Freiläufer.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Einen Fuß vor den anderen setzen. Schritt für Schritt. Weiter. Immer weiter.

Es gibt mittlerweile viele Studien, die belegen, dass regelmäßige Bewegung und Sport bei der Behandlung von Depressionen und Angstzuständen genauso wirksam sind wie die Einnahme von Antidepressiva. Um zu verstehen, dass dies für schwere depressive Phasen, während der die Betroffenen morgens nicht mal das Bett verlassen können, nicht ganz realistisch ist, braucht es vermutlich keine Statistik.

Auf den letzten Metern

Ich war jahrelang regelmäßig und teilweise ziemlich exzessiv joggen gegangen. Für mich ein Ventil, das es mir ermöglichte, Druck abzubauen, Stress zu bewältigen und den Kopf frei zu bekommen. Ich erinnere mich noch sehr gut an einen meiner letzten Läufe, im Sommer 2017 bevor ich in die Klinik ging. Es ging schon seit Wochen kontinuierlich bergab, ich konnte schon nicht mehr wirklich schlafen und wachte weit vor Sonnenaufgang auf, weil mir mein Geist keine Ruhe mehr ließ. Mein Herz zu laut von innen gegen meine Brust hämmerte. Die Gedanken Runde um Runde drehten. Das Aufstehen stellte bereits eine gewisse Herausforderung da, aber noch schaffte ich es irgendwie. Es war einer dieser Morgende, ich war mit meiner Familie in einem wunderschönen Ferienhaus in Dänemark, mitten in den Dünen, nur ein paar Meter von einem scheinbar endlosen Strand entfernt. Es war irgendwann zwischen 4 und 5, ich schnürte die Schuhe und lief los. Möwenkreischen, das Rauschen der Wellen und zwei Babyrobben, die panisch vom Sand zurück ins sichere Meer flüchteten, als sie mich sahen und mich von dort aus misstrauisch aus großen schwarzen Knopfaugen beobachteten, bevor sie in den Wellen abtauchten. Die Schönheit des Moments war zum Greifen nahe, doch so sehr ich meine Finger auch nach ihr ausstreckte, ich konnte sie nicht erreichen.

Wettlauf gegen den Abfuck

Ich lief und lief und lief. Rannte. Sprintete. Bis der Weg von einigen umgefallenen Baumstämmen versperrt war. Lief und rannte und sprintete die vielen Kilometer und den ganzen Weg zurück. Meine Lunge brannte. Und weiter in die andere Richtung. Bis mein Körper mir unmissverständlich klar machte, dass hier Schluss war. In der Hoffnung, das quälende Gefühl, die Verzweiflung und meine immer wiederkehrenden Gedanken loszuwerden, hatte ich einfach nur eine vollkommene körperliche Erschöpfung erreicht, welche mir die kurzzeitige Güte erwies, zumindest für ein kleines Zeitfenster stärker zu sein als meine psychische. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits deutlich abgenommen. Zu viel. Ich hatte vorher nie Probleme mit meinem Gewicht gehabt. Mal ging es etwas hoch, mal etwas runter, aber früher oder später pendelte es sich immer wieder auf die selbe Zahl ein. Ich war ein absoluter Genussmensch und aß für mein Leben gern und viel, noch mehr, wenn ich viel Sport machte, und hatte meine Zeit noch nie mit sinnlosen Diäten oder Kalorienzählen verbracht. Dafür war das Leben meiner Meinung nach zu kurz. In ein paar Wochen würde ich zehn Prozent meines Gewichts verloren haben, da ich über Tage hinweg kaum mehr etwas zu mir genommen haben würde. Das war der Moment, als ich zum ersten Mal seit Jahren mit dem Joggen aufhörte. Weil mein Körper einfach nicht mehr genügend Kraft hatte. Die letzte Kraft brauchte, um irgendwie zu bewältigen, was da gerade alles Abartiges in ihm abging.

Flügge, lieber nicht!

Als sich meine Zeit in der Klinik im November dem Ende zuneigte, waren bereits nach und nach ein paar der Leute entlassen worden, die schon vor mir da oder gemeinsam mit mir gekommen waren. Nicht jeder sprach es aus, aber irgendwie hatten wir alle Respekt, wahrscheinlich sogar Angst, vor dem, was danach kommen würde. Vor dem großen Nichts für die, die ihren Job durch zu viele Fehltage verloren hatten. So wie ich. Für die, die vielleicht bereits zuvor keinen Job mehr hatten. Angst davor, den Herausforderungen und dem Druck des Arbeitslebens nicht mehr gewachsen zu sein für die, auf die eine Wiedereingliederung wartete. Um die ich sie ehrlich gesagt ganz schön beneidete. Klar würde es eine Herausforderung sein und eine Umstellung, aber es wäre gleichzeitig auch ein Garant für Struktur im Alltag, einen sicheren Rahmen, der Halt geben könnte nach dem absoluten Zusammenbruch und allem, was sie hinter sich hatten.

Gähnende Leere.

Durch den Klinik-Gossip erfuhren wir, die noch da waren, bereits wenige Tage nach der Entlassung einiger Leute, dass sie beim Sprung zurück in den Alltag, raus aus dem sicheren Nest der Einrichtung, abgerutscht waren und einige von ihnen sich gerade übergangsweise in der Geschlossenen befanden. Und das waren nicht nur die ohne Partner oder ohne Job. Sondern auch die, die einen sehr stabilen Eindruck gemacht hatten an ihrem letzten Tag und optimistisch in die Zukunft sahen. Das zu hören machte Angst. Würde es mir genau so gehen? Wie würde ich mir ohne jegliche Struktur von außen meine eigene schaffen? Würde ich diesen neuen, erstmal vollkommen leeren Alltag bewältigen können? War ich stabil genug dazu? Wie lange würde diese Stabilität angesichts der Unsicherheit, mit der ich konfrontiert war, überleben? Was kam danach? Wie sollte es weitergehen?

Gute Reise, gute Reise.

Während wir in der Klinik alle in einem Boot saßen, uns gegenseitig verstanden und austauschen konnten, uns für die Zeit, die wir dort waren, in Sicherheit wähnten, würde ich ab sofort in einem Ein-Mann-Kanu auf’s offene Meer geschickt werden. Freundlicherweise mit einem Paddel und einem Rucksack voller Erkenntnisse, Gelerntem und Ressourcen, den ich über die letzten Wochen und Monate mühsam und in kleinen Schritten gepackt hatte. Doch was ich daraus machte, lag nun einzig und allein an mir. „Leidensgenossen“ in diesem Sinn gab es nicht wirklich, da sich unter meinen Freunden momentan weder andere psychisch Kranke noch Arbeitslose befanden. Glücklicherweise muss man ja fairerweise sagen. Alle arbeiteten ganz normal in ihren Jobs, standen morgens auf, wenn der Wecker klingelte, hatten Verpflichtungen, denen sie nachkommen mussten und einen strukturierten Alltag. Und ich?

Ich ging.

Wohin?

Nirgendwo wirklich hin eigentlich. Ich fing einfach an zu gehen. Nicht joggen, einfach nur gehen. Ich kannte mich und wusste, dass ich wenn ich nicht übergangslos an das täglich frühe Aufstehen während der Klinikzeit anknüpfen würde, schnell wieder in alte Muster verfallen und bis vormittags schlafen würde. Also stellte ich mir weiterhin meinen Wecker, jeden Tag zur gleichen Zeit, und stand auf. Machte mir einen Kaffee zum Mitnehmen, Coffee to go unterwegs gab das Krankengeld leider nicht her, und lief los. Erstmal immer die gleiche Strecke. An der Elbe entlang. Immer geradeaus.

Einen Fuß vor den anderen setzen. Schritt für Schritt. Weiter. Immer weiter.

Jeden Tag.

Bei jedem Wetter.

Schritt für Schritt.

Am Anfang fünf Kilometer, ein paar Tage später zehn. Nach einer Woche keinen Tag unter 15 bis 20 Kilometer. Einmal waren es 35. Das war dann nicht mehr so schön. Ich lief und lief und lief. Um die 300 Kilometer im Monat. Am Anfang bluteten meine Zehen ein paar Mal und es gab die ein oder andere Blase, aber das ging schnell vorbei. Das in Bewegung sein, das Gefühl, voranzukommen, die Regelmäßigkeit der Schritte und meiner Atmung, die Natur, der Strand, das Wasser, die Ruhe, die frische Luft. Nicht die Schnelligkeit und das Auspowern vom Joggen, sondern die Langsamkeit und das Stete des Gehens. All das tat mir gut. Meinem Körper und vor allem auch meiner Seele. Den Blick und auch die Gedanken schweifen zu lassen. Keine Höchstleistungen vollbringen zu müssen, sondern einfach nur stetig einen Fuß vor den anderen zu setzen. In der beruhigenden Gewissheit, dass mein Körper mir gehorcht und mich dort hinbringt, wo ich sein möchte. Egal, was war, vor allem auch an schlechteren Tagen, wusste ich, dass es mir besser gehen würde, sobald ich los lief. Und dass vielleicht vieles schon vergessen sein würde, wenn ich wieder zu Hause war. Mit jedem Schritt fühlte ich mich mich mir selbst noch ein Stück näher.

Man kann es auch übertreiben…

Manchmal setzte ich mir ein Ziel, manchmal nicht. Zwangsläufig legte ich auch alle Wege, die ich im Alltag zurücklegen musste, zu Nachbesprechungen in der Klinik, zum Yoga, zu Treffen mit Freunden, zu Fuß zurück, da anscheinend auch der Hamburger Verkehrsbund mit seinen horrenden Preisen herzlich wenig Sympathien für Krankengeldempfänger hatte. Ich hatte ja den ganzen Tag Zeit, also plante ich einfach genug davon ein und stieg nicht easy schnell in die Bahn oder den Bus und fuhr zwanzig Minuten, sondern ging 17 Kilometer zu Fuß, um zum Zahnarzt zu gehen. Da jeder gegangene Kilometer auch Zeit beansprucht und es außerdem tiefster Winter war, vergingen die Stunden und Tage somit wie im Flug. Wenn ich nach Hause kam, war ich meistens so erschöpft, dass ich es gerade noch so schaffte, zu duschen und etwas zu essen, bevor ich ins Bett fiel und wie ein Stein schlief. Noch ein Problem gelöst. Ich war mir des etwas extremen Charakters all dessen von Anfang an bewusst, doch abgesehen davon, dass Extreme schon immer zu mir gehört hatten und sie mir gefielen, nahm ich das gerne in Kauf. Zu groß war die Angst, wieder den Halt zu verlieren und nur noch die Rücklichter des Zuges zu sehen, der mich zurück in den Alltag bringen sollte.

Und das Laufen war mein Ticket dorthin.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Ich laufe monatelang so weiter. Jeden Tag. Bis ich im April nach Fehmarn ziehe und wieder anfange zu arbeiten. 12-Stunden Schichten. Teilweise zehn Tage am Stück. Warum das, wer hätte das geahnt, nach allem, was ich mit und über meine Erkrankung sowie Frühwarnsignale, Belastungsgrenzen und deren Wahrung, in der Klinik und auch den vorangegangenen Monaten gelernt hatte, nicht so schlau war, könnt ihr hier lesen: https://tanzzwischendenpolen.com/2019/11/06/mit-vollgas-uber-die-insel/ Da blieb weder Zeit noch Kraft für’s Laufen. An meinen wenigen freien Tagen machte ich es trotzdem weiterhin. Oder fuhr mit dem Rad über die Insel. Oder ging Kiten. Mit einer völlig neuen und wunderschönen Kulisse. Die Saison neigte sich dem Ende zu, der Job und eine ganz besondere Zeit auf der Insel waren vorbei.

Öfter mal was Neues!

Zurück in Hamburg musste also ein neuer Job her. Ich kam zu dem Schluss, dass ich, wenn ich sowieso jeden Tag so viel und weit laufen ging, das doch eigentlich auch in tierischer Begleitung machen und nebenher noch ein bisschen Geld verdienen könnte. Also registrierte ich mich auf einer Plattform für Hundebetreuung und Gassiservice und drehte kurz darauf und ab sofort meine Runden mit zwei Vierbeinern, meistens getrennt, manchmal auch beide zusammen, inklusive Leinensalat, massenweise Kackebeuteln, für die ich definitiv eine dritte Hand gebraucht hätte, und belustigter Blicke der Leute, die uns begegneten. Obwohl ich beide sehr schnell in mein Herz schloss, hatte die erste Hundedame eben jenes sofort im Sturm erobert, ich war schockverliebt und wir gehen noch jetzt, über zwei Jahre später, zusammen spazieren und lieben uns heiß und innig.

Insofern hat das Laufen mir nicht nur den Weg zurück in den Alltag geebnet, sondern mich auch meine Liebe zu Hunden entdecken und in den Genuss ihrer bedingungsloser Zuneigung und unbändiger Freude kommen lassen. Und das sind nur einige der positiven Aspekte, die das Laufen mit sich bringen kann.

Laufen braucht kein Ziel, keine Intention. Es geht nicht darum, möglichst schnell anzukommen. Es geht nicht um einen Anfang. Oder ein Ende.

Sondern um das Dazwischen.

Schritt für Schritt.

Weiter.

Immer weiter.

Ist es das Wert?

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Hirnstürmen.

Nachdem ich schon eine ganze Weile am Überlegen bin, über welches Thema ich in meinem nächsten Blogartikel schreiben möchte und irgendwie zwischen Rückkehr in den „Alltag“, wenn wir ihn denn so nennen können, die Wiederaufnahme meiner Jobs und allem, was da so mit dran hängt, noch nicht wirklich entscheidungsfreudig war, wurde mir unerwartet erfreulicherweise etwas auf die Sprünge geholfen. Eine Fragestellung in einem Modul meines Studiums, die sich mit Werten beschäftigt. Ich möchte einige meiner Gedanken zu diesem Thema heute mit euch teilen. Dieser Beitrag wird vermutlich nicht so strukturiert sein wie manch anderer bisher. Ich habe einfach mal drauf los geschrieben. Wenn man sich erst mal mit einem bestimmten Thema beschäftigt, schneidet unser Gehirn dabei so viele andere an, dass eins zum anderen kommt und schwupps, ist man vielleicht doch ganz wo anders gelandet. Das hier ist wie ein kleines Brainstorming, bei dem mir viele Ideen für künftige Artikel gekommen sind, die ich im Folgenden zwar erwähne, ihnen aber nicht annähernd die Aufmerksamkeit widme, die ihnen zusteht.

