Wenn Liebe durch die Stadt geht.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Wenn die Hügel nach und nach verschwinden, der Blick endlich wieder Ferne zu finden vermag und Windrad um Windrad tröpfchenweise ins Landschaftsbild sickert.

Wenn du um die letzte Kurve auf der A1 bretterst und am Horizont plötzlich Ungetüme aus Stahl auftauchen, die stolz und erhaben den Kopf Richtung Wolken heben.

Wenn dein Herz bei diesem Anblick auch noch im verflixten siebten Jahr klopft wie verrückt, eine Gänsehaut deinen kompletten Körper überzieht und ein idiotisches Grinsen deine Lippen umspielt.

Zur gleichen Zeit kindliche Aufregung und tiefe Ruhe von dir Besitz ergreifen.

Vorfreude und Nostalgie eine Symbiose der Superlative eingehen.

Du die Erkenntnis erlangst, dass Oxytocin auch ohne Berührung freigesetzt werden kann.

Und du weißt, dass du angekommen bist.

Ganz egal, wie lang oder kurz du weg warst.

Ganz egal, wie sehr du das Reisen liebst.

Ganz egal, wie viele großartige Orte du schon gesehen hast.

Ganz egal, wie schön oder schwer deine Zeit in weiter oder naher Ferne war.

Ganz egal, wie hell oder dunkel es in deinem Inneren gerade aussehen mag.

Wenn dir dein Urvertrauen sagt, hier bist du sicher.

Ganz egal wie gefährlich die Welt manchmal scheinen mag.

Dann kannst du dir Sicher sein, dass du im richtigen Hafen vor Anker gegangen bist.

Learn from the worst.

Bildquelle: Sophie Liehr

Alles zu seiner Zeit.

Es hat etwas länger gedauert, bis ich mich zum Schreiben dieses Blogartikels durchringen und den dafür nötigen Raum schaffen konnte. Einerseits weil mich mein Schreibworkshop, den ich seit einem Monat gebe und dessen Vor- und Nachbereitung voll und ganz vereinnahmt, vor allem auch geistig, und nebenher auch noch Uni zu machen wäre, was leider gerade etwas zu kurz kommt, aber vor allem, weil ich mir einfach nicht sicher war, wie ich diese sensible Thematik in einen Text packen soll. Ich habe mir tagelang Gedanken gemacht, wie ich die Dinge, die ich ausdrücken möchte, am besten formuliere, damit sie nicht falsch rüberkommen oder belehrend wirken. Nachdem ich dann den Spiegelartikel „Corona-Pandemie – Was wir von Depressiven lernen können“ gelesen hatte, der eigentlich genau das beschreibt, was ich die ganze Zeit im Kopf hatte, war ich nicht mehr ganz so verunsichert und werde deswegen nun einfach schreiben, was ich dazu sagen möchte. In dem Wissen, dass man es nie allen Recht machen kann, es immer verschiedene Meinungen geben wird und ich sicher bin, dass alle meine Leser*innen sich bewusst sind, dass ich mit meinen Formulierungen immer so vorsichtig wie möglich bin.

Learning by experiencing.

In ihrer Kolumne https://www.spiegel.de/kultur/corona-pandemie-was-wir-von-depressiven-lernen-koennen-a-93f4e953-d48d-45e4-bbf8-8426376a5bbc behauptet Autorin Margarete Stokowski, die selbst jahrelange Erfahrung im Umgang mit Depressionen hat, dass all jene Menschen unserer Gesellschaft ohne einschlägige psychische Vorbelastungen, die am Ende dieses Jahres und mit der aktuellen Situation des erneuten harten Lockdowns nun aber trotzdem mit den Nerven am Ende sind, sich ausgelaugt und leer fühlen, einiges von denen unter uns lernen könnten, die krisenhafte Situationen und schwierige Gefühle nur allzu gut kennen. Nicht in Form einer Pandemie, sondern durch die Depressionen, die sie bisher in ihrem Leben erlebt haben. Menschen, die sich in diesen Zeiten verschiedene Bewältigungsstrategien und Fähigkeiten angeeignet haben und gelernt haben, so gut wie möglich durch Zeiten zu kommen, in denen man glaubt, das war’s jetzt und die Hoffnung auf eine Besserung nicht mehr greifbar ist.

Nebenwirkungen.

Ich habe seit Beginn der Krise so viele Artikel über unsere Psyche in Corona-Zeiten sowie die Auswirkungen und Langzeitfolgen der Pandemie auf unsere psychische Gesundheit gelesen und auch selbst schon darüber geschrieben. In den meisten von ihnen liegt der Fokus auf den Gefahren und den besonderen Herausforderungen, die Corona und seine Begleiterscheinungen wie Arbeitslosigkeit, Social Distancing, finanzielle Sorgen, Einsamkeit, das Wegfallen eines festen Alltags und herkömmlicher Strukturen und noch vielem mehr vor allem für die psychisch kranken Menschen unserer Gesellschaft darstellen. Die nicht auf eine solide mentale Grundstabilität bauen können. Die Rückfälle erleiden. Deren Krankheitsverläufe sich verschlimmern. Suizidraten, die steigen. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass die Pandemie und alles, was sie mit sich gebracht hat, nicht per se positiv zur mentalen Verfassung beitragen muss, vermutlich bei niemandem von uns. Und da mich der Beginn der Pandemie und der erste Lockdown dummerweise in einer leichten depressiven Phase erwischt haben, kann ich auch bestätigen, dass all das in meiner damaligen Verfassung eine sehr viel größere Herausforderung war und mich sehr viel mehr Kraft und Energie gekostet hat, als es das in einer stabilen Phase wie der jetzigen getan hätte. So wie alles mehr Kraft und Energie kostet und unfassbar schwer und fast unmöglich scheinen kann, wenn man sich in einer depressiven Phase befindet.

Ich hatte das Glück, dass es sich nur um eine recht leichte und kurze Phase handelte, in der ich während der ersten Tage meiner freiwilligen Quarantäne zwar das erste Mal in zwei Jahren das Notfalltelefon meiner Therapeutin in Anspruch nahm, weil ich so verzweifelt war, dass ich mir in diesem Moment selbst nicht mehr zu helfen wusste, ich mich aber durch die Anwesenheit und Geborgenheit meiner Familie, zu der ich mich dann aus der Stadt flüchtete, einer vorübergehenden Aufdosierung eines meiner Medikamente und den Beginn des Frühlings sehr schnell wieder stabilisierte und dadurch die Kraft und Energie hatte, mir innerhalb kürzester Zeit einen neuen Alltag ohne Arbeit, jegliche bis dato da gewesene Struktur und mein gewohntes Umfeld, dafür aber mit social distancing, all den tagtäglichen Hiobsbotschaften und damit verbundener Verunsicherung und Sorge geschaffen hatte.

Die Mischung macht’s.

Wie so oft ist es schwierig bis unmöglich, manchmal auch unnötig, genau abzugrenzen, woran es denn jetzt eigentlich liegt, dass das jetzt plötzlich besser geht. Meistens interessiert einen dann erstmal einfach nur, DASS es besser geht. Punkt. So war es bei mir oft, nachdem eine depressive Episode vorbei war. Wenn in diesem Zuge die Medikamente aufdosiert worden waren, ich aber selbst auch alles getan und ins Rollen gebracht hatte, damit es mir besser geht, hätte ich manchmal trotzdem gerne gewusst, an was von alldem die Verbesserung nun eigentlich gelegen hat. Meistens war ich aber so froh, erleichtert und dankbar, dass es mir wieder besser ging und Licht am Ende des Tunnels war, dass mir das ehrlich gesagt herzlich egal war. Mittlerweile bin ich überzeugt, dass es immer eine Mischung aus allem ist. Allein auf die Wirkung von Medikamenten zu vertrauen und sich dann ins Bett zu legen und abzuwarten wird ziemlich sicher nicht die erwünschte Wirkung zeigen. Und je nach Schweregrad der Depression reichen leider auch Spazierengehen oder Meditieren allein nicht aus.

Alles schon jesehn, alles schon jehabt?

Ähnlich erlebe ich persönlich die zweite Welle und auch den zweiten Lockdown. Obwohl die pandemische Lage und die Zahlen, die Situation auf den Intensivstationen und die Überlastung des Gesundheissystems sehr viel ernster, besorgniserregender und dramatischer sind als im Frühjahr fühlt es sich für mich nicht so bedrohlich an wie in der ersten Welle. Ein Eindruck, den ein Teil meines Umfelds teilt. Ich denke, dass das nicht ungewöhnlich ist, obwohl man ja meinen könnte, je schlimmer die Lage, desto größer die Ängste und Sorgen. Ich bin weder Unternehmerin noch Ärztin, Virologin, Pflegekraft oder Poltikerin, deswegen kann ich hier nur für die Rolle sprechen, die ich in meiner aktuellen Situation als momentan arbeits- und kinderlose junge Frau und den damit verbundenen Umständen und Herausforderungen gerade innehabe. Und einer der Gründe, warum ich mit der Situation dieses Mal so viel besser umgehen kann, ist meiner Meinung nach schlicht und ergreifend die Tatsache, dass es schon das zweite Mal ist. Dass wir „das alles“ mittlerweile schon „kennen“, schon mal ähnlich erlebt haben. Vielleicht auch die Tatsache, dass ein Impfstoff in Sicht ist. Dass wir sehr viel mehr über das Virus wissen als ganz zu Anfang der Pandemie. Etwas das uns trotz der noch ernsteren Lage als im Frühjahr vielleicht zuversichtlicher sein lässt.

Isolation Creation!

Die Hoffnung, dass es irgendwann ein Ende geben wird, auch wenn es noch nicht in Sicht ist. Vielleicht liegt es auch daran, dass wir in verschiedensten Lebensbereichen in der Zwischenzeit ganz schön kreativ geworden sind, seien es nun virtuelle Treffen mit Freunden und Vorlesungen per zoom, Home Office, kleine süße Gewächshäuser vor einem Café, um die Abstände zu wahren, die digitale Weihnachtsfeier, zu der wir das Menü und den Vino per Paket nach Hause geliefert bekommen und uns dann gemeinsam vor dem PC mit lustigen Weihnachtspullis und Rudolfhaarreifen einen reinstellen und so viele andere tolle Ideen und Umsetzungen, von denen mittlerweile einige schon wieder nicht mehr gehen. Aber der Wille, die Kreativität und die Anpassungs- und Improvisationskunst des Homo sapiens waren und sind auf jeden Fall da.

Ich glaube, all diese Aspekte spielen bei einigen Menschen unserer Bevölkerung, und zwar egal ob psychisch krank/vorbelastet oder nicht, eine große Rolle bei einem besseren Umgang mit der Coronakrise, einer stabileren mentalen Verfassung und vielleicht auch einer größeren Akzeptanz. Genau so gibt es natürlich auch die genau entgegengesetzte Entwicklung, nämlich dass die zweite Welle für den Rest unserer Bevölkerung aus verschiedensten bereits erwähnten Gründen wie den höheren Zahlen, fast nicht mehr tragbaren Überlastungen des Gesundheitssystems, all jener, die an vorderster Front jeden Tag fast Unmögliches leisten und den anhaltenden und wiederkehrenden wirtschaftlichen, finanziellen oder familiären Belastungen als deutlich schlimmer und verheerender erlebt wird oder es auch schlicht und ergreifend ist.

Für jeden ein Päckchen!

Auch wenn diverse persönliche Situationen und die damit einhergehenden Belastungen, Herausforderungen und Einschränkungen natürlich immer höchst individuell sind und nicht einfach über einen Kamm geschoren werden können, so gibt es doch ein paar Dinge, von denen wir alle in gleicher Form betroffen sind. Der neue Lockdown. Die Konfrontation mit den Zahlen, die Unvorhersehbarkeit in so vielen Bereichen, die Ungewissheit, wie, wann und ob das alles enden wird, Kontaktbeschränkungen, Hygienekonzepte, Veränderungen im beruflichen Umfeld. Manche mehr, manche weniger. Die alleinerziehende Mutter, die weiterhin Vollzeit arbeiten kann (oder muss), und zwar aus dem Home Office, deren Kinder nicht mehr in die Schule gehen können und deswegen nur zu Hause sind und sie sich zwischen Kinderbetreuung, Haushalt, Arbeit und der Vermeidung eines damit verbundenen Nervenzusammenbruchs vierteilen muss steht vor anderen Herausforderungen als der Single, der aufgrund seiner Branche nicht mehr arbeiten kann, nur noch zu Hause oder mal kurz im Supermarkt ist und seine Freunde höchstens digital trifft, der sich widerum in einer anderen Situation befindet als die Omi im Altersheim, die seit Monaten keinen Besuch mehr bekommen, ihr Zimmer nur noch im Notfall verlassen darf und der die Einsamkeit mehr zu schaffen macht als all ihre körperlichen Gebrechen zusammen.

Gerade du?!

Und doch beobachten wir völlig unabhängig von den individuellen Menschen und Situationen das Phänomen, dass manche von uns mental sehr viel besser durch diese Krise kommen als andere. Dass sich wider Erwarten sogar jene, von denen man es am wenigsten erwartet hätte, unfassbar schwer tun und am Ende ihrer Kräfte und Kapazitäten sind, während Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen auch ohne Pandemie tagtäglich kämpfen müssen und zumindest augenscheinlich schlechter für Krisenzeiten gerüstet sind als der Rest der Bevölkerung, dieses Jahr verhältnismäßig locker weggesteckt haben und dabei erschreckenderweise sogar noch die Ruhe in Person geblieben sind. Obwohl wir sie in anderen Zeiten, in denen doch scheinbar alles gut war, so verzweifelt, am Boden und hoffnungslos gesehen haben, dass es uns als Angehörigen eine Scheiß-Angst eingejagt und uns hilf- und machtlos zurückgelassen hat. Ich spreche von psychisch kranken Menschen im Allgemeinen. Depressiven Menschen im Speziellen.

Alles hat seinen Zweck.

Margarete Stokowski wirft zu Beginn ihres Artikels (https://www.spiegel.de/kultur/corona-pandemie-was-wir-von-depressiven-lernen-koennen-a-93f4e953-d48d-45e4-bbf8-8426376a5bbc) also zu Recht die Frage in die Runde, was die bisher psychisch gesunden und so stabilen Menschen in unserer Gesellschaft von denen unter uns lernen können, für die diese Pandemie trotz ihrer massiven Wucht und ihres enormen Bedrohungspotenzials einfach nicht mit all den Kämpfen, die wir im Laufe unseres Lebens bisher geführt haben, mithalten kann. Und zwar nicht mal annähernd. Die wir uns über Jahre oder Jahrzehnte hinweg Überlebens- und Bewältigungsstrategien angeeignet haben, um diese Täler immer wieder auf’s Neue zu durchwandern. Ein kunterbuntes und hart erarbeitetes Repertoire an Ressourcen und Tools aus unseren schwärzesten Zeiten, die uns nun zu Gute kommen und uns in manchen Hinsichten einen gewissen Vorteil gegenüber den weniger Krisenerfahrenen unter uns verschaffen können.

Eine aus diversen inneren Krisen entstandene Resilienz, die dieser globalen Krise im Außen nun unerschrocken die Stirn bietet.

Eine Krisenfestigkeit, die uns einen Puffer zwischen unserem Seelenheil und der aktuellen Bedrohung im Außen verschafft.

Die Entwicklung einer solchen Krisenfähigkeit setzt die Erfahrung mit und das Durchleben von Krisen voraus. Theorie reicht hier nicht. Ohne Krise keine Krisenfähigkeit. Je mehr Krisen wir überstanden haben, desto besser wird diese. Desto größer ist unser Erfahrungsschatz.

