Distanz in den Mai.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Die Stimmung verläuft momentan nicht bipolar, sondern eher wellenförmig. Es wechseln sich helle Tage der Akzeptanz, Hoffnung und Zuversicht ab mit nicht so wirklich hellen, geprägt von einer bleiernen Lethargie, Resignation und diffusen Traurigkeit. Dem mal mehr, mal weniger lähmenden Gefühl von Stillstand und eine Sehnsucht nach einem kleinen Stück Normalität und Leichtigkeit. Nach echter Nähe und Berührungen, Tanzen mit Freundinnen und Ausgelassensein.

Das schlechte Gewissen, das sich unter all diese Gedanken mischt, seinen Ursprung in dem Wissen, dass wir es doch gut haben, dass wir so privilegiert sind und wir gefälligst einfach nur dankbar und froh sein können und sollten, wenn wir gesund sind.

Ich bin dankbar für all das. Und froh. Und mir all der Privilegien in unserer westlichen Welt mehr als bewusst.

Ich bin gerade nicht depressiv. Weit entfernt von hypoman. Schaffe es meistens, meine Tage trotz allem mit schönen Momenten zu füllen und die guten Gedanken zu hüten wie den wertvollsten Schatz.

Und trotzdem geht es mir an vielen Tagen nicht gut. Zerrt all das immer wieder und immer mehr an mir.

Fühle ich Leere, Resignation, Verlust und Traurigkeit. Sehne ich mich. Vermisse ich. Obwohl ich es doch eigentlich so gut habe.

Sich für diese Empfindungen zu verurteilen macht rein gar nichts besser. Deswegen zwinge ich mich dazu, mir diese Gefühle zu erlauben. Wie ich sie einer guten Freundin erlauben würde. Übe mich weiter in Akzeptanz und Vertrauen in die Zukunft. Immer und immer wieder.

Und wenn diese Zukunft erst mal nur das Morgen ist.

Ich dreh am Rad.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Und weiter geht’s:

Es sind diverse Rädchen, an denen ich schrauben kann und muss, damit ich in diesen Phasen meinen Weg Richtung Mitte wieder finde. Dazu gehören die konsequente und regelmäßige Einnahme meiner Medikamente und regelmäßige Therapiesitzungen, in akuten, sowohl depressiven als auch hypomanen Phasen, meist enger getaktet als in den symptomfreien, genau so wie all die anderen Säulen meines Krankheitsmanagements, die ich mir über die Jahre errichtet habe.

Allem voran das riesige Feld der Selbstfürsorge, Achtsamkeit, Bewusstsein und -werden, vor allem in Bezug auf Frühwarnsignale, die depressive oder hypomane Phasen ankündigen, genau so wie stabile Beziehungen, eine gute Balance zwischen An- und Entspannung, Aktivität und Ausruhen, soziale Interaktion,  Ruhe und Zeit für mich selbst.

Glücklicherweise hat sich im Laufe der Jahre herauskristallisiert, dass bei mir ein Justieren der Dosis des Antidepressivums, das ich in Kombination mit der bei bipolaren Störungen eingesetzten Stimmungsstabilisierern (auch Phasenprophylaxe genannt) nehme, sprich ein Erhöhen oder Runterreduzieren, ziemlich unmittelbar und stark auf jeweilige Extreme auswirkt.

Wofür ich ehrlich gesagt ziemlich dankbar bin. Dass das immer eine Möglichkeit ist, die ich in Absprache mit meiner Ärztin und meiner Therapeutin abwägen kann, wenn es, so wie nun im Februar erst wieder, rapide nach unten geht und relativ schnell klar ist, dass es sich um eine erneute depressive Phase handelt.

Ich bin keineswegs der Meinung, dass die alleinige Einnahme von Medikamenten helfen oder gar ausreichen würde. Aber für mich persönlich sind sie ein wichtiger und unentbehrlicher Bestandteil der Behandlung. Und zwar nicht (nur) aufgrund der sehr eindeutigen Rückfallstatistiken bei der Behandlung bipolarer Störungen ohne Medikation, sondern basierend auf all den Erfahrungen, die ich über Jahre hinweg mit dem immer wieder erneuten Absetzen meiner Medikamente gemacht habe.

Um daraus meine ganz eigenen Konsequenzen zu ziehen brauche ich keine Statistik mehr.

Was ist der Unterschied zwischen Bipolar-1 und Bipolar-2?

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Im Dschungel der Diagnosen – Teil 2

Im Schnitt dauert es aus all diesen Gründen bis zu 10 Jahre (so auch bei mir), bis eine Bipolar-2-Störung richtig diagnostiziert wird, wobei die hier am häufigsten gestellte Fehldiagnose die rezidivierende (wiederkehrende) unipolare Depression ist.

Diese werden in der Regel mit Antidepressiva behandelt, von denen manche ein „Switch-Risiko“ darstellen, das dazu führen kann, dass es noch eher zu Umschlägen ins gegensätzliche Extrem kommt und die bipolare Erkrankung verschlechtert und „befeuert“ statt verbessert. Auch das war bei mir der Fall.

Bei der Behandlung von bipolaren Störungen, sowohl bei Bipolar 1 als auch Bipolar 2, werden stattdessen unterschiedliche Arten von so genannten „Stimmungsstabilisierern“, auch Phasenprophylaxe genannt, zur Behandlung eingesetzt, wie beispielsweise Lithium, Lamotrigin, Quetiapin, etc.

Deshalb ist eine Unterscheidung zwischen und die klare Abgrenzung von diesen beiden Ausprägungen so unglaublich wichtig und leider noch viel zu wenig präsent und bekannt in unserer Gesellschaft. Wenn überhaupt haben Menschen irgendwann schon mal von der bipolaren oder manisch-depressiven Erkrankung gehört, wissen aber in den seltensten Fällen, dass es diese zwei verschiedenen Formen gibt.

Die frühzeitige korrekte Diagnose einer Bipolar-2-Störung und eine dementsprechende frühzeitige und adäquate medikamentöse sowie therapeutische Behandlung hat einen enormen Einfluss auf Prognose und Verlauf der Erkrankung.

Mehr Infos zum Krankheitsbild wie auch den Symptomen der bipolaren Störung findet ihr auf meinem Blog im Menü unter dem Reiter „Bipolare Störung“.

https://tanzzwischendenpolen.com/bipolare-storung/

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Bipolar-1 und Bipolar-2?

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Im Dschungel der Diagnosen – Teil 1

Bei einer Bipolar-1-Störung wechseln sich depressive und manische Phasen ab. Ausgeprägte Manien können Symptome wie Größenwahn, Realitätsverlust, aber auch Halluzinationen und Wahnvorstellungen mit sich bringen.

Bei einer Bipolar-2-Störung hingegen können zwar voll ausgeprägte depressive Phasen wie bei einer Bipolar-1-Störung auftreten, allerdings gibt es keine ausgeprägten Manien, sondern so genannte „Hypomanien“ (hypo, „unter“/“unterhalb“). In diesen „Hochphasen“ treten ähnliche Symptome wie bei einer Manie auf, allerdings schwächer ausgeprägt. Die Hypomanie wird oft als „kleine Schwester“ der Manie bezeichnet.

Die Unterscheidung zwischen diesen zwei verschiedenen Ausprägungen ist nicht zuletzt deswegen so wichtig, da sie sehr individuell behandelt werden müssen, verschiedene Herausforderungen für Betroffene und Angehörige mit sich bringen und die in der Therapie eingesetzte Medikation sich unterscheiden kann.

Im Gegensatz zur Bipolar-1-Erkrankung ist die Bipolar-2-Störung deutlich schwerer zu diagnostizieren, vor allem aufgrund der in der Hypomanie „nur“ abgeschwächt auftretenden manischen Symptome, so dass sowohl Betroffene als auch Angehörige meist meinen, dass es nun nach der Depression „einfach“ bergauf geht und es den Betroffenen schlicht wieder besser geht.

