Ja, hier is was faul.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Erwischt.

Auf meinem Handy blinkt eine Push-Nachricht auf, die eine neue E-Mail in meinem Posteingang verkündet. Der Betreff der Nachricht lautet: „Lisa, willst du faul sein oder glücklich?“. Ein Newsletter von einem Youtube-Kanal, den ich abonniert habe und sonst eigentlich echt gut finde. Jetzt fühle ich mich ehrlich gesagt auf frischer Tat ertappt. Weil ich schon seit geraumer Zeit in meinem Bett liege, meine Hände an meiner Kaffeetasse wärme und durch mein Fenster Blickkontakt mit Hamburgs strahlendem Grau halte. Und einfach so vor mich hinglotze. Ich höre keine Musik, ich lese kein Buch, ich schaue keine Serie. Mache einfach nichts. Geschweige denn etwas annähernd Produktives.

Ich glotze einfach nur.

Lizenz zur Langeweile

Und ehrlich gesagt mache ich das schon seit ein paar Tagen so. Es tut gut, keinerlei Reizen ausgesetzt zu sein und der Stille zu lauschen. Außerdem bin ich schon seit einer Woche krank und dementsprechend schlapp. Und dann darf man ja schließlich auch mal faul sein. Oder nicht? Hier geht es aber auch schon los: Brauchen wir immer erst eine Erklärung oder Rechtfertigung für’s Faulsein? Müssen wir uns erst im Außen oder selbst die Erlaubnis erteilen, faul sein zu dürfen? Braucht Aktionslosigkeit immer eine Absolution? Um auf besagte Email zurückzukommen: Kann man nur entweder glücklich ODER faul sein? Entweder sind wir also fleißig und glücklich oder faul und unglücklich. Beides geht nicht oder was? Demnach müsste ich eigentlich gerade ganz schön unglücklich sein. Bin ich aber ehrlich gesagt so ganz und gar nicht. Sollte ich deswegen jetzt ein schlechtes Gewissen haben?

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber auf mich hatte der schlechte Ruf, den Faulheit in unserer Gesellschaft seit jeher zu genießen scheint, lange einen enormen Einfluss. Und um ganz ehrlich zu sein kann ich mich auch heute noch manchmal nicht komplett von dem schlechten Gewissen lösen, das mich manchmal im schönsten Faulheitsflow erwischt. Aber immer öfter. Und trotzdem bin ich irgendwie noch nicht verwahrlost seitdem.

Und wenn wir es schaffen würden, nicht alles schaffen zu wollen?

Allein Sprüche wie „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“ oder „Der frühe Vogel fängt den Wurm“ und sonstige philosophisch wertvolle Redewendungen suggerieren uns von klein auf, dass Fleißigsein gut und Faulsein schlecht ist. Wir leben in einer Gesellschaft, in der Leistungsdruck, Perfektionsstreben und Selbstoptimierung unsere ständigen Begleiter sind. Was nun auch wirklich nichts Neues ist. Besonders schlaue Stimmen sollen ja behaupten, es wäre unsere eigene Entscheidung, ob wir uns all dem beugen und unser Leben danach ausrichten wollen oder halt eben nicht. Stimmt schon. Aber nur weil uns all das nicht zusagt, heißt das noch lange nicht, dass wir uns so mir nichts dir nichts und ohne jegliche Zweifel von etwas lösen können, das ungefähr 95 Prozent der Menschen um uns herum nun mal tun. Weil man es halt so macht. Weil es doch irgendwie alle so zu machen scheinen. Weil es sich bei uns so gehört. Schließlich wollen wir ja etwas leisten. Schaffen. Erreichen. Hinkriegen. Erfolgreich sein. Es zu etwas bringen. Und da ist Faulheit ja bestimmt nicht das Mittel der Wahl.

Wir könnten hier jetzt natürlich erstmal die Definition von „Erfolg“ oder „erfolgreich sein“ genauer unter die Lupe nehmen oder unsere Gesellschaft gnadenlos auseinanderpflücken, aber das möchte ich gar nicht. Zumindest heute nicht. Ich frage mich gerade einfach, ob sich Glück und Faulheit tatsächlich ausschließen und falls nein, wie dann eine friedliche Koexistenz der beiden aussehen könnte.

Ich glaube, dass es hier, wie bei so vielem Anderen, auch mal wieder darum geht, was wohl die Anderen von uns denken mögen, wenn wir faul sind. Ob sie uns dann vielleicht ablehnen. Vielleicht komisch finden, wenn wir faul sind. Oder, noch schlimmer, dass sie vielleicht als erste erkennen, was wir selbst noch gar nicht wissen, nämlich dass wir es tatsächlich sind! Und was dann? Gibt es in unserer Gesellschaft und unserem sozialen Umfeld Platz für eine Affinität zum Abhängen? Verpassen wir dabei vielleicht nicht das Wichtigste?

Darf man das?

Das Problem besteht nicht darin, sich von etwas auszuruhen oder zu erholen. Wenn wir krank sind etwa. Und den ganzen Tag im Bett liegen. Das ist keine Faulheit, das ist Krankheit! Und auch nach getaner Arbeit haben wir es natürlich verdient, uns mal mit ein bisschen Faulheit zu belohnen. Wie gesagt: Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Und wenn wir es dann doch mal wagen sollten und einfach so und ganz ohne Grund dem Faulsein frönen, dann flitzen vor unserem inneren Auge gerne diverse Punkte auf unseren diversen To Do-Listen hin und her, die erledigt werden wollen. In der illusorischen Hoffnung auf den Moment, zu dem wir alle Punkte abgehakt haben werden. Was wir in der Zeit, die wir mit Faulsein vergeudet haben, doch alles hätten schaffen können! Da haben wir das Faulsein ohne Absolution schon gewagt und dann können wir es nicht mal genießen und werden auch noch von einem schlechten Gewissen geplagt.

Leer=Gut.

Und vor lauter schlechtem Gewissen und Selbstvorwürfen übersehen wir dabei bedauerlicherweise all das Potenzial, das sich hinter der eher abtörnenden Fassade von Faulsein und Nichtstun versteckt. Wenn der Geist zur Ruhe kommt. Wenn da plötzlich Platz ist für Ideen und Pläne, die vor lauter Geschäftigkeit und Beschäftigtsein immer nur untergegangen sind und einfach vergessen wurden. Gedanken, die erst aufkommen, wenn sich eine gewisse Leere einstellt, die wir oft als Langeweile missdeuten. Ab hier erledigt unser Kopf den Rest ganz von Alleine. Das menschliche Gehirn ist erwiesenermaßen darauf ausgelegt, nach Stimulation zu streben. Sobald diese durch vorübergehende Reizarmut für eine Weile nicht mehr gegeben ist, begibt es sich emsig auf die Suche und lässt Ideen, Gedanken und Tagträume entstehen. Und mit den Gedanken kommen die Gefühle. Auch die schlechten und schwierigen. Vielleicht einer der Hauptgründe, warum wir unterbewusst sogar Angst vor dem Faulsein haben. Und zwar nicht wegen der Ablehnung im Außen, sondern der Auseinandersetzung mit unserem Innersten. Was uns da im Innen erwartet, wenn nichts mehr im Außen ist.

Muß ich?

Der Zug für die Salonfähigkeit der „Faulheit“ ist zumindest in unserer Gesellschaft schon ein Weilchen abgefahren. Vielleicht können wir uns aber auch einfach selbst bescheißen, indem wir es heimlich und leise durch das Wörtchen „Muße“ ersetzen. Irgendwie klingt das doch fleißiger. Und produktiver. Und auch noch ohne Assoziationen zu vergammelten Äpfeln zu erzeugen. Die wirklich bedeutenden Kunstwerke in der Geschichte der Menschheit entstanden schließlich aus Muße, die der offiziellen Definition nach „eine freie Zeit und innere Ruhe (ist), in der man seinen eigenen Interessen nachgehen kann“.

Meine persönliche Lösung für das ganze Faulheitsfiasko ist eine radikale Akzetanz der Tatsache, dass ich einfach furchtbar gerne faul bin. Und auch gerne oft. Irgendwie möchte ich es auch gar nicht als Muße tarnen, weil sich für mich das Bild eines Menschen, der mit allen vieren von sich gestreckt kaffeeschlürfend im Bett liegt und auf unbestimmte Zeit aus dem Fenster glotzt (nicht dass das die einzige Visualisierung von Faulheit wäre), eigentlich echt ganz gut mit dem Wort Faulheit beschreiben lässt. All den guten Ideen, die dabei kommen mögen, zum Trotz.

Die Königsdisziplin im Faulsein besteht jedoch darin, sich vorher bewusst dafür zu entscheiden. Und ebenso bewusst gegen To-Do-Listen-Tummeln, schlechtes Gewissen und Selbstaufwertung durch Erledigen bis zum Erbrechen.

Ich überlasse den Newsletter mit berüchtigtem Betreff seinem kümmerlichen Dasein in meinem Posteingang. Zusammen mit 13.853 anderen Mails, die ich nach dem Lesen auch alle nicht gelöscht habe.

Weil ich dafür einfach zu faul bin.

An deiner Seite

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Wie im letzten Artikel versprochen, wird es heute um die Schwierigkeiten gehen, die psychische Erkrankungen nicht nur für die Betroffenen selbst, sondern auch für deren Angehörige mit sich bringen. Da ich nur für meine eigene Erkrankung sprechen kann, wird es hier speziell um den Umgang mit depressiven Phasen (der bipolaren Störung) gehen. In naher Zukunft wird dann ebenfalls ein Artikel zu den (hypo)manischen Phasen folgen.

Blaaa.

Sowohl im Internet als auch quer durch fachspezifische Ratgeberliteratur finden sich im Großen und Ganzen mehr oder weniger die gleichen Tipps. Die folgenden sind nur eine Auswahl für einen ersten Eindruck.

