Scheiße Man(ie). Bin ich jetzt also fame?

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Ich bin drüber. Ordentlich. Und was soll ich sagen?

Leider geil.

Das ist es immer, wenn ich drüber bin. Und das ist auch überhaupt nicht das Problem. Das Problem ist das Tief, das nach dem Hoch kommt.

Wie der Name schon sagt, kennzeichnet sich die bipolare Erkrankung durch den Wechsel von depressiven und manischen (oder hypomanen) Phasen. Zur genaueren Erklärung des Krankheitsbilds und dem Unterschied zwischen den beiden Typen Bipolar-I und Bipolar-II (meine Diagnose) schaut gerne hier vorbei: https://tanzzwischendenpolen.com/bipolare-storung/

Kleines 1 mal 1 des „Drüberseins“: Die Hypomanie

Die Hypomanie ist eine leichtere Form der Manie, sozusagen „die kleine Schwester der Manie“.

Mit Symptomen der Manie in abgeschwächter und kürzerer Form besteht oft nur mehrere Tage oder wenige Wochen eine leicht gehobene Stimmung. Meistens sind noch soziale Anpassung und ausreichende Selbstkontrolle vorhanden, die bei der Manie nicht mehr gegeben sind. Es treten keine psychotischen Symptome auf, wie sie es bei der Manie tun können (z.B. durch Halluzinationen). Die Patienten merken oft selbst nicht, dass sie hypoman sind, weil sie diesen Zustand der Hypomanie als angenehm und gesund empfinden. Nahe Angehörige jedoch empfinden die hypomanischen Symptome in der Regel als störend und bemerken die Symptomatik eher als die Betroffenen selbst.

Symptome der Hypomanie

  • Übertriebene Aktivität
  • Unruhe
  • Vermehrte Betriebsamkeit
  • Vermindertes Schlafbedürfnis
  • Vermehrter Rededrang
  • Gesteigerte Kontaktbedürftigkeit
  • Ablenkbarkeit
  • Konzentrationsprobleme
  • Erhöhte Reizbarkeit
  • Gesteigerte Libido
  • Vermehrte körperliche und geistige Schaffenskraft
  • „Geniale“ Ideen
  • Gedankenrasen

Als ich vor knapp einem Monat den letzten Blogartikel geschrieben habe, war ich gerade aus dem letzten Tief raus. Ich hatte in Absprache mit meiner Ärztin die Medikamente etwas erhöht und extrem darauf geachtet, was mir gerade gut tat und was nicht. Was ich brauchte und was nicht. Was ich tun oder vielleicht auch besser lassen sollte, damit es nicht noch weiter bergab ging.

Kollateralschaden.

Der Shift kommt selten von einem auf den anderen Tag, es fühlt sich aber oft so an. Ich habe das Gefühl, dass der Wechsel von einer Tief- in eine Hochphase langsamer geht als die Bruchlandung in die andere Richtung. Während einem der Frontalaufprall gegen eine Depressionswand eher schwer entgehen kann, kommt so eine hypomane Phase schon mal relativ hinterfotzig dahergeschlichen. Wie immer spreche ich hier nicht von allgemeinen Regeln, sondern einfach nur von meinem persönlichen subjektiven Erleben und Empfinden.

Bei Bipolar-II-Typen, zu denen auch ich gehöre, treten, im Wechsel mit den depressiven Phasen, ausschließlich hypomane Phasen auf. Die Symptome einer Hypomanie ähneln zwar denen einer Manie, sind aber in der Regel schwächer und kürzer ausgeprägt. Bei einem ungünstigen Verlauf, falscher Behandlung, kontraproduktivem Verhalten oder Lebensstil, etc. kann sich eine Bipolar-II-Erkrankung zu einer Bipolar-I-Erkrankung verschärfen, was bei mir zum Glück bisher nicht der Fall war. Wofür ich sehr dankbar bin. Denn eine ausgewachsene Manie, deren Zerstörungspotential und Auswirkungen auf diverse Lebensbereiche der Betroffenen und vor allem auch deren Angehörige von verheerendem Ausmaß sein können, ist nochmal ein ganz anderer Schnack als eine Hypomanie (ohne deren Problematik zu schmälern). Das ist alles, was ich aus Schilderungen von Betroffenen und Literatur zum Thema Manie „weiß“ und somit das einzige, was ich zu dieser Thematik sagen kann und möchte. Alles andere steht mir nicht zu. Bei jedem Bericht zu meinen Hochphasen auf diesem Blog handelt es sich um hypomane und nicht manische Phasen. Da ich aber finde, dass Manien für einen Blog über bipolare Erkrankungen einfach dazugehören, ist ein Erfahrungsbericht in Form eines Gastartikels für die nahe Zukunft bereits in Planung, um euch auch dieses Erleben vielleicht etwas näher zu bringen.

Nachwehmut.