Sie wird seltenst als Krankheitsphase erkannt. In einer ausgeprägten Manie bei einer Bipolar-1-Erkrankung verändern sich die Betroffenen in ihrem Wesen meist so sehr, dass sie nicht wiederzuerkennen sind und vor allem das Umfeld (auch hier keine Krankheitseinsicht, weil sich die Betroffenen so gut fühlen) misstrauisch und somit eine Diagnose wahrscheinlicher wird.

Teil 2 folgt!

Das entscheide immer noch ich.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

In erster Linie bin ich immer einfach erst mal froh, wenn eine depressive Phase wieder vorbei ist. Nachdem ich mich dann ausgiebigst dafür abgefeiert habe, dass ich mich mal wieder aus dem schwarzen Loch heraus gekämpft habe, versuche ich herauszufinden, was mir geholfen hat. Was dieses Mal die größte Schwierigkeit war. Was ich selbst dafür getan habe, dass es mir wieder besser geht. Was von Außen geholfen hat.

Und vor allem auch, was ich dafür für’s nächste Tief mitnehmen kann. Ja, das wird kommen. Nein, ich habe keine Angst davor. Aber es wäre nett, wenn es nicht morgen kommt.

Alles hat seine Vor- und Nachteile. Alles. Auch eine bipolare Störung. Oft zeigen sich die positiven Aspekte natürlich nicht mitten im depressiven Loch, das versteht sich von selbst.

Es sind die depressiven Phasen, aus denen ich am meisten lerne. Sie lassen mich immer wieder die Unberechenbarkeit meiner Erkrankung spüren und zeigen mir, dass ich mir nicht aussuchen kann, wann eine Phase kommt. Egal wie gut mein Krankheitsmanagement ist. Denn es gibt nun mal auch Dinge im Leben, wie Corona beispielsweise, die von außen kommen. Die wir nicht beeinflussen oder verhindern können. Die eine Phase triggern können. Und wenn sie nur der Tropfen sind, der das Fass zum Überlaufen bringt.

Aber ich kann mir aussuchen, wie ich mit all dem umgehe. Und mich entscheiden für mein Vertrauen, dass diese Phase wieder geht. Auch wenn das selten von heute auf morgen geschieht. Genau so wenig, wie die Depression von heute auf morgen kommt.

Ich entscheide mich jedes Mal auf’s Neue für meine Zuversicht, dass es auch dieses Mal wieder gut werden wird. Ganz egal, wie fern das im Moment scheinen mag. Und wie real und bitter das Leid dann ist.

Ich kann mich dafür entscheiden, auch dieses Mal wieder alle Hebel in Bewegung zu setzen, jede nur denkbare Ressource zu nutzen und mir Hilfe zu suchen, wenn ich sie brauche. Damit es mir wieder besser geht. Ich kann mich dafür entscheiden, nicht den Mut zu verlieren. Mir meiner Selbstwirksamkeit, meiner Stärke und Resilienz, die durch jede neue Phase immer weiter wächst, bewusst zu bleiben.

Und diese Entscheidungsfreiheit wird mir keine Erkrankung der Welt jemals nehmen können.

Dear friend.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

In meinem letzten Post habe ich in erster Linie davon gesprochen, wo die Grenzen bei unseren Angehörigen liegen. Was sie nicht tragen können und sollen. Wofür sie nicht da sind. Was sie nicht leisten können. Und was wir nicht von ihnen erwarten dürfen. Heute soll es darum gehen, welche wichtige Rolle sie in unserem Leben als Betroffene aber sehr wohl spielen können.

Mutter. Vater. Kind.

Nur wir selbst sind verantwortlich für unser Leben. Wie wir es leben. Wenn wir psychisch erkrankt sind, sind wir nicht weniger dafür verantwortlich. Ich möchte an dieser Stelle noch einmal betonen: Ich lasse hier die Fälle, in denen die Betroffenen, aus welchen Gründen auch immer, nicht mehr für sich selbst entscheiden können und beispielsweise zwangseingewiesen werden, außen vor. Und ich meine auch nicht die Situationen, in denen uns ein*e Angehörige*r insofern Verantwortung übernimmt, dass er uns ermutigt, professionelle Hilfe aufzusuchen oder uns dorthin begleitet. Ich spreche hier von dem „alltäglichen“ Leben mit unserer Erkrankung. Mit den verschiedenen Rollen, die wir in unserem Leben innehaben. Wir sind Mütter, Töchter, Schwestern, Väter, Söhne, Brüder, Partner*innen, Großmütter, Großväter, Freund*innen, Arbeitnehmer*innen, Arbeitgeber*innen, Tanten, Onkel, und so weiter.

Wir dürfen bedürftig.

Ich spreche von einem Leben, das wir trotz und vielmehr mit unserer Erkrankung leben. Ein Leben, in dem wir selbstbestimmt die Verantwortung für unser Tun und Handeln übernehmen. Ein Leben, in dem wir uns professionelle Hilfe für die Behandlung unserer Krankheit suchen und in Anspruch nehmen dürfen und sollen. Ganz gleich ob körperlich oder seelisch. Ein Leben, in dem wir die Verantwortung trotz allem nicht abgeben, aber nach Unterstützung bei unseren Freunden und unserer Familie fragen dürfen. Uns eingestehen, dass wir Hilfe annehmen dürfen, wenn sie uns angeboten wird. Dass wir auch selbst nach Hilfe fragen dürfen, wenn wir das Gefühl haben, wir schaffen das hier gerade nicht allein. Die Fähigkeit, nach Hilfe zu fragen als Stärke zu sehen und nicht als Schwäche. Dass wir bedürftig sein dürfen. Dass wir deswegen keine schlechteren oder schwächeren Menschen sind. Dass wir nicht alles alleine schaffen müssen. Und dass es dabei nicht um „Schaffen“ oder „Scheitern“ geht. Das Leben ist kein Wettbewerb. Und das Leben mit einer psychischen Erkrankung schon gar nicht.

Ein gutes soziales Netz und stabile Beziehungen sind erwiesenermaßen ausschlaggebend für unsere psychische Gesundheit. Für mich persönlich sind sie eine meiner wichtigsten Ressourcen im Umgang und Leben mit meiner bipolaren Störung, vor allem während akuter Krisen, die bei mir in erster Linie von den depressiven Phasen und der Wucht, mit der sie mich manchmal trotzdem noch erwischen, gekennzeichnet sind.

Ein Ziel ist nicht das Ziel.

Es mag nicht bei jeder oder jedem so sein und das muss es auch nicht, aber in meinem Leben spielen die mir am nächsten stehenden Menschen, meine Angehörigen in Form von Familie und Freund*innen, eine sehr wichtige Rolle. Doch ein guter gemeinsamer Umgang mit der psychischen Erkrankung eines Betroffenen und den Herausforderungen, die diese für beide Seiten mit sich bringt, fällt uns in der Regel nicht einfach in den Schoß. Sowohl mit meiner Familie als auch mit meinen Freund*innen ist es, wie auch bei meinem eigenen persönlichen Umgang mit der Erkrankung oder der Zusammenarbeit mit meiner Therapeutin, seit vielen Jahren ein kontinuierliches und stetiges Miteinander und Voneinander lernen. Das passiert nicht so von einem auf den anderen Tag und es ist auch kein Ziel, das einfach so erreicht und abgehakt werden kann. Es ist ein Prozess. Immer wieder Arbeit, Missverständnisse, Hilflosigkeit, Erklären, Verstehen, Erklären, Auseinandersetzungen, tiefe Verbundenheit, Unwissen, Fortschritte, Rückschläge, aneinander und miteinander wachsen, Mut, Angst, Empathie, Ehrlichkeit, Akzeptanz, Vertrauen und Toleranz. Wie vermutlich in jeder gesunden Beziehung. Es ist eine Entscheidung. Die wir immer wieder füreinander treffen. Auch wenn es mal schwer wird.