1.) Zeigen Sie Verständnis für den Erkrankten.

2.) Nehmen Sie die Erkrankung ernst, aber dramatisieren sie sie nicht.

3.) Informieren Sie sich über die Erkrankung.

4.) Vermitteln Sie dem Betroffenen, dass Hilfe möglich ist und es ihm wieder besser gehen wird.

5.) Unterstützen Sie den Erkrankten darin, sich professionelle Hilfe zu suchen.

6.) Nehmen Sie selbst Hilfe in Anspruch, wenn Sie es brauchen.

7.) Treffen Sie in der akuten Phase keine weittragenden Entscheidungen mit dem Erkrankten.

8.) Erkennen Sie ihre Grenzen und achten Sie auf sich selbst.

9.) Nehmen Sie Ablehnung, die Ihnen der Betroffene eventuell entgegenbringt, nicht persönlich.

10.) Bleiben Sie geduldig.

Puh. Das könnte leichter gesagt als getan sein.

Verständnislos verständnisvoll

Ich denke, dass Verständnis zu zeigen in diversen Lebenslagen und sozialen Beziehungen Voraussetzung für ein auf lange Frist funktionierendes und harmonisches Miteinander ist. Da ist das tröstende „Ich kann so gut verstehen, wie du dich fühlst“ der Mutter, wenn das Kind mit einer heftigen Mandelentzündung im Bett liegt, weil sie es selbst auch schon erlebt hat und genau weiß, wie schmerzhaft und ätzend das ist. Oder das mitfühlende „Ich verstehe dich so gut“ der besten Freundin, weil man gerade eine Trennung hinter sich hat und so gut wie jeder Mensch das Gefühl von Liebeskummer zumindest einmal im Leben schon am eigenen Leib erfahren hat. In Situationen wie diesen können wir echtes Mitgefühl für unsere Mitmenschen aufbringen, weil wir aufgrund ähnlicher Erfahrungen genau das in diesem Moment tun: Mitfühlen. Ein Mitfühlen, das nur dann möglich ist, wenn wir das gleiche Gefühl auch schon einmal gefühlt haben. Wir verstehen es, ohne dass es uns jemand erklären muss.

Niemand, der selbst noch nie auch nur annähernd etwas mit Depressionen zu tun hatte, kann nachvollziehen oder auch nur erahnen, wie sich das anfühlt. Genau so wenig wie wir wissen können, wie es sich anfühlt, querschnittsgelähmt oder blind zu sein, wenn wir es selbst nicht sind. Und wenn wir uns als Angehörige noch so anstrengen…wir werden es nie nachvollziehen können. Und wenn uns die Betroffenen ihre Symptome noch so genau schildern…wir werden es nie verstehen. Weil wir es nicht fühlen. Und das müssen wir auch nicht. Um Verständnis zeigen und vermitteln zu können, müssen wir nicht alles verstehen.

Wir können Verständnis zeigen, indem wir unseren Angehörigen und seine Erkrankung ernst nehmen. Diese als Erkrankung anerkennen. Uns so gut und ausführlich wie möglich über das Krankheitsbild informieren. Uns klar machen, dass Depression eine Erkrankung ist wie es viele andere Krankheiten auch sind und genau so wenig wie eine Grippe oder Diabetes oder Krebs mit Willensstärke überwunden werden kann. Und dass das nichts mit Schwäche zu tun hat… Diese Punkte könnten wir hier noch beliebig erweitern. Letzten Endes führen sie aber alle dazu, dass wir ein gewisses Verständnis entwickeln können für etwas, das wir nicht kennen, das uns verunsichert, das uns Angst macht. Und ob dieses Verständnis echt ist, wird der Betroffene spüren. Und es wird ihm gut tun.

Eben so wenig wie wir als Angehörige die Erkrankung bagatellisieren sollten, sollten wir sie zusätzlich dramatisieren. Abgesehen davon, dass sie sich für den Betroffenen auch so schon definitiv dramatisch genug anfühlt, würde es ihn zusätzlich verunsichern, wenn seine Angehörigen auch noch in Panik ausbrächen. Ängste, Unsicherheiten und Sorgen bezüglich der Erkrankung und des Betroffenen sollten diese idealerweise vorerst mit anderen ihnen nahe stehenden Menschen besprechen.

Wissen ist Macht

Sich ausführlich über die Erkrankung seines Angehörigen zu informieren und damit zu beschäftigen ist meiner Meinung nach einer der wichtigsten Punkte, vor allem zu Beginn. Alles was wir nicht kennen, das große Unbekannte, macht uns Angst. Fühlt sich irgendwie nicht gut an. Wir haben keine Kontrolle darüber. Generell sorgt die Information über die Erkrankung, deren Entstehung, die typischsten Symptome, Behandlungsmöglichkeiten, Prävention, etc. und ein daraus entstehendes Grundwissen sehr oft dafür, dass die Angst etwas kleiner wird. Die Machtlosigkeit weniger überwältigend. Wenn wir als Angehörige beispielsweise wissen, dass Hoffnungslosigkeit und Antriebslosigkeit zu den Hauptsymptomen einer Depression gehören, können wir auch plötzlich verstehen, warum unser Angehöriger alles nur noch schwarz in schwarz sieht, morgens nicht aus dem Bett kommt und auch den Rest des Tages zu nichts zu motivieren ist. Hätten wir dieses Wissen nicht, würden wir (verständlicherweise) vielleicht denken, dass es sich hier um Charaktereigenschaften oder Angewohnheiten wie Pessimismus und Faulheit handelt. Und würden vielleicht (auch verständlicherweise) vom Betroffenen erwarten, dass er sich „endlich mal zusammenreißt“, aufhört zu jammern und sich nicht so gehen lässt. Zumal diese Person sich sonst nie so verhält und wir sie kaum wiedererkennen.

Aber Depression kennt keine Disziplin.

Lächelst du noch oder weinst du schon?

Wir haben Gebrauchsanweisungen für alles. Selbst für Dinge, die so offensichtlich sind, dass wir uns fragen, warum um alles in der Welt sich überhaupt jemand die Mühe gemacht hat, für das Drucken dieses mehr als überflüssigen Textes auch nur einen Tropfen Tinte zu verschwenden geschweige denn diesen in diverse Sprachen übersetzen zu lassen.

Dabei bräuchten wir doch oft viel eher eine Art Gebrauchsanweisung für unsere Mitmenschen. Eine Art „Umgangsanweisung“ sozusagen. Ein Leitfaden, der uns in herausfordernden Phasen einen Weg weist. Gebrauchsanweisungen werden von Experten geschrieben, die das Produkt, um das es geht, in- und auswendig kennen. Ausgehend von dem fertigen, vollendeten Produkt. Sie muss schon vorhanden sein, bevor wir uns an den Aufbau des IKEA Billy-Regals machen. Wenn wir sie als Laien anstelle der Experten und erst während des Aufbauprozesses anstatt bereits davor schreiben würden…es würde uns sicher nicht all zu weit bringen.

Es gibt nicht DIE „Gebrauchsanweisung“ für einen Menschen. Dafür sind wir Menschen viel zu individuell und unterschiedlich. Es gibt auch nicht DIE Gebrauchsanweisung für den Umgang mit der psychischen Erkrankung eines Angehörigen. Es wäre allerdings mal eine Idee, wenn wir als Betroffene eine Art Gebrauchsanweisung für unsere Angehörigen schreiben. Zum Beispiel nach einer überstandenen depressiven Phase. Aufschreiben, was uns in dieser schwierigen Zeit geholfen hat und welchen Umgang wir uns von unseren Mitmenschen in bestimmten Situationen wünschen würden.

Speziell auf die bipolare Störung bezogen wäre es beispielsweise eine gute Möglichkeit, in den symptomfreien Phasen entweder mit unseren Angehörigen zu sprechen oder tatsächlich einmal alles auf Papier zu bringen, damit wir es nicht mehr vergessen. Auch hier kann ich nur von mir und den Erzählungen anderer Betroffener ausgehen, aber auf eine depressive (oder auch hypomane) Phase zurückblickend lässt sich oft viel klarer erkennen und herausarbeiten, was im Falle einer weiteren Phase im Umgang mit den Symptomen und dem Betroffenen zu beachten wäre. Was helfen könnte. Was eher kontraproduktiv wäre. Was zu den No-Gos zählte.

Denn wenn wir während einer Depression erst einmal im Strudel aller negativer Gedanken und Empfindungen gefangen sind, ist unser Blick meist alles andere als klar.

In meinem Umfeld habe ich sehr gute Erfahrungen mit einer offenen Kommunikation gemacht und in „gesunden“ Phasen mit Familie, Freunden und Partnern so viel wie möglich darüber gesprochen, wie es mir geht, wie es sich anfühlt, was mir hilft und was mir nicht hilft, wenn es mir schlecht geht. Und mein Umfeld war sehr dankbar dafür. Bei der nächsten depressiven Phase waren sie besser vorbereitet. Konnten mit manchem besser umgehen. Bezogen weniger auf sich selbst. Waren weniger verletzt. Fühlten sich etwas weniger hilflos. Trotzdem war es deswegen nicht plötzlich leicht. Aber vielleicht ein bisschen leichter.

Vielleicht ist es deswegen keine schlechte Idee, tatsächlich mal eine Art persönliche „Gebrauchsanweisung“ für unsere Angehörigen zu erstellen. Vielleicht könnte sie ja in etwa so aussehen?

Vielleicht…

…kannst du versuchen, Verständnis für meine Situation und mein Empfinden zeigen, auch wenn du all das selbst noch nie erlebt hast und es dir so fremd ist.

…kannst du dich über meine Erkrankung informieren, damit du besser verstehst, woher sie kommt, was dabei in meinem Körper und Kopf passiert, welche Symptome sie hervorruft und wie man mit ihr umgehen kann.