Unsere eigenen Werte vs. die Werte unserer Gesellschaft…

Was bedeutet es, selbstbestimmt zu leben?

Was ist normal? Sollten wir dieses Wort nicht vielleicht lieber aus unserem Sprachgebrauch streichen?

Anders als was? Können wir einfach nur „anders“ sagen?

Die Verbindung zwischen „normal“ und „anders“…

Brauchen wir eine neue Philosophie des Scheiterns?

Welchen Einfluss haben unterschiedliche Definitionen von Erfolg auf unsere Lebensqualität und unser Glück?

Welche Rolle spielt Resilienz als Ressource beim Umgang und Leben mit psychischen Erkrankungen?

…mehr als genug Stoff für die nächsten Artikel. Input und Anregungen von euch sind wie immer gerne gesehen!

Ist normal Mehrwert als anders?

Für das Individuum in unserer Gesellschaft wird es zunehmend schwerer, seine ganz persönlichen Werte zu definieren. Was ist MIR wirklich wichtig? Nach welchen Werten möchte ICH leben? Passen die Werte, die uns die Gesellschaft vorzuleben scheint, zu unseren Werten oder sind sie vielleicht meilenweit davon entfernt? Es passiert schnell, dass wir unser Leben an Werten ausrichten, die den unseren überhaupt nicht entsprechen oder vielleicht genau das Gegenteil von ihnen sind.

Und dann fragen wir uns, warum wir nicht glücklich sind oder das Gefühl haben, nicht selbstbestimmt zu leben.

Wenn das alle (oder zumindest die meisten) so machen, wenn man „das halt so macht“, muss ich das dann nicht auch so machen? Seinen eigenen authentischen Weg zu gehen, der sich vielleicht in jeglicher Hinsicht von dem unserer Mitmenschen abhebt und nicht zwangsläufig auf Verständnis stößt, der eben irgendwie „anders“ ist („anders“ als was? Gäbe es keine Norm, gäbe es das Wörtchen „normal“ nicht, würden wir dann überhaupt von „anders“ sprechen können? Kann man „anders“ überhaupt benutzen ohne ein sich anschließendes „als“ und eine darauf folgende Spezifizierung? Vermutlich könnte man ganze Bücher mit einer philosophischen Betrachtung dieses Wortes füllen…), unkonventionell, nicht „normal“ (oder vielmehr „nicht der Norm entsprechend“?) erfordert Mut und Durchhaltevermögen. Die Schwierigkeit besteht vermutlich darin, dass dies im Konflikt mit einem unserer Grundbedürfnisse als Mensch stehen kann: Dem tief in uns verankerten Bedürfnis nach Anerkennung und Zugehörigkeit. Dem Bedürfnis, geliebt zu werden.

Extrinsisch vs. intrinsisch

Denn wenn wir „unser eigenes Ding“ machen, entgegen aller Meinungen von Außen und entgegen etwaiger Widerstände und Kritik, stoßen wir nicht selten auf Ablehnung oder vielleicht auch Ab“wertung“. Anerkennung im Außen als Motivation oder Antrieb, weiterzumachen, fallen plötzlich weg. Und die einzigen, die uns das noch geben können, sind letzten Endes einzig und allein wir selbst. Um unsere Überzeugung, dass das, was wir machen, genau so genau richtig für uns ist, wirklich leben und voll und ganz hinter unseren Werten und deren Vertretung stehen zu können, setzt allerdings voraus, dass wir tatsächlich aus unserem tiefsten Inneren überzeugt sind

Krank halt.

Wenn ich die Fragestellung auf die Texte für meinen Blog beziehe, dann sind es Dinge wie Entstigmatisierung, Authentizität, Verständnis und Ehrlichkeit, die ich bewirken oder an meine Leser*innen vermitteln möchte. Und diese Werte natürlich auch selbst vertrete. Toleranz und Akzeptanz in unserer Gesellschaft. Die Akzeptanz von Menschen, die aufgrund psychischer Erkrankungen anders „funktionieren“ als psychisch gesunde Menschen. Die andere Voraussetzungen für das alltägliche Leben haben. Vor anderen Herausforderungen stehen. Verständnis. Dafür, dass psychische Erkrankungen eben so als Erkrankung anerkannt werden wie physische Krankheiten. Und nicht als Charakterschwäche oder dergleichen gesehen und die Betroffenen in der Konsequenz diskriminiert werden.

So wie du es tust.

Losgelöst von dieser Thematik möchte ich in meinen Texten ebenso Werte wie Authentizität, Individualität, Selbstwertgefühl, Achtsamkeit, Ehrlichkeit, Zwischenmenschlichkeit und Mut vermitteln. Mut, wir selbst zu sein. Mut zum Nicht-perfekt-sein. Mut, nicht immer zu funktionieren. Mut, unser Leben nach unseren ganz eigenen Vorstellungen zu gestalten und zu leben. Mut, eine Meinung zu den Dingen zu haben. Unsere individuelle Sicht auf die Welt. Die Welt mit eigenen Augen zu sehen. Nicht schweigend hinnehmen, sondern sagen, was wir zu sagen haben. Uns nicht durch den Gedanken, dass etwas doch schon so oft von so vielen anderen Menschen getan wurde, davon abhalten lassen, es trotzdem zu tun. Denn egal, wie viele Menschen schon wie viele Dinge vor uns getan haben oder jeden Tag tun…keiner tut es so wie wir es tun.

Rebellion der Seele?

Wenn Charaktereigenschaften wie Ehrlichkeit und Authentizität als Werte gesehen werden können, so kann es sicher auch Resilienz, der Fachbegriff für die psychische Widerstandskraft des Menschen. Sehr empfehlen kann ich an dieser Stelle das Buch „Resilienz – Das Geheimnis der psychischen Widerstandskraft – Was uns stark macht gegen Stress, Depressionen und Burn-Out“ der Wissenschaftsjournalistin und Autorin Christina Berndt, die sich seit vielen Jahren mit dieser Thematik beschäftigt. Ich persönlich sehe Resilienz als eine der erstrebenswertesten Eigenschaften, die wir uns als Menschen aneignen und erlernen können. Im Idealfall gepaart mit einer neuen Philosophie des Scheiterns und unserer ganz persönlichen und individuellen Definition von Erfolg und Glück. Scheitern nicht als Schwäche, sondern als unabdingbaren Teil des großen Ganzen zu sehen. Als Zwischenstopps auf unserem Weg. Vielleicht kommen wir irgendwann zu der Erkenntnis, dass es nicht darum geht, möglichst schnell anzukommen, sondern darum, das Unterwegssein genießen und bewusst wahrnehmen zu können.

Dass es vielleicht nicht darum geht, nie zu fallen, nie zu scheitern, nie zu verzweifeln.

Dass es vielleicht darum geht, immer wieder aufzustehen.

Dass wir uns vielleicht von jedem Sturz erholen und die Wunden heilen können.

Dass wir diese Fähigkeit vielleicht mit jedem Hinfallen trainieren können wie einen Muskel beim Sport.

Vielleicht will richtig Hinfallen nämlich auch gelernt sein.

Mit jeder Phase(r) unseres Körpers.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Interessanterweise habe ich seit Beginn des Jahres zum ersten Mal nicht jede Woche einen Blogartikel hochgeladen. Obwohl ich so viel Zeit habe wie schon lange nicht mehr. Ich muss schmunzeln, wenn ich an den letzten Artikel denke. Mit all den Dingen, für die wir ja jetzt endlich mal Zeit haben! Es drängt sich mir die Vermutung auf, dass es sich beim ausschlaggebenden Faktor diesbezüglich vielleicht doch nicht um fehlende Zeit handelt, wie wir so oft meinen. Oder auch als Entschuldigung nehmen. Zumindest hätten wir gerade die Zeit, mal ausgiebig über diese Frage nachzudenken.

Die Dynamik, die sich die letzten Wochen an einem selbst und dem sozialen Umfeld beobachten ließ, war spannend. Und auch ein bisschen lustig. Wir sind irgendwie so von einer in die nächste Phase geschlittert.

Zuerst, vor noch gar nicht all zu langer Zeit, die uns allerdings wie eine Ewigkeit vorkommt, war da größtenteils Ignoranz und Verleugnung. Keine Ahnung, was es mit diesem Corona-Kram auf sich hat und warum die da so ausrasten.

Fast unmerklich in die nächste Phase gestupst worden. Hm. Scheint vielleicht irgendwie doch ein bisschen größer zu sein als gedacht. Vielleicht schau ich halt doch mal ein bisschen öfter Nachrichten.

Mit bereits deutlich erhöhter Geschwindigkeit weiter in die Panikphase geknallt, mit allem was dazu gehört. Erst Sorge, dann vielleicht auch Angst. Unsicherheit. Das kann doch alles nicht wahr sein. Wie in einem schlechten Film! Dass wir das noch erleben dürfen/müssen!

Smoother Übergang in die Schockstarre. Job weg. Struktur weg. Alter Alltag weg. Vielleicht lieber mal husch raus aus dem Moloch der Metropole. Bisschen Land ist ja auch mal schön. Und die gute Luft erst, ahhh! Herrlich!

Zwei Tage später. Hm. Un nu? Wie wird es weitergehen? Und wann? Oder überhaupt?

Hier stinkt’s nach Kuhscheiße.

Warum glotzt der Nachbar denn so doof über seinen spießigen Gartenzaun?

Vorsichtshalber mal lieber in die Phase der Vermeidung stolpern. Massenweise blöde Witze reißen, die latente Verzweiflung in unserem und dem Lachen unserer Freunde gekonnt ignorieren. Uns gegenseitig mit Videos und Bildern zur aktuellen Situation überfluten. Ziemlich witzigen ehrlich gesagt.

Sich in einer ruhigen Minute vielleicht darüber bewusst werden, dass nur die darüber lachen können, die bis jetzt noch nicht unmittelbar mit der Dramatik der Situation und deren verheerenden Folgen in Kontakt gekommen ist. Wer ein Familienmitglied an dieses Virus verliert, amüsiert sich ganz sicher nicht mehr über Klopapier- und Desinfektionsmittelsatire.

Jede erdenkliche Quelle zum Thema aufsaugen.

Komplett aufhören, Nachrichten zu schauen.

Voller Motivation weiter in die Aktionismusphase, in der wir uns entweder tatsächlich über all die geschenkte Zeit zum Putzen, Aufräumen, Aussortieren, Wände streichen, Gärtnern, Stricken, Musizieren, Steuererklären und was nicht noch alles freuen oder es uns zumindest einreden, dass das alles totaaaal toll ist.

In der zweiten oder dritten Woche oder vielleicht auch schon früher feststellen, dass man jetzt eigentlich auch erstmal wieder genug getan hat und vielleicht auf manche Dinge, die man sich schon so ewig vorgenommen hatte und jetzt dank Corona ja tatsächlich auch mal Zeit dazu hätte, halt einfach trotzdem keinen Bock hat.

Ich hab ja echt schon lange nicht mehr so richtig schön gemütlich mit einem Buch und Tee auf dem Sofa gelegen…

Krass, dass man Netflix tatsächlich leerschauen kann.

Einfach mal wieder früh ins Bett und einen gesunden Schlaf-Wach-Rhythmus etablieren.

Kaffeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeee!!!

Und mal wieder so richtig schön gesund und frisch kochen. Auja. Sogar auf dem Markt einkaufen!

Geil. Pizza.

Heimlich kriechen wir in die Phase der Lethargie. Sonst wollen wir doch immer mehr Freizeit haben. Zeit zum Nichtstun. Einfach mal sein. Sich selbst finden, in Kontakt mit uns und unserem Inneren kommen. Mal so richtig schön und voller nicht wertender Achtsamkeit zu uns finden. Blaaaaaaaaa. Gähn. Wir stellen fest, dass freie Tage ihren Wert offensichtlich nicht aus anderen freien Tagen ziehen.

Ach wie schön, dass wir alle in dieser schweren Zeit näher zusammenrücken und endlich mal wieder Zeit füreinander haben! Familie ist das Wichtigste im Leben!

Einen Tag später. Lagerkoller. Alle drehen durch.

Zwei Wochen Quarantäne wird super! Ich bin so gerne für mich! Endlich hab ich mal meine Ruhe.

Drei Tage später. Mit Kuscheltier im Arm und einem halben Liter Ben&Jerry’s Cookie Dough Double Chocolate Caramel Brownie im Bett liegen, den traurigsten Film aller Zeiten schauen und sich selbst bemitleiden.

Vielleicht bemerken wir, dass wir zwar weder Sternekoch noch Bestsellerautor oder begnadete Strickliesel geworden sind, dafür aber wieder jeden Morgen die Laufschuhe schnüren, im nächsten Frankreichurlaub tatsächlich ein Bier bestellen könnten und entgegen jahrelanger Überzeugung doch keine zwei linken Hände haben! Uns darüber freuen und lieber all das sehen anstatt das, was wir vielleicht ursprünglich mit dieser Zeit vorhatten und alles nicht getan haben. Dass das gerade die falsche Zeit für Perfektionismus, Wettbewerb und selbstauferlegten Druck ist.

Dass es vielleicht auch ganz schön viel Kraft und Zeit kosten kann, sich einmal so von heute auf morgen einen komplett neuen Alltag zu schaffen und sich selbst Struktur und Halt zu geben. Ohne Außen.

Im Idealfall kommen wir in Begleitung einer schrittweisen Umstellung und Anpassung an unser momentanes und neues Leben langsam aber sicher in der Phase der Akzeptanz an. Arrangieren uns mit der neuen Situation. Nehmen an, dass wir nicht wissen, wann das alles vorbei ist. Ob es überhaupt irgendwann ganz vorbei ist. Welche langfristigen Auswirkungen es auf unser individuelles, gesellschaftliches, wirtschaftliches und politisches Leben haben wird. Wie schnell oder langsam sich all das entwickelt. Wie es weitergeht.

Schauen mit fast schon ekelerregendem unverbesserlichen Optimismus in eine Zukunft, von der wir auch vor Corona noch nie wussten, was sie bringen mag.

Lassen die Dinge auf uns zukommen.

Halten zusammen.

In dem Wissen, dass es weitergehen wird. Dass der Mensch anpassungsfähig ist.

Dass Krisen das weitaus größere Potenzial für Wachstum haben als Friede Freude Eierkuchen.

Und hoffen auf das Beste.

Blogartikelreihe: Psychisch krank in Zeiten von Corona – Teil 2

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Alles nur eine Frage der Betrachtung?