Wir mögen in akuten depressiven Phasen nicht die besten Ansprechpartner*innen für „5 Gründe warum ich es liebe, morgens wie ein junges Reh aus meinem Bett zu hüpfen“ sein.

Aber wir haben gelernt zu akzeptieren, dass das Reh auch mal liegen bleiben darf.

Wie es sich während dieser Zeit nicht wund liegt.

Und wir wissen aus Erfahrung, dass es bisher noch jedes Mal irgendwann wieder weiter gehüpft ist.

******FORTSETZUNG FOLGT******

Vom Nirwana der Nüchternheit – Reloaded

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Heidelberg, Juni 2013.

Da ich gerade leider überhaupt keine Zeit für einen neuen Blogartikel habe, weil mein erster Online-Schreibkurs seit letzter Woche in vollem Gange und auch für die Uni viel zu tun ist, werde ich, nachträglich zu meinem 3-jährigen Abstinenzjubiläum am 24. September 2020 noch einmal meinen Artikel aus dem letzten Jahr posten, den manche von euch, die später dazugekommen sind, vielleicht ja noch nicht gelesen haben. Die anderen haben ihn vielleicht schon wieder vergessen und können ihn nochmal lesen oder müssen sich noch etwas gedulden bis zum nächsten Artikel.

Eine Sache möchte ich allerdings nochmal ergänzen und betonen:

Ich weiß, dass meine Entscheidung, keinen Alkohol mehr zu trinken, weder im Exzess noch in Maßen, und die Tatsache, dass ich es seit meiner Entscheidung vor drei Jahren ohne nur einen einzigen Rückfall durchgezogen habe, eine der wichtigsten und vor allem richtigsten Entscheidungen meines Lebens war. Dass ich ohne nüchtern zu bleiben niemals dort wäre, wo ich jetzt bin. Nämlich seit zwei Jahren stabil und in der Lage, mit den Phasen meiner Erkrankung umzugehen, egal ob depressiv oder hypoman. Dass ich diese Stabilität nie erreicht hätte, wenn ich so weiter getrunken hätte. Dass sich manch andere*r und nicht zuletzt ich selbst noch vor drei Jahren, auch noch in der letzten Clubnacht vor meinem Klinikaufenthalt 2017, nicht hätte vorstellen können, dass ich von einem auf den anderen Tag aufhören würde, Alkohol zu trinken und zu eskalieren. So als hätte ich es nie getan. Aber genau so ist es nun seit über drei Jahren. Darauf bin ich verdammt stolz und so unendlich dankbar. Ich war nie wacher, klarer und mehr bei mir. Darüber nachdenken, wo oder ob ich heute wäre, wenn ich mich anders entschieden hätte, tue ich nicht.

Denn was zählt ist jetzt.

Hier kommt also nochmal der Artikel vom 10. November 2019.

Schüchterne Stabilität

Ich bin zum ersten Mal seit meiner Diagnose und auch zum ersten Mal in den vergangenen zehn Jahren seit ziemlich genau einem Jahr weitestgehend stabil. Mit stabil meine ich nicht „ohne Ausschläge nach oben oder unten“. Die gab es auch dieses Jahr. Sowohl nach unten als auch nach oben. Da gab es die relativ kurze und gleichzeitig nicht zu verachtende hypomane Phase im Frühjahr, die ich relativ schnell in den Griff bekam und währenddessen getroffene Entscheidungen und ihnen folgende Handlungen glücklicherweise wieder rückgängig machen konnte, bevor sie längerfristigen Schaden anrichteten. Und auch einige depressive Episoden gab es über das Jahr verteilt, von denen fast alle durch vorangegangene Stresssituationen entstanden waren. Da ich mittlerweile weiß, dass diese Phasen zu mir gehören und kommen und gehen, bedeutet „stabil“ für mich, dass diese stetig wiederkehrenden Auf’s und vor allem Ab’s verhältnismäßig geringer ausgeprägt waren und kürzer ausfielen, als sie das schon getan hatten. Und ich selbst während dieser akuten Phasen, wenn auch unter deutlich größerer Anstrengung und daraus resultierender Erschöpfung, meinen Alltag bewältigen, zur Arbeit gehen, für mich selbst sorgen und meine sozialen Kontakte, wenn auch manchmal vermindert, pflegen konnte. Wusste, was mir in diesen Momenten gut tun würde und genau das tat, um wieder in Richtung Mitte zu gelangen. Aus eigener Kraft und mithilfe all des Wissens, das ich mir in den letzten Jahren angeeignet hatte.

Eine Frage des Lebensstils?

Dieses Jahr der „Stabilität“ bedeutet mir unglaublich viel. Und es macht mich auch in gewisser Hinsicht ganz schön stolz. Weil ich weiß, dass ich diesen Zustand neben einer regelmäßigen und konsequenten Medikamenteneinnahme zu einem großen Teil den Anpassungen meines Lebensstils und Alltags, dem Bewusstwerden meiner Bedürfnisse und deren Erfüllung, dem Erkennen meiner Grenzen und deren Verteidigung zu verdanken habe. Bei mir zu bleiben, selbst wenn es im Außen mal zerrt und schubst und drängt. Gut auf mich zu achten, vor allem, wenn es mir nicht gut geht. So wie ich mich auch um eine gute Freundin oder einen guten Freund kümmern würde. Nicht zu streng zu mir zu sein. Selbstmitgefühl zu haben. Klar abgegrenzt von Selbstmitleid. Verstehen und akzeptieren, dass ich nicht perfekt bin und es auch nicht sein muss. Dass das niemand ist. Egal ob Bipolar oder nicht. Und dass das okay ist. Dass wir alle Menschen sind.

Darauf trinken wir nicht!

Der 24. September dieses Jahres war ein ganz besonderer Tag für mich. Ein zweijähriges Jubiläum. Am Samstag des Wochenendes bevor ich 2017 in die Klinik ging, hatte ich zum letzten Mal Alkohol getrunken. Selbstmedikation. In der Hoffnung, diesen quälenden Zustand wenigstens für eine kurze Zeit überwinden zu können und den verheerenden immer schwindelerregender Gedankenspiralen für ein paar Stunden zu entkommen. Sich abwechselnden Schmerz, Traurigkeit, Hoffnungslosigkeit, Qual und Verzweiflung betäuben zu können. Einfach vergessen, was da gerade mit mir passierte. Vergessen waren am nächsten Morgen lediglich sämtliche Details des vorherigen Abends. Alles andere war immer noch da. Knallte mit noch stärkerer Wucht in mein Bewusstsein, noch bevor ich morgens verkatert die Augen öffnete.

Seit jenem Abend am 24. September 2017 habe ich keinen Tropfen Alkohol mehr angerührt. Und ich weiß, dass das auch so bleiben wird. Entgegen einiger Meinungen und nicht erwähnenswerter Kommentare von unwichtigen Menschen in einem der Vergangenheit angehörenden Umfeld. Einer der Vergangenheit angehörenden Lebensphase. „Lisa trinkt keinen Alkohol mehr, ja, genau!“. Mein über die Jahre anscheinend äußerst erfolgreich etabliertes Partyanimal-Image stellte sich als ziemlich hartnäckig heraus. „Find ich ja ganz cool, aber du wirst bestimmt irgendwann in deinem Leben mal wieder was trinken, ’n Sektchen zu Silvester oder so“. Der Blick und Kommentar des Supermarktverkäufers, den ich nach dem Regal mit dem alkoholfreien Sekt fragte: „Wer trinkt denn so was?“ Erst als ich ihm trocken entgegnete, dass ich schwanger sei, war sein kleines beschränktes Weltbild wieder hergestellt. Sein grunzendes Lachen sprach Bände der Erleichterung.

Rausch als Regel?

Frühere Partybekanntschaften, die „ganz sicher nicht mit Wasser anstoßen“ würden. „Komm, jetzt trink doch was mit! Ein Bier geht doch!“. „Wie, du bist jetzt gerade komplett nüchtern?? Nicht mal Emma oder so? Hätte hier noch ’nen Joint?“- „Wie hältst du das hier nur nüchtern aus…“ Partys mit Leuten oder Musik, die mir nicht zusagten und die ich mir früher vermutlich schön getrunken hätte, verließ ich frühzeitig oder ging einfach nicht hin. Ohne seitdem jemals das Gefühl gehabt zu haben, etwas zu verpassen. Gut gemeinte Solidaritäts-Versuche à la „Ich trinke heute auch einfach mal nichts“, die in den seltensten Fällen erfolgreich waren. War wohl doch nicht ganz so einfach. Die Erkenntnis, dass Alkohol trinken weitaus mehr zu unserer Gesellschaft gehört und von ihr akzeptiert wird, als keinen Alkohol zu trinken. Dass du dafür eine Erklärung brauchst. Und dass du, wenn du nicht gerade schwanger oder trockene/r Alkoholiker/in bist, manchmal ganz schön schlechte Karten haben kannst. Allerdings nur bei Gegnern. Nicht bei Mitspielern.

Diese stellten in dieser Übergangsphase und auch bis heute zum Glück die deutliche Mehrheit dar. Größtenteils bin ich in meinem sozialen Umfeld, in meiner Familie und meinem engen Freundeskreis sowieso, ausschließlich auf Verständnis, Unterstützung und vor allem auch Respekt gestoßen. Meine Familie, die ohne Nachfragen und nur aus Solidarität auch immer mal wieder über längere Zeit keinen Alkohol trinkt. Freunde, die bei einem gemeinsamen Essen nachfragen, ob es in Ordnung ist, wenn sie Alkohol trinken. Obwohl ich niemals auch nur daran gedacht hätte, diese Frage mit Nein zu beantworten geschweige denn es verlangen würde. Die trotzdem jedes Mal auf’s Neue fragen. Und es manchmal auch ohne Fragen einfach nicht tun und mit mir das alkoholfreie Alsterwasser teilen. Bekannte, die ich nur ab und zu sehe, die es sich trotzdem gemerkt haben und mir seitdem nie wieder Alkohol angeboten haben. Bis heute kenne ich genau eine einzige Person in meinem gesamten sozialen Umfeld, die wie ich komplett abstinent lebt. Der Austausch mit ihr gibt mir viel.

Bin ich (nicht) auch nur ein Mensch?

Mein absoluter Favorit der Reaktionen im Außen ist und bleibt der Kommentar eines Arztes in der Klinik, nachdem er mich gerade über die Wechselwirkungen meiner gerade neu aufdosierten Medikamente mit Alkoholkonsum aufgeklärt hatte. Mit seinem eigentlich so sympathischen und immer etwas spitzbübischen Grinsen blinzelte er mich sichtlich vergnügt durch seine lustige Hipsterbrille an und verpasste seiner Aufklärung über die unendliche Liste der negativen Auswirkungen von Alkoholkonsum sowohl auf mein Krankheitsbild aus auch die lebenslange Medikamenteneinnahme eine bühnenreife Pointe: „Aber Frau Waldherr, genau wie Sie selbst weiß natürlich auch ich, dass Sie halt nur ein Mensch sind und auch mal wieder feiern und Alkohol trinken werden.“ Natürlich! Wer keinen Alkohol trinkt ist schließlich auch kein Mensch!

Duell der Substanzen

Aber in gewisser Hinsicht hatte er tatsächlich Recht. Keiner der Menschen, die ich kenne, die mit verschiedenen Arten von psychischen Erkrankungen zu tun haben – und das sind mittlerweile einige – verzichtet auf Alkohol. Vorweg ist es mir an dieser Stelle wichtig, klar zu machen, dass jeder Mensch für sich selbst und für sein eigenes Glück verantwortlich ist, jeder machen kann und soll, was er will, für sich selbst entscheiden sowie die Verantwortung und Konsequenzen seiner Handlungen und seines Verhaltens tragen muss. Und trotzdem erstaunt es mich doch immer wieder, dass anscheinend kaum jemand Bedenken dabei hat, Medikamente, die so unmittelbar und kontinuierlich in unseren Hirnstoffwechsel eingreifen und dort sämtliche Wirkmechanismen, die uns das Leben retten können oder es bereits mehrmals getan haben, entfalten, mit Alkohol oder anderen natürlichen oder chemischen bewusstseinsverändernden Substanzen zu kombinieren. Und sich dann fragen, warum sich ihre Depressionen verschlimmern oder immer wiederkehren, sie in eine Manie schlittern oder Psychosen entwickeln. All das niemals in Verbindung mit ihrem Konsum bringen würden und vor allem nicht wollen. Denn es macht ja Spaß. Und tut in dem Moment doch auch gut. Oder nicht? Die Magie des Moments ist trügerisch. Und all zu schnell verflogen. Ich habe über längere Zeit hinweg so gerne, wild und exzessiv getrunken und gefeiert, dass es weh tat. Allerdings nicht nur am nächsten Morgen.

Vorhang auf!

Ich empfinde es als schmalen Grad, meine Zeilen hier nicht einer Moralapostelei zuzuordnen. Das sollen sie keineswegs sein. Meine Motivation, diesen Blog zu schreiben, besteht zu einem großen Teil darin, meine Erfahrungen, sowohl die negativen als auch die positiven, möglichst genau zu schildern. Die Erkenntnisse, die ich in verschiedenen Bereichen und Hinsichten für mich über einen langen Zeitraum gewonnen habe. Die Schlüsse, zu denen ich irgendwann, manchmal mehr, manchmal weniger schmerzhaft, gekommen bin. Konsequenzen, die ich letztendlich gezogen habe. Ziehen musste, um mich selbst zu schützen. Manchmal gegen meinen Verstand. Manchmal gegen mein Herz. Und trotzdem weiß ich, dass manche von ihnen für mich überlebenswichtig waren. Es nach wie vor sind. Und auch bleiben werden. Es gibt Aspekte der bipolaren Erkrankung, wie wir weder als Betroffene noch als Angehörige beeinflussen können. Die sich unserer Macht entziehen. Genau so gibt es aber auch viele Bereiche, die wir durch unser eigenes Verhalten und unsere Lebensweise positiv beeinflussen, uns unserer Selbstwirksamkeit bewusst werden können. Erkennen, dass wir nicht wie hilflose Marionetten von der Krankheit durch unser Leben geschleift werden müssen, sondern in den allermeisten Fällen zumindest einige der Fäden noch selbst in der Hand halten. Sie vor dem Absturz bewahren können, auch wenn sie mal nur noch an einem Faden hängen. Die Figuren tanzen lassen können. Es liegt an uns, diese Fäden in der Hand zu behalten.

Selbstmedikation vs. Komorbidität

Einer dieser Fäden ist meiner Meinung nach der Konsum von Alkohol und anderen bewusstseinsverändernden Substanzen. Weswegen es mir so wichtig ist, diesem Thema hiermit einen eigenen Artikel zu widmen. In naher Zukunft wird ein Artikel folgen, der sich nicht wie dieser meinen persönlichen Erfahrungen diesbezüglich widmen, sondern die wissenschaftliche Hintergründe der Thematik beleuchten wird. Diverse Fachliteratur zur bipolaren Erkrankung legen die Vermutung nahe, dass bipolare Erkrankungen in Kombination mit regelmäßigem und/oder übermäßigem Alkoholkonsum äußerst schwer unter Kontrolle zu bekommen sind und eine langfristige stabile Stimmungslage unter dessen Einfluss sehr viel unwahrscheinlicher ist. Dass sämtliche bewusstseinsverändernde Substanzen den Verlauf der Erkrankung negativ beeinflussen können. Wobei außerdem erwähnt werden muss, dass eine Unterscheidung zwischen exzessivem Trinken als Selbstmedikation oder Symptom während einer depressiven oder (hypo-)manen Phase einerseits und Alkoholmissbrauch oder -sucht als Komorbidität (eine Begleiterkrankung der Grunderkrankung (in diesem Fall die bipolare Erkrankung), die diagnostisch klar voneinander abzugrenzen sind) andererseits sehr schwer und der Übergang oft fließend ist.*

* Die in diesem Abschnitt aufgeführten wissenschaftlichen Hintergründe habe ich mir im Laufe der letzten Jahre aus diversen Quellen angelesen und für diesen Artikel mit bestem Gewissen aus meinem Gedächtnis zusammengetragen, ohne die Quellen aktuell noch vorliegen zu haben. Da es sich bei diesem Blogbeitrag außerdem nicht um eine wissenschaftliche Arbeit handelt, werde ich hier keine Quellen zitieren. Deswegen besteht bezüglich dieses Abschnitts allerdings auch kein Anspruch auf wissenschaftliche Vollständigkeit. Im bereits angekündigten Artikel über die wissenschaftlichen Hintergründe der bipolaren Erkrankung werde ich dies nachholen.

