Ja, hier is was faul.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Erwischt.

Auf meinem Handy blinkt eine Push-Nachricht auf, die eine neue E-Mail in meinem Posteingang verkündet. Der Betreff der Nachricht lautet: „Lisa, willst du faul sein oder glücklich?“. Ein Newsletter von einem Youtube-Kanal, den ich abonniert habe und sonst eigentlich echt gut finde. Jetzt fühle ich mich ehrlich gesagt auf frischer Tat ertappt. Weil ich schon seit geraumer Zeit in meinem Bett liege, meine Hände an meiner Kaffeetasse wärme und durch mein Fenster Blickkontakt mit Hamburgs strahlendem Grau halte. Und einfach so vor mich hinglotze. Ich höre keine Musik, ich lese kein Buch, ich schaue keine Serie. Mache einfach nichts. Geschweige denn etwas annähernd Produktives.

Ich glotze einfach nur.

Lizenz zur Langeweile

Und ehrlich gesagt mache ich das schon seit ein paar Tagen so. Es tut gut, keinerlei Reizen ausgesetzt zu sein und der Stille zu lauschen. Außerdem bin ich schon seit einer Woche krank und dementsprechend schlapp. Und dann darf man ja schließlich auch mal faul sein. Oder nicht? Hier geht es aber auch schon los: Brauchen wir immer erst eine Erklärung oder Rechtfertigung für’s Faulsein? Müssen wir uns erst im Außen oder selbst die Erlaubnis erteilen, faul sein zu dürfen? Braucht Aktionslosigkeit immer eine Absolution? Um auf besagte Email zurückzukommen: Kann man nur entweder glücklich ODER faul sein? Entweder sind wir also fleißig und glücklich oder faul und unglücklich. Beides geht nicht oder was? Demnach müsste ich eigentlich gerade ganz schön unglücklich sein. Bin ich aber ehrlich gesagt so ganz und gar nicht. Sollte ich deswegen jetzt ein schlechtes Gewissen haben?

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber auf mich hatte der schlechte Ruf, den Faulheit in unserer Gesellschaft seit jeher zu genießen scheint, lange einen enormen Einfluss. Und um ganz ehrlich zu sein kann ich mich auch heute noch manchmal nicht komplett von dem schlechten Gewissen lösen, das mich manchmal im schönsten Faulheitsflow erwischt. Aber immer öfter. Und trotzdem bin ich irgendwie noch nicht verwahrlost seitdem.

Und wenn wir es schaffen würden, nicht alles schaffen zu wollen?

Allein Sprüche wie „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“ oder „Der frühe Vogel fängt den Wurm“ und sonstige philosophisch wertvolle Redewendungen suggerieren uns von klein auf, dass Fleißigsein gut und Faulsein schlecht ist. Wir leben in einer Gesellschaft, in der Leistungsdruck, Perfektionsstreben und Selbstoptimierung unsere ständigen Begleiter sind. Was nun auch wirklich nichts Neues ist. Besonders schlaue Stimmen sollen ja behaupten, es wäre unsere eigene Entscheidung, ob wir uns all dem beugen und unser Leben danach ausrichten wollen oder halt eben nicht. Stimmt schon. Aber nur weil uns all das nicht zusagt, heißt das noch lange nicht, dass wir uns so mir nichts dir nichts und ohne jegliche Zweifel von etwas lösen können, das ungefähr 95 Prozent der Menschen um uns herum nun mal tun. Weil man es halt so macht. Weil es doch irgendwie alle so zu machen scheinen. Weil es sich bei uns so gehört. Schließlich wollen wir ja etwas leisten. Schaffen. Erreichen. Hinkriegen. Erfolgreich sein. Es zu etwas bringen. Und da ist Faulheit ja bestimmt nicht das Mittel der Wahl.

Wir könnten hier jetzt natürlich erstmal die Definition von „Erfolg“ oder „erfolgreich sein“ genauer unter die Lupe nehmen oder unsere Gesellschaft gnadenlos auseinanderpflücken, aber das möchte ich gar nicht. Zumindest heute nicht. Ich frage mich gerade einfach, ob sich Glück und Faulheit tatsächlich ausschließen und falls nein, wie dann eine friedliche Koexistenz der beiden aussehen könnte.

Ich glaube, dass es hier, wie bei so vielem Anderen, auch mal wieder darum geht, was wohl die Anderen von uns denken mögen, wenn wir faul sind. Ob sie uns dann vielleicht ablehnen. Vielleicht komisch finden, wenn wir faul sind. Oder, noch schlimmer, dass sie vielleicht als erste erkennen, was wir selbst noch gar nicht wissen, nämlich dass wir es tatsächlich sind! Und was dann? Gibt es in unserer Gesellschaft und unserem sozialen Umfeld Platz für eine Affinität zum Abhängen? Verpassen wir dabei vielleicht nicht das Wichtigste?

Darf man das?

Das Problem besteht nicht darin, sich von etwas auszuruhen oder zu erholen. Wenn wir krank sind etwa. Und den ganzen Tag im Bett liegen. Das ist keine Faulheit, das ist Krankheit! Und auch nach getaner Arbeit haben wir es natürlich verdient, uns mal mit ein bisschen Faulheit zu belohnen. Wie gesagt: Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Und wenn wir es dann doch mal wagen sollten und einfach so und ganz ohne Grund dem Faulsein frönen, dann flitzen vor unserem inneren Auge gerne diverse Punkte auf unseren diversen To Do-Listen hin und her, die erledigt werden wollen. In der illusorischen Hoffnung auf den Moment, zu dem wir alle Punkte abgehakt haben werden. Was wir in der Zeit, die wir mit Faulsein vergeudet haben, doch alles hätten schaffen können! Da haben wir das Faulsein ohne Absolution schon gewagt und dann können wir es nicht mal genießen und werden auch noch von einem schlechten Gewissen geplagt.

Leer=Gut.

Und vor lauter schlechtem Gewissen und Selbstvorwürfen übersehen wir dabei bedauerlicherweise all das Potenzial, das sich hinter der eher abtörnenden Fassade von Faulsein und Nichtstun versteckt. Wenn der Geist zur Ruhe kommt. Wenn da plötzlich Platz ist für Ideen und Pläne, die vor lauter Geschäftigkeit und Beschäftigtsein immer nur untergegangen sind und einfach vergessen wurden. Gedanken, die erst aufkommen, wenn sich eine gewisse Leere einstellt, die wir oft als Langeweile missdeuten. Ab hier erledigt unser Kopf den Rest ganz von Alleine. Das menschliche Gehirn ist erwiesenermaßen darauf ausgelegt, nach Stimulation zu streben. Sobald diese durch vorübergehende Reizarmut für eine Weile nicht mehr gegeben ist, begibt es sich emsig auf die Suche und lässt Ideen, Gedanken und Tagträume entstehen. Und mit den Gedanken kommen die Gefühle. Auch die schlechten und schwierigen. Vielleicht einer der Hauptgründe, warum wir unterbewusst sogar Angst vor dem Faulsein haben. Und zwar nicht wegen der Ablehnung im Außen, sondern der Auseinandersetzung mit unserem Innersten. Was uns da im Innen erwartet, wenn nichts mehr im Außen ist.

Muß ich?

Der Zug für die Salonfähigkeit der „Faulheit“ ist zumindest in unserer Gesellschaft schon ein Weilchen abgefahren. Vielleicht können wir uns aber auch einfach selbst bescheißen, indem wir es heimlich und leise durch das Wörtchen „Muße“ ersetzen. Irgendwie klingt das doch fleißiger. Und produktiver. Und auch noch ohne Assoziationen zu vergammelten Äpfeln zu erzeugen. Die wirklich bedeutenden Kunstwerke in der Geschichte der Menschheit entstanden schließlich aus Muße, die der offiziellen Definition nach „eine freie Zeit und innere Ruhe (ist), in der man seinen eigenen Interessen nachgehen kann“.

Meine persönliche Lösung für das ganze Faulheitsfiasko ist eine radikale Akzetanz der Tatsache, dass ich einfach furchtbar gerne faul bin. Und auch gerne oft. Irgendwie möchte ich es auch gar nicht als Muße tarnen, weil sich für mich das Bild eines Menschen, der mit allen vieren von sich gestreckt kaffeeschlürfend im Bett liegt und auf unbestimmte Zeit aus dem Fenster glotzt (nicht dass das die einzige Visualisierung von Faulheit wäre), eigentlich echt ganz gut mit dem Wort Faulheit beschreiben lässt. All den guten Ideen, die dabei kommen mögen, zum Trotz.

Die Königsdisziplin im Faulsein besteht jedoch darin, sich vorher bewusst dafür zu entscheiden. Und ebenso bewusst gegen To-Do-Listen-Tummeln, schlechtes Gewissen und Selbstaufwertung durch Erledigen bis zum Erbrechen.

Ich überlasse den Newsletter mit berüchtigtem Betreff seinem kümmerlichen Dasein in meinem Posteingang. Zusammen mit 13.853 anderen Mails, die ich nach dem Lesen auch alle nicht gelöscht habe.

Weil ich dafür einfach zu faul bin.

An deiner Seite

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Wie im letzten Artikel versprochen, wird es heute um die Schwierigkeiten gehen, die psychische Erkrankungen nicht nur für die Betroffenen selbst, sondern auch für deren Angehörige mit sich bringen. Da ich nur für meine eigene Erkrankung sprechen kann, wird es hier speziell um den Umgang mit depressiven Phasen (der bipolaren Störung) gehen. In naher Zukunft wird dann ebenfalls ein Artikel zu den (hypo)manischen Phasen folgen.

Blaaa.

Sowohl im Internet als auch quer durch fachspezifische Ratgeberliteratur finden sich im Großen und Ganzen mehr oder weniger die gleichen Tipps. Die folgenden sind nur eine Auswahl für einen ersten Eindruck.

1.) Zeigen Sie Verständnis für den Erkrankten.

2.) Nehmen Sie die Erkrankung ernst, aber dramatisieren sie sie nicht.

3.) Informieren Sie sich über die Erkrankung.

4.) Vermitteln Sie dem Betroffenen, dass Hilfe möglich ist und es ihm wieder besser gehen wird.

5.) Unterstützen Sie den Erkrankten darin, sich professionelle Hilfe zu suchen.

6.) Nehmen Sie selbst Hilfe in Anspruch, wenn Sie es brauchen.

7.) Treffen Sie in der akuten Phase keine weittragenden Entscheidungen mit dem Erkrankten.

8.) Erkennen Sie ihre Grenzen und achten Sie auf sich selbst.

9.) Nehmen Sie Ablehnung, die Ihnen der Betroffene eventuell entgegenbringt, nicht persönlich.