Es ist ein Weg, den Betroffene und Angehörige gemeinsam gehen können.

An diesem Punkt möchte ich nochmal auf den Teil meines letzten Artikels zurückkommen, in dem ich die Situation mit dem mir sehr nahe stehenden Menschen beschrieben habe.

Hilf! Los!

Er ist mein bester Freund. Wir kennen uns seit vielen Jahren, er weiß um meine Erkrankung und war auch schon live dabei, als es mir sehr schlecht ging…aber nicht so schlecht wie an besagtem Abend. Damals, als er dabei war, war ich schon deutlich auf dem Weg der Besserung und weitestgehend stabil. An diesem Abend war ich am absoluten Tiefpunkt und völlig am Ende. Als ich im Nachhinein nochmal darüber nachgedacht habe, ist mir aufgefallen, dass ich unterbewusst davon ausgegangen war, dass er mit mir in dieser Situation umgehen könnte, da er es ja schon einmal getan hat. Erwartungen in dieser Hinsicht (und auch vielen anderen Hinsichten) und voreilige Schlussfolgerungen im Alleingang führen meist zu keinem guten Ergebnis, drängt sich mir nicht zum ersten Mal die Vermutung auf.

Da war sie also, an diesem Abend: Ganz viel Unsicherheit, auf beiden Seiten. Hilflosigkeit, auf beiden Seiten. Ein ganz schöner Schreck, eher auf seiner Seite. Missverstanden fühlen, auf meiner Seite. Ich stand so neben mir, dass mir dieser emotionale Brandbeschleuniger endgültig den Rest gab und ich überstürzt wieder aufbrach. Und meinen besorgt dreinschauenden und sprachlosen Freund einfach stehen ließ. Weil ich mir nicht anders zu helfen wusste.

Kleines Schwarzes.

Meine Gedanken in diesem Moment waren: Siehst du, hättest du mal lieber nicht nach Hilfe gefragt, deswegen ist das schon richtig, dass du das meistens mit dir selbst ausmachst. Du bist zu viel. Du bist eine Belastung für deine Freunde. Du darfst nicht bedürftig sein. Du musst das alleine schaffen. Du bist schwach. Ja, genau, was ist denn nun der Grund, muss ja wohl einen geben! Wenn nicht mal deine besten und langjährigsten Freunde damit umgehen können, na dann viel Glück. Belästige sie ab sofort auf keinen Fall mehr damit!

Sobald sich der schwarze Nebel der Depression etwas lichtet, kann ich jeden einzelnen dieser Gedanken als absoluten Quatsch identifizieren. Als das, was sie sind: Eine nette kleine Mischung verschiedenster depressiver Symptome: Negative Gedankenspiralen bis hin zu den herrlichen Katastrophengedanken, Schwarz-Weiß-Denken, Verminderung bis hin zum Verlust des Selbstwertgefühls, Selbstvorwürfe getoppt mit Selbstabwertung…die Liste ist lang.

Indem ich wieder klar denken kann und diese Dämonen entlarve, verlieren sie ihre Macht über mich. Kleider machen Leute. Ohne ihr schickes kleines Schwarzes sind die depressiven Gedanken plötzlich nicht mehr High Society der Wirklichkeit, sondern einfach nur noch klein und nackt. Und bleich. Nicht mehr schwarz. Definitiv nicht mehr schick. Und meilenweit entfernt von jeglicher Wirklichkeit. Sie sind einfach nur das, was sie ohne ihre schicken schwarzen Kleidchen sind. Gedanken. Gedanken und sonst nichts.

Affenzirkus. Ohne mich.

Gedanken, die es nicht verdient haben, die Macht über mein Tun und Handeln zu übernehmen. Anstatt mich von ihnen dressieren zu lassen, fasse ich mir also ein Herz und schreibe meinem besten Freund eine Nachricht. Eine sehr lange Nachricht, in der ich ihm noch einmal erkläre, was es mit meiner Erkrankung auf sich hat, welche Rolle sie in meinem Leben spielt, wie ich mich an diesem Abend gefühlt habe. Ich frage ihn, wie er sich gefühlt hat. Stecke ganz klar die Grenzen ab zwischen professioneller und freundschaftlicher Unterstützung. Sage ihm, was ich alles nicht von ihm erwarte und niemals erwarten würde. Dass ich verstehen und es nicht persönlich nehmen werde, wenn er das (mal) nicht aushalten kann. Bitte ihn um Ehrlichkeit mir gegenüber.

Und bringe ihm dieselbe Ehrlichkeit entgegen. Erkläre, was ich in Momenten wie diesen brauche. Was ich an diesem Abend gebraucht hätte. Dass es nicht viel gibt, was dann hilft. Dass es aber auch nicht viel braucht.

Da ich mir so viel Zeit für diese Nachricht genommen und alle meine Worte und Erklärungen so bedacht wie möglich gewählt habe, habe ich sie mir abgespeichert, für den nächsten Fall, in dem es vielleicht nochmal einer solchen Nachricht und guten Kommunikation bedarf. Diese Nachricht beinhaltet für mich alle wichtigen Punkte, die ein mir nahestehender Mensch bezüglich meiner Erkrankung und meinem Ich in einer akuten Krise, einem depressiven Tief, wissen sollte. Und ich finde, all unsere Angehörigen sollten so eine Nachricht als Unterstützung haben. Damit sie uns unterstützen können, wenn sie das wollen und können.

Deswegen möchte ich sie hier auch mit euch teilen. Sie ist zwar auf Englisch, da mein bester Freund Engländer ist, aber das wird in den meisten Fällen vermutlich kein Problem sein. Neu und anders schreiben oder einfach stumpf übersetzen wäre keine Option gewesen.

Dear friend,

it is very important for me that you understand just the basics of my disease. My closest friends need to know. Not because anyone should do anything about it. I’m going to therapy, I take my meds, I’m taking care of myself and do a whole lot more for my stability and dealing with the bipolar every day that no one sees. I don’t want pity. I don’t consider myself a victim. It’s not a call for attention. Most of the time, I’m dealing quite well with it in everyday life, but my expectation that it will completely go away and never come back hasn’t been fulfilled until now.

No matter how hard I try, how good my therapist is, how regularly I take my meds, if I drink and party or not, it still is a longlife disease I have and I am going to live with. There is a chance to stay free of symptoms for longer and longer, but still there will most likely be depressive and hypomanic episodes. Thanks to the meds and the rest I do, they occur less frequently, tend to be shorter than they used to be and less intense than all the years I’ve been misdiagnosed with recurrent unipolar depression before the bipolar 2 diagnosis and the clinic 2017. That’s all I can do and I have accepted that bipolar is part of my life.

There are those very very dark moments that, thank god, don’t happen as often anymore. Most of the time I am dealing with them on my own when no one sees, because it’s always also a bit of „shame“ showing yourself to someone, even a close friend, when you really hit rock bottom, when.ypu feel totally helpless and desperate. It’s so intimate and you are so vulnerable. But sometimes I just need someone to be there in that very moment. The only thing that helps in this situation is holding me and maybe telling me that it is gonna be alright. That it’s gonna go away. These are the things I usually keep telling myself and it works, but I’m not able to do so in severe crisis. And if I was, I wouldn’t believe myself telling me those things. I’m sure that seeing a friend like this, not even recognizing this friend, can be fairly overwhelming. Because of that, it is important for me to understand how my friends feel in a situation like this (and not only tell them how I feel in the situation), what makes it hard for them…for me to keep learning.

If you don’t feel like you can deal with this at a particular moment, for whatever reason, that’s totally fine with me and I want you to know this. It can be a lot. And it can be too much for people who just want to help you. In this case, please let me know. It’s hard or maybe even impossible to understand this disease and the symptoms, thoughts and feelings, that you would usually never have, that it causes. And in these situations, I’m not able to communicate myself properly and it’s impossible for me to explain the disease again. I’m so far away from myself and the person I know in these moments.

