Blogartikelreihe: Psychisch krank in Zeiten von Corona – Teil 2

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Alles nur eine Frage der Betrachtung?

Mittlerweile kann wohl kaum jemand mehr behaupten, dass das Thema Corona spurlos an ihm vorbei geht. Jeden Tag erreichen uns neue Nachrichten, Beschränkungen, Vorsichtsmaßnahmen. Aber über die soll es hier heute nicht gehen, denn wir kennen sie alle schon auswendig. Der heutige Artikel beschränkt sich nicht auf die Situation von psychisch kranken Menschen im Speziellen, sondern auf die aktuelle mentale Verfassung von uns allen, egal ob vorbelastet oder nicht: Was macht die Coronavirus-Krise mit unserer Psyche?

Wie, du hast zwei Kinder?!

Vor allem in Zeiten wie diesen ist der Austausch mit unseren sozialen Kontakten trotz häuslicher Isolation wichtiger denn je (siehe Teil 1 der Blogartikelreihe: https://tanzzwischendenpolen.com/2020/03/18/blogartikelreihe-psychisch-krank-in-zeiten-von-corona/). Das Schöne daran ist, dass man tatsächlich endlich mal die Zeit hat, auch mit alten Freunden oder Bekannten wieder Kontakt aufzunehmen, von denen man ewig nichts gehört hat. Mal rausfinden, was die gerade so treiben, wo sie stecken und, falls man wirklich schon sehr sehr lange keinen Kontakt mehr hatte, erst mal fragen, was das Leben so mit ihnen gemacht hat in den letzten Jahren. Da erfährt man plötzlich Dinge, die man nie erwartet hätte…Nachwuchs, Hochzeiten, Scheidungen, Jobs, die man mit diesem Menschen niemals in Verbindung gebracht hätte, Wohnsitz in exotischen Ländern…das ist auf jeden Fall spannend. Und lenkt ab.

„Wie geht es dir gerade wirklich?“

Durch den regen Austausch mit meinem nahen und fernen Umfeld habe ich die letzten Tage einen ziemlich guten Eindruck bekommen, wie ähnlich wir doch alle gerade fühlen, denken und handeln. Obwohl wir in vielen anderen Hinsichten so unterschiedlich sind. Ich habe meinen Freunden und Bekannten bewusst immer wieder die Frage gestellt, wie es ihnen momentan wirklich geht, wie sie mit der Situation umgehen und sich dabei fühlen. Ob sie Angst haben. Und wenn ja, wovor. Was sie dagegen tun. Was sie versuchen, zu vermeiden. Wie ihre Gedanken dazu sind.

Auch wenn es nicht alle auf die gleiche Art und Weise zeigen oder direkt darüber sprechen, so leugnet mittlerweile kaum einer mehr ein latentes Gefühl der Sorge und Beklemmung. Selbst die „richtig harten“ Jungs, die sonst relativ unemotional und rational daher kommen, schicken über soziale Medien Tipps herum, wie man sich vor dem Virus schützen kann, die sich tatsächlich nicht in die Masse aller ironischen Memes, Videos, Bilder und Sprachnachrichten einreihen, sondern einfach ernst gemeint sind. Mal so ganz ohne Witz und Ironie. Die, die sich sonst damit brüsten, wie gerne sie doch alleine sind und wie sehr sie das genießen. Wie unabhängig sie sind und wie gut sie alleine klar kommen. Mich eingeschlossen. Hach, wie sehr wir doch in uns ruhen! Uns kann so schnell nichts umhauen, komme, was wolle! Tja. Da haben wir die Rechnung aber vielleicht ohne Corona gemacht.

Doch lieber gemeinsam als einsam?

Schon nach kürzester Zeit stellen nun nicht nur die unter uns, die Alleinesein sowieso generell schon immer kacke fanden und am liebsten in Gesellschaft sind, sondern auch eben erwähnte Teilzeit-Einzelgänger fest, dass es einen Unterschied gibt zwischen freiwilligem, selbst gewähltem Rückzug und dem fremdbestimmt auferlegten Alleinesein. Und zwar einen gewaltigen! Und damit meine ich nicht „gemeinsam einsam“, also mit Familie, Kindern, Partnern oder WG-Mitbewohnern „alleine“, sprich ohne Besuch von weiteren Personen und isoliert vom Rest des sozialen Umfelds, zu Hause zu sein. Wobei hier unbedingt erwähnt sei, dass die gemeinsame Isolation wieder andere, nicht minder herausfordernde Situationen mit sich bringt. Nur eben andere. Gemeinsam einsam ist halt einfach nicht das gleiche wie alleine einsam. Nur du. In deiner Bude. Mit deinen Gedanken. Deinen Sorgen. Deinen Ängsten. Wir alle mit der Unsicherheit, in der wir uns gerade befinden. Der Unsicherheit, die noch nie die Sicherheit war, die wir uns bisher mehr oder weniger erfolgreich eingeredet haben. Plötzlich können wir nicht mehr von ihr davon laufen und müssen ihr ins Auge sehen. Trotz unserer Angst. Und akzeptieren, dass sie unser ständiger Begleiter ist. Dass sie das schon immer war. Und auch immer bleiben wird. Dass wir eben über die meisten Dinge doch keine Kontrolle haben. Dass wir loslassen müssen, wenn wir unseren Frieden mit diesem Zustand schließen möchten.

Hunger auf Mensch!

Spätestens sobald auch der einsamste Cowboy im Freundeskreis plötzlich beiläufig erwähnt, dass er nach einer Woche Quarantäne vielleicht doch langsam durchdreht und verhältnismäßig viele, relativ inhaltsarme Nachrichten schickt, nur um den Tag über irgendwie in Kontakt zu bleiben, dürfen wir uns dann denke ich auch endlich eingestehen, dass all das okay ist. Dass wir Menschen sind und der Mensch ein soziales Wesen, das den regelmäßigen Kontakt und Austausch mit seinen Mitmenschen brauch, um sich wohlzufühlen und seine Gesundheit zu erhalten. Um sich als Teil von einem Ganzen zu fühlen. Wir müssen zwar nicht mehr physisch verhungern, wenn wir nicht Teil der Herde sind oder auf unseren Anteil am saftigen Mammutfleisch verzichten, doch wir können auch emotional verhungern. Wenn wir uns zu lange abgeschnitten fühlen vom Rest der Welt oder es tatsächlich auch sind. Dass wir uns in einem Ausnahmezustand befinden, den in dieser Form wohl noch keiner von uns erlebt hat und dass es durchaus normal und auch angebracht ist, uns damit unwohl, ängstlich und auch alleine oder gar einsam zu fühlen. Dass wir nicht an uns zweifeln müssen, weil wir all das jetzt so erleben und fühlen und plötzlich nicht mehr cool mit dem Alleinsein sind. Sondern ganz schön damit zu kämpfen haben. Dass wir es gerade weder achtsam noch unachtsam annehmen können. Und auch nicht wollen. Und dass das vor Allem eines ist: Zutiefst menschlich.

Meer ist Meer.

Wir mögen zwar in unterschiedlich ausgestatteten Schiffen oder Booten sitzen (siehe Blogartikelreihe Teil 1), und doch haben wir alle etwas gemein: Wir befinden uns gerade mitten auf dem Ozean. Um uns herum nur Wasser, egal wohin wir blicken. Nirgendwo Land in Sicht. Nur Horizont. Das ist das, was wir gerade haben und das ist auch das einzige, mit dem wir gerade arbeiten können. Das verbindet uns alle. Auch wenn es ganz bestimmt wichtig ist, anzuerkennen und zu akzeptieren, welche Dinge wir nicht im Griff haben und welche gerade schwierig sind, ist es mindestens genau so wichtig, wenn nicht sogar noch wichtiger, dass wir auch sehen und wertschätzen, auf was wir trotz allem weiterhin Einfluss nehmen können. Wenn auch vielleicht momentan anders als wir es bisher getan haben. Dass wir dem Ohnmachtsgefühl, das uns dieser Tage immer wieder überkommen mag, begegnen können, indem wir aktiv werden. Dass wir unsere Selbstwirksamkeit nicht verlieren, egal wie viele Beschränkungen, Veränderungen, Unsicherheiten und Einschnitte es in unserer Gesellschaft und unserem persönlichen Leben gerade geben mag. Dass es immer noch viele Bereiche gibt, in denen wir handlungsfähig bleiben und Einfluss nehmen können. Sollten.

Dass es sich selbst in dieser außergewöhnlichen Situation nicht anders verhält und alles in vielen Hinsichten nach wie vor eine Frage der Betrachtung ist.

Und sie ist am dampfen…

Da wir mittlerweile alle bestens darüber informiert sind, was gerade alles ganz schön scheiße läuft, sollten wir immer wieder und immer öfter versuchen, uns auf die Dinge zu konzentrieren, die wir in dieser Krise trotz Allem positiv bewerten können. Das Coole daran ist, dass etwas nicht mal unbedingt positiv sein muss, damit wir es als positiv bewerten können. Ja, es mag uns manchmal zum Hals raushängen, dieses ewige „Sieh doch mal das Gute daran!“ oder „Alles Negative hat auch immer etwas Positives!“. Oder „Mach das Beste draus!“…Ist ja alles schön und gut, aber manchmal ist etwas auch einfach so richtig lupenrein scheiße und wir haben schlicht und ergreifend keinen Bock, uns auf gut Glück und bis zum Hals in der Scheiße steckend durch eben jene zu wühlen. Auf der Suche nach dem one and only unverdauten goldenen Maiskorn, das wir vielleicht doch noch weiter verwerten könnten. Und uns damit einzureden, dass doch alles halb so wild ist.

Doch, es ist wild! Und es ist schwierig. Und es fühlt sich gerade alles seltsam an. Irgendwie surreal. Und es macht uns Angst. Und wir wissen nicht, wie es weitergeht. Oder wie lange das noch so geht. Es geht nicht darum, zu behaupten, dass das alles nur halb so wild sei. Aber es geht darum, dass sich in jeder Krise, auch in der jetzigen, immer auch etwas Positives finden lässt. Mag es noch so klein sein und mögen wir noch so lange danach suchen müssen.

Aber es ist da.

Die Entscheidung, ob wir uns auf diese kleinen Dinge konzentrieren wollen, liegt einzig und allein bei uns. Und wenn es jeden Tag nur eine Kleinigkeit ist, dann sind es am Ende der Woche schon sieben. Das heißt nicht, dass wir den Ernst der Lage nicht erkennen oder ihn schmälern oder komplett verdrängen wollen. Wir können uns jedoch ohne schlechtes Gewissen und bewusst dazu entscheiden, die positiven Dinge nach wie vor wahrzunehmen und umso mehr wertzuschätzen, auch wenn sie dieser Tage nicht so offensichtlich sind oder von anderen größer scheinenden Dingen verdrängt zu werden drohen. Ganz besonders dann.

Doch was uns bleibt…

Ja, viele von uns können gerade nicht zur Arbeit gehen. Aber wir können die freie Zeit nutzen, um Dinge zu tun, die wir schon so lange tun woll(t)en und nie dazu gekommen sind. Neben den üblichen Verdächtigen wie Steuererklärung der letzten hundert Jahre erledigen, endlich das eigene Buch schreiben, Frühjahrsputz, noch viel endlicher das Wohnzimmer streichen, richtig gut kochen, backen, stricken, was auch immer lernen und uns durch „In vier Wochen zum Sixpack“ quälen gibt es so viele Möglichkeiten, unseren neuen und mehr oder weniger ungewohnt leeren und rahmenlosen Alltag umzustrukturieren und neu zu füllen. Unserer Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Die weitaus größere Herausforderung besteht vermutlich eher darin, sich letzten Endes für ein paar wenige (und vorzugsweise realistische) unserer großartigen innovativen Ideen zu entscheiden.

Und uns zu allem Übel nicht auch selbst jetzt noch fertig zu machen, wenn wir nicht mal die Hälfte davon schaffen. Empörenderweise nicht schon zwei Tage nachdem sämtliche, über lange Zeit und vermutlich mühsam etablierte Alltagsstruktur- und routinen von einem auf den anderen Tag in sich zusammengefallen waren, einen perfekten Plan B hinlegen konnten. Ohne jegliche Anpassungsschwierigkeiten. Der Mensch ist ja schließlich kein Gewohnheitstier! Nö! Und ein Herdentier schon gleich dreimal nicht! Wir können die freie Zeit aber auch einfach mal nicht nutzen und endlich mal wieder gar nichts tun, wenn uns danach ist (https://tanzzwischendenpolen.com/2020/02/27/ja-hier-is-was-faul/). Weil wir auch dafür schon lange keine Zeit mehr hatten. Oder sie uns nicht genommen, uns nie zugestanden haben. Ausschlafen, rumgammeln, Binge-Watchen bis zum Umfallen oder Bücherlesen bis zur ausgeprägten Sehschwäche, endlich mal Zeit für so richtig gähnende Langeweile aufkommen lassen und mal schauen, was passiert. Wir können die freie Zeit mit unseren Liebsten verbringen, sie wir sonst vielleicht viel zu selten oder kurz sehen. Wenn sie denn gerade in der Nähe sind. Uns gegenseitig nochmal besser und auch ganz anders kennen lernen. Oder auch uns selbst. Näher zusammen rücken in dieser Zeit. Virtuell, wenn es nicht anders geht.

Kein Grund zur FOMO.

Und auch das mag jeder von euch vielleicht schon bis zum Erbrechen gelesen und gehört haben, aber es ist was dran: In Zeiten von FOMO (Fear of Missing Out; die Angst, etwas zu verpassen) und scheinbar grenzenlosen Möglichkeiten, Ablenkungen und Überfluss in jeglichen Hinsichten, bietet uns die aktuelle Situation eine so in unserer Generation noch nie da gewesene Chance. Die Chance, wirklich mal runter zu kommen. Es gab vermutlich noch nie so wenig zu verpassen wie aktuell in dieser Situation. COVID-19-Live-Ticker mal außen vor. Und wenn es nichts zu verpassen gibt, brauchen wir auch keine Angst davor haben, etwas zu verpassen. Wer bisher nie zur Ruhe gekommen ist und der Meinung war, das wäre ja sowieso gar nicht möglich in unserer hektischen, schnellen und konsumorientierten Welt, der könnte bald der Realität in Form eines Scherbenhaufens seiner ausrangierten Argumenten ins Auge sehen müssen. Zählt leider nicht mehr, sorry.

Die Welt, in der wir leben und wie wir sie bisher zu kennen glaubten, steht innerhalb kürzester Zeit plötzlich so gut wie still. Wir können sie nun anschreien, dass sie sich gefälligst weiterdrehen soll wie bisher, sie schubsen, treten und an ihr zerren. Daran verzweifeln.

Oder aber wir tun es ihr gleich.

Und drehen uns langsamer.

Für’s Erste.