10.) Bleiben Sie geduldig.

Puh. Das könnte leichter gesagt als getan sein.

Verständnislos verständnisvoll

Ich denke, dass Verständnis zu zeigen in diversen Lebenslagen und sozialen Beziehungen Voraussetzung für ein auf lange Frist funktionierendes und harmonisches Miteinander ist. Da ist das tröstende „Ich kann so gut verstehen, wie du dich fühlst“ der Mutter, wenn das Kind mit einer heftigen Mandelentzündung im Bett liegt, weil sie es selbst auch schon erlebt hat und genau weiß, wie schmerzhaft und ätzend das ist. Oder das mitfühlende „Ich verstehe dich so gut“ der besten Freundin, weil man gerade eine Trennung hinter sich hat und so gut wie jeder Mensch das Gefühl von Liebeskummer zumindest einmal im Leben schon am eigenen Leib erfahren hat. In Situationen wie diesen können wir echtes Mitgefühl für unsere Mitmenschen aufbringen, weil wir aufgrund ähnlicher Erfahrungen genau das in diesem Moment tun: Mitfühlen. Ein Mitfühlen, das nur dann möglich ist, wenn wir das gleiche Gefühl auch schon einmal gefühlt haben. Wir verstehen es, ohne dass es uns jemand erklären muss.

Niemand, der selbst noch nie auch nur annähernd etwas mit Depressionen zu tun hatte, kann nachvollziehen oder auch nur erahnen, wie sich das anfühlt. Genau so wenig wie wir wissen können, wie es sich anfühlt, querschnittsgelähmt oder blind zu sein, wenn wir es selbst nicht sind. Und wenn wir uns als Angehörige noch so anstrengen…wir werden es nie nachvollziehen können. Und wenn uns die Betroffenen ihre Symptome noch so genau schildern…wir werden es nie verstehen. Weil wir es nicht fühlen. Und das müssen wir auch nicht. Um Verständnis zeigen und vermitteln zu können, müssen wir nicht alles verstehen.

Wir können Verständnis zeigen, indem wir unseren Angehörigen und seine Erkrankung ernst nehmen. Diese als Erkrankung anerkennen. Uns so gut und ausführlich wie möglich über das Krankheitsbild informieren. Uns klar machen, dass Depression eine Erkrankung ist wie es viele andere Krankheiten auch sind und genau so wenig wie eine Grippe oder Diabetes oder Krebs mit Willensstärke überwunden werden kann. Und dass das nichts mit Schwäche zu tun hat… Diese Punkte könnten wir hier noch beliebig erweitern. Letzten Endes führen sie aber alle dazu, dass wir ein gewisses Verständnis entwickeln können für etwas, das wir nicht kennen, das uns verunsichert, das uns Angst macht. Und ob dieses Verständnis echt ist, wird der Betroffene spüren. Und es wird ihm gut tun.

Eben so wenig wie wir als Angehörige die Erkrankung bagatellisieren sollten, sollten wir sie zusätzlich dramatisieren. Abgesehen davon, dass sie sich für den Betroffenen auch so schon definitiv dramatisch genug anfühlt, würde es ihn zusätzlich verunsichern, wenn seine Angehörigen auch noch in Panik ausbrächen. Ängste, Unsicherheiten und Sorgen bezüglich der Erkrankung und des Betroffenen sollten diese idealerweise vorerst mit anderen ihnen nahe stehenden Menschen besprechen.

Wissen ist Macht

Sich ausführlich über die Erkrankung seines Angehörigen zu informieren und damit zu beschäftigen ist meiner Meinung nach einer der wichtigsten Punkte, vor allem zu Beginn. Alles was wir nicht kennen, das große Unbekannte, macht uns Angst. Fühlt sich irgendwie nicht gut an. Wir haben keine Kontrolle darüber. Generell sorgt die Information über die Erkrankung, deren Entstehung, die typischsten Symptome, Behandlungsmöglichkeiten, Prävention, etc. und ein daraus entstehendes Grundwissen sehr oft dafür, dass die Angst etwas kleiner wird. Die Machtlosigkeit weniger überwältigend. Wenn wir als Angehörige beispielsweise wissen, dass Hoffnungslosigkeit und Antriebslosigkeit zu den Hauptsymptomen einer Depression gehören, können wir auch plötzlich verstehen, warum unser Angehöriger alles nur noch schwarz in schwarz sieht, morgens nicht aus dem Bett kommt und auch den Rest des Tages zu nichts zu motivieren ist. Hätten wir dieses Wissen nicht, würden wir (verständlicherweise) vielleicht denken, dass es sich hier um Charaktereigenschaften oder Angewohnheiten wie Pessimismus und Faulheit handelt. Und würden vielleicht (auch verständlicherweise) vom Betroffenen erwarten, dass er sich „endlich mal zusammenreißt“, aufhört zu jammern und sich nicht so gehen lässt. Zumal diese Person sich sonst nie so verhält und wir sie kaum wiedererkennen.

Aber Depression kennt keine Disziplin.

Lächelst du noch oder weinst du schon?

Wir haben Gebrauchsanweisungen für alles. Selbst für Dinge, die so offensichtlich sind, dass wir uns fragen, warum um alles in der Welt sich überhaupt jemand die Mühe gemacht hat, für das Drucken dieses mehr als überflüssigen Textes auch nur einen Tropfen Tinte zu verschwenden geschweige denn diesen in diverse Sprachen übersetzen zu lassen.

Dabei bräuchten wir doch oft viel eher eine Art Gebrauchsanweisung für unsere Mitmenschen. Eine Art „Umgangsanweisung“ sozusagen. Ein Leitfaden, der uns in herausfordernden Phasen einen Weg weist. Gebrauchsanweisungen werden von Experten geschrieben, die das Produkt, um das es geht, in- und auswendig kennen. Ausgehend von dem fertigen, vollendeten Produkt. Sie muss schon vorhanden sein, bevor wir uns an den Aufbau des IKEA Billy-Regals machen. Wenn wir sie als Laien anstelle der Experten und erst während des Aufbauprozesses anstatt bereits davor schreiben würden…es würde uns sicher nicht all zu weit bringen.

Es gibt nicht DIE „Gebrauchsanweisung“ für einen Menschen. Dafür sind wir Menschen viel zu individuell und unterschiedlich. Es gibt auch nicht DIE Gebrauchsanweisung für den Umgang mit der psychischen Erkrankung eines Angehörigen. Es wäre allerdings mal eine Idee, wenn wir als Betroffene eine Art Gebrauchsanweisung für unsere Angehörigen schreiben. Zum Beispiel nach einer überstandenen depressiven Phase. Aufschreiben, was uns in dieser schwierigen Zeit geholfen hat und welchen Umgang wir uns von unseren Mitmenschen in bestimmten Situationen wünschen würden.

Speziell auf die bipolare Störung bezogen wäre es beispielsweise eine gute Möglichkeit, in den symptomfreien Phasen entweder mit unseren Angehörigen zu sprechen oder tatsächlich einmal alles auf Papier zu bringen, damit wir es nicht mehr vergessen. Auch hier kann ich nur von mir und den Erzählungen anderer Betroffener ausgehen, aber auf eine depressive (oder auch hypomane) Phase zurückblickend lässt sich oft viel klarer erkennen und herausarbeiten, was im Falle einer weiteren Phase im Umgang mit den Symptomen und dem Betroffenen zu beachten wäre. Was helfen könnte. Was eher kontraproduktiv wäre. Was zu den No-Gos zählte.

Denn wenn wir während einer Depression erst einmal im Strudel aller negativer Gedanken und Empfindungen gefangen sind, ist unser Blick meist alles andere als klar.

In meinem Umfeld habe ich sehr gute Erfahrungen mit einer offenen Kommunikation gemacht und in „gesunden“ Phasen mit Familie, Freunden und Partnern so viel wie möglich darüber gesprochen, wie es mir geht, wie es sich anfühlt, was mir hilft und was mir nicht hilft, wenn es mir schlecht geht. Und mein Umfeld war sehr dankbar dafür. Bei der nächsten depressiven Phase waren sie besser vorbereitet. Konnten mit manchem besser umgehen. Bezogen weniger auf sich selbst. Waren weniger verletzt. Fühlten sich etwas weniger hilflos. Trotzdem war es deswegen nicht plötzlich leicht. Aber vielleicht ein bisschen leichter.

Vielleicht ist es deswegen keine schlechte Idee, tatsächlich mal eine Art persönliche „Gebrauchsanweisung“ für unsere Angehörigen zu erstellen. Vielleicht könnte sie ja in etwa so aussehen?

Vielleicht…

…kannst du versuchen, Verständnis für meine Situation und mein Empfinden zeigen, auch wenn du all das selbst noch nie erlebt hast und es dir so fremd ist.

…kannst du dich über meine Erkrankung informieren, damit du besser verstehst, woher sie kommt, was dabei in meinem Körper und Kopf passiert, welche Symptome sie hervorruft und wie man mit ihr umgehen kann.

…kannst du mich einfach fragen, ob du mich in den Arm nehmen und festhalten darfst, wenn ich ganz unten bin.

…kannst du kleine Alltagsentscheidungen, wie zum Beispiel die Wahl eines Gerichtes auf einer Speisekarte, für mich übernehmen, wenn das für mich okay ist. Weil mich jegliche Art von Entscheidung gerade überfordert.

…kannst du mir versichern, dass du für mich da bist und nicht gehst. Denn genau davor habe ich gerade panische Angst. Weil ich denke, dass ich für alle eine Last und einfach nur anstrengend bin.

…kannst du mich darin bestärken, mir professionelle Hilfe zu holen und mich eventuell dabei unterstützen, Adressen rauszusuchen, Telefonate zu machen und Termine zu vereinbaren. Denn wenn ich morgens selbst das Zähneputzen nur mit allergrößter Mühe schaffe, kannst du dir vielleicht vorstellen, welch unüberwindbare Hürde diese wichtigen Dinge gerade für mich darstellen.

…kannst du mir immer und immer wieder sagen, dass es nur eine Phase ist. in der ich mich gerade befinde und dass diese wieder vorbeigehen wird. Dass es mir wieder besser gehen wird. Dass Depressionen gut behandelbar sind und mir geholfen werden kann.

…kannst du mich zu einem Therapeutengespräch begleiten, wenn es angeboten wird und wenn ich dich darum bitte.

…kannst du dir selbst Unterstützung holen, wenn du dich mit meiner Erkrankung und der Situation überfordert fühlst.

