, aber vor allem auch seinem grauen Himmel, kalt-feuchtem Regen, düsteren Tagen, an denen es gar nicht richtig hell wird, Sonnenuntergängen ohne Sonne um 16 Uhr, mies gelaunten Fratzen in der U-Bahn und von kahlen Baumskeletten gesäumte Straßenzüge, die an Tristesse kaum zu übertreffen sind. Ich weiß auch nicht warum, aber irgendwie find ich’s dieses Jahr geil. Würde am liebsten mit sämtlichen Bäumen meine Blätter um die Wette abwerfen und mich vergnügt grunzend in der nächsten versifften Schlammpfütze wälzen. Eventuell spreche ich diese heimlichen Phantasien mal in meiner nächsten Therapiesitzung an.

Das Ja(hr) des Neins

Ich könnte mir vorstellen, dass es einfach daran liegt, dass die Diskrepanz zwischen meinem körperlichen Zustand und dem der Natur gerade so verschwindend klein ist, dass sich das alles so richtig und gut anfühlt. Auch die Natur hat den ganzen Frühling und Sommer über alles gegeben (okay, in Hamburg vielleicht nicht ganz so doll, aber ihr wisst, was ich meine), Blüten explodieren, Pollen fliegen, Glückshormone verrückt spielen und Schokolade schmelzen lassen. Davon gilt es sich nun zu erholen, alles von sich fallen zu lassen, alles auf Rückzug, alles auf Ruhe, alles zurück auf null. So anders sind wir Menschen dann doch nicht. Alles eine Frage der Betrachtung. Um den Bogen nun nochmal zum Anfang und zur Thematik des Nein-Sagens zu spannen: Wenn wir davon ausgehen, dass zu häufiges Ja-Sagen uns auslaugen und erschöpfen kann, dann kann ich zumindest das, bei all meinen Erklärungsversuchen für meine Erschöpfung, definitiv als Grund dafür ausschließen, so viel ist sicher. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich in einem Jahr jemals so großzügig mit „Neins“ um mich geworfen habe. Nein zu Jobs, die ich nicht machen möchte. Nein zu Freundschaften, die mir nicht mehr gut tun. Nein zu Männern, die nicht wissen, was sie wollen und einfach nur nicht alleine sein können. Nein zu der Frage, ob ich denn nicht irgendwann mal einen „richtigen Job“ machen wolle. Nein zu der Diskussion darüber, was ein richtiger und was ein unrichtiger Job ist. Nein zu gut gemeinten Ratschlägen, was ich vielleicht anders machen könnte. Nein zur Frage, ob dass denn nun nicht ein bisschen zu hart gewesen sei. Nein zur Kippe. Nein zur 40-Stunden Woche. Nein zum 9-5-Job. Nein zu PCs. Nein zur Verblödung durch Trash-TV. Nein zum Wecker, wenn ich noch keinen Bock habe, aufzustehen. Nein zum schlechten Gewissen, wenn ich einfach mal einen ganzen Tag lang nichts tue. Auch nicht duschen. Nein zum Versuch, Dinge zu tolerieren oder zu verstehen, auf die ich schlicht und ergreifend einfach so gar keinen Bock habe. Nein zum Ablegen von Rechenschaft. Nein zum Gruppenzwang, wenn „wir doch unbedingt mal wieder feiern gehen müssen“. Nein zum Zweifel daran, ob ich wirklich die ganze Schüssel mit rohem Schokokuchenteig auslöffeln sollte. Nein zu diversen Nachrichten und Nein zum Schuldgefühl, dass ich nicht weiß, was auf der Welt so passiert. Nein zu selbstgemachtem Stress. Nein zum Freundlichsein, wenn sich der Stammkunde zum hundertsten Mal aufführt, als wäre das Café sein privates Büro. Nein zu dem verschwitzen Typen, der sich im Bus fast auf meinen Schoß setzt, obwohl daneben noch drei Plätze frei sind. Vielleicht auch besser für’s erste Nein zum Drang, ihm direkt eine auf die Schnauze zu hauen. Nein zum Perfektionszwang und dem Gedanken, dass eine 1.3 ja schon irgendwie geiler gewesen wäre als die 1,7. Nein zu Körperkult und stickigen und überfüllten Fitnessstudios, wenn ich viel lieber bei Wind und Wetter draußen spazieren gehe. Dann halt ohne Sixpack. Nein zu Unverpackt-Läden, weil ich das zwar super finde, mir aber leider nicht leisten kann. Nein zu diesen superhässlichen pseudotrendigen Smartphone-Umhänge-…Stricken(?!). Nein zu Leuten, die mit einem Personal-Shit-Storm über mich hinwegfegen, ohne einmal zu fragen, wie es mir geht. Nein zu Leuten, die sich einfach selbst gerne reden hören und nur mit dir reden, weil sie ihren Spiegel trotz ihres riesengroßen Egos auf Dauer dann doch zu langweilig finden. Nein zur Tendenz, das Leid anderer zu meinem eigenen zu machen und mich nicht davon distanzieren zu können. Nein zu Auberginen. Nein zum Druck, der sich manchmal von Außen anschleicht. Nein zum Druck, den einzig und allein ich mir selbst mache. Nein zu Menschen, die mich kaum kennen und sich trotzdem rausnehmen, mir zu sagen, was ich doch ganz bestimmt bräuchte. Nein zu Lebensentwürfen, die einfach nicht zu mir passen. Nein zur Befriedigung der Bedürfnisse anderer, wenn ich mich gerade um meine eigenen kümmern sollte. Nein zu Energiestaubsaugern. Nein zu Pop-up-Nachrichten. Nein zur neuen Jeans, wenn ich die alte reparieren kann. Nein zur Contenance. Nein zum Ja.