Blogartikelreihe: Psychisch krank in Zeiten von Corona Teil 1: Soziales Leben

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Wie versprochen kommt hier auch schon das „Corona-Special“! Beim Brainstorming zu diesem Artikel sind mir so viele verschiedene Aspekte eingefallen, über die es sich zu sprechen lohnt, dass ich beschlossen habe, dass diese spezielle Situation die perfekte Gelegenheit ist, um nach einem Jahr Bloggen mal ein neues Format auszuprobieren und eine ganze Blogartikelreihe zu starten!

Da die Corona-Krise unser aller Leben gerade massiv beeinflusst und auch beeinträchtigt, werden wir uns in jedem Artikel einen einzelnen (Lebens-)Bereich vornehmen, diesen zuerst in Zusammenhang mit der aktuellen Lage bringen, sprich welche Herausforderungen, Einschränkungen und Probleme er eventuell mit sich bringt, um uns danach verschiedene Strategien und Möglichkeiten zu einem bestmöglichen Umgang damit anschauen. Bei den Bereichen, in denen es meiner Meinung nach einen bedeutenden Unterschied bezüglich Problematik und Umgang zwischen psychisch gesunden und psychisch kranken Menschen gibt, werde ich darauf eingehen und versuchen, euch möglichst viele Inspirationen, Tipps und Ideen zu geben, die mir persönlich gerade helfen und von denen vielleicht auch andere Betroffene profitieren können.

Um hier nicht für Unmut und Empörung zu sorgen, möchte ich direkt zu Beginn nochmal betonen, dass die Intention, die hinter diesem Artikel steht, nicht die Ansicht ist, dass die aktuelle Situation nicht auch für die psychisch gesunden und stabilen unter uns eine genau so große Belastung ist. Wir sitzen alle in einem Boot. Doch während psychisch gesunde Menschen in einem recht großen und stabilen Schiff sitzen, das sich von Sturm und Unwetter so schnell nicht beeindrucken lässt, befinden sich psychisch kranke Menschen vielleicht gerade eher in einem kleinen Boot, das eher einer Nussschale ähnelt und vielleicht noch das ein oder andere Leck hat. Seine Kapazitäten, dem Sturm standzuhalten, sind begrenzt.

Ich denke, wir alle sind mittlerweile genug informiert und spüren die Veränderungen, die die Corona-Krise für unsere Gesellschaft, die Politik, unsere Wirtschaft, aber vor allem auch unser soziales Leben, unseren persönlichen Alltag, unsere Selbstbestimmung und Freiheit mitbringt. Deswegen möchte ich versuchen, mich nicht auf die Probleme, sondern auf mögliche Strategien zum Angehen dieser Herausforderungen oder zumindest eine Erleichterung dieser schwierigen Zeit zu konzentrieren. Nicht an dem festhalten, über das wir gerade keine Kontrolle mehr haben und was uns mehr und mehr entzogen wird, sondern auf das fokussieren, was wir nach wie vor selbstbestimmt tun können, worauf wir Einfluss haben und was uns selbst trotz häuslicher und sozialer Isolation keiner nehmen kann.

Ich persönlich befinde mich seit zwei Tagen in freiwilliger Quarantäne, stelle nach und nach fest, welche Änderungen damit einhergehen, was mir gerade gut tut und was ich tun kann, um weitestgehend stabil zu bleiben, vor allem, da ich gerade erst wieder aus einem depressiven Tief herausgekrabbelt bin. Für die unter euch, die sich schon in den Medien bezüglich häuslicher Quarantäne und deren psychischen Herausforderungen inklusive Tipps belesen haben, werden die folgenden Punkte womöglich keine bahnbrechenden Erkenntnisse mehr darstellen. Vielleicht könnt ihr ja trotzdem etwas daraus mitnehmen.

1.) Soziales Leben

Die Problematik

Eine der größten Gefahren der sozialen Isolation ist wohl das sich komplett Selbst-Überlassen-Seins, dem Alleinsein, wenn man es nicht gewohnt ist, dem Gefühl von Einsamkeit und, Überraschung, Isolation vom Rest der Welt. Vor allem für die meisten Menschen, die das Alleinsein normalerweise vermeiden, es als negativ empfinden, für die Alleinsein mit Gefühlen der Einsamkeit einhergeht, die sich wann immer es geht ablenken, um nicht mich sich selbst und ihren Gedanken, Gefühlen und Empfindungen konfrontiert sein zu müssen. Ablenkung, ständige Stimulation und Reizüberflutung die in unserer Gesellschaft immer und überall möglich und jederzeit verfügbar sind. Waren. Vor allem Möglichkeiten des fast grenzenlosen Konsums und unzählige Orte zur sozialen Interaktion, Treffen mit Freunden und Familie, Verbundenheit, das Gefühl von Zugehörigkeit und Miteinander, kulturelle Vielfalt…die Liste ließe sich noch endlich weiterführen. All das bricht nach und nach weg. Egal ob wir das wollen oder nicht und egal wie viel Angst uns das macht. Wie es uns den Boden unter den Füßen wegzieht, unsere Welt und die Illusion von Sicherheit, die wir uns bisher noch einbilden konnten, einmal auf den Kopf stellt. Alles ins Wanken bringt. Während das Alleinsein in häuslicher Isolation für psychisch stabile Menschen in erster Linie aufgrund des damit verbundenen Gefühls von Einsamkeit und Unwohlsein eine psychische Belastung darstellen mag, liegt das Problem bei psychisch kranken Menschen, auch speziell in Bezug auf bipolare Störungen und vor allem deren depressive Phasen, eher darin, dass sozialer Rückzug, Isolation, Alleinesein, das Gefühl von Einsamkeit…all das sowohl Symptome einer Depression als auch „Handlungen“ sind, die eine depressive Phase oft auch erst auslösen oder verschlimmern können. Unser Gehirn ist von Natur aus darauf ausgelegt, kontinuierlich nach Reizen zu suchen. Stimulation. Im Angesicht völliger Reiz- und Stimulationsarmut sowie auf uns selbst zurückgeworfen sein fackelt unser Geist nicht lange und bombardiert uns erbarmungslos mit Gedanken und daraus resultierenden Gefühlen, die wir durch all die Ablenkung und Geschäftigkeit, die unseren Alltag sonst bestimmt, tief vergraben haben. So tief, dass wir uns sicher waren, sie nie wieder hören oder fühlen zu müssen. Weil unsere Angst davor, sie nicht ertragen zu können, überwältigend ist.

Wie können wir damit umgehen?

Am Allerwichtigsten, und das werdet ihr auch auf jeder anderen Seite finden, die sich aktuell mit diesem Thema auseinandersetzt, ist es jetzt, auch ohne direkten sozialen Kontakt in Verbindung mit unseren Mitmenschen, Familien, Freunden, Partnern, Nachbarn…etc. zu bleiben. Auch hier haben wir ja aktuell auch ganz unterschiedliche Voraussetzungen. Manche von uns, wie beispielsweise auch mir, bleibt gerade nur die eigene Gesellschaft, wenn wir unser Zuhause alleine bewohnen, andere wohnen in einer WG oder mit ihrem Partner und/oder ihren Kindern zusammen. Ganz sicher hat beides seine Vor- und Nachteile. Auch wenn ich mich natürlich über Gesellschaft freuen würde, bin ich ehrlich gesagt gerade ganz froh, dass ich mich momentan nicht auch noch mit einem Mitbewohner über die Haare im Abfluss kümmern oder mir krampfhaft überlegen muss, wie ich meine zwei kleinen Kinder, die nicht verstehen, warum sie gerade nicht wie jeden Tag in die Kita oder die Schule gehen können, als nächstes bespaßen kann. Und nebenher vielleicht auch noch mein Home Office wuppen muss. Es macht einiges einfacher, wenn man nur für sich selbst verantwortlich ist. Andererseits ist es bestimmt auch sehr sehr schön, in dieser schwierigen Zeit seine Liebsten auch physisch um sich zu haben und alle etwas näher zusammenzurücken. Aber der Punkt ist: Auch ohne direkten physischen Kontakt können wir sehr wohl zusammenrücken. Was oft auch ein Fluch ist und über das so manch einer gerne und ausgiebig schimpft (mich eingeschlossen), entpuppt sich in dieser Zeit als unser Segen: Soziale Medien, Smart Phones, Nachrichtendienste. Wir haben heute so viele Möglichkeiten, um mit anderen in Kontakt zu bleiben, dass das weitaus größere Problem daran ist, sich erstmal für einen passenden Kanal zu entscheiden. Wir können telefonieren, skypen, über WhatsApp kommunizieren, Gruppen gründen, in denen wir uns gemeinsam austauschen und aufbauen können, Mut machende und Hoffnung spendende Posts, Stories, Live Videos und was es da nicht alles gibt, auf Facebook, Instagram und was auch immer anschauen, selbst posten, kommentieren, uns darüber austauschen. Etwas, das ich bisher noch nie getan habe. Ich glaube, ich habe in meinem Leben noch kein einziges Facebook-Like verteilt oder danach gelechzt (warum auch, wenn man selbst nichts postet) und mich bis auf meine Reisephase nicht mit den Chroniken und Posts anderer Leute beschäftigt, nachdem ich dessen negative Auswirkungen auf meine Psyche einmal bitter während eines sechswöchigen Praktikums im Sommer in Irland machen musste. Sechs Wochen Regen, sechs Wochen Kommafehler korrigieren, 6 Wochen nur komische Menschen, 6 Wochen Heimweh, Einsamkeit und Depression. Da haben mir die Bilder von all meinen Freunden, die offensichtlich alle gerade entweder die Welt bereisten, den Sommer ihres Lebens, immer Spaß mit ihren Freunden und auch ansonsten ein durch und durch perfektes und glückliches Leben hatten, nicht wirklich geholfen.

Was uns Hoffnung geben kann

Jetzt ist das anders. Es hat ein Shift stattgefunden. Auf keinem sozialen Medium geht es gerade darum, sich durch eine Auflistung augenscheinlicher Highlights und dem perfekten Leben zu profilieren und sich damit gegenseitig zu übertrumpfen. Nein. Es geht darum, zu zeigen, dass wir alle im selben Boot oder Schiff (siehe oben) sitzen. Dass wir solidarisch miteinander sind. Dass wir alle gewisse Ängste haben, auch wenn sie von Mensch zu Mensch unterschiedlich sind. Dass wir uns Sorgen machen. Dass keiner von uns weiß, was morgen, was in einer Woche, was in einem Jahr ist. Dass wir alle nicht wissen, wie lange das hier noch gehen, wie gravierend und weitreichend die Folgen und Auswirkungen sein werden. Dass der langsame Zerfall von illusorischer Sicherheit und unser Gefühl von Kontrolle uns als Menschen in unseren Grundfesten erschüttern. Dass uns all das vor Herausforderungen stellt, mit denen wir niemals gerechnet hätten. Denen wir uns alles andere als gewachsen fühlen. Dass keiner von uns das hat kommen sehen. Es geht darum, dass uns trotz der räumlichen Isolation die Macht bleibt, ein Gefühl der Verbundenheit zwischen uns entstehen zu lassen und während dieser Zeit aufrecht zu erhalten. Dass Verbundenheit distanzlos ist. Dass sie uns den Halt und die Sicherheit geben kann, die wir an so vielen anderen Stellen gerade verlieren. Dass wir zusammenrücken können, während wir räumlich auseinanderdriften. Dass wir all das auch als eine große Chance begreifen können. Für unsere Gesellschaft. Für uns als Individuen.

Dass wir nicht alleine sind.

Hilfe für Psychisch Kranke

Wie weiter oben bereits erwähnt, kennzeichnet sich die besondere Problematik der sozialen Isolation, dass fehlende Kontakte bei Menschen mit entsprechender Prädisposition oder auch chronischen psychischen Erkrankungen wie auch der bipolaren Störung eine depressive Episode auslösen und Depressionstendenzen verstärken können. Wenn man bedenkt, dass soziale Isolation für den Mensch als soziales Wesen selbst bei psychisch höchst stabilen Personen ohne vorangegangene depressive Phasen bereits nach kurzer Zeit ebenfalls zu depressiven Verstimmungen führen kann, überrascht diese Tatsache nicht wirklich. Die Befürchtungen und Unsicherheiten, mit denen wir alle momentan zu kämpfen haben, lassen für uns noch die dagewesene Ängste dort entstehen, wo vorher noch keine waren, und verstärken die, die wir bereits hatten. Und im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen, vor allem natürlich auch Zwangs-/Angst- und Panikstörungen, spielt Angst eine tragende Rolle, deren Zunahme einen äußerst negativen Einfluss auf die Dynamik diverser psychischer Erkrankungen und natürlich auch der Psyche des Menschen im Allgemeinen haben kann.

Wenn WhatsApp nicht reicht

Für viele Betroffene wird es leider nicht reichen, all die oben und momentan überall empfohlenen sinnvollen Maßnahmen zur Aufrechterhaltung von sozialen Kontakten über diverse Kommunikationskanäle und -medien und eines Gefühls von Miteinander, Zugehörigkeit und Verbundenheit im Kampf gegen das Gefühl von Isolation und Einsamkeit anzuwenden. Was einem psychisch stabilen Menschen genug Halt geben mag, vermag für einen psychisch kranken Menschen gegebenenfalls nicht ausreichen. Viele Betroffene werden bereits jetzt oder in der kommenden Zeit auf zusätzliche Hilfe und Unterstützung angewiesen sein. Und zwar nicht, weil sie schwächer als die anderen sind, sondern weil sie krank sind. Neben dem Problem der sozialen Isolation hat die zwar (noch) freiwillige, aber dringlichst angeordnete häusliche Isolation zur Folge, dass viele Betroffene, die aktuell in psychotherapeutischer Behandlung sind, ihre Sprechstunden nicht wahrnehmen, weil sie sich entweder in offizieller oder freiwilliger Quarantäne befinden und ihre Wohnung aus Angst, sich selbst oder andere anzustecken, nicht verlassen. Ein weiteres Problem ist, dass natürlich auch Therapeuten Menschen sind, die Familie und Kinder haben und durch die flächendeckenden Schließungen von Kitas und Schulen ihre Sprechstunden selbst eventuell gar nicht mehr wahrnehmen können, weil sie sich um ihre Kinder kümmern müssen.

„Einmal systemrelevant färben, bitte.“

Ich muss zugeben, dass ich persönlich meine Therapeutin bezüglich des Termins, den ich in einer Woche bei ihr hätte, diesbezüglich noch nicht kontaktiert habe. Mittlerweile wissen wir, dass sich in einer Woche eine komplette Welt aus den Fugen geraten kann und keiner weiß, was morgen oder in ein paar Stunden ist. In verschiedenen Quellen habe ich allerdings gelesen, dass vielerorts wohl auf Videosprechstunden ausgewichen wird. Und ähnlich wie bei der herkömmlichen Telefonseelsorge oder einer Notfallsprechstunde könnte ich mir auch vorstellen, dass Therapiestunden auch erstmal telefonisch stattfinden. Ziemlich dramatisch finde ich persönlich, dass dieser Berufszweig bisher nicht als „systemrelevant“ eingestuft wurde und dadurch beispielsweise Eltern, die als Psychologische Psychotherapeuten tätig sind, keine Sonderbetreuung ihrer Kinder in zustehen würde. Für eine Aufrechterhaltung der Psychotherapieversorung in Deutschland ist allerdings gerade das dringend notwendig! Offensichtlich hält unsere Gesellschaft es für systemrelevanter, uns weiterhin vom Friseur die Haare färben zu lassen, damit wir topgestylt Eiskaffee schlürfend vor unserem Lieblingscafé um die Ecke sitzen können. Inmitten einer eng aneinander gekuschelten sonnenanbetenden Menschenmasse. Auf einen Schnack mit den Mädels.