…kannst du versuchen, mich zumindest zu einem kleinen Spaziergang zu überreden, wenn ich mal wieder den ganzen Tag nicht das Bett oder das Haus verlassen konnte. Lass dich nicht sofort abblocken und versuche, mich davon zu überzeugen, dass mir etwas frische Luft, Bewegung und Tageslicht gut tun werden. Denn das tun sie.

…kannst du mit großen und wichtigen Entscheidungen oder Diskussionen warten, bis es mir wieder besser geht. Mein Denken ist gerade so anders und grau verschleiert, dass ich ziemlich sicher anders entscheiden würde als sonst und das im Nachhinein vielleicht bereuen würde.

…kannst du versuchen, mir die Dinge abzunehmen, die ich gerade einfach nicht schaffe, und mir gleichzeitig vielleicht ein paar einfachere überlassen, damit ich trotzdem das Gefühl habe, ich kann etwas beitragen. Es werden auch wieder Zeiten kommen, in denen ich mehr übernehmen kann.

…kannst du darauf achten, dass du dich selbst in all dem nicht verlierst, indem du trotz allem deine Grenzen kennst und gut für dich sorgst, indem du zum Beispiel weiterhin dein soziales Umfeld pflegst.

…kannst du versuchen, es nicht allzu persönlich zu nehmen, wenn ich abweisend zu dir bin oder es mir nicht allein durch deine Anwesenheit besser geht. Bei meiner Erkrankung hilft Liebe allein nicht, obwohl sie es sonst so oft tut. Es liegt nicht an dir. Ich kann gerade nicht anders.

…kannst du versuchen, nicht immer nach dem Grund zu fragen, wenn ich zum Beispiel mal wieder scheinbar aus dem Nichts anfange zu weinen. Auch wenn es für dich wahrscheinlich schwer nachzuvollziehen ist: Wenn ich depressiv bin, brauche ich keinen Grund zum Traurigsein. Ich bin es einfach. Und das ist für mich genau so schwer zu akzeptieren oder zu verstehen wie für dich.

…kannst du lernen, immer besser mit meiner Erkrankung umzugehen und mit mir einen gemeinsamen Weg des Umgangs finden, der für uns beide funktioniert.

…musst du dir aber auch irgendwann eingestehen, dass du keine Gebrauchsanweisung für einen Menschen brauchen möchtest und dass dir das zu anstrengend ist.

…ist auch das okay.

Schwarzstaub

Das alles mag dem ein oder anderen jetzt vielleicht etwas komisch oder vielleicht sogar lächerlich vorkommen. Wer allerdings schon einmal depressiv war, weiß genau, wovon ich spreche. Das Ausmaß all der Verzerrungen, Verfärbungen und Veränderungen unseres Denkens und Fühlens während einer depressiven Phase ist verheerend. Wie wenig all das nur noch mit unseren eigentlichen Gedanken und Empfindungen zu tun hat ist erstaunlich. Und wie wir diese Kluft jeglicher noch so großer Anstrengung, jeglichen noch so unbedingten Wollens, jeglicher vergeblicher Mühe zum Trotz nicht zu überwinden vermögen bleibt ein Phänomen. Zugänge zu Rationalität und Hoffnungsvermögen bleiben uns verwehrt.

Kennt ihr das Gefühl, wenn sich morgens nach dem Aufwachen noch bruckstückhafte Erinnerungen an eure Träume wie kleine Puzzleteilchen in eurem Kopf tummeln und ihr versucht, sie zu einem Bild zusammenzufügen? Sie zum Greifen nahe sind, ihr die Hand nach ihnen ausstreckt, sie schon beinahe greifen könnt…euer Zeigefinger streift die Oberfläche bereits, ihr streckt mit aller Kraft euren Arm noch weiter aus…und plötzlich zerspringt das Puzzleteil in tausend Einzelstücke, die sich wie kleine Staubpartikelchen im Nichts jeglicher Himmelsrichtungen auflösen.

Ungefähr so fühlt sich die Hoffnungslosigkeit einer Depression an. Unser Verstand weiß, dass es so etwas wie Hoffnung gibt und wir dieses Gefühl kennen und schon erlebt haben. Aber weder unser Geist noch unser Körper kann sie spüren.

In der Naturwissenschaft bezeichnet Schwarzstaub übrigens die ungeklärte Verfärbung von Räumen.

Hält es das aus?

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Und damit meine ich nicht den Ast, an dem die Schaukel hängt…

In Anknüpfung an den letzten Artikel soll es heute mal nicht um die Betroffenen einer bipolaren Störung gehen. Sondern um die Menschen, die ihnen am nächsten stehen. Familie, Freunde, Partner. Denn eine psychische Erkrankung, nicht nur die bipolare sondern jegliche Formen, hat nicht nur diverse Auswirkungen auf die Betroffenen selbst, sondern immer auch unausweichlich auf deren Angehörige. Und diese stellen sowohl die eine als auch die andere Seite vor Herausforderungen von erheblichem Ausmaß.

Diese Thematik ist so umfangreich, dass es schwer fällt, sie einzugrenzen. Außerdem ist sie so sensibel und verletzlich, dass sie einer besonderen Feinfühligkeit bedarf, die ich hoffe, in meinen folgenden Worten wahren zu können. Bevor es im nächsten Artikel um den allgemeinen Umgang mit der Erkrankung in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen gehen wird, vor allem auch nachdem alle Beteiligten durch eine Diagnosestellung wissen, mit was sie es da zu tun haben, möchte ich euch heute einen Eindruck der Zeit lange (über 10 Jahre) vor meiner Diagnose und teilweise auch vor meiner ersten hypomanen Phase geben und welchen Einfluss all das auf unsere Familie hatte.

Je nach Lebensalter und -phase werden unterschiedliche Bereiche des sozialen Umfelds in erster Linie betroffen sein. Bei einem Kind oder jungen Erwachsenen wird das in den meisten Fällen die Familie, die Eltern, die Geschwister, vielleicht Tanten, Onkel oder Großeltern sein. Je nach Qualität und Intensität der familiären Situation aber vielleicht auch eher der eigene Freundeskreis. Im Erwachsenenalter dann oft vermehrt der Lebens- oder Ehepartner und gegebenenfalls die eigenen Kinder.

Erwachsenwerden ist nicht leicht

Bei mir persönlich waren vor allem meine Eltern und jeweiligen Partner betroffen. Irgendwann auch engste Freunde. Heute wird es um meine Familie gehen. Die erste depressive Episode, an die ich mich erinnern kann, erlebte ich mit 14 Jahren. Ich erinnere mich dunkel daran, dass ich jeden morgen aufwachte und einfach nur weinte. Eine diffuse Angst vor Allem hatte. Und so überhaupt gar nicht wusste, was eigentlich los war. Nur, dass ich so noch nie zuvor gefühlt hatte und sich das ganz und gar nicht gut anfühlte. Dass da gerade irgendwas gehörig schief lief. Und ich nicht wusste was. Als ich eines Abends wie ein kleines Kind auf dem Schoß meines Vaters saß und mich mal wieder scheinbar grundlos in Tränen auflöste, versuchte er mich zu trösten und sagte immer wieder, dass Erwachsenwerden nicht leicht sei. Er meinte es gut. Und so versuchten sowohl ich als auch meine Eltern uns meine damals noch relativ selten, aber doch immer wieder auftretenden und aus dem Nichts kommenden Tiefphasen eine gewisse Zeit lang mit den Schwierigkeiten, die so eine Pubertät eben so mit sich bringt, zu erklären. Da war ich ja schließlich nicht die Einzige.

Wenn Liebe an ihre Grenzen stößt

Die erste schwere Depression erwartete mich auf den letzten Metern meines einjährigen Work & Travel-Aufenthalts in Australien, Neuseeland, Bali, Fiji und Singapur (https://tanzzwischendenpolen.com/2019/09/24/nicht-jedem-anfang-wohnt-ein-zauber-inne/). Eben noch über den Wolken geschwebt schlug ich ungebremst auf der Erde auf. Point of no return. Heute weiß ich, dass ich einen Großteil meiner Zeit, die ich alleine auf der anderen Seite der Welt verbrachte, wo ein Abenteuer das nächste jagte, ich zum ersten Mal in meinem Leben exzessiv feierte und trank, und jeden Tag so viel Neues auf mich einstrudelte, dass ich mit dem Verarbeiten überhaupt nicht hinterher kam, in hypomanen Sphären schwebte. Es ist die erste hypomane meines Lebens. Ich kann nicht sicher sagen, ob es sich in meiner Jugend „nur“ um eine unipolare rezidivierende Depression (meine falsche Diagnose über zehn Jahre hinweg) handelte und erst im Alter von 19, als meine Reise zu Ende ging, in die Bipolarität schwappte, oder ob ich es schon immer war. Ich kann mich allerdings an keine hypomanen Phasen davor erinnern. Erinnern kann ich mich allerdings an den Moment, in dem meine Mutter in sich zusammengesackt und mit Tränen in den Augen vor mir saß und sagte, dass sie Angst habe, ihr Kind zu verlieren. Weil keiner mehr Zugang zu mir fand. Ich am allerwenigsten. Es tat mir so weh, sie so hilflos zu sehen. Fühlte mich dabei selbst so hilflos. Und es machte mir eine riesen Angst, als ich realisierte, dass meine Eltern, die mir doch bisher immer in jeder Lebenslage helfen konnten und mich allein durch ihren bedingungslosen Rückhalt und ihre Unterstützung bereits besser fühlen ließen, plötzlich auf Grenzen stießen.

Ich sehe, dass du gerade lügst.

Dass sie eben nicht allmächtig waren. Wie man es als Kind und vielleicht auch junger Erwachsener tatsächlich vermutet, hofft und auch lange glaubt. Dass es selbst durch ihre Anwesenheit, ihre Fürsorge und ihren Trost nicht besser werden würde. Wie es das bei Liebeskummer tat. Oder einem aufgeschürften Knie. Oder einer verkackten Klausur. Dass jede noch so tiefe und bedingungslose Liebe plötzlich einfach nicht mehr reichte. Die Macht, die ihr sonst inne lag, einfach von heute auf morgen komplett verloren hatte. So oft dachte ich in diesen Momenten: „Wenn mir selbst das nicht mehr helfen kann, dann bin ich wirklich verloren. Was soll mir dann noch jemals helfen, um mich wieder besser zu fühlen?“ Es war nicht nur ein Gedanke, es war ein Gefühl. Ein so schwarzes, schweres und hoffnungsloses Gefühl, dass sich an meinen Körper klebte wie ein nasser Neoprenanzug, der viel zu klein war. Den ich mit eigener Kraft nicht ausziehen konnte. Und kein anderer. In meiner tiefsten Verzweiflung fragte ich meine Mama oft wie ein kleines hilfloses Kind, das noch niemals etwas von Selbstvertrauen gehört hatte: „Mama, versprichst du mir, dass das hier vorbeigehen wird?“. Jedes Mal sprachen ihre Lippen das Versprechen aus.