Einfach nö.

Mag vielleicht auf den ersten Blick etwas radikal erscheinen. Und vielleicht ist es das auch. Tut aber nichts zur Sache. Ich habe noch nie so fleißig Neins verteilt und mich noch nie so gut dabei gefühlt. Und so befreit. Jedes Mal wenn ich meine Grenzen verteidigt, meine Bedürfnisse für mich selbst erkannt und nach außen kommuniziert, jedes Mal, wenn ich mich ohne schlechtes Gewissen abgegrenzt habe, bin ich mir selbst etwas mehr auf die Pelle gerückt. Positives Pellerücken aber. Natürlich sollte man abwägen, ob das Nein unbedingt mit einem „Ich-möchte-dir-instant-auf-die-Fresse-hauen“ verbunden sein muss (und ob man dann vielleicht in Betracht ziehen sollte, seine Meditationsapp mal wieder zu reaktivieren) oder ob man es einfach ganz normal, wie sagt man so schön, freundlich aber bestimmt, gegebenenfalls mit einer kurzen Erklärung oder einem Verweis auf später, über die Bühne bringen kann. Nicht immer, aber meistens habe ich auf die zweite Variante zurückgegriffen, die sich für mich in dem Moment stimmig angefühlt hat und damit auch authentisch war. Entgegen der Vermutungen, dadurch eventuell Menschen zu verkraulen oder im tragischsten Fall womöglich plötzlich mutterseelenalleine auf der Welt zu sein und tränenumflorte „Keiner-mag-mich“-Einträge in sein Tagebuch zu kritzeln, habe ich dadurch weder meine Freunde noch meine Familie noch meinen Job verloren. Und vor allem nicht mich selbst. Ganz im Gegenteil sogar. Ein wohl dosierter und von der richtigen Intention geleiteter Gebrauch dieses magischen Wörtchens verleiht seinem wortkargen Opponenten erst den eigentlichen Wert und wahre Größe.

Schlechtes Gewissen?

Nö.

Sets. Wähle deine Welle weise.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Ich sitze frisch geduscht in meinem etwas in die Jahre gekommenen, aber immer noch ausreichend flauschigen Bademantel in meiner Küche. Meine in kuschelige und damals Masche für Masche sorgfältig von Oma gestrickte bunte Wollsocken eingepackten Füße an die heiße Heizung gedrückt, die den Raum mit der für sie so typischen und etwas stickigen Luft füllt. Ich kann die Wärme förmlich einatmen. Vor mir auf dem Tisch flackert und knistert eine Kerze in dem alten Messinghalter. Die kleine Espressomaschine auf dem Herd blubbert mit den silbergrauen Wölkchen, die aus dem Schornstein im Hinterhof wie flauschige Wattebäuschen hervollquellen, um die Wette. Ich öffne kurz das Fenster, um den Dampf aus dem Badezimmer herauszulassen, das sich tatsächlich in meiner Küche befindet, was manchmal mehr, manchmal weniger gut, aber insgesamt ziemlich amüsant und auch ganz schön praktisch ist. Frische kalte, aber noch nicht eisige Morgenluft strömt herein. Die Sonne erklimmt erhaben das letzte Häuserdach und flutet den Innenhof mit einem zarten warmen Goldorange. Ich atme die frische Luft tief ein, strecke mich und drehe das Radio auf. Der Herbst ist da.

In den letzten Jahren habe ich ihm immer mit einer gewissen Skepsis entgegengesehen. Vielleicht sogar Ablehnung. Angst. Wollte den Sommer, seine Wärme, die Helligkeit und die langen Tage nicht loslassen. Wie vermutlich 90 Prozent der deutschen Bevölkerung. Aber es gab noch einen anderen Grund für meine Gefühle gegenüber dieser Jahreszeit, die doch so wunderschön sein kann. Ich kann mich nicht genau erinnern, wann es anfing. Ich weiß nur, dass es schon sehr sehr lange so war. Vor allem die letzten fünf Jahre vor meinem Klinikaufenthalt im Herbst 2017 erinnere ich fast bildhaft und sehr gut. Die Tage wurden kürzer, das unermüdliche Strahlen des Sommers schwächer, die Helligkeit matter. Der Spätsommer konnte sich noch so von seiner besten und schokoladigsten Seite zeigen, in meinem Inneren wurde es heimlich und leise, aber unaufhaltsam dunkler. Abgesehen von meinen Tagebucheinträgen kann ich den genauen Zeitpunkt dessen so genau einordnen, da ich in den letzten Jahren immer den Geburtstag einer guten Freundin Ende September verpasst hatte, weil es mir so schlecht ging, dass das letzte, was ich hätte gebrauchen oder ertragen können, viele und noch dazu gut gelaunte Menschen auf einem Haufen gewesen wären. Auch wenn es mir jedes Mal Leid tat und sie jedes Mal enttäuscht war. Nach ein paar Jahren wusste sie Bescheid, erwartete nichts Anderes mehr und wir holten ihren Geburtstag später zu zweit nach, bei Kuchen und Kaffee. Und es war okay so.