Um selig den Frühling zu genießen, auf den wir so lange gewartet haben.

Corona und psychisch krank – Wie wir uns jetzt selbst helfen und gut für uns sorgen können.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Ihr Lieben,

ohne große Umschweife und ohne die Herausforderungen, Ängste und Sorgen, die der aktuelle Ausnahmezustand für uns ALLE mit sich bringt, wird hier in Kürze ein Artikel erscheinen, der die besondere Situation, in der sich auch psychisch kranke Menschen momentan befinden und die vielleicht nochmal etwas anderen Herausforderungen oder Probleme, die diese für Betroffene und Angehörige mit sich bringen, in Betracht ziehen wird.

Was wir jetzt tun können, um uns selbst zu schützen, gut für uns zu sorgen, Panik zu vermeiden, trotz der sozialen Isolation verbunden und vor allem weitestgehend stabil zu bleiben. Auch wenn wir gerade alleine zu Hause sind und viele Ressourcen und Tools, derer wir uns sonst bedienen können, um unsere Gemütslage zu beeinflussen und Episoden zu umschiffen, äußere Rahmen, Routinen und unser Gefühl von Sicherheit gerade nicht so zugänglich sind wie normalerweise.

Welche Möglichkeiten wir trotzdem nach wie vor haben, wie wir uns Alternativen schaffen und weiterhin positiv bleiben können. Darauf vertrauen müssen, dass alles gut wird.

Ihr Lieben, ich sitze dran und versuche, den Artikel noch heute (oder aufgrund meines aktuell etwas durcheinander gekommenen vielleicht auch heute Nacht noch hochzuladen und mit euch zu teilen!

Außerdem fände ich es total schön, wenn wir hier eine kleine Gesprächsrunde über die Kommentarfunktion eröffnen könnten, in der wir uns über unsere ganz persönlichen Umgangsstrategien austauschen und Ratschläge aneinander weitergeben können.

Gesund bleiben, Ruhe bewahren, einmal tief durchatmen.

Kaffee trinken und abwarten.

Kaltfront.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Ich wache auf und noch bevor ich die Augen öffne, weiß ich, dass sie da ist.

Einer dieser Tage…

Man kann es gar nicht so genau beschreiben, aber etwas ist anders. Der ganze Körper fühlt sich anders an. Es fängt schon beim Aufwachen an. Der Geist steckt noch in einer Brühe von wirren Träumen fest, die wie Treibsand an ihm kleben und unaufhaltsam nach unten ziehen. Ich will meine Augen nicht öffnen. Den Tag nicht beginnen. Der Haken an der Sache ist, dass es den Tag leider überhaupt nicht interessiert, ob ich ihn gerade beginnen will oder nicht. Er wird trotzdem durchlebt werden müssen. Mit all den Gedanken, Gefühlen und Körperempfindungen, von denen ich weiß, dass er sie heute mit sich bringen wird. Ob ich das will oder nicht. Mindestens zwölf Stunden aus klebrigem Kaugummi, die vor mir liegen. Erfreulicherweise „nur“ zwölf, da es bereits nach 10 Uhr ist, was ich nach einem kurzen Blick auf mein Handy feststelle. Augen sind also schon mal offen. Erste Herausforderung erfolgreich gemeistert!

Reicht dann aber eigentlich auch schon wieder. Ich deaktiviere den Flugmodus auf meinem Handy, es trudeln ein paar Nachrichten ein, ein verpasster Anruf, eine Sprachnachricht. Alles zu viel. Ohne genauer auf irgendetwas davon einzugehen, schalte ich mein Handy komplett aus. Ich kann gerade nichts aufnehmen. Kann mich nicht erklären, kann mich nicht verstellen, kann niemandem zuhören. Ich bin mit einem Freund verabredet und habe gesehen, dass er mir eben geschrieben hat. Ich sollte ihm absagen, aber dazu müsste ich mein Handy wieder anmachen. Allein die Vorstellung macht mich unendlich müde.

Ein. Aus. Ein. Aus.

Die Vorhänge sind noch zugezogen, aber der Stoff ist sehr dünn und die Sonne kämpft sich durch. Durchflutet mein Zimmer mit hellem Morgenlicht. Naja. Vielleicht eher Vormittagslicht. Wie lange ich den Frühling herbeigesehnt habe! Endlich ist er da. Es könnte mir nicht gleichgültiger sein. Während es in meinem Zimmer immer heller wird, verdunkelt sich mein Innerstes immer mehr. Ich drehe mich mit dem Kopf zur Wand und ziehe mir meine Biberbettwäsche bis über die Nasenspitze. Eigentlich ist mir darunter immer viel zu warm, ich benutze sie aber trotzdem gerne, weil sie so schön kuschelig ist. Heute wärmt sie mich nicht so wie sonst.

Ich weiß, dass es nur schlimmer werden wird, wenn ich weiter hier rumliege. Wie auf einer Aschenbahn drehen finstere Gedanken Runde um Runde, nur um immer wieder den gleichen Startpunkt zu erreichen und festzustellen, dass sich wieder nichts verändert hat. Ich versuche es mit Atmen, das funktioniert oft. Unseren Atem tragen wir ja praktischerweise immer bei uns. Nicht umsonst erfreuen sich Achtsamkeitstechniken, spezielle Atemübungen und dergleichen schon seit geraumer Zeit stets zunehmender Beliebtheit. Fragt sich, ob sie genau so beliebt wären, wenn wir einfach öfter mal schon etwas früher eine kleine Pause einlegen oder durchatmen würden anstatt zu tun, zu rennen und zu schnaufen, bis wir so gestresst, erschöpft und überfordert sind, dass wir hektisch und in der Hoffnung auf schnellstmögliche Besserung direkt einen überteuerten Achtsamkeitskurs oder ein Yoga-Retreat (nur für ein Wochenende versteht sich) buchen. Damit es uns ganz schnell wieder besser geht, damit wir genau so bald wieder rennen und schnaufen können.

Ich atme ein, meine Lunge beginnt sich mit Luft zu füllen. Weiter komme ich nicht. Auch dieses Phänomen ist mir nicht neu. Ein imaginärer Felsbrocken (oder ist es eher ein Haufen Scheiße?) liegt schwer auf meiner Brust und drückt. Macht alles eng. Mein Herz klopft schneller als sonst. Noch rast es nicht, aber ich höre es als dumpfes Pochen in meinen Ohren. Da es mit dem “ Einfach mal tief durchatmen“ ja leider nicht so klappen mag gerade, versuche ich wenigstens einigermaßen regelmäßig und ruhig zu atmen, um das latente Gefühl von Panik, das in mir aufsteigt, in Schach zu halten. Bevor sie mich überrollt.

Auf! Stehen.

Ich nehme meine ganze Kraft zusammen und stehe auf. Vielleicht ist es gut, dass ich gleich arbeiten muss. Vielleicht lenkt das ein bisschen ab. Manchmal tut mir Ablenkung in solchen Phasen gut. Befinde ich mich allerdings gerade im Auge des Sturms, dem Epizentrum der Depression, kann so etwas wie Arbeit, vor allem mit Stress verbunden, auch das genaue Gegenteil bewirken, unendlich quälend und fast unüberwindbar anstrengend sein. Konzentration, wenn auch nur auf Kleinigkeiten, ein Ding der Unmöglichkeit. Allein bevor ich das Haus verlasse, schließe ich drei Mal die Tür nochmal auf, hole nochmal etwas, um auf dem letzten Treppenabsatz festzustellen, dass ich das eigentlich Wichtigste vergessen hab. Mein Essen, das ich tatsächlich ausnahmsweise wirklich mal vorgekocht hatte. Krass wie ich mein Leben im Griff habe! Ist aber auch egal. Hab eh keinen Hunger. Mir ist schlecht.

Zu laut. Zu viel. Zu koffeinfrei.

Ich bin ganz alleine im Café. Kein einziger Gast. Bevor sich meine Erleichterung über Corona breitmachen kann, kommen zwei Mütter mit ihren kleinen Kindern durch die Ladentür, die die nächsten drei Stunden an ihrem beschissenen hipster oatly-Hafermilch-Flat White, koffeinfrei natürlich, schlürfen werden, während ihre kleinen Augensterne in euphorischer Endlosschleife die Blechdose aus unserem Spielzeugregal quer durch das Cafe werfen. Aggression steigt in mir hoch. Und zwar rasant. Das Scheppern der Blechdose vereint sich mit dem Gekreische des Nachwuchses, der mich irgendwie an Schranz aus einer vollkommen übersteuerten Anlage erinnert. Es ist alles unfassbar laut. Mein rechtes Ohr fängt an zu fiepen. Mein Herz rast. Ich halt es plötzlich nicht mehr aus, freundlich lächelnd am Tresen zu stehen. Ich spüre ihn kommen. Unaufhaltsam. Er folgt mir in die Küche. Ich versuche, ihm zu entwischen, aber er packt mich und hält mich fest. Der Point of no return.

Das was mich nun erwartet kenne ich. Habe ich schon viele Male erlebt. Und jedes Mal ist es aufs Neue ekelhaft. Panik steigt in mir auf. Das Atmen fällt mir plötzlich schwer, meine Hände zittern und werden feucht. Mir ist so heiß. Mein Herz legt nochmal einen Gang zu. Und noch einen. Die Nadel auf dem Tacho bewegt sich zielstrebig auf den roten Bereich jenseits der zu verantwortenden Geschwindigkeit zu. Sie wackelt. Noch einen Millimeter. Ich sehe rot. Und dann kommen sie endlich, die Tränen. So stelle ich mir einen Vulkanausbruch vor, der endlich von sich spuckt, was so lange in seinem Inneren gebrodelt hat. Eine Welle der Trauer und Verzweiflung schwappt in jeden Winkel meines Körpers. Bevor sie abebben kann, kommt direkt die nächste angerollt, nur mit doppelter Wucht. Wirbelt alles durcheinander. Das ist der Moment, in dem ich die Kontrolle verliere. Und zwar voll und ganz.

Ein. Aus. Ein. Aus.

Ich versuche weiterzuatmen. Einatmen. Luft anhalten. Ausatmen. Einatmen. Luft anhalten. Ausatmen. Jetzt bleibt nur zu hoffen, dass es schnell vorbei geht. Und weiteratmen. Alles andere bringt nichts. In diesem Moment kündigt die Ladenglocke neue Kundschaft an. Kacke. Auf dem Weg zurück in den Gastraum checke ich mein Gesicht in der Spiegelung der Mikrowelle. Keine Chance. Selbst wer mich nicht kennt und blind wäre, wüsste sofort, was Sache ist. Da aber nur ich heute arbeite, bringt das mir alles gerade herzlich wenig. Ich gehe so normal wie möglich die Treppen zum Gastraum runter und da steht der Ingwertee mit extra viel Ingwer. Eine unserer Stammgäste. Und schaut mich mit großen Augen an. Schweigen. „Was möchtest du denn trink…“?, setze ich an. Weiter komme ich nicht, breche wieder in Tränen aus und laufe zurück in die Küche. „Alter Lisa, jetzt reiß‘ dich zusammen!“, schreie ich mich innerlich an. Etwas, das ich niemand anderem in der selben Situation auch nur zuflüstern würde.

Wofür es sich lohnt

Als ich wieder zurückgehe, steht der Ingwertee mit extra viel Ingwer noch mit genau so großen Augen an noch genau der gleichen Stelle und sieht ganz schön hilflos aus. In der Ecke sitzt schon seit über einer Stunde unser großer Latte Macchiato mit Zimtpulver, eine andere Stammkundin, die seit meiner kleinen mythologischen Metamorphose in der Küche schwer konzentriert auf ihr Handy schaut, obwohl sie kurz davor eigentlich noch ganz gesprächig war. Mir war der Ingwertee mit extra viel Ingwer von Anfang an super unsympathisch. Also so richtig. Und das passiert mir nicht so häufig. Ihre grelle Stimme, ihr arrogantes Auftreten, ihr kalter Blick. Einfach alles. Jetzt ist nichts davon übrig und sie sieht mich einfach nur an. Mitfühlend. Nicht mitleidig. Ihr Blick wird weich, sie streicht mir etwas unbeholfen über den Arm und fragt mich, ob sie etwas für mich tun kann. Das kann sie tatsächlich. Denn sie raucht Kette und ich habe jetzt dringlich Bock auf eine Kippe, scheiß egal, ob ich noch rauche oder nicht. Andere ertränken ihre Sorgen in Alkohol, mir ist jetzt eben gerade danach, sie abzufackeln. Wenigstens ein bisschen anzukokeln. Wir gehen zusammen raus und sie sagt, ich kann gerne Bescheid sagen, wenn es etwas gibt, das sie noch tun kann. Ich bedanke mich und wir verabschieden uns. Ab sofort gibt es noch mehr Ingwer, glaub‘ mir mal!

Als ich wieder reingehe, steht der große Zimt-Latte-Macchiato auf und möchte zahlen. Sie hat es anscheinend eilig, weicht meinem Blick aus und weg ist sie. Wie unterschiedlich wir Menschen doch sind, denke ich mir noch. Interessant. Was ich da noch nicht weiß ist, dass sie am nächsten Tag wieder da sein und mir selbst gebackene Kekse mitbringen wird, die sie ihren Kindern immer in die Schule mitgibt. Weil sie fand, dass ich so traurig aussah.

Ich mache zehn Kreuze, als ich abends im Bett liege.

Es geht mir besser.

Am nächsten Morgen ist alles wieder genau so beschissen wie davor.

Tagsüber ist es besser, abends wieder schlechter.

Auf und Ab.

Auf

und

Ab.

Auf. Ab.

Auf.

Ab.

Es ist anstrengend. Ich bin müde.

Mühsam. Aber: Es nährt sich.

Die Dinge, von denen ich weiß, dass ich sie gerade nicht wirklich ändern kann, dass ich sie „einfach“ aushalten muss, versuche ich zu akzeptieren. Wende an, was ich in den letzten Jahren ausprobiert und gelernt habe. Überlege immer wieder neu, was mir jetzt gerade helfen könnte, was mir gut tut und was nicht. Spreche darüber, wenn mir danach ist. Spreche nicht darüber, wenn ich es gerade nicht kann oder möchte. Erinnere mich daran, in kleinen Schritten zu denken. In noch kleineren. Halte mich daran fest, dass es vorbeigehen wird. Dass ich weiß, dass ich das weiß. Dass es auch letztes Mal wieder vorbeigegangen ist.