Jede Jagd hat ein Ende

Rückblickend kann ich dazu einfach nur sagen, dass sich meine Hochs und Tiefs in keiner Zeit so erbarmungslos und unberechenbar jagten wie in den Jahren, in denen ich regelmäßig und überdurchschnittlich viel Alkohol konsumiert habe. Nie wieder so hoch geflogen bin. Und auch nie wieder so tief gefallen.

Eine allmähliche Stabilisierung meiner Stimmungslage begann erst, nachdem ich am 24. September 2017 meine Entscheidung für ein abstinentes Leben getroffen hatte.

Für keinen Rausch der Welt würde ich diese jemals wieder auf’s Spiel setzen.

Man könnte fast meinen

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Antidepressiva für Android

Vielleicht liegt es daran, dass mein Algorithmus auf dem Handy durch alles zum Thema psychischer Gesundheit und psychischer Erkrankungen, was mich nun mal interessiert und was ich mir gerne durchlese, mittlerweile selbst schon total depressiv ist und mir nur noch Artikel darüber anzeigt, was Corona mit unserer Psyche macht, bisher gemacht hat und noch machen wird und welche negativen Auswirkungen all das Hin und Her und die soziale Isolation und die Unsicherheit auf die menschliche Psyche haben wird und welch schreckliche Langzeitfolgen uns drohen werden. Und wie viel schlimmer es dieses Mal ist, nicht nur, weil die Zahlen viel höher sind als bei der ersten Welle, sondern weil da wenigsten Frühling war und es jetzt einfach nur kalt und nass und dunkel ist. November halt. Wenn man nicht vorher schon depressiv war, dann haben manche dieser Artikel auf jeden Fall sehr großes Potenzial, den mentalen Verfall beeindruckend zu beschleunigen. Ganz ohne Fake-News und Mopo. Warum das nicht sein muss und welche Rolle unsere Sichtweise auf das Ganze auch hier mal wieder spielt, gibt’s im zweiten Teil des Artikels zu lesen. Denn auch wenn wir uns das noch so sehr wünschen, wird aus Herbst, kalt und dunkel nicht plötzlich Frühling und Vogelgezwitscher und Maiglöckchen.

Sehe ich. Anders.

Versteht mich nicht falsch, viele dieser Dinge treffen natürlich zu und dürfen keineswegs auf die leichte Schulter genommen werden. Das steht für heute allerdings auf einem anderen Blatt geschrieben. Nach einer kurzen Bestandsaufnahme möchte ich den zweiten Teil dieses Artikels nutzen, um uns Mut zu machen, die Dinge vielleicht von einer anderen Perspektive zu betrachten, die trotzdem realistisch und nicht verleugnend ist, mit der es uns aber etwas besser geht. Tag für Tag und Schritt für Schritt leben. Trotzdem, ja, immer noch und weiterhin, versuchen, uns auf die positiven Dinge im Alltag und erstmal der Gegenwart zu konzentrieren, auch wenn sie noch so klein sind. Auch wenn wir vielleicht echt die Schnauze voll davon haben, immer noch in einem riesigen Haufen Müll nach etwas doch noch Brauchbarem zu suchen. Und mittlerweile zu der Erkenntnis kommen durften, dass wir uns eben nicht zu allem Übel auch noch selbst unter Druck setzen sollten, das Beste aus einer Pandemie machen und am besten mit diversen Koch-, Back- und Schrankaussortierskills gestärkt, durchtrainiert und wie ein neuer Mensch aus ihr hervorgehen müssen. Alles legitim.

Keinen Bock mehr auf die ganze Corona-Scheiße mehr haben, dieses Wort am liebsten nie wieder hören, sehen oder schreiben zu müssen und uns einfach nur wünschen, dass es vorbei ist. Unser altes Leben zurückhaben wollen, manche Dinge schmerzlich vermissen und uns einfach nicht damit abfinden wollen, dass wir gerade nicht alles haben können, was wir wollen, auch wenn wir wissen, dass Krieg oder Flüchtlingslager schlimmer sind als Couch und Home Office. Auch all das ist mehr als legitim.

Worry-Windowshopping

Aber ganz ehrlich? Es kann mir keiner von euch erzählen, dass es euch besser damit geht, wenn ihr euch all diese Dinge die ganze Zeit bewusst macht und darüber nachdenkt, was alles gerade nicht geht, was fehlt und was scheiße ist. Vielleicht können wir hier einen Kompromiss finden, der daraus besteht, diese negativen Gedanken, Gefühle und Reaktionen zuzulassen und ihnen für eine gewisse Zeit Raum zu geben. So wie es uns ja immer so fein geraten wird, Achtsamkeit und so, blaaaa blubb. Ich halte sehr viel von Achtsamkeit und vielem, was damit zusammenhängt und es ist schon lange ein Teil meines Lebens, der sehr positiv zu meiner psychischen (und physischen) Gesundheit beiträgt. Aber: Wir müssen keineswegs alles freundlich begrüßen. Es reicht auch mal, sich etwas einmal kurz anzuschauen und dann zu beschließen, dass wir gerade keinen Bock darauf haben und deswegen auf dem Absatz wieder kehrt machen. Worry-Windowshopping sozusagen. Dass wir jetzt gerade nicht die Ressourcen und Kapazitäten haben, uns das zu leisten. Und dass wir ja aber wiederkommen können, wenn wir wollen und es vielleicht besser passt. Wir haben also einmal reingeguckt und schlendern weiter zum nächsten Fenster, in dem es vielleicht besser aussieht. Dessen Auslage uns besser fühlen lässt, wir deswegen den Laden betreten, um uns ein bisschen umzuschauen. Und vielleicht sogar etwas mitzunehmen.

Kollateralschaden der Seele

Ich selbst habe es während des ersten Lockdowns am eigenen Leib erfahren, als ich mich, kurz bevor die erste Welle so richtig in Schwung kam, dummerweise schon in einer depressiven Phase befunden hatte und dementsprechend schlecht gewappnet war für die mentale Herausforderung, die die Pandemie, der Lockdown, die Isolation, die Arbeitslosigkeit und das plötzliche Wegfallen sämtlicher Strukturen so mit sich brachte. Und ich finde, die Tatsache, dass all das, was da gerade in und mit unserer Welt und unserem Leben passiert, uns nicht kalt lässt, zeigt, dass wir menschlich sind. Wäre es nicht ziemlich erschreckend und traurig, wenn es anders wäre? Ich finde schon. Und ich bin auch der Meinung, ohne die Auswirkungen auf ALLE Menschen zu vernachlässigen, dass psychisch kranke Menschen oder Menschen mit bestimmten psychischen Belastungen oder Vorerkrankungen genau so zur Risikogruppe von Corona zählen wie Menschen mit physischen Vorerkrankungen. Deren Gefährdung nicht in erster Linie durch den, im Falle einer Ansteckung, Verlauf oder die Folgen des Virus, sondern in den Umständen besteht, unter denen wir unser Leben gerade zwangsläufig führen müssen. Es kursieren seit Monaten diverse Studien und Statistiken über eine Zunahme von psychischen Belastungserscheinungen, Depressionen, etc. im Netz, auf die ich mich hier aber nicht berufen möchte, weil ich nicht sicher bin, wie verlässlich sie sind. Aber dass fast alle das gleiche sagen, könnte uns zum Nachdenken bringen. Einerseits will ich hier heute keine Worst-Case-Szenarien kreieren, aber einfach wegschauen hilft bekanntlich auch nicht. Deswegen meine Frage hier: Macht es einen Unterschied, ob ein Mensch am Virus selbst oder durch Suizid als Kollateralschaden der Pandemie stirbt? Diese Frage muss sicher jeder für sich beantworten, aber danach können wir vielleicht nochmal über die Risikogruppen nachdenken.

Ist das noch im Rahmen?

Eine der wichtigsten Komponenten für eine langfristige Stabilität, sowohl bei unipolaren als auch bei bipolaren Depressionen, sind einigermaßen feste Strukturen. Eine gewisse Regelmäßigkeit im Alltag, gewisse Wochen- und Tagesabläufe. Einer Tätigkeit nachzugehen, eine Aufgabe zu haben, die einem Spaß macht oder die man zumindest als sinnvoll empfindet, sei es ein Job oder ein Ehrenamt oder was auch immer. Die meisten Menschen ziehen sich in einer Depression zurück, weil sie keinen Antrieb mehr haben, ihnen alles zu viel wird, sie einfach nur erschöpft sind, anderen nicht zur Last fallen wollen…es gibt tausende Gründe. Ausnahmen bestätigen die Regel, ich gebe hier wieder, wie ich es von mir und allen anderen Menschen in meinem Umfeld kenne, die mit Depressionen zu kämpfen haben oder hatten. Dies kann bis zur vollständigen Isolation gehen, in der man nicht mehr aufsteht, nicht mehr das Haus verlässt, einfach gar nichts mehr macht. Und in den allerallermeisten Fällen ist das überhaupt gar nicht gut. Lässt einen noch viel tiefer fallen, sich noch verlorener, hoffnungsloser und verzweifelter fühlen. Ganz allein mit seinen Gedanken, Gefühlen und Ängsten.

Mir fehlt was, was dir auch fehlt

Auch wenn jeder*r von uns andere Bedürfnisse haben mag, was das Ausmaß und die Intensität unserer sozialen Interaktionen angeht, ob wir gut und gerne allein sein können und uns ein paar wenige enge gute Freundi*nnen reichen, um uns wohl und als Teil von etwas zu fühlen, oder ob wir am liebsten ständig unter Leuten, am besten vielen auf einmal, und gar nicht gerne alleine sind, der Mensch ist und bleibt ein soziales Wesen. Soziale Kontakte, Nähe und Berührungen gehören zu unseren Grundbedürfnissen wie Essen, Trinken und Schlafen, auch wenn wir das Bedürfnis nach menschlicher (oder tierischer?) Nähe vielleicht nicht so unmittelbar spüren wie Hunger, Durst und Müdigkeit. Und unser Körper durch das Fehlen eben jener nicht innerhalb von ein paar Stunden rebelliert, wie wenn wir nichts zu essen bekommen, sondern dafür ein bisschen länger braucht und sich anders äußert.

Gut isoliert und doch so kalt

Aber zurück zum Thema: Darüber dass soziale Isolation auf Dauer weder für psychisch gesunde oder im Moment stabile noch für psychisch kranke und/oder vorbelastete Menschen gut ist, sind sich die meisten von uns wahrscheinlich einig. Ich möchte hier aber gerne nochmal den Bogen zum vorletzten Absatz schlagen: Den Einfluss, den die Umstände, die Einschränkungen und Veränderungen in unserem Leben, die die Pandemie mit sich bringt, auf bereits vorhandene psychische Krankheiten oder Beeinträchtigungen haben. Wenn eine feste Alltagsstruktur und ein stabiles soziales Netz wie oben erwähnt so elementar für den Verlauf von beispielsweise Depressionen sind, sowohl rehabilitativ als auch präventiv, dann ist das ehrlich gesagt ganz schön kontraproduktiv, wenn Betroffene coronabedingt nun dazu gezwungen sind, Dinge zu tun, die sie eigentlich gelernt haben, zu vermeiden, weil sie wissen, dass sie negative Auswirkungen auf ihre Erkrankung hat.

Wenn der Zwang plötzlich Alltag ist

Eine der ersten Fragen, die im Frühjahr so alle in meinem Kopf umherspukten, war, wie es wohl Menschen mit Zwangsstörungen gerade ergeht. Ich stellte mir vor, wie ein Mensch mit Waschzwang vielleicht über die Zeit mühsam gelernt hat, diesen in den Griff zu bekommen und sich nicht mehr ständig wie ferngesteuert die Hände zu waschen. Der sich jetzt plötzlich am besten den ganzen Tag die Hände waschen soll, mit ganz viel Seife und ganz gründlich, inklusive Fingernägel und mindestens 20 Sekunden, besser vielleicht 30 und dann bitte noch möglichst oft desinfizieren. Alle Behandlungserfolge zu Asche zu Staub. Oder Menschen mit Hypochondrie und (Krankheits-)phobien, jemand, der vielleicht schon sein halbes Leben lang mit einer Virus- oder Pandemiephobie kämpft und dessen schlimmster Albtraum gerade wahr wird. Das sind Gruppen, genau so wie die Opfer von häuslicher Gewalt oder Suchtkranke (wie beispielsweise trockene Alkoholiker) während des Lockdowns einer ganz anderen und sehr viel höheren Gefahr einer Verschlimmerung ihrer Situation oder eines Rückfalls ausgesetzt sind, die zwischen all unseren individuellen Sorgen, Ängsten und Herausforderungen oft untergehen. Die Liste könnte man hier noch endlos weiterführen, aber ich möchte nach wie vor in der Tiefe nur über das schreiben, mit dem ich mich wirklich auskenne. Zu anderen Themen sollen wenn dann nur Betroffene selbst in Form eines Gastartikels berichten, da habe ich für die Zukunft schon einiges in petto, worauf ihr gespannt sein dürft. Also soll es hier heut um psychisch erkrankte Menschen, im Speziellen Betroffene von Depressionen gehen.

Nix wie rauf auf den Deich!

Soziale Isolation kann sowohl Ursache als auch Symptom einer Depression sein. Und nun sollen sich Betroffene sozial isolieren. Je nach Tätigkeit, die sie gerade ausgeübt haben, verändern sich diese und ihr Alltag dadurch eventuell total, oder die Struktur, die so ein Job unserem Alltag in der Regel immer auf eine gewisse Art und Weise gibt, bricht von einem auf den anderen Tag komplett weg. Selbst wenn sich Betroffene nicht in einer akuten Phase befinden, werden sie dadurch zwangsläufig und ungefragt in Verhaltensmuster und Situationen gedrängt, die sie sonst nur aus ihren depressiven Phasen kennen. Rückzug. Keine Struktur im Alltag. Morgens nicht aufstehen müssen. Das dann auch nicht tun. Und so weiter und so fort. Genau darin besteht die Gefahr. Immer mehr bringen diese Herausforderungen nicht nur psychisch kranke Menschen, sondern auch den Rest der Menschheit, die mit psychischen Belastungen in ihrem Leben bisher noch nicht so viel am Hut hatten, an ihre Grenzen. Wenn langsam selbst die mentalen Felsen in der Brandung unserer Gesellschaft Halt zu verlieren drohen, wird vielleicht klar, in welch heftigem Sturm sich die von uns gerade befinden, die mit einem weniger stabilen Fundament ausgestattet sind. Und die Wellen sie kommen und kommen.