And as you asked for a reason: Depression or panic attacks don’t (always) need a reason. It’s the nature of the disease. Bi…up and down…polar…between the poles, between two extremes. Yes, there might be triggers that cause slipping into a depressive or hypomanic episode at first, but that night for example, there wasn’t. And if people ask me for a reason (no offence! It’s usually quite a logic thing to do) when I’m that down, it makes me feel even more horrible, because, in that very moment, it just confirms my depressive brain in thinking : „Oh yes, he/she is right. There is not even a reason for being sad. You should be happy! You are weak! You are a failure!“

As I said, I’m not expecting you to be my therapist, heal my disease, take over the responsibility for it or the like. I know about the boundaries of support from friends or family.

I am responsible for my life and the way I handle my disease. I can do it and I am doing it every day. But as having bipolar is part of me and part of my life, I need you to understand. Because you are part of my life, too.

That’s all I need.

Einfach so.

Er ist dankbar für meine Nachricht und beschreibt genau das, was ich gespürt hatte: Hilflosigkeit, Schock, Überforderung. So einen nahestehenden Menschen in diesem Moment nicht wiedererkennen können. Die Erkrankung und deren Symptome nicht verstehen oder nicht um sie wissen. Er wusste genau so wenig, was er tun sollte wie ich. Er sagt, dass es nächstes Mal vielleicht nicht unbedingt einfacher wird, aber dass er dann wenigstens weiß, was er tun kann. Und eventuell annähernd verstehen kann, was sich da gerade in mir abspielt. Dass er immer für mich da ist und ich ihn immer kontaktieren soll und darf, wenn es mir so geht. Dass ich keine Belastung bin.

Zufall oder Schicksal, der nächste heftige Schub erwischt mich ein paar Tage später.

Bevor die High Society im kleinen Schwarzen in ihre High Heels schlüpfen und los stöckeln kann, lasse ich wie letztes Mal meine Schlafanzughose an und ziehe mir meinen Pulli über. Lasse zu, dass mich meine beste Freundin mit dem Auto abholt, da ich in diesem Zustand nicht Bus fahren kann. Und mich bei meinem Freund absetzt.

Er fragt nicht nach einem Grund. Er fragt: „Einfach so?“. Ich nicke und kann meine Tränen nicht zurückhalten. Er zieht mich in seine Arme und hält mich einfach. „Alles wird gut.“

Und er hält mich. Einfach so.

Weil das Licht ist grad so schön.

Bildquelle: Sophie Liehr

Gestern habe ich meine Teilnehmer*innen in der letzten Sitzung meines Schreibworkshops einen Klappentext für ihre eigene Biografie schreiben lassen. Eine nicht leichte, aber wunderschöne Aufgabe. Vor allem, weil wir aus einer anderen Perspektive in vielen Hinsichten nochmal einen ganz anderen Blick auf manche Dinge und auch uns selbst bekommen.

Meinen eigenen möchte ich hier gerne mit euch teilen:

„Nachdem sie viele Jahre auf der Suche war, hat sie das Gefühl, angekommen zu sein. Bei sich. Im Leben. Am Wasser. Genau kann sie es nicht benennen.

Es fühlt sich einfach richtig an.

Das war nicht immer so. Vor drei Jahren erhielt sie am absoluten Tiefpunkt ihres Lebens die Diagnose „Bipolare Störung“. Endlich wissend, was das da die letzten 15 Jahre war, was nicht so ganz stimmte, all die Aufs und Abs, lernte sie über die letzten Jahre, mit ihrer Erkrankung zu leben.
Es gab viele Fortschritte, aber auch Rückschläge. Mit ihrem Blog möchte sie anderen Betroffenen oder auch Angehörigen zeigen, dass ein lebenswertes und schönes Leben auch mit, oder in manchen Hinsichten sogar wegen, dieser Erkrankung möglich ist.

Sie möchte die Hoffnung, die sie einst selbst komplett verlassen hatte, an die Menschen weitergeben, die sie vielleicht gerade nicht haben. Die Hoffnung, die sie seitdem nie wieder verlor, ganz egal, wie schwarz es manchmal noch um sie wurde.

Mittlerweile weiß sie, dass es immer weitergeht. Und dass sie nicht die Person wäre, die sie heute ist. Ohne all das. Dass all das zu ihr und ihrem Leben dazu gehört.  

Einem Leben, das mit all seinen Höhen und Tiefen so reich und bunt ist, mit all den Menschen, die darin mit ihr lachen und weinen, reden und schweigen, tanzen und innehalten. Die nicht von ihrer Seite weichen, ganz egal was ist. All der Liebe, die sie bisher erfahren durfte und die immer da ist. All den wunderschönen Orten, die sie sehen durfte und darf. All der unbändigen Freude, der Leichtigkeit und des Glücks. All der Traurigkeit, der Schwere und des Schmerzes.

Sie hat es sich einfacher vorgestellt, das Leben. Aber irgendwann wurde ihr klar, dass es darum nicht geht. Und dass die Schönheit des Lebens keineswegs darin besteht, leicht zu sein.

Es fühlt sich einfach richtig an.“

Vielleicht hast du Lust bekommen, es auch mal zu versuchen.

Wie würde der Klappentext über dein Leben aussehen?

Wer Lust hat, kann sich gerne auch auf meinem instagram Account

tanz.zwischen.den.polen

dazugesellen. Ich habe das Gefühl, dass das gar nicht mal so langsam (wahrscheinlich zähle ich da schon fast zu „hinterwäldlerisch“) und sicher etwas beliebter, verbreiteter und effizienter wird als die Webvarianten von Blogs, was ich persönlich schade finde, da ich nicht der größte Instagramfan mit. Aber in manchen Hinsichten lohnt es sich dann ja doch, etwas mit der Zeit zu gehen, und seinen ganz persönlichen Umgang damit zu finden. Den Austausch über Beiträge beispielsweise finde ich auf instagram sehr viel unkomplizierter, angenehmer und schneller. Bewusst zu konsumieren und die eigenen Grenzen wahrzunehmen und zu wahren bleibt auch hier, wie bei so vielem, einzig und allein die eigene Verantwortung.

Wenn Liebe durch die Stadt geht.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Wenn die Hügel nach und nach verschwinden, der Blick endlich wieder Ferne zu finden vermag und Windrad um Windrad tröpfchenweise ins Landschaftsbild sickert.

Wenn du um die letzte Kurve auf der A1 bretterst und am Horizont plötzlich Ungetüme aus Stahl auftauchen, die stolz und erhaben den Kopf Richtung Wolken heben.

Wenn dein Herz bei diesem Anblick auch noch im verflixten siebten Jahr klopft wie verrückt, eine Gänsehaut deinen kompletten Körper überzieht und ein idiotisches Grinsen deine Lippen umspielt.

Zur gleichen Zeit kindliche Aufregung und tiefe Ruhe von dir Besitz ergreifen.

Vorfreude und Nostalgie eine Symbiose der Superlative eingehen.

Du die Erkenntnis erlangst, dass Oxytocin auch ohne Berührung freigesetzt werden kann.

Und du weißt, dass du angekommen bist.

Ganz egal, wie lang oder kurz du weg warst.

Ganz egal, wie sehr du das Reisen liebst.

Ganz egal, wie viele großartige Orte du schon gesehen hast.

Ganz egal, wie schön oder schwer deine Zeit in weiter oder naher Ferne war.

Ganz egal, wie hell oder dunkel es in deinem Inneren gerade aussehen mag.

Wenn dir dein Urvertrauen sagt, hier bist du sicher.

Ganz egal wie gefährlich die Welt manchmal scheinen mag.

Dann kannst du dir Sicher sein, dass du im richtigen Hafen vor Anker gegangen bist.

Learn from the worst.

Bildquelle: Sophie Liehr

Alles zu seiner Zeit.