Doch die Sorge in ihrem Blick sprach eine andere Sprache.

Na dann. Prost!

Wie sie gelitten haben mussten, als von dem neugierigen, aufgeregten und lebenshungrigen Kind, das sie vor einem Jahr zum Flughafen gebracht hatten, lediglich eine leere Hülle zurückkam. Wie traurig sie aussahen, als sie den Frühstückstisch im Urlaub kurz nach meiner Ankunft so schön gedeckt und Sekt eingeschenkt hatten, um mit mir auf die Zulassung zu meinem Studium an der Uni Heidelberg anstoßen wollten, die an diesem Tag ankam. Die Zulassung, die ich meiner Mutter zu verdanken hatte, da sich die Immatrikulationsbedingungen geändert hatten, als ich im Ausland war und sie sich um das ganze komplizierte Verfahren gekümmert hatte. So Sorge gehabt hatte, dass sie etwas falsch macht und ich deswegen nicht angenommen werden würde. Jeden Tag über Wochen ganz aufgeregt den Stand auf der Internetseite gecheckt hatte. Voller Erleichterung und Stolz vor mir saß und mir voller aufrichtiger und reiner Freude ihr Sektglas zum Anstoßen entgegenstreckte. Sich in mir kein Gefühl regte. Es hätte mir nicht egaler sein können. Meine Zukunft lag vor mir wir ein endlos tiefes schwarzes Loch, das nur darauf wartete, mich zu verschlingen. Wenn mich bis dahin nicht schon das eben so schwarze Loch meiner Vergangenheit oder meiner Gegenwart erwischt haben würde, versteht sich. Ich hob träge mein Glas und kippte den Sekt in mich rein. Sah die Enttäuschung in ihren Augen. Es tat mir so unfassbar Leid. Ich sollte mich mit ihnen freuen. Ich sollte mich gefälligst freuen! Ich hatte verdammt noch mal allen Grund dazu! Was stimmte denn nicht mit mir??! Sie waren die besten Eltern, die man sich wünschen konnte. Hatten mein Leben lang alles nur erdenkliche für mich getan. Liebten mich so bedingungslos, ganz egal, was ich tat. Unterstützten mich in jeder Lebenslage. Und was tat ich? Ich war einfach nur undankbar. Ich war ein schlechter Mensch. Ich hatte auf ganzer Linie versagt. Der Schmerz, den ich bei diesen Gedanken empfand, war vernichtend. Und endgültig.

Und da schloss sich das Loch über mir.

Rette mich. Wer kann?

Manche Momente brennen sich für immer in unser Gedächtnis. Ohne um Erlaubnis zu bitten.

Ich sitze auf meiner Fensterbank und rauche die dritte Zigarette in Folge. Meine Hände zittern. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal gegessen habe. Allein bei dem Gedanken daran wird mir schlecht. Ich ernähre mich seit Tagen nur noch von Kaffee und Zigaretten. Keine einzige Jeans passt mir mehr. Mein Herz rast. Jede Bewegung kostet mich unendliche Überwindung. Am Horizont zeichnen sich wie durch einen Schleier die Kräne am Hafen ab. Ein Bild, das mich sonst mit einer unbändigen Freude und tiefer Verbundenheit zu meiner Wahlheimat erfüllt. Jetzt sind es einfach nur Kräne. An einem Hafen. In einer Stadt. Einer Stadt irgendwo auf der großen weiten Welt. Ich ziehe an meiner Zigarette und blase den blau-weißen Rauch in die spätsommerliche Abenddämmerung. Mir ist schon ganz schlecht. Ich rauche weiter. In mir ist es leer. Das einzige, was ich zu empfinden im Stande bin, sind tiefste Verzweiflung und eine endgültige, vernichtende Hoffnungslosigkeit. Das einzige, was in meinem Kopf Kreis um Kreis dreht, ist der Gedanke, dass das hier niemals vorbeigehen wird. Gejagt vom nächsten Gedanken, der sagt, dass er all das keine einzige Sekunde länger mehr aushält. Ich schaue auf die Uhr. Halb 7. Hinter mir liegt ein Tag, der sich anfühlt wie ein Jahr. Bald ist Nacht und ich habe panische Angst davor. Weil ich wieder nicht schlafen werde und die Gedanken noch erbarmungsloser auf mich niederprasseln werden. Ich bin mir sicher, dass da kein Licht am Ende des Tunnels ist. Nein, ich weiß es. Egal, was die anderen sagen. Die haben keine Ahnung. Sagen es, um mich zu beruhigen. Woher wollen sie es denn wissen? Es ist einfach nur schwarz. Alles was war, alles was ist, alles was kommt. Meine Seele schreit und windet sich und findet schon seit Monaten keinen Moment der Ruhe. Sie kann nicht mehr. Ich will einfach nur aus meinem Körper heraus, ihm und all diesen Gedanken, den Schmerzen, der Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung entfliehen.

Ich kann nicht mehr. Und damit bin ich nicht alleine.

Es war die Hilflosigkeit in ihrem Blick. Die Angst in ihrem Gesicht. Das Zittern in ihrer Stimme, als sie mich anflehte, mir endlich Hilfe zu holen. Eine noch nie da gewesene Unbeholfenheit, als sie mich zum Abschied umarmte und in der Sicherheitskontrolle verschwand. Zum ersten Mal in meinem Leben drehte sie sich nicht nochmal um. Ich wusste, dass sie weinte. Und ich wusste, dass ein Punkt erreicht war, an dem sie mir nicht mehr helfen konnte. Ganz egal, was sie tat. Ganz egal, wie sehr sie es versuchte. Ganz egal, wie sehr sie mich liebte. Ich wusste, dass mir niemand mehr helfen konnte. Dass nur noch ich mir selbst helfen konnte. Und genau hier lag das Problem.

Unten auf der Straße streiten sich zwei Kinder um ihr Eis. Die Welt dreht sich einfach so weiter. Als wäre nichts passiert.

Mehr als alles andere weiß ich, dass ich ich mir nicht mehr selbst helfen kann. Dass ich am Ende bin. In jeglicher Hinsicht. Ich habe komplett die Kontrolle verloren. Über meinen Körper, meinen Geist, all meine Empfindungen, Erinnerungen, Gefühle und Gedanken. Ich baumele wie eine leblose Marionette schlaff an einem seidenen Faden, der nicht dem leisesten Windhauch mehr standhalten wird. Die Erkenntnis dieser absoluten Machtlosigkeit und des Verlusts jeglicher Einflussnahme auf all das, was da gerade mit mir geschieht, trifft mich mit einer Wucht, die alles andere in den Schatten stellt. Und dann, plötzlich, ist es da.

Das Gefühl, das in rasender Geschwindigkeit bis in den allerletzten Winkel meines Körpers kriecht, kann ich nicht sofort einordnen. Es ist so überwältigend, dass mir die Luft wegbleibt.

Ich hätte niemals für möglich gehalten, dass ich mich jemals in meinem Leben so einsam und verloren fühlen würde. So unfassbar alleine. Dass da Grenzen waren, an die selbst die größte und bedingungsloseste Liebe stoßen würde. Dass jeglicher Zuspruch, Trost und Rückhalt, jede nur erdenkliche Unterstützung an mir abprallen würde, als hätte es sie nie gegeben. Dass nichts mehr mich erreichen könnte.

Mittlerweile ist es dunkel geworden. Ich sitze immer noch auf meiner Fensterbank. Aus der Ferne leuchten mir die Lichter des Hafens entgegen und machen den Himmel darüber ein kleines bisschen hell. Drum herum ist alles schwarz.

Und da weiß ich, dass ich Hilfe brauche. Ich bete zu Gott, dass ich sie schnell bekomme.

Zu einem Gott, an den ich schon lange nicht mehr glaube.

Gemutlich hier.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

„Ihr Ziel befindet sich auf der anderen Seite.“

Das Interessante ist, dass ich manchmal einen Artikel anfange, den ich vorher schon mehrmals im Kopf durchgegangen bin und das Thema sowie den Aufbau ganz klar vor mir habe. Manchmal läuft das dann auch einfach so durch, fertig, hochladen. Oft ist es allerdings auch so, dass ich mit einer bestimmten Idee im Kopf anfange zu schreiben und sich während des Schreibens eine ganz andere Thematik als viel interessanter, relevanter oder einfach passender entwickelt. Ich greife sie auf, der Text nimmt direkt die nächste Ausfahrt, obwohl das Navi eigentlich die übernächste geplant hatte, und am Ende hat der Artikel nicht mehr viel mit dem eigentlichen Plan zu tun. Selbst das Bild, das ich vielleicht am Anfang schon ausgesucht und hochgeladen hatte, passt nicht mehr und muss nochmal ausgetauscht werden. Ich finde diese Eigendynamik, die ein Text entwickeln kann und auch die verschiedenen Phasen eines Schreibprozesses, zu dem übrigens Schreibblockaden genau so gehören, ganz schön spannend und faszinierend.

Ganz gleich, ob es sich nun um das Schreiben eines Textes oder etwas ganz anderes handelt…um eine gewisse Eigendynamik entstehen zu lassen, dürfen wir nicht zu sehr festhalten, müssen wir uns von dem wohligen Gefühl der Kontrolle und Sicherheit lösen und darauf vertrauen, dass sich das Ganze schon in eine gute Richtung entwickeln wird. Einen sicheren Hafen zu verlassen mag den einen mehr, den anderen weniger aus seiner Komfortzone schubsen und uns dementsprechend mehr oder weniger Mut abverlangen. Um diese ganz besondere Eigenschaft, die meiner Meinung nach oft stark unterschätzt wird, soll es hier heute gehen. Eine kleine Anmerkung vorweg: Aus Gründen der Lesbarkeit werde ich in diesem und auch allen meinen anderen Blogartikeln auf das Gendern verzichten.

Tut Mut gut?