Erste Selbsthilfe

Wie immer versuche ich bei den Worten, die ich schreibe, einen so vorsichtigen und sensiblen Umgang wie möglich zu erreichen und möchte deswegen an dieser Stelle sagen, dass das, was ich im Folgenden schreibe, in erster Linie nicht für akute und schwere depressive Episoden gedacht ist. Weil dann schon ein Punkt erreicht ist, wo solche Verhaltensweisen, Denkmuster oder Sichtweisen nicht mehr möglich sind oder nicht funktionieren. Wo fremde, meist professionelle Hilfe nötig ist. Hier geht es um Selbsthilfe. Und uns selbst helfen können wir nur dann, wenn wir stabil genug sind, um auf Ressourcen und Tools zurückgreifen zu können, die wir uns über die Zeit erarbeitet und geschaffen haben.

Ich möchte mit meinen Erzählungen und Vorschlägen von dem, was mir aktuell hilft, trotz Arbeitslosigkeit, fehlender Struktur von außen, Lockdown und sozialer Isolation mit der Situation umzugehen, gut für mich zu sorgen und stabil zu bleiben, keineswegs jemanden unter Druck setzen, dem all das gerade einfach nicht möglich ist, sondern lediglich meine persönlichen Erfahrungen weitergeben, die anderen Betroffenen vielleicht auch helfen können. All das wäre mir mitten in der akuten depressiven Phase im Frühjahr nicht in dieser Form möglich gewesen, weil ich teilweise weder die Kraft noch den Antrieb gehabt hätte. Jetzt befinde ich mich gerade seit Längerem in einer sehr stabilen Phase, was einerseits an all dem liegt, was ich dafür tue und andererseits all das, was ich tue wiederum so viel leichter fallen lässt, als wenn es mir schlecht geht.

Ein Engelskreis sozusagen. Losgelöst von jeglicher Religiosität.

***FORTSETZUNG FOLGT***

Wo Großhartzigkeit klein geschrieben wird.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Jeder für sich

Es ist eine Sache, aufgrund von Corona seinen krisensicheren Job vorerst aus dem Home Office ausüben zu müssen. Was, versteht mich bitte nicht falsch, ganz bestimmt diverse andere und nicht minder schwierige Herausforderungen mit sich bringt und das vor allem im Frühjahr tat, als Schulen und Kindergärten geschlossen waren, die gesamte Familie zusammen zu Hause war und die Eltern oder alleinerziehende Mütter und Väter irgendwie ihre eigene Arbeit von zu Hause aus, den Haushalt, die Kinderbetreuung und zusätzlich noch einen Teil des Home Schoolings übernehmen oder zumindest beaufsichtigen mussten. Es ist eine Sache, wenn man aufgrund von Corona nicht mehr 100 % arbeiten kann und vorübergehend auf Kurzarbeit ist. Bisher ein ganz passables Gehalt bezogen hat und nun zwar finanziell etwas kürzer treten, aber noch nicht auf die Butter verzichten muss, weil die nicht mehr drin ist. Vielleicht einen Arbeitgeber hat, der es sich leisten kann, seinen Angestellten das Kurzarbeitergeld auf das bisherige Gehalt aufzustocken. Auch wenn man auf 0 ist.

Von 100 auf 0

Es ist eine andere Sache, wenn man in der Gastronomie arbeitet und erstmal wieder gar nicht arbeiten kann. Wie in dieser Branche nicht unüblich eigentlich vom Trinkgeld lebt. Nach Abzug der Fixkosten kaum mehr etwas übrig bleibt. Und jetzt auf Kurzarbeit 0 ist. Von den 70 Prozent des bisherigen Nettoentgelts, die ab dem vierten Monat KUG dessen Berechnung zugrunde liegen, könnte man sich nicht mal den winterfesten Schlafsack für’s Campen in einem Zelt 50 km außerhalb der Stadt leisten. Wenn es nicht so dramatisch wäre, wäre es fast schon lustig. Was bei einem geschlossenen Laden an Trinkgeld übrig bleibt, kann man sich ja recht schnell ausrechnen. Selbst schuld, wer in der Gastro arbeitet?

You cannot leave your head on!

Aber selbst das kann mich mittlerweile nicht mehr umhauen. Man lernt schließlich nie aus. Nachdem ich durch das vereinfachte und unbürokratische Verfahren während des ersten Lockdowns im Frühjahr mehrere Monate auf das Geld vom Jobcenter warten und alle zwei Tage eine andere noch fehlende Unterlage nachreichen durfte, von deren Relevanz sie offensichtlich erst nach dem Eintreffen der von ihnen im Brief davor eingeforderten Unterlagen erfahren hatten, und einmal einen kompletten Identitätsstriptease hinlegen musste, dachte ich mir dieses mal, ha! Ich kenn mich ja jetzt aus! Und schickte ihnen direkt am ersten Tag des Lockdown Lights die über zwanzig Anhänge, die sich im Laufe des ersten Verfahrens angesammelt hatten, inklusive einer mehr als ausführlichen Mail, in der ich alle angehängten Dokumente noch einmal auflistete und erklärte. Gott, war ich organisiert! So musste sich erwachsen sein anfühlen!

Finde den Anhang!

Zwei Tage später waren bereits zwei Briefe vom Jobcenter im Briefkasten. In dem einen befand sich ein lupenreiner Copy & Paste von der Liste, die ich ihnen in meiner Mail mitgeschickt hatte, versehen mit einem Ausdruck des Bedauerns darüber, dass sie leider all diese Dokumente nicht erhalten hätten. Kurz danach hatten sie aber wohl festgestellt, dass sich Anhänge, wie deren Name schon sagt, tatsächlich meistens im ANHANG der Mail befinden und direkt noch einen Brief hinterhergeschickt, in dem all diese Dokumente jetzt wohl doch nicht mehr fehlten, dafür aber dann doch noch ein paar andere, von denen noch nie zuvor jemals die Rede gewesen war. Außerdem würden sie gerne wissen, ob ich denn noch eine andere Tätigkeit ausüben würde als die von mir angegebenen. Dass mir das aber auch keiner gesagt hat! Dann muss ich wohl all die anderen Nebenjobs, die ich noch heimlich ausübe, auch noch auflisten. Die sind aber auch gemein! Und die Lohnabrechnung für November bräuchten sie natürlich noch, am besten jetzt gleich. Es ist Anfang November.

Paket der besonderen Art

In den Medien hieß es zu Beginn des zweiten Lockdowns erst wieder, es werde nicht nur einen vereinfachten und unbürokratischen Zugang zum Antrag von Hartz 4 geben, sondern es wird außerdem vorerst auf die sonst übliche Vermögensprüfung verzichtet werden. Welch großherzige Güte Sie haben walten lassen! Diesbezüglich hat das liebe Jobcenter sein Versprechen ganz brav eingehalten: Sie haben mich nicht nach meinem Vermögen gefragt! Aber sämtliche Kontoauszüge der letzten Monate bis tagesaktuell hätten sie dann aber trotzdem gerne. Oh! Haben wir da etwa eine 5,99 Euro-Paypal-Gutschrift für den letzten Windeltortenmoneypool entdeckt? Dann schicken Sie uns doch bei der Gelegenheit bitte direkt auch noch sämtliche Nachweise über jegliche Transaktionen auf ihrem Paypal-Konto der letzten zwanzig Jahre! Ich muss mich schwer zusammenreißen, nicht einfach in ein kleines aber feines DHL-Paket zu kacken und es ihnen mit Schleife und per Expresslieferung zukommen zu lassen. Damit sie sich, weil sie nämlich so verdammt schlau sind, direkt selbst um die Stuhlprobe kümmern und mich nicht im nächsten Brief erst fragen müssen, ob ich auch wirklich nur das gegessen habe, was sie da jetzt gerade gefunden haben oder ob ich da nicht etwa doch vielleicht heimlich einen Teil der von mir aufgenommenen Nahrung mit höchstkrimineller Energie durch meine Blase statt meinen Darm gejagt und diese wertvollen Informationen zu meiner Identität in einer nicht minder kriminellen Nacht- und Nebelaktion unwiederbringlich und ohne Rücksicht auf Verluste einfach in den nächsten Busch gepisst habe.

Hat dich jemand gefragt?

Ich möchte an dieser Stelle nur noch einmal kurz klarstellen, dass es sich hier gerade um eine Situation handelt, in der viele Menschen gezwungen sind, diese Anträge zu stellen und auf Hilfe vom Staat angewiesen sind, um ihre Existenz zu sichern. Nicht, weil sie einfach keinen Bock auf Arbeiten haben und lieber den ganzen Tag Zigaretten stopfen und wahlweise RTL 2 schauen oder sich von ihnen filmen lassen. Sondern einfach nur, weil ihnen gerade keine andere Wahl bleibt. Nichts gegen Zigaretten stopfen. Ich frage mich nicht zum ersten Mal, wie jemand, der sich in einer akuten psychischen Krise befindet oder angesichts der aktuellen Situation einfach psychisch labiler ist als sonst, jemand, der gerade depressiv ist, auch nur annähernd die Kraft und Energie aufbringen soll, diese Mühlen der Bürokratie irgendwie in Bewegung zu setzen. Zumal Krisen, als welche sich die Corona-Pandemie denke ich bezeichnen darf, immer auch eine gewisse psychische Belastung darstellen. Für alle Betroffenen. Egal ob psychisch vorbelastet oder nicht.

Schlimmer geht (n)immer

Natürlich gibt es auch hier wie immer verschiedene Betrachtungsweisen. Manch einer mag vielleicht finden, dass das Jammern auf hohem Niveau ist. Dass wir froh sein können, in einem Land zu leben, in dem es überhaupt so etwas wie finanzielle Unterstützung vom Staat gibt. Das stimmt. Dass wir dankbar sein können, wenn seit Beginn der Pandemie bisher „nur“ unsere Finanzen den Bach runtergegangen sind, aber nicht unsere Gesundheit. Stimmt auch. Dass es noch mal eine ganz andere Belastung ist, wenn man selbstständig ist, ein Unternehmen führt und die gesamte Existenz von der Krise gefährdet wird. Auch das stimmt. Aber nur weil es im Leben immer auch schlimmer (oder auch besser) geht, heißt das nicht automatisch, dass unsere individuellen Sorgen und Probleme deswegen keine Daseinsberechtigung haben. Und nur weil es nichts bringt und vergeudete Zeit und Energie ist, heißt das nicht, dass wir uns da mal nicht ordentlich drüber aufregen dürfen.

Post. Traumatisch.

Nachdem ich mich ein bisschen abgeregt und den ersten Brief mit den wie von Geisterhand im ominösen Anhangsnirwana von googlemail verschollenen Dateien direkt in die Tonne gekloppt habe, wird der tägliche Gang zum Briefkasten ab sofort zu einer fast schon liebgewonnenen neuen Routine. Ist fast wie Weihnachten. Man weiß nie, was einen hinter dem nächsten Türchen erwartet. Es bleibt spannend! Mal schauen, was heute noch so alles schief läuft!

Es ist nicht nur, dass die einen offensichtlich am liebsten nackt und in Embryostellung auf dem Seziertisch haben wollen. Oder dass solche Anträge und Ämter allgemein nicht unbedingt zu unseren liebsten Freizeitbeschäftigungen oder Zeitgenossen zählen. Es kotzt mich einfach an, dass sie große Töne spucken, wie unbürokratisch und schnell und vereinfacht das ja jetzt gerade alles ist. Extra für euch! Weil wir so nett sind! Einen aber in Wirklichkeit bis aufs Blut und teilweise über Monate hinweg drangsalieren, bis man die paar Euro bekommt, die einem in dieser nicht selbst gewählten Ausnahmesituation schlicht und ergreifend zustehen.

Sich als etwas ausgeben, das sie nun mal einfach nicht sind. Nämlich unbürokratisch und schnell.

Nur weil du Türen hast biste noch lange kein Adventskalender.

Gemeinsam. Nicht einsam.

Bildquelle: Stefan K.

Das verschieb ich mal getrost auf morgen!

Ich bin nach langem Überlegen soeben zu dem Schluss gekommen, dass weder der Sauberheitsgrad meines Küchenbodens noch der meiner Ohren kriegsentscheidend für die Konzentration auf das Schreiben dieses neuen Blogartikels ist. Wer hätte das gedacht! Als Meisterin der Prokrastination hat mich diese Erkenntnis nicht gerade wie ein Hammerschlag getroffen und doch finde ich es immer wieder deprimierend, dass selbst das Wissen um die Hintergründe dieses Phänomens ebenjenes offensichtlich trotzdem nicht verhindern kann. Da kann ich mir leider noch so viele Youtube-Videos zum Thema anschauen. In kleinen Schritten denken, jaja, blabla. Weiß ich alles. Bei mir funktioniert eigentlich „einfach“ anfangen am besten. Einfach eine super Idee! Wenn das „einfach“ seinem Ruf wenigstens das kleine letzte bisschen Ehre gönnen würde.

Ursache oder Symptom?

Oft ist das erfolgreiche Prokrastinieren nur das Symptom. Bei mir sind die Ansprüche an mich selbst und mein Perfektionismus die Ursache. Nur das Symptom zu behandeln, wäre wie vergnügt Psychopharmaka einzuwerfen, ohne sein Lebensumstände und viele anderen Aspekte zu überdenken und sich geeignete Hilfe zu suchen. Hilft vielleicht kurz, hat aber keine langfristigen Erfolgsaussichten. An die Ursache müssen wir ran. Ich versuche mich also davon zu überzeugen, dass dieser Blogartikel nicht perfekt werden muss und das auch gar nicht kann oder soll. Weil es darum auch überhaupt nicht geht. Es geht darum, dass ich ihn überhaupt schreibe. Hiermit wäre der kleine Exkurs in meine Affinität zur Prokrastination auch schon wieder beendet und wenn ich es nicht so lange vor mir herschiebe, bis ich es aus den Augen verliere, schreibe ich vielleicht bald mal einen eigenen Blogartikel zum Thema.

Next!

Wir befinden uns nun also mitten in der zweiten Welle und im Lockdown Light. Die Pandemie geht in die nächste Runde. Während mich die erste in einer sowieso schon depressiven Phase kalt erwischt hatte, bin ich dieses Mal so stabil wie schon lange nicht mehr. Zum Thema psychischer Stabilität in Krisenzeiten (besonders auch in Corona-Zeiten) und wie ich persönlich mir diese gerade schaffe und bewahre gibt es mehr im nächsten Blogartikel!

Lasst es uns einfach „Glitzerkacke“ nennen!

Ich traue es mich so mitten in der Krise ja kaum zu sagen, aber es geht mir gerade tatsächlich einfach nur gut. Ich bin tiefenentspannt, glücklich, zufrieden und sehr bei mir. Ich konnte so viel Kraft und Energie aus den Erlebnissen und der Schönheit der Sommermonate schöpfen. Da ich mittlerweile nicht nur mit meinen depressiven Phasen umzugehen weiß, sondern mit jeder hypomanen Phase auch immer besser darin werde, meine Hochs als diese zu erkennen und dementsprechend zu handeln, habe ich das „Drübersein“, über das ich im letzten Artikel https://tanzzwischendenpolen.com/2020/10/06/scheisse-man-bin-ich-jetzt-also-fame/ geschrieben hatte, in vollen Zügen genießen und bewusst eine Zeit lang auch genau so „drüber“ sein lassen können, bevor ich dann, als ich fand, jetzt ist genug, auf die Bremse gestiegen bin. Dadurch bin ich nicht wie so oft mit voller Wucht direkt aus meiner kleinen feinen Glitzerwelt in den nächstbesten dampfenden Kackehaufen katapultiert worden, sondern wie auf Wattebäuschchen gebettet im „Dazwischen“ gelandet. Einem Zustand, in dem ich mich ausgeglichen fühle. In dem ich gesund bin.