Mittlerweile kann wohl kaum jemand mehr behaupten, dass das Thema Corona spurlos an ihm vorbei geht. Jeden Tag erreichen uns neue Nachrichten, Beschränkungen, Vorsichtsmaßnahmen. Aber über die soll es hier heute nicht gehen, denn wir kennen sie alle schon auswendig. Der heutige Artikel beschränkt sich nicht auf die Situation von psychisch kranken Menschen im Speziellen, sondern auf die aktuelle mentale Verfassung von uns allen, egal ob vorbelastet oder nicht: Was macht die Coronavirus-Krise mit unserer Psyche?

Wie, du hast zwei Kinder?!

Vor allem in Zeiten wie diesen ist der Austausch mit unseren sozialen Kontakten trotz häuslicher Isolation wichtiger denn je (siehe Teil 1 der Blogartikelreihe: https://tanzzwischendenpolen.com/2020/03/18/blogartikelreihe-psychisch-krank-in-zeiten-von-corona/). Das Schöne daran ist, dass man tatsächlich endlich mal die Zeit hat, auch mit alten Freunden oder Bekannten wieder Kontakt aufzunehmen, von denen man ewig nichts gehört hat. Mal rausfinden, was die gerade so treiben, wo sie stecken und, falls man wirklich schon sehr sehr lange keinen Kontakt mehr hatte, erst mal fragen, was das Leben so mit ihnen gemacht hat in den letzten Jahren. Da erfährt man plötzlich Dinge, die man nie erwartet hätte…Nachwuchs, Hochzeiten, Scheidungen, Jobs, die man mit diesem Menschen niemals in Verbindung gebracht hätte, Wohnsitz in exotischen Ländern…das ist auf jeden Fall spannend. Und lenkt ab.

„Wie geht es dir gerade wirklich?“

Durch den regen Austausch mit meinem nahen und fernen Umfeld habe ich die letzten Tage einen ziemlich guten Eindruck bekommen, wie ähnlich wir doch alle gerade fühlen, denken und handeln. Obwohl wir in vielen anderen Hinsichten so unterschiedlich sind. Ich habe meinen Freunden und Bekannten bewusst immer wieder die Frage gestellt, wie es ihnen momentan wirklich geht, wie sie mit der Situation umgehen und sich dabei fühlen. Ob sie Angst haben. Und wenn ja, wovor. Was sie dagegen tun. Was sie versuchen, zu vermeiden. Wie ihre Gedanken dazu sind.

Auch wenn es nicht alle auf die gleiche Art und Weise zeigen oder direkt darüber sprechen, so leugnet mittlerweile kaum einer mehr ein latentes Gefühl der Sorge und Beklemmung. Selbst die „richtig harten“ Jungs, die sonst relativ unemotional und rational daher kommen, schicken über soziale Medien Tipps herum, wie man sich vor dem Virus schützen kann, die sich tatsächlich nicht in die Masse aller ironischen Memes, Videos, Bilder und Sprachnachrichten einreihen, sondern einfach ernst gemeint sind. Mal so ganz ohne Witz und Ironie. Die, die sich sonst damit brüsten, wie gerne sie doch alleine sind und wie sehr sie das genießen. Wie unabhängig sie sind und wie gut sie alleine klar kommen. Mich eingeschlossen. Hach, wie sehr wir doch in uns ruhen! Uns kann so schnell nichts umhauen, komme, was wolle! Tja. Da haben wir die Rechnung aber vielleicht ohne Corona gemacht.

Doch lieber gemeinsam als einsam?

Schon nach kürzester Zeit stellen nun nicht nur die unter uns, die Alleinesein sowieso generell schon immer kacke fanden und am liebsten in Gesellschaft sind, sondern auch eben erwähnte Teilzeit-Einzelgänger fest, dass es einen Unterschied gibt zwischen freiwilligem, selbst gewähltem Rückzug und dem fremdbestimmt auferlegten Alleinesein. Und zwar einen gewaltigen! Und damit meine ich nicht „gemeinsam einsam“, also mit Familie, Kindern, Partnern oder WG-Mitbewohnern „alleine“, sprich ohne Besuch von weiteren Personen und isoliert vom Rest des sozialen Umfelds, zu Hause zu sein. Wobei hier unbedingt erwähnt sei, dass die gemeinsame Isolation wieder andere, nicht minder herausfordernde Situationen mit sich bringt. Nur eben andere. Gemeinsam einsam ist halt einfach nicht das gleiche wie alleine einsam. Nur du. In deiner Bude. Mit deinen Gedanken. Deinen Sorgen. Deinen Ängsten. Wir alle mit der Unsicherheit, in der wir uns gerade befinden. Der Unsicherheit, die noch nie die Sicherheit war, die wir uns bisher mehr oder weniger erfolgreich eingeredet haben. Plötzlich können wir nicht mehr von ihr davon laufen und müssen ihr ins Auge sehen. Trotz unserer Angst. Und akzeptieren, dass sie unser ständiger Begleiter ist. Dass sie das schon immer war. Und auch immer bleiben wird. Dass wir eben über die meisten Dinge doch keine Kontrolle haben. Dass wir loslassen müssen, wenn wir unseren Frieden mit diesem Zustand schließen möchten.

Hunger auf Mensch!

Spätestens sobald auch der einsamste Cowboy im Freundeskreis plötzlich beiläufig erwähnt, dass er nach einer Woche Quarantäne vielleicht doch langsam durchdreht und verhältnismäßig viele, relativ inhaltsarme Nachrichten schickt, nur um den Tag über irgendwie in Kontakt zu bleiben, dürfen wir uns dann denke ich auch endlich eingestehen, dass all das okay ist. Dass wir Menschen sind und der Mensch ein soziales Wesen, das den regelmäßigen Kontakt und Austausch mit seinen Mitmenschen brauch, um sich wohlzufühlen und seine Gesundheit zu erhalten. Um sich als Teil von einem Ganzen zu fühlen. Wir müssen zwar nicht mehr physisch verhungern, wenn wir nicht Teil der Herde sind oder auf unseren Anteil am saftigen Mammutfleisch verzichten, doch wir können auch emotional verhungern. Wenn wir uns zu lange abgeschnitten fühlen vom Rest der Welt oder es tatsächlich auch sind. Dass wir uns in einem Ausnahmezustand befinden, den in dieser Form wohl noch keiner von uns erlebt hat und dass es durchaus normal und auch angebracht ist, uns damit unwohl, ängstlich und auch alleine oder gar einsam zu fühlen. Dass wir nicht an uns zweifeln müssen, weil wir all das jetzt so erleben und fühlen und plötzlich nicht mehr cool mit dem Alleinsein sind. Sondern ganz schön damit zu kämpfen haben. Dass wir es gerade weder achtsam noch unachtsam annehmen können. Und auch nicht wollen. Und dass das vor Allem eines ist: Zutiefst menschlich.

Meer ist Meer.

Wir mögen zwar in unterschiedlich ausgestatteten Schiffen oder Booten sitzen (siehe Blogartikelreihe Teil 1), und doch haben wir alle etwas gemein: Wir befinden uns gerade mitten auf dem Ozean. Um uns herum nur Wasser, egal wohin wir blicken. Nirgendwo Land in Sicht. Nur Horizont. Das ist das, was wir gerade haben und das ist auch das einzige, mit dem wir gerade arbeiten können. Das verbindet uns alle. Auch wenn es ganz bestimmt wichtig ist, anzuerkennen und zu akzeptieren, welche Dinge wir nicht im Griff haben und welche gerade schwierig sind, ist es mindestens genau so wichtig, wenn nicht sogar noch wichtiger, dass wir auch sehen und wertschätzen, auf was wir trotz allem weiterhin Einfluss nehmen können. Wenn auch vielleicht momentan anders als wir es bisher getan haben. Dass wir dem Ohnmachtsgefühl, das uns dieser Tage immer wieder überkommen mag, begegnen können, indem wir aktiv werden. Dass wir unsere Selbstwirksamkeit nicht verlieren, egal wie viele Beschränkungen, Veränderungen, Unsicherheiten und Einschnitte es in unserer Gesellschaft und unserem persönlichen Leben gerade geben mag. Dass es immer noch viele Bereiche gibt, in denen wir handlungsfähig bleiben und Einfluss nehmen können. Sollten.

Dass es sich selbst in dieser außergewöhnlichen Situation nicht anders verhält und alles in vielen Hinsichten nach wie vor eine Frage der Betrachtung ist.

Und sie ist am dampfen…

Da wir mittlerweile alle bestens darüber informiert sind, was gerade alles ganz schön scheiße läuft, sollten wir immer wieder und immer öfter versuchen, uns auf die Dinge zu konzentrieren, die wir in dieser Krise trotz Allem positiv bewerten können. Das Coole daran ist, dass etwas nicht mal unbedingt positiv sein muss, damit wir es als positiv bewerten können. Ja, es mag uns manchmal zum Hals raushängen, dieses ewige „Sieh doch mal das Gute daran!“ oder „Alles Negative hat auch immer etwas Positives!“. Oder „Mach das Beste draus!“…Ist ja alles schön und gut, aber manchmal ist etwas auch einfach so richtig lupenrein scheiße und wir haben schlicht und ergreifend keinen Bock, uns auf gut Glück und bis zum Hals in der Scheiße steckend durch eben jene zu wühlen. Auf der Suche nach dem one and only unverdauten goldenen Maiskorn, das wir vielleicht doch noch weiter verwerten könnten. Und uns damit einzureden, dass doch alles halb so wild ist.

Doch, es ist wild! Und es ist schwierig. Und es fühlt sich gerade alles seltsam an. Irgendwie surreal. Und es macht uns Angst. Und wir wissen nicht, wie es weitergeht. Oder wie lange das noch so geht. Es geht nicht darum, zu behaupten, dass das alles nur halb so wild sei. Aber es geht darum, dass sich in jeder Krise, auch in der jetzigen, immer auch etwas Positives finden lässt. Mag es noch so klein sein und mögen wir noch so lange danach suchen müssen.

Aber es ist da.

Die Entscheidung, ob wir uns auf diese kleinen Dinge konzentrieren wollen, liegt einzig und allein bei uns. Und wenn es jeden Tag nur eine Kleinigkeit ist, dann sind es am Ende der Woche schon sieben. Das heißt nicht, dass wir den Ernst der Lage nicht erkennen oder ihn schmälern oder komplett verdrängen wollen. Wir können uns jedoch ohne schlechtes Gewissen und bewusst dazu entscheiden, die positiven Dinge nach wie vor wahrzunehmen und umso mehr wertzuschätzen, auch wenn sie dieser Tage nicht so offensichtlich sind oder von anderen größer scheinenden Dingen verdrängt zu werden drohen. Ganz besonders dann.

Doch was uns bleibt…

Ja, viele von uns können gerade nicht zur Arbeit gehen. Aber wir können die freie Zeit nutzen, um Dinge zu tun, die wir schon so lange tun woll(t)en und nie dazu gekommen sind. Neben den üblichen Verdächtigen wie Steuererklärung der letzten hundert Jahre erledigen, endlich das eigene Buch schreiben, Frühjahrsputz, noch viel endlicher das Wohnzimmer streichen, richtig gut kochen, backen, stricken, was auch immer lernen und uns durch „In vier Wochen zum Sixpack“ quälen gibt es so viele Möglichkeiten, unseren neuen und mehr oder weniger ungewohnt leeren und rahmenlosen Alltag umzustrukturieren und neu zu füllen. Unserer Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Die weitaus größere Herausforderung besteht vermutlich eher darin, sich letzten Endes für ein paar wenige (und vorzugsweise realistische) unserer großartigen innovativen Ideen zu entscheiden.

Und uns zu allem Übel nicht auch selbst jetzt noch fertig zu machen, wenn wir nicht mal die Hälfte davon schaffen. Empörenderweise nicht schon zwei Tage nachdem sämtliche, über lange Zeit und vermutlich mühsam etablierte Alltagsstruktur- und routinen von einem auf den anderen Tag in sich zusammengefallen waren, einen perfekten Plan B hinlegen konnten. Ohne jegliche Anpassungsschwierigkeiten. Der Mensch ist ja schließlich kein Gewohnheitstier! Nö! Und ein Herdentier schon gleich dreimal nicht! Wir können die freie Zeit aber auch einfach mal nicht nutzen und endlich mal wieder gar nichts tun, wenn uns danach ist (https://tanzzwischendenpolen.com/2020/02/27/ja-hier-is-was-faul/). Weil wir auch dafür schon lange keine Zeit mehr hatten. Oder sie uns nicht genommen, uns nie zugestanden haben. Ausschlafen, rumgammeln, Binge-Watchen bis zum Umfallen oder Bücherlesen bis zur ausgeprägten Sehschwäche, endlich mal Zeit für so richtig gähnende Langeweile aufkommen lassen und mal schauen, was passiert. Wir können die freie Zeit mit unseren Liebsten verbringen, sie wir sonst vielleicht viel zu selten oder kurz sehen. Wenn sie denn gerade in der Nähe sind. Uns gegenseitig nochmal besser und auch ganz anders kennen lernen. Oder auch uns selbst. Näher zusammen rücken in dieser Zeit. Virtuell, wenn es nicht anders geht.

Kein Grund zur FOMO.

Und auch das mag jeder von euch vielleicht schon bis zum Erbrechen gelesen und gehört haben, aber es ist was dran: In Zeiten von FOMO (Fear of Missing Out; die Angst, etwas zu verpassen) und scheinbar grenzenlosen Möglichkeiten, Ablenkungen und Überfluss in jeglichen Hinsichten, bietet uns die aktuelle Situation eine so in unserer Generation noch nie da gewesene Chance. Die Chance, wirklich mal runter zu kommen. Es gab vermutlich noch nie so wenig zu verpassen wie aktuell in dieser Situation. COVID-19-Live-Ticker mal außen vor. Und wenn es nichts zu verpassen gibt, brauchen wir auch keine Angst davor haben, etwas zu verpassen. Wer bisher nie zur Ruhe gekommen ist und der Meinung war, das wäre ja sowieso gar nicht möglich in unserer hektischen, schnellen und konsumorientierten Welt, der könnte bald der Realität in Form eines Scherbenhaufens seiner ausrangierten Argumenten ins Auge sehen müssen. Zählt leider nicht mehr, sorry.

Die Welt, in der wir leben und wie wir sie bisher zu kennen glaubten, steht innerhalb kürzester Zeit plötzlich so gut wie still. Wir können sie nun anschreien, dass sie sich gefälligst weiterdrehen soll wie bisher, sie schubsen, treten und an ihr zerren. Daran verzweifeln.

Oder aber wir tun es ihr gleich.

Und drehen uns langsamer.

Für’s Erste.