Anfangs dachte ich immer, das wäre wohl einfach eine lupenreine Herbstdepression, wie sie viele Menschen aufgrund des Lichtmangels in unseren Breitengraden haben. Kein Wunder bei der vielen Dunkelheit, Kälte, Sturm und Regen. Ich besorgte mir eine Tageslichtlampe. Stellte fest, dass es mich ganz schön aggressiv machte, früh morgens in so ein grelles und unnatürliches Licht zu glotzen und meine Laune dadurch definitiv nicht besser wurde. Mampfte fleißig teure Vitamin D-Präparate. Meldete mich widerwillig wieder beim Fitnessstudio an, wo ich manchmal auch einfach nur in die Sauna ging, ohne mich vorher auf irgendeinem blöden Crosstrainer und unter den Blicken tättowierter Muskelprotze und abgemagerter top gestylter Mädels zu langweilen, die unauffällig auf die Anzeige deines Kalorienverbrauchs schielten. Ging bei Wind und Wetter an der Elbe spazieren. Versuchte, so gut wie möglich vorzusorgen. Nicht, dass mir manches davon nicht gut tat. Aber trotzdem kam die Klatsche zuverlässig wieder. Es geht doch nichts über deutsche Pünktlichkeit.

Nach der ausführlichen Analyse der letzten Jahre, die ich mit meinen Therapeuten und Ärzten in der Klinik auf Grundlage all meiner Tagebücher aufstellen musste, und der darauf folgenden Bipolar II-Diagnose weiß ich heute, dass es sich dabei um den Waschmaschinenschleudergang handelte, der unweigerlich auf das Surfen der größten Wellen im vorangegangenen Frühjahr und Sommer folgen musste. Neujahrs-Line-Up. Take-Off im Frühling. Ein Sommer voller High Tides, Pointbreaks, Barrels und grüner Wellen.

Dann ohne Vorwarnung und Umwege per Schleudergang direkt in die Impact-Zone.

Close-Out.

Erwart doch einfach mal ab!

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Dieser Text soll keine Hommage an die Etablierung einer generellen Anspruchs- oder Erwartungslosigkeit sein. Ich denke, es ist wichtig und richtig, dass wir Menschen Ansprüche haben. Und Erwartungen.

Während ich meinen Text hier geschrieben habe, ist mir (am Ende) aufgefallen, dass die Übergänge zwischen den Begrifflichkeiten „Ansprüche“ und „Erwartungen“ fließend sind. Ich hoffe, dass dadurch keine allzu große Verwirrung entsteht, aber ich werde im folgenden Text beide Wörter benutzen.

Ansprüche an uns selbst können uns zu Leistungen anspornen, die uns zufrieden machen, mit denen wir uns gut fühlen. Auch zu Höchstleistungen, wenn wir das denn wollen. Ansprüche führen dazu, dass wir uns Mühe geben, um etwas so gut oder schön zu gestalten, wie wir es uns vorstellen. Verhindern Gleichgültigkeit. Ansprüche beeinflussen die Wahl unserer Freund- und Partnerschaften, sie entscheiden darüber, wer in unser Leben und wer uns nah sein darf. Ansprüche lassen uns Dinge erreichen, die wir begehren oder uns schon lange gewünscht haben. Unsere ganz individuellen Ansprüche, die wir an uns selbst oder auch an andere stellen, sagen unglaublich viel über uns als Menschen aus. Denn sie sind unmittelbar und unwiderruflich verbunden mit unserem persönlichen Wertesystem, ja, auch mit unserer Moral. Ist Ehrlichkeit keine Eigenschaft, die für uns in unseren Beziehungen einen hohen Wert hat, so werden wir bei der Wahl unserer Freund-/innen und Partner/innen wohl kaum einen Anspruch auf Ehrlichkeit stellen. Und genau so wenig wären wir dementsprechend enttäuscht, wäre dieser Jemand nicht ehrlich zu uns.

Schwierig kann es dann werden, wenn unsere Ansprüche an Dinge oder Menschen zu hoch sind. Wieso? Wer überhaupt zieht die Grenze zwischen „angebracht“, „zu niedrig“, „zu hoch“?
Je höher die eigenen Ansprüche, desto besser die aus ihnen erbrachte Leistung, oder nicht? Das mag in manchen Fällen stimmen. Aber was passiert, wenn der eigene Anspruch zwar sehr hoch war, aber die daraus resultierende Leistung trotzdem, aus welchen Gründen auch immer, nicht mal annähernd diesem Anspruch gerecht wird. In keiner Relation steht. Dann wird es ungemütlich.
Denn je höher unsere Ansprüche sind, ob nun an uns selbst, eine Sache oder einen anderen Menschen, desto enttäuschter sind wir, wenn wir selbst, diese eine Sache oder dieser eine Mensch nicht so funktionieren, nicht so abliefern, nicht so gefallen, wie wir das erwartet haben.
Und hier kommt die Erwartung mit ins Spiel.