Alle Lichter an!

Die Bezeichnung „normal“ möchte ich hier und auch generell gerne vermeiden. Noch in den letzten Hochphasen ist mir der rechtzeitige Absprung nicht gelungen. Dafür war alles in dieser Zeit einfach viel zu großartig. Ich habe mit Vollgas die Ausfahrt verpasst und musste dann wohl oder übel den eher üblen als wohlen Umweg zurück auf die richtige Route in Kauf nehmen. Aber nur so lernt man meiner Meinung nach den Umgang mit diesen Phasen. Das ist ein verdammt großer Fortschritt für mich, bezüglich meines eigenen Umgangs mit meiner Erkrankung. Etwas, worauf ich sehr sehr stolz bin. Denn der Weg dorthin war verdammt lang und hart und steinig. Ich habe die letzten Wochen und Monate so gut auf mich geachtet, dass mich gerade nicht mal ein Lockdown, vorübergehende Arbeitslosigkeit, daraus resultierender Geldmangel, Kontaktbeschränkungen oder verschärfte Maßnahmen umhauen können. Keine idiotischen Briefe vom Jobcenter. Auch nicht die kürzeren Tage. Und auch nicht die Dunkelheit. Denn in meinem Inneren ist es gerade strahlend hell.

Deine Sorgen, meine Sorgen.

Das Café, in dem ich arbeite, muss also vorerst wieder schließen. Ich habe damit gerechnet. Es tut weh, mit anzusehen, wie sehr die seit Frühjahr kontinuierlich präsente Sorge um die eigene Existenz und die Unsicherheit über die Zukunft unseren Chef mitnehmen. Natürlich lässt auch mich das nicht kalt, aber ich gestehe mir heimlich leise ein, dass ich gerade wirklich froh bin, nicht mit ihm und all den anderen Menschen tauschen zu müssen, denen es gerade so geht. Dass diese Sorge nicht auch noch on top kommt. Dass ich mich „nur“ mit dem Jobcenter rumschlagen und mir überlegen muss, wie ich mein Trinkgeld kompensiert bekomme. Ich hoffe ganz ganz fest, dass unser Café diese Krise überstehen wird. Das wünsche ich auch allen anderen da draußen, die in einer ähnlichen Lage sind, aus tiefstem Herzen. Aber ich weiß auch, dass sich dieser Wunsch nicht für alle erfüllen wird.

Apokalypse now?

Es ist das letzte Wochenende, an dem wir geöffnet haben. Montag soll der Lockdown Light in Kraft treten. Und die Leute fallen bei uns ein, als gäbe es kein Morgen mehr. Was zumindest am Sonntag ja in gewisser Hinsicht auch zutrifft. Allerdings wird es vermutlich auch nicht der letzte Tag gewesen sein, in dem die Menschheit in einem Café Kaffee und Kuchen zu sich nehmen können wird. Ich bin extrem zwiegespalten. Einerseits bin ich natürlich froh und erleichtert darüber, dass der Laden nochmal so einen guten Umsatz macht und ich so ein fettes Trinkgeld mit nach Hause nehme wie schon lange nicht mehr. Irgendwie verstehe ich die Leute, die diese Tage noch mal nutzen wollen, um „ein bisschen raus zu kommen“. Wenn man den Statistiken glauben schenken darf, stellen gastronomische Betriebe durch ihre strengen Hygienemaßnahmen und die eingehaltenen Abstandsregelungen nicht das Hauptinfektionsgeschehen dar und anscheinend hat sich nur ein sehr geringer Teil der Menschen in diesem Bereich infiziert. Stattdessen soll dies hauptsächlich im privaten Umfeld stattgefunden haben. Das soll als Info hier reichen, denn das hat mittlerweile vermutlich jeder mitgekriegt. Es tat mir auch unfassbar Leid zu sehen, wie viele tolle kreative Konzepte sich manche Läden haben einfallen lassen und neben Heizpilzen teilweise sogar kleine Gewächshäuser im Außenbereich aneinander gereiht haben, in denen jeweils nur zwei Gäste sitzen durften und ganz für sich waren. Es steht mir nicht zu, die Entscheidung der Bundesregierung diesbezüglich zu beurteilen und das möchte und kann ich auch nicht. Aber ich habe versucht, zu beobachten, was an diesen Tagen in meinem Kopf so abging.

Wut im Bauch, Zweifel im Kopf.

Trinkgeldkasse und Ladenglocke klingeln also um die Wette und abgesehen davon, dass gerade ein kleiner PMS-Sturm über mein Gemüt hinwegfegt, geht mir dieser absolut nervtötende Sound unserer Lichtschranke einfach nur unfassbar auf den Sack. So sehr, dass ich nach hinten in die Küche stürme und sie wutschnaubend ausschalte, bevor ich sie nämlich hochkant aus dem Fenster werfe. So. Schon mal besser. Erst ist noch alles gut. Mit jeder weiteren Stunde nicht abreißenden Gästestroms spüre ich immer stärker eine latente Aggression in mir hochsteigen. PMS hin oder her, ich bin eigentlich ein äußerst gutmütiger und generell eher freundlicher Mensch. Bis ich mal aggressiv werde, muss wirklich so einiges passieren. Erst überlege ich, ob es am Stress liegt, komme dann aber relativ schnell zum Schluss, dass es das Verhalten der Leute ist. Und dass das nicht Aggression ist, was ich spüre, sondern tatsächlich Wut. Ich würde hier nicht mehr stehen, wenn ich meine Miete nicht bezahlen müsste, meinen Chef und meine Arbeitskolleginnen nicht nicht hängenlassen wollen würde. Ich bin den ganzen Sommer kaum und die letzten Wochen überhaupt nicht mehr in Cafés, Restaurants oder Bars gegangen. Nicht aus Angst, sondern weil es sich für mich einfach nicht richtig angefühlt hat. Ich bin weder Virologin noch Politikerin und jeder wird hier seine eigene Meinung haben, aber für mich macht es einfach keinen Sinn, dass all diese Leute jetzt hier abhängen, wenn die Infektionszahlen seit Wochen kontinuierlich steigen und die Bevölkerung schon seit geraumer Zeit dazu angehalten wird, die privaten Kontakte einzuschränken und sich, klar, weiterhin an die Regeln zu halten, es mittlerweile außerdem Maskenpflicht an öffentlichen Plätzen und andere Verschärfungen der Regeln gibt.

Zum letzten Ma(h)l.

Können wir uns nicht mal für eine gewisse Zeit zurücknehmen, mal zurückstecken und auf Dinge verzichten, die uns eigentlich echt wichtig sind und uns Spaß machen, uns gut tun? Und zwar mal nicht nur für uns selbst, sondern für andere Menschen da draußen. Ich frage mich oft, wie das Verhalten in unserer Gesellschaft während dieser Pandemie so aussehen würde, wenn bekannt wäre, dass das Virus für alle Menschen tödlich wäre, egal ob jung oder alt, mit Vorerkrankung oder ohne. Ob die freiheitsliebenden und ach so querdenkenden Jungs und Mädels dann trotzdem noch illegale Parties mit hunderten von Leuten in irgendwelchen Kellern auf der Reeperbahn feiern oder sich politisch hoch engagiert und ohne Maske oder Abstand zu Tausenden in Demonstrationsmärsche reihen. Und panisch die allerletzte Möglichkeit, sich endlich nochmal einen Henkerskäsekuchen plus apokalyptischen entkoffeiniertem Hafermilchflattieee zu gönnen, nutzen, bevor sich die Welt am Tag danach endgültig aufhört zu drehen. Und wir, Gott bewahre, vielleicht nie wieder konsumieren und Spaß haben werden!! Es macht mich wütend und traurig, dass wir als erwachsene Menschen mit Verstand und Moral anscheinend erst offizielle Verbote und Sanktionen brauchen, damit wir uns an Regeln halten, deren Sinn und Zweck sich manchen von uns offensichtlich erst dann erschließt, wenn nur wir persönlich betroffen sind.

Moral vs. Money

Eine paar Stammgäste sitzen seit dem frühen Nachmittag draußen auf den Bierbänken und schütten einen Wein und ein Bier nach dem anderen in sich rein. Der Umsatz steigt. Nice. Der Vorrat im Kühlschrank schwindet dahin und es bedarf keinerlei Einsatz von Charme oder Verkaufsstrategien, um den Damen als nächstes die ganze Flasche Wein anzudrehen statt einzelner Gläser. Ihre männliche Begleitung hat mittlerweile den gesamten Bierbestand von drei verschiedenen Sorten in Luft aufgelöst. Er beschwere sich jetzt lieber mal nicht darüber, wie eklig das eine Bier da schmecke, aber jetzt sei ja auch eh alles egal. Als eigentlich schon längst Feierabend ist und ich am Aufräumen bin, lallen sie mich an: „Ach komm schon, ist ja schließlich der letzte Abend!“ Bevor die Welt sich aufhört zu drehen. Ich bin hin- und hergerissen zwischen meiner arbeitnehmerischen Pflicht und der Unterstützung des Cafés und meines Chefs in Anbetracht des Umsatzes und meiner eigenen Moral und Einstellung bezüglich der aktuellen Lage. Nicht ganz überzeugt entscheide ich mich für einen Kompromiss und gebe noch eine letzte Runde. Als ich die Getränke rausbringe, fließen bei einer der Damen die Tränen. Eine hitzige Diskussion zwischen ihr und einem anderem Stammgast auf der Straße ist in vollem Gange, in der es um die große Angst vor dem Virus der Dame mit dem Wein und der Meinung der anderen, die Single ist, geht, die nur wegen Corona sicher nicht auf ihre Knutschereien verzichten wird. Es geht um Masken und Sicherheitsabstände, Klopapier und Konserven, Merkel und Drosten. Die Ambivalenz in unseren Köpfen, die Scheidung der Geister in unserer Gesellschaft, klein und fein komprimiert auf unserer Biergarnitur.

Single macht was Single will.

Bevor die Diskussion zu eskalieren droht, verabschiedet sich die tränenlose Dame ohne Wein und geht ihrer Wege. Zum nächsten Tinderdate. Die Dame mit Wein geht auf’s Klo und kotzt auf die Klobrille. Ich beschließe, dass die Mittfünziger nun genug getrunken haben und lege ihnen die Rechnung über hundert Euro auf den Tisch. Als sie anfangen wollen, mit mir zu diskutieren, dass sie nie im Leben so viel getrunken haben, muss ich mich schwer zusammen reißen, nicht verbal zu eskalieren und sage ihnen freundlich aber bestimmt, dass ich darüber nicht diskutieren werde, dass ich im Gegensatz zu ihnen sehr genau weiß, was sie alles zu sich genommen haben und dass sie genau diese Summe nun auch bei mir bezahlen werden. Dass es mir herzlich egal ist, wer die Kotze wegmacht, aber dass ich es definitiv nicht sein werde. Und dass dann jetzt auch gut ist. Pre-Apokalypse hin oder her.

Corona-Cornern.

Nachdem ich ihnen schlussendlich fast die Bänke unterm Hintern weggezogen habe, atme ich einmal tief durch, klappe die Schirme ein und schließe draußen alle Tische ab. Für die nächsten vier Wochen. Vorerst. Der Laden neben mir macht auch gerade alles wind- und wasserfest. Ich mache die Abrechnung, räume die Reste aus dem Kühlschrank und schließe die Tür hinter mir. Mache mich im dunklen Nieselregen über die mit Laub bedeckten glitschigen Pflastersteine auf den Weg nach Hause. Die Bars auf St. Pauli und der Schanze sind gut besucht. Vor dem Eingang einer meiner damaligen Stammkneipen überfahre ich fast eine Freundin mit meinem Fahrrad. Ich hätte sie fast nicht erkannt, weil sie gerade mit den Getränken aus der Bar kommt. Sie ist am Theater und hatte zum ersten Mal seit dem Lockdown im Frühjahr wieder angefangen, an einem Projekt zu arbeiten. Erst vor ein paar Tagen hat sie mir davon erzählt, wie gut es läuft und wie froh sie ist, dass es wieder losgeht. Da war der zweite Lockdown noch nicht beschlossen. Ab morgen wäre auch das erstmal wieder erledigt. Was soll’s. Man kann ja eh nichts dran ändern, sagt sie. Hinter ihrer Maske lacht es, aber ihre Augen scheinen nicht zuzuhören. Ich stimme ihr zu.

Was soll ich denn jetzt fühlen?

Wie sagen sie alle so schön auf Repeat? Wir sitzen alle in einem Boot. Jeder hat seine eigene Art, mit der Situation umzugehen, in den letzten Monaten vielleicht bestimmte Strategien entwickelt und seine Sicht auf die Dinge vielleicht mit der Zeit geändert. Oder seine ursprüngliche Meinung noch verstärkt. Fühlt sich für diesen zweiten Lockdown besser gewappnet als für den ersten, weil es nicht mehr ganz so fremd ist. Weil es nicht so unerwartet kommt wie das erste Mal. Weil wir mehr zu wissen scheinen. Wissen, wie wir uns verhalten sollten. Zuversicht entwickelt haben, dass wir es auch dieses Mal schaffen, weil wir es ja auch das letzte Mal geschafft haben. Für andere mögen die aktuellen Entwicklungen, die über den Sommerschlaf der letzten Monate vielleicht kurzfristig an Bedrohlichkeit und Präsenz verloren haben, all die Ängste und Sorgen wieder ans Tageslicht befördern und ihre Hoffnung auf Besserung erst recht zerschlagen. Manche von uns haben Angst davor, zu erkranken oder dass nahe Angehörige krank werden und sterben könnten. Andere bleiben vor dieser Angst unberührt, selbst wenn sie zu einer Risikogruppe gehören. Manche sind überzeugt, dass es sie sowieso nicht trifft.

Jeder anders. Und doch alle gleich.

Wieder andere haben viel eher Angst um ihre Existenz, ihre Jobs, ihre finanzielle Sicherheit. Manchen machen vor allem die langfristigen wirtschaftlichen Folgen Sorge, während andere besorgt auf die aktuellen Ereignisse in unserer Gesellschaft blicken, seien es nun zum wiederholten Male leergehamsterte Regale in den Supermärkten und Leute, die sich in der Schlange an der Kasse bekriegen, weil der eine nicht genügend Abstand hält und der andere es immer noch nicht verstanden hat und seine Maske nur als Mundschutz versteht, oder das momentane und größtenteils eher unerfreuliche Geschehen auf dem Rest unserer Welt. Manche Menschen sind mit Gefühlen der Einsamkeit konfrontiert, andere sind dem Lagerkoller nahe, weil auch Zeit und Raum mit den Liebsten zu viel und eng werden kann. Wohl ein Luxus für all diejenigen, die bereits vor der Pandemie von häuslicher Gewalt oder anderen viel tiefergehenden Problemen betroffen waren. Manche kommen sich näher, andere entfernen sich voneinander. Manche von uns kommen durch die gerade nochmal stattfindende zwangsläufige Entschleunigung des Alltags und des Außens endlich mal runter und genießen die Zeit und Ruhe, während andere genau diese fürchten und die sonst en masse verfügbaren Ablenkungen, mit denen wir uns das Wesentliche oft und gerne erfolgreich vom Leib halten, schmerzlich vermissen. Die Konfrontation mit den eigenen Abgründen bisher erfolgreich vermieden haben.

Die Liste all der verschiedenen Situationen und Umstände, in denen sich jede*r einzelne von uns gerade befindet, all die unterschiedlichen Gedanken, Sorgen, Ängste und Hoffnungslosigkeit, aber auch Ideen, Pläne und Kreativität, Umdenken und Zuversicht, all unsere verschiedenen Sichtweisen, Einstellungen, Entscheidungen und Verhaltensweisen, Bewältigungs- und Vermeidungsstrategien, Rückschläge, Fortschritte und Entwicklungen, könnten unterschiedlicher nicht sein.