Blogartikelreihe: Psychisch krank in Zeiten von Corona Teil 1: Soziales Leben

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Wie versprochen kommt hier auch schon das „Corona-Special“! Beim Brainstorming zu diesem Artikel sind mir so viele verschiedene Aspekte eingefallen, über die es sich zu sprechen lohnt, dass ich beschlossen habe, dass diese spezielle Situation die perfekte Gelegenheit ist, um nach einem Jahr Bloggen mal ein neues Format auszuprobieren und eine ganze Blogartikelreihe zu starten!

Da die Corona-Krise unser aller Leben gerade massiv beeinflusst und auch beeinträchtigt, werden wir uns in jedem Artikel einen einzelnen (Lebens-)Bereich vornehmen, diesen zuerst in Zusammenhang mit der aktuellen Lage bringen, sprich welche Herausforderungen, Einschränkungen und Probleme er eventuell mit sich bringt, um uns danach verschiedene Strategien und Möglichkeiten zu einem bestmöglichen Umgang damit anschauen. Bei den Bereichen, in denen es meiner Meinung nach einen bedeutenden Unterschied bezüglich Problematik und Umgang zwischen psychisch gesunden und psychisch kranken Menschen gibt, werde ich darauf eingehen und versuchen, euch möglichst viele Inspirationen, Tipps und Ideen zu geben, die mir persönlich gerade helfen und von denen vielleicht auch andere Betroffene profitieren können.

Um hier nicht für Unmut und Empörung zu sorgen, möchte ich direkt zu Beginn nochmal betonen, dass die Intention, die hinter diesem Artikel steht, nicht die Ansicht ist, dass die aktuelle Situation nicht auch für die psychisch gesunden und stabilen unter uns eine genau so große Belastung ist. Wir sitzen alle in einem Boot. Doch während psychisch gesunde Menschen in einem recht großen und stabilen Schiff sitzen, das sich von Sturm und Unwetter so schnell nicht beeindrucken lässt, befinden sich psychisch kranke Menschen vielleicht gerade eher in einem kleinen Boot, das eher einer Nussschale ähnelt und vielleicht noch das ein oder andere Leck hat. Seine Kapazitäten, dem Sturm standzuhalten, sind begrenzt.

Ich denke, wir alle sind mittlerweile genug informiert und spüren die Veränderungen, die die Corona-Krise für unsere Gesellschaft, die Politik, unsere Wirtschaft, aber vor allem auch unser soziales Leben, unseren persönlichen Alltag, unsere Selbstbestimmung und Freiheit mitbringt. Deswegen möchte ich versuchen, mich nicht auf die Probleme, sondern auf mögliche Strategien zum Angehen dieser Herausforderungen oder zumindest eine Erleichterung dieser schwierigen Zeit zu konzentrieren. Nicht an dem festhalten, über das wir gerade keine Kontrolle mehr haben und was uns mehr und mehr entzogen wird, sondern auf das fokussieren, was wir nach wie vor selbstbestimmt tun können, worauf wir Einfluss haben und was uns selbst trotz häuslicher und sozialer Isolation keiner nehmen kann.

Ich persönlich befinde mich seit zwei Tagen in freiwilliger Quarantäne, stelle nach und nach fest, welche Änderungen damit einhergehen, was mir gerade gut tut und was ich tun kann, um weitestgehend stabil zu bleiben, vor allem, da ich gerade erst wieder aus einem depressiven Tief herausgekrabbelt bin. Für die unter euch, die sich schon in den Medien bezüglich häuslicher Quarantäne und deren psychischen Herausforderungen inklusive Tipps belesen haben, werden die folgenden Punkte womöglich keine bahnbrechenden Erkenntnisse mehr darstellen. Vielleicht könnt ihr ja trotzdem etwas daraus mitnehmen.

1.) Soziales Leben

Die Problematik

Eine der größten Gefahren der sozialen Isolation ist wohl das sich komplett Selbst-Überlassen-Seins, dem Alleinsein, wenn man es nicht gewohnt ist, dem Gefühl von Einsamkeit und, Überraschung, Isolation vom Rest der Welt. Vor allem für die meisten Menschen, die das Alleinsein normalerweise vermeiden, es als negativ empfinden, für die Alleinsein mit Gefühlen der Einsamkeit einhergeht, die sich wann immer es geht ablenken, um nicht mich sich selbst und ihren Gedanken, Gefühlen und Empfindungen konfrontiert sein zu müssen. Ablenkung, ständige Stimulation und Reizüberflutung die in unserer Gesellschaft immer und überall möglich und jederzeit verfügbar sind. Waren. Vor allem Möglichkeiten des fast grenzenlosen Konsums und unzählige Orte zur sozialen Interaktion, Treffen mit Freunden und Familie, Verbundenheit, das Gefühl von Zugehörigkeit und Miteinander, kulturelle Vielfalt…die Liste ließe sich noch endlich weiterführen. All das bricht nach und nach weg. Egal ob wir das wollen oder nicht und egal wie viel Angst uns das macht. Wie es uns den Boden unter den Füßen wegzieht, unsere Welt und die Illusion von Sicherheit, die wir uns bisher noch einbilden konnten, einmal auf den Kopf stellt. Alles ins Wanken bringt. Während das Alleinsein in häuslicher Isolation für psychisch stabile Menschen in erster Linie aufgrund des damit verbundenen Gefühls von Einsamkeit und Unwohlsein eine psychische Belastung darstellen mag, liegt das Problem bei psychisch kranken Menschen, auch speziell in Bezug auf bipolare Störungen und vor allem deren depressive Phasen, eher darin, dass sozialer Rückzug, Isolation, Alleinesein, das Gefühl von Einsamkeit…all das sowohl Symptome einer Depression als auch „Handlungen“ sind, die eine depressive Phase oft auch erst auslösen oder verschlimmern können. Unser Gehirn ist von Natur aus darauf ausgelegt, kontinuierlich nach Reizen zu suchen. Stimulation. Im Angesicht völliger Reiz- und Stimulationsarmut sowie auf uns selbst zurückgeworfen sein fackelt unser Geist nicht lange und bombardiert uns erbarmungslos mit Gedanken und daraus resultierenden Gefühlen, die wir durch all die Ablenkung und Geschäftigkeit, die unseren Alltag sonst bestimmt, tief vergraben haben. So tief, dass wir uns sicher waren, sie nie wieder hören oder fühlen zu müssen. Weil unsere Angst davor, sie nicht ertragen zu können, überwältigend ist.

Wie können wir damit umgehen?

Am Allerwichtigsten, und das werdet ihr auch auf jeder anderen Seite finden, die sich aktuell mit diesem Thema auseinandersetzt, ist es jetzt, auch ohne direkten sozialen Kontakt in Verbindung mit unseren Mitmenschen, Familien, Freunden, Partnern, Nachbarn…etc. zu bleiben. Auch hier haben wir ja aktuell auch ganz unterschiedliche Voraussetzungen. Manche von uns, wie beispielsweise auch mir, bleibt gerade nur die eigene Gesellschaft, wenn wir unser Zuhause alleine bewohnen, andere wohnen in einer WG oder mit ihrem Partner und/oder ihren Kindern zusammen. Ganz sicher hat beides seine Vor- und Nachteile. Auch wenn ich mich natürlich über Gesellschaft freuen würde, bin ich ehrlich gesagt gerade ganz froh, dass ich mich momentan nicht auch noch mit einem Mitbewohner über die Haare im Abfluss kümmern oder mir krampfhaft überlegen muss, wie ich meine zwei kleinen Kinder, die nicht verstehen, warum sie gerade nicht wie jeden Tag in die Kita oder die Schule gehen können, als nächstes bespaßen kann. Und nebenher vielleicht auch noch mein Home Office wuppen muss. Es macht einiges einfacher, wenn man nur für sich selbst verantwortlich ist. Andererseits ist es bestimmt auch sehr sehr schön, in dieser schwierigen Zeit seine Liebsten auch physisch um sich zu haben und alle etwas näher zusammenzurücken. Aber der Punkt ist: Auch ohne direkten physischen Kontakt können wir sehr wohl zusammenrücken. Was oft auch ein Fluch ist und über das so manch einer gerne und ausgiebig schimpft (mich eingeschlossen), entpuppt sich in dieser Zeit als unser Segen: Soziale Medien, Smart Phones, Nachrichtendienste. Wir haben heute so viele Möglichkeiten, um mit anderen in Kontakt zu bleiben, dass das weitaus größere Problem daran ist, sich erstmal für einen passenden Kanal zu entscheiden. Wir können telefonieren, skypen, über WhatsApp kommunizieren, Gruppen gründen, in denen wir uns gemeinsam austauschen und aufbauen können, Mut machende und Hoffnung spendende Posts, Stories, Live Videos und was es da nicht alles gibt, auf Facebook, Instagram und was auch immer anschauen, selbst posten, kommentieren, uns darüber austauschen. Etwas, das ich bisher noch nie getan habe. Ich glaube, ich habe in meinem Leben noch kein einziges Facebook-Like verteilt oder danach gelechzt (warum auch, wenn man selbst nichts postet) und mich bis auf meine Reisephase nicht mit den Chroniken und Posts anderer Leute beschäftigt, nachdem ich dessen negative Auswirkungen auf meine Psyche einmal bitter während eines sechswöchigen Praktikums im Sommer in Irland machen musste. Sechs Wochen Regen, sechs Wochen Kommafehler korrigieren, 6 Wochen nur komische Menschen, 6 Wochen Heimweh, Einsamkeit und Depression. Da haben mir die Bilder von all meinen Freunden, die offensichtlich alle gerade entweder die Welt bereisten, den Sommer ihres Lebens, immer Spaß mit ihren Freunden und auch ansonsten ein durch und durch perfektes und glückliches Leben hatten, nicht wirklich geholfen.

Was uns Hoffnung geben kann

Jetzt ist das anders. Es hat ein Shift stattgefunden. Auf keinem sozialen Medium geht es gerade darum, sich durch eine Auflistung augenscheinlicher Highlights und dem perfekten Leben zu profilieren und sich damit gegenseitig zu übertrumpfen. Nein. Es geht darum, zu zeigen, dass wir alle im selben Boot oder Schiff (siehe oben) sitzen. Dass wir solidarisch miteinander sind. Dass wir alle gewisse Ängste haben, auch wenn sie von Mensch zu Mensch unterschiedlich sind. Dass wir uns Sorgen machen. Dass keiner von uns weiß, was morgen, was in einer Woche, was in einem Jahr ist. Dass wir alle nicht wissen, wie lange das hier noch gehen, wie gravierend und weitreichend die Folgen und Auswirkungen sein werden. Dass der langsame Zerfall von illusorischer Sicherheit und unser Gefühl von Kontrolle uns als Menschen in unseren Grundfesten erschüttern. Dass uns all das vor Herausforderungen stellt, mit denen wir niemals gerechnet hätten. Denen wir uns alles andere als gewachsen fühlen. Dass keiner von uns das hat kommen sehen. Es geht darum, dass uns trotz der räumlichen Isolation die Macht bleibt, ein Gefühl der Verbundenheit zwischen uns entstehen zu lassen und während dieser Zeit aufrecht zu erhalten. Dass Verbundenheit distanzlos ist. Dass sie uns den Halt und die Sicherheit geben kann, die wir an so vielen anderen Stellen gerade verlieren. Dass wir zusammenrücken können, während wir räumlich auseinanderdriften. Dass wir all das auch als eine große Chance begreifen können. Für unsere Gesellschaft. Für uns als Individuen.

Dass wir nicht alleine sind.

Hilfe für Psychisch Kranke

Wie weiter oben bereits erwähnt, kennzeichnet sich die besondere Problematik der sozialen Isolation, dass fehlende Kontakte bei Menschen mit entsprechender Prädisposition oder auch chronischen psychischen Erkrankungen wie auch der bipolaren Störung eine depressive Episode auslösen und Depressionstendenzen verstärken können. Wenn man bedenkt, dass soziale Isolation für den Mensch als soziales Wesen selbst bei psychisch höchst stabilen Personen ohne vorangegangene depressive Phasen bereits nach kurzer Zeit ebenfalls zu depressiven Verstimmungen führen kann, überrascht diese Tatsache nicht wirklich. Die Befürchtungen und Unsicherheiten, mit denen wir alle momentan zu kämpfen haben, lassen für uns noch die dagewesene Ängste dort entstehen, wo vorher noch keine waren, und verstärken die, die wir bereits hatten. Und im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen, vor allem natürlich auch Zwangs-/Angst- und Panikstörungen, spielt Angst eine tragende Rolle, deren Zunahme einen äußerst negativen Einfluss auf die Dynamik diverser psychischer Erkrankungen und natürlich auch der Psyche des Menschen im Allgemeinen haben kann.

Wenn WhatsApp nicht reicht

Für viele Betroffene wird es leider nicht reichen, all die oben und momentan überall empfohlenen sinnvollen Maßnahmen zur Aufrechterhaltung von sozialen Kontakten über diverse Kommunikationskanäle und -medien und eines Gefühls von Miteinander, Zugehörigkeit und Verbundenheit im Kampf gegen das Gefühl von Isolation und Einsamkeit anzuwenden. Was einem psychisch stabilen Menschen genug Halt geben mag, vermag für einen psychisch kranken Menschen gegebenenfalls nicht ausreichen. Viele Betroffene werden bereits jetzt oder in der kommenden Zeit auf zusätzliche Hilfe und Unterstützung angewiesen sein. Und zwar nicht, weil sie schwächer als die anderen sind, sondern weil sie krank sind. Neben dem Problem der sozialen Isolation hat die zwar (noch) freiwillige, aber dringlichst angeordnete häusliche Isolation zur Folge, dass viele Betroffene, die aktuell in psychotherapeutischer Behandlung sind, ihre Sprechstunden nicht wahrnehmen, weil sie sich entweder in offizieller oder freiwilliger Quarantäne befinden und ihre Wohnung aus Angst, sich selbst oder andere anzustecken, nicht verlassen. Ein weiteres Problem ist, dass natürlich auch Therapeuten Menschen sind, die Familie und Kinder haben und durch die flächendeckenden Schließungen von Kitas und Schulen ihre Sprechstunden selbst eventuell gar nicht mehr wahrnehmen können, weil sie sich um ihre Kinder kümmern müssen.