…kannst du mich einfach fragen, ob du mich in den Arm nehmen und festhalten darfst, wenn ich ganz unten bin.

…kannst du kleine Alltagsentscheidungen, wie zum Beispiel die Wahl eines Gerichtes auf einer Speisekarte, für mich übernehmen, wenn das für mich okay ist. Weil mich jegliche Art von Entscheidung gerade überfordert.

…kannst du mir versichern, dass du für mich da bist und nicht gehst. Denn genau davor habe ich gerade panische Angst. Weil ich denke, dass ich für alle eine Last und einfach nur anstrengend bin.

…kannst du mich darin bestärken, mir professionelle Hilfe zu holen und mich eventuell dabei unterstützen, Adressen rauszusuchen, Telefonate zu machen und Termine zu vereinbaren. Denn wenn ich morgens selbst das Zähneputzen nur mit allergrößter Mühe schaffe, kannst du dir vielleicht vorstellen, welch unüberwindbare Hürde diese wichtigen Dinge gerade für mich darstellen.

…kannst du mir immer und immer wieder sagen, dass es nur eine Phase ist. in der ich mich gerade befinde und dass diese wieder vorbeigehen wird. Dass es mir wieder besser gehen wird. Dass Depressionen gut behandelbar sind und mir geholfen werden kann.

…kannst du mich zu einem Therapeutengespräch begleiten, wenn es angeboten wird und wenn ich dich darum bitte.

…kannst du dir selbst Unterstützung holen, wenn du dich mit meiner Erkrankung und der Situation überfordert fühlst.

…kannst du versuchen, mich zumindest zu einem kleinen Spaziergang zu überreden, wenn ich mal wieder den ganzen Tag nicht das Bett oder das Haus verlassen konnte. Lass dich nicht sofort abblocken und versuche, mich davon zu überzeugen, dass mir etwas frische Luft, Bewegung und Tageslicht gut tun werden. Denn das tun sie.

…kannst du mit großen und wichtigen Entscheidungen oder Diskussionen warten, bis es mir wieder besser geht. Mein Denken ist gerade so anders und grau verschleiert, dass ich ziemlich sicher anders entscheiden würde als sonst und das im Nachhinein vielleicht bereuen würde.

…kannst du versuchen, mir die Dinge abzunehmen, die ich gerade einfach nicht schaffe, und mir gleichzeitig vielleicht ein paar einfachere überlassen, damit ich trotzdem das Gefühl habe, ich kann etwas beitragen. Es werden auch wieder Zeiten kommen, in denen ich mehr übernehmen kann.

…kannst du darauf achten, dass du dich selbst in all dem nicht verlierst, indem du trotz allem deine Grenzen kennst und gut für dich sorgst, indem du zum Beispiel weiterhin dein soziales Umfeld pflegst.

…kannst du versuchen, es nicht allzu persönlich zu nehmen, wenn ich abweisend zu dir bin oder es mir nicht allein durch deine Anwesenheit besser geht. Bei meiner Erkrankung hilft Liebe allein nicht, obwohl sie es sonst so oft tut. Es liegt nicht an dir. Ich kann gerade nicht anders.

…kannst du versuchen, nicht immer nach dem Grund zu fragen, wenn ich zum Beispiel mal wieder scheinbar aus dem Nichts anfange zu weinen. Auch wenn es für dich wahrscheinlich schwer nachzuvollziehen ist: Wenn ich depressiv bin, brauche ich keinen Grund zum Traurigsein. Ich bin es einfach. Und das ist für mich genau so schwer zu akzeptieren oder zu verstehen wie für dich.

…kannst du lernen, immer besser mit meiner Erkrankung umzugehen und mit mir einen gemeinsamen Weg des Umgangs finden, der für uns beide funktioniert.

…musst du dir aber auch irgendwann eingestehen, dass du keine Gebrauchsanweisung für einen Menschen brauchen möchtest und dass dir das zu anstrengend ist.

…ist auch das okay.

Schwarzstaub

Das alles mag dem ein oder anderen jetzt vielleicht etwas komisch oder vielleicht sogar lächerlich vorkommen. Wer allerdings schon einmal depressiv war, weiß genau, wovon ich spreche. Das Ausmaß all der Verzerrungen, Verfärbungen und Veränderungen unseres Denkens und Fühlens während einer depressiven Phase ist verheerend. Wie wenig all das nur noch mit unseren eigentlichen Gedanken und Empfindungen zu tun hat ist erstaunlich. Und wie wir diese Kluft jeglicher noch so großer Anstrengung, jeglichen noch so unbedingten Wollens, jeglicher vergeblicher Mühe zum Trotz nicht zu überwinden vermögen bleibt ein Phänomen. Zugänge zu Rationalität und Hoffnungsvermögen bleiben uns verwehrt.

Kennt ihr das Gefühl, wenn sich morgens nach dem Aufwachen noch bruckstückhafte Erinnerungen an eure Träume wie kleine Puzzleteilchen in eurem Kopf tummeln und ihr versucht, sie zu einem Bild zusammenzufügen? Sie zum Greifen nahe sind, ihr die Hand nach ihnen ausstreckt, sie schon beinahe greifen könnt…euer Zeigefinger streift die Oberfläche bereits, ihr streckt mit aller Kraft euren Arm noch weiter aus…und plötzlich zerspringt das Puzzleteil in tausend Einzelstücke, die sich wie kleine Staubpartikelchen im Nichts jeglicher Himmelsrichtungen auflösen.

Ungefähr so fühlt sich die Hoffnungslosigkeit einer Depression an. Unser Verstand weiß, dass es so etwas wie Hoffnung gibt und wir dieses Gefühl kennen und schon erlebt haben. Aber weder unser Geist noch unser Körper kann sie spüren.

In der Naturwissenschaft bezeichnet Schwarzstaub übrigens die ungeklärte Verfärbung von Räumen.

Damit kann ich arbeiten.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Make a wish

Die Liste der guten Wünsche ist lang, sei es zum Geburtstag, zum Start ins neue Jahr oder anderen „wünschenswerten“ Ereignissen in unserem Leben. Da wird gewünscht, was das Zeug hält. Zu den absoluten Spitzenreitern gehören Gesundheit, Glück, Zufriedenheit, Erfolg…Was auch immer uns da auf hübschen Postkarten oder verschmierten Handydisplays erwarten mag, die gut gemeinten Worte des Senders erlangen ihre Bedeutung stets erst durch die Interpretationen des Empfängers. Und die könnten wohl unterschiedlicher nicht sein.

Das ist doch krank…

Die Weltgesundheitsorganisation (World Health Organization, WHO) beispielsweise definiert Gesundheit als „(…) ein(en) Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht allein das Fehlen von Krankheit und Gebrechen.“ Ich denke darüber nach, was diese Definition bei genauerer Betrachtung in Bezug auf psychische Erkrankungen, im Speziellen die bipolare Störung, bedeuten würde. Ein „Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens“ scheint mir zwar ziemlich erstrebenswert, andererseits allerdings nicht wirklich realistisch. Würde man danach gehen, wären vermutlich 90% der Menschheit offiziell „krank“. In einer manischen Phase beispielsweise fühlen sich Bipolare definitiv vollkommen körperlich, geistig und sozial wohl. Leider etwas zu wohl. Und trotzdem ist dieser Zustand nicht „gesund“. Depressive sind nicht gebrechlich…Was der eine Mensch vielleicht als „krank“ empfinden würde, setzt ein anderer für sich in Relation und fühlt sich damit weitestgehend „gesund“…Gedankenfetzen in meinem Kopf.

Zeit aufzustehen!

Für mich bedeutet Gesundheit, morgens aufstehen und meinen Alltag ohne unüberwindbare Anstrengungen bewältigen zu können. Mich den Herausforderungen des Lebens gewachsen zu fühlen. Von der verschwindend kleinen wie dem morgendlichen Zähneputzen bis hin zu den ganz ganz großen. Gesund zu sein bedeutet für mich, mein Leben trotz gewisser Umstände und auch Einschränkungen, die meine Bipolarität mit sich bringt, selbstbestimmt zu gestalten und niemals den Glauben zu verlieren, dass alles gut wird. Dass auch den längsten und dunkelsten Tunnel am Ende wieder das Licht erwartet. Was hier gerade so leichtfüßig über die Tastatur huscht, ist in Phasen schwerer Depression keine Option. Eine seelenlose leere Aussage, die auf halbem Weg zu unserem Verstand plötzlich spurlos verschwindet.

Störung in der Leitung

Wer noch nie mit einer Mischung aus Entsetzen und Gleichgültigkeit ertragen musste, wie es sich anfühlt, die Kontrolle über jegliche Impulse zu verlieren, die unserem Körper sonst Bewegung suggerieren, wird sich nicht vorstellen können, wie es möglich ist, dass jemand morgens einfach nicht aufstehen kann. Es sei denn natürlich, es handelt sich um zwei gebrochene Beine oder eine andere schwere körperliche Krankheit, die man am besten direkt auf den ersten Blick von außen erkennt. Damit jeder Bescheid weiß. Wüsste ich selbst nicht, wie es sich anfühlt, ich könnte es nicht glauben. Jedem Menschen, der diesem Gefühl noch nicht begegnet ist, gönne ich das von ganzem Herzen und wünsche ihm oder ihr, dass es auch in Zukunft dabei bleibt.

Was für den einen zur grundlegenden Definition von Gesundheit bedeutet, wie zum Beispiel das Aufstehen am Morgen, könnte für viele anderen Menschen selbstverständlicher nicht sein. Unsere ganz persönliche Definition von „gesund sein“ hängt immer davon ab, welchen subjektiven Wert wir dem Phänomen „Gesundheit“ zusprechen. Dieser wiederum ist das Resultat diverser Erfahrungen, Umstände, unserem bisherigen Lebens- und gegebenenfalls auch Leidensweg, Vergleichen, Prädispositionen und noch vielem mehr.