Im letzten Artikel ging es um die guten und eigentlich immer gleichen Wünsche für’s neue Jahr. Gesundheit, Glück, Zufriedenheit, Erfolg…eigentlich wollte ich an diesem Tag bereits zum Thema Mut schreiben. Und irgendwie ging es dann doch in Richtung Gesundheit. Die meisten Menschen würden vermutlich bestätigen, dass Mut bei Weitem nicht so wichtig ist wie Gesundheit. Oder Glück. Oder Erfolg. Aber hängt nicht irgendwie alles davon zusammen? Bedingt sich nicht sogar ab und an gegenseitig? Können wir glücklich sein oder werden, wenn wir nicht den Mut aufbringen, unser Glück selbst in die Hand zu nehmen? Werden wir erfolgreich sein, wenn wir nicht den Mut haben, unser Ziel gegen alle Widrigkeiten und allen Zweifeln zum Trotz weiter zu verfolgen, egal, was die anderen denken? Wie lange bleibt uns unsere Gesundheit erhalten, wenn wir uns aus Angst vor Ablehnung nie trauen, unseren Bedürfnissen nachzugeben und gut für uns zu sorgen, weil das bedeuten würde, auch mal Nein zu sagen, sich abzugrenzen und damit eventuell jemanden vor den Kopf zu stoßen?

Alles auf Angst

In diversen Definitionsansätzen von Mut taucht immer wieder das Wörtchen Sicherheit auf. Mutig sei der, der es wagt, sich in Situationen zu begeben, die mit einer gewissen Unsicherheit, also einer Abwesenheit von Sicherheit, verbunden sind. Wir Menschen mögen es nicht, wenn eines unserer Grundbedürfnisse in Abwesenheit glänzt. Ehrlich gesagt macht es uns sogar eine scheiß Angst. Alles, was wir nicht kennen, alles, was neu ist, widerstrebt uns erst einmal. In unserer ganz persönlichen Komfortzone haben wir es uns kuschelig gemütlich eingerichtet und fühlen uns pudelwohl. Da kann uns nichts passieren. Glauben wir. Ein trügerischer Gedankengang, der das unfreiwillige Verlassen der Komfortzone nicht mit einkalkuliert. Die uns allen wohl bekannte Aussage, dass wahres Wachstum und Chance auf Weiterentwicklung erst außerhalb unserer Komfortzone auf uns warten, ignorieren wir erfolgreich. Wir hangeln uns von Wochenende zu Wochenende, können uns vor lauter schlechter Laune beim Gedanken an die neue Woche nicht mal mehr auf den Tatort Sonntagabends konzentrieren, gehen jeden Tag mit Bauchschmerzen zur Arbeit und sehnen den Freitagnachmittag schon herbei, bevor der Montag überhaupt angefangen hat. Dann ist irgendwann zum Glück das Wochenende da, an dem wir uns gerne mal so richtig schön voll laufen lassen oder anderweitig zuballern, um den aufgestauten Frust und die Erschöpfung der Woche wegzuspülen. Wenn wir mit Familie, Freunden und Bekannten über die Arbeit sprechen, schmettern wir leidenschaftlich Hasstiraden auf unseren Chef, die Arbeitskollegen, unser Gehalt und die Inhalte unseres Jobs.

Eigentlich liegt die Lösung auf der Hand: Ein neuer Job muss her. Und zwar schnell. Doch so beschissen unser Job auch sein mag, wenigstens wissen wir, dass er beschissen ist. So viel ist sicher. Und selbst eine beschissene Sicherheit fühlt sich wohl oft besser an als die überwältigende Angst, uns ohne jegliche Aussicht auf Erfolg ins Universum des Unbekannten zu schießen. Diese Angst und das Leid, das mit manchen Lebenssituationen für uns einhergeht, liefern sich einen erbitterten Kampf. Viel zu oft geht die Angst in Führung. Auch wenn das Leid noch so groß sein mag.

Aus Liebe zu Mut

Was sich im Berufsleben abzeichnet, lässt sich auch in diversen anderen Lebensbereichen wiederfinden. Die Angst, keinen passenden Partner mehr zu finden, für den Rest unseres Lebens alleine zu bleiben und ganz furchtbar einsam und alleine zu sterben, ist mittlerweile kein Phänomen mehr, das der älteren Generation vorbehalten ist. Leider. Die grenzenlose Angst vor dem Alleine sein. Wir sind nicht glücklich oder vielleicht sehr unglücklich in einer Beziehung und bringen trotzdem nicht den Mut auf, uns von diesem Partner zu lösen, der weder zu uns passt noch uns gut tut. Wir haben ja schließlich keine Garantie, dass es da draußen überhaupt jemand Besseren gibt. Dass es beim Nächsten vielleicht nicht sogar noch schlimmer wird. Vielleicht sollten wir uns einfach mal zusammen reißen und nicht so hohe Ansprüche haben. Obwohl sie eigentlich immer noch zu niedrig sind. Frei nach dem Motto „Lieber gemeinsam unglücklich als alleine unglücklich!“.

„Alleine glücklich“ scheint oft überhaupt keine Option zu sein. Wo wären wir, hätten wir den Mut, darauf zu vertrauen, dass es da draußen nicht nur einen, sondern sogar mehrere Menschen gibt, mit denen wir eine glückliche Partnerschaft führen könnten? Was würde es mit uns machen, hätten wir den Mut, den Gedanken, was denn passieren würde, wenn dem eben nicht so sei, einmal zu Ende zu denken? Ganz zu Ende. Wo stünden wir, hätten wir den Mut, zu erkennen, dass wir bereits vollständig sind und wir nur dann eine wirklich erfüllende Partnerschaft führen können, die unser Glück noch steigern kann, wenn wir selbst bereits eine gewisse Grundzufriedenheit und ein gesundes Selbstwertgefühl ins uns tragen. Was würde sich ändern, hätten wir den Mut, zu akzeptieren, dass wir uns die Partnerin oder den Partner weder backen noch erzwingen können und die Welt erstaunlicherweise selbst dann nicht untergeht, wenn wir unseren Weg erstmal ohne partnerschaftliche Begleitung beschreiten. Dankbar sind für alle anderen wunderbaren Wegbegleiter, mit denen wir zwar nicht das Bett, aber unser Leben teilen. Wissen, dass wir selbst immer da sind. Vertrauen. In uns selbst, unsere Unabhängigkeit, Selbstwirksamkeit und Autonomie.

Was uns niemand nehmen kann. Und auch auch niemand anderes geben.

Wie viel können wir uns zumuten?

Nicht nur in Arbeitsleben und Partnerschaft kann die Tugend des Mutes eine große Rolle einnehmen. Wenn wir genau hinsehen, versteckt sie sich in all unseren Lebensbereichen. Und meist tut sie das in Begleitung ihres Opponenten, der Angst. Und unsere Angst ist groß.

Angst vor Ablehnung.

Angst vor dem Scheitern.

Angst zu versagen.

Angst vor Verlust.

Angst vor dem Loslassen.

Angst vor dem Ungewissen.

Angst vor unseren Gefühlen.

Angst vor Veränderung.

Angst vor der Stille.

Angst vor dem Alleinsein.

Angst vor Verletzung.

Wir könnten die Liste beliebig weiterführen. Ganz gleich um welche Art von Angst es sich handeln mag, sie kann so überwältigend sein, dass wir es nicht wagen, nach der Hand zu greifen, die uns der Mut von der anderen Seite der Schlucht entgegenstreckt. Wir sehen klar und deutlich, wie schön und hell es auf der anderen Seite zu sein scheint. Doch die Schönheit, die wir nur erahnen können, steht nicht in Relation mit der unberechenbaren Gefahr des Sturzes in eine bodenlose Tiefe. Wenn wir auf unserer Seite bleiben, sind wir sicher vor dem Absturz. Und nehmen die dunklen Wolken in Kauf, die sich von hinten unaufhaltsam nähern.

Mutiviert ins neue Jahr

Keiner kann uns zwingen, unseren Ängsten ins Gesicht zu lachen. Wir können unser Leben auch leben, ohne je etwas zu wagen. Und damit auch sehr glücklich werden. Oder aber wir geben unserem Mut die Chance, sich zu beweisen. Obwohl wir Angst haben. Und werden damit vielleicht noch glücklicher.

Wir haben die Wahl.

Lasst uns den Mut haben, so zu sein, wie wir sind und uns nicht zu verstellen. Weil wir nicht jedem gefallen müssen. Und können.

Lasst uns den Mut haben, unserer Angst vor dem Versagen den Wind aus den Segeln zu nehmen, indem wir für uns den Begriff des Scheiterns neu definieren. Uns zu fragen, wie stabil ein Selbstwertgefühl ist, das ausschließlich auf Perfektion und Erfolg gründet. Was bedeutet Erfolg für uns? Sind wir erst dann gut genug, wenn wir etwas geleistet oder erreicht haben? Was überhaupt verstehen wir unter Leistung und Errungenschaften?

Lasst uns den Mut haben, zu akzeptieren, dass wir keine Macht über die meisten Verluste im Leben haben und dem Hier und Jetzt mit Dankbarkeit und Wertschätzung begegnen. Denn es ist das einzige, was wir haben.

Lasst uns den Mut zum Loslassen von Vergangenem haben. Ohne Verbitterung und Reue zu erkennen, dass etwas vielleicht nicht als „zu Ende gegangen“, sondern einfach als „erfüllt“ betrachtet werden kann. Und weiterziehen darf. Lasst uns Mut zu sanfter Wehmut haben.

Lasst uns den Mut haben, Ungewissheit zu ertragen und uns auf die Chancen konzentrieren, die in ihr liegen. Nicht die Gefahren .

Lasst uns den Mut haben, uns Zugang zu unseren Gefühlen zu gewähren. Den leichten wie den schweren. Den angenehmen und den unangenehmen. Mit der Gewissheit, dass wir sie aushalten können. Dass sie unser Menschsein erst zu etwas Besonderem machen und unserem Dasein Sinn verleihen.

Lasst uns den Mut haben, zu ändern, was uns nicht gut tut oder nicht mehr passt. Auf die Gefahr hin, dass das Nächste nicht direkt besser sein wird. In der Hoffnung, dass es früher oder später gut werden wird. Dass die Entscheidung dafür und die Umsetzung einer Veränderung bereits der erste Schritt dorthin ist. Darum wissend, dass die einzige Konstante im Leben die Veränderung ist.

Lasst uns den Mut haben, Stille zuzulassen, auch wenn sie im ersten Moment ohrenbetäubend schein mag. Uns einmal anzuschauen, was da eigentlich in uns ist. Dem wir sonst weder Raum noch Zeit einräumen. Nein zu sagen. Zur ständigen Ablenkung, sozialem Stress, Hektik, übertriebener Geschäftigkeit, Wichtigtuerei und Reizüberflutung, mit der wir uns erfolgreich und manchmal Zeit unseres Lebens von dem ablenken, was wirklich zählt. Was wir wirklich wollen. Wer wir wirklich sind.