Es hat etwas länger gedauert, bis ich mich zum Schreiben dieses Blogartikels durchringen und den dafür nötigen Raum schaffen konnte. Einerseits weil mich mein Schreibworkshop, den ich seit einem Monat gebe und dessen Vor- und Nachbereitung voll und ganz vereinnahmt, vor allem auch geistig, und nebenher auch noch Uni zu machen wäre, was leider gerade etwas zu kurz kommt, aber vor allem, weil ich mir einfach nicht sicher war, wie ich diese sensible Thematik in einen Text packen soll. Ich habe mir tagelang Gedanken gemacht, wie ich die Dinge, die ich ausdrücken möchte, am besten formuliere, damit sie nicht falsch rüberkommen oder belehrend wirken. Nachdem ich dann den Spiegelartikel „Corona-Pandemie – Was wir von Depressiven lernen können“ gelesen hatte, der eigentlich genau das beschreibt, was ich die ganze Zeit im Kopf hatte, war ich nicht mehr ganz so verunsichert und werde deswegen nun einfach schreiben, was ich dazu sagen möchte. In dem Wissen, dass man es nie allen Recht machen kann, es immer verschiedene Meinungen geben wird und ich sicher bin, dass alle meine Leser*innen sich bewusst sind, dass ich mit meinen Formulierungen immer so vorsichtig wie möglich bin.

Learning by experiencing.

In ihrer Kolumne https://www.spiegel.de/kultur/corona-pandemie-was-wir-von-depressiven-lernen-koennen-a-93f4e953-d48d-45e4-bbf8-8426376a5bbc behauptet Autorin Margarete Stokowski, die selbst jahrelange Erfahrung im Umgang mit Depressionen hat, dass all jene Menschen unserer Gesellschaft ohne einschlägige psychische Vorbelastungen, die am Ende dieses Jahres und mit der aktuellen Situation des erneuten harten Lockdowns nun aber trotzdem mit den Nerven am Ende sind, sich ausgelaugt und leer fühlen, einiges von denen unter uns lernen könnten, die krisenhafte Situationen und schwierige Gefühle nur allzu gut kennen. Nicht in Form einer Pandemie, sondern durch die Depressionen, die sie bisher in ihrem Leben erlebt haben. Menschen, die sich in diesen Zeiten verschiedene Bewältigungsstrategien und Fähigkeiten angeeignet haben und gelernt haben, so gut wie möglich durch Zeiten zu kommen, in denen man glaubt, das war’s jetzt und die Hoffnung auf eine Besserung nicht mehr greifbar ist.

Nebenwirkungen.

Ich habe seit Beginn der Krise so viele Artikel über unsere Psyche in Corona-Zeiten sowie die Auswirkungen und Langzeitfolgen der Pandemie auf unsere psychische Gesundheit gelesen und auch selbst schon darüber geschrieben. In den meisten von ihnen liegt der Fokus auf den Gefahren und den besonderen Herausforderungen, die Corona und seine Begleiterscheinungen wie Arbeitslosigkeit, Social Distancing, finanzielle Sorgen, Einsamkeit, das Wegfallen eines festen Alltags und herkömmlicher Strukturen und noch vielem mehr vor allem für die psychisch kranken Menschen unserer Gesellschaft darstellen. Die nicht auf eine solide mentale Grundstabilität bauen können. Die Rückfälle erleiden. Deren Krankheitsverläufe sich verschlimmern. Suizidraten, die steigen. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass die Pandemie und alles, was sie mit sich gebracht hat, nicht per se positiv zur mentalen Verfassung beitragen muss, vermutlich bei niemandem von uns. Und da mich der Beginn der Pandemie und der erste Lockdown dummerweise in einer leichten depressiven Phase erwischt haben, kann ich auch bestätigen, dass all das in meiner damaligen Verfassung eine sehr viel größere Herausforderung war und mich sehr viel mehr Kraft und Energie gekostet hat, als es das in einer stabilen Phase wie der jetzigen getan hätte. So wie alles mehr Kraft und Energie kostet und unfassbar schwer und fast unmöglich scheinen kann, wenn man sich in einer depressiven Phase befindet.

Ich hatte das Glück, dass es sich nur um eine recht leichte und kurze Phase handelte, in der ich während der ersten Tage meiner freiwilligen Quarantäne zwar das erste Mal in zwei Jahren das Notfalltelefon meiner Therapeutin in Anspruch nahm, weil ich so verzweifelt war, dass ich mir in diesem Moment selbst nicht mehr zu helfen wusste, ich mich aber durch die Anwesenheit und Geborgenheit meiner Familie, zu der ich mich dann aus der Stadt flüchtete, einer vorübergehenden Aufdosierung eines meiner Medikamente und den Beginn des Frühlings sehr schnell wieder stabilisierte und dadurch die Kraft und Energie hatte, mir innerhalb kürzester Zeit einen neuen Alltag ohne Arbeit, jegliche bis dato da gewesene Struktur und mein gewohntes Umfeld, dafür aber mit social distancing, all den tagtäglichen Hiobsbotschaften und damit verbundener Verunsicherung und Sorge geschaffen hatte.

Die Mischung macht’s.

Wie so oft ist es schwierig bis unmöglich, manchmal auch unnötig, genau abzugrenzen, woran es denn jetzt eigentlich liegt, dass das jetzt plötzlich besser geht. Meistens interessiert einen dann erstmal einfach nur, DASS es besser geht. Punkt. So war es bei mir oft, nachdem eine depressive Episode vorbei war. Wenn in diesem Zuge die Medikamente aufdosiert worden waren, ich aber selbst auch alles getan und ins Rollen gebracht hatte, damit es mir besser geht, hätte ich manchmal trotzdem gerne gewusst, an was von alldem die Verbesserung nun eigentlich gelegen hat. Meistens war ich aber so froh, erleichtert und dankbar, dass es mir wieder besser ging und Licht am Ende des Tunnels war, dass mir das ehrlich gesagt herzlich egal war. Mittlerweile bin ich überzeugt, dass es immer eine Mischung aus allem ist. Allein auf die Wirkung von Medikamenten zu vertrauen und sich dann ins Bett zu legen und abzuwarten wird ziemlich sicher nicht die erwünschte Wirkung zeigen. Und je nach Schweregrad der Depression reichen leider auch Spazierengehen oder Meditieren allein nicht aus.

Alles schon jesehn, alles schon jehabt?

Ähnlich erlebe ich persönlich die zweite Welle und auch den zweiten Lockdown. Obwohl die pandemische Lage und die Zahlen, die Situation auf den Intensivstationen und die Überlastung des Gesundheissystems sehr viel ernster, besorgniserregender und dramatischer sind als im Frühjahr fühlt es sich für mich nicht so bedrohlich an wie in der ersten Welle. Ein Eindruck, den ein Teil meines Umfelds teilt. Ich denke, dass das nicht ungewöhnlich ist, obwohl man ja meinen könnte, je schlimmer die Lage, desto größer die Ängste und Sorgen. Ich bin weder Unternehmerin noch Ärztin, Virologin, Pflegekraft oder Poltikerin, deswegen kann ich hier nur für die Rolle sprechen, die ich in meiner aktuellen Situation als momentan arbeits- und kinderlose junge Frau und den damit verbundenen Umständen und Herausforderungen gerade innehabe. Und einer der Gründe, warum ich mit der Situation dieses Mal so viel besser umgehen kann, ist meiner Meinung nach schlicht und ergreifend die Tatsache, dass es schon das zweite Mal ist. Dass wir „das alles“ mittlerweile schon „kennen“, schon mal ähnlich erlebt haben. Vielleicht auch die Tatsache, dass ein Impfstoff in Sicht ist. Dass wir sehr viel mehr über das Virus wissen als ganz zu Anfang der Pandemie. Etwas das uns trotz der noch ernsteren Lage als im Frühjahr vielleicht zuversichtlicher sein lässt.

Isolation Creation!