Was der Bauer nicht kennt…

Die Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen in unserer Gesellschaft macht Fortschritte, keine Frage. Aber es geht noch so viel mehr. Nach wie vor fällt es uns Menschen leichter, Dinge zu akzeptieren und anzuerkennen, die ganz offensichtlich sind. Die wir klar und deutlich sehen können. Am liebsten schwarz auf weiß. Und mit Stempel drauf. Ich greife einfach nochmal auf den Klassiker zurück: Das gebrochene Bein, komplett eingegipst. Vielleicht blaue Flecken oder Schürfwunden vom Unfall. Mist, das muss echt wehtun. Erstmal schön auskurieren! Niemand würde jemals von jemandem mit einem oder zwei gebrochenen Beinen erwarten, aufzustehen und einfach loszulaufen. Leider sind die Protagonisten eines gestörten Hirnstoffwechselspiels wohl immer noch nicht salonfähig, die Bühne nicht groß genug, um das Publikum für psychische Erkrankungen begeistern zu können. Leid und Qual spielen sich unauffällig in unserem Hirn ab, fein säuberlich verpackt in unsere Schädeldecke, dekoriert mit einer hübschen Frisur on top. Da kann man sich doch einfach mal zusammen reißen.

Mit Vorsicht zu genießen?

Ich denke oft darüber nach, wie ich mich selbst in Bezug auf meine Krankheit sehe. Welchen Blick ich mir von anderen in dieser Hinsicht wünschen würde. Einerseits möchte ich auf keinen Fall mit Samthandschuhen angefasst werden, sondern einfach „ganz normal“ behandelt werden. Andererseits bringt meine Erkrankung bestimmte Voraussetzungen, Umstände und Bedingungen mit sich, die sich fernab des allgemein als „normal“ geltenden Bereichs bewegen. Im wahrsten Sinne jenseits von Gut und Böse. Will ich auch in diesen Momenten, dass mein Umfeld mit mir umgeht, als wäre nichts gewesen? Will ich, dass mein Chef, der von meiner Erkrankung weiß, mir Überstunden bis zum Gehtnichtmehr auflädt und Nachtschichten zuteilt, obwohl er über die negativen Auswirkungen von Stress und einem gestörten Schlaf- und Wachrhythmus auf das Krankheitsbild informiert ist? Will ich, dass meine Freunde mit mir feiern und die Nächte durchmachen, als gäbe es kein Morgen mehr, obwohl sie wissen, dass ich gerade manisch bin und wie es weitergehen wird, wenn mich nicht bald jemand bremst? Will ich, dass meine Schwester zu mir sagt „Jetzt reiß dich doch mal zusammen“ oder „Ist doch gar nichts passiert“, wenn ich depressiv und seit Tagen nur noch am Heulen bin? Will ich als krank gesehen werden? Will ich eine „Sonderbehandlung haben“? Sehe ich mich selbst als krank?

Take it.

Der Grat ist schmal. All diese Fragen lassen sich nicht von einem auf den anderen Tag beantworten. Und auch nicht in einem Blogartikel. Ich habe Jahre dafür gebraucht und es kommen fast täglich neue dazu. Auf manche Fragen gibt es keine Antwort. Auf andere muss es keine geben. Manche Dinge im Leben haben wir nicht unter Kontrolle. Dazu gehört auch, ob wir physisch oder psychisch krank werden. Das Leben ist wunderschön, aber weit entfernt von gerecht. Wir tun uns einen Gefallen, wenn wir das, was wir nicht ändern können, akzeptieren. Und zwar so bald wie möglich. Alles andere ist verschwendete Zeit und Energie. Was wir akzeptieren, können wir annehmen und was wir annehmen, wird ein Teil von uns.

Or leave it.

Meine bipolare Störung ist ein Teil von mir. Sie ist nicht mein Feind. Ich bin krank, aber ich bin nicht die Krankheit. Vermutlich hätte ich sie mir im Supermarktregal nicht ausgesucht, wenn ich die Wahl gehabt hätte. Auch nicht als Sonderangebot. Aber irgendwie ist sie nun mal in meinen Einkaufswagen gerutscht. Ich habe kein Problem damit, zu sagen „Ich bin krank“. Wenn ich eine Grippe habe, denke ich auch nicht darüber nach, ob ich mich jetzt trauen sollte, zu sagen „Ich bin krank“. Da mir allerdings bewusst ist, dass ein Großteil unserer Gesellschaft dann vielleicht doch einen etwas größeren Unterschied zwischen Depression und Schnupfen macht, bin ich auf alles gefasst, wenn ich noch das kleine Wörtchen „psychisch“ vor das „krank“ setze. Was ihr daraus macht, bleibt euch überlassen.

Darauf können wir bauen…

Auch uns bleibt überlassen, was wir aus dem Päckchen machen, das wir ungefragt bekommen haben. Es gibt zwei Möglichkeiten. Und da wir nicht immer aus Scheiße Gold machen müssen, Optimierungswahn und emsige Leistungsgesellschaft bei aller Liebe, reicht es für’s Erste vielleicht auch, erst mal dort anzusetzen, wo wir mit unserer psychischen Erkrankung stehen. Sie als Teil von uns anzuerkennen. Den Forderungen nachzukommen, die sie an uns stellt. Die Bereitschaft zu zeigen, diese zu respektieren. Und dann, ganz langsam, Schritt für Schritt, mit viel Nachsicht und Geduld, die Fähigkeit zu entwickeln, so gut wie möglich mit all dem umzugehen. Ein lebenswertes Leben zu führen. Trotz und mit ihr.

Denn nichts Geringeres als das haben wir verdient.

plus one.

Und so schnell ist der ganze Spuk auch schon wieder vorbei. Weihnachten und Silvester liegen hinter uns, ein frisch geschlüpftes Jahr vor uns. Irgendwie ist der ganze Kram dieses Mal äußerst unspektakulär an mir vorbeigezogen, was ich als sehr angenehm empfunden habe. In Weihnachtsstimmung war ich zum ersten und letzten Mal schon Anfang Oktober aufgrund einer zeitlich etwas fehl platzierten Frank Sinatra-Playlist im Café und auf unerklärliche Art und Weise habe ich erschreckenderweise sogar verpasst, mich durch diverse Weihnachtsmarktbuden und Plätzchenberge zu futtern.

Auch Silvester huschte klamm und heimlich vorbei. Abgesehen davon, dass ich Silvester für mehr als überbewertet halte, habe ich es bisher doch eher selten geschafft, mich von den Erwartungen zu lösen, die dann doch irgendwie an diesen letzten Abend des alten Jahres gestellt werden. Sowohl von mir selbst als auch von den Menschen um mich herum. Im Idealfall sollte es dann vielleicht doch schon ein besonderer Abend werden. Oder zumindest ein besonders schöner. Dieses (letztes) Jahr war all das seltsam unaufgeregt. Ich war von den Tagen davor ganz schön gestresst, müde und hatte eigentlich auch so gar keine Lust auf überhaupt irgendeine Action. Musste außerdem mittags ein Gespräch führen, vor dem es mir schon ein Weilchen graute und das mich bereits vorher, aber auch währenddessen und danach einiges an Energie und Überwindung kostete. Und mich, obwohl es letzten Endes gut lief, auch ein bisschen traurig machte. Am liebsten hätte ich mich eigentlich einfach ins Bett gehauen und ganz entspannt ins neue Jahr geschnarcht, war dann aber schon vollgepackt auf halbem Weg zu den Freunden, bei denen ich zu Silvester eingeladen war.

Noch vor ein paar Jahren hätte ich mich angesichts der Tatsache, dass ich genau an diesem einen Abend nun nicht in Bombenstimmung war, über alle Maßen gestresst und mit den Gedanken, die dabei aufgekommen wären, definitiv auch nicht in bombigere Stimmung gebracht. Ganz im Gegenteil. Hätte vielleicht krampfhaft versucht, gute Miene zum bösen Spiel zu machen und stets bemüht trotzdem den Alleinunterhalter gespielt. Mit dem Ergebnis, dass danach erfreulicherweise vielleicht tatsächlich alle anderen gut unterhalten gewesen wären, ich selbst aber bestenfalls angestrengt.

Dieses Jahr habe ich es einfach mal so sein lassen wie es war. Nicht versucht, etwas zu ändern oder zu optimieren. Es nicht mal ändern wollen, weil ich wusste, dass meine Stimmung eine gesunde Reaktion auf das war, was ich hinter mir hatte. Dass es vielleicht schon morgen oder spätestens in ein paar Tagen erledigt sein würde. Heute aber noch nicht. Und heute war halt nun mal Silvester. Aber ich war hier, umringt von besten Freunden und lieben Bekannten. Inmitten von Bergen gigantischen Essens. Ich war hier, beobachtete ein bisschen mehr als sonst, redete ein bisschen weniger als sonst. Lachte viel, aber nicht ganz so laut. Ich war hier, fühlte mich wohl und geborgen im Kreise meiner Freunde. In der Gewissheit, dass keiner von mir irgendetwas erwartete. Überrascht darüber, dass auch ich nicht mehr von mir erwartete. Dankbar für die wundervollen Menschen und all die Liebe und tiefe Verbundenheit in meinem Leben. In guten wie in schlechten Zeiten.

Ich war hier und mit mir die leichte Schwere, die ich heute im Gepäck hatte. Mein ungebetenes Plus One. Sie durfte auf dem Stuhl neben mir sitzen und ab und zu ein bisschen vor sich hin raunzen. Von dem leckeren Essen bekam sie allerdings nichts ab.

War eh schon schwer genug.

Pimp my brain

Ein attraktives Angebot…

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

…so ein frisches Hirn für nur 39 Euro.