Dass es wieder bergauf gehen wird.

Und irgendwann auch wieder bergab.

Dass ich das aushalten kann.

Ich atme ein.

Tief.

Viele viele weiße Smarties…

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Kürzlich war es wieder so weit und es wurde anhand von EKG und Blutentnahme mal wieder überprüft, ob mein Körper weiterhin mit der Medikation zurechtkommt, auf die ich nun schon seit über zwei Jahren eingestellt bin. Selbst wenn man vielleicht gerade mal nicht ganz so oft daran denkt, dass man eine psychische Erkrankung hat, vor allem, wenn es einem vielleicht schon ein ganzes Weilchen und momentan gut geht, wird man spätestens in solchen Situationen daran erinnert, dass es sich eben doch um eine Krankheit handelt und man nicht zum Spaß jeden Morgen diverse Pillen schluckt und mittlerweile sogar einen Pillenreminder auf seinem Handy hat, da eine unregelmäßige Einnahme oder Vergessen der Einnahme fatale Folgen haben könnte. Da ich diesbezüglich (und auch in einigen anderen Hinsichten) nicht die Disziplin und Organisation in Person bin, hatte ich mir irgendwann die erstbeste App dazu runtergeladen. Ich glaube, der Inhalt ist ursprünglich englisch, denn sie schickt mir jeden Morgen folgende Nachricht: „Vergessen Sie nicht, Pillen einzunehmen!“. Was ich nach wie vor irgendwie ziemlich amüsant finde. Dann nehme ich wie befohlen meine Pillen, setze mit einem befriedigenden Gefühl zwei Häkchen, woraufhin die Pop-Up-Nachrichten verschwinden und denke meistens nicht weiter darüber nach. Doch das war nicht immer so.

Auch ohne Doktortitel…

Auch wenn es den meisten wahrscheinlich mittlerweile aufgefallen ist…ich bin weder Ärztin noch Psychiaterin noch Psychotherapeutin oder was auch immer. Alles, was ich auf meinem Blog über die medizinischen und pharmakologischen Hintergründe und Aspekte der bipolaren Störung schreibe, basiert auf dem Wissen, das ich mir über die Jahre durch Lektüre von Fachliteratur und vertrauenswürdigen Internetquellen angeeignet habe. Deswegen ist die Wahrscheinlichkeit, das ich hier absoluten Mist erzähle, zwar verschwindend klein (abgesehen davon ist das nicht meine Intention), aber trotzdem finde ich es wichtig zu erwähnen. Selbst wenn ich hier also keine Garantie auf wissenschaftliche Vollständigkeit verspreche, braucht ihr euch trotzdem keine Sorgen machen, denn alles was ich diesbezüglich hier schreibe, habe ich nach bestem Wissen und Gewissen recherchiert und bin mittlerweile über die Jahre tatsächlich zur Experten meiner Erkrankung geworden. Ein überaus wichtiger Punkt übrigens, was einen guten Umgang mit der eigenen Erkrankung angeht. Nicht zuletzt weil die Akzeptanz einer Sache umso mehr wächst, je besser man über sie informiert ist. Aber zurück zum Thema: Da die Menge an vertrauenswürdigen Quellen bezüglich der bipolaren Störung nicht zu verachten ist, werde ich mich in den allermeisten Fällen auf die Informationen der Deutschen Gesellschaft für Bipolare Störungen (DGBS) berufen, womit man definitiv auch immer auf der sicheren Seite sein wird.

Auf der Jahrestagung der DGBS in Hamburg, die im Herbst 2018 stattfand, habe ich unter vielen anderen tollen, informativen und hilfreichen Materialien einen Ratgeber für Betroffene und Angehörige erhalten: „Im Wechselbad der Gefühle: Manie und Depression – Die bipolare Störung“, verfasst von den Autorinnen und Autoren PD Dr. phil. Rita Bauer, Prof. Dr. med. Dr, rer. nat. Michael Bauer, Dr. med. Ulrike Schäfer, Volker Mehlfeld und Martin Kolbe. Im Abschnitt über die Behandlung der bipolaren Störung, im Unterpunkt „Vorbeugende Behandlung (Rezidivprophylaxe) findet sich der Teil, der für mein heutiges Thema wichtig ist.

Einmal ist keinmal?

Die unipolare Depression, bei der es keine manischen oder hypomanen Phasen gibt (daher „uni“ und nicht „bi“) und die, abhängig von unzähligen Faktoren und Umständen, in manchen Fällen nur einmalig im Leben des Betroffenen auftritt, kann in den meisten Fällen erfolgreich mithilfe eines Antidepressivums behandelt werden. Wenn es gut läuft, kann dieses nach einer ausreichenden Zeit der Symptomfreiheit ausgeschlichen werden, und wenn es noch besser läuft, bleibt das die einzige depressive Phase des Betroffenen und er muss nie wieder in seinem Leben Antidepressiva einnehmen. Geheilt. Das Leben kann normal weitergehen. Wenn es nicht so gut läuft, kommt die Depression (immer) wieder. Eine immer wiederkehrende Depression ohne Hochphasen nennt sich „rezidivierende unipolare Depression“, übrigens die häufigste Fehldiagnose wenn es um bipolare Störungen geht. Auch bei mir. Bei dieser wiederkehrenden Form ist die Wahrscheinlichkeit, dass nie wieder Antidepressiva zum Einsatz kommen werden, schon etwas geringer als bei der einmalig aufgetretenen unipolaren Depression.

Ich versuche das Ganze nicht zu theoretisch zu halten. Aber ich halte diese Vorinformationen für wichtig, um den Rest zu verstehen. Bei der bipolaren Erkrankung mit ihren immer wiederkehrenden Episoden handelt es sich in der Regel um eine lebenslange Erkrankung, die eine pharmakologische Langzeitbehandlung erforderlich macht. Im Klartext: Lebenslange Medikamenteneinnahme. Zur Vermeidung erneuten Auftretens von (hypo-)manischen oder depressiven Phasen werden in der Behandlung von bipolaren Störungen (anders als Antidepressiva bei den eben erwähnten „reinen“ Depressionen) sogenannte „Stimmungsstabilisatoren“ als „Phasenprophylaxe“ eingesetzt. Lebenslange Erkrankung = lebenslange Medikation. Macht irgendwie Sinn, oder?

Antibiotikum, ja bitte, Antidepressivum, nein danke!

Doch nicht allem was Sinn macht ordnen wir uns widerspruchslos unter. Ich finde, man kann nicht oft genug die Parallelen von psychischen zu physischen Erkrankungen ziehen. Auch chronischen, die vielleicht ebenfalls einer lebenslangen Behandlung bedürfen. Für diverse Krankheiten gibt es heutzutage wirksame Medikamente, die den Menschen noch vor ein paar Jahrzehnten nicht zur Verfügung standen und über deren Existenz wir froh und dankbar sind. Medikamente, mit denen Menschen mit ernsthaften Erkrankungen trotzdem ein gutes Leben führen können. Wir müssen die Pharmaindustrie ja nicht direkt komplett verherrlichen, alles hat zwei Seiten, aber manche Dinge sind einfach Fakt. Auch wenn sich wahrscheinlich jeder von uns freut, wenn er nicht auf Medikamente angewiesen ist und versucht, diese nur dann einzunehmen, wenn es eben wirklich nötig ist, denken wir glaube ich eher weniger nach, wenn wir ein Antibiotikum nehmen müssen. Es geht uns schlecht, wir wissen, dass unser Körper das gerade braucht und es ohne eventuell sogar gefährlich werden kann. Klare Sache. Nehmen wir dann halt. Oder wenn wir herz- oder zuckerkrank sind und dementsprechend dauerhaft Medikamente einnehmen oder unserem Körper zuführen müssen, was er selbst nur mangelhaft oder gar nicht produziert. Und obwohl psychische Erkrankungen wie die unipolare oder bipolare Depression in unserem Gehirn entstehen, was erwiesenermaßen ein Teil unseres Körpers und sie somit genau genommen auch eine körperliche Erkrankung ist, sieht es mit unserer Offenheit gegenüber und der Einstellung zur Einnahme von Medikamenten ganz schön anders aus. Auch hier kann ich nur für mich und Menschen, mit denen ich mich über dieses Thema austausche, sprechen.

Das war’s…

Als ich mit 20 aus dem Ausland zurück kam und meine erste schwere depressive Phase hatte, wurden mir das erste Mal in meinem Leben Antidepressiva verschrieben. Und ich fand es furchtbar. Ich dachte mir, nun ist es soweit mit mir gekommen, dass ich sogar Medikamente nehmen muss. Dann muss es ja wirklich schlimm um mich stehen. Das ist das Ende. Ich krieg es nicht mal selbst hin, dass es mir besser geht, ich bin ein Versager, das ist hoffnungslos. Im Nachhinein weiß ich natürlich, dass all diese Gedanken depressiv verfärbt waren, aber ich fand es wirklich schlimm. Ich trug die Schachtel mit den Medikamenten schon seit ein oder zwei Wochen bei mir, hatte sie aber noch nicht angefangen zu nehmen. Irgendwie muss das doch von selbst wieder weggehen, dachte ich mir, obwohl ich eigentlich keine Hoffnung hatte. Dann passierte etwas, was mich selbst ohne Depression total aus der Bahn geworfen hätte, und das war es dann. Endstation. Ich erinnere mich wie heute an den Moment, als ich morgens mit kalten nackten Füßen auf den türkisfarbenen Fliesen unseres kleinen Badezimmers in unserem Ferienhaus stand und die erste Tablette aus dem jungfräulichen Blister in meine Hand drückte. Sie kritisch betrachtete. Auf meine Zunge legte, einen großen Schluck aus dem Wasserhahn nahm und sie runterschluckte. Ich war verloren. Und daran würde keine Pille der Welt etwas ändern können.

Meine Dankbarkeit an die Pharmaindustrie, als es mir ein paar Wochen später anfing besser zu gehen, war mit Worten nicht zu beschreiben. Obwohl das bestimmt nicht wirklich an den Medikamenten lag, dachte ich mir kurz darauf.

…noch nicht mal ANNÄHERND!

Ein paar Wochen später lag ich mit einer Freundin aus Neuseeland auf meiner kleinen Matratze in meinem fast genauso kleinen Studentenzimmer in Heidelberg, kicherte mit ihr um die Wette und schmiedete die kühnsten Pläne. Das Semester hatte schon angefangen, ich bereits einen Job als Barkeeperin in einem der größten Clubs dort, wo ich mir am Wochenende bis früh morgens die Nächte um die Ohren schlug, nachdem ich mit denen unter der Woche genau das selbe getan hatte, nur auf der anderen Seite des Tresens. Ich hatte direkt Freundschaften geschlossen und stolperte von einem Highlight zum nächsten. Ich liebte mein Leben! Ich dachte ja schon, ich hätte mich in Australien frei gefühlt, aber das hier war next level! Es könnte nicht besser sein! Ich war so erwachsen und unabhängig und frei und die Stadt war wie eine riesengroße Spielwiese, einzig und allein für mich gemacht! Meine mir im Ausland erfolgreich angeeigneten liquid skills konnte ich hier ideal zum Einsatz bringen und mein Wissen vertrauensvoll an meine Mitstreiter weitergeben. Wir feierten das Leben und uns, wir tanzten bis zum Umfallen, und zwar im wahrsten Sinne, wir knutschten, egal ob Männlein oder Weiblein, wir liebten, weinten und lachten. Erinnerten und vergaßen. Schlitterten kreischend und mit roten Wangen vom heißen Mojito auf dem Weihnachtsmarkt über Europas längste, mit Schnee bedeckte und mit hunderten von kleinen Lichtern und Sternen gesäumte Einkaufsstraße. Ich wusste gar nicht wohin mit all meinen Endorphinen! So sollte es für immer bleiben!

Ich hätte den Teufel lieber an der Wand.

Nicht all zu überraschend ist die Tatsache, dass ich nach kurzer Zeit meine Medikamente wieder absetzte. So was brauchte ich doch gar nicht! Auch hier weiß ich im Nachhinein, dass es höchstwahrscheinlich eine hypomane Phase war, die im Laufe der folgenden Jahre bis zur richtigen Diagnose und der adäquaten Behandlung immer wieder durch die Antidepressiva, die ich immer wieder verschrieben bekommen würde, ausgelöst worden war. Depression, Medikamente anfangen, Hoch, Medikamente absetzen, Depression, Medikamente wieder anfangen, Hoch… Ich weiß nicht mal mehr genau, wie oft sich dieser Teufelskreis in den knapp zehn Jahren wiederholt hat. Wie oft meine Familie, meine Freunde und ich uns fragten, was plötzlich mit mir los war. Wie oft wir uns alle freuten, als es mir wieder gut, sogar sehr gut ging. Wie oft wir all das nicht verstanden und jeder auf seine Art und Weise hilflos war. Es war oft. Sehr oft.

Bin ich noch ich?

Ich wollte das ohne Medikamente schaffen. Bin ich nicht schwach, wenn ich es nicht selbstständig aus dem Tief schaffe? Wer sagt mir denn, dass ich unter Einfluss der Medikamente immer noch ich selbst bin und sich dadurch nicht nur wie geplant die Stimmung, sondern auch meine Persönlichkeit ändert? Ich gar nicht mehr ich bin? Wie soll ich überhaupt das eine vom Anderen unterscheiden? Ich stehe doch gerade ganz am Anfang meines Lebens, ich will keine Medikamente nehmen müssen! Bestimmt werde ich dann irgendwann abhängig, auch wenn die sagen, die machen nicht abhängig! Klar, Libido ist sowieso überbewertet! Wer weiß, was das für Langzeitschäden hinterlässt! Sind die überhaupt schon so lange auf dem Markt, dass so was ausreichend erforscht werden konnte? Bestimmt werde ich fett davon!

Und das war noch nicht mal die Hälfte meiner Gedanken dazu.

Sonnencreme hätte auch nichts gebracht.