Fight. Flight. Freeze.

Manche trinken mehr Wein als sonst, manche stürzen sich in ihre Arbeit, manche schauen lieber keine Nachrichten mehr, während andere den halben Tag recherchieren und vom Hundertsten ins Tausendste kommen, andere schreiben plötzlich ganz viel Tagebuch, gehen wieder regelmäßig joggen oder fangen wieder an zu rauchen, wieder andere verlieren sich im Netflixnirwana, verlieren sich in Verschwörungstheorien oder entdecken plötzlich Stricken, Kiffen und Malen nach Zahlen für sich. Verdrängung, Kompensation, Konfrontation…Wie auch immer wie mit ihr umgehen mögen, wir alle sind zur Zeit mit dieser noch nie dagewesenen Situation konfrontiert und sollten uns gerade deswegen in gegenseitigem Verständnis, Respekt, Empathie und Mitgefühl üben. Unseren Mitmenschen gegenüber. Aber auch uns selbst gegenüber.

Was uns bleibt.

Nicht nur seit Beginn der Pandemie gibt es so vieles, was wir als Menschen nicht unter Kontrolle haben. Keiner von uns wurde um seine Stimme für oder gegen diese weltweite Krise gefragt. Sie ist einfach passiert. Und wie so oft bleibt uns einzig und allein die Freiheit der Entscheidung, wie wir mit all dem umgehen. Während wir uns in unserer individuellen Freiheit durch all die Beschränkungen doch gerade oft so eingeschränkt fühlen. Auch wenn wir nicht immer krampfhaft das Positive im Negativen sehen müssen und man sich gerne auch mal zugestehen darf, etwas so richtig richtig scheiße zu finden, scheint mir diese Entscheidungsfreiheit in der aktuellen Situation doch sehr wichtig und wertvoll.

Wir haben die Freiheit, unsere Gedanken mit anderen Menschen zu teilen.

Wir haben die Freiheit, unsere Sorgen auszusprechen und sie dadurch erträglicher zu machen.

Wir haben die Freiheit, die Ängste unserer Mitmenschen ernst zu nehmen und zu akzeptieren.

Wir haben die Freiheit, unsere Sicht auf die Dinge so zu ändern, dass es uns damit besser geht.

Wir haben die Freiheit, nicht jeden Tag optimistisch sein zu müssen.

Wir haben die Freiheit, trotzdem zuversichtlich sein zu dürfen.

Wir haben die Freiheit, füreinander da zu sein. Auch mit Abstand oder virtuell.

Wir haben die Freiheit, uns richtig gut fühlen zu dürfen. Trotz und mit allem.

Wir haben die Freiheit, unsere Zwischenmenschlichkeit nicht zu verlieren.

Und wir haben auch die Freiheit, uns zweimal zu überlegen, ob es der Gesamtsituation zuträglich ist, wenn wir dem Typen im Supermarkt prophylaktisch instant mal lieber auf die Fresse hauen, weil er uns die letzte Packung Klopapier vor der Nase weggeschnappt hat.

Ich muss an die Dame mit dem Wein und den Tränen denken. Ich hoffe, dass ihr Kater morgen nicht so schlimm wird.

Und dass sie nicht mehr so lange traurig sein muss.

Freiläufer.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Einen Fuß vor den anderen setzen. Schritt für Schritt. Weiter. Immer weiter.

Es gibt mittlerweile viele Studien, die belegen, dass regelmäßige Bewegung und Sport bei der Behandlung von Depressionen und Angstzuständen genauso wirksam sind wie die Einnahme von Antidepressiva. Um zu verstehen, dass dies für schwere depressive Phasen, während der die Betroffenen morgens nicht mal das Bett verlassen können, nicht ganz realistisch ist, braucht es vermutlich keine Statistik.

Auf den letzten Metern

Ich war jahrelang regelmäßig und teilweise ziemlich exzessiv joggen gegangen. Für mich ein Ventil, das es mir ermöglichte, Druck abzubauen, Stress zu bewältigen und den Kopf frei zu bekommen. Ich erinnere mich noch sehr gut an einen meiner letzten Läufe, im Sommer 2017 bevor ich in die Klinik ging. Es ging schon seit Wochen kontinuierlich bergab, ich konnte schon nicht mehr wirklich schlafen und wachte weit vor Sonnenaufgang auf, weil mir mein Geist keine Ruhe mehr ließ. Mein Herz zu laut von innen gegen meine Brust hämmerte. Die Gedanken Runde um Runde drehten. Das Aufstehen stellte bereits eine gewisse Herausforderung da, aber noch schaffte ich es irgendwie. Es war einer dieser Morgende, ich war mit meiner Familie in einem wunderschönen Ferienhaus in Dänemark, mitten in den Dünen, nur ein paar Meter von einem scheinbar endlosen Strand entfernt. Es war irgendwann zwischen 4 und 5, ich schnürte die Schuhe und lief los. Möwenkreischen, das Rauschen der Wellen und zwei Babyrobben, die panisch vom Sand zurück ins sichere Meer flüchteten, als sie mich sahen und mich von dort aus misstrauisch aus großen schwarzen Knopfaugen beobachteten, bevor sie in den Wellen abtauchten. Die Schönheit des Moments war zum Greifen nahe, doch so sehr ich meine Finger auch nach ihr ausstreckte, ich konnte sie nicht erreichen.

Wettlauf gegen den Abfuck

Ich lief und lief und lief. Rannte. Sprintete. Bis der Weg von einigen umgefallenen Baumstämmen versperrt war. Lief und rannte und sprintete die vielen Kilometer und den ganzen Weg zurück. Meine Lunge brannte. Und weiter in die andere Richtung. Bis mein Körper mir unmissverständlich klar machte, dass hier Schluss war. In der Hoffnung, das quälende Gefühl, die Verzweiflung und meine immer wiederkehrenden Gedanken loszuwerden, hatte ich einfach nur eine vollkommene körperliche Erschöpfung erreicht, welche mir die kurzzeitige Güte erwies, zumindest für ein kleines Zeitfenster stärker zu sein als meine psychische. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits deutlich abgenommen. Zu viel. Ich hatte vorher nie Probleme mit meinem Gewicht gehabt. Mal ging es etwas hoch, mal etwas runter, aber früher oder später pendelte es sich immer wieder auf die selbe Zahl ein. Ich war ein absoluter Genussmensch und aß für mein Leben gern und viel, noch mehr, wenn ich viel Sport machte, und hatte meine Zeit noch nie mit sinnlosen Diäten oder Kalorienzählen verbracht. Dafür war das Leben meiner Meinung nach zu kurz. In ein paar Wochen würde ich zehn Prozent meines Gewichts verloren haben, da ich über Tage hinweg kaum mehr etwas zu mir genommen haben würde. Das war der Moment, als ich zum ersten Mal seit Jahren mit dem Joggen aufhörte. Weil mein Körper einfach nicht mehr genügend Kraft hatte. Die letzte Kraft brauchte, um irgendwie zu bewältigen, was da gerade alles Abartiges in ihm abging.

Flügge, lieber nicht!

Als sich meine Zeit in der Klinik im November dem Ende zuneigte, waren bereits nach und nach ein paar der Leute entlassen worden, die schon vor mir da oder gemeinsam mit mir gekommen waren. Nicht jeder sprach es aus, aber irgendwie hatten wir alle Respekt, wahrscheinlich sogar Angst, vor dem, was danach kommen würde. Vor dem großen Nichts für die, die ihren Job durch zu viele Fehltage verloren hatten. So wie ich. Für die, die vielleicht bereits zuvor keinen Job mehr hatten. Angst davor, den Herausforderungen und dem Druck des Arbeitslebens nicht mehr gewachsen zu sein für die, auf die eine Wiedereingliederung wartete. Um die ich sie ehrlich gesagt ganz schön beneidete. Klar würde es eine Herausforderung sein und eine Umstellung, aber es wäre gleichzeitig auch ein Garant für Struktur im Alltag, einen sicheren Rahmen, der Halt geben könnte nach dem absoluten Zusammenbruch und allem, was sie hinter sich hatten.

Gähnende Leere.

Durch den Klinik-Gossip erfuhren wir, die noch da waren, bereits wenige Tage nach der Entlassung einiger Leute, dass sie beim Sprung zurück in den Alltag, raus aus dem sicheren Nest der Einrichtung, abgerutscht waren und einige von ihnen sich gerade übergangsweise in der Geschlossenen befanden. Und das waren nicht nur die ohne Partner oder ohne Job. Sondern auch die, die einen sehr stabilen Eindruck gemacht hatten an ihrem letzten Tag und optimistisch in die Zukunft sahen. Das zu hören machte Angst. Würde es mir genau so gehen? Wie würde ich mir ohne jegliche Struktur von außen meine eigene schaffen? Würde ich diesen neuen, erstmal vollkommen leeren Alltag bewältigen können? War ich stabil genug dazu? Wie lange würde diese Stabilität angesichts der Unsicherheit, mit der ich konfrontiert war, überleben? Was kam danach? Wie sollte es weitergehen?

Gute Reise, gute Reise.

Während wir in der Klinik alle in einem Boot saßen, uns gegenseitig verstanden und austauschen konnten, uns für die Zeit, die wir dort waren, in Sicherheit wähnten, würde ich ab sofort in einem Ein-Mann-Kanu auf’s offene Meer geschickt werden. Freundlicherweise mit einem Paddel und einem Rucksack voller Erkenntnisse, Gelerntem und Ressourcen, den ich über die letzten Wochen und Monate mühsam und in kleinen Schritten gepackt hatte. Doch was ich daraus machte, lag nun einzig und allein an mir. „Leidensgenossen“ in diesem Sinn gab es nicht wirklich, da sich unter meinen Freunden momentan weder andere psychisch Kranke noch Arbeitslose befanden. Glücklicherweise muss man ja fairerweise sagen. Alle arbeiteten ganz normal in ihren Jobs, standen morgens auf, wenn der Wecker klingelte, hatten Verpflichtungen, denen sie nachkommen mussten und einen strukturierten Alltag. Und ich?

Ich ging.

Wohin?

Nirgendwo wirklich hin eigentlich. Ich fing einfach an zu gehen. Nicht joggen, einfach nur gehen. Ich kannte mich und wusste, dass ich wenn ich nicht übergangslos an das täglich frühe Aufstehen während der Klinikzeit anknüpfen würde, schnell wieder in alte Muster verfallen und bis vormittags schlafen würde. Also stellte ich mir weiterhin meinen Wecker, jeden Tag zur gleichen Zeit, und stand auf. Machte mir einen Kaffee zum Mitnehmen, Coffee to go unterwegs gab das Krankengeld leider nicht her, und lief los. Erstmal immer die gleiche Strecke. An der Elbe entlang. Immer geradeaus.

Einen Fuß vor den anderen setzen. Schritt für Schritt. Weiter. Immer weiter.

Jeden Tag.

Bei jedem Wetter.

Schritt für Schritt.

Am Anfang fünf Kilometer, ein paar Tage später zehn. Nach einer Woche keinen Tag unter 15 bis 20 Kilometer. Einmal waren es 35. Das war dann nicht mehr so schön. Ich lief und lief und lief. Um die 300 Kilometer im Monat. Am Anfang bluteten meine Zehen ein paar Mal und es gab die ein oder andere Blase, aber das ging schnell vorbei. Das in Bewegung sein, das Gefühl, voranzukommen, die Regelmäßigkeit der Schritte und meiner Atmung, die Natur, der Strand, das Wasser, die Ruhe, die frische Luft. Nicht die Schnelligkeit und das Auspowern vom Joggen, sondern die Langsamkeit und das Stete des Gehens. All das tat mir gut. Meinem Körper und vor allem auch meiner Seele. Den Blick und auch die Gedanken schweifen zu lassen. Keine Höchstleistungen vollbringen zu müssen, sondern einfach nur stetig einen Fuß vor den anderen zu setzen. In der beruhigenden Gewissheit, dass mein Körper mir gehorcht und mich dort hinbringt, wo ich sein möchte. Egal, was war, vor allem auch an schlechteren Tagen, wusste ich, dass es mir besser gehen würde, sobald ich los lief. Und dass vielleicht vieles schon vergessen sein würde, wenn ich wieder zu Hause war. Mit jedem Schritt fühlte ich mich mich mir selbst noch ein Stück näher.

Man kann es auch übertreiben…

Manchmal setzte ich mir ein Ziel, manchmal nicht. Zwangsläufig legte ich auch alle Wege, die ich im Alltag zurücklegen musste, zu Nachbesprechungen in der Klinik, zum Yoga, zu Treffen mit Freunden, zu Fuß zurück, da anscheinend auch der Hamburger Verkehrsbund mit seinen horrenden Preisen herzlich wenig Sympathien für Krankengeldempfänger hatte. Ich hatte ja den ganzen Tag Zeit, also plante ich einfach genug davon ein und stieg nicht easy schnell in die Bahn oder den Bus und fuhr zwanzig Minuten, sondern ging 17 Kilometer zu Fuß, um zum Zahnarzt zu gehen. Da jeder gegangene Kilometer auch Zeit beansprucht und es außerdem tiefster Winter war, vergingen die Stunden und Tage somit wie im Flug. Wenn ich nach Hause kam, war ich meistens so erschöpft, dass ich es gerade noch so schaffte, zu duschen und etwas zu essen, bevor ich ins Bett fiel und wie ein Stein schlief. Noch ein Problem gelöst. Ich war mir des etwas extremen Charakters all dessen von Anfang an bewusst, doch abgesehen davon, dass Extreme schon immer zu mir gehört hatten und sie mir gefielen, nahm ich das gerne in Kauf. Zu groß war die Angst, wieder den Halt zu verlieren und nur noch die Rücklichter des Zuges zu sehen, der mich zurück in den Alltag bringen sollte.

Und das Laufen war mein Ticket dorthin.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Ich laufe monatelang so weiter. Jeden Tag. Bis ich im April nach Fehmarn ziehe und wieder anfange zu arbeiten. 12-Stunden Schichten. Teilweise zehn Tage am Stück. Warum das, wer hätte das geahnt, nach allem, was ich mit und über meine Erkrankung sowie Frühwarnsignale, Belastungsgrenzen und deren Wahrung, in der Klinik und auch den vorangegangenen Monaten gelernt hatte, nicht so schlau war, könnt ihr hier lesen: https://tanzzwischendenpolen.com/2019/11/06/mit-vollgas-uber-die-insel/ Da blieb weder Zeit noch Kraft für’s Laufen. An meinen wenigen freien Tagen machte ich es trotzdem weiterhin. Oder fuhr mit dem Rad über die Insel. Oder ging Kiten. Mit einer völlig neuen und wunderschönen Kulisse. Die Saison neigte sich dem Ende zu, der Job und eine ganz besondere Zeit auf der Insel waren vorbei.

Öfter mal was Neues!

Zurück in Hamburg musste also ein neuer Job her. Ich kam zu dem Schluss, dass ich, wenn ich sowieso jeden Tag so viel und weit laufen ging, das doch eigentlich auch in tierischer Begleitung machen und nebenher noch ein bisschen Geld verdienen könnte. Also registrierte ich mich auf einer Plattform für Hundebetreuung und Gassiservice und drehte kurz darauf und ab sofort meine Runden mit zwei Vierbeinern, meistens getrennt, manchmal auch beide zusammen, inklusive Leinensalat, massenweise Kackebeuteln, für die ich definitiv eine dritte Hand gebraucht hätte, und belustigter Blicke der Leute, die uns begegneten. Obwohl ich beide sehr schnell in mein Herz schloss, hatte die erste Hundedame eben jenes sofort im Sturm erobert, ich war schockverliebt und wir gehen noch jetzt, über zwei Jahre später, zusammen spazieren und lieben uns heiß und innig.