Lasst uns den Mut haben, uns wieder und wieder zu öffnen, uns einzulassen und Vertrauen zu fassen. Die Oberfläche zur Seite zu schaufeln, um die Entstehung von echter und tiefer Verbundenheit zu ermöglichen. Nicht vorsichtshalber schnell wegzulaufen, sobald etwas verbindlich und wichtig wird. Uns nicht zu verstellen oder unsere Bedürfnisse hintenanzustellen, nur um jemandem zu gefallen oder nicht zu kompliziert und anspruchsvoll zu scheinen. Auf die Gefahr hin, dass wir ohne Vorwarnung fallen gelassen, verlassen oder einfach ersetzt werden. Dass wir vernichtenden Schmerz empfinden werden. Dass auch dieser vorbeigehen wird. Dadurch nicht an uns selbst zu zweifeln. Uns als Mensch nicht infrage zu stellen. Bei uns zu bleiben und klar zu unterscheiden zwischen dem, was mit uns zu tun hat und dem, was einzig und allein beim anderen liegt. Aus Ersterem zu lernen und aus Zweiterem nicht zu schließen, dass wir nicht gut genug sind. In Betracht zu ziehen, dass die andere Person schlichtweg nicht gut genug für uns war. Auch das zu verzeihen. Weiterzugehen.

Lasst uns den Mut haben, die Kunst des Alleinseins zu erlernen. Sicherzustellen, dass wir es nicht mit Einsamkeit verwechseln. Sein Potenzial zu erkennen und für uns zu nutzen. Um irgendwann festzustellen, dass wir nie wieder einsam sein müssen, wenn wir in uns ruhen.

Weil wir uns immer auf uns selbst verlassen können. Weil wir immer da sind.

Weil wir der einzige Mensch sind, bei dem wir nicht die Wahl haben, ob wir unser restliches Leben mit ihm verbringen wollen oder nicht.

Und das erfordert ganz schön viel Mut.

Damit kann ich arbeiten.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Make a wish

Die Liste der guten Wünsche ist lang, sei es zum Geburtstag, zum Start ins neue Jahr oder anderen „wünschenswerten“ Ereignissen in unserem Leben. Da wird gewünscht, was das Zeug hält. Zu den absoluten Spitzenreitern gehören Gesundheit, Glück, Zufriedenheit, Erfolg…Was auch immer uns da auf hübschen Postkarten oder verschmierten Handydisplays erwarten mag, die gut gemeinten Worte des Senders erlangen ihre Bedeutung stets erst durch die Interpretationen des Empfängers. Und die könnten wohl unterschiedlicher nicht sein.

Das ist doch krank…

Die Weltgesundheitsorganisation (World Health Organization, WHO) beispielsweise definiert Gesundheit als „(…) ein(en) Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht allein das Fehlen von Krankheit und Gebrechen.“ Ich denke darüber nach, was diese Definition bei genauerer Betrachtung in Bezug auf psychische Erkrankungen, im Speziellen die bipolare Störung, bedeuten würde. Ein „Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens“ scheint mir zwar ziemlich erstrebenswert, andererseits allerdings nicht wirklich realistisch. Würde man danach gehen, wären vermutlich 90% der Menschheit offiziell „krank“. In einer manischen Phase beispielsweise fühlen sich Bipolare definitiv vollkommen körperlich, geistig und sozial wohl. Leider etwas zu wohl. Und trotzdem ist dieser Zustand nicht „gesund“. Depressive sind nicht gebrechlich…Was der eine Mensch vielleicht als „krank“ empfinden würde, setzt ein anderer für sich in Relation und fühlt sich damit weitestgehend „gesund“…Gedankenfetzen in meinem Kopf.

Zeit aufzustehen!

Für mich bedeutet Gesundheit, morgens aufstehen und meinen Alltag ohne unüberwindbare Anstrengungen bewältigen zu können. Mich den Herausforderungen des Lebens gewachsen zu fühlen. Von der verschwindend kleinen wie dem morgendlichen Zähneputzen bis hin zu den ganz ganz großen. Gesund zu sein bedeutet für mich, mein Leben trotz gewisser Umstände und auch Einschränkungen, die meine Bipolarität mit sich bringt, selbstbestimmt zu gestalten und niemals den Glauben zu verlieren, dass alles gut wird. Dass auch den längsten und dunkelsten Tunnel am Ende wieder das Licht erwartet. Was hier gerade so leichtfüßig über die Tastatur huscht, ist in Phasen schwerer Depression keine Option. Eine seelenlose leere Aussage, die auf halbem Weg zu unserem Verstand plötzlich spurlos verschwindet.

Störung in der Leitung

Wer noch nie mit einer Mischung aus Entsetzen und Gleichgültigkeit ertragen musste, wie es sich anfühlt, die Kontrolle über jegliche Impulse zu verlieren, die unserem Körper sonst Bewegung suggerieren, wird sich nicht vorstellen können, wie es möglich ist, dass jemand morgens einfach nicht aufstehen kann. Es sei denn natürlich, es handelt sich um zwei gebrochene Beine oder eine andere schwere körperliche Krankheit, die man am besten direkt auf den ersten Blick von außen erkennt. Damit jeder Bescheid weiß. Wüsste ich selbst nicht, wie es sich anfühlt, ich könnte es nicht glauben. Jedem Menschen, der diesem Gefühl noch nicht begegnet ist, gönne ich das von ganzem Herzen und wünsche ihm oder ihr, dass es auch in Zukunft dabei bleibt.

Was für den einen zur grundlegenden Definition von Gesundheit bedeutet, wie zum Beispiel das Aufstehen am Morgen, könnte für viele anderen Menschen selbstverständlicher nicht sein. Unsere ganz persönliche Definition von „gesund sein“ hängt immer davon ab, welchen subjektiven Wert wir dem Phänomen „Gesundheit“ zusprechen. Dieser wiederum ist das Resultat diverser Erfahrungen, Umstände, unserem bisherigen Lebens- und gegebenenfalls auch Leidensweg, Vergleichen, Prädispositionen und noch vielem mehr.

Was der Bauer nicht kennt…

Die Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen in unserer Gesellschaft macht Fortschritte, keine Frage. Aber es geht noch so viel mehr. Nach wie vor fällt es uns Menschen leichter, Dinge zu akzeptieren und anzuerkennen, die ganz offensichtlich sind. Die wir klar und deutlich sehen können. Am liebsten schwarz auf weiß. Und mit Stempel drauf. Ich greife einfach nochmal auf den Klassiker zurück: Das gebrochene Bein, komplett eingegipst. Vielleicht blaue Flecken oder Schürfwunden vom Unfall. Mist, das muss echt wehtun. Erstmal schön auskurieren! Niemand würde jemals von jemandem mit einem oder zwei gebrochenen Beinen erwarten, aufzustehen und einfach loszulaufen. Leider sind die Protagonisten eines gestörten Hirnstoffwechselspiels wohl immer noch nicht salonfähig, die Bühne nicht groß genug, um das Publikum für psychische Erkrankungen begeistern zu können. Leid und Qual spielen sich unauffällig in unserem Hirn ab, fein säuberlich verpackt in unsere Schädeldecke, dekoriert mit einer hübschen Frisur on top. Da kann man sich doch einfach mal zusammen reißen.

Mit Vorsicht zu genießen?

Ich denke oft darüber nach, wie ich mich selbst in Bezug auf meine Krankheit sehe. Welchen Blick ich mir von anderen in dieser Hinsicht wünschen würde. Einerseits möchte ich auf keinen Fall mit Samthandschuhen angefasst werden, sondern einfach „ganz normal“ behandelt werden. Andererseits bringt meine Erkrankung bestimmte Voraussetzungen, Umstände und Bedingungen mit sich, die sich fernab des allgemein als „normal“ geltenden Bereichs bewegen. Im wahrsten Sinne jenseits von Gut und Böse. Will ich auch in diesen Momenten, dass mein Umfeld mit mir umgeht, als wäre nichts gewesen? Will ich, dass mein Chef, der von meiner Erkrankung weiß, mir Überstunden bis zum Gehtnichtmehr auflädt und Nachtschichten zuteilt, obwohl er über die negativen Auswirkungen von Stress und einem gestörten Schlaf- und Wachrhythmus auf das Krankheitsbild informiert ist? Will ich, dass meine Freunde mit mir feiern und die Nächte durchmachen, als gäbe es kein Morgen mehr, obwohl sie wissen, dass ich gerade manisch bin und wie es weitergehen wird, wenn mich nicht bald jemand bremst? Will ich, dass meine Schwester zu mir sagt „Jetzt reiß dich doch mal zusammen“ oder „Ist doch gar nichts passiert“, wenn ich depressiv und seit Tagen nur noch am Heulen bin? Will ich als krank gesehen werden? Will ich eine „Sonderbehandlung haben“? Sehe ich mich selbst als krank?

Take it.

Der Grat ist schmal. All diese Fragen lassen sich nicht von einem auf den anderen Tag beantworten. Und auch nicht in einem Blogartikel. Ich habe Jahre dafür gebraucht und es kommen fast täglich neue dazu. Auf manche Fragen gibt es keine Antwort. Auf andere muss es keine geben. Manche Dinge im Leben haben wir nicht unter Kontrolle. Dazu gehört auch, ob wir physisch oder psychisch krank werden. Das Leben ist wunderschön, aber weit entfernt von gerecht. Wir tun uns einen Gefallen, wenn wir das, was wir nicht ändern können, akzeptieren. Und zwar so bald wie möglich. Alles andere ist verschwendete Zeit und Energie. Was wir akzeptieren, können wir annehmen und was wir annehmen, wird ein Teil von uns.

Or leave it.

Meine bipolare Störung ist ein Teil von mir. Sie ist nicht mein Feind. Ich bin krank, aber ich bin nicht die Krankheit. Vermutlich hätte ich sie mir im Supermarktregal nicht ausgesucht, wenn ich die Wahl gehabt hätte. Auch nicht als Sonderangebot. Aber irgendwie ist sie nun mal in meinen Einkaufswagen gerutscht. Ich habe kein Problem damit, zu sagen „Ich bin krank“. Wenn ich eine Grippe habe, denke ich auch nicht darüber nach, ob ich mich jetzt trauen sollte, zu sagen „Ich bin krank“. Da mir allerdings bewusst ist, dass ein Großteil unserer Gesellschaft dann vielleicht doch einen etwas größeren Unterschied zwischen Depression und Schnupfen macht, bin ich auf alles gefasst, wenn ich noch das kleine Wörtchen „psychisch“ vor das „krank“ setze. Was ihr daraus macht, bleibt euch überlassen.