Letzten Endes sind Ansprüche eng verknüpft mit Erwartungen, manch einer würde sie vielleicht auch als Synonyme einordnen. Das kann die Erwartung an eine Sache, vielleicht an ein Geschehen sein, unsere ganz eigene Vorstellung, die unser Gehirn bis ins kleinste Detail immer und immer wieder in den schillerndsten Farben durchspielt, bevor besagte Sache oder das Geschehen überhaupt eingetreten ist, bevor sie vor uns steht, bevor wir sie in den Händen halten. Während wir noch warten sozusagen. Erwarten.

Das Traurige und Tückische an zu hohen Erwartungen ist meiner Meinung nach, dass sie uns die Unvoreingenommenheit, die Bedingungslosigkeit, unsere Objektivität und Offenheit nehmen. Eine Messlatte setzen, die erreicht oder am Besten sogar übertroffen werden soll. Wird sie das nicht, sind wir enttäuscht. Das hatten wir uns aber anders vorgestellt. Das hätte besser sein können. Das könnte man noch optimieren. Das ist nicht ganz ideal so. Ein persönliches oder gesellschaftliches Ideal, das nicht erfüllt wurde.

Wieso haben wir verlernt, die Dinge „einfach“ auf uns zukommen zu lassen? Liegt es überhaupt in der Macht des Menschen, völlig unvoreingenommen abzuwarten, anstatt immer nur zu erwarten? Abwarten, was passiert und sich dann ein Bild davon zu machen, ohne dieses schon im Vorhinein zu skizzieren? Haben wir keine Erwartungen, so können diese auch nicht enttäuscht werden, ganz egal wie eine Sache letzten Endes abläuft oder ausgeht. Wie sich ein Mensch verhält, wie er ist. Es gäbe keinen Maßstab, an dem etwas gemessen werden würde, keine Bewertung, kein Abwägen, keine Noten.

Würde es helfen, wenn wir, in Angesicht der Illusion und auch der Ablehnung von völliger Anspruchs- und Erwartungslosigkeit, diese im Zaum, sie niedrig halten könnten? Uns dann umso mehr freuen, falls sie übertroffen werden? Und uns genau so freuen, wenn sie einfach nur erfüllt werden? Gute Frage. Abwarten und Tee trinken.

Der Spargelsalat und ich

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Freitagabend. Ein wunderschöner und erlebnisreicher Tag liegt hinter mir. Einer der ersten richtigen Sommertage. Das erste mal beinfrei dieses Jahr. Ich war mit dem Hund einmal durch die halbe Stadt spaziert. Kaffee auf St.Pauli, Sonnenbaden in Altona, Mittagessen mit einem guten Freund in der Schanze, bei meiner alten Arbeitsstelle allen mal wieder hallo gesagt und mit meiner besten Freundin Eiskaffee schlürfend durch die Innenstadt flaniert. So sehr ich Hamburg auch zu jeder anderen Jahreszeit und zum größten Schietwetter liebe…an einen Sommer zwischen Elbe und Alster kommt so schnell nichts ran.

Ich hatte mir im Laufe der Woche fest in den Kopf gesetzt, ganz dringend diesen grünen Spargelsalat nachzumachen, der mich auf einer Veranstaltung am Dienstagabend so von den Socken gehauen hatte. So sehr, dass ich im Rahmen meiner Bemühungen, möglichst unbemerkt und idealerweise erfolgreich nochmal um die Spargelsalatschüssel am Buffet herumzuschleichen, leider so gut wie nichts von dem spannenden Vortrag über skandinavisches Lampendesign mitbekommen hatte. Wie dem auch sei. Der thailändisch interpretierte grüne Spargelsalat sollte es sein.

Nachdem ich mich zur absoluten Einkaufs-Rush hour durch drei verschiedene Supermärkte und den kleinen Asiamarkt um die Ecke habe schubsen lassen, hatte ich endlich alles was ich brauchte zusammen, schwörte mir wie immer auf dem Weg durch die vier Stockwerke zu meiner Wohnung, dass ich auf jeden Fall bald mit dem Rauchen aufhören würde und spürte schon beim Drehen des Schlüssels im Schloss die mir wohl bekannte Vorfreude. Auf mein Zu Hause. Meine ruhige, leere Wohnung. Keine nervigen quasselnden Mitbewohner, die anscheinend schon den ganzen Tag auf dein Nachhausekommen gewartet haben, um dir endlich von ihrem spannenden Reifenwechsel zu erzählen, keine kreischenden Kinder, kein Kerl. Hier möchte ich kurz anmerken, dass ich weder etwas gegen Mitbewohner, Kerle und schon gar nicht Kinder im Allgemeinen habe! So wenig ich auch nur ein einziges Gespräch oder einen einzigen Kontakt dieses Tages missen wollte, so sehr machte sich nun mein Bedürfnis nach Ruhe und Zeit nur für mich alleine breit.

Dafür standen die Zeichen gut, denn ich hatte ja eingekauft und freute mich auf das Schnippeln, Vorbereiten und Kochen bei offenem Fenster, nebenher eine rauchen und meine Lieblingsmusik hören. Diese Kombi hatte ich vor einiger Zeit für mich entdeckt und war fasziniert von der meditativen Wirkung, die sie auf mich hatte. Richtig schön runterkommen und währenddessen wie im Schlaf (im wahrsten Sinne des Wortes) das Fortbestehen der eigenen Spezies durch regelmäßige Nahrungsaufnahme sichern. Los geht’s.