Wenn es wenigstens nur die eigene Meinung wäre, mit der man sich rumschlagen müsste…aber da sind ja noch diverse und meistens gut gemeinte Ratschläge aus unserem Umfeld oder auch von Ärzten und Therapeuten. Leider überdurchschnittlich oft gut gemeint und schlecht gemacht. „Du brauchst doch keine Medikamente, du bist so ein positiver Mensch, du schaffst das auch so“, habe ich mehr als nur einmal gehört. Meistens war es tatsächlich Liebe und der Glaube an mich, der daraus sprach, einfach der Wunsch, dass es mir wieder besser ginge. Aber manchmal war es auch die Angst. Angst vor dem Unbekannten. Lieber in keiner Form etwas mit psychischen Erkrankungen zu tun haben. Nicht erkennen oder akzeptieren zu können, dass ein nahe stehender Mensch damit zu kämpfen hat und Hilfe braucht. Aus der eigenen Angst heraus. Deswegen erstmal lieber so tun, als wäre das alles gar nicht da. Vielleicht geht es dann ja von selbst weg. „Frau Waldherr, Sie sind nicht depressiv, Sie sind einfach nur hochsensibel. Das ist nichts wofür Sie Medikamente brauchen.“ Die Worte meiner Therapeutin, bei der ich drei Jahre in Behandlung war. Der ich jede Woche von meinem Leben, meinen Auf’s und Ab’s berichtet habe. Was habe ich mich gefreut, als sie mir das sagte. Mit mir war doch alles in Ordnung! Ich war einfach nur hochsensibel! Für die Erkenntnis hätte ich sie zwar gar nicht gebraucht, aber egal! Ha! Ich war nämlich eben doch niemand, der Medikamente brauchte, endlich hatte es jemand richtig erkannt! Ich war nämlich gar nicht krank! Ein paar Wochen nach meiner letzten Sitzung im Frühjahr schlitterte ich mit Hochgeschwindigkeit in eine hypomane Phase, die mir über mehrere Monate den Sommer meines Lebens bescherte. Den verheerenden und unerträglichen Sonnenbrand spürte ich erst im Herbst. Dafür mit einem Schlag und so vernichtend, dass ich dachte, jetzt kann ich wirklich nicht mehr. Medikamente. Pünktlich zum nächsten Frühjahr verschwand er. So als wäre nichts gewesen. Machte Platz für den nächsten.

Weißer Kittel hin oder her!

Vielleicht hätte ich auf mein Gefühl hören sollen, als ich diesen kleinen hässlichen Zen-Garten in ihrem Wartezimmer sah. Sie ist die einzige Person, der ich je Vorwürfe gemacht habe bezüglich eines Erkennens meiner bipolaren Störung. Sie als Therapeutin, die mich jede Woche gesehen und mit mir gesprochen hat, hätte das meiner Meinung nach erkennen müssen. Auch wenn die Diagnose schwierig sein mag. Alle anderen konnten es nicht wissen. Vor kurzem sprach mich mein Hausarzt, der neu in der Praxis war und mich davor genau einmal zu einer Rezeptübergabe gesehen hatte, nach einem kurzen arrogant-gelangweilten Blick auf seinen Computer auf meine Medikation an und fragte mich, ob ich schon mal daran gedacht hatte, es mit Lithium zu versuchen. Ein Medikament, das vor allem bei der Behandlung von manischen Phasen der Bipolar-1-Störung das erste Mittel der Wahl und diesbezüglich höchst wirksam ist. Bei einer Bipolar-2-Störung mit überwiegend depressiven Phasen ist es das definitiv nicht. Ich möchte damit nicht sagen, dass es immer so sein muss, aber leider gibt es viele Idioten. Da helfen dann leider leider auch Doktortitel und weißer Kittel nichts, dem ich früher so blind vertraut hätte. Und die können mit ihrem Unwissen viel Schaden anrichten. Also hört nicht auf zu suchen, bis ihr jemanden gefunden habt, dem ihr wirklich vertraut und von dem ihr das Gefühl habt, in professionellen Händen zu sein. Informiert euch, hinterfragt und seid kritisch! Es sind euer Körper und euer Leben, die dadurch beeinflusst werden. Nach einem meinerseits nicht minder arrogant-gelangweilten fünfminütigen Vortrag über verschiedene Stimmungsstabilisatoren, deren Vor- und Nachteile sowie Wirkmechanismen im Gehirn und dem Vorschlag, dass er sich doch bitte nicht in Bereiche einmischen soll, von denen er keine Ahnung hat und mir stattdessen lieber mal kurz ins Ohr schauen soll, das tue nämlich weh, war die arrogante Ausstrahlung meines aalglatten Hausarztes dann auch ganz fix verflogen.

Genug ausprobiert.

Nachdem ich während meines Klinikaufenthaltes Ende 2017 die Diagnose und damit endlich auch erstmalig die richtige Medikation erhalten hatte, stellte ich die medikamentöse Behandlung nie wieder infrage. All die Jahre hatten mir gereicht. Die bipolare Störung ist eine Krankheit, die mich mein Leben lang begleiten wird. Wie immer bestätigen sicher Ausnahmen die Regel, aber Forschung und Statistik sprechen eine ziemlich eindeutige Sprache. Die Rückfallrate ohne medikamentöse und auch psychotherapeutische Begleitung ist immens hoch. Es wird im Zusammenhang mit der bipolaren Störung nicht von Heilung gesprochen. Sondern von einer möglichst langfristigen Stabilisierung der Stimmungslage durch Phasenprophylaxe. Mit möglichst selten auftretenden neuen Episoden. Zu einem positiven Verlauf der Erkrankung tragen natürlich in erheblichem (und vielleicht sogar genau so großem oder größeren?) Maße noch diverse andere Faktoren wie Lebensführung, Stressreduktion, etc. bei, über die es bei Zeiten auch einen Artikel geben wird.

Ja, es gibt Cooleres und bestimmt auch Einfacheres, als sich als junger Mensch in der Akzeptanz zu üben, den Rest seines Lebens auf Medikamente angewiesen zu sein. Aber hat ja auch niemand behauptet, dass alles immer cool und einfach wäre. Abgesehen davon gibt es definitiv auch weitaus Schlimmeres. Ich weiß mittlerweile auch ohne Statistik, Forschung und weiße Kittel, was passiert, wenn ich meine Medikamente nicht nehme. Und ich habe nicht vor, diese Antwort jemals wieder herauszufordern.

Ich habe mich nicht für oder gegen ein Medikament entschieden.

Ich habe mich für’s Leben entschieden.

Ja, hier is was faul.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Erwischt.

Auf meinem Handy blinkt eine Push-Nachricht auf, die eine neue E-Mail in meinem Posteingang verkündet. Der Betreff der Nachricht lautet: „Lisa, willst du faul sein oder glücklich?“. Ein Newsletter von einem Youtube-Kanal, den ich abonniert habe und sonst eigentlich echt gut finde. Jetzt fühle ich mich ehrlich gesagt auf frischer Tat ertappt. Weil ich schon seit geraumer Zeit in meinem Bett liege, meine Hände an meiner Kaffeetasse wärme und durch mein Fenster Blickkontakt mit Hamburgs strahlendem Grau halte. Und einfach so vor mich hinglotze. Ich höre keine Musik, ich lese kein Buch, ich schaue keine Serie. Mache einfach nichts. Geschweige denn etwas annähernd Produktives.

Ich glotze einfach nur.

Lizenz zur Langeweile

Und ehrlich gesagt mache ich das schon seit ein paar Tagen so. Es tut gut, keinerlei Reizen ausgesetzt zu sein und der Stille zu lauschen. Außerdem bin ich schon seit einer Woche krank und dementsprechend schlapp. Und dann darf man ja schließlich auch mal faul sein. Oder nicht? Hier geht es aber auch schon los: Brauchen wir immer erst eine Erklärung oder Rechtfertigung für’s Faulsein? Müssen wir uns erst im Außen oder selbst die Erlaubnis erteilen, faul sein zu dürfen? Braucht Aktionslosigkeit immer eine Absolution? Um auf besagte Email zurückzukommen: Kann man nur entweder glücklich ODER faul sein? Entweder sind wir also fleißig und glücklich oder faul und unglücklich. Beides geht nicht oder was? Demnach müsste ich eigentlich gerade ganz schön unglücklich sein. Bin ich aber ehrlich gesagt so ganz und gar nicht. Sollte ich deswegen jetzt ein schlechtes Gewissen haben?

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber auf mich hatte der schlechte Ruf, den Faulheit in unserer Gesellschaft seit jeher zu genießen scheint, lange einen enormen Einfluss. Und um ganz ehrlich zu sein kann ich mich auch heute noch manchmal nicht komplett von dem schlechten Gewissen lösen, das mich manchmal im schönsten Faulheitsflow erwischt. Aber immer öfter. Und trotzdem bin ich irgendwie noch nicht verwahrlost seitdem.

Und wenn wir es schaffen würden, nicht alles schaffen zu wollen?

Allein Sprüche wie „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“ oder „Der frühe Vogel fängt den Wurm“ und sonstige philosophisch wertvolle Redewendungen suggerieren uns von klein auf, dass Fleißigsein gut und Faulsein schlecht ist. Wir leben in einer Gesellschaft, in der Leistungsdruck, Perfektionsstreben und Selbstoptimierung unsere ständigen Begleiter sind. Was nun auch wirklich nichts Neues ist. Besonders schlaue Stimmen sollen ja behaupten, es wäre unsere eigene Entscheidung, ob wir uns all dem beugen und unser Leben danach ausrichten wollen oder halt eben nicht. Stimmt schon. Aber nur weil uns all das nicht zusagt, heißt das noch lange nicht, dass wir uns so mir nichts dir nichts und ohne jegliche Zweifel von etwas lösen können, das ungefähr 95 Prozent der Menschen um uns herum nun mal tun. Weil man es halt so macht. Weil es doch irgendwie alle so zu machen scheinen. Weil es sich bei uns so gehört. Schließlich wollen wir ja etwas leisten. Schaffen. Erreichen. Hinkriegen. Erfolgreich sein. Es zu etwas bringen. Und da ist Faulheit ja bestimmt nicht das Mittel der Wahl.

Wir könnten hier jetzt natürlich erstmal die Definition von „Erfolg“ oder „erfolgreich sein“ genauer unter die Lupe nehmen oder unsere Gesellschaft gnadenlos auseinanderpflücken, aber das möchte ich gar nicht. Zumindest heute nicht. Ich frage mich gerade einfach, ob sich Glück und Faulheit tatsächlich ausschließen und falls nein, wie dann eine friedliche Koexistenz der beiden aussehen könnte.

Ich glaube, dass es hier, wie bei so vielem Anderen, auch mal wieder darum geht, was wohl die Anderen von uns denken mögen, wenn wir faul sind. Ob sie uns dann vielleicht ablehnen. Vielleicht komisch finden, wenn wir faul sind. Oder, noch schlimmer, dass sie vielleicht als erste erkennen, was wir selbst noch gar nicht wissen, nämlich dass wir es tatsächlich sind! Und was dann? Gibt es in unserer Gesellschaft und unserem sozialen Umfeld Platz für eine Affinität zum Abhängen? Verpassen wir dabei vielleicht nicht das Wichtigste?

Darf man das?

Das Problem besteht nicht darin, sich von etwas auszuruhen oder zu erholen. Wenn wir krank sind etwa. Und den ganzen Tag im Bett liegen. Das ist keine Faulheit, das ist Krankheit! Und auch nach getaner Arbeit haben wir es natürlich verdient, uns mal mit ein bisschen Faulheit zu belohnen. Wie gesagt: Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Und wenn wir es dann doch mal wagen sollten und einfach so und ganz ohne Grund dem Faulsein frönen, dann flitzen vor unserem inneren Auge gerne diverse Punkte auf unseren diversen To Do-Listen hin und her, die erledigt werden wollen. In der illusorischen Hoffnung auf den Moment, zu dem wir alle Punkte abgehakt haben werden. Was wir in der Zeit, die wir mit Faulsein vergeudet haben, doch alles hätten schaffen können! Da haben wir das Faulsein ohne Absolution schon gewagt und dann können wir es nicht mal genießen und werden auch noch von einem schlechten Gewissen geplagt.

Leer=Gut.

Und vor lauter schlechtem Gewissen und Selbstvorwürfen übersehen wir dabei bedauerlicherweise all das Potenzial, das sich hinter der eher abtörnenden Fassade von Faulsein und Nichtstun versteckt. Wenn der Geist zur Ruhe kommt. Wenn da plötzlich Platz ist für Ideen und Pläne, die vor lauter Geschäftigkeit und Beschäftigtsein immer nur untergegangen sind und einfach vergessen wurden. Gedanken, die erst aufkommen, wenn sich eine gewisse Leere einstellt, die wir oft als Langeweile missdeuten. Ab hier erledigt unser Kopf den Rest ganz von Alleine. Das menschliche Gehirn ist erwiesenermaßen darauf ausgelegt, nach Stimulation zu streben. Sobald diese durch vorübergehende Reizarmut für eine Weile nicht mehr gegeben ist, begibt es sich emsig auf die Suche und lässt Ideen, Gedanken und Tagträume entstehen. Und mit den Gedanken kommen die Gefühle. Auch die schlechten und schwierigen. Vielleicht einer der Hauptgründe, warum wir unterbewusst sogar Angst vor dem Faulsein haben. Und zwar nicht wegen der Ablehnung im Außen, sondern der Auseinandersetzung mit unserem Innersten. Was uns da im Innen erwartet, wenn nichts mehr im Außen ist.

Muß ich?

Der Zug für die Salonfähigkeit der „Faulheit“ ist zumindest in unserer Gesellschaft schon ein Weilchen abgefahren. Vielleicht können wir uns aber auch einfach selbst bescheißen, indem wir es heimlich und leise durch das Wörtchen „Muße“ ersetzen. Irgendwie klingt das doch fleißiger. Und produktiver. Und auch noch ohne Assoziationen zu vergammelten Äpfeln zu erzeugen. Die wirklich bedeutenden Kunstwerke in der Geschichte der Menschheit entstanden schließlich aus Muße, die der offiziellen Definition nach „eine freie Zeit und innere Ruhe (ist), in der man seinen eigenen Interessen nachgehen kann“.

Meine persönliche Lösung für das ganze Faulheitsfiasko ist eine radikale Akzetanz der Tatsache, dass ich einfach furchtbar gerne faul bin. Und auch gerne oft. Irgendwie möchte ich es auch gar nicht als Muße tarnen, weil sich für mich das Bild eines Menschen, der mit allen vieren von sich gestreckt kaffeeschlürfend im Bett liegt und auf unbestimmte Zeit aus dem Fenster glotzt (nicht dass das die einzige Visualisierung von Faulheit wäre), eigentlich echt ganz gut mit dem Wort Faulheit beschreiben lässt. All den guten Ideen, die dabei kommen mögen, zum Trotz.

Die Königsdisziplin im Faulsein besteht jedoch darin, sich vorher bewusst dafür zu entscheiden. Und ebenso bewusst gegen To-Do-Listen-Tummeln, schlechtes Gewissen und Selbstaufwertung durch Erledigen bis zum Erbrechen.

Ich überlasse den Newsletter mit berüchtigtem Betreff seinem kümmerlichen Dasein in meinem Posteingang. Zusammen mit 13.853 anderen Mails, die ich nach dem Lesen auch alle nicht gelöscht habe.

Weil ich dafür einfach zu faul bin.

An deiner Seite

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Wie im letzten Artikel versprochen, wird es heute um die Schwierigkeiten gehen, die psychische Erkrankungen nicht nur für die Betroffenen selbst, sondern auch für deren Angehörige mit sich bringen. Da ich nur für meine eigene Erkrankung sprechen kann, wird es hier speziell um den Umgang mit depressiven Phasen (der bipolaren Störung) gehen. In naher Zukunft wird dann ebenfalls ein Artikel zu den (hypo)manischen Phasen folgen.

Blaaa.