Die Hoffnung, dass es irgendwann ein Ende geben wird, auch wenn es noch nicht in Sicht ist. Vielleicht liegt es auch daran, dass wir in verschiedensten Lebensbereichen in der Zwischenzeit ganz schön kreativ geworden sind, seien es nun virtuelle Treffen mit Freunden und Vorlesungen per zoom, Home Office, kleine süße Gewächshäuser vor einem Café, um die Abstände zu wahren, die digitale Weihnachtsfeier, zu der wir das Menü und den Vino per Paket nach Hause geliefert bekommen und uns dann gemeinsam vor dem PC mit lustigen Weihnachtspullis und Rudolfhaarreifen einen reinstellen und so viele andere tolle Ideen und Umsetzungen, von denen mittlerweile einige schon wieder nicht mehr gehen. Aber der Wille, die Kreativität und die Anpassungs- und Improvisationskunst des Homo sapiens waren und sind auf jeden Fall da.

Ich glaube, all diese Aspekte spielen bei einigen Menschen unserer Bevölkerung, und zwar egal ob psychisch krank/vorbelastet oder nicht, eine große Rolle bei einem besseren Umgang mit der Coronakrise, einer stabileren mentalen Verfassung und vielleicht auch einer größeren Akzeptanz. Genau so gibt es natürlich auch die genau entgegengesetzte Entwicklung, nämlich dass die zweite Welle für den Rest unserer Bevölkerung aus verschiedensten bereits erwähnten Gründen wie den höheren Zahlen, fast nicht mehr tragbaren Überlastungen des Gesundheitssystems, all jener, die an vorderster Front jeden Tag fast Unmögliches leisten und den anhaltenden und wiederkehrenden wirtschaftlichen, finanziellen oder familiären Belastungen als deutlich schlimmer und verheerender erlebt wird oder es auch schlicht und ergreifend ist.

Für jeden ein Päckchen!

Auch wenn diverse persönliche Situationen und die damit einhergehenden Belastungen, Herausforderungen und Einschränkungen natürlich immer höchst individuell sind und nicht einfach über einen Kamm geschoren werden können, so gibt es doch ein paar Dinge, von denen wir alle in gleicher Form betroffen sind. Der neue Lockdown. Die Konfrontation mit den Zahlen, die Unvorhersehbarkeit in so vielen Bereichen, die Ungewissheit, wie, wann und ob das alles enden wird, Kontaktbeschränkungen, Hygienekonzepte, Veränderungen im beruflichen Umfeld. Manche mehr, manche weniger. Die alleinerziehende Mutter, die weiterhin Vollzeit arbeiten kann (oder muss), und zwar aus dem Home Office, deren Kinder nicht mehr in die Schule gehen können und deswegen nur zu Hause sind und sie sich zwischen Kinderbetreuung, Haushalt, Arbeit und der Vermeidung eines damit verbundenen Nervenzusammenbruchs vierteilen muss steht vor anderen Herausforderungen als der Single, der aufgrund seiner Branche nicht mehr arbeiten kann, nur noch zu Hause oder mal kurz im Supermarkt ist und seine Freunde höchstens digital trifft, der sich widerum in einer anderen Situation befindet als die Omi im Altersheim, die seit Monaten keinen Besuch mehr bekommen, ihr Zimmer nur noch im Notfall verlassen darf und der die Einsamkeit mehr zu schaffen macht als all ihre körperlichen Gebrechen zusammen.

Gerade du?!

Und doch beobachten wir völlig unabhängig von den individuellen Menschen und Situationen das Phänomen, dass manche von uns mental sehr viel besser durch diese Krise kommen als andere. Dass sich wider Erwarten sogar jene, von denen man es am wenigsten erwartet hätte, unfassbar schwer tun und am Ende ihrer Kräfte und Kapazitäten sind, während Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen auch ohne Pandemie tagtäglich kämpfen müssen und zumindest augenscheinlich schlechter für Krisenzeiten gerüstet sind als der Rest der Bevölkerung, dieses Jahr verhältnismäßig locker weggesteckt haben und dabei erschreckenderweise sogar noch die Ruhe in Person geblieben sind. Obwohl wir sie in anderen Zeiten, in denen doch scheinbar alles gut war, so verzweifelt, am Boden und hoffnungslos gesehen haben, dass es uns als Angehörigen eine Scheiß-Angst eingejagt und uns hilf- und machtlos zurückgelassen hat. Ich spreche von psychisch kranken Menschen im Allgemeinen. Depressiven Menschen im Speziellen.

Alles hat seinen Zweck.

Margarete Stokowski wirft zu Beginn ihres Artikels (https://www.spiegel.de/kultur/corona-pandemie-was-wir-von-depressiven-lernen-koennen-a-93f4e953-d48d-45e4-bbf8-8426376a5bbc) also zu Recht die Frage in die Runde, was die bisher psychisch gesunden und so stabilen Menschen in unserer Gesellschaft von denen unter uns lernen können, für die diese Pandemie trotz ihrer massiven Wucht und ihres enormen Bedrohungspotenzials einfach nicht mit all den Kämpfen, die wir im Laufe unseres Lebens bisher geführt haben, mithalten kann. Und zwar nicht mal annähernd. Die wir uns über Jahre oder Jahrzehnte hinweg Überlebens- und Bewältigungsstrategien angeeignet haben, um diese Täler immer wieder auf’s Neue zu durchwandern. Ein kunterbuntes und hart erarbeitetes Repertoire an Ressourcen und Tools aus unseren schwärzesten Zeiten, die uns nun zu Gute kommen und uns in manchen Hinsichten einen gewissen Vorteil gegenüber den weniger Krisenerfahrenen unter uns verschaffen können.

Eine aus diversen inneren Krisen entstandene Resilienz, die dieser globalen Krise im Außen nun unerschrocken die Stirn bietet.

Eine Krisenfestigkeit, die uns einen Puffer zwischen unserem Seelenheil und der aktuellen Bedrohung im Außen verschafft.

Die Entwicklung einer solchen Krisenfähigkeit setzt die Erfahrung mit und das Durchleben von Krisen voraus. Theorie reicht hier nicht. Ohne Krise keine Krisenfähigkeit. Je mehr Krisen wir überstanden haben, desto besser wird diese. Desto größer ist unser Erfahrungsschatz.

Wir mögen in akuten depressiven Phasen nicht die besten Ansprechpartner*innen für „5 Gründe warum ich es liebe, morgens wie ein junges Reh aus meinem Bett zu hüpfen“ sein.

Aber wir haben gelernt zu akzeptieren, dass das Reh auch mal liegen bleiben darf.

Wie es sich während dieser Zeit nicht wund liegt.

Und wir wissen aus Erfahrung, dass es bisher noch jedes Mal irgendwann wieder weiter gehüpft ist.

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Vom Nirwana der Nüchternheit – Reloaded

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Heidelberg, Juni 2013.

Da ich gerade leider überhaupt keine Zeit für einen neuen Blogartikel habe, weil mein erster Online-Schreibkurs seit letzter Woche in vollem Gange und auch für die Uni viel zu tun ist, werde ich, nachträglich zu meinem 3-jährigen Abstinenzjubiläum am 24. September 2020 noch einmal meinen Artikel aus dem letzten Jahr posten, den manche von euch, die später dazugekommen sind, vielleicht ja noch nicht gelesen haben. Die anderen haben ihn vielleicht schon wieder vergessen und können ihn nochmal lesen oder müssen sich noch etwas gedulden bis zum nächsten Artikel.