Das Tief lag also gerade hinter mir und ich war froh, dass das Schlimmste überstanden war und es wieder bergauf ging. Es ist immer wieder erstaunlich, wie viel Kraft und Energie diese Phasen Körper und Geist kosten. Und dabei die Dauer der Regenerationsphase in keinerlei Verhältnis zur Dauer der eigentlichen Phase steht. Selbst wenn es mal „nur“ ein paar richtig beschissene Tage mit depressiven Symptomen sind…manchmal habe ich noch Wochen später das Bedürfnis, einfach nur zu schlafen und mich auszuruhen. Allerdings auch nicht wirklich erstaunlich, wenn man sich einmal genau anschaut, was während depressiver Phasen so alles im Körper abgeht. Und was ihm eventuell auch alles verwehrt wird in dieser Zeit. Vor ein paar Wochen habe ich mich mit einer guten Freundin getroffen, die ähnliche Zeiten wie ich kennt und hinter sich hat, wenn auch in ganz anderer Form. Wir wissen auf jeden Fall, wovon die andere spricht und können gewisse Dinge nachempfinden, wie andere es vielleicht nicht können. Und irgendwie waren wir beide erleichtert, als wir uns erzählt haben, dass wir unser Energielevel, wie es vor der einen schweren Depression war, in dieser Form bisher nicht wieder erreicht haben. Schon krass. Wenn ich an die Monate und Wochen vor meinem Klinikaufenthalt Ende 2017 zurückdenke, wundert mich das aber auch überhaupt nicht. Von körperlichen Krankheiten (und Depression ist eine Krankheit, die den Körper ebenso beeinträchtigt wie die Psyche) muss man sich schließlich auch oft sehr lange erholen. Reha sozusagen. Vielleicht kommt das alte Energielevel wieder. Irgendwann. Vielleicht auch nicht. Und vielleicht ist das dann auch nicht so schlimm. Weil mir mein Körper dann ab sofort einfach früher sagt, wann es ihm reicht und einfach nicht mehr mitmacht. Dann hab ich nicht mal eine Wahl. Auch gut.

Lechzen nach Likes

Der Akku unseres blöden Smartphones hält ja auch länger, wenn wir den Stromsparmodus aktivieren oder unnötige Apps löschen, die zwar kein Schwein braucht, die dafür aber Unmengen von Speicherplatz fressen. Und falls der Akku mal ganz leer ist, hängen wir das Teil ja auch an den Strom, um es wieder aufzuladen. Dank der mittlerweile stolzen Sucht unserer Generation nach sozialen Medien auf allen Kanälen, Bestätigung von allen Seiten, um unser verkümmertes Selbstwertgefühl oder verletztes Ego zumindest für eine Weile vergessen und das, was wirklich dahinter steckt, verdrängen zu können, ständiger Zerstreuung im Kampf gegen Langeweile und unschöne Gedanken sowie 24/7 Erreichbarkeit aus Angst vor Stille und Einsamkeit, sind die Akkus unserer überlebensnotwendigen steten Begleiter heute weitaus weniger von Leere bedroht als unsere eigenen. Man muss halt auch mal Prioritäten setzen im Leben.

Und dann schleicht sie sich heimlich und leise in meinen Alltag…

So was von wach!

Es geht mir einfach nur endlich wieder besser! Wurde ja auch mal Zeit!

Irgendwie bin ich total motiviert. Alter, jetzt war monatelang Corona und ich hätte so viel Zeit gehabt, meinen ganzen Unikram zu erledigen und hunderttausend Blogartikel zu schreiben, und, und und…aber irgendwie waren einfach andere Sachen wichtiger. Wie das eben manchmal so ist. Und hey, außerdem war Sommer! Wäre ja schön blöd gewesen, den am Schreibtisch statt auf, an, unter und im Wasser zu verbringen. Und als die anderen Sachen nicht mehr so wichtig waren und ich vielleicht wirklich endlich Zeit gehabt hätte, ging es mir so beschissen, dass ich es gerade mal und unter größtem Kraftaufwand geschafft habe, meinen Alltag zu bewältigen, arbeiten zu gehen, um meine Miete zu zahlen, vielleicht ab und zu was Ungesundes zu essen und diverse Kippen anzuzünden. Da war nicht an Schreiben geschweige denn Unikram zu denken. Tja. Timing is a bitch.

Nachtschicht.