Sowohl im Internet als auch quer durch fachspezifische Ratgeberliteratur finden sich im Großen und Ganzen mehr oder weniger die gleichen Tipps. Die folgenden sind nur eine Auswahl für einen ersten Eindruck.

1.) Zeigen Sie Verständnis für den Erkrankten.

2.) Nehmen Sie die Erkrankung ernst, aber dramatisieren sie sie nicht.

3.) Informieren Sie sich über die Erkrankung.

4.) Vermitteln Sie dem Betroffenen, dass Hilfe möglich ist und es ihm wieder besser gehen wird.

5.) Unterstützen Sie den Erkrankten darin, sich professionelle Hilfe zu suchen.

6.) Nehmen Sie selbst Hilfe in Anspruch, wenn Sie es brauchen.

7.) Treffen Sie in der akuten Phase keine weittragenden Entscheidungen mit dem Erkrankten.

8.) Erkennen Sie ihre Grenzen und achten Sie auf sich selbst.

9.) Nehmen Sie Ablehnung, die Ihnen der Betroffene eventuell entgegenbringt, nicht persönlich.

10.) Bleiben Sie geduldig.

Puh. Das könnte leichter gesagt als getan sein.

Verständnislos verständnisvoll

Ich denke, dass Verständnis zu zeigen in diversen Lebenslagen und sozialen Beziehungen Voraussetzung für ein auf lange Frist funktionierendes und harmonisches Miteinander ist. Da ist das tröstende „Ich kann so gut verstehen, wie du dich fühlst“ der Mutter, wenn das Kind mit einer heftigen Mandelentzündung im Bett liegt, weil sie es selbst auch schon erlebt hat und genau weiß, wie schmerzhaft und ätzend das ist. Oder das mitfühlende „Ich verstehe dich so gut“ der besten Freundin, weil man gerade eine Trennung hinter sich hat und so gut wie jeder Mensch das Gefühl von Liebeskummer zumindest einmal im Leben schon am eigenen Leib erfahren hat. In Situationen wie diesen können wir echtes Mitgefühl für unsere Mitmenschen aufbringen, weil wir aufgrund ähnlicher Erfahrungen genau das in diesem Moment tun: Mitfühlen. Ein Mitfühlen, das nur dann möglich ist, wenn wir das gleiche Gefühl auch schon einmal gefühlt haben. Wir verstehen es, ohne dass es uns jemand erklären muss.

Niemand, der selbst noch nie auch nur annähernd etwas mit Depressionen zu tun hatte, kann nachvollziehen oder auch nur erahnen, wie sich das anfühlt. Genau so wenig wie wir wissen können, wie es sich anfühlt, querschnittsgelähmt oder blind zu sein, wenn wir es selbst nicht sind. Und wenn wir uns als Angehörige noch so anstrengen…wir werden es nie nachvollziehen können. Und wenn uns die Betroffenen ihre Symptome noch so genau schildern…wir werden es nie verstehen. Weil wir es nicht fühlen. Und das müssen wir auch nicht. Um Verständnis zeigen und vermitteln zu können, müssen wir nicht alles verstehen.

Wir können Verständnis zeigen, indem wir unseren Angehörigen und seine Erkrankung ernst nehmen. Diese als Erkrankung anerkennen. Uns so gut und ausführlich wie möglich über das Krankheitsbild informieren. Uns klar machen, dass Depression eine Erkrankung ist wie es viele andere Krankheiten auch sind und genau so wenig wie eine Grippe oder Diabetes oder Krebs mit Willensstärke überwunden werden kann. Und dass das nichts mit Schwäche zu tun hat… Diese Punkte könnten wir hier noch beliebig erweitern. Letzten Endes führen sie aber alle dazu, dass wir ein gewisses Verständnis entwickeln können für etwas, das wir nicht kennen, das uns verunsichert, das uns Angst macht. Und ob dieses Verständnis echt ist, wird der Betroffene spüren. Und es wird ihm gut tun.

Eben so wenig wie wir als Angehörige die Erkrankung bagatellisieren sollten, sollten wir sie zusätzlich dramatisieren. Abgesehen davon, dass sie sich für den Betroffenen auch so schon definitiv dramatisch genug anfühlt, würde es ihn zusätzlich verunsichern, wenn seine Angehörigen auch noch in Panik ausbrächen. Ängste, Unsicherheiten und Sorgen bezüglich der Erkrankung und des Betroffenen sollten diese idealerweise vorerst mit anderen ihnen nahe stehenden Menschen besprechen.

Wissen ist Macht

Sich ausführlich über die Erkrankung seines Angehörigen zu informieren und damit zu beschäftigen ist meiner Meinung nach einer der wichtigsten Punkte, vor allem zu Beginn. Alles was wir nicht kennen, das große Unbekannte, macht uns Angst. Fühlt sich irgendwie nicht gut an. Wir haben keine Kontrolle darüber. Generell sorgt die Information über die Erkrankung, deren Entstehung, die typischsten Symptome, Behandlungsmöglichkeiten, Prävention, etc. und ein daraus entstehendes Grundwissen sehr oft dafür, dass die Angst etwas kleiner wird. Die Machtlosigkeit weniger überwältigend. Wenn wir als Angehörige beispielsweise wissen, dass Hoffnungslosigkeit und Antriebslosigkeit zu den Hauptsymptomen einer Depression gehören, können wir auch plötzlich verstehen, warum unser Angehöriger alles nur noch schwarz in schwarz sieht, morgens nicht aus dem Bett kommt und auch den Rest des Tages zu nichts zu motivieren ist. Hätten wir dieses Wissen nicht, würden wir (verständlicherweise) vielleicht denken, dass es sich hier um Charaktereigenschaften oder Angewohnheiten wie Pessimismus und Faulheit handelt. Und würden vielleicht (auch verständlicherweise) vom Betroffenen erwarten, dass er sich „endlich mal zusammenreißt“, aufhört zu jammern und sich nicht so gehen lässt. Zumal diese Person sich sonst nie so verhält und wir sie kaum wiedererkennen.

Aber Depression kennt keine Disziplin.

Lächelst du noch oder weinst du schon?

Wir haben Gebrauchsanweisungen für alles. Selbst für Dinge, die so offensichtlich sind, dass wir uns fragen, warum um alles in der Welt sich überhaupt jemand die Mühe gemacht hat, für das Drucken dieses mehr als überflüssigen Textes auch nur einen Tropfen Tinte zu verschwenden geschweige denn diesen in diverse Sprachen übersetzen zu lassen.

Dabei bräuchten wir doch oft viel eher eine Art Gebrauchsanweisung für unsere Mitmenschen. Eine Art „Umgangsanweisung“ sozusagen. Ein Leitfaden, der uns in herausfordernden Phasen einen Weg weist. Gebrauchsanweisungen werden von Experten geschrieben, die das Produkt, um das es geht, in- und auswendig kennen. Ausgehend von dem fertigen, vollendeten Produkt. Sie muss schon vorhanden sein, bevor wir uns an den Aufbau des IKEA Billy-Regals machen. Wenn wir sie als Laien anstelle der Experten und erst während des Aufbauprozesses anstatt bereits davor schreiben würden…es würde uns sicher nicht all zu weit bringen.

Es gibt nicht DIE „Gebrauchsanweisung“ für einen Menschen. Dafür sind wir Menschen viel zu individuell und unterschiedlich. Es gibt auch nicht DIE Gebrauchsanweisung für den Umgang mit der psychischen Erkrankung eines Angehörigen. Es wäre allerdings mal eine Idee, wenn wir als Betroffene eine Art Gebrauchsanweisung für unsere Angehörigen schreiben. Zum Beispiel nach einer überstandenen depressiven Phase. Aufschreiben, was uns in dieser schwierigen Zeit geholfen hat und welchen Umgang wir uns von unseren Mitmenschen in bestimmten Situationen wünschen würden.

Speziell auf die bipolare Störung bezogen wäre es beispielsweise eine gute Möglichkeit, in den symptomfreien Phasen entweder mit unseren Angehörigen zu sprechen oder tatsächlich einmal alles auf Papier zu bringen, damit wir es nicht mehr vergessen. Auch hier kann ich nur von mir und den Erzählungen anderer Betroffener ausgehen, aber auf eine depressive (oder auch hypomane) Phase zurückblickend lässt sich oft viel klarer erkennen und herausarbeiten, was im Falle einer weiteren Phase im Umgang mit den Symptomen und dem Betroffenen zu beachten wäre. Was helfen könnte. Was eher kontraproduktiv wäre. Was zu den No-Gos zählte.

Denn wenn wir während einer Depression erst einmal im Strudel aller negativer Gedanken und Empfindungen gefangen sind, ist unser Blick meist alles andere als klar.

In meinem Umfeld habe ich sehr gute Erfahrungen mit einer offenen Kommunikation gemacht und in „gesunden“ Phasen mit Familie, Freunden und Partnern so viel wie möglich darüber gesprochen, wie es mir geht, wie es sich anfühlt, was mir hilft und was mir nicht hilft, wenn es mir schlecht geht. Und mein Umfeld war sehr dankbar dafür. Bei der nächsten depressiven Phase waren sie besser vorbereitet. Konnten mit manchem besser umgehen. Bezogen weniger auf sich selbst. Waren weniger verletzt. Fühlten sich etwas weniger hilflos. Trotzdem war es deswegen nicht plötzlich leicht. Aber vielleicht ein bisschen leichter.

Vielleicht ist es deswegen keine schlechte Idee, tatsächlich mal eine Art persönliche „Gebrauchsanweisung“ für unsere Angehörigen zu erstellen. Vielleicht könnte sie ja in etwa so aussehen?

Vielleicht…

…kannst du versuchen, Verständnis für meine Situation und mein Empfinden zeigen, auch wenn du all das selbst noch nie erlebt hast und es dir so fremd ist.

…kannst du dich über meine Erkrankung informieren, damit du besser verstehst, woher sie kommt, was dabei in meinem Körper und Kopf passiert, welche Symptome sie hervorruft und wie man mit ihr umgehen kann.

…kannst du mich einfach fragen, ob du mich in den Arm nehmen und festhalten darfst, wenn ich ganz unten bin.

…kannst du kleine Alltagsentscheidungen, wie zum Beispiel die Wahl eines Gerichtes auf einer Speisekarte, für mich übernehmen, wenn das für mich okay ist. Weil mich jegliche Art von Entscheidung gerade überfordert.

…kannst du mir versichern, dass du für mich da bist und nicht gehst. Denn genau davor habe ich gerade panische Angst. Weil ich denke, dass ich für alle eine Last und einfach nur anstrengend bin.

…kannst du mich darin bestärken, mir professionelle Hilfe zu holen und mich eventuell dabei unterstützen, Adressen rauszusuchen, Telefonate zu machen und Termine zu vereinbaren. Denn wenn ich morgens selbst das Zähneputzen nur mit allergrößter Mühe schaffe, kannst du dir vielleicht vorstellen, welch unüberwindbare Hürde diese wichtigen Dinge gerade für mich darstellen.

…kannst du mir immer und immer wieder sagen, dass es nur eine Phase ist. in der ich mich gerade befinde und dass diese wieder vorbeigehen wird. Dass es mir wieder besser gehen wird. Dass Depressionen gut behandelbar sind und mir geholfen werden kann.

…kannst du mich zu einem Therapeutengespräch begleiten, wenn es angeboten wird und wenn ich dich darum bitte.

…kannst du dir selbst Unterstützung holen, wenn du dich mit meiner Erkrankung und der Situation überfordert fühlst.

…kannst du versuchen, mich zumindest zu einem kleinen Spaziergang zu überreden, wenn ich mal wieder den ganzen Tag nicht das Bett oder das Haus verlassen konnte. Lass dich nicht sofort abblocken und versuche, mich davon zu überzeugen, dass mir etwas frische Luft, Bewegung und Tageslicht gut tun werden. Denn das tun sie.

…kannst du mit großen und wichtigen Entscheidungen oder Diskussionen warten, bis es mir wieder besser geht. Mein Denken ist gerade so anders und grau verschleiert, dass ich ziemlich sicher anders entscheiden würde als sonst und das im Nachhinein vielleicht bereuen würde.

…kannst du versuchen, mir die Dinge abzunehmen, die ich gerade einfach nicht schaffe, und mir gleichzeitig vielleicht ein paar einfachere überlassen, damit ich trotzdem das Gefühl habe, ich kann etwas beitragen. Es werden auch wieder Zeiten kommen, in denen ich mehr übernehmen kann.

…kannst du darauf achten, dass du dich selbst in all dem nicht verlierst, indem du trotz allem deine Grenzen kennst und gut für dich sorgst, indem du zum Beispiel weiterhin dein soziales Umfeld pflegst.

…kannst du versuchen, es nicht allzu persönlich zu nehmen, wenn ich abweisend zu dir bin oder es mir nicht allein durch deine Anwesenheit besser geht. Bei meiner Erkrankung hilft Liebe allein nicht, obwohl sie es sonst so oft tut. Es liegt nicht an dir. Ich kann gerade nicht anders.

…kannst du versuchen, nicht immer nach dem Grund zu fragen, wenn ich zum Beispiel mal wieder scheinbar aus dem Nichts anfange zu weinen. Auch wenn es für dich wahrscheinlich schwer nachzuvollziehen ist: Wenn ich depressiv bin, brauche ich keinen Grund zum Traurigsein. Ich bin es einfach. Und das ist für mich genau so schwer zu akzeptieren oder zu verstehen wie für dich.

…kannst du lernen, immer besser mit meiner Erkrankung umzugehen und mit mir einen gemeinsamen Weg des Umgangs finden, der für uns beide funktioniert.

…musst du dir aber auch irgendwann eingestehen, dass du keine Gebrauchsanweisung für einen Menschen brauchen möchtest und dass dir das zu anstrengend ist.

…ist auch das okay.

Schwarzstaub

Das alles mag dem ein oder anderen jetzt vielleicht etwas komisch oder vielleicht sogar lächerlich vorkommen. Wer allerdings schon einmal depressiv war, weiß genau, wovon ich spreche. Das Ausmaß all der Verzerrungen, Verfärbungen und Veränderungen unseres Denkens und Fühlens während einer depressiven Phase ist verheerend. Wie wenig all das nur noch mit unseren eigentlichen Gedanken und Empfindungen zu tun hat ist erstaunlich. Und wie wir diese Kluft jeglicher noch so großer Anstrengung, jeglichen noch so unbedingten Wollens, jeglicher vergeblicher Mühe zum Trotz nicht zu überwinden vermögen bleibt ein Phänomen. Zugänge zu Rationalität und Hoffnungsvermögen bleiben uns verwehrt.

Kennt ihr das Gefühl, wenn sich morgens nach dem Aufwachen noch bruckstückhafte Erinnerungen an eure Träume wie kleine Puzzleteilchen in eurem Kopf tummeln und ihr versucht, sie zu einem Bild zusammenzufügen? Sie zum Greifen nahe sind, ihr die Hand nach ihnen ausstreckt, sie schon beinahe greifen könnt…euer Zeigefinger streift die Oberfläche bereits, ihr streckt mit aller Kraft euren Arm noch weiter aus…und plötzlich zerspringt das Puzzleteil in tausend Einzelstücke, die sich wie kleine Staubpartikelchen im Nichts jeglicher Himmelsrichtungen auflösen.