Eine Sache möchte ich allerdings nochmal ergänzen und betonen:

Ich weiß, dass meine Entscheidung, keinen Alkohol mehr zu trinken, weder im Exzess noch in Maßen, und die Tatsache, dass ich es seit meiner Entscheidung vor drei Jahren ohne nur einen einzigen Rückfall durchgezogen habe, eine der wichtigsten und vor allem richtigsten Entscheidungen meines Lebens war. Dass ich ohne nüchtern zu bleiben niemals dort wäre, wo ich jetzt bin. Nämlich seit zwei Jahren stabil und in der Lage, mit den Phasen meiner Erkrankung umzugehen, egal ob depressiv oder hypoman. Dass ich diese Stabilität nie erreicht hätte, wenn ich so weiter getrunken hätte. Dass sich manch andere*r und nicht zuletzt ich selbst noch vor drei Jahren, auch noch in der letzten Clubnacht vor meinem Klinikaufenthalt 2017, nicht hätte vorstellen können, dass ich von einem auf den anderen Tag aufhören würde, Alkohol zu trinken und zu eskalieren. So als hätte ich es nie getan. Aber genau so ist es nun seit über drei Jahren. Darauf bin ich verdammt stolz und so unendlich dankbar. Ich war nie wacher, klarer und mehr bei mir. Darüber nachdenken, wo oder ob ich heute wäre, wenn ich mich anders entschieden hätte, tue ich nicht.

Denn was zählt ist jetzt.

Hier kommt also nochmal der Artikel vom 10. November 2019.

Schüchterne Stabilität

Ich bin zum ersten Mal seit meiner Diagnose und auch zum ersten Mal in den vergangenen zehn Jahren seit ziemlich genau einem Jahr weitestgehend stabil. Mit stabil meine ich nicht „ohne Ausschläge nach oben oder unten“. Die gab es auch dieses Jahr. Sowohl nach unten als auch nach oben. Da gab es die relativ kurze und gleichzeitig nicht zu verachtende hypomane Phase im Frühjahr, die ich relativ schnell in den Griff bekam und währenddessen getroffene Entscheidungen und ihnen folgende Handlungen glücklicherweise wieder rückgängig machen konnte, bevor sie längerfristigen Schaden anrichteten. Und auch einige depressive Episoden gab es über das Jahr verteilt, von denen fast alle durch vorangegangene Stresssituationen entstanden waren. Da ich mittlerweile weiß, dass diese Phasen zu mir gehören und kommen und gehen, bedeutet „stabil“ für mich, dass diese stetig wiederkehrenden Auf’s und vor allem Ab’s verhältnismäßig geringer ausgeprägt waren und kürzer ausfielen, als sie das schon getan hatten. Und ich selbst während dieser akuten Phasen, wenn auch unter deutlich größerer Anstrengung und daraus resultierender Erschöpfung, meinen Alltag bewältigen, zur Arbeit gehen, für mich selbst sorgen und meine sozialen Kontakte, wenn auch manchmal vermindert, pflegen konnte. Wusste, was mir in diesen Momenten gut tun würde und genau das tat, um wieder in Richtung Mitte zu gelangen. Aus eigener Kraft und mithilfe all des Wissens, das ich mir in den letzten Jahren angeeignet hatte.

Eine Frage des Lebensstils?

Dieses Jahr der „Stabilität“ bedeutet mir unglaublich viel. Und es macht mich auch in gewisser Hinsicht ganz schön stolz. Weil ich weiß, dass ich diesen Zustand neben einer regelmäßigen und konsequenten Medikamenteneinnahme zu einem großen Teil den Anpassungen meines Lebensstils und Alltags, dem Bewusstwerden meiner Bedürfnisse und deren Erfüllung, dem Erkennen meiner Grenzen und deren Verteidigung zu verdanken habe. Bei mir zu bleiben, selbst wenn es im Außen mal zerrt und schubst und drängt. Gut auf mich zu achten, vor allem, wenn es mir nicht gut geht. So wie ich mich auch um eine gute Freundin oder einen guten Freund kümmern würde. Nicht zu streng zu mir zu sein. Selbstmitgefühl zu haben. Klar abgegrenzt von Selbstmitleid. Verstehen und akzeptieren, dass ich nicht perfekt bin und es auch nicht sein muss. Dass das niemand ist. Egal ob Bipolar oder nicht. Und dass das okay ist. Dass wir alle Menschen sind.

Darauf trinken wir nicht!

Der 24. September dieses Jahres war ein ganz besonderer Tag für mich. Ein zweijähriges Jubiläum. Am Samstag des Wochenendes bevor ich 2017 in die Klinik ging, hatte ich zum letzten Mal Alkohol getrunken. Selbstmedikation. In der Hoffnung, diesen quälenden Zustand wenigstens für eine kurze Zeit überwinden zu können und den verheerenden immer schwindelerregender Gedankenspiralen für ein paar Stunden zu entkommen. Sich abwechselnden Schmerz, Traurigkeit, Hoffnungslosigkeit, Qual und Verzweiflung betäuben zu können. Einfach vergessen, was da gerade mit mir passierte. Vergessen waren am nächsten Morgen lediglich sämtliche Details des vorherigen Abends. Alles andere war immer noch da. Knallte mit noch stärkerer Wucht in mein Bewusstsein, noch bevor ich morgens verkatert die Augen öffnete.

Seit jenem Abend am 24. September 2017 habe ich keinen Tropfen Alkohol mehr angerührt. Und ich weiß, dass das auch so bleiben wird. Entgegen einiger Meinungen und nicht erwähnenswerter Kommentare von unwichtigen Menschen in einem der Vergangenheit angehörenden Umfeld. Einer der Vergangenheit angehörenden Lebensphase. „Lisa trinkt keinen Alkohol mehr, ja, genau!“. Mein über die Jahre anscheinend äußerst erfolgreich etabliertes Partyanimal-Image stellte sich als ziemlich hartnäckig heraus. „Find ich ja ganz cool, aber du wirst bestimmt irgendwann in deinem Leben mal wieder was trinken, ’n Sektchen zu Silvester oder so“. Der Blick und Kommentar des Supermarktverkäufers, den ich nach dem Regal mit dem alkoholfreien Sekt fragte: „Wer trinkt denn so was?“ Erst als ich ihm trocken entgegnete, dass ich schwanger sei, war sein kleines beschränktes Weltbild wieder hergestellt. Sein grunzendes Lachen sprach Bände der Erleichterung.

Rausch als Regel?

Frühere Partybekanntschaften, die „ganz sicher nicht mit Wasser anstoßen“ würden. „Komm, jetzt trink doch was mit! Ein Bier geht doch!“. „Wie, du bist jetzt gerade komplett nüchtern?? Nicht mal Emma oder so? Hätte hier noch ’nen Joint?“- „Wie hältst du das hier nur nüchtern aus…“ Partys mit Leuten oder Musik, die mir nicht zusagten und die ich mir früher vermutlich schön getrunken hätte, verließ ich frühzeitig oder ging einfach nicht hin. Ohne seitdem jemals das Gefühl gehabt zu haben, etwas zu verpassen. Gut gemeinte Solidaritäts-Versuche à la „Ich trinke heute auch einfach mal nichts“, die in den seltensten Fällen erfolgreich waren. War wohl doch nicht ganz so einfach. Die Erkenntnis, dass Alkohol trinken weitaus mehr zu unserer Gesellschaft gehört und von ihr akzeptiert wird, als keinen Alkohol zu trinken. Dass du dafür eine Erklärung brauchst. Und dass du, wenn du nicht gerade schwanger oder trockene/r Alkoholiker/in bist, manchmal ganz schön schlechte Karten haben kannst. Allerdings nur bei Gegnern. Nicht bei Mitspielern.

Diese stellten in dieser Übergangsphase und auch bis heute zum Glück die deutliche Mehrheit dar. Größtenteils bin ich in meinem sozialen Umfeld, in meiner Familie und meinem engen Freundeskreis sowieso, ausschließlich auf Verständnis, Unterstützung und vor allem auch Respekt gestoßen. Meine Familie, die ohne Nachfragen und nur aus Solidarität auch immer mal wieder über längere Zeit keinen Alkohol trinkt. Freunde, die bei einem gemeinsamen Essen nachfragen, ob es in Ordnung ist, wenn sie Alkohol trinken. Obwohl ich niemals auch nur daran gedacht hätte, diese Frage mit Nein zu beantworten geschweige denn es verlangen würde. Die trotzdem jedes Mal auf’s Neue fragen. Und es manchmal auch ohne Fragen einfach nicht tun und mit mir das alkoholfreie Alsterwasser teilen. Bekannte, die ich nur ab und zu sehe, die es sich trotzdem gemerkt haben und mir seitdem nie wieder Alkohol angeboten haben. Bis heute kenne ich genau eine einzige Person in meinem gesamten sozialen Umfeld, die wie ich komplett abstinent lebt. Der Austausch mit ihr gibt mir viel.