Aus dem Innenhof drang gedämpfter Stimmensmoothie mit der lauen Abendluft durch mein geöffnetes Küchenfenster während ich so von einem Rezeptschritt zum nächsten stolperte. Nur weil Kochen eine meditative Wirkung auf mich hatte, hieß das noch lange nicht, dass ich es auch konnte! Als sich in mir gerade Verwirrung angesichts von „in kochendem Wasser garen“ (Entweder kochen oder garen…aber nicht beides zusammen, oder?) meldete, klingelte das Telefon. Mama. Meine Mutter war für mich die beste Köchin der Welt und manchmal ärgerte ich mich ein bisschen darüber, dass ich ihr nicht einfach ab und zu mal beim Kochen zugesehen hatte. Dann würde ich jetzt sicher kein Koch-Gar-Dilemma haben. Ganz begeistert erzählte ich ihr von meinem kulinarischen Meisterwerken und wollte sie gerade nach der Definition von „Garen“ fragen. So weit kam es allerdings gar nicht.

„Ach Mensch. Manchmal fragen Papa und ich uns wirklich, wie unsere beiden Töchter immer noch keinen Partner an ihrer Seite haben können. Wie schade, dass du den Spargelsalat für dich alleine zubereiten musst und kein toller Mann neben dir steht, der den für dich zubereitet!“

Plopp. Die kleine „Quality-time-with-myself“-Blase, in der ich so zufrieden vor mich hingeschwebt war, platzte in einer lächerlichen glitschigen Miniaturversion des sich eigentlich für das Platzen einer Blase gehörenden Pengs und hinterließ ein paar unspektakuläre Seifenreste auf den weißen Küchenfliesen. Die konnte man schnell wegwischen. So als wäre nichts passiert. Und doch hatte sich etwas geändert. Und ich spreche hier nicht vom Zustand des Spargels, der mittlerweile definitiv mehr gekocht als gegart war.

Während meine Mutter meiner offensichtlichen Entrüstung und weniger offensichtlichen, weil zu verheimlichen versuchten Betroffenheit mit gut gemeinten Erklärungsversuchen über eben genau das, es gut gemeint zu haben, entgegnete, hörte ich schon gar nicht mehr wirklich zu und erwischte mein Unterbewusstsein dabei, wie es bereits eine Liste mit all den Vorzügen und Schönheiten des Singlelebens erstellte. Das ließ mich dann doch kurz stutzig werden und ich fragte mich, warum dieser Satz mich überhaupt auch nur annähernd traf, wo ich doch, und zwar ohne mir etwas vorzumachen, gerade einfach nur voll und ganz bei mir und sehr zufrieden mit meinem Leben war.

Ein Leben, für das ich mich frei entschieden hatte und das ich aus nicht weniger freiem Willen genau so lebte, wie ich es seit einiger Zeit tat. Es war nicht so, dass ich per se etwas gegen nette Männer in meiner Küche hatte. Gegen nur halbnette oder aber auch gar nicht nette allerdings sehr wohl. Um kurz klarzustellen: Ich weiß, es gibt sehr wohl nette Männer da draußen. Meine Küche weiß das auch. Was allerdings noch nicht heißt, dass ich direkt mein Leben mit ihnen teilen oder das Singledasein per Arschtritt ins Jenseits befördern möchte. Und das nicht, weil ich eine Hardcore-Emanze bin, die sich in jeder Lebenssituation beweisen muss, wie selbst die Frau doch ist, dass die Welt keine Männer braucht und vor lauter Begeisterung gar nicht mehr aus dem Möbelschleppen und Hardwarekonfigurieren rauskommt. Die augenscheinliche Unkonventionalität, Freiheit und Unabhängigkeit unserer Generation diesbezüglich fühle ich mich trotz allem immer wieder gezwungen, infrage zu stellen. „Du bist ja wohl nicht im Ernst gerne Single!“, „Du brauchst einfach mal wieder einen Mann.“, „Wie, du hast noch nie getindert?!!“, „Wer wohnt schon gerne alleine?“, „Langsam fängt die Uhr doch an zu ticken, oder?“, „Wenn man zu lange alleine ist, wird man doch komisch“, „Sei mal nicht so streng mit dem, mit deinen Ansprüchen wird das nie was!“…die Liste der konstruktiven Bereicherungen aus unserem Umfeld ist lang. Und wir sprechen hier nicht von der Generation unserer Eltern oder Großeltern.

Ich sehe das „Singlesein“ nicht als notwendiges Übel oder Durststrecke zwischen einer vergangenen und einer nächsten Beziehung, die es aus lauter Angst vor dem Allein- und mit sich selbst Konfrontiertsein, ja sich womöglich im schlimmsten Fall sogar tatsächlich mal selbst reflektieren und hinterfragen zu müssen, möglichst schnell hinter sich zu lassen gilt, sondern als eine wertvolle Chance, die man für sich nutzen und dabei sehr viel Schönes erfahren kann.