Ungefähr so fühlt sich die Hoffnungslosigkeit einer Depression an. Unser Verstand weiß, dass es so etwas wie Hoffnung gibt und wir dieses Gefühl kennen und schon erlebt haben. Aber weder unser Geist noch unser Körper kann sie spüren.

In der Naturwissenschaft bezeichnet Schwarzstaub übrigens die ungeklärte Verfärbung von Räumen.

Hält es das aus?

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Und damit meine ich nicht den Ast, an dem die Schaukel hängt…

In Anknüpfung an den letzten Artikel soll es heute mal nicht um die Betroffenen einer bipolaren Störung gehen. Sondern um die Menschen, die ihnen am nächsten stehen. Familie, Freunde, Partner. Denn eine psychische Erkrankung, nicht nur die bipolare sondern jegliche Formen, hat nicht nur diverse Auswirkungen auf die Betroffenen selbst, sondern immer auch unausweichlich auf deren Angehörige. Und diese stellen sowohl die eine als auch die andere Seite vor Herausforderungen von erheblichem Ausmaß.

Diese Thematik ist so umfangreich, dass es schwer fällt, sie einzugrenzen. Außerdem ist sie so sensibel und verletzlich, dass sie einer besonderen Feinfühligkeit bedarf, die ich hoffe, in meinen folgenden Worten wahren zu können. Bevor es im nächsten Artikel um den allgemeinen Umgang mit der Erkrankung in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen gehen wird, vor allem auch nachdem alle Beteiligten durch eine Diagnosestellung wissen, mit was sie es da zu tun haben, möchte ich euch heute einen Eindruck der Zeit lange (über 10 Jahre) vor meiner Diagnose und teilweise auch vor meiner ersten hypomanen Phase geben und welchen Einfluss all das auf unsere Familie hatte.

Je nach Lebensalter und -phase werden unterschiedliche Bereiche des sozialen Umfelds in erster Linie betroffen sein. Bei einem Kind oder jungen Erwachsenen wird das in den meisten Fällen die Familie, die Eltern, die Geschwister, vielleicht Tanten, Onkel oder Großeltern sein. Je nach Qualität und Intensität der familiären Situation aber vielleicht auch eher der eigene Freundeskreis. Im Erwachsenenalter dann oft vermehrt der Lebens- oder Ehepartner und gegebenenfalls die eigenen Kinder.

Erwachsenwerden ist nicht leicht

Bei mir persönlich waren vor allem meine Eltern und jeweiligen Partner betroffen. Irgendwann auch engste Freunde. Heute wird es um meine Familie gehen. Die erste depressive Episode, an die ich mich erinnern kann, erlebte ich mit 14 Jahren. Ich erinnere mich dunkel daran, dass ich jeden morgen aufwachte und einfach nur weinte. Eine diffuse Angst vor Allem hatte. Und so überhaupt gar nicht wusste, was eigentlich los war. Nur, dass ich so noch nie zuvor gefühlt hatte und sich das ganz und gar nicht gut anfühlte. Dass da gerade irgendwas gehörig schief lief. Und ich nicht wusste was. Als ich eines Abends wie ein kleines Kind auf dem Schoß meines Vaters saß und mich mal wieder scheinbar grundlos in Tränen auflöste, versuchte er mich zu trösten und sagte immer wieder, dass Erwachsenwerden nicht leicht sei. Er meinte es gut. Und so versuchten sowohl ich als auch meine Eltern uns meine damals noch relativ selten, aber doch immer wieder auftretenden und aus dem Nichts kommenden Tiefphasen eine gewisse Zeit lang mit den Schwierigkeiten, die so eine Pubertät eben so mit sich bringt, zu erklären. Da war ich ja schließlich nicht die Einzige.

Wenn Liebe an ihre Grenzen stößt

Die erste schwere Depression erwartete mich auf den letzten Metern meines einjährigen Work & Travel-Aufenthalts in Australien, Neuseeland, Bali, Fiji und Singapur (https://tanzzwischendenpolen.com/2019/09/24/nicht-jedem-anfang-wohnt-ein-zauber-inne/). Eben noch über den Wolken geschwebt schlug ich ungebremst auf der Erde auf. Point of no return. Heute weiß ich, dass ich einen Großteil meiner Zeit, die ich alleine auf der anderen Seite der Welt verbrachte, wo ein Abenteuer das nächste jagte, ich zum ersten Mal in meinem Leben exzessiv feierte und trank, und jeden Tag so viel Neues auf mich einstrudelte, dass ich mit dem Verarbeiten überhaupt nicht hinterher kam, in hypomanen Sphären schwebte. Es ist die erste hypomane meines Lebens. Ich kann nicht sicher sagen, ob es sich in meiner Jugend „nur“ um eine unipolare rezidivierende Depression (meine falsche Diagnose über zehn Jahre hinweg) handelte und erst im Alter von 19, als meine Reise zu Ende ging, in die Bipolarität schwappte, oder ob ich es schon immer war. Ich kann mich allerdings an keine hypomanen Phasen davor erinnern. Erinnern kann ich mich allerdings an den Moment, in dem meine Mutter in sich zusammengesackt und mit Tränen in den Augen vor mir saß und sagte, dass sie Angst habe, ihr Kind zu verlieren. Weil keiner mehr Zugang zu mir fand. Ich am allerwenigsten. Es tat mir so weh, sie so hilflos zu sehen. Fühlte mich dabei selbst so hilflos. Und es machte mir eine riesen Angst, als ich realisierte, dass meine Eltern, die mir doch bisher immer in jeder Lebenslage helfen konnten und mich allein durch ihren bedingungslosen Rückhalt und ihre Unterstützung bereits besser fühlen ließen, plötzlich auf Grenzen stießen.

Ich sehe, dass du gerade lügst.

Dass sie eben nicht allmächtig waren. Wie man es als Kind und vielleicht auch junger Erwachsener tatsächlich vermutet, hofft und auch lange glaubt. Dass es selbst durch ihre Anwesenheit, ihre Fürsorge und ihren Trost nicht besser werden würde. Wie es das bei Liebeskummer tat. Oder einem aufgeschürften Knie. Oder einer verkackten Klausur. Dass jede noch so tiefe und bedingungslose Liebe plötzlich einfach nicht mehr reichte. Die Macht, die ihr sonst inne lag, einfach von heute auf morgen komplett verloren hatte. So oft dachte ich in diesen Momenten: „Wenn mir selbst das nicht mehr helfen kann, dann bin ich wirklich verloren. Was soll mir dann noch jemals helfen, um mich wieder besser zu fühlen?“ Es war nicht nur ein Gedanke, es war ein Gefühl. Ein so schwarzes, schweres und hoffnungsloses Gefühl, dass sich an meinen Körper klebte wie ein nasser Neoprenanzug, der viel zu klein war. Den ich mit eigener Kraft nicht ausziehen konnte. Und kein anderer. In meiner tiefsten Verzweiflung fragte ich meine Mama oft wie ein kleines hilfloses Kind, das noch niemals etwas von Selbstvertrauen gehört hatte: „Mama, versprichst du mir, dass das hier vorbeigehen wird?“. Jedes Mal sprachen ihre Lippen das Versprechen aus.

Doch die Sorge in ihrem Blick sprach eine andere Sprache.

Na dann. Prost!

Wie sie gelitten haben mussten, als von dem neugierigen, aufgeregten und lebenshungrigen Kind, das sie vor einem Jahr zum Flughafen gebracht hatten, lediglich eine leere Hülle zurückkam. Wie traurig sie aussahen, als sie den Frühstückstisch im Urlaub kurz nach meiner Ankunft so schön gedeckt und Sekt eingeschenkt hatten, um mit mir auf die Zulassung zu meinem Studium an der Uni Heidelberg anstoßen wollten, die an diesem Tag ankam. Die Zulassung, die ich meiner Mutter zu verdanken hatte, da sich die Immatrikulationsbedingungen geändert hatten, als ich im Ausland war und sie sich um das ganze komplizierte Verfahren gekümmert hatte. So Sorge gehabt hatte, dass sie etwas falsch macht und ich deswegen nicht angenommen werden würde. Jeden Tag über Wochen ganz aufgeregt den Stand auf der Internetseite gecheckt hatte. Voller Erleichterung und Stolz vor mir saß und mir voller aufrichtiger und reiner Freude ihr Sektglas zum Anstoßen entgegenstreckte. Sich in mir kein Gefühl regte. Es hätte mir nicht egaler sein können. Meine Zukunft lag vor mir wir ein endlos tiefes schwarzes Loch, das nur darauf wartete, mich zu verschlingen. Wenn mich bis dahin nicht schon das eben so schwarze Loch meiner Vergangenheit oder meiner Gegenwart erwischt haben würde, versteht sich. Ich hob träge mein Glas und kippte den Sekt in mich rein. Sah die Enttäuschung in ihren Augen. Es tat mir so unfassbar Leid. Ich sollte mich mit ihnen freuen. Ich sollte mich gefälligst freuen! Ich hatte verdammt noch mal allen Grund dazu! Was stimmte denn nicht mit mir??! Sie waren die besten Eltern, die man sich wünschen konnte. Hatten mein Leben lang alles nur erdenkliche für mich getan. Liebten mich so bedingungslos, ganz egal, was ich tat. Unterstützten mich in jeder Lebenslage. Und was tat ich? Ich war einfach nur undankbar. Ich war ein schlechter Mensch. Ich hatte auf ganzer Linie versagt. Der Schmerz, den ich bei diesen Gedanken empfand, war vernichtend. Und endgültig.

Und da schloss sich das Loch über mir.

Rette mich. Wer kann?

Manche Momente brennen sich für immer in unser Gedächtnis. Ohne um Erlaubnis zu bitten.

Ich sitze auf meiner Fensterbank und rauche die dritte Zigarette in Folge. Meine Hände zittern. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal gegessen habe. Allein bei dem Gedanken daran wird mir schlecht. Ich ernähre mich seit Tagen nur noch von Kaffee und Zigaretten. Keine einzige Jeans passt mir mehr. Mein Herz rast. Jede Bewegung kostet mich unendliche Überwindung. Am Horizont zeichnen sich wie durch einen Schleier die Kräne am Hafen ab. Ein Bild, das mich sonst mit einer unbändigen Freude und tiefer Verbundenheit zu meiner Wahlheimat erfüllt. Jetzt sind es einfach nur Kräne. An einem Hafen. In einer Stadt. Einer Stadt irgendwo auf der großen weiten Welt. Ich ziehe an meiner Zigarette und blase den blau-weißen Rauch in die spätsommerliche Abenddämmerung. Mir ist schon ganz schlecht. Ich rauche weiter. In mir ist es leer. Das einzige, was ich zu empfinden im Stande bin, sind tiefste Verzweiflung und eine endgültige, vernichtende Hoffnungslosigkeit. Das einzige, was in meinem Kopf Kreis um Kreis dreht, ist der Gedanke, dass das hier niemals vorbeigehen wird. Gejagt vom nächsten Gedanken, der sagt, dass er all das keine einzige Sekunde länger mehr aushält. Ich schaue auf die Uhr. Halb 7. Hinter mir liegt ein Tag, der sich anfühlt wie ein Jahr. Bald ist Nacht und ich habe panische Angst davor. Weil ich wieder nicht schlafen werde und die Gedanken noch erbarmungsloser auf mich niederprasseln werden. Ich bin mir sicher, dass da kein Licht am Ende des Tunnels ist. Nein, ich weiß es. Egal, was die anderen sagen. Die haben keine Ahnung. Sagen es, um mich zu beruhigen. Woher wollen sie es denn wissen? Es ist einfach nur schwarz. Alles was war, alles was ist, alles was kommt. Meine Seele schreit und windet sich und findet schon seit Monaten keinen Moment der Ruhe. Sie kann nicht mehr. Ich will einfach nur aus meinem Körper heraus, ihm und all diesen Gedanken, den Schmerzen, der Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung entfliehen.

Ich kann nicht mehr. Und damit bin ich nicht alleine.

Es war die Hilflosigkeit in ihrem Blick. Die Angst in ihrem Gesicht. Das Zittern in ihrer Stimme, als sie mich anflehte, mir endlich Hilfe zu holen. Eine noch nie da gewesene Unbeholfenheit, als sie mich zum Abschied umarmte und in der Sicherheitskontrolle verschwand. Zum ersten Mal in meinem Leben drehte sie sich nicht nochmal um. Ich wusste, dass sie weinte. Und ich wusste, dass ein Punkt erreicht war, an dem sie mir nicht mehr helfen konnte. Ganz egal, was sie tat. Ganz egal, wie sehr sie es versuchte. Ganz egal, wie sehr sie mich liebte. Ich wusste, dass mir niemand mehr helfen konnte. Dass nur noch ich mir selbst helfen konnte. Und genau hier lag das Problem.

Unten auf der Straße streiten sich zwei Kinder um ihr Eis. Die Welt dreht sich einfach so weiter. Als wäre nichts passiert.

Mehr als alles andere weiß ich, dass ich ich mir nicht mehr selbst helfen kann. Dass ich am Ende bin. In jeglicher Hinsicht. Ich habe komplett die Kontrolle verloren. Über meinen Körper, meinen Geist, all meine Empfindungen, Erinnerungen, Gefühle und Gedanken. Ich baumele wie eine leblose Marionette schlaff an einem seidenen Faden, der nicht dem leisesten Windhauch mehr standhalten wird. Die Erkenntnis dieser absoluten Machtlosigkeit und des Verlusts jeglicher Einflussnahme auf all das, was da gerade mit mir geschieht, trifft mich mit einer Wucht, die alles andere in den Schatten stellt. Und dann, plötzlich, ist es da.

Das Gefühl, das in rasender Geschwindigkeit bis in den allerletzten Winkel meines Körpers kriecht, kann ich nicht sofort einordnen. Es ist so überwältigend, dass mir die Luft wegbleibt.

Ich hätte niemals für möglich gehalten, dass ich mich jemals in meinem Leben so einsam und verloren fühlen würde. So unfassbar alleine. Dass da Grenzen waren, an die selbst die größte und bedingungsloseste Liebe stoßen würde. Dass jeglicher Zuspruch, Trost und Rückhalt, jede nur erdenkliche Unterstützung an mir abprallen würde, als hätte es sie nie gegeben. Dass nichts mehr mich erreichen könnte.

Mittlerweile ist es dunkel geworden. Ich sitze immer noch auf meiner Fensterbank. Aus der Ferne leuchten mir die Lichter des Hafens entgegen und machen den Himmel darüber ein kleines bisschen hell. Drum herum ist alles schwarz.

Und da weiß ich, dass ich Hilfe brauche. Ich bete zu Gott, dass ich sie schnell bekomme.