„Einmal systemrelevant färben, bitte.“

Ich muss zugeben, dass ich persönlich meine Therapeutin bezüglich des Termins, den ich in einer Woche bei ihr hätte, diesbezüglich noch nicht kontaktiert habe. Mittlerweile wissen wir, dass sich in einer Woche eine komplette Welt aus den Fugen geraten kann und keiner weiß, was morgen oder in ein paar Stunden ist. In verschiedenen Quellen habe ich allerdings gelesen, dass vielerorts wohl auf Videosprechstunden ausgewichen wird. Und ähnlich wie bei der herkömmlichen Telefonseelsorge oder einer Notfallsprechstunde könnte ich mir auch vorstellen, dass Therapiestunden auch erstmal telefonisch stattfinden. Ziemlich dramatisch finde ich persönlich, dass dieser Berufszweig bisher nicht als „systemrelevant“ eingestuft wurde und dadurch beispielsweise Eltern, die als Psychologische Psychotherapeuten tätig sind, keine Sonderbetreuung ihrer Kinder in zustehen würde. Für eine Aufrechterhaltung der Psychotherapieversorung in Deutschland ist allerdings gerade das dringend notwendig! Offensichtlich hält unsere Gesellschaft es für systemrelevanter, uns weiterhin vom Friseur die Haare färben zu lassen, damit wir topgestylt Eiskaffee schlürfend vor unserem Lieblingscafé um die Ecke sitzen können. Inmitten einer eng aneinander gekuschelten sonnenanbetenden Menschenmasse. Auf einen Schnack mit den Mädels.

Um selig den Frühling zu genießen, auf den wir so lange gewartet haben.

Corona und psychisch krank – Wie wir uns jetzt selbst helfen und gut für uns sorgen können.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Ihr Lieben,

ohne große Umschweife und ohne die Herausforderungen, Ängste und Sorgen, die der aktuelle Ausnahmezustand für uns ALLE mit sich bringt, wird hier in Kürze ein Artikel erscheinen, der die besondere Situation, in der sich auch psychisch kranke Menschen momentan befinden und die vielleicht nochmal etwas anderen Herausforderungen oder Probleme, die diese für Betroffene und Angehörige mit sich bringen, in Betracht ziehen wird.

Was wir jetzt tun können, um uns selbst zu schützen, gut für uns zu sorgen, Panik zu vermeiden, trotz der sozialen Isolation verbunden und vor allem weitestgehend stabil zu bleiben. Auch wenn wir gerade alleine zu Hause sind und viele Ressourcen und Tools, derer wir uns sonst bedienen können, um unsere Gemütslage zu beeinflussen und Episoden zu umschiffen, äußere Rahmen, Routinen und unser Gefühl von Sicherheit gerade nicht so zugänglich sind wie normalerweise.

Welche Möglichkeiten wir trotzdem nach wie vor haben, wie wir uns Alternativen schaffen und weiterhin positiv bleiben können. Darauf vertrauen müssen, dass alles gut wird.

Ihr Lieben, ich sitze dran und versuche, den Artikel noch heute (oder aufgrund meines aktuell etwas durcheinander gekommenen vielleicht auch heute Nacht noch hochzuladen und mit euch zu teilen!

Außerdem fände ich es total schön, wenn wir hier eine kleine Gesprächsrunde über die Kommentarfunktion eröffnen könnten, in der wir uns über unsere ganz persönlichen Umgangsstrategien austauschen und Ratschläge aneinander weitergeben können.

Gesund bleiben, Ruhe bewahren, einmal tief durchatmen.

Kaffee trinken und abwarten.

Viele viele weiße Smarties…

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Kürzlich war es wieder so weit und es wurde anhand von EKG und Blutentnahme mal wieder überprüft, ob mein Körper weiterhin mit der Medikation zurechtkommt, auf die ich nun schon seit über zwei Jahren eingestellt bin. Selbst wenn man vielleicht gerade mal nicht ganz so oft daran denkt, dass man eine psychische Erkrankung hat, vor allem, wenn es einem vielleicht schon ein ganzes Weilchen und momentan gut geht, wird man spätestens in solchen Situationen daran erinnert, dass es sich eben doch um eine Krankheit handelt und man nicht zum Spaß jeden Morgen diverse Pillen schluckt und mittlerweile sogar einen Pillenreminder auf seinem Handy hat, da eine unregelmäßige Einnahme oder Vergessen der Einnahme fatale Folgen haben könnte. Da ich diesbezüglich (und auch in einigen anderen Hinsichten) nicht die Disziplin und Organisation in Person bin, hatte ich mir irgendwann die erstbeste App dazu runtergeladen. Ich glaube, der Inhalt ist ursprünglich englisch, denn sie schickt mir jeden Morgen folgende Nachricht: „Vergessen Sie nicht, Pillen einzunehmen!“. Was ich nach wie vor irgendwie ziemlich amüsant finde. Dann nehme ich wie befohlen meine Pillen, setze mit einem befriedigenden Gefühl zwei Häkchen, woraufhin die Pop-Up-Nachrichten verschwinden und denke meistens nicht weiter darüber nach. Doch das war nicht immer so.

Auch ohne Doktortitel…

Auch wenn es den meisten wahrscheinlich mittlerweile aufgefallen ist…ich bin weder Ärztin noch Psychiaterin noch Psychotherapeutin oder was auch immer. Alles, was ich auf meinem Blog über die medizinischen und pharmakologischen Hintergründe und Aspekte der bipolaren Störung schreibe, basiert auf dem Wissen, das ich mir über die Jahre durch Lektüre von Fachliteratur und vertrauenswürdigen Internetquellen angeeignet habe. Deswegen ist die Wahrscheinlichkeit, das ich hier absoluten Mist erzähle, zwar verschwindend klein (abgesehen davon ist das nicht meine Intention), aber trotzdem finde ich es wichtig zu erwähnen. Selbst wenn ich hier also keine Garantie auf wissenschaftliche Vollständigkeit verspreche, braucht ihr euch trotzdem keine Sorgen machen, denn alles was ich diesbezüglich hier schreibe, habe ich nach bestem Wissen und Gewissen recherchiert und bin mittlerweile über die Jahre tatsächlich zur Experten meiner Erkrankung geworden. Ein überaus wichtiger Punkt übrigens, was einen guten Umgang mit der eigenen Erkrankung angeht. Nicht zuletzt weil die Akzeptanz einer Sache umso mehr wächst, je besser man über sie informiert ist. Aber zurück zum Thema: Da die Menge an vertrauenswürdigen Quellen bezüglich der bipolaren Störung nicht zu verachten ist, werde ich mich in den allermeisten Fällen auf die Informationen der Deutschen Gesellschaft für Bipolare Störungen (DGBS) berufen, womit man definitiv auch immer auf der sicheren Seite sein wird.

Auf der Jahrestagung der DGBS in Hamburg, die im Herbst 2018 stattfand, habe ich unter vielen anderen tollen, informativen und hilfreichen Materialien einen Ratgeber für Betroffene und Angehörige erhalten: „Im Wechselbad der Gefühle: Manie und Depression – Die bipolare Störung“, verfasst von den Autorinnen und Autoren PD Dr. phil. Rita Bauer, Prof. Dr. med. Dr, rer. nat. Michael Bauer, Dr. med. Ulrike Schäfer, Volker Mehlfeld und Martin Kolbe. Im Abschnitt über die Behandlung der bipolaren Störung, im Unterpunkt „Vorbeugende Behandlung (Rezidivprophylaxe) findet sich der Teil, der für mein heutiges Thema wichtig ist.

Einmal ist keinmal?

Die unipolare Depression, bei der es keine manischen oder hypomanen Phasen gibt (daher „uni“ und nicht „bi“) und die, abhängig von unzähligen Faktoren und Umständen, in manchen Fällen nur einmalig im Leben des Betroffenen auftritt, kann in den meisten Fällen erfolgreich mithilfe eines Antidepressivums behandelt werden. Wenn es gut läuft, kann dieses nach einer ausreichenden Zeit der Symptomfreiheit ausgeschlichen werden, und wenn es noch besser läuft, bleibt das die einzige depressive Phase des Betroffenen und er muss nie wieder in seinem Leben Antidepressiva einnehmen. Geheilt. Das Leben kann normal weitergehen. Wenn es nicht so gut läuft, kommt die Depression (immer) wieder. Eine immer wiederkehrende Depression ohne Hochphasen nennt sich „rezidivierende unipolare Depression“, übrigens die häufigste Fehldiagnose wenn es um bipolare Störungen geht. Auch bei mir. Bei dieser wiederkehrenden Form ist die Wahrscheinlichkeit, dass nie wieder Antidepressiva zum Einsatz kommen werden, schon etwas geringer als bei der einmalig aufgetretenen unipolaren Depression.

Ich versuche das Ganze nicht zu theoretisch zu halten. Aber ich halte diese Vorinformationen für wichtig, um den Rest zu verstehen. Bei der bipolaren Erkrankung mit ihren immer wiederkehrenden Episoden handelt es sich in der Regel um eine lebenslange Erkrankung, die eine pharmakologische Langzeitbehandlung erforderlich macht. Im Klartext: Lebenslange Medikamenteneinnahme. Zur Vermeidung erneuten Auftretens von (hypo-)manischen oder depressiven Phasen werden in der Behandlung von bipolaren Störungen (anders als Antidepressiva bei den eben erwähnten „reinen“ Depressionen) sogenannte „Stimmungsstabilisatoren“ als „Phasenprophylaxe“ eingesetzt. Lebenslange Erkrankung = lebenslange Medikation. Macht irgendwie Sinn, oder?

Antibiotikum, ja bitte, Antidepressivum, nein danke!

Doch nicht allem was Sinn macht ordnen wir uns widerspruchslos unter. Ich finde, man kann nicht oft genug die Parallelen von psychischen zu physischen Erkrankungen ziehen. Auch chronischen, die vielleicht ebenfalls einer lebenslangen Behandlung bedürfen. Für diverse Krankheiten gibt es heutzutage wirksame Medikamente, die den Menschen noch vor ein paar Jahrzehnten nicht zur Verfügung standen und über deren Existenz wir froh und dankbar sind. Medikamente, mit denen Menschen mit ernsthaften Erkrankungen trotzdem ein gutes Leben führen können. Wir müssen die Pharmaindustrie ja nicht direkt komplett verherrlichen, alles hat zwei Seiten, aber manche Dinge sind einfach Fakt. Auch wenn sich wahrscheinlich jeder von uns freut, wenn er nicht auf Medikamente angewiesen ist und versucht, diese nur dann einzunehmen, wenn es eben wirklich nötig ist, denken wir glaube ich eher weniger nach, wenn wir ein Antibiotikum nehmen müssen. Es geht uns schlecht, wir wissen, dass unser Körper das gerade braucht und es ohne eventuell sogar gefährlich werden kann. Klare Sache. Nehmen wir dann halt. Oder wenn wir herz- oder zuckerkrank sind und dementsprechend dauerhaft Medikamente einnehmen oder unserem Körper zuführen müssen, was er selbst nur mangelhaft oder gar nicht produziert. Und obwohl psychische Erkrankungen wie die unipolare oder bipolare Depression in unserem Gehirn entstehen, was erwiesenermaßen ein Teil unseres Körpers und sie somit genau genommen auch eine körperliche Erkrankung ist, sieht es mit unserer Offenheit gegenüber und der Einstellung zur Einnahme von Medikamenten ganz schön anders aus. Auch hier kann ich nur für mich und Menschen, mit denen ich mich über dieses Thema austausche, sprechen.

Das war’s…

Als ich mit 20 aus dem Ausland zurück kam und meine erste schwere depressive Phase hatte, wurden mir das erste Mal in meinem Leben Antidepressiva verschrieben. Und ich fand es furchtbar. Ich dachte mir, nun ist es soweit mit mir gekommen, dass ich sogar Medikamente nehmen muss. Dann muss es ja wirklich schlimm um mich stehen. Das ist das Ende. Ich krieg es nicht mal selbst hin, dass es mir besser geht, ich bin ein Versager, das ist hoffnungslos. Im Nachhinein weiß ich natürlich, dass all diese Gedanken depressiv verfärbt waren, aber ich fand es wirklich schlimm. Ich trug die Schachtel mit den Medikamenten schon seit ein oder zwei Wochen bei mir, hatte sie aber noch nicht angefangen zu nehmen. Irgendwie muss das doch von selbst wieder weggehen, dachte ich mir, obwohl ich eigentlich keine Hoffnung hatte. Dann passierte etwas, was mich selbst ohne Depression total aus der Bahn geworfen hätte, und das war es dann. Endstation. Ich erinnere mich wie heute an den Moment, als ich morgens mit kalten nackten Füßen auf den türkisfarbenen Fliesen unseres kleinen Badezimmers in unserem Ferienhaus stand und die erste Tablette aus dem jungfräulichen Blister in meine Hand drückte. Sie kritisch betrachtete. Auf meine Zunge legte, einen großen Schluck aus dem Wasserhahn nahm und sie runterschluckte. Ich war verloren. Und daran würde keine Pille der Welt etwas ändern können.

Meine Dankbarkeit an die Pharmaindustrie, als es mir ein paar Wochen später anfing besser zu gehen, war mit Worten nicht zu beschreiben. Obwohl das bestimmt nicht wirklich an den Medikamenten lag, dachte ich mir kurz darauf.

…noch nicht mal ANNÄHERND!

Ein paar Wochen später lag ich mit einer Freundin aus Neuseeland auf meiner kleinen Matratze in meinem fast genauso kleinen Studentenzimmer in Heidelberg, kicherte mit ihr um die Wette und schmiedete die kühnsten Pläne. Das Semester hatte schon angefangen, ich bereits einen Job als Barkeeperin in einem der größten Clubs dort, wo ich mir am Wochenende bis früh morgens die Nächte um die Ohren schlug, nachdem ich mit denen unter der Woche genau das selbe getan hatte, nur auf der anderen Seite des Tresens. Ich hatte direkt Freundschaften geschlossen und stolperte von einem Highlight zum nächsten. Ich liebte mein Leben! Ich dachte ja schon, ich hätte mich in Australien frei gefühlt, aber das hier war next level! Es könnte nicht besser sein! Ich war so erwachsen und unabhängig und frei und die Stadt war wie eine riesengroße Spielwiese, einzig und allein für mich gemacht! Meine mir im Ausland erfolgreich angeeigneten liquid skills konnte ich hier ideal zum Einsatz bringen und mein Wissen vertrauensvoll an meine Mitstreiter weitergeben. Wir feierten das Leben und uns, wir tanzten bis zum Umfallen, und zwar im wahrsten Sinne, wir knutschten, egal ob Männlein oder Weiblein, wir liebten, weinten und lachten. Erinnerten und vergaßen. Schlitterten kreischend und mit roten Wangen vom heißen Mojito auf dem Weihnachtsmarkt über Europas längste, mit Schnee bedeckte und mit hunderten von kleinen Lichtern und Sternen gesäumte Einkaufsstraße. Ich wusste gar nicht wohin mit all meinen Endorphinen! So sollte es für immer bleiben!