Die Chance, sich selbst kennenzulernen, tatsächlich mal keine partnerschaftlichen Kompromisse eingehen zu müssen, seine Bedürfnisse ohne schlechtes Gewissen an allererste Stelle zu setzen, Frieden mit dem Alleinsein zu schließen, seine Schönheit zu erkennen und das darin schlummernde Potenzial zu nutzen, mit voller Absicht Zahnpastatuben offen rumliegen zu lassen und die Geschirrspülmaschine aus Prinzip völlig „falsch“ einzuräumen, nackt zu putzen (was sonst wahrscheinlich auch nicht wirklich ungern gesehen worden wäre und sich deshalb nicht sonderlich als Rebell-Akt, wortwörtlich, eignet) einfach mal nur das zu machen, wonach einem gerade ist. „Aber das ist doch total egoistisch“, mag da der ein oder andere selbsternannte Gutmensch quaken. Kann man so sehen, muss man aber nicht. Eine gesunde Portion Egoismus an der richtigen Stelle hat noch niemandem geschadet und läuft auch unter dem Namen Selbstfürsorge.

So toll das auch alles klingen mag, diese verinnerlichten Überzeugungen, gelebten Werte und authentischen Lebenskonzepte…wenn man ganz ehrlich zu sich selbst ist, sind diese oft trotzdem nicht ganz frei von gesellschaftlichen Zwängen und immer noch in Sichtweite des konventionellen Zeigefingers.

Klar meinen es Eltern nur gut mit einem, zumindest die meisten. Und ja, in ihrer Generation war das auch nochmal anders als bei uns, auch wenn ich mich noch immer nicht so recht entscheiden kann, ob es damals besser oder schlechter war. Oder keins von beidem. Allein in Hamburg sind aktuell 514.000 von insgesamt 974.000 Haushalten Singlehaushalte (https://www.hamburg.de/info/3277402/hamburg-in-zahlen/), sprich mehr als die Hälfte.

„Da bist du doch in deiner Stadt in bester Gesellschaft“, hatte mal ein Bekannter zu mir gesagt. Freut mich echt total für die anderen 513.999, aber ehrlich gesagt kann ich gerade ganz gut auf deren Gesellschaft verzichten und finde meine eigene völlig ausreichend. Der Weg zu dieser Genügsamkeit und inneren Zufriedenheit war lang. Und falls eines der sich unter diesen 513.999 oder sonstwo existierenden Singlehaushalten befindlichen männlichen Wesen doch irgendwann mal ganz ohne Wisch den Weg bis in meine Küche gefunden haben sollte, dann hoffe ich Mama zuliebe, dass der Herr kochen kann.

Back on track?

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

So sehr wir uns auch manchmal in Kontakt mit uns selbst und in unserer Mitte fühlen mögen, es gibt Dinge, die von einem auf den anderen Moment wie ein Wirbelsturm durch unsere Gefühlswelt wüten und ein Schlachtfeld sondergleichen hinterlassen. All die Häuser, die so mühsam aufgebaut wurden, innerhalb von Sekundenbruchteilen umreißen und Leere und Zerstörung zurücklassen. Wir stehen mit schlaffen Armen und ungläubigem Blick vor dem, was da noch übrig geblieben ist und allein die Vorstellung, all das wieder aufbauen zu müssen, erschöpft uns so sehr, dass wir uns erst einmal hinsetzen und durchatmen müssen.

Der Ursprung dieser Stürme des Lebens, die uns von Zeit zu Zeit heimsuchen, kann unterschiedlicher Natur sein. Es kann ein Verlust sein, eine tiefe Verletzung, ein unerwarteter und nicht erwünschter Wandel, eine Trennung…die Liste ist lang. Während es menschlich und angebracht ist, gewisse Gefühle mit gewissen Ereignissen zu verbinden, diese auch tief spüren zu können, ist der Grad schmal. Der Grad zwischen Trauer, Verletztsein, Zweifeln einerseits und zu tief in diesem Strudel der Gefühle zu versinken, den Kontakt zu sich selbst zu verlieren und der Entwicklung einer Machtlosigkeit andererseits.

Auch wenn wir manchmal meinen, wir könnten uns vor Verletzungen und Leid schützen oder sie vermeiden, werden wir früher oder später mit der Erkenntnis konfrontiert, dass es sich hier um eine Illusion handelt. Es wird immer wieder Menschen geben, die uns Verletzungen zufügen und das ganz unabhängig davon, ob das ihre Absicht ist oder nicht. Es geht um das Gefühl des Verletztseins, das in unserem Herzen ankommt, uns bis ins Mark trifft, uns die Kehle zuschnürt, einen überdimensionalen Stein in unseren Magen legt, uns körperliche Schmerzen bereiten kann. Meistens trifft es uns unerwartet, doch das tut nichts zur Sache. Würde uns jemand ankündigen, dass er uns jetzt gleich wehtun würde und dann mit seinen darauf folgenden Worten unsere Welt zum Einstürzen bringen, es würde rein gar nichts besser machen.

Verletzt zu werden gehört nicht zu den Dingen im Leben, die unserer Kontrolle obliegen. Es passiert einfach. Egal, was für mehr oder weniger gesunde Schutzmechanismen wir etablieren, es wird auch uns irgendwann treffen. Denn sie gehören zum Leben dazu. Während wir dieses Schicksal offensichtlich nicht abwenden können, so bleibt uns zumindest der kleine Trost unserer Macht darüber, wie wir mit diesem Schmerz umgehen und was wir vielleicht sogar von ihm lernen können.