Insofern hat das Laufen mir nicht nur den Weg zurück in den Alltag geebnet, sondern mich auch meine Liebe zu Hunden entdecken und in den Genuss ihrer bedingungsloser Zuneigung und unbändiger Freude kommen lassen. Und das sind nur einige der positiven Aspekte, die das Laufen mit sich bringen kann.

Laufen braucht kein Ziel, keine Intention. Es geht nicht darum, möglichst schnell anzukommen. Es geht nicht um einen Anfang. Oder ein Ende.

Sondern um das Dazwischen.

Schritt für Schritt.

Weiter.

Immer weiter.

Ist es das Wert?

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Hirnstürmen.

Nachdem ich schon eine ganze Weile am Überlegen bin, über welches Thema ich in meinem nächsten Blogartikel schreiben möchte und irgendwie zwischen Rückkehr in den „Alltag“, wenn wir ihn denn so nennen können, die Wiederaufnahme meiner Jobs und allem, was da so mit dran hängt, noch nicht wirklich entscheidungsfreudig war, wurde mir unerwartet erfreulicherweise etwas auf die Sprünge geholfen. Eine Fragestellung in einem Modul meines Studiums, die sich mit Werten beschäftigt. Ich möchte einige meiner Gedanken zu diesem Thema heute mit euch teilen. Dieser Beitrag wird vermutlich nicht so strukturiert sein wie manch anderer bisher. Ich habe einfach mal drauf los geschrieben. Wenn man sich erst mal mit einem bestimmten Thema beschäftigt, schneidet unser Gehirn dabei so viele andere an, dass eins zum anderen kommt und schwupps, ist man vielleicht doch ganz wo anders gelandet. Das hier ist wie ein kleines Brainstorming, bei dem mir viele Ideen für künftige Artikel gekommen sind, die ich im Folgenden zwar erwähne, ihnen aber nicht annähernd die Aufmerksamkeit widme, die ihnen zusteht.

Unsere eigenen Werte vs. die Werte unserer Gesellschaft…

Was bedeutet es, selbstbestimmt zu leben?

Was ist normal? Sollten wir dieses Wort nicht vielleicht lieber aus unserem Sprachgebrauch streichen?

Anders als was? Können wir einfach nur „anders“ sagen?

Die Verbindung zwischen „normal“ und „anders“…

Brauchen wir eine neue Philosophie des Scheiterns?

Welchen Einfluss haben unterschiedliche Definitionen von Erfolg auf unsere Lebensqualität und unser Glück?

Welche Rolle spielt Resilienz als Ressource beim Umgang und Leben mit psychischen Erkrankungen?

…mehr als genug Stoff für die nächsten Artikel. Input und Anregungen von euch sind wie immer gerne gesehen!

Ist normal Mehrwert als anders?

Für das Individuum in unserer Gesellschaft wird es zunehmend schwerer, seine ganz persönlichen Werte zu definieren. Was ist MIR wirklich wichtig? Nach welchen Werten möchte ICH leben? Passen die Werte, die uns die Gesellschaft vorzuleben scheint, zu unseren Werten oder sind sie vielleicht meilenweit davon entfernt? Es passiert schnell, dass wir unser Leben an Werten ausrichten, die den unseren überhaupt nicht entsprechen oder vielleicht genau das Gegenteil von ihnen sind.

Und dann fragen wir uns, warum wir nicht glücklich sind oder das Gefühl haben, nicht selbstbestimmt zu leben.

Wenn das alle (oder zumindest die meisten) so machen, wenn man „das halt so macht“, muss ich das dann nicht auch so machen? Seinen eigenen authentischen Weg zu gehen, der sich vielleicht in jeglicher Hinsicht von dem unserer Mitmenschen abhebt und nicht zwangsläufig auf Verständnis stößt, der eben irgendwie „anders“ ist („anders“ als was? Gäbe es keine Norm, gäbe es das Wörtchen „normal“ nicht, würden wir dann überhaupt von „anders“ sprechen können? Kann man „anders“ überhaupt benutzen ohne ein sich anschließendes „als“ und eine darauf folgende Spezifizierung? Vermutlich könnte man ganze Bücher mit einer philosophischen Betrachtung dieses Wortes füllen…), unkonventionell, nicht „normal“ (oder vielmehr „nicht der Norm entsprechend“?) erfordert Mut und Durchhaltevermögen. Die Schwierigkeit besteht vermutlich darin, dass dies im Konflikt mit einem unserer Grundbedürfnisse als Mensch stehen kann: Dem tief in uns verankerten Bedürfnis nach Anerkennung und Zugehörigkeit. Dem Bedürfnis, geliebt zu werden.

Extrinsisch vs. intrinsisch

Denn wenn wir „unser eigenes Ding“ machen, entgegen aller Meinungen von Außen und entgegen etwaiger Widerstände und Kritik, stoßen wir nicht selten auf Ablehnung oder vielleicht auch Ab“wertung“. Anerkennung im Außen als Motivation oder Antrieb, weiterzumachen, fallen plötzlich weg. Und die einzigen, die uns das noch geben können, sind letzten Endes einzig und allein wir selbst. Um unsere Überzeugung, dass das, was wir machen, genau so genau richtig für uns ist, wirklich leben und voll und ganz hinter unseren Werten und deren Vertretung stehen zu können, setzt allerdings voraus, dass wir tatsächlich aus unserem tiefsten Inneren überzeugt sind

Krank halt.

Wenn ich die Fragestellung auf die Texte für meinen Blog beziehe, dann sind es Dinge wie Entstigmatisierung, Authentizität, Verständnis und Ehrlichkeit, die ich bewirken oder an meine Leser*innen vermitteln möchte. Und diese Werte natürlich auch selbst vertrete. Toleranz und Akzeptanz in unserer Gesellschaft. Die Akzeptanz von Menschen, die aufgrund psychischer Erkrankungen anders „funktionieren“ als psychisch gesunde Menschen. Die andere Voraussetzungen für das alltägliche Leben haben. Vor anderen Herausforderungen stehen. Verständnis. Dafür, dass psychische Erkrankungen eben so als Erkrankung anerkannt werden wie physische Krankheiten. Und nicht als Charakterschwäche oder dergleichen gesehen und die Betroffenen in der Konsequenz diskriminiert werden.

So wie du es tust.

Losgelöst von dieser Thematik möchte ich in meinen Texten ebenso Werte wie Authentizität, Individualität, Selbstwertgefühl, Achtsamkeit, Ehrlichkeit, Zwischenmenschlichkeit und Mut vermitteln. Mut, wir selbst zu sein. Mut zum Nicht-perfekt-sein. Mut, nicht immer zu funktionieren. Mut, unser Leben nach unseren ganz eigenen Vorstellungen zu gestalten und zu leben. Mut, eine Meinung zu den Dingen zu haben. Unsere individuelle Sicht auf die Welt. Die Welt mit eigenen Augen zu sehen. Nicht schweigend hinnehmen, sondern sagen, was wir zu sagen haben. Uns nicht durch den Gedanken, dass etwas doch schon so oft von so vielen anderen Menschen getan wurde, davon abhalten lassen, es trotzdem zu tun. Denn egal, wie viele Menschen schon wie viele Dinge vor uns getan haben oder jeden Tag tun…keiner tut es so wie wir es tun.

Rebellion der Seele?

Wenn Charaktereigenschaften wie Ehrlichkeit und Authentizität als Werte gesehen werden können, so kann es sicher auch Resilienz, der Fachbegriff für die psychische Widerstandskraft des Menschen. Sehr empfehlen kann ich an dieser Stelle das Buch „Resilienz – Das Geheimnis der psychischen Widerstandskraft – Was uns stark macht gegen Stress, Depressionen und Burn-Out“ der Wissenschaftsjournalistin und Autorin Christina Berndt, die sich seit vielen Jahren mit dieser Thematik beschäftigt. Ich persönlich sehe Resilienz als eine der erstrebenswertesten Eigenschaften, die wir uns als Menschen aneignen und erlernen können. Im Idealfall gepaart mit einer neuen Philosophie des Scheiterns und unserer ganz persönlichen und individuellen Definition von Erfolg und Glück. Scheitern nicht als Schwäche, sondern als unabdingbaren Teil des großen Ganzen zu sehen. Als Zwischenstopps auf unserem Weg. Vielleicht kommen wir irgendwann zu der Erkenntnis, dass es nicht darum geht, möglichst schnell anzukommen, sondern darum, das Unterwegssein genießen und bewusst wahrnehmen zu können.

Dass es vielleicht nicht darum geht, nie zu fallen, nie zu scheitern, nie zu verzweifeln.

Dass es vielleicht darum geht, immer wieder aufzustehen.

Dass wir uns vielleicht von jedem Sturz erholen und die Wunden heilen können.

Dass wir diese Fähigkeit vielleicht mit jedem Hinfallen trainieren können wie einen Muskel beim Sport.

Vielleicht will richtig Hinfallen nämlich auch gelernt sein.

Mit jeder Phase(r) unseres Körpers.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Interessanterweise habe ich seit Beginn des Jahres zum ersten Mal nicht jede Woche einen Blogartikel hochgeladen. Obwohl ich so viel Zeit habe wie schon lange nicht mehr. Ich muss schmunzeln, wenn ich an den letzten Artikel denke. Mit all den Dingen, für die wir ja jetzt endlich mal Zeit haben! Es drängt sich mir die Vermutung auf, dass es sich beim ausschlaggebenden Faktor diesbezüglich vielleicht doch nicht um fehlende Zeit handelt, wie wir so oft meinen. Oder auch als Entschuldigung nehmen. Zumindest hätten wir gerade die Zeit, mal ausgiebig über diese Frage nachzudenken.

Die Dynamik, die sich die letzten Wochen an einem selbst und dem sozialen Umfeld beobachten ließ, war spannend. Und auch ein bisschen lustig. Wir sind irgendwie so von einer in die nächste Phase geschlittert.

Zuerst, vor noch gar nicht all zu langer Zeit, die uns allerdings wie eine Ewigkeit vorkommt, war da größtenteils Ignoranz und Verleugnung. Keine Ahnung, was es mit diesem Corona-Kram auf sich hat und warum die da so ausrasten.

Fast unmerklich in die nächste Phase gestupst worden. Hm. Scheint vielleicht irgendwie doch ein bisschen größer zu sein als gedacht. Vielleicht schau ich halt doch mal ein bisschen öfter Nachrichten.

Mit bereits deutlich erhöhter Geschwindigkeit weiter in die Panikphase geknallt, mit allem was dazu gehört. Erst Sorge, dann vielleicht auch Angst. Unsicherheit. Das kann doch alles nicht wahr sein. Wie in einem schlechten Film! Dass wir das noch erleben dürfen/müssen!

Smoother Übergang in die Schockstarre. Job weg. Struktur weg. Alter Alltag weg. Vielleicht lieber mal husch raus aus dem Moloch der Metropole. Bisschen Land ist ja auch mal schön. Und die gute Luft erst, ahhh! Herrlich!

Zwei Tage später. Hm. Un nu? Wie wird es weitergehen? Und wann? Oder überhaupt?

Hier stinkt’s nach Kuhscheiße.

Warum glotzt der Nachbar denn so doof über seinen spießigen Gartenzaun?

Vorsichtshalber mal lieber in die Phase der Vermeidung stolpern. Massenweise blöde Witze reißen, die latente Verzweiflung in unserem und dem Lachen unserer Freunde gekonnt ignorieren. Uns gegenseitig mit Videos und Bildern zur aktuellen Situation überfluten. Ziemlich witzigen ehrlich gesagt.

Sich in einer ruhigen Minute vielleicht darüber bewusst werden, dass nur die darüber lachen können, die bis jetzt noch nicht unmittelbar mit der Dramatik der Situation und deren verheerenden Folgen in Kontakt gekommen ist. Wer ein Familienmitglied an dieses Virus verliert, amüsiert sich ganz sicher nicht mehr über Klopapier- und Desinfektionsmittelsatire.

Jede erdenkliche Quelle zum Thema aufsaugen.

Komplett aufhören, Nachrichten zu schauen.

Voller Motivation weiter in die Aktionismusphase, in der wir uns entweder tatsächlich über all die geschenkte Zeit zum Putzen, Aufräumen, Aussortieren, Wände streichen, Gärtnern, Stricken, Musizieren, Steuererklären und was nicht noch alles freuen oder es uns zumindest einreden, dass das alles totaaaal toll ist.

In der zweiten oder dritten Woche oder vielleicht auch schon früher feststellen, dass man jetzt eigentlich auch erstmal wieder genug getan hat und vielleicht auf manche Dinge, die man sich schon so ewig vorgenommen hatte und jetzt dank Corona ja tatsächlich auch mal Zeit dazu hätte, halt einfach trotzdem keinen Bock hat.

Ich hab ja echt schon lange nicht mehr so richtig schön gemütlich mit einem Buch und Tee auf dem Sofa gelegen…

Krass, dass man Netflix tatsächlich leerschauen kann.

Einfach mal wieder früh ins Bett und einen gesunden Schlaf-Wach-Rhythmus etablieren.

Kaffeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeee!!!

Und mal wieder so richtig schön gesund und frisch kochen. Auja. Sogar auf dem Markt einkaufen!

Geil. Pizza.

Heimlich kriechen wir in die Phase der Lethargie. Sonst wollen wir doch immer mehr Freizeit haben. Zeit zum Nichtstun. Einfach mal sein. Sich selbst finden, in Kontakt mit uns und unserem Inneren kommen. Mal so richtig schön und voller nicht wertender Achtsamkeit zu uns finden. Blaaaaaaaaa. Gähn. Wir stellen fest, dass freie Tage ihren Wert offensichtlich nicht aus anderen freien Tagen ziehen.

Ach wie schön, dass wir alle in dieser schweren Zeit näher zusammenrücken und endlich mal wieder Zeit füreinander haben! Familie ist das Wichtigste im Leben!

Einen Tag später. Lagerkoller. Alle drehen durch.

Zwei Wochen Quarantäne wird super! Ich bin so gerne für mich! Endlich hab ich mal meine Ruhe.

Drei Tage später. Mit Kuscheltier im Arm und einem halben Liter Ben&Jerry’s Cookie Dough Double Chocolate Caramel Brownie im Bett liegen, den traurigsten Film aller Zeiten schauen und sich selbst bemitleiden.

Vielleicht bemerken wir, dass wir zwar weder Sternekoch noch Bestsellerautor oder begnadete Strickliesel geworden sind, dafür aber wieder jeden Morgen die Laufschuhe schnüren, im nächsten Frankreichurlaub tatsächlich ein Bier bestellen könnten und entgegen jahrelanger Überzeugung doch keine zwei linken Hände haben! Uns darüber freuen und lieber all das sehen anstatt das, was wir vielleicht ursprünglich mit dieser Zeit vorhatten und alles nicht getan haben. Dass das gerade die falsche Zeit für Perfektionismus, Wettbewerb und selbstauferlegten Druck ist.

Dass es vielleicht auch ganz schön viel Kraft und Zeit kosten kann, sich einmal so von heute auf morgen einen komplett neuen Alltag zu schaffen und sich selbst Struktur und Halt zu geben. Ohne Außen.