Zu einem Gott, an den ich schon lange nicht mehr glaube.

Gemutlich hier.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

„Ihr Ziel befindet sich auf der anderen Seite.“

Das Interessante ist, dass ich manchmal einen Artikel anfange, den ich vorher schon mehrmals im Kopf durchgegangen bin und das Thema sowie den Aufbau ganz klar vor mir habe. Manchmal läuft das dann auch einfach so durch, fertig, hochladen. Oft ist es allerdings auch so, dass ich mit einer bestimmten Idee im Kopf anfange zu schreiben und sich während des Schreibens eine ganz andere Thematik als viel interessanter, relevanter oder einfach passender entwickelt. Ich greife sie auf, der Text nimmt direkt die nächste Ausfahrt, obwohl das Navi eigentlich die übernächste geplant hatte, und am Ende hat der Artikel nicht mehr viel mit dem eigentlichen Plan zu tun. Selbst das Bild, das ich vielleicht am Anfang schon ausgesucht und hochgeladen hatte, passt nicht mehr und muss nochmal ausgetauscht werden. Ich finde diese Eigendynamik, die ein Text entwickeln kann und auch die verschiedenen Phasen eines Schreibprozesses, zu dem übrigens Schreibblockaden genau so gehören, ganz schön spannend und faszinierend.

Ganz gleich, ob es sich nun um das Schreiben eines Textes oder etwas ganz anderes handelt…um eine gewisse Eigendynamik entstehen zu lassen, dürfen wir nicht zu sehr festhalten, müssen wir uns von dem wohligen Gefühl der Kontrolle und Sicherheit lösen und darauf vertrauen, dass sich das Ganze schon in eine gute Richtung entwickeln wird. Einen sicheren Hafen zu verlassen mag den einen mehr, den anderen weniger aus seiner Komfortzone schubsen und uns dementsprechend mehr oder weniger Mut abverlangen. Um diese ganz besondere Eigenschaft, die meiner Meinung nach oft stark unterschätzt wird, soll es hier heute gehen. Eine kleine Anmerkung vorweg: Aus Gründen der Lesbarkeit werde ich in diesem und auch allen meinen anderen Blogartikeln auf das Gendern verzichten.

Tut Mut gut?

Im letzten Artikel ging es um die guten und eigentlich immer gleichen Wünsche für’s neue Jahr. Gesundheit, Glück, Zufriedenheit, Erfolg…eigentlich wollte ich an diesem Tag bereits zum Thema Mut schreiben. Und irgendwie ging es dann doch in Richtung Gesundheit. Die meisten Menschen würden vermutlich bestätigen, dass Mut bei Weitem nicht so wichtig ist wie Gesundheit. Oder Glück. Oder Erfolg. Aber hängt nicht irgendwie alles davon zusammen? Bedingt sich nicht sogar ab und an gegenseitig? Können wir glücklich sein oder werden, wenn wir nicht den Mut aufbringen, unser Glück selbst in die Hand zu nehmen? Werden wir erfolgreich sein, wenn wir nicht den Mut haben, unser Ziel gegen alle Widrigkeiten und allen Zweifeln zum Trotz weiter zu verfolgen, egal, was die anderen denken? Wie lange bleibt uns unsere Gesundheit erhalten, wenn wir uns aus Angst vor Ablehnung nie trauen, unseren Bedürfnissen nachzugeben und gut für uns zu sorgen, weil das bedeuten würde, auch mal Nein zu sagen, sich abzugrenzen und damit eventuell jemanden vor den Kopf zu stoßen?

Alles auf Angst

In diversen Definitionsansätzen von Mut taucht immer wieder das Wörtchen Sicherheit auf. Mutig sei der, der es wagt, sich in Situationen zu begeben, die mit einer gewissen Unsicherheit, also einer Abwesenheit von Sicherheit, verbunden sind. Wir Menschen mögen es nicht, wenn eines unserer Grundbedürfnisse in Abwesenheit glänzt. Ehrlich gesagt macht es uns sogar eine scheiß Angst. Alles, was wir nicht kennen, alles, was neu ist, widerstrebt uns erst einmal. In unserer ganz persönlichen Komfortzone haben wir es uns kuschelig gemütlich eingerichtet und fühlen uns pudelwohl. Da kann uns nichts passieren. Glauben wir. Ein trügerischer Gedankengang, der das unfreiwillige Verlassen der Komfortzone nicht mit einkalkuliert. Die uns allen wohl bekannte Aussage, dass wahres Wachstum und Chance auf Weiterentwicklung erst außerhalb unserer Komfortzone auf uns warten, ignorieren wir erfolgreich. Wir hangeln uns von Wochenende zu Wochenende, können uns vor lauter schlechter Laune beim Gedanken an die neue Woche nicht mal mehr auf den Tatort Sonntagabends konzentrieren, gehen jeden Tag mit Bauchschmerzen zur Arbeit und sehnen den Freitagnachmittag schon herbei, bevor der Montag überhaupt angefangen hat. Dann ist irgendwann zum Glück das Wochenende da, an dem wir uns gerne mal so richtig schön voll laufen lassen oder anderweitig zuballern, um den aufgestauten Frust und die Erschöpfung der Woche wegzuspülen. Wenn wir mit Familie, Freunden und Bekannten über die Arbeit sprechen, schmettern wir leidenschaftlich Hasstiraden auf unseren Chef, die Arbeitskollegen, unser Gehalt und die Inhalte unseres Jobs.

Eigentlich liegt die Lösung auf der Hand: Ein neuer Job muss her. Und zwar schnell. Doch so beschissen unser Job auch sein mag, wenigstens wissen wir, dass er beschissen ist. So viel ist sicher. Und selbst eine beschissene Sicherheit fühlt sich wohl oft besser an als die überwältigende Angst, uns ohne jegliche Aussicht auf Erfolg ins Universum des Unbekannten zu schießen. Diese Angst und das Leid, das mit manchen Lebenssituationen für uns einhergeht, liefern sich einen erbitterten Kampf. Viel zu oft geht die Angst in Führung. Auch wenn das Leid noch so groß sein mag.

Aus Liebe zu Mut

Was sich im Berufsleben abzeichnet, lässt sich auch in diversen anderen Lebensbereichen wiederfinden. Die Angst, keinen passenden Partner mehr zu finden, für den Rest unseres Lebens alleine zu bleiben und ganz furchtbar einsam und alleine zu sterben, ist mittlerweile kein Phänomen mehr, das der älteren Generation vorbehalten ist. Leider. Die grenzenlose Angst vor dem Alleine sein. Wir sind nicht glücklich oder vielleicht sehr unglücklich in einer Beziehung und bringen trotzdem nicht den Mut auf, uns von diesem Partner zu lösen, der weder zu uns passt noch uns gut tut. Wir haben ja schließlich keine Garantie, dass es da draußen überhaupt jemand Besseren gibt. Dass es beim Nächsten vielleicht nicht sogar noch schlimmer wird. Vielleicht sollten wir uns einfach mal zusammen reißen und nicht so hohe Ansprüche haben. Obwohl sie eigentlich immer noch zu niedrig sind. Frei nach dem Motto „Lieber gemeinsam unglücklich als alleine unglücklich!“.

„Alleine glücklich“ scheint oft überhaupt keine Option zu sein. Wo wären wir, hätten wir den Mut, darauf zu vertrauen, dass es da draußen nicht nur einen, sondern sogar mehrere Menschen gibt, mit denen wir eine glückliche Partnerschaft führen könnten? Was würde es mit uns machen, hätten wir den Mut, den Gedanken, was denn passieren würde, wenn dem eben nicht so sei, einmal zu Ende zu denken? Ganz zu Ende. Wo stünden wir, hätten wir den Mut, zu erkennen, dass wir bereits vollständig sind und wir nur dann eine wirklich erfüllende Partnerschaft führen können, die unser Glück noch steigern kann, wenn wir selbst bereits eine gewisse Grundzufriedenheit und ein gesundes Selbstwertgefühl ins uns tragen. Was würde sich ändern, hätten wir den Mut, zu akzeptieren, dass wir uns die Partnerin oder den Partner weder backen noch erzwingen können und die Welt erstaunlicherweise selbst dann nicht untergeht, wenn wir unseren Weg erstmal ohne partnerschaftliche Begleitung beschreiten. Dankbar sind für alle anderen wunderbaren Wegbegleiter, mit denen wir zwar nicht das Bett, aber unser Leben teilen. Wissen, dass wir selbst immer da sind. Vertrauen. In uns selbst, unsere Unabhängigkeit, Selbstwirksamkeit und Autonomie.

Was uns niemand nehmen kann. Und auch auch niemand anderes geben.

Wie viel können wir uns zumuten?

Nicht nur in Arbeitsleben und Partnerschaft kann die Tugend des Mutes eine große Rolle einnehmen. Wenn wir genau hinsehen, versteckt sie sich in all unseren Lebensbereichen. Und meist tut sie das in Begleitung ihres Opponenten, der Angst. Und unsere Angst ist groß.

Angst vor Ablehnung.

Angst vor dem Scheitern.

Angst zu versagen.

Angst vor Verlust.

Angst vor dem Loslassen.

Angst vor dem Ungewissen.

Angst vor unseren Gefühlen.

Angst vor Veränderung.

Angst vor der Stille.

Angst vor dem Alleinsein.

Angst vor Verletzung.

Wir könnten die Liste beliebig weiterführen. Ganz gleich um welche Art von Angst es sich handeln mag, sie kann so überwältigend sein, dass wir es nicht wagen, nach der Hand zu greifen, die uns der Mut von der anderen Seite der Schlucht entgegenstreckt. Wir sehen klar und deutlich, wie schön und hell es auf der anderen Seite zu sein scheint. Doch die Schönheit, die wir nur erahnen können, steht nicht in Relation mit der unberechenbaren Gefahr des Sturzes in eine bodenlose Tiefe. Wenn wir auf unserer Seite bleiben, sind wir sicher vor dem Absturz. Und nehmen die dunklen Wolken in Kauf, die sich von hinten unaufhaltsam nähern.

Mutiviert ins neue Jahr

Keiner kann uns zwingen, unseren Ängsten ins Gesicht zu lachen. Wir können unser Leben auch leben, ohne je etwas zu wagen. Und damit auch sehr glücklich werden. Oder aber wir geben unserem Mut die Chance, sich zu beweisen. Obwohl wir Angst haben. Und werden damit vielleicht noch glücklicher.

Wir haben die Wahl.

Lasst uns den Mut haben, so zu sein, wie wir sind und uns nicht zu verstellen. Weil wir nicht jedem gefallen müssen. Und können.

Lasst uns den Mut haben, unserer Angst vor dem Versagen den Wind aus den Segeln zu nehmen, indem wir für uns den Begriff des Scheiterns neu definieren. Uns zu fragen, wie stabil ein Selbstwertgefühl ist, das ausschließlich auf Perfektion und Erfolg gründet. Was bedeutet Erfolg für uns? Sind wir erst dann gut genug, wenn wir etwas geleistet oder erreicht haben? Was überhaupt verstehen wir unter Leistung und Errungenschaften?

Lasst uns den Mut haben, zu akzeptieren, dass wir keine Macht über die meisten Verluste im Leben haben und dem Hier und Jetzt mit Dankbarkeit und Wertschätzung begegnen. Denn es ist das einzige, was wir haben.

Lasst uns den Mut zum Loslassen von Vergangenem haben. Ohne Verbitterung und Reue zu erkennen, dass etwas vielleicht nicht als „zu Ende gegangen“, sondern einfach als „erfüllt“ betrachtet werden kann. Und weiterziehen darf. Lasst uns Mut zu sanfter Wehmut haben.

Lasst uns den Mut haben, Ungewissheit zu ertragen und uns auf die Chancen konzentrieren, die in ihr liegen. Nicht die Gefahren .

Lasst uns den Mut haben, uns Zugang zu unseren Gefühlen zu gewähren. Den leichten wie den schweren. Den angenehmen und den unangenehmen. Mit der Gewissheit, dass wir sie aushalten können. Dass sie unser Menschsein erst zu etwas Besonderem machen und unserem Dasein Sinn verleihen.

Lasst uns den Mut haben, zu ändern, was uns nicht gut tut oder nicht mehr passt. Auf die Gefahr hin, dass das Nächste nicht direkt besser sein wird. In der Hoffnung, dass es früher oder später gut werden wird. Dass die Entscheidung dafür und die Umsetzung einer Veränderung bereits der erste Schritt dorthin ist. Darum wissend, dass die einzige Konstante im Leben die Veränderung ist.

Lasst uns den Mut haben, Stille zuzulassen, auch wenn sie im ersten Moment ohrenbetäubend schein mag. Uns einmal anzuschauen, was da eigentlich in uns ist. Dem wir sonst weder Raum noch Zeit einräumen. Nein zu sagen. Zur ständigen Ablenkung, sozialem Stress, Hektik, übertriebener Geschäftigkeit, Wichtigtuerei und Reizüberflutung, mit der wir uns erfolgreich und manchmal Zeit unseres Lebens von dem ablenken, was wirklich zählt. Was wir wirklich wollen. Wer wir wirklich sind.

Lasst uns den Mut haben, uns wieder und wieder zu öffnen, uns einzulassen und Vertrauen zu fassen. Die Oberfläche zur Seite zu schaufeln, um die Entstehung von echter und tiefer Verbundenheit zu ermöglichen. Nicht vorsichtshalber schnell wegzulaufen, sobald etwas verbindlich und wichtig wird. Uns nicht zu verstellen oder unsere Bedürfnisse hintenanzustellen, nur um jemandem zu gefallen oder nicht zu kompliziert und anspruchsvoll zu scheinen. Auf die Gefahr hin, dass wir ohne Vorwarnung fallen gelassen, verlassen oder einfach ersetzt werden. Dass wir vernichtenden Schmerz empfinden werden. Dass auch dieser vorbeigehen wird. Dadurch nicht an uns selbst zu zweifeln. Uns als Mensch nicht infrage zu stellen. Bei uns zu bleiben und klar zu unterscheiden zwischen dem, was mit uns zu tun hat und dem, was einzig und allein beim anderen liegt. Aus Ersterem zu lernen und aus Zweiterem nicht zu schließen, dass wir nicht gut genug sind. In Betracht zu ziehen, dass die andere Person schlichtweg nicht gut genug für uns war. Auch das zu verzeihen. Weiterzugehen.

Lasst uns den Mut haben, die Kunst des Alleinseins zu erlernen. Sicherzustellen, dass wir es nicht mit Einsamkeit verwechseln. Sein Potenzial zu erkennen und für uns zu nutzen. Um irgendwann festzustellen, dass wir nie wieder einsam sein müssen, wenn wir in uns ruhen.

Weil wir uns immer auf uns selbst verlassen können. Weil wir immer da sind.

Weil wir der einzige Mensch sind, bei dem wir nicht die Wahl haben, ob wir unser restliches Leben mit ihm verbringen wollen oder nicht.

Und das erfordert ganz schön viel Mut.