Bin ich (nicht) auch nur ein Mensch?

Mein absoluter Favorit der Reaktionen im Außen ist und bleibt der Kommentar eines Arztes in der Klinik, nachdem er mich gerade über die Wechselwirkungen meiner gerade neu aufdosierten Medikamente mit Alkoholkonsum aufgeklärt hatte. Mit seinem eigentlich so sympathischen und immer etwas spitzbübischen Grinsen blinzelte er mich sichtlich vergnügt durch seine lustige Hipsterbrille an und verpasste seiner Aufklärung über die unendliche Liste der negativen Auswirkungen von Alkoholkonsum sowohl auf mein Krankheitsbild aus auch die lebenslange Medikamenteneinnahme eine bühnenreife Pointe: „Aber Frau Waldherr, genau wie Sie selbst weiß natürlich auch ich, dass Sie halt nur ein Mensch sind und auch mal wieder feiern und Alkohol trinken werden.“ Natürlich! Wer keinen Alkohol trinkt ist schließlich auch kein Mensch!

Duell der Substanzen

Aber in gewisser Hinsicht hatte er tatsächlich Recht. Keiner der Menschen, die ich kenne, die mit verschiedenen Arten von psychischen Erkrankungen zu tun haben – und das sind mittlerweile einige – verzichtet auf Alkohol. Vorweg ist es mir an dieser Stelle wichtig, klar zu machen, dass jeder Mensch für sich selbst und für sein eigenes Glück verantwortlich ist, jeder machen kann und soll, was er will, für sich selbst entscheiden sowie die Verantwortung und Konsequenzen seiner Handlungen und seines Verhaltens tragen muss. Und trotzdem erstaunt es mich doch immer wieder, dass anscheinend kaum jemand Bedenken dabei hat, Medikamente, die so unmittelbar und kontinuierlich in unseren Hirnstoffwechsel eingreifen und dort sämtliche Wirkmechanismen, die uns das Leben retten können oder es bereits mehrmals getan haben, entfalten, mit Alkohol oder anderen natürlichen oder chemischen bewusstseinsverändernden Substanzen zu kombinieren. Und sich dann fragen, warum sich ihre Depressionen verschlimmern oder immer wiederkehren, sie in eine Manie schlittern oder Psychosen entwickeln. All das niemals in Verbindung mit ihrem Konsum bringen würden und vor allem nicht wollen. Denn es macht ja Spaß. Und tut in dem Moment doch auch gut. Oder nicht? Die Magie des Moments ist trügerisch. Und all zu schnell verflogen. Ich habe über längere Zeit hinweg so gerne, wild und exzessiv getrunken und gefeiert, dass es weh tat. Allerdings nicht nur am nächsten Morgen.

Vorhang auf!

Ich empfinde es als schmalen Grad, meine Zeilen hier nicht einer Moralapostelei zuzuordnen. Das sollen sie keineswegs sein. Meine Motivation, diesen Blog zu schreiben, besteht zu einem großen Teil darin, meine Erfahrungen, sowohl die negativen als auch die positiven, möglichst genau zu schildern. Die Erkenntnisse, die ich in verschiedenen Bereichen und Hinsichten für mich über einen langen Zeitraum gewonnen habe. Die Schlüsse, zu denen ich irgendwann, manchmal mehr, manchmal weniger schmerzhaft, gekommen bin. Konsequenzen, die ich letztendlich gezogen habe. Ziehen musste, um mich selbst zu schützen. Manchmal gegen meinen Verstand. Manchmal gegen mein Herz. Und trotzdem weiß ich, dass manche von ihnen für mich überlebenswichtig waren. Es nach wie vor sind. Und auch bleiben werden. Es gibt Aspekte der bipolaren Erkrankung, wie wir weder als Betroffene noch als Angehörige beeinflussen können. Die sich unserer Macht entziehen. Genau so gibt es aber auch viele Bereiche, die wir durch unser eigenes Verhalten und unsere Lebensweise positiv beeinflussen, uns unserer Selbstwirksamkeit bewusst werden können. Erkennen, dass wir nicht wie hilflose Marionetten von der Krankheit durch unser Leben geschleift werden müssen, sondern in den allermeisten Fällen zumindest einige der Fäden noch selbst in der Hand halten. Sie vor dem Absturz bewahren können, auch wenn sie mal nur noch an einem Faden hängen. Die Figuren tanzen lassen können. Es liegt an uns, diese Fäden in der Hand zu behalten.

Selbstmedikation vs. Komorbidität

Einer dieser Fäden ist meiner Meinung nach der Konsum von Alkohol und anderen bewusstseinsverändernden Substanzen. Weswegen es mir so wichtig ist, diesem Thema hiermit einen eigenen Artikel zu widmen. In naher Zukunft wird ein Artikel folgen, der sich nicht wie dieser meinen persönlichen Erfahrungen diesbezüglich widmen, sondern die wissenschaftliche Hintergründe der Thematik beleuchten wird. Diverse Fachliteratur zur bipolaren Erkrankung legen die Vermutung nahe, dass bipolare Erkrankungen in Kombination mit regelmäßigem und/oder übermäßigem Alkoholkonsum äußerst schwer unter Kontrolle zu bekommen sind und eine langfristige stabile Stimmungslage unter dessen Einfluss sehr viel unwahrscheinlicher ist. Dass sämtliche bewusstseinsverändernde Substanzen den Verlauf der Erkrankung negativ beeinflussen können. Wobei außerdem erwähnt werden muss, dass eine Unterscheidung zwischen exzessivem Trinken als Selbstmedikation oder Symptom während einer depressiven oder (hypo-)manen Phase einerseits und Alkoholmissbrauch oder -sucht als Komorbidität (eine Begleiterkrankung der Grunderkrankung (in diesem Fall die bipolare Erkrankung), die diagnostisch klar voneinander abzugrenzen sind) andererseits sehr schwer und der Übergang oft fließend ist.*

* Die in diesem Abschnitt aufgeführten wissenschaftlichen Hintergründe habe ich mir im Laufe der letzten Jahre aus diversen Quellen angelesen und für diesen Artikel mit bestem Gewissen aus meinem Gedächtnis zusammengetragen, ohne die Quellen aktuell noch vorliegen zu haben. Da es sich bei diesem Blogbeitrag außerdem nicht um eine wissenschaftliche Arbeit handelt, werde ich hier keine Quellen zitieren. Deswegen besteht bezüglich dieses Abschnitts allerdings auch kein Anspruch auf wissenschaftliche Vollständigkeit. Im bereits angekündigten Artikel über die wissenschaftlichen Hintergründe der bipolaren Erkrankung werde ich dies nachholen.

Jede Jagd hat ein Ende

Rückblickend kann ich dazu einfach nur sagen, dass sich meine Hochs und Tiefs in keiner Zeit so erbarmungslos und unberechenbar jagten wie in den Jahren, in denen ich regelmäßig und überdurchschnittlich viel Alkohol konsumiert habe. Nie wieder so hoch geflogen bin. Und auch nie wieder so tief gefallen.

Eine allmähliche Stabilisierung meiner Stimmungslage begann erst, nachdem ich am 24. September 2017 meine Entscheidung für ein abstinentes Leben getroffen hatte.

Für keinen Rausch der Welt würde ich diese jemals wieder auf’s Spiel setzen.