Im Idealfall kommen wir in Begleitung einer schrittweisen Umstellung und Anpassung an unser momentanes und neues Leben langsam aber sicher in der Phase der Akzeptanz an. Arrangieren uns mit der neuen Situation. Nehmen an, dass wir nicht wissen, wann das alles vorbei ist. Ob es überhaupt irgendwann ganz vorbei ist. Welche langfristigen Auswirkungen es auf unser individuelles, gesellschaftliches, wirtschaftliches und politisches Leben haben wird. Wie schnell oder langsam sich all das entwickelt. Wie es weitergeht.

Schauen mit fast schon ekelerregendem unverbesserlichen Optimismus in eine Zukunft, von der wir auch vor Corona noch nie wussten, was sie bringen mag.

Lassen die Dinge auf uns zukommen.

Halten zusammen.

In dem Wissen, dass es weitergehen wird. Dass der Mensch anpassungsfähig ist.

Dass Krisen das weitaus größere Potenzial für Wachstum haben als Friede Freude Eierkuchen.

Und hoffen auf das Beste.

Blogartikelreihe: Psychisch krank in Zeiten von Corona – Teil 2

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Alles nur eine Frage der Betrachtung?

Mittlerweile kann wohl kaum jemand mehr behaupten, dass das Thema Corona spurlos an ihm vorbei geht. Jeden Tag erreichen uns neue Nachrichten, Beschränkungen, Vorsichtsmaßnahmen. Aber über die soll es hier heute nicht gehen, denn wir kennen sie alle schon auswendig. Der heutige Artikel beschränkt sich nicht auf die Situation von psychisch kranken Menschen im Speziellen, sondern auf die aktuelle mentale Verfassung von uns allen, egal ob vorbelastet oder nicht: Was macht die Coronavirus-Krise mit unserer Psyche?

Wie, du hast zwei Kinder?!

Vor allem in Zeiten wie diesen ist der Austausch mit unseren sozialen Kontakten trotz häuslicher Isolation wichtiger denn je (siehe Teil 1 der Blogartikelreihe: https://tanzzwischendenpolen.com/2020/03/18/blogartikelreihe-psychisch-krank-in-zeiten-von-corona/). Das Schöne daran ist, dass man tatsächlich endlich mal die Zeit hat, auch mit alten Freunden oder Bekannten wieder Kontakt aufzunehmen, von denen man ewig nichts gehört hat. Mal rausfinden, was die gerade so treiben, wo sie stecken und, falls man wirklich schon sehr sehr lange keinen Kontakt mehr hatte, erst mal fragen, was das Leben so mit ihnen gemacht hat in den letzten Jahren. Da erfährt man plötzlich Dinge, die man nie erwartet hätte…Nachwuchs, Hochzeiten, Scheidungen, Jobs, die man mit diesem Menschen niemals in Verbindung gebracht hätte, Wohnsitz in exotischen Ländern…das ist auf jeden Fall spannend. Und lenkt ab.

„Wie geht es dir gerade wirklich?“

Durch den regen Austausch mit meinem nahen und fernen Umfeld habe ich die letzten Tage einen ziemlich guten Eindruck bekommen, wie ähnlich wir doch alle gerade fühlen, denken und handeln. Obwohl wir in vielen anderen Hinsichten so unterschiedlich sind. Ich habe meinen Freunden und Bekannten bewusst immer wieder die Frage gestellt, wie es ihnen momentan wirklich geht, wie sie mit der Situation umgehen und sich dabei fühlen. Ob sie Angst haben. Und wenn ja, wovor. Was sie dagegen tun. Was sie versuchen, zu vermeiden. Wie ihre Gedanken dazu sind.

Auch wenn es nicht alle auf die gleiche Art und Weise zeigen oder direkt darüber sprechen, so leugnet mittlerweile kaum einer mehr ein latentes Gefühl der Sorge und Beklemmung. Selbst die „richtig harten“ Jungs, die sonst relativ unemotional und rational daher kommen, schicken über soziale Medien Tipps herum, wie man sich vor dem Virus schützen kann, die sich tatsächlich nicht in die Masse aller ironischen Memes, Videos, Bilder und Sprachnachrichten einreihen, sondern einfach ernst gemeint sind. Mal so ganz ohne Witz und Ironie. Die, die sich sonst damit brüsten, wie gerne sie doch alleine sind und wie sehr sie das genießen. Wie unabhängig sie sind und wie gut sie alleine klar kommen. Mich eingeschlossen. Hach, wie sehr wir doch in uns ruhen! Uns kann so schnell nichts umhauen, komme, was wolle! Tja. Da haben wir die Rechnung aber vielleicht ohne Corona gemacht.

Doch lieber gemeinsam als einsam?

Schon nach kürzester Zeit stellen nun nicht nur die unter uns, die Alleinesein sowieso generell schon immer kacke fanden und am liebsten in Gesellschaft sind, sondern auch eben erwähnte Teilzeit-Einzelgänger fest, dass es einen Unterschied gibt zwischen freiwilligem, selbst gewähltem Rückzug und dem fremdbestimmt auferlegten Alleinesein. Und zwar einen gewaltigen! Und damit meine ich nicht „gemeinsam einsam“, also mit Familie, Kindern, Partnern oder WG-Mitbewohnern „alleine“, sprich ohne Besuch von weiteren Personen und isoliert vom Rest des sozialen Umfelds, zu Hause zu sein. Wobei hier unbedingt erwähnt sei, dass die gemeinsame Isolation wieder andere, nicht minder herausfordernde Situationen mit sich bringt. Nur eben andere. Gemeinsam einsam ist halt einfach nicht das gleiche wie alleine einsam. Nur du. In deiner Bude. Mit deinen Gedanken. Deinen Sorgen. Deinen Ängsten. Wir alle mit der Unsicherheit, in der wir uns gerade befinden. Der Unsicherheit, die noch nie die Sicherheit war, die wir uns bisher mehr oder weniger erfolgreich eingeredet haben. Plötzlich können wir nicht mehr von ihr davon laufen und müssen ihr ins Auge sehen. Trotz unserer Angst. Und akzeptieren, dass sie unser ständiger Begleiter ist. Dass sie das schon immer war. Und auch immer bleiben wird. Dass wir eben über die meisten Dinge doch keine Kontrolle haben. Dass wir loslassen müssen, wenn wir unseren Frieden mit diesem Zustand schließen möchten.

Hunger auf Mensch!

Spätestens sobald auch der einsamste Cowboy im Freundeskreis plötzlich beiläufig erwähnt, dass er nach einer Woche Quarantäne vielleicht doch langsam durchdreht und verhältnismäßig viele, relativ inhaltsarme Nachrichten schickt, nur um den Tag über irgendwie in Kontakt zu bleiben, dürfen wir uns dann denke ich auch endlich eingestehen, dass all das okay ist. Dass wir Menschen sind und der Mensch ein soziales Wesen, das den regelmäßigen Kontakt und Austausch mit seinen Mitmenschen brauch, um sich wohlzufühlen und seine Gesundheit zu erhalten. Um sich als Teil von einem Ganzen zu fühlen. Wir müssen zwar nicht mehr physisch verhungern, wenn wir nicht Teil der Herde sind oder auf unseren Anteil am saftigen Mammutfleisch verzichten, doch wir können auch emotional verhungern. Wenn wir uns zu lange abgeschnitten fühlen vom Rest der Welt oder es tatsächlich auch sind. Dass wir uns in einem Ausnahmezustand befinden, den in dieser Form wohl noch keiner von uns erlebt hat und dass es durchaus normal und auch angebracht ist, uns damit unwohl, ängstlich und auch alleine oder gar einsam zu fühlen. Dass wir nicht an uns zweifeln müssen, weil wir all das jetzt so erleben und fühlen und plötzlich nicht mehr cool mit dem Alleinsein sind. Sondern ganz schön damit zu kämpfen haben. Dass wir es gerade weder achtsam noch unachtsam annehmen können. Und auch nicht wollen. Und dass das vor Allem eines ist: Zutiefst menschlich.

Meer ist Meer.

Wir mögen zwar in unterschiedlich ausgestatteten Schiffen oder Booten sitzen (siehe Blogartikelreihe Teil 1), und doch haben wir alle etwas gemein: Wir befinden uns gerade mitten auf dem Ozean. Um uns herum nur Wasser, egal wohin wir blicken. Nirgendwo Land in Sicht. Nur Horizont. Das ist das, was wir gerade haben und das ist auch das einzige, mit dem wir gerade arbeiten können. Das verbindet uns alle. Auch wenn es ganz bestimmt wichtig ist, anzuerkennen und zu akzeptieren, welche Dinge wir nicht im Griff haben und welche gerade schwierig sind, ist es mindestens genau so wichtig, wenn nicht sogar noch wichtiger, dass wir auch sehen und wertschätzen, auf was wir trotz allem weiterhin Einfluss nehmen können. Wenn auch vielleicht momentan anders als wir es bisher getan haben. Dass wir dem Ohnmachtsgefühl, das uns dieser Tage immer wieder überkommen mag, begegnen können, indem wir aktiv werden. Dass wir unsere Selbstwirksamkeit nicht verlieren, egal wie viele Beschränkungen, Veränderungen, Unsicherheiten und Einschnitte es in unserer Gesellschaft und unserem persönlichen Leben gerade geben mag. Dass es immer noch viele Bereiche gibt, in denen wir handlungsfähig bleiben und Einfluss nehmen können. Sollten.

Dass es sich selbst in dieser außergewöhnlichen Situation nicht anders verhält und alles in vielen Hinsichten nach wie vor eine Frage der Betrachtung ist.

Und sie ist am dampfen…

Da wir mittlerweile alle bestens darüber informiert sind, was gerade alles ganz schön scheiße läuft, sollten wir immer wieder und immer öfter versuchen, uns auf die Dinge zu konzentrieren, die wir in dieser Krise trotz Allem positiv bewerten können. Das Coole daran ist, dass etwas nicht mal unbedingt positiv sein muss, damit wir es als positiv bewerten können. Ja, es mag uns manchmal zum Hals raushängen, dieses ewige „Sieh doch mal das Gute daran!“ oder „Alles Negative hat auch immer etwas Positives!“. Oder „Mach das Beste draus!“…Ist ja alles schön und gut, aber manchmal ist etwas auch einfach so richtig lupenrein scheiße und wir haben schlicht und ergreifend keinen Bock, uns auf gut Glück und bis zum Hals in der Scheiße steckend durch eben jene zu wühlen. Auf der Suche nach dem one and only unverdauten goldenen Maiskorn, das wir vielleicht doch noch weiter verwerten könnten. Und uns damit einzureden, dass doch alles halb so wild ist.

Doch, es ist wild! Und es ist schwierig. Und es fühlt sich gerade alles seltsam an. Irgendwie surreal. Und es macht uns Angst. Und wir wissen nicht, wie es weitergeht. Oder wie lange das noch so geht. Es geht nicht darum, zu behaupten, dass das alles nur halb so wild sei. Aber es geht darum, dass sich in jeder Krise, auch in der jetzigen, immer auch etwas Positives finden lässt. Mag es noch so klein sein und mögen wir noch so lange danach suchen müssen.

Aber es ist da.

Die Entscheidung, ob wir uns auf diese kleinen Dinge konzentrieren wollen, liegt einzig und allein bei uns. Und wenn es jeden Tag nur eine Kleinigkeit ist, dann sind es am Ende der Woche schon sieben. Das heißt nicht, dass wir den Ernst der Lage nicht erkennen oder ihn schmälern oder komplett verdrängen wollen. Wir können uns jedoch ohne schlechtes Gewissen und bewusst dazu entscheiden, die positiven Dinge nach wie vor wahrzunehmen und umso mehr wertzuschätzen, auch wenn sie dieser Tage nicht so offensichtlich sind oder von anderen größer scheinenden Dingen verdrängt zu werden drohen. Ganz besonders dann.

Doch was uns bleibt…

Ja, viele von uns können gerade nicht zur Arbeit gehen. Aber wir können die freie Zeit nutzen, um Dinge zu tun, die wir schon so lange tun woll(t)en und nie dazu gekommen sind. Neben den üblichen Verdächtigen wie Steuererklärung der letzten hundert Jahre erledigen, endlich das eigene Buch schreiben, Frühjahrsputz, noch viel endlicher das Wohnzimmer streichen, richtig gut kochen, backen, stricken, was auch immer lernen und uns durch „In vier Wochen zum Sixpack“ quälen gibt es so viele Möglichkeiten, unseren neuen und mehr oder weniger ungewohnt leeren und rahmenlosen Alltag umzustrukturieren und neu zu füllen. Unserer Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Die weitaus größere Herausforderung besteht vermutlich eher darin, sich letzten Endes für ein paar wenige (und vorzugsweise realistische) unserer großartigen innovativen Ideen zu entscheiden.

Und uns zu allem Übel nicht auch selbst jetzt noch fertig zu machen, wenn wir nicht mal die Hälfte davon schaffen. Empörenderweise nicht schon zwei Tage nachdem sämtliche, über lange Zeit und vermutlich mühsam etablierte Alltagsstruktur- und routinen von einem auf den anderen Tag in sich zusammengefallen waren, einen perfekten Plan B hinlegen konnten. Ohne jegliche Anpassungsschwierigkeiten. Der Mensch ist ja schließlich kein Gewohnheitstier! Nö! Und ein Herdentier schon gleich dreimal nicht! Wir können die freie Zeit aber auch einfach mal nicht nutzen und endlich mal wieder gar nichts tun, wenn uns danach ist (https://tanzzwischendenpolen.com/2020/02/27/ja-hier-is-was-faul/). Weil wir auch dafür schon lange keine Zeit mehr hatten. Oder sie uns nicht genommen, uns nie zugestanden haben. Ausschlafen, rumgammeln, Binge-Watchen bis zum Umfallen oder Bücherlesen bis zur ausgeprägten Sehschwäche, endlich mal Zeit für so richtig gähnende Langeweile aufkommen lassen und mal schauen, was passiert. Wir können die freie Zeit mit unseren Liebsten verbringen, sie wir sonst vielleicht viel zu selten oder kurz sehen. Wenn sie denn gerade in der Nähe sind. Uns gegenseitig nochmal besser und auch ganz anders kennen lernen. Oder auch uns selbst. Näher zusammen rücken in dieser Zeit. Virtuell, wenn es nicht anders geht.

Kein Grund zur FOMO.

Und auch das mag jeder von euch vielleicht schon bis zum Erbrechen gelesen und gehört haben, aber es ist was dran: In Zeiten von FOMO (Fear of Missing Out; die Angst, etwas zu verpassen) und scheinbar grenzenlosen Möglichkeiten, Ablenkungen und Überfluss in jeglichen Hinsichten, bietet uns die aktuelle Situation eine so in unserer Generation noch nie da gewesene Chance. Die Chance, wirklich mal runter zu kommen. Es gab vermutlich noch nie so wenig zu verpassen wie aktuell in dieser Situation. COVID-19-Live-Ticker mal außen vor. Und wenn es nichts zu verpassen gibt, brauchen wir auch keine Angst davor haben, etwas zu verpassen. Wer bisher nie zur Ruhe gekommen ist und der Meinung war, das wäre ja sowieso gar nicht möglich in unserer hektischen, schnellen und konsumorientierten Welt, der könnte bald der Realität in Form eines Scherbenhaufens seiner ausrangierten Argumenten ins Auge sehen müssen. Zählt leider nicht mehr, sorry.

Die Welt, in der wir leben und wie wir sie bisher zu kennen glaubten, steht innerhalb kürzester Zeit plötzlich so gut wie still. Wir können sie nun anschreien, dass sie sich gefälligst weiterdrehen soll wie bisher, sie schubsen, treten und an ihr zerren. Daran verzweifeln.

Oder aber wir tun es ihr gleich.

Und drehen uns langsamer.

Für’s Erste.