Darauf können wir bauen…

Auch uns bleibt überlassen, was wir aus dem Päckchen machen, das wir ungefragt bekommen haben. Es gibt zwei Möglichkeiten. Und da wir nicht immer aus Scheiße Gold machen müssen, Optimierungswahn und emsige Leistungsgesellschaft bei aller Liebe, reicht es für’s Erste vielleicht auch, erst mal dort anzusetzen, wo wir mit unserer psychischen Erkrankung stehen. Sie als Teil von uns anzuerkennen. Den Forderungen nachzukommen, die sie an uns stellt. Die Bereitschaft zu zeigen, diese zu respektieren. Und dann, ganz langsam, Schritt für Schritt, mit viel Nachsicht und Geduld, die Fähigkeit zu entwickeln, so gut wie möglich mit all dem umzugehen. Ein lebenswertes Leben zu führen. Trotz und mit ihr.

Denn nichts Geringeres als das haben wir verdient.

plus one.

Und so schnell ist der ganze Spuk auch schon wieder vorbei. Weihnachten und Silvester liegen hinter uns, ein frisch geschlüpftes Jahr vor uns. Irgendwie ist der ganze Kram dieses Mal äußerst unspektakulär an mir vorbeigezogen, was ich als sehr angenehm empfunden habe. In Weihnachtsstimmung war ich zum ersten und letzten Mal schon Anfang Oktober aufgrund einer zeitlich etwas fehl platzierten Frank Sinatra-Playlist im Café und auf unerklärliche Art und Weise habe ich erschreckenderweise sogar verpasst, mich durch diverse Weihnachtsmarktbuden und Plätzchenberge zu futtern.

Auch Silvester huschte klamm und heimlich vorbei. Abgesehen davon, dass ich Silvester für mehr als überbewertet halte, habe ich es bisher doch eher selten geschafft, mich von den Erwartungen zu lösen, die dann doch irgendwie an diesen letzten Abend des alten Jahres gestellt werden. Sowohl von mir selbst als auch von den Menschen um mich herum. Im Idealfall sollte es dann vielleicht doch schon ein besonderer Abend werden. Oder zumindest ein besonders schöner. Dieses (letztes) Jahr war all das seltsam unaufgeregt. Ich war von den Tagen davor ganz schön gestresst, müde und hatte eigentlich auch so gar keine Lust auf überhaupt irgendeine Action. Musste außerdem mittags ein Gespräch führen, vor dem es mir schon ein Weilchen graute und das mich bereits vorher, aber auch währenddessen und danach einiges an Energie und Überwindung kostete. Und mich, obwohl es letzten Endes gut lief, auch ein bisschen traurig machte. Am liebsten hätte ich mich eigentlich einfach ins Bett gehauen und ganz entspannt ins neue Jahr geschnarcht, war dann aber schon vollgepackt auf halbem Weg zu den Freunden, bei denen ich zu Silvester eingeladen war.

Noch vor ein paar Jahren hätte ich mich angesichts der Tatsache, dass ich genau an diesem einen Abend nun nicht in Bombenstimmung war, über alle Maßen gestresst und mit den Gedanken, die dabei aufgekommen wären, definitiv auch nicht in bombigere Stimmung gebracht. Ganz im Gegenteil. Hätte vielleicht krampfhaft versucht, gute Miene zum bösen Spiel zu machen und stets bemüht trotzdem den Alleinunterhalter gespielt. Mit dem Ergebnis, dass danach erfreulicherweise vielleicht tatsächlich alle anderen gut unterhalten gewesen wären, ich selbst aber bestenfalls angestrengt.

Dieses Jahr habe ich es einfach mal so sein lassen wie es war. Nicht versucht, etwas zu ändern oder zu optimieren. Es nicht mal ändern wollen, weil ich wusste, dass meine Stimmung eine gesunde Reaktion auf das war, was ich hinter mir hatte. Dass es vielleicht schon morgen oder spätestens in ein paar Tagen erledigt sein würde. Heute aber noch nicht. Und heute war halt nun mal Silvester. Aber ich war hier, umringt von besten Freunden und lieben Bekannten. Inmitten von Bergen gigantischen Essens. Ich war hier, beobachtete ein bisschen mehr als sonst, redete ein bisschen weniger als sonst. Lachte viel, aber nicht ganz so laut. Ich war hier, fühlte mich wohl und geborgen im Kreise meiner Freunde. In der Gewissheit, dass keiner von mir irgendetwas erwartete. Überrascht darüber, dass auch ich nicht mehr von mir erwartete. Dankbar für die wundervollen Menschen und all die Liebe und tiefe Verbundenheit in meinem Leben. In guten wie in schlechten Zeiten.

Ich war hier und mit mir die leichte Schwere, die ich heute im Gepäck hatte. Mein ungebetenes Plus One. Sie durfte auf dem Stuhl neben mir sitzen und ab und zu ein bisschen vor sich hin raunzen. Von dem leckeren Essen bekam sie allerdings nichts ab.

War eh schon schwer genug.

Pimp my brain

Ein attraktives Angebot…

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

…so ein frisches Hirn für nur 39 Euro.

Wobei wir mit einem durchschnittlichen Gewicht unseres Gehirns von ungefähr 1400 Gramm mit nur 100 Gramm vermutlich nicht ganz so weit kommen würden. Da müssten wir dann doch etwas tiefer in die Tasche greifen. Und da stehen wir nun. Der Traum von der Schnäppchengrundsanierung unseres werten Organs – zerplatzt!

Wie so oft wollen wir natürlich direkt alles auf einmal haben. Dabei würden 100g doch vielleicht auch erst mal reichen…

Es würde so oft vollkommen genügen, erst einmal einzelne Dinge zu ändern. Kleine Schritte zu machen. Schauen, was passiert. Ob sich da was tut. Ob es noch mehr braucht oder ob das vielleicht schon ausreicht. Aber dafür braucht es Geduld. Geduld, die wir nicht haben aufgrund eines Mangels an Zeit, die wir uns nicht nehmen. Deswegen muss es schnell gehen. Am besten immer.

Abgesehen davon, dass ich mir als arme Studentin nicht mal ein halbes frisches Hirn hätte leisten können, wollte ich es tatsächlich erst einmal mit der günstigsten Variante von 100g probieren. Ich erinnere mich grade an den Artikel „Mit Vollgas über die Insel“ zurück, in dem ich beschreibe, wie wichtig es meiner Meinung nach ist, entgegen aller Vernunft rechtzeitig abzubremsen, um nicht im hohen Bogen aus der nächsten Kurve zu fliegen. Was ganz sicher auch auf psychisch gesunde Menschen zutrifft, vor allem aber eben auf jene, deren Leben aufgrund einer bipolaren Störung ein Auf und Ab der Superlative sein kann.

Zuhause

Dieses Mal war ich gefühlt noch nicht mal besonders schnell unterwegs gewesen. Nachdem ich mit dem April und Mai auch dieses Jahr nochmal den zauberhaften Frühling und die gigantische Rapsblüte auf meiner Lieblingsinsel mitgenommen hatte, fing ich ab Juni an, mich nach und nach wieder in Hamburg einzurichten. Und es war so schön, wieder hier zu sein. Dieses Gefühl und die Gewissheit, die aus deinem tiefsten Inneren kommt und dir sagt, hier gehörst du hin, hier ist dein Zuhause. Was auch geschieht, hier wird dir nichts passieren, hier bist du sicher. An dieser Stelle kommt mir auch der schon etwas ältere Artikel „Ist Heimat wirklich dort, wo dein Herz ist?“ in den Sinn… Diese Diskussion ähnelt etwas der vom Ei und der Henne – was war denn nun zuerst da? Fühlen wir uns irgendwo zuhause und erlauben irgendwann auch unserem Herz, dort anzukommen oder macht unser Herz den ersten Schritt und erst daraus entwickelt sich unser Heimatempfinden? Ich glaube nach wie vor, dass dieses Gefühl von Heimat und einem Angekommen sein, einem sicheren Hafen (ein Vergleich, der bei Hamburg natürlich noch mal ein bisschen schöner ist als bei Städten ohne Hafen) von ganz vielen verschiedenen Aspekten abhängt. Das können Menschen sein, ein Job, eine Wohnung, gewisse Umstände…ich habe für mich festgestellt, dass es vor allem die Menschen sind, aber tatsächlich auch der Ort Hamburg an sich, wo ich immer leben wollte, für den ich mich aus freistem Willen damals entschieden habe, der mir dieses unbezahlbare und treue Gefühl von Heimat schenkt.

Punktlandung.

Aber darum soll es hier heute nicht gehen. Ich war also pünktlich zum Sommerbeginn wieder in Hamburg, habe meinen neuen Job und einen Nebenjob angefangen, weiterhin nebenher als Hundesitterin gearbeitet, und war plötzlich auch schon im zweiten Semester. Das ging ganz schön schnell. Das letzte Semester war ja gerade erst vorbei, ich war zwar drei Wochen im Urlaub gewesen, aber da konnte man das nächste ja schon erst mal etwas ruhiger angehen lassen, dachte ich mir. Was auch echt ziemlich lange gut ging. Bis ich dann Ende des Sommers feststellen musste, dass ich nun zwar ein halbes Jahr Zeit für diverse Kurzgeschichten, Prüfungsleistungen und Hausarbeiten gehabt hatte, nun aber als Ergebnis meiner überaus erfolgreichen Prokrastination alles innerhalb kürzester Zeit und auf einmal fertig machen musste. Tja, was soll ich sagen. Geil war’s nicht. Aber es hat dann doch erschreckend gut geklappt. Nochmal Glück gehabt. Nächstes Mal wird natürlich alles besser!

Also bin ich zum Herbstanfang dieses Jahr ohne Pause zwischen den beiden Semestern, selbst schuld, direkt ins nächste geschlittert. Habe zu dem Zeitpunkt gerade etwas mehr gearbeitet und relativ bald gemerkt, dass die Pause, wie ich sie auch Anfang des Jahres zwischen dem ersten und dem zweiten gehabt hatte, dringend gebraucht hätte. Dass es dafür jetzt allerdings ein bisschen spät war. Nur war ich leider so kaputt, dass ich nicht drum herum kam, mir zwei Wochen „freizunehmen“, weil ich neben meinen Jobs schlicht und ergreifend nicht noch die Energie aufbringen konnte, die ich für’s Studium brauchte. Hat ja im zweiten Semester auch funktioniert, dachte ich mir. Mir fiel allerdings relativ schnell auf, dass es dieses Semester offensichtlich anders war und ich schon ganz schön viel verpasst hatte. Je größer der Druck wurde, desto weniger Zugang fand ich zu meiner Kreativität. Dann geb ich einfach ab nächster Woche Vollgas, nahm ich mir vor. Im gleichen Moment fiel mir auf, dass genau das der Grund dafür war, warum ich nun so kaputt war. Es gab nun also zwei Möglichkeiten: Wieder Vollgas geben, alles bereits Verpasste unter ganz viel Zeitdruck und Stress aufzuholen versuchen. Hochkant aus der nächsten Kurve fliegen. Totalschaden. Oder einfach die Ausfahrt zur nächsten Raststätte nehmen, erstmal tanken und Pause machen. Snickers kaufen. Snickers essen.