Wobei wir mit einem durchschnittlichen Gewicht unseres Gehirns von ungefähr 1400 Gramm mit nur 100 Gramm vermutlich nicht ganz so weit kommen würden. Da müssten wir dann doch etwas tiefer in die Tasche greifen. Und da stehen wir nun. Der Traum von der Schnäppchengrundsanierung unseres werten Organs – zerplatzt!

Wie so oft wollen wir natürlich direkt alles auf einmal haben. Dabei würden 100g doch vielleicht auch erst mal reichen…

Es würde so oft vollkommen genügen, erst einmal einzelne Dinge zu ändern. Kleine Schritte zu machen. Schauen, was passiert. Ob sich da was tut. Ob es noch mehr braucht oder ob das vielleicht schon ausreicht. Aber dafür braucht es Geduld. Geduld, die wir nicht haben aufgrund eines Mangels an Zeit, die wir uns nicht nehmen. Deswegen muss es schnell gehen. Am besten immer.

Abgesehen davon, dass ich mir als arme Studentin nicht mal ein halbes frisches Hirn hätte leisten können, wollte ich es tatsächlich erst einmal mit der günstigsten Variante von 100g probieren. Ich erinnere mich grade an den Artikel „Mit Vollgas über die Insel“ zurück, in dem ich beschreibe, wie wichtig es meiner Meinung nach ist, entgegen aller Vernunft rechtzeitig abzubremsen, um nicht im hohen Bogen aus der nächsten Kurve zu fliegen. Was ganz sicher auch auf psychisch gesunde Menschen zutrifft, vor allem aber eben auf jene, deren Leben aufgrund einer bipolaren Störung ein Auf und Ab der Superlative sein kann.

Zuhause

Dieses Mal war ich gefühlt noch nicht mal besonders schnell unterwegs gewesen. Nachdem ich mit dem April und Mai auch dieses Jahr nochmal den zauberhaften Frühling und die gigantische Rapsblüte auf meiner Lieblingsinsel mitgenommen hatte, fing ich ab Juni an, mich nach und nach wieder in Hamburg einzurichten. Und es war so schön, wieder hier zu sein. Dieses Gefühl und die Gewissheit, die aus deinem tiefsten Inneren kommt und dir sagt, hier gehörst du hin, hier ist dein Zuhause. Was auch geschieht, hier wird dir nichts passieren, hier bist du sicher. An dieser Stelle kommt mir auch der schon etwas ältere Artikel „Ist Heimat wirklich dort, wo dein Herz ist?“ in den Sinn… Diese Diskussion ähnelt etwas der vom Ei und der Henne – was war denn nun zuerst da? Fühlen wir uns irgendwo zuhause und erlauben irgendwann auch unserem Herz, dort anzukommen oder macht unser Herz den ersten Schritt und erst daraus entwickelt sich unser Heimatempfinden? Ich glaube nach wie vor, dass dieses Gefühl von Heimat und einem Angekommen sein, einem sicheren Hafen (ein Vergleich, der bei Hamburg natürlich noch mal ein bisschen schöner ist als bei Städten ohne Hafen) von ganz vielen verschiedenen Aspekten abhängt. Das können Menschen sein, ein Job, eine Wohnung, gewisse Umstände…ich habe für mich festgestellt, dass es vor allem die Menschen sind, aber tatsächlich auch der Ort Hamburg an sich, wo ich immer leben wollte, für den ich mich aus freistem Willen damals entschieden habe, der mir dieses unbezahlbare und treue Gefühl von Heimat schenkt.

Punktlandung.

Aber darum soll es hier heute nicht gehen. Ich war also pünktlich zum Sommerbeginn wieder in Hamburg, habe meinen neuen Job und einen Nebenjob angefangen, weiterhin nebenher als Hundesitterin gearbeitet, und war plötzlich auch schon im zweiten Semester. Das ging ganz schön schnell. Das letzte Semester war ja gerade erst vorbei, ich war zwar drei Wochen im Urlaub gewesen, aber da konnte man das nächste ja schon erst mal etwas ruhiger angehen lassen, dachte ich mir. Was auch echt ziemlich lange gut ging. Bis ich dann Ende des Sommers feststellen musste, dass ich nun zwar ein halbes Jahr Zeit für diverse Kurzgeschichten, Prüfungsleistungen und Hausarbeiten gehabt hatte, nun aber als Ergebnis meiner überaus erfolgreichen Prokrastination alles innerhalb kürzester Zeit und auf einmal fertig machen musste. Tja, was soll ich sagen. Geil war’s nicht. Aber es hat dann doch erschreckend gut geklappt. Nochmal Glück gehabt. Nächstes Mal wird natürlich alles besser!

Also bin ich zum Herbstanfang dieses Jahr ohne Pause zwischen den beiden Semestern, selbst schuld, direkt ins nächste geschlittert. Habe zu dem Zeitpunkt gerade etwas mehr gearbeitet und relativ bald gemerkt, dass die Pause, wie ich sie auch Anfang des Jahres zwischen dem ersten und dem zweiten gehabt hatte, dringend gebraucht hätte. Dass es dafür jetzt allerdings ein bisschen spät war. Nur war ich leider so kaputt, dass ich nicht drum herum kam, mir zwei Wochen „freizunehmen“, weil ich neben meinen Jobs schlicht und ergreifend nicht noch die Energie aufbringen konnte, die ich für’s Studium brauchte. Hat ja im zweiten Semester auch funktioniert, dachte ich mir. Mir fiel allerdings relativ schnell auf, dass es dieses Semester offensichtlich anders war und ich schon ganz schön viel verpasst hatte. Je größer der Druck wurde, desto weniger Zugang fand ich zu meiner Kreativität. Dann geb ich einfach ab nächster Woche Vollgas, nahm ich mir vor. Im gleichen Moment fiel mir auf, dass genau das der Grund dafür war, warum ich nun so kaputt war. Es gab nun also zwei Möglichkeiten: Wieder Vollgas geben, alles bereits Verpasste unter ganz viel Zeitdruck und Stress aufzuholen versuchen. Hochkant aus der nächsten Kurve fliegen. Totalschaden. Oder einfach die Ausfahrt zur nächsten Raststätte nehmen, erstmal tanken und Pause machen. Snickers kaufen. Snickers essen.

Um mich herum wurde es lauter und lauter, während in meinem Hirn kreative Stille herrschte. Ich brauchte es genau andersherum! Ich brauchte Ruhe. Es sollte endlich ruhig sein da draußen!

Let’s call it „Empirical Escape“

Dieses mal waren es nicht einmal bestimmte Symptome oder die so genannten offiziellen „Frühwarnzeichen“, die mich den Blinker setzen ließen. Dafür schlief ich noch zu gut, klopfte mein Herz noch zu ruhig, aß ich noch genug. War doch alles gut! Noch. Und genau das war der springende Punkt: Noch. Ich brauchte mittlerweile nicht einmal unbedingt immer unübersehbare Frühwarnzeichen, um brav in meinem sorgfältig über die letzten Jahre bestückten Notfallkoffer zu wühlen. Allein aus meinen Erfahrungen, Beobachtungen und Erkenntnissen der letzten Jahre seit der Diagnose wusste ich, was auf mich zukommen würde, wenn ich so weitermachte. Wenn ich mir nicht in einem der vielen Bereiche irgendwie Luft verschaffte, den Druck raus nahm, Zeit schenkte. Wenn auch nur 100 Gramm. Und ganz ehrlich: Das waren mir die 39 Euro dann definitiv wert!

Eine lohnende Investition

100 Gramm frisches Hirn in Form eines Urlaubssemesters. Und mit ihm kamen sie auch schon, die ungebetenen Gäste und klopften an „Wozu brauchst du denn jetzt im dritten Semester schon eine Pause?? Du hast doch erst zwei gemacht!“, „Kann ja noch nicht so anstrengend gewesen sein!“, „Die anderen schaffen das doch auch, sogar mit Vollzeitjob und Kindern!“, „Dann brauchst du ja noch länger, bis du fertig bist!“, „Hättest du dich halt einfach mal besser organisiert…“, „Schon mal drüber nachgedacht, ob du einfach nur faul bist?“, „Alles eine Frage der Disziplin, wenn du mich fragst!“, „Jetzt reiß dich mal zusammen!“, „Kannst ja jetzt auch nicht alles auf deine Krankheit schieben!“… Sie brabbelten alle durcheinander und doch konnte ich sie hinter geschlossener Tür klar und deutlich hören. Den Schlüssel zur Tür hatte jedoch ich. Ich hatte sie schließlich auch abgeschlossen. Und ich war es auch, die entschied, dass sie das erstmal bleibt. Um genau zu sagen, für ein Semester. Die Stimmen wurden weniger, leiser, sie entfernten sich.

Und plötzlich war es ganz ruhig.

Ein dunkelbunter Strauß voll Leben

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Das gute Fee

Ich liege gerade gemütlich eingekuschelt und entspannt in meinem Bett, lausche entspannter Musik bei entspanntem Kerzenschein, während mir nebenher mindestens genau so entspannt kleine leckere Toffifees um die Ohren fliegen. Wer bitte denkt sich so eine Verpackung aus??! Reine Schikane, wenn ihr mich fragt. Mir fällt auf, dass ich mich nicht erinnern kann, jemals in meinem Leben eine Tafel Schokolade oder Ähnliches geöffnet zu haben, ohne sie direkt bis auf den letzten Krümel aufzuessen. Ich frage mich, woher diese kleinen Rillen in der Schokolade, die das Teilen oder gar das Auf-Teilen (ein Worst-Case-Szenario jagt das nächste) eben jener wohl einfacher machen sollen, überhaupt ihre Daseinsberechtigung haben. Frevel!

So. Alle Toffifees (oder müsste es im Plural vielleicht Toffifeen heißen? Toffi, die kleine Karamell-Fee?) wieder eingesammelt. Und „versorgt“. Dann kann ich mich jetzt ja wieder entspannen. Und schreiben.