Ich hätte den Teufel lieber an der Wand.

Nicht all zu überraschend ist die Tatsache, dass ich nach kurzer Zeit meine Medikamente wieder absetzte. So was brauchte ich doch gar nicht! Auch hier weiß ich im Nachhinein, dass es höchstwahrscheinlich eine hypomane Phase war, die im Laufe der folgenden Jahre bis zur richtigen Diagnose und der adäquaten Behandlung immer wieder durch die Antidepressiva, die ich immer wieder verschrieben bekommen würde, ausgelöst worden war. Depression, Medikamente anfangen, Hoch, Medikamente absetzen, Depression, Medikamente wieder anfangen, Hoch… Ich weiß nicht mal mehr genau, wie oft sich dieser Teufelskreis in den knapp zehn Jahren wiederholt hat. Wie oft meine Familie, meine Freunde und ich uns fragten, was plötzlich mit mir los war. Wie oft wir uns alle freuten, als es mir wieder gut, sogar sehr gut ging. Wie oft wir all das nicht verstanden und jeder auf seine Art und Weise hilflos war. Es war oft. Sehr oft.

Bin ich noch ich?

Ich wollte das ohne Medikamente schaffen. Bin ich nicht schwach, wenn ich es nicht selbstständig aus dem Tief schaffe? Wer sagt mir denn, dass ich unter Einfluss der Medikamente immer noch ich selbst bin und sich dadurch nicht nur wie geplant die Stimmung, sondern auch meine Persönlichkeit ändert? Ich gar nicht mehr ich bin? Wie soll ich überhaupt das eine vom Anderen unterscheiden? Ich stehe doch gerade ganz am Anfang meines Lebens, ich will keine Medikamente nehmen müssen! Bestimmt werde ich dann irgendwann abhängig, auch wenn die sagen, die machen nicht abhängig! Klar, Libido ist sowieso überbewertet! Wer weiß, was das für Langzeitschäden hinterlässt! Sind die überhaupt schon so lange auf dem Markt, dass so was ausreichend erforscht werden konnte? Bestimmt werde ich fett davon!

Und das war noch nicht mal die Hälfte meiner Gedanken dazu.

Sonnencreme hätte auch nichts gebracht.

Wenn es wenigstens nur die eigene Meinung wäre, mit der man sich rumschlagen müsste…aber da sind ja noch diverse und meistens gut gemeinte Ratschläge aus unserem Umfeld oder auch von Ärzten und Therapeuten. Leider überdurchschnittlich oft gut gemeint und schlecht gemacht. „Du brauchst doch keine Medikamente, du bist so ein positiver Mensch, du schaffst das auch so“, habe ich mehr als nur einmal gehört. Meistens war es tatsächlich Liebe und der Glaube an mich, der daraus sprach, einfach der Wunsch, dass es mir wieder besser ginge. Aber manchmal war es auch die Angst. Angst vor dem Unbekannten. Lieber in keiner Form etwas mit psychischen Erkrankungen zu tun haben. Nicht erkennen oder akzeptieren zu können, dass ein nahe stehender Mensch damit zu kämpfen hat und Hilfe braucht. Aus der eigenen Angst heraus. Deswegen erstmal lieber so tun, als wäre das alles gar nicht da. Vielleicht geht es dann ja von selbst weg. „Frau Waldherr, Sie sind nicht depressiv, Sie sind einfach nur hochsensibel. Das ist nichts wofür Sie Medikamente brauchen.“ Die Worte meiner Therapeutin, bei der ich drei Jahre in Behandlung war. Der ich jede Woche von meinem Leben, meinen Auf’s und Ab’s berichtet habe. Was habe ich mich gefreut, als sie mir das sagte. Mit mir war doch alles in Ordnung! Ich war einfach nur hochsensibel! Für die Erkenntnis hätte ich sie zwar gar nicht gebraucht, aber egal! Ha! Ich war nämlich eben doch niemand, der Medikamente brauchte, endlich hatte es jemand richtig erkannt! Ich war nämlich gar nicht krank! Ein paar Wochen nach meiner letzten Sitzung im Frühjahr schlitterte ich mit Hochgeschwindigkeit in eine hypomane Phase, die mir über mehrere Monate den Sommer meines Lebens bescherte. Den verheerenden und unerträglichen Sonnenbrand spürte ich erst im Herbst. Dafür mit einem Schlag und so vernichtend, dass ich dachte, jetzt kann ich wirklich nicht mehr. Medikamente. Pünktlich zum nächsten Frühjahr verschwand er. So als wäre nichts gewesen. Machte Platz für den nächsten.

Weißer Kittel hin oder her!

Vielleicht hätte ich auf mein Gefühl hören sollen, als ich diesen kleinen hässlichen Zen-Garten in ihrem Wartezimmer sah. Sie ist die einzige Person, der ich je Vorwürfe gemacht habe bezüglich eines Erkennens meiner bipolaren Störung. Sie als Therapeutin, die mich jede Woche gesehen und mit mir gesprochen hat, hätte das meiner Meinung nach erkennen müssen. Auch wenn die Diagnose schwierig sein mag. Alle anderen konnten es nicht wissen. Vor kurzem sprach mich mein Hausarzt, der neu in der Praxis war und mich davor genau einmal zu einer Rezeptübergabe gesehen hatte, nach einem kurzen arrogant-gelangweilten Blick auf seinen Computer auf meine Medikation an und fragte mich, ob ich schon mal daran gedacht hatte, es mit Lithium zu versuchen. Ein Medikament, das vor allem bei der Behandlung von manischen Phasen der Bipolar-1-Störung das erste Mittel der Wahl und diesbezüglich höchst wirksam ist. Bei einer Bipolar-2-Störung mit überwiegend depressiven Phasen ist es das definitiv nicht. Ich möchte damit nicht sagen, dass es immer so sein muss, aber leider gibt es viele Idioten. Da helfen dann leider leider auch Doktortitel und weißer Kittel nichts, dem ich früher so blind vertraut hätte. Und die können mit ihrem Unwissen viel Schaden anrichten. Also hört nicht auf zu suchen, bis ihr jemanden gefunden habt, dem ihr wirklich vertraut und von dem ihr das Gefühl habt, in professionellen Händen zu sein. Informiert euch, hinterfragt und seid kritisch! Es sind euer Körper und euer Leben, die dadurch beeinflusst werden. Nach einem meinerseits nicht minder arrogant-gelangweilten fünfminütigen Vortrag über verschiedene Stimmungsstabilisatoren, deren Vor- und Nachteile sowie Wirkmechanismen im Gehirn und dem Vorschlag, dass er sich doch bitte nicht in Bereiche einmischen soll, von denen er keine Ahnung hat und mir stattdessen lieber mal kurz ins Ohr schauen soll, das tue nämlich weh, war die arrogante Ausstrahlung meines aalglatten Hausarztes dann auch ganz fix verflogen.

Genug ausprobiert.

Nachdem ich während meines Klinikaufenthaltes Ende 2017 die Diagnose und damit endlich auch erstmalig die richtige Medikation erhalten hatte, stellte ich die medikamentöse Behandlung nie wieder infrage. All die Jahre hatten mir gereicht. Die bipolare Störung ist eine Krankheit, die mich mein Leben lang begleiten wird. Wie immer bestätigen sicher Ausnahmen die Regel, aber Forschung und Statistik sprechen eine ziemlich eindeutige Sprache. Die Rückfallrate ohne medikamentöse und auch psychotherapeutische Begleitung ist immens hoch. Es wird im Zusammenhang mit der bipolaren Störung nicht von Heilung gesprochen. Sondern von einer möglichst langfristigen Stabilisierung der Stimmungslage durch Phasenprophylaxe. Mit möglichst selten auftretenden neuen Episoden. Zu einem positiven Verlauf der Erkrankung tragen natürlich in erheblichem (und vielleicht sogar genau so großem oder größeren?) Maße noch diverse andere Faktoren wie Lebensführung, Stressreduktion, etc. bei, über die es bei Zeiten auch einen Artikel geben wird.

Ja, es gibt Cooleres und bestimmt auch Einfacheres, als sich als junger Mensch in der Akzeptanz zu üben, den Rest seines Lebens auf Medikamente angewiesen zu sein. Aber hat ja auch niemand behauptet, dass alles immer cool und einfach wäre. Abgesehen davon gibt es definitiv auch weitaus Schlimmeres. Ich weiß mittlerweile auch ohne Statistik, Forschung und weiße Kittel, was passiert, wenn ich meine Medikamente nicht nehme. Und ich habe nicht vor, diese Antwort jemals wieder herauszufordern.

Ich habe mich nicht für oder gegen ein Medikament entschieden.

Ich habe mich für’s Leben entschieden.

Ja, hier is was faul.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Erwischt.

Auf meinem Handy blinkt eine Push-Nachricht auf, die eine neue E-Mail in meinem Posteingang verkündet. Der Betreff der Nachricht lautet: „Lisa, willst du faul sein oder glücklich?“. Ein Newsletter von einem Youtube-Kanal, den ich abonniert habe und sonst eigentlich echt gut finde. Jetzt fühle ich mich ehrlich gesagt auf frischer Tat ertappt. Weil ich schon seit geraumer Zeit in meinem Bett liege, meine Hände an meiner Kaffeetasse wärme und durch mein Fenster Blickkontakt mit Hamburgs strahlendem Grau halte. Und einfach so vor mich hinglotze. Ich höre keine Musik, ich lese kein Buch, ich schaue keine Serie. Mache einfach nichts. Geschweige denn etwas annähernd Produktives.

Ich glotze einfach nur.

Lizenz zur Langeweile

Und ehrlich gesagt mache ich das schon seit ein paar Tagen so. Es tut gut, keinerlei Reizen ausgesetzt zu sein und der Stille zu lauschen. Außerdem bin ich schon seit einer Woche krank und dementsprechend schlapp. Und dann darf man ja schließlich auch mal faul sein. Oder nicht? Hier geht es aber auch schon los: Brauchen wir immer erst eine Erklärung oder Rechtfertigung für’s Faulsein? Müssen wir uns erst im Außen oder selbst die Erlaubnis erteilen, faul sein zu dürfen? Braucht Aktionslosigkeit immer eine Absolution? Um auf besagte Email zurückzukommen: Kann man nur entweder glücklich ODER faul sein? Entweder sind wir also fleißig und glücklich oder faul und unglücklich. Beides geht nicht oder was? Demnach müsste ich eigentlich gerade ganz schön unglücklich sein. Bin ich aber ehrlich gesagt so ganz und gar nicht. Sollte ich deswegen jetzt ein schlechtes Gewissen haben?

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber auf mich hatte der schlechte Ruf, den Faulheit in unserer Gesellschaft seit jeher zu genießen scheint, lange einen enormen Einfluss. Und um ganz ehrlich zu sein kann ich mich auch heute noch manchmal nicht komplett von dem schlechten Gewissen lösen, das mich manchmal im schönsten Faulheitsflow erwischt. Aber immer öfter. Und trotzdem bin ich irgendwie noch nicht verwahrlost seitdem.

Und wenn wir es schaffen würden, nicht alles schaffen zu wollen?

Allein Sprüche wie „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“ oder „Der frühe Vogel fängt den Wurm“ und sonstige philosophisch wertvolle Redewendungen suggerieren uns von klein auf, dass Fleißigsein gut und Faulsein schlecht ist. Wir leben in einer Gesellschaft, in der Leistungsdruck, Perfektionsstreben und Selbstoptimierung unsere ständigen Begleiter sind. Was nun auch wirklich nichts Neues ist. Besonders schlaue Stimmen sollen ja behaupten, es wäre unsere eigene Entscheidung, ob wir uns all dem beugen und unser Leben danach ausrichten wollen oder halt eben nicht. Stimmt schon. Aber nur weil uns all das nicht zusagt, heißt das noch lange nicht, dass wir uns so mir nichts dir nichts und ohne jegliche Zweifel von etwas lösen können, das ungefähr 95 Prozent der Menschen um uns herum nun mal tun. Weil man es halt so macht. Weil es doch irgendwie alle so zu machen scheinen. Weil es sich bei uns so gehört. Schließlich wollen wir ja etwas leisten. Schaffen. Erreichen. Hinkriegen. Erfolgreich sein. Es zu etwas bringen. Und da ist Faulheit ja bestimmt nicht das Mittel der Wahl.

Wir könnten hier jetzt natürlich erstmal die Definition von „Erfolg“ oder „erfolgreich sein“ genauer unter die Lupe nehmen oder unsere Gesellschaft gnadenlos auseinanderpflücken, aber das möchte ich gar nicht. Zumindest heute nicht. Ich frage mich gerade einfach, ob sich Glück und Faulheit tatsächlich ausschließen und falls nein, wie dann eine friedliche Koexistenz der beiden aussehen könnte.

Ich glaube, dass es hier, wie bei so vielem Anderen, auch mal wieder darum geht, was wohl die Anderen von uns denken mögen, wenn wir faul sind. Ob sie uns dann vielleicht ablehnen. Vielleicht komisch finden, wenn wir faul sind. Oder, noch schlimmer, dass sie vielleicht als erste erkennen, was wir selbst noch gar nicht wissen, nämlich dass wir es tatsächlich sind! Und was dann? Gibt es in unserer Gesellschaft und unserem sozialen Umfeld Platz für eine Affinität zum Abhängen? Verpassen wir dabei vielleicht nicht das Wichtigste?

Darf man das?

Das Problem besteht nicht darin, sich von etwas auszuruhen oder zu erholen. Wenn wir krank sind etwa. Und den ganzen Tag im Bett liegen. Das ist keine Faulheit, das ist Krankheit! Und auch nach getaner Arbeit haben wir es natürlich verdient, uns mal mit ein bisschen Faulheit zu belohnen. Wie gesagt: Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Und wenn wir es dann doch mal wagen sollten und einfach so und ganz ohne Grund dem Faulsein frönen, dann flitzen vor unserem inneren Auge gerne diverse Punkte auf unseren diversen To Do-Listen hin und her, die erledigt werden wollen. In der illusorischen Hoffnung auf den Moment, zu dem wir alle Punkte abgehakt haben werden. Was wir in der Zeit, die wir mit Faulsein vergeudet haben, doch alles hätten schaffen können! Da haben wir das Faulsein ohne Absolution schon gewagt und dann können wir es nicht mal genießen und werden auch noch von einem schlechten Gewissen geplagt.