Wir können uns ins unserem Schmerz suhlen und die Katastrophe durch eine gehörige Brise Selbstmitleid, Selbstzweifeln und Reue perfekt machen. Wir können unseren Schmerz aber auch als das nehmen, was er ist. Im ersten Moment einfach nur beschissen und verdammt wehtuend. Wir können, nein, wir sollten sogar weinen, bis unsere Augen so verquollen sind, dass wir am kommenden Tag definitv nicht das Haus verlassen können werden, schreien, bis uns die Stimme wegbleibt und, wir wollen ja mal nicht so sein, bei vollem Bewusstsein die „Life sucks“-Playlist auf Spotify auswählen und uns tatsächlich ein Weilchen lang dem Selbstmitleid hingeben. Warum nicht. 

Wir wissen nicht, wie lange dieser Schmerz andauern wird und es macht auch keinen Sinn, darüber Spekulationen anzustellen. Wir können ihn mit jedem neuen Morgen, an dem er mit uns aufwacht, wahrnehmen und muffelig begrüßen. Was noch lange nicht heißt, dass er auch einen Kaffee serviert bekommt. So weit kommt’s noch. Wir können ins uns hineinspüren und trotz der permanenten Anwesenheit dieses ekelhaften Gefühls trotzdem in Kontakt mit uns selbst bleiben. Versuchen, unsere Verletzung so weit es geht von dem Menschen zu trennen, der sie uns zugefügt hat und ihr dadurch die Romantik nehmen. Den Schmerz ertragen, in der Gewissheit, dass er gekommen und jetzt gerade da ist. Dass er aber auch wieder gehen wird. Dass er sich vernichtend anfühlen kann. Dass er uns aber nicht vernichten wird. Dass er Zeuge unserer Fähigkeit ist, zu fühlen und zu lieben. Denn ohne sie wären wir unverletzlich.

Aber erst unsere Verletzlichkeit macht die liebenswerte und authentische Menschlichkeit unseres Seins aus. 

„Einfach“ nur gut.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Sonntag morgen, 7:07 Uhr, Bahnhof Altona

Es ist 7:07 Uhr, als der Zug in Altona den Bahnhof verlässt und meine Freundin wieder zurück in Richtung Heimat bringt. Es waren wunderschöne Tage, nur leider, wie immer mit geliebten Menschen, viel zu kurz. Aber das nächste Wiedersehen ist schon geplant und vorfreudige Zeit ist alles andere als verschwendete Zeit! Eigentlich war mein ursprünglicher Plan nach dem Aufwachen zu dieser unchristlichen Zeit, noch dazu an einem Sonntag, gewesen, sofort wieder unter die Daunendecken in meinem kuscheligen Bett zu schlüpfen und ausgiebig auszuschlafen. Aber als ich aus dem Bahnhof ins Freie hinaustrete, weiß ich: Das wird nicht passieren.

Es ist ein Morgen, wie ich ihn lange nicht erlebt habe. Was vermutlich nicht zuletzt daran liegt, dass ich ein nicht wirklich passionierter Frühaufsteher bin. Um es vorsichtig auszudrücken. Würde es nicht fürchterlich kitschig klingen, hätte ich behauptet, dieser Morgen wäre von einer fast magischen Schönheit, die Luft so rein und klar und frisch, dass man sie gar nicht schnell genug einatmen könnte, das Licht mehr als filmreif. Einfach nur wunderschön. Also nix mit wieder ins Bett, sleep is for the week, der frühe Vogel und so, sondern nochmal kurz nach Hause, ne Stulle schmieren, Kaffee kochen und mitnehmen. Ich hab spontan Lust auf Fischmarkt und stiefele los.

Sonnenpflaster

Die Sonne bahnt sich ihren Weg durch die halbhohen Häuserschluchten meines Viertels und bringt die Pflastersteine auf den kleinen Seitenstraßen zum Leuchten. Da es die letzten Tage trotz des zumindest laut Kalendermonats noch herrschenden Winters überdurchschnittlich warm war, stehen Tier-und Pflanzenwelt bereits in den Startlöchern und die Vögel zwitschern um die Wette. Jedes Jahr bin ich wie auf’s Neue völlig fasziniert davon, wie dieser unvergleichliche Frühlingssound ein Heer von Schmetterlingen in meinem Bauch freilässt, das keine noch so große Verliebtheit in dieser Form hinkriegen würde. Die Vögel zwitschern fröhlich weiter und meine kleinen Schmetterlinge flattern zu ihren Liedern um die Wette. Großartiges Gefühl. Als ich über die Kreuzung gehe, schiebt sich die Sonne aus dem Schatten des Gebäudes, das mal meine Stammkneipe war, und scheint mir unmittelbar und grell ins Gesicht. Deswegen sehe ich das Mädchen nicht kommen, bevor sie direkt vor mir steht. Besser gesagt, vor mir schwankt. Amüsiert verhelfe ich ihr mit meinem Feuerzeug zur wahrscheinlich letzten Zigarette dieser Nacht und biege ab Richtung Hafen.