Schwarz auf Weiß

Ich schreibe Tagebuch seit ich schreiben kann. Denke ich. Es war immer schon schön gewesen, sich im Nachhinein durch die vergangenen Wochen, Monate und sogar Jahre zu blättern, diese untereinander zu vergleichen, Revue passieren zu lassen, sich wieder zu erinnern. All das für immer verewigt zu haben. Allerdings hätte ich niemals geahnt, wie wichtig diese Aufzeichnungen meiner Vergangenheit einmal für mich sein könnten. Wie wertvoll sie waren. Und zwar nicht nur für mich persönlich.

Relativ zu Beginn meiner Zeit in der Klinik vor genau zwei Jahren, drückte mir meine Therapeutin einen Stapel Blätter in die Hand und bat mich, bis zur nächsten Sitzung doch mal ein paar Life Charts der letzten fünf oder am besten zehn Jahre anzufertigen, mit allen Höhen und Tiefen. Auf den Monat und am besten auf die Woche genau. Aha. Sorgen bereitete mir dabei nicht etwa die Frage, wie um alles in der Welt ich mich auch nur annähernd an die Einzelheiten der letzten zwei Jahre oder auch nur des letzten Jahres erinnern sollte. Was ich nicht mehr würde erinnern können, das hatte ich irgendwo Schwarz auf Weiß. So viel war sicher. Viel eher beunruhigte mich die Vorstellung, wie viel Zeit es kosten würde, all meine Aufschriebe der letzten Jahre zu durchforsten. Ich war zu Recht beunruhigt.

Ungeahnte Gemeinsamkeiten

Eine Woche später saß ich meiner Therapeutin wieder gegenüber. Mit der Achterbahnfahrt meiner jüngeren Vergangenheit in Papierformat auf meinem Schoß. Es waren keine geschätzten oder ungefähren Angaben. Kein Vielleicht, kein Wahrscheinlich, kein eher nicht. Genau so, wie ich die Kurven etwas wackelig mit dem schwarzen Filzstift auf das Papier gezeichnet hatte, war es gewesen. In der Mitte war eine Nulllinie. Ich fragte mich damals, was sich die Ersteller dieser Achsen dabei gedacht hatten, weil es eigentlich erst weit abseits von ihr, oben oder unten halt, so richtig abging. Ich listete akribisch auf, wann ich welche Medikamente genommen, vertragen, nicht vertragen, ausgeschlichen oder einfach abgesetzt hatte. Welche Jobs ich in der jeweiligen Zeit gemacht hatte. Ob ich damit glücklich gewesen war. Wie viel ich gefeiert, wie wenig geschlafen, wie viel Alkohol ich getrunken hatte. Wie meine Lebensgewohnheiten allgemein gewesen waren. Und so weiter. Und letzten Endes verbanden sich all diese einzelnen Punkte zu einem Schaubild der Extreme, weitab von jeglicher Kontinuität geschweige denn Neutralität. Die letzten Jahre hätten wohl unterschiedlicher nicht sein können, so viele Ereignisse, Entwicklungen, Veränderungen, in sämtlichen Lebensbereichen. Und doch glichen die Kurven ihrer Schaubilder wie ein Ei dem anderen.

Ich glaubte zuerst, einen Fehler gemacht und mich vertan zu haben, aber ich hatte sie Schwarz auf Weiß vor mir: Meine hypomanen und depressiven Phasen der letzten Jahre. Nach denen ich rückblickend fast die Uhr hätte stellen können, so zuversichtlich waren sie gekommen und gegangen. Die Hypomanie, vom ersten Vogelgezwitscher sachte und sanft aus dem Winterschlaf geweckt, kletterte mit jedem Grad mehr auf dem Thermometer ebenfalls eine Sprosse höher auf der Leiter der Lebenslust, um ein paar Monate später, ganz oben angekommen, plötzlich und völlig unerwartet das Gleichgewicht zu verlieren und in die Dunkelheit der Depression zu stürzen. Und es war nicht der Boden, der den Fall auffing. Denn der war einfach weg.

Gigantisch grau und schrecklich schön

Ich umarmte das Leben nicht, ich fiel darüber her. Bis es vor mir davon lief. Ich rauchte nicht, ich brannte. Bis nur noch ein Aschehäufchen übrig war. Meine Gedanken flossen nicht, sie rasten. Bis sie nur noch kreisten. Ich lief nicht, ich rannte. Bis ich nicht mehr konnte. Ich brachte keinen frischen Wind mit rein, ich fegte wie ein Sturm über alles hinweg. Von dem nichts übrig blieb. Ich lächelte nicht, ich lachte aus vollem Halse. Bis mir die Luft wegblieb. Ich glühte nicht vor, ich fackelte mich ab. Bis ich Verbrennungen 3. Grades hatte. Ich sang nicht, ich grölte. Bis es mir die Sprache verschlug. Ich blubberte nicht, ich schäumte über. Bis keine Kohlensäure mehr da war. Ich funktionierte nicht nur, ich war stets 100% geladen. Bis auf einmal alle Akkus leer waren.

Die Welt lag mir nicht zu Füßen, sie rollte mir den roten Teppich aus. Bis ich merkte, dass ich nicht die passende Garderobe dafür trug. Ich war nicht begeistert, ich war die Begeisterung. Bis nur noch Entgeisterung blieb. Ich sprang nicht über meinen Schatten, ich flog mit dem Licht. Bis ich erblindete. Ich fühlte nicht, sämtliche Gefühle nahmen Besitz von meinem Geist. Bis er gefangen war. Ich tanzte nicht, ich schwebte. Bis mein Körper erstarrte. Ich war nicht verliebt, ich war so voller grenzenloser Liebe, dass ich nicht wusste, wohin damit. Bis da nur noch Leere war. Ich schlief nicht, ich träumte die kühnsten Träume. Bis selbst diese jeglichen Reiz verloren. Mein Blut pumpte nicht, es schoss durch meine Adern. Bis es auf einmal gefror. Ich war nicht wach, ich war unter Strom. Bis irgendwann alle Sicherungen durchknallten. Ich war nicht einfach nur aktiv, ich war getrieben. Bis die Jagd schließlich ein Ende fand.

Ich baute keine Luftschlösser, ich meißelte Burgen in Stein. Unter dessen Last ich zusammenbrach. Ich freute mich nicht, ich schwamm in einem Meer voll Serotonin, Dopamin und Endorphinen. An dessen Küste mich ein Strand voll Treibsand erwartete.

Ich sah die Welt nicht mit anderen Augen, ich erfand sie neu.

Bis sie mir so unfassbar fremd wurde.

Mein Herz klopfte nicht, es raste.

Bis es auf einmal stolperte, hinfiel und einfach liegen blieb.

Nö.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Dass öfter mal Nein sagen gesund ist und wir dass ja unbedingt vieeel öfter tun sollten, ist mittlerweile kein Geheimnis mehr. Wenn wir es allen Recht machen wollen, blieben wir selbst auf der Strecke. True Story. Man könne es ja sowieso nie allen Recht machen. Auch richtig. Einfach mal abgrenzen und nur nach sich schauen. Ja ja…

Schön und gut…

…aber wie so oft ist das alles leichter gesagt als getan. Dass man definitiv lernen kann, Nein zu sagen, kann ich nur bestätigen. Dass das sehr gut tun kann ebenfalls. Die größere Herausforderung sehe ich eher in dem Finden des richtigen Maßes. Das Pikante zwischen dem Brennt-mir-die-Zunge-weg-Höllenscharf und dem Schmeckt-nach-überhaupt-Garnichts. Weder seine Seele verkaufen und sich komplett verlieren noch zum absoluten Vollassi mutieren. Auch hier ist die goldene Mitte wohl mal wieder das Ziel und gleichzeitig auch die größte Schwierigkeit. Wovor haben wir Angst, wenn wir das Wort mit den vier Buchstaben mal wieder nicht über die Lippen gebracht haben, obwohl unser Kopf so voll damit war, dass er fast geplatzt wäre? Ist es wirklich nur Ablehnung, vor der wir uns fürchten? Woher kommt es, dass sich so viele von uns damit so schwer tun? Geht auch hier unsere Kindheit als Sündenbock durch? Ist mal wieder die Gesellschaft an allem schuld? Was macht eine chronische Ja-Sag-Philie auf Dauer mit uns und vielleicht sogar unserer physischen und psychischen Gesundheit?

Hunger!

Mein körperlicher Zustand könnte sich momentan definitiv eine Scheibe von meinem mentalen abschneiden. Seit ein paar Wochen bin ich unglaublich erschöpft, kann ohne Probleme auch mal 12 Stunden durchschlafen, bin trotzdem dauermüde und ruhebedürftig wie eine Migränepatientin. Wohingegen mein sowieso schon leicht hysterischer Stoffwechsel nochmal drei Gänge zugelegt hat und auf absoluten Hochtouren läuft. Ich hatte schon immer einen gesunden Appetit und liebe Essen in jeglicher Form seitdem ich denken kann. Die regelmäßigen Ratschläge meiner Freunde, wenn sie sich wie so oft über mein etwas spezielles Essverhalten amüsieren, mich doch endlich mal beim Arzt auf Würmer durchchecken zu lassen, haben bisher weder sie noch ich jemals ernst genommen. Eigentlich kenne ich meinen Körper mittlerweile so gut, dass ich jederzeit für diverse Eventualitäten und existenziellen Kohlenhydratknast gewappnet bin und immer zumindest einen kleinen Snack dabei habe. Denn ist der Hunger erstmal da (also eigentlich immer), dann muss es schnell gehen (also eigentlich immer). Aber die Hochofenattitüde, die mein Stoffwechsel gerade an den Tag legt, finde selbst ich langsam nicht mehr witzig. Was auch immer ich zu mir nehme geht offensichtlich binnen Sekunden in Flammen oder löst sich in Luft auf. Eigentlich bin ich den ganzen Tag entweder am Essen zubereiten, am Essen zu mir nehmen oder am Essensreste (Reste…haha) wegräumen, sprich abspülen. Gott segne die Erfindung der Geschirrspülmaschine. Die ich leider nicht besitze. Abgesehen davon, dass ich mit meinem Studium und zwei Jobs leider ab und zu noch andere Dinge zu tun habe anstatt mich 24/7 um meine Nahrungsaufnahme zu kümmern, ist es tatsächlich auch erschreckend teuer, eine vierköpfige Familie zu ernähren. Dazu muss man vielleicht noch erwähnen, dass all das Essen wohin auch immer wandert, aber definitiv nicht auf meine Hüften. Im Gegenteil. Und ja, die Schilddrüsenwerte sind normal.