Leer=Gut.

Und vor lauter schlechtem Gewissen und Selbstvorwürfen übersehen wir dabei bedauerlicherweise all das Potenzial, das sich hinter der eher abtörnenden Fassade von Faulsein und Nichtstun versteckt. Wenn der Geist zur Ruhe kommt. Wenn da plötzlich Platz ist für Ideen und Pläne, die vor lauter Geschäftigkeit und Beschäftigtsein immer nur untergegangen sind und einfach vergessen wurden. Gedanken, die erst aufkommen, wenn sich eine gewisse Leere einstellt, die wir oft als Langeweile missdeuten. Ab hier erledigt unser Kopf den Rest ganz von Alleine. Das menschliche Gehirn ist erwiesenermaßen darauf ausgelegt, nach Stimulation zu streben. Sobald diese durch vorübergehende Reizarmut für eine Weile nicht mehr gegeben ist, begibt es sich emsig auf die Suche und lässt Ideen, Gedanken und Tagträume entstehen. Und mit den Gedanken kommen die Gefühle. Auch die schlechten und schwierigen. Vielleicht einer der Hauptgründe, warum wir unterbewusst sogar Angst vor dem Faulsein haben. Und zwar nicht wegen der Ablehnung im Außen, sondern der Auseinandersetzung mit unserem Innersten. Was uns da im Innen erwartet, wenn nichts mehr im Außen ist.

Muß ich?

Der Zug für die Salonfähigkeit der „Faulheit“ ist zumindest in unserer Gesellschaft schon ein Weilchen abgefahren. Vielleicht können wir uns aber auch einfach selbst bescheißen, indem wir es heimlich und leise durch das Wörtchen „Muße“ ersetzen. Irgendwie klingt das doch fleißiger. Und produktiver. Und auch noch ohne Assoziationen zu vergammelten Äpfeln zu erzeugen. Die wirklich bedeutenden Kunstwerke in der Geschichte der Menschheit entstanden schließlich aus Muße, die der offiziellen Definition nach „eine freie Zeit und innere Ruhe (ist), in der man seinen eigenen Interessen nachgehen kann“.

Meine persönliche Lösung für das ganze Faulheitsfiasko ist eine radikale Akzetanz der Tatsache, dass ich einfach furchtbar gerne faul bin. Und auch gerne oft. Irgendwie möchte ich es auch gar nicht als Muße tarnen, weil sich für mich das Bild eines Menschen, der mit allen vieren von sich gestreckt kaffeeschlürfend im Bett liegt und auf unbestimmte Zeit aus dem Fenster glotzt (nicht dass das die einzige Visualisierung von Faulheit wäre), eigentlich echt ganz gut mit dem Wort Faulheit beschreiben lässt. All den guten Ideen, die dabei kommen mögen, zum Trotz.

Die Königsdisziplin im Faulsein besteht jedoch darin, sich vorher bewusst dafür zu entscheiden. Und ebenso bewusst gegen To-Do-Listen-Tummeln, schlechtes Gewissen und Selbstaufwertung durch Erledigen bis zum Erbrechen.

Ich überlasse den Newsletter mit berüchtigtem Betreff seinem kümmerlichen Dasein in meinem Posteingang. Zusammen mit 13.853 anderen Mails, die ich nach dem Lesen auch alle nicht gelöscht habe.

Weil ich dafür einfach zu faul bin.

An deiner Seite

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Wie im letzten Artikel versprochen, wird es heute um die Schwierigkeiten gehen, die psychische Erkrankungen nicht nur für die Betroffenen selbst, sondern auch für deren Angehörige mit sich bringen. Da ich nur für meine eigene Erkrankung sprechen kann, wird es hier speziell um den Umgang mit depressiven Phasen (der bipolaren Störung) gehen. In naher Zukunft wird dann ebenfalls ein Artikel zu den (hypo)manischen Phasen folgen.

Blaaa.

Sowohl im Internet als auch quer durch fachspezifische Ratgeberliteratur finden sich im Großen und Ganzen mehr oder weniger die gleichen Tipps. Die folgenden sind nur eine Auswahl für einen ersten Eindruck.

1.) Zeigen Sie Verständnis für den Erkrankten.

2.) Nehmen Sie die Erkrankung ernst, aber dramatisieren sie sie nicht.

3.) Informieren Sie sich über die Erkrankung.

4.) Vermitteln Sie dem Betroffenen, dass Hilfe möglich ist und es ihm wieder besser gehen wird.

5.) Unterstützen Sie den Erkrankten darin, sich professionelle Hilfe zu suchen.

6.) Nehmen Sie selbst Hilfe in Anspruch, wenn Sie es brauchen.

7.) Treffen Sie in der akuten Phase keine weittragenden Entscheidungen mit dem Erkrankten.

8.) Erkennen Sie ihre Grenzen und achten Sie auf sich selbst.

9.) Nehmen Sie Ablehnung, die Ihnen der Betroffene eventuell entgegenbringt, nicht persönlich.

10.) Bleiben Sie geduldig.

Puh. Das könnte leichter gesagt als getan sein.

Verständnislos verständnisvoll

Ich denke, dass Verständnis zu zeigen in diversen Lebenslagen und sozialen Beziehungen Voraussetzung für ein auf lange Frist funktionierendes und harmonisches Miteinander ist. Da ist das tröstende „Ich kann so gut verstehen, wie du dich fühlst“ der Mutter, wenn das Kind mit einer heftigen Mandelentzündung im Bett liegt, weil sie es selbst auch schon erlebt hat und genau weiß, wie schmerzhaft und ätzend das ist. Oder das mitfühlende „Ich verstehe dich so gut“ der besten Freundin, weil man gerade eine Trennung hinter sich hat und so gut wie jeder Mensch das Gefühl von Liebeskummer zumindest einmal im Leben schon am eigenen Leib erfahren hat. In Situationen wie diesen können wir echtes Mitgefühl für unsere Mitmenschen aufbringen, weil wir aufgrund ähnlicher Erfahrungen genau das in diesem Moment tun: Mitfühlen. Ein Mitfühlen, das nur dann möglich ist, wenn wir das gleiche Gefühl auch schon einmal gefühlt haben. Wir verstehen es, ohne dass es uns jemand erklären muss.

Niemand, der selbst noch nie auch nur annähernd etwas mit Depressionen zu tun hatte, kann nachvollziehen oder auch nur erahnen, wie sich das anfühlt. Genau so wenig wie wir wissen können, wie es sich anfühlt, querschnittsgelähmt oder blind zu sein, wenn wir es selbst nicht sind. Und wenn wir uns als Angehörige noch so anstrengen…wir werden es nie nachvollziehen können. Und wenn uns die Betroffenen ihre Symptome noch so genau schildern…wir werden es nie verstehen. Weil wir es nicht fühlen. Und das müssen wir auch nicht. Um Verständnis zeigen und vermitteln zu können, müssen wir nicht alles verstehen.

Wir können Verständnis zeigen, indem wir unseren Angehörigen und seine Erkrankung ernst nehmen. Diese als Erkrankung anerkennen. Uns so gut und ausführlich wie möglich über das Krankheitsbild informieren. Uns klar machen, dass Depression eine Erkrankung ist wie es viele andere Krankheiten auch sind und genau so wenig wie eine Grippe oder Diabetes oder Krebs mit Willensstärke überwunden werden kann. Und dass das nichts mit Schwäche zu tun hat… Diese Punkte könnten wir hier noch beliebig erweitern. Letzten Endes führen sie aber alle dazu, dass wir ein gewisses Verständnis entwickeln können für etwas, das wir nicht kennen, das uns verunsichert, das uns Angst macht. Und ob dieses Verständnis echt ist, wird der Betroffene spüren. Und es wird ihm gut tun.

Eben so wenig wie wir als Angehörige die Erkrankung bagatellisieren sollten, sollten wir sie zusätzlich dramatisieren. Abgesehen davon, dass sie sich für den Betroffenen auch so schon definitiv dramatisch genug anfühlt, würde es ihn zusätzlich verunsichern, wenn seine Angehörigen auch noch in Panik ausbrächen. Ängste, Unsicherheiten und Sorgen bezüglich der Erkrankung und des Betroffenen sollten diese idealerweise vorerst mit anderen ihnen nahe stehenden Menschen besprechen.

Wissen ist Macht

Sich ausführlich über die Erkrankung seines Angehörigen zu informieren und damit zu beschäftigen ist meiner Meinung nach einer der wichtigsten Punkte, vor allem zu Beginn. Alles was wir nicht kennen, das große Unbekannte, macht uns Angst. Fühlt sich irgendwie nicht gut an. Wir haben keine Kontrolle darüber. Generell sorgt die Information über die Erkrankung, deren Entstehung, die typischsten Symptome, Behandlungsmöglichkeiten, Prävention, etc. und ein daraus entstehendes Grundwissen sehr oft dafür, dass die Angst etwas kleiner wird. Die Machtlosigkeit weniger überwältigend. Wenn wir als Angehörige beispielsweise wissen, dass Hoffnungslosigkeit und Antriebslosigkeit zu den Hauptsymptomen einer Depression gehören, können wir auch plötzlich verstehen, warum unser Angehöriger alles nur noch schwarz in schwarz sieht, morgens nicht aus dem Bett kommt und auch den Rest des Tages zu nichts zu motivieren ist. Hätten wir dieses Wissen nicht, würden wir (verständlicherweise) vielleicht denken, dass es sich hier um Charaktereigenschaften oder Angewohnheiten wie Pessimismus und Faulheit handelt. Und würden vielleicht (auch verständlicherweise) vom Betroffenen erwarten, dass er sich „endlich mal zusammenreißt“, aufhört zu jammern und sich nicht so gehen lässt. Zumal diese Person sich sonst nie so verhält und wir sie kaum wiedererkennen.

Aber Depression kennt keine Disziplin.

Lächelst du noch oder weinst du schon?

Wir haben Gebrauchsanweisungen für alles. Selbst für Dinge, die so offensichtlich sind, dass wir uns fragen, warum um alles in der Welt sich überhaupt jemand die Mühe gemacht hat, für das Drucken dieses mehr als überflüssigen Textes auch nur einen Tropfen Tinte zu verschwenden geschweige denn diesen in diverse Sprachen übersetzen zu lassen.

Dabei bräuchten wir doch oft viel eher eine Art Gebrauchsanweisung für unsere Mitmenschen. Eine Art „Umgangsanweisung“ sozusagen. Ein Leitfaden, der uns in herausfordernden Phasen einen Weg weist. Gebrauchsanweisungen werden von Experten geschrieben, die das Produkt, um das es geht, in- und auswendig kennen. Ausgehend von dem fertigen, vollendeten Produkt. Sie muss schon vorhanden sein, bevor wir uns an den Aufbau des IKEA Billy-Regals machen. Wenn wir sie als Laien anstelle der Experten und erst während des Aufbauprozesses anstatt bereits davor schreiben würden…es würde uns sicher nicht all zu weit bringen.

Es gibt nicht DIE „Gebrauchsanweisung“ für einen Menschen. Dafür sind wir Menschen viel zu individuell und unterschiedlich. Es gibt auch nicht DIE Gebrauchsanweisung für den Umgang mit der psychischen Erkrankung eines Angehörigen. Es wäre allerdings mal eine Idee, wenn wir als Betroffene eine Art Gebrauchsanweisung für unsere Angehörigen schreiben. Zum Beispiel nach einer überstandenen depressiven Phase. Aufschreiben, was uns in dieser schwierigen Zeit geholfen hat und welchen Umgang wir uns von unseren Mitmenschen in bestimmten Situationen wünschen würden.

Speziell auf die bipolare Störung bezogen wäre es beispielsweise eine gute Möglichkeit, in den symptomfreien Phasen entweder mit unseren Angehörigen zu sprechen oder tatsächlich einmal alles auf Papier zu bringen, damit wir es nicht mehr vergessen. Auch hier kann ich nur von mir und den Erzählungen anderer Betroffener ausgehen, aber auf eine depressive (oder auch hypomane) Phase zurückblickend lässt sich oft viel klarer erkennen und herausarbeiten, was im Falle einer weiteren Phase im Umgang mit den Symptomen und dem Betroffenen zu beachten wäre. Was helfen könnte. Was eher kontraproduktiv wäre. Was zu den No-Gos zählte.

Denn wenn wir während einer Depression erst einmal im Strudel aller negativer Gedanken und Empfindungen gefangen sind, ist unser Blick meist alles andere als klar.

In meinem Umfeld habe ich sehr gute Erfahrungen mit einer offenen Kommunikation gemacht und in „gesunden“ Phasen mit Familie, Freunden und Partnern so viel wie möglich darüber gesprochen, wie es mir geht, wie es sich anfühlt, was mir hilft und was mir nicht hilft, wenn es mir schlecht geht. Und mein Umfeld war sehr dankbar dafür. Bei der nächsten depressiven Phase waren sie besser vorbereitet. Konnten mit manchem besser umgehen. Bezogen weniger auf sich selbst. Waren weniger verletzt. Fühlten sich etwas weniger hilflos. Trotzdem war es deswegen nicht plötzlich leicht. Aber vielleicht ein bisschen leichter.

Vielleicht ist es deswegen keine schlechte Idee, tatsächlich mal eine Art persönliche „Gebrauchsanweisung“ für unsere Angehörigen zu erstellen. Vielleicht könnte sie ja in etwa so aussehen?

Vielleicht…

…kannst du versuchen, Verständnis für meine Situation und mein Empfinden zeigen, auch wenn du all das selbst noch nie erlebt hast und es dir so fremd ist.

…kannst du dich über meine Erkrankung informieren, damit du besser verstehst, woher sie kommt, was dabei in meinem Körper und Kopf passiert, welche Symptome sie hervorruft und wie man mit ihr umgehen kann.

…kannst du mich einfach fragen, ob du mich in den Arm nehmen und festhalten darfst, wenn ich ganz unten bin.

…kannst du kleine Alltagsentscheidungen, wie zum Beispiel die Wahl eines Gerichtes auf einer Speisekarte, für mich übernehmen, wenn das für mich okay ist. Weil mich jegliche Art von Entscheidung gerade überfordert.

…kannst du mir versichern, dass du für mich da bist und nicht gehst. Denn genau davor habe ich gerade panische Angst. Weil ich denke, dass ich für alle eine Last und einfach nur anstrengend bin.