Um mich herum wurde es lauter und lauter, während in meinem Hirn kreative Stille herrschte. Ich brauchte es genau andersherum! Ich brauchte Ruhe. Es sollte endlich ruhig sein da draußen!

Let’s call it „Empirical Escape“

Dieses mal waren es nicht einmal bestimmte Symptome oder die so genannten offiziellen „Frühwarnzeichen“, die mich den Blinker setzen ließen. Dafür schlief ich noch zu gut, klopfte mein Herz noch zu ruhig, aß ich noch genug. War doch alles gut! Noch. Und genau das war der springende Punkt: Noch. Ich brauchte mittlerweile nicht einmal unbedingt immer unübersehbare Frühwarnzeichen, um brav in meinem sorgfältig über die letzten Jahre bestückten Notfallkoffer zu wühlen. Allein aus meinen Erfahrungen, Beobachtungen und Erkenntnissen der letzten Jahre seit der Diagnose wusste ich, was auf mich zukommen würde, wenn ich so weitermachte. Wenn ich mir nicht in einem der vielen Bereiche irgendwie Luft verschaffte, den Druck raus nahm, Zeit schenkte. Wenn auch nur 100 Gramm. Und ganz ehrlich: Das waren mir die 39 Euro dann definitiv wert!

Eine lohnende Investition

100 Gramm frisches Hirn in Form eines Urlaubssemesters. Und mit ihm kamen sie auch schon, die ungebetenen Gäste und klopften an „Wozu brauchst du denn jetzt im dritten Semester schon eine Pause?? Du hast doch erst zwei gemacht!“, „Kann ja noch nicht so anstrengend gewesen sein!“, „Die anderen schaffen das doch auch, sogar mit Vollzeitjob und Kindern!“, „Dann brauchst du ja noch länger, bis du fertig bist!“, „Hättest du dich halt einfach mal besser organisiert…“, „Schon mal drüber nachgedacht, ob du einfach nur faul bist?“, „Alles eine Frage der Disziplin, wenn du mich fragst!“, „Jetzt reiß dich mal zusammen!“, „Kannst ja jetzt auch nicht alles auf deine Krankheit schieben!“… Sie brabbelten alle durcheinander und doch konnte ich sie hinter geschlossener Tür klar und deutlich hören. Den Schlüssel zur Tür hatte jedoch ich. Ich hatte sie schließlich auch abgeschlossen. Und ich war es auch, die entschied, dass sie das erstmal bleibt. Um genau zu sagen, für ein Semester. Die Stimmen wurden weniger, leiser, sie entfernten sich.

Und plötzlich war es ganz ruhig.

Ein dunkelbunter Strauß voll Leben

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Das gute Fee

Ich liege gerade gemütlich eingekuschelt und entspannt in meinem Bett, lausche entspannter Musik bei entspanntem Kerzenschein, während mir nebenher mindestens genau so entspannt kleine leckere Toffifees um die Ohren fliegen. Wer bitte denkt sich so eine Verpackung aus??! Reine Schikane, wenn ihr mich fragt. Mir fällt auf, dass ich mich nicht erinnern kann, jemals in meinem Leben eine Tafel Schokolade oder Ähnliches geöffnet zu haben, ohne sie direkt bis auf den letzten Krümel aufzuessen. Ich frage mich, woher diese kleinen Rillen in der Schokolade, die das Teilen oder gar das Auf-Teilen (ein Worst-Case-Szenario jagt das nächste) eben jener wohl einfacher machen sollen, überhaupt ihre Daseinsberechtigung haben. Frevel!

So. Alle Toffifees (oder müsste es im Plural vielleicht Toffifeen heißen? Toffi, die kleine Karamell-Fee?) wieder eingesammelt. Und „versorgt“. Dann kann ich mich jetzt ja wieder entspannen. Und schreiben.

Schwarz auf Weiß

Ich schreibe Tagebuch seit ich schreiben kann. Denke ich. Es war immer schon schön gewesen, sich im Nachhinein durch die vergangenen Wochen, Monate und sogar Jahre zu blättern, diese untereinander zu vergleichen, Revue passieren zu lassen, sich wieder zu erinnern. All das für immer verewigt zu haben. Allerdings hätte ich niemals geahnt, wie wichtig diese Aufzeichnungen meiner Vergangenheit einmal für mich sein könnten. Wie wertvoll sie waren. Und zwar nicht nur für mich persönlich.

Relativ zu Beginn meiner Zeit in der Klinik vor genau zwei Jahren, drückte mir meine Therapeutin einen Stapel Blätter in die Hand und bat mich, bis zur nächsten Sitzung doch mal ein paar Life Charts der letzten fünf oder am besten zehn Jahre anzufertigen, mit allen Höhen und Tiefen. Auf den Monat und am besten auf die Woche genau. Aha. Sorgen bereitete mir dabei nicht etwa die Frage, wie um alles in der Welt ich mich auch nur annähernd an die Einzelheiten der letzten zwei Jahre oder auch nur des letzten Jahres erinnern sollte. Was ich nicht mehr würde erinnern können, das hatte ich irgendwo Schwarz auf Weiß. So viel war sicher. Viel eher beunruhigte mich die Vorstellung, wie viel Zeit es kosten würde, all meine Aufschriebe der letzten Jahre zu durchforsten. Ich war zu Recht beunruhigt.

Ungeahnte Gemeinsamkeiten

Eine Woche später saß ich meiner Therapeutin wieder gegenüber. Mit der Achterbahnfahrt meiner jüngeren Vergangenheit in Papierformat auf meinem Schoß. Es waren keine geschätzten oder ungefähren Angaben. Kein Vielleicht, kein Wahrscheinlich, kein eher nicht. Genau so, wie ich die Kurven etwas wackelig mit dem schwarzen Filzstift auf das Papier gezeichnet hatte, war es gewesen. In der Mitte war eine Nulllinie. Ich fragte mich damals, was sich die Ersteller dieser Achsen dabei gedacht hatten, weil es eigentlich erst weit abseits von ihr, oben oder unten halt, so richtig abging. Ich listete akribisch auf, wann ich welche Medikamente genommen, vertragen, nicht vertragen, ausgeschlichen oder einfach abgesetzt hatte. Welche Jobs ich in der jeweiligen Zeit gemacht hatte. Ob ich damit glücklich gewesen war. Wie viel ich gefeiert, wie wenig geschlafen, wie viel Alkohol ich getrunken hatte. Wie meine Lebensgewohnheiten allgemein gewesen waren. Und so weiter. Und letzten Endes verbanden sich all diese einzelnen Punkte zu einem Schaubild der Extreme, weitab von jeglicher Kontinuität geschweige denn Neutralität. Die letzten Jahre hätten wohl unterschiedlicher nicht sein können, so viele Ereignisse, Entwicklungen, Veränderungen, in sämtlichen Lebensbereichen. Und doch glichen die Kurven ihrer Schaubilder wie ein Ei dem anderen.

Ich glaubte zuerst, einen Fehler gemacht und mich vertan zu haben, aber ich hatte sie Schwarz auf Weiß vor mir: Meine hypomanen und depressiven Phasen der letzten Jahre. Nach denen ich rückblickend fast die Uhr hätte stellen können, so zuversichtlich waren sie gekommen und gegangen. Die Hypomanie, vom ersten Vogelgezwitscher sachte und sanft aus dem Winterschlaf geweckt, kletterte mit jedem Grad mehr auf dem Thermometer ebenfalls eine Sprosse höher auf der Leiter der Lebenslust, um ein paar Monate später, ganz oben angekommen, plötzlich und völlig unerwartet das Gleichgewicht zu verlieren und in die Dunkelheit der Depression zu stürzen. Und es war nicht der Boden, der den Fall auffing. Denn der war einfach weg.

Gigantisch grau und schrecklich schön

Ich umarmte das Leben nicht, ich fiel darüber her. Bis es vor mir davon lief. Ich rauchte nicht, ich brannte. Bis nur noch ein Aschehäufchen übrig war. Meine Gedanken flossen nicht, sie rasten. Bis sie nur noch kreisten. Ich lief nicht, ich rannte. Bis ich nicht mehr konnte. Ich brachte keinen frischen Wind mit rein, ich fegte wie ein Sturm über alles hinweg. Von dem nichts übrig blieb. Ich lächelte nicht, ich lachte aus vollem Halse. Bis mir die Luft wegblieb. Ich glühte nicht vor, ich fackelte mich ab. Bis ich Verbrennungen 3. Grades hatte. Ich sang nicht, ich grölte. Bis es mir die Sprache verschlug. Ich blubberte nicht, ich schäumte über. Bis keine Kohlensäure mehr da war. Ich funktionierte nicht nur, ich war stets 100% geladen. Bis auf einmal alle Akkus leer waren.

Die Welt lag mir nicht zu Füßen, sie rollte mir den roten Teppich aus. Bis ich merkte, dass ich nicht die passende Garderobe dafür trug. Ich war nicht begeistert, ich war die Begeisterung. Bis nur noch Entgeisterung blieb. Ich sprang nicht über meinen Schatten, ich flog mit dem Licht. Bis ich erblindete. Ich fühlte nicht, sämtliche Gefühle nahmen Besitz von meinem Geist. Bis er gefangen war. Ich tanzte nicht, ich schwebte. Bis mein Körper erstarrte. Ich war nicht verliebt, ich war so voller grenzenloser Liebe, dass ich nicht wusste, wohin damit. Bis da nur noch Leere war. Ich schlief nicht, ich träumte die kühnsten Träume. Bis selbst diese jeglichen Reiz verloren. Mein Blut pumpte nicht, es schoss durch meine Adern. Bis es auf einmal gefror. Ich war nicht wach, ich war unter Strom. Bis irgendwann alle Sicherungen durchknallten. Ich war nicht einfach nur aktiv, ich war getrieben. Bis die Jagd schließlich ein Ende fand.

Ich baute keine Luftschlösser, ich meißelte Burgen in Stein. Unter dessen Last ich zusammenbrach. Ich freute mich nicht, ich schwamm in einem Meer voll Serotonin, Dopamin und Endorphinen. An dessen Küste mich ein Strand voll Treibsand erwartete.

Ich sah die Welt nicht mit anderen Augen, ich erfand sie neu.

Bis sie mir so unfassbar fremd wurde.

Mein Herz klopfte nicht, es raste.

Bis es auf einmal stolperte, hinfiel und einfach liegen blieb.