Düster, Diggie.

Es gibt tausend mögliche Erklärungen für meinen aktuellen Zustand. Vielleicht sind es die Nachwehen der fetten Erkältung letztens. Vielleicht ist es der Herbst mit seinen kürzeren Tagen und dem Lichtmangel. Vielleicht sind es die Nebenwirkungen der Medikamente (Müdigkeit und gesteigerter Appetit sind dabei oft keine Seltenheit). Vielleicht ist es eine Art emotionale Erschöpfung, entstanden aus all den Ereignissen der letzten Zeit. Vielleicht sind es die über 50 Kilometer, die ich jede Woche mit den Hunden laufe. Vielleicht ist es die Doppelbelastung mit zwei Jobs und dem Studium. Wer weiß. Natürlich mache ich mir dazu meine Gedanken, da ich immer gerne für alles eine Erklärung habe, idealerweise noch Schwarz auf Weiß. Aber eigentlich ist es egal. Es ist gerade so. Punkt. Und es wird auch wieder vorbeigehen. Seitdem ich denken kann, habe ich die dunkle Jahreszeit jemals auch nur annähernd herbeigesehnt. Premiere dieses Jahr. Der Herbst mit seinen bunten Blättern und dem warmen Licht, aber vor allem auch seinem grauen Himmel, kalt-feuchtem Regen, düsteren Tagen, an denen es gar nicht richtig hell wird, Sonnenuntergängen ohne Sonne um 16 Uhr, mies gelaunten Fratzen in der U-Bahn und von kahlen Baumskeletten gesäumte Straßenzüge, die an Tristesse kaum zu übertreffen sind. Ich weiß auch nicht warum, aber irgendwie find ich’s dieses Jahr geil. Würde am liebsten mit sämtlichen Bäumen meine Blätter um die Wette abwerfen und mich vergnügt grunzend in der nächsten versifften Schlammpfütze wälzen. Eventuell spreche ich diese heimlichen Phantasien mal in meiner nächsten Therapiesitzung an.

Das Ja(hr) des Neins

Ich könnte mir vorstellen, dass es einfach daran liegt, dass die Diskrepanz zwischen meinem körperlichen Zustand und dem der Natur gerade so verschwindend klein ist, dass sich das alles so richtig und gut anfühlt. Auch die Natur hat den ganzen Frühling und Sommer über alles gegeben (okay, in Hamburg vielleicht nicht ganz so doll, aber ihr wisst, was ich meine), Blüten explodieren, Pollen fliegen, Glückshormone verrückt spielen und Schokolade schmelzen lassen. Davon gilt es sich nun zu erholen, alles von sich fallen zu lassen, alles auf Rückzug, alles auf Ruhe, alles zurück auf null. So anders sind wir Menschen dann doch nicht. Alles eine Frage der Betrachtung. Um den Bogen nun nochmal zum Anfang und zur Thematik des Nein-Sagens zu spannen: Wenn wir davon ausgehen, dass zu häufiges Ja-Sagen uns auslaugen und erschöpfen kann, dann kann ich zumindest das, bei all meinen Erklärungsversuchen für meine Erschöpfung, definitiv als Grund dafür ausschließen, so viel ist sicher. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich in einem Jahr jemals so großzügig mit „Neins“ um mich geworfen habe. Nein zu Jobs, die ich nicht machen möchte. Nein zu Freundschaften, die mir nicht mehr gut tun. Nein zu Männern, die nicht wissen, was sie wollen und einfach nur nicht alleine sein können. Nein zu der Frage, ob ich denn nicht irgendwann mal einen „richtigen Job“ machen wolle. Nein zu der Diskussion darüber, was ein richtiger und was ein unrichtiger Job ist. Nein zu gut gemeinten Ratschlägen, was ich vielleicht anders machen könnte. Nein zur Frage, ob dass denn nun nicht ein bisschen zu hart gewesen sei. Nein zur Kippe. Nein zur 40-Stunden Woche. Nein zum 9-5-Job. Nein zu PCs. Nein zur Verblödung durch Trash-TV. Nein zum Wecker, wenn ich noch keinen Bock habe, aufzustehen. Nein zum schlechten Gewissen, wenn ich einfach mal einen ganzen Tag lang nichts tue. Auch nicht duschen. Nein zum Versuch, Dinge zu tolerieren oder zu verstehen, auf die ich schlicht und ergreifend einfach so gar keinen Bock habe. Nein zum Ablegen von Rechenschaft. Nein zum Gruppenzwang, wenn „wir doch unbedingt mal wieder feiern gehen müssen“. Nein zum Zweifel daran, ob ich wirklich die ganze Schüssel mit rohem Schokokuchenteig auslöffeln sollte. Nein zu diversen Nachrichten und Nein zum Schuldgefühl, dass ich nicht weiß, was auf der Welt so passiert. Nein zu selbstgemachtem Stress. Nein zum Freundlichsein, wenn sich der Stammkunde zum hundertsten Mal aufführt, als wäre das Café sein privates Büro. Nein zu dem verschwitzen Typen, der sich im Bus fast auf meinen Schoß setzt, obwohl daneben noch drei Plätze frei sind. Vielleicht auch besser für’s erste Nein zum Drang, ihm direkt eine auf die Schnauze zu hauen. Nein zum Perfektionszwang und dem Gedanken, dass eine 1.3 ja schon irgendwie geiler gewesen wäre als die 1,7. Nein zu Körperkult und stickigen und überfüllten Fitnessstudios, wenn ich viel lieber bei Wind und Wetter draußen spazieren gehe. Dann halt ohne Sixpack. Nein zu Unverpackt-Läden, weil ich das zwar super finde, mir aber leider nicht leisten kann. Nein zu diesen superhässlichen pseudotrendigen Smartphone-Umhänge-…Stricken(?!). Nein zu Leuten, die mit einem Personal-Shit-Storm über mich hinwegfegen, ohne einmal zu fragen, wie es mir geht. Nein zu Leuten, die sich einfach selbst gerne reden hören und nur mit dir reden, weil sie ihren Spiegel trotz ihres riesengroßen Egos auf Dauer dann doch zu langweilig finden. Nein zur Tendenz, das Leid anderer zu meinem eigenen zu machen und mich nicht davon distanzieren zu können. Nein zu Auberginen. Nein zum Druck, der sich manchmal von Außen anschleicht. Nein zum Druck, den einzig und allein ich mir selbst mache. Nein zu Menschen, die mich kaum kennen und sich trotzdem rausnehmen, mir zu sagen, was ich doch ganz bestimmt bräuchte. Nein zu Lebensentwürfen, die einfach nicht zu mir passen. Nein zur Befriedigung der Bedürfnisse anderer, wenn ich mich gerade um meine eigenen kümmern sollte. Nein zu Energiestaubsaugern. Nein zu Pop-up-Nachrichten. Nein zur neuen Jeans, wenn ich die alte reparieren kann. Nein zur Contenance. Nein zum Ja.

Einfach nö.

Mag vielleicht auf den ersten Blick etwas radikal erscheinen. Und vielleicht ist es das auch. Tut aber nichts zur Sache. Ich habe noch nie so fleißig Neins verteilt und mich noch nie so gut dabei gefühlt. Und so befreit. Jedes Mal wenn ich meine Grenzen verteidigt, meine Bedürfnisse für mich selbst erkannt und nach außen kommuniziert, jedes Mal, wenn ich mich ohne schlechtes Gewissen abgegrenzt habe, bin ich mir selbst etwas mehr auf die Pelle gerückt. Positives Pellerücken aber. Natürlich sollte man abwägen, ob das Nein unbedingt mit einem „Ich-möchte-dir-instant-auf-die-Fresse-hauen“ verbunden sein muss (und ob man dann vielleicht in Betracht ziehen sollte, seine Meditationsapp mal wieder zu reaktivieren) oder ob man es einfach ganz normal, wie sagt man so schön, freundlich aber bestimmt, gegebenenfalls mit einer kurzen Erklärung oder einem Verweis auf später, über die Bühne bringen kann. Nicht immer, aber meistens habe ich auf die zweite Variante zurückgegriffen, die sich für mich in dem Moment stimmig angefühlt hat und damit auch authentisch war. Entgegen der Vermutungen, dadurch eventuell Menschen zu verkraulen oder im tragischsten Fall womöglich plötzlich mutterseelenalleine auf der Welt zu sein und tränenumflorte „Keiner-mag-mich“-Einträge in sein Tagebuch zu kritzeln, habe ich dadurch weder meine Freunde noch meine Familie noch meinen Job verloren. Und vor allem nicht mich selbst. Ganz im Gegenteil sogar. Ein wohl dosierter und von der richtigen Intention geleiteter Gebrauch dieses magischen Wörtchens verleiht seinem wortkargen Opponenten erst den eigentlichen Wert und wahre Größe.

Schlechtes Gewissen?

Nö.