Ich würde jedem Touristen, der in die Hansestadt kommt, empfehlen, den Hamburger Fischmarkt nicht nur einmal, sondern mindestens zweimal zu besuchen. Und zwar einmal im Anschluss an eine durchzechte Nacht und alles andere als nüchtern und das andere mal frisch geduscht, gerade aufgestanden und mit mindestens einem guten Kaffee in der Hand. Es sind Welten, die bei diesem Spektakel aufeinanderprallen, jede mit ihrem ganz eigenen Reiz.

Tor zu meiner Welt

Kurz bevor ich mich ins Getümmel stürze, die Marktschreier sind schon von Weitem zu hören, setze ich mich mit meinem Kaffee ein Stück vor dem eigentlichen Fischmarkt auf die Kaimauer und rauche eine Zigarette. Vor mir die Krähne, deren Stahl in der aufgehenden Sonne blitzt und die Reflektion der Lichtstrahlen auf der Elbe, die so sehr blenden, dass ich die Augen zukneifen muss. Industrieromantik, die ihresgleichen sucht. Wie man darauf nicht stehen kann, ist mir ein Rätsel. Eine Barkasse schippert in gemächlichem Tempo vorbei und schlägt unscheinbare kleine Wellen, die mit einem sanften „Pltsch“ gegen die Steinmauer unter mir schwappen. Auf meiner Linken glänzt erhaben und stolz die Elbphilharmonie in einiger Entfernung, zu meiner Rechten reiht sich majestätisch Kran an Kran. Richtung Horizont nähert sich ein großer, mit hunderten bunten Containern beladener Frachter, der eine lange Reise hinter sich haben wird. Oder vielleicht auch vor sich und er fährt Richtung Meer. Er ist zu weit weg, als das ich das erkennen könnte. Das Tor zur Welt. Hamburg war auch für mich ein Tor. Ein Tor zu meiner eigenen kleinen Welt. Und allem, was dazu gehört.

Ich habe die Augen immer noch geschlossen, spüre, wie meine Haut langsam von der Sonne aufgewärmt wird, schlürfe meinen lauwarmen Kaffee, ziehe ab und zu an meiner Zigarette, und zwar heute mal ohne jegliches schlechte Gewissen, lausche dem Plätschern der Wellen und Aale-Dieters unverwechselbarem Marktgeschrei in der Ferne. Und bin einfach nur glücklich.

Einfach? Nur? Glücklich?

Wohlwissend, dass der Zustand von „einfach nur glücklich“ nicht selbstverständlich ist. Ich war am Abend zuvor eingeschlafen und hatte mich einfach auf den nächsten Tag gefreut. Aber nicht so sehr, dass ich vor lauter Euphorie und Aufregung auf den nächsten Morgen nicht hatte einschlafen können und ein vermeintlich genialer Gedanke den nächsten in meinem Kopf gejagt hatte. Genau so wenig hatte ich am Abend zuvor, gefangen in einem negativen Gedankenstrudel, in meinem Bett gelegen und mich gefragt. wie ich den nächsten Tag überstehen sollte. Ich war am Morgen, wenn auch wegen der Uhrzeit etwas müde, aufgestanden, hatte meiner Freundin und mir Kaffee gekocht und die Fenster meines Zimmers weit aufgerissen, um die frische Morgenluft hereinzulassen. Ich hatte nicht wie gelähmt in meinem Bett gelegen, unfähig, mich zu bewegen geschweige denn aufzustehen und daraufhin den ganzen Tag im Bett gebracht, nichts gegessen, nicht geduscht, mein Handy ausgemacht, meine Kleider auf den überdimensionalen und stetig wachsenden Klamottenberg geschmissen und den Abwasch Abwasch sein lassen. Genau so wenig war ich wie ein junges Reh auf Ectasy und mit Herzrasen ohne Wecker um 7 aus dem Bett gehüpft und hatte bis 12 Uhr mittags schon meine gesamte Wohnung geputzt und gesaugt, die komplette Wäsche gewaschen, 10 Texte für die Uni geschrieben, endlich mal sämtliche in der letzten Zeit vernachlässigten entfernten Bekannten per WhatsApp kontaktiert, vier Kaffee getrunken, mindestens genau so viele Zigaretten dazu geraucht, endlich mal meinen Kleiderschrank ausgemistet, diverse aussortierte Dinge fotografiert und auf Kleiderkreisel hochgeladen, nebenher mit meiner Schwester telefoniert und hier und da mal ein bisschen nach Jobs im Kreativbereich gegoogelt.

Ich bin einfach nur ins Bett gegangen, habe einfach nur gut geschlafen, bin einfach nur aufgestanden und jetzt sitze ich einfach nur mit einem Kaffee in der Sonne am Fischmarkt. So einfach ist das. Nicht.

Nicht zu schnell. Aber schnell genug.

Umso mehr genieße und wertschätze ich das Gefühl, gerade ganz bei mir zu sein. Eine flauschig-weiche Zufriedenheit, die von mir Besitz ergreift und eine stoische Ruhe in mir erzeugt, die so schnell nichts umhauen kann. Mein Herz schlägt regelmäßig und nicht zu schnell, aber schnell genug in meiner Brust, mein Atem geht gleichmäßig und trägt mich. Ich empfinde tiefe Dankbarkeit. Bescheidene Ehrfurcht vor diesem kleinen, sicheren Ort der Geborgenheit in mir. Keine Extreme. Weder in die eine noch in die andere Richtung. Aber auch keine gefühlslose Nulllinie. Einfach nur gut.