…kannst du mich darin bestärken, mir professionelle Hilfe zu holen und mich eventuell dabei unterstützen, Adressen rauszusuchen, Telefonate zu machen und Termine zu vereinbaren. Denn wenn ich morgens selbst das Zähneputzen nur mit allergrößter Mühe schaffe, kannst du dir vielleicht vorstellen, welch unüberwindbare Hürde diese wichtigen Dinge gerade für mich darstellen.

…kannst du mir immer und immer wieder sagen, dass es nur eine Phase ist. in der ich mich gerade befinde und dass diese wieder vorbeigehen wird. Dass es mir wieder besser gehen wird. Dass Depressionen gut behandelbar sind und mir geholfen werden kann.

…kannst du mich zu einem Therapeutengespräch begleiten, wenn es angeboten wird und wenn ich dich darum bitte.

…kannst du dir selbst Unterstützung holen, wenn du dich mit meiner Erkrankung und der Situation überfordert fühlst.

…kannst du versuchen, mich zumindest zu einem kleinen Spaziergang zu überreden, wenn ich mal wieder den ganzen Tag nicht das Bett oder das Haus verlassen konnte. Lass dich nicht sofort abblocken und versuche, mich davon zu überzeugen, dass mir etwas frische Luft, Bewegung und Tageslicht gut tun werden. Denn das tun sie.

…kannst du mit großen und wichtigen Entscheidungen oder Diskussionen warten, bis es mir wieder besser geht. Mein Denken ist gerade so anders und grau verschleiert, dass ich ziemlich sicher anders entscheiden würde als sonst und das im Nachhinein vielleicht bereuen würde.

…kannst du versuchen, mir die Dinge abzunehmen, die ich gerade einfach nicht schaffe, und mir gleichzeitig vielleicht ein paar einfachere überlassen, damit ich trotzdem das Gefühl habe, ich kann etwas beitragen. Es werden auch wieder Zeiten kommen, in denen ich mehr übernehmen kann.

…kannst du darauf achten, dass du dich selbst in all dem nicht verlierst, indem du trotz allem deine Grenzen kennst und gut für dich sorgst, indem du zum Beispiel weiterhin dein soziales Umfeld pflegst.

…kannst du versuchen, es nicht allzu persönlich zu nehmen, wenn ich abweisend zu dir bin oder es mir nicht allein durch deine Anwesenheit besser geht. Bei meiner Erkrankung hilft Liebe allein nicht, obwohl sie es sonst so oft tut. Es liegt nicht an dir. Ich kann gerade nicht anders.

…kannst du versuchen, nicht immer nach dem Grund zu fragen, wenn ich zum Beispiel mal wieder scheinbar aus dem Nichts anfange zu weinen. Auch wenn es für dich wahrscheinlich schwer nachzuvollziehen ist: Wenn ich depressiv bin, brauche ich keinen Grund zum Traurigsein. Ich bin es einfach. Und das ist für mich genau so schwer zu akzeptieren oder zu verstehen wie für dich.

…kannst du lernen, immer besser mit meiner Erkrankung umzugehen und mit mir einen gemeinsamen Weg des Umgangs finden, der für uns beide funktioniert.

…musst du dir aber auch irgendwann eingestehen, dass du keine Gebrauchsanweisung für einen Menschen brauchen möchtest und dass dir das zu anstrengend ist.

…ist auch das okay.

Schwarzstaub

Das alles mag dem ein oder anderen jetzt vielleicht etwas komisch oder vielleicht sogar lächerlich vorkommen. Wer allerdings schon einmal depressiv war, weiß genau, wovon ich spreche. Das Ausmaß all der Verzerrungen, Verfärbungen und Veränderungen unseres Denkens und Fühlens während einer depressiven Phase ist verheerend. Wie wenig all das nur noch mit unseren eigentlichen Gedanken und Empfindungen zu tun hat ist erstaunlich. Und wie wir diese Kluft jeglicher noch so großer Anstrengung, jeglichen noch so unbedingten Wollens, jeglicher vergeblicher Mühe zum Trotz nicht zu überwinden vermögen bleibt ein Phänomen. Zugänge zu Rationalität und Hoffnungsvermögen bleiben uns verwehrt.

Kennt ihr das Gefühl, wenn sich morgens nach dem Aufwachen noch bruckstückhafte Erinnerungen an eure Träume wie kleine Puzzleteilchen in eurem Kopf tummeln und ihr versucht, sie zu einem Bild zusammenzufügen? Sie zum Greifen nahe sind, ihr die Hand nach ihnen ausstreckt, sie schon beinahe greifen könnt…euer Zeigefinger streift die Oberfläche bereits, ihr streckt mit aller Kraft euren Arm noch weiter aus…und plötzlich zerspringt das Puzzleteil in tausend Einzelstücke, die sich wie kleine Staubpartikelchen im Nichts jeglicher Himmelsrichtungen auflösen.

Ungefähr so fühlt sich die Hoffnungslosigkeit einer Depression an. Unser Verstand weiß, dass es so etwas wie Hoffnung gibt und wir dieses Gefühl kennen und schon erlebt haben. Aber weder unser Geist noch unser Körper kann sie spüren.

In der Naturwissenschaft bezeichnet Schwarzstaub übrigens die ungeklärte Verfärbung von Räumen.

Damit kann ich arbeiten.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Make a wish

Die Liste der guten Wünsche ist lang, sei es zum Geburtstag, zum Start ins neue Jahr oder anderen „wünschenswerten“ Ereignissen in unserem Leben. Da wird gewünscht, was das Zeug hält. Zu den absoluten Spitzenreitern gehören Gesundheit, Glück, Zufriedenheit, Erfolg…Was auch immer uns da auf hübschen Postkarten oder verschmierten Handydisplays erwarten mag, die gut gemeinten Worte des Senders erlangen ihre Bedeutung stets erst durch die Interpretationen des Empfängers. Und die könnten wohl unterschiedlicher nicht sein.

Das ist doch krank…

Die Weltgesundheitsorganisation (World Health Organization, WHO) beispielsweise definiert Gesundheit als „(…) ein(en) Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht allein das Fehlen von Krankheit und Gebrechen.“ Ich denke darüber nach, was diese Definition bei genauerer Betrachtung in Bezug auf psychische Erkrankungen, im Speziellen die bipolare Störung, bedeuten würde. Ein „Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens“ scheint mir zwar ziemlich erstrebenswert, andererseits allerdings nicht wirklich realistisch. Würde man danach gehen, wären vermutlich 90% der Menschheit offiziell „krank“. In einer manischen Phase beispielsweise fühlen sich Bipolare definitiv vollkommen körperlich, geistig und sozial wohl. Leider etwas zu wohl. Und trotzdem ist dieser Zustand nicht „gesund“. Depressive sind nicht gebrechlich…Was der eine Mensch vielleicht als „krank“ empfinden würde, setzt ein anderer für sich in Relation und fühlt sich damit weitestgehend „gesund“…Gedankenfetzen in meinem Kopf.

Zeit aufzustehen!

Für mich bedeutet Gesundheit, morgens aufstehen und meinen Alltag ohne unüberwindbare Anstrengungen bewältigen zu können. Mich den Herausforderungen des Lebens gewachsen zu fühlen. Von der verschwindend kleinen wie dem morgendlichen Zähneputzen bis hin zu den ganz ganz großen. Gesund zu sein bedeutet für mich, mein Leben trotz gewisser Umstände und auch Einschränkungen, die meine Bipolarität mit sich bringt, selbstbestimmt zu gestalten und niemals den Glauben zu verlieren, dass alles gut wird. Dass auch den längsten und dunkelsten Tunnel am Ende wieder das Licht erwartet. Was hier gerade so leichtfüßig über die Tastatur huscht, ist in Phasen schwerer Depression keine Option. Eine seelenlose leere Aussage, die auf halbem Weg zu unserem Verstand plötzlich spurlos verschwindet.

Störung in der Leitung

Wer noch nie mit einer Mischung aus Entsetzen und Gleichgültigkeit ertragen musste, wie es sich anfühlt, die Kontrolle über jegliche Impulse zu verlieren, die unserem Körper sonst Bewegung suggerieren, wird sich nicht vorstellen können, wie es möglich ist, dass jemand morgens einfach nicht aufstehen kann. Es sei denn natürlich, es handelt sich um zwei gebrochene Beine oder eine andere schwere körperliche Krankheit, die man am besten direkt auf den ersten Blick von außen erkennt. Damit jeder Bescheid weiß. Wüsste ich selbst nicht, wie es sich anfühlt, ich könnte es nicht glauben. Jedem Menschen, der diesem Gefühl noch nicht begegnet ist, gönne ich das von ganzem Herzen und wünsche ihm oder ihr, dass es auch in Zukunft dabei bleibt.

Was für den einen zur grundlegenden Definition von Gesundheit bedeutet, wie zum Beispiel das Aufstehen am Morgen, könnte für viele anderen Menschen selbstverständlicher nicht sein. Unsere ganz persönliche Definition von „gesund sein“ hängt immer davon ab, welchen subjektiven Wert wir dem Phänomen „Gesundheit“ zusprechen. Dieser wiederum ist das Resultat diverser Erfahrungen, Umstände, unserem bisherigen Lebens- und gegebenenfalls auch Leidensweg, Vergleichen, Prädispositionen und noch vielem mehr.

Was der Bauer nicht kennt…

Die Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen in unserer Gesellschaft macht Fortschritte, keine Frage. Aber es geht noch so viel mehr. Nach wie vor fällt es uns Menschen leichter, Dinge zu akzeptieren und anzuerkennen, die ganz offensichtlich sind. Die wir klar und deutlich sehen können. Am liebsten schwarz auf weiß. Und mit Stempel drauf. Ich greife einfach nochmal auf den Klassiker zurück: Das gebrochene Bein, komplett eingegipst. Vielleicht blaue Flecken oder Schürfwunden vom Unfall. Mist, das muss echt wehtun. Erstmal schön auskurieren! Niemand würde jemals von jemandem mit einem oder zwei gebrochenen Beinen erwarten, aufzustehen und einfach loszulaufen. Leider sind die Protagonisten eines gestörten Hirnstoffwechselspiels wohl immer noch nicht salonfähig, die Bühne nicht groß genug, um das Publikum für psychische Erkrankungen begeistern zu können. Leid und Qual spielen sich unauffällig in unserem Hirn ab, fein säuberlich verpackt in unsere Schädeldecke, dekoriert mit einer hübschen Frisur on top. Da kann man sich doch einfach mal zusammen reißen.

Mit Vorsicht zu genießen?

Ich denke oft darüber nach, wie ich mich selbst in Bezug auf meine Krankheit sehe. Welchen Blick ich mir von anderen in dieser Hinsicht wünschen würde. Einerseits möchte ich auf keinen Fall mit Samthandschuhen angefasst werden, sondern einfach „ganz normal“ behandelt werden. Andererseits bringt meine Erkrankung bestimmte Voraussetzungen, Umstände und Bedingungen mit sich, die sich fernab des allgemein als „normal“ geltenden Bereichs bewegen. Im wahrsten Sinne jenseits von Gut und Böse. Will ich auch in diesen Momenten, dass mein Umfeld mit mir umgeht, als wäre nichts gewesen? Will ich, dass mein Chef, der von meiner Erkrankung weiß, mir Überstunden bis zum Gehtnichtmehr auflädt und Nachtschichten zuteilt, obwohl er über die negativen Auswirkungen von Stress und einem gestörten Schlaf- und Wachrhythmus auf das Krankheitsbild informiert ist? Will ich, dass meine Freunde mit mir feiern und die Nächte durchmachen, als gäbe es kein Morgen mehr, obwohl sie wissen, dass ich gerade manisch bin und wie es weitergehen wird, wenn mich nicht bald jemand bremst? Will ich, dass meine Schwester zu mir sagt „Jetzt reiß dich doch mal zusammen“ oder „Ist doch gar nichts passiert“, wenn ich depressiv und seit Tagen nur noch am Heulen bin? Will ich als krank gesehen werden? Will ich eine „Sonderbehandlung haben“? Sehe ich mich selbst als krank?

Take it.

Der Grat ist schmal. All diese Fragen lassen sich nicht von einem auf den anderen Tag beantworten. Und auch nicht in einem Blogartikel. Ich habe Jahre dafür gebraucht und es kommen fast täglich neue dazu. Auf manche Fragen gibt es keine Antwort. Auf andere muss es keine geben. Manche Dinge im Leben haben wir nicht unter Kontrolle. Dazu gehört auch, ob wir physisch oder psychisch krank werden. Das Leben ist wunderschön, aber weit entfernt von gerecht. Wir tun uns einen Gefallen, wenn wir das, was wir nicht ändern können, akzeptieren. Und zwar so bald wie möglich. Alles andere ist verschwendete Zeit und Energie. Was wir akzeptieren, können wir annehmen und was wir annehmen, wird ein Teil von uns.

Or leave it.

Meine bipolare Störung ist ein Teil von mir. Sie ist nicht mein Feind. Ich bin krank, aber ich bin nicht die Krankheit. Vermutlich hätte ich sie mir im Supermarktregal nicht ausgesucht, wenn ich die Wahl gehabt hätte. Auch nicht als Sonderangebot. Aber irgendwie ist sie nun mal in meinen Einkaufswagen gerutscht. Ich habe kein Problem damit, zu sagen „Ich bin krank“. Wenn ich eine Grippe habe, denke ich auch nicht darüber nach, ob ich mich jetzt trauen sollte, zu sagen „Ich bin krank“. Da mir allerdings bewusst ist, dass ein Großteil unserer Gesellschaft dann vielleicht doch einen etwas größeren Unterschied zwischen Depression und Schnupfen macht, bin ich auf alles gefasst, wenn ich noch das kleine Wörtchen „psychisch“ vor das „krank“ setze. Was ihr daraus macht, bleibt euch überlassen.

Darauf können wir bauen…

Auch uns bleibt überlassen, was wir aus dem Päckchen machen, das wir ungefragt bekommen haben. Es gibt zwei Möglichkeiten. Und da wir nicht immer aus Scheiße Gold machen müssen, Optimierungswahn und emsige Leistungsgesellschaft bei aller Liebe, reicht es für’s Erste vielleicht auch, erst mal dort anzusetzen, wo wir mit unserer psychischen Erkrankung stehen. Sie als Teil von uns anzuerkennen. Den Forderungen nachzukommen, die sie an uns stellt. Die Bereitschaft zu zeigen, diese zu respektieren. Und dann, ganz langsam, Schritt für Schritt, mit viel Nachsicht und Geduld, die Fähigkeit zu entwickeln, so gut wie möglich mit all dem umzugehen. Ein lebenswertes Leben zu führen. Trotz und mit ihr.

Denn nichts Geringeres als das haben wir verdient.