Sets. Wähle deine Welle weise.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Ich sitze frisch geduscht in meinem etwas in die Jahre gekommenen, aber immer noch ausreichend flauschigen Bademantel in meiner Küche. Meine in kuschelige und damals Masche für Masche sorgfältig von Oma gestrickte bunte Wollsocken eingepackten Füße an die heiße Heizung gedrückt, die den Raum mit der für sie so typischen und etwas stickigen Luft füllt. Ich kann die Wärme förmlich einatmen. Vor mir auf dem Tisch flackert und knistert eine Kerze in dem alten Messinghalter. Die kleine Espressomaschine auf dem Herd blubbert mit den silbergrauen Wölkchen, die aus dem Schornstein im Hinterhof wie flauschige Wattebäuschen hervollquellen, um die Wette. Ich öffne kurz das Fenster, um den Dampf aus dem Badezimmer herauszulassen, das sich tatsächlich in meiner Küche befindet, was manchmal mehr, manchmal weniger gut, aber insgesamt ziemlich amüsant und auch ganz schön praktisch ist. Frische kalte, aber noch nicht eisige Morgenluft strömt herein. Die Sonne erklimmt erhaben das letzte Häuserdach und flutet den Innenhof mit einem zarten warmen Goldorange. Ich atme die frische Luft tief ein, strecke mich und drehe das Radio auf. Der Herbst ist da.

In den letzten Jahren habe ich ihm immer mit einer gewissen Skepsis entgegengesehen. Vielleicht sogar Ablehnung. Angst. Wollte den Sommer, seine Wärme, die Helligkeit und die langen Tage nicht loslassen. Wie vermutlich 90 Prozent der deutschen Bevölkerung. Aber es gab noch einen anderen Grund für meine Gefühle gegenüber dieser Jahreszeit, die doch so wunderschön sein kann. Ich kann mich nicht genau erinnern, wann es anfing. Ich weiß nur, dass es schon sehr sehr lange so war. Vor allem die letzten fünf Jahre vor meinem Klinikaufenthalt im Herbst 2017 erinnere ich fast bildhaft und sehr gut. Die Tage wurden kürzer, das unermüdliche Strahlen des Sommers schwächer, die Helligkeit matter. Der Spätsommer konnte sich noch so von seiner besten und schokoladigsten Seite zeigen, in meinem Inneren wurde es heimlich und leise, aber unaufhaltsam dunkler. Abgesehen von meinen Tagebucheinträgen kann ich den genauen Zeitpunkt dessen so genau einordnen, da ich in den letzten Jahren immer den Geburtstag einer guten Freundin Ende September verpasst hatte, weil es mir so schlecht ging, dass das letzte, was ich hätte gebrauchen oder ertragen können, viele und noch dazu gut gelaunte Menschen auf einem Haufen gewesen wären. Auch wenn es mir jedes Mal Leid tat und sie jedes Mal enttäuscht war. Nach ein paar Jahren wusste sie Bescheid, erwartete nichts Anderes mehr und wir holten ihren Geburtstag später zu zweit nach, bei Kuchen und Kaffee. Und es war okay so.

Anfangs dachte ich immer, das wäre wohl einfach eine lupenreine Herbstdepression, wie sie viele Menschen aufgrund des Lichtmangels in unseren Breitengraden haben. Kein Wunder bei der vielen Dunkelheit, Kälte, Sturm und Regen. Ich besorgte mir eine Tageslichtlampe. Stellte fest, dass es mich ganz schön aggressiv machte, früh morgens in so ein grelles und unnatürliches Licht zu glotzen und meine Laune dadurch definitiv nicht besser wurde. Mampfte fleißig teure Vitamin D-Präparate. Meldete mich widerwillig wieder beim Fitnessstudio an, wo ich manchmal auch einfach nur in die Sauna ging, ohne mich vorher auf irgendeinem blöden Crosstrainer und unter den Blicken tättowierter Muskelprotze und abgemagerter top gestylter Mädels zu langweilen, die unauffällig auf die Anzeige deines Kalorienverbrauchs schielten. Ging bei Wind und Wetter an der Elbe spazieren. Versuchte, so gut wie möglich vorzusorgen. Nicht, dass mir manches davon nicht gut tat. Aber trotzdem kam die Klatsche zuverlässig wieder. Es geht doch nichts über deutsche Pünktlichkeit.

Nach der ausführlichen Analyse der letzten Jahre, die ich mit meinen Therapeuten und Ärzten in der Klinik auf Grundlage all meiner Tagebücher aufstellen musste, und der darauf folgenden Bipolar II-Diagnose weiß ich heute, dass es sich dabei um den Waschmaschinenschleudergang handelte, der unweigerlich auf das Surfen der größten Wellen im vorangegangenen Frühjahr und Sommer folgen musste. Neujahrs-Line-Up. Take-Off im Frühling. Ein Sommer voller High Tides, Pointbreaks, Barrels und grüner Wellen.

Dann ohne Vorwarnung und Umwege per Schleudergang direkt in die Impact-Zone.

Close-Out.

Erwart doch einfach mal ab!

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Dieser Text soll keine Hommage an die Etablierung einer generellen Anspruchs- oder Erwartungslosigkeit sein. Ich denke, es ist wichtig und richtig, dass wir Menschen Ansprüche haben. Und Erwartungen.

Während ich meinen Text hier geschrieben habe, ist mir (am Ende) aufgefallen, dass die Übergänge zwischen den Begrifflichkeiten „Ansprüche“ und „Erwartungen“ fließend sind. Ich hoffe, dass dadurch keine allzu große Verwirrung entsteht, aber ich werde im folgenden Text beide Wörter benutzen.

Ansprüche an uns selbst können uns zu Leistungen anspornen, die uns zufrieden machen, mit denen wir uns gut fühlen. Auch zu Höchstleistungen, wenn wir das denn wollen. Ansprüche führen dazu, dass wir uns Mühe geben, um etwas so gut oder schön zu gestalten, wie wir es uns vorstellen. Verhindern Gleichgültigkeit. Ansprüche beeinflussen die Wahl unserer Freund- und Partnerschaften, sie entscheiden darüber, wer in unser Leben und wer uns nah sein darf. Ansprüche lassen uns Dinge erreichen, die wir begehren oder uns schon lange gewünscht haben. Unsere ganz individuellen Ansprüche, die wir an uns selbst oder auch an andere stellen, sagen unglaublich viel über uns als Menschen aus. Denn sie sind unmittelbar und unwiderruflich verbunden mit unserem persönlichen Wertesystem, ja, auch mit unserer Moral. Ist Ehrlichkeit keine Eigenschaft, die für uns in unseren Beziehungen einen hohen Wert hat, so werden wir bei der Wahl unserer Freund-/innen und Partner/innen wohl kaum einen Anspruch auf Ehrlichkeit stellen. Und genau so wenig wären wir dementsprechend enttäuscht, wäre dieser Jemand nicht ehrlich zu uns.

Schwierig kann es dann werden, wenn unsere Ansprüche an Dinge oder Menschen zu hoch sind. Wieso? Wer überhaupt zieht die Grenze zwischen „angebracht“, „zu niedrig“, „zu hoch“?
Je höher die eigenen Ansprüche, desto besser die aus ihnen erbrachte Leistung, oder nicht? Das mag in manchen Fällen stimmen. Aber was passiert, wenn der eigene Anspruch zwar sehr hoch war, aber die daraus resultierende Leistung trotzdem, aus welchen Gründen auch immer, nicht mal annähernd diesem Anspruch gerecht wird. In keiner Relation steht. Dann wird es ungemütlich.
Denn je höher unsere Ansprüche sind, ob nun an uns selbst, eine Sache oder einen anderen Menschen, desto enttäuschter sind wir, wenn wir selbst, diese eine Sache oder dieser eine Mensch nicht so funktionieren, nicht so abliefern, nicht so gefallen, wie wir das erwartet haben.
Und hier kommt die Erwartung mit ins Spiel.

Letzten Endes sind Ansprüche eng verknüpft mit Erwartungen, manch einer würde sie vielleicht auch als Synonyme einordnen. Das kann die Erwartung an eine Sache, vielleicht an ein Geschehen sein, unsere ganz eigene Vorstellung, die unser Gehirn bis ins kleinste Detail immer und immer wieder in den schillerndsten Farben durchspielt, bevor besagte Sache oder das Geschehen überhaupt eingetreten ist, bevor sie vor uns steht, bevor wir sie in den Händen halten. Während wir noch warten sozusagen. Erwarten.

Das Traurige und Tückische an zu hohen Erwartungen ist meiner Meinung nach, dass sie uns die Unvoreingenommenheit, die Bedingungslosigkeit, unsere Objektivität und Offenheit nehmen. Eine Messlatte setzen, die erreicht oder am Besten sogar übertroffen werden soll. Wird sie das nicht, sind wir enttäuscht. Das hatten wir uns aber anders vorgestellt. Das hätte besser sein können. Das könnte man noch optimieren. Das ist nicht ganz ideal so. Ein persönliches oder gesellschaftliches Ideal, das nicht erfüllt wurde.

Wieso haben wir verlernt, die Dinge „einfach“ auf uns zukommen zu lassen? Liegt es überhaupt in der Macht des Menschen, völlig unvoreingenommen abzuwarten, anstatt immer nur zu erwarten? Abwarten, was passiert und sich dann ein Bild davon zu machen, ohne dieses schon im Vorhinein zu skizzieren? Haben wir keine Erwartungen, so können diese auch nicht enttäuscht werden, ganz egal wie eine Sache letzten Endes abläuft oder ausgeht. Wie sich ein Mensch verhält, wie er ist. Es gäbe keinen Maßstab, an dem etwas gemessen werden würde, keine Bewertung, kein Abwägen, keine Noten.

Würde es helfen, wenn wir, in Angesicht der Illusion und auch der Ablehnung von völliger Anspruchs- und Erwartungslosigkeit, diese im Zaum, sie niedrig halten könnten? Uns dann umso mehr freuen, falls sie übertroffen werden? Und uns genau so freuen, wenn sie einfach nur erfüllt werden? Gute Frage. Abwarten und Tee trinken.