Jetzt ist plötzlich sogar so sehr an Unikram zu denken, dass ich meinen Gedanken, Ideen und kreativen Einfällen selbst fast gar nicht mehr folgen kann. Ich lege eine Motivation und Inspiration an den Tag, von denen sich meine depressiven Phasen bei Gelegenheit mal ne Scheibe abschneiden könnten. Tag für Tag schleppe ich meine kompletten Unterlagen und meinen Laptop über die Reeperbahn, reiße euphorisch und voller Energie meine Schicht im Café runter, habe selbst im größten Stress immer noch für alle und jede*n einen lockeren Spruch auf den Lippen, finde mich selbst dabei eigentlich auch ganz schön witzig und putze in Windeseile nach Feierabend zu ohrenbetäubender Gute-Laune-Musik den Laden, bevor ich mich an meinem Laptop setze und bis spät in die Nacht im Halbdunkel des Cafés meine Hausarbeiten schreibe. Innerhalb von einer Woche habe ich alle drei Prüfungsleistungen fertig, für die ich das gesamte Semester Zeit gehabt und bisher nichts bis nur das Nötigste getan hatte. Damit es nicht langweilig wird, plane und organisiere ich nebenher noch meinen ersten Schreibworkshop, der Ende November startet. Läuft bei mir!

Ich bin so wach! Nicht die Luft ist zum Schneiden scharf, aber mein Verstand dafür definitiv. Waren die Konturen meiner Umgebung schon immer so deutlich? Die Töne so klar? Die Geräusche so unmittelbar voneinander abzugrenzen? Die Farben so bunt? Der Geruch des Spätsommers so warm? Ich muss an den Film „Limitless“ denken und frage mich, ob sich diese Wunderdroge wohl ein bisschen so anfühlt?

Geieeeel.

Sonnenbrille an…

Musik ist mein ständiger Begleiter in diesen Phasen. Während ich nach Feierabend normalerweise meine Wohnungstür aufschließe und froh bin, nach dem Lärm des Tages, des Cafés, der Stadt endlich Ruhe zu haben, drehe ich jetzt das Radio auf, singe schief unter der Dusche und freue mich meines Lebens. Auf dem Weg zur Arbeit, auf dem Weg zurück, im Supermarkt, in der Bahn, auf dem Rad, beim Spaziergang mit dem Hund. Alle Lieder hoch und runter. Käme es komisch, jetzt einfach auf der Straße los zu tanzen? Scheiß doch drauf, was die anderen denken! Selbst schuld, wenn die keinen Spaß im Leben haben! Was wäre das Leben nur ohne Musik??! Wie furchtbar! Gott, ich hab so Bock, endlich mal wieder so richtig durchzudrehen und die ganze Nacht tanzen zu gehen! Nicht, dass ich unsere Party- und Saufgesellschaft großartig vermisse, da fehlten mir die letzten Monate eher die Saunagänge, aber manchmal wär’s irgendwie schon geil. Not macht ja zum Glück erfinderisch. Ich mache nachts nach Feierabend ne kleine private Kopfhörerparty in meinem Zimmer. Fenster auf. Augen zu. Musik an! Techno. Der Bass wummert in meinen Ohren und Endorphine ballern durch meine Blutbahnen. Ich könnte ewig so tanzen. Vergesse alles um mich herum und lass mich im Moment treiben. Ich höre erst auf zu tanzen, als ich schon ganz schön verschwitzt bin. Nice. Ich bin immer noch zu aufgedreht zum Schlafen. Die Nächte werden kürzer, die Tage länger. So hell. Es ist Herbst. So viel Glitzer und Flausch in meinem Kopf! Was ich morgen alles erledigen könnte. Möchte. Werde! Was ich heute schon wieder alles erlebt habe! Es wird aber auch nie langweilig! Allein diese Begegnung vorhin auf der Straße… Vielleicht sollte ich das mit dem work and travel in Kanada wirklich mal ins Auge fassen, bevor ich zu alt dafür bin! Grade natürlich nicht so praktisch, aber….nee warte mal. Ich fahr morgen einfach ans Meer! Beste Idee! Hab ja grad ein Auto! Ich fühle mich so frei und unabhängig wie schon lange nicht mehr! Ob das wohl am Auto liegt?

…fahr raus aus meiner Stadt…

Ich kann bis nachts um 2 nicht schlafen, weil ich mich so sehr auf meinen soeben spontan geplanten Roadtrip freue und es gar nicht erwarten kann, voller Euphorie in den neuen Tag zu starten. Mein Herz klopft. Ich bin um 7 schon wieder hellwach, und zwar nicht, weil der Wecker mich geweckt hat. Der sollte nämlich erst um 9 klingeln. Ich bin einfach wach. Ich! Fein. Dann ist das jetzt wohl so und ich nutze die Gunst der Stunde. Stopfe den frühen Vogel zu Bikini, Handtüchern und Sonnencreme in meinen Rucksack, hole mir bei meinem Stammportugiesen um die Ecke einen Kaffee, obwohl ich schon jetzt Herzrasen habe, gebe zwei Euro Trinkgeld, ich arbeite ja schließlich selbst in der Gastro und jeder weiß, dass Kellner*innen, Baristas und Co. von ihrem Trinkgeld leben (ja vom Lohn sicher nicht, haha!), also was soll der Geiz, ich lege noch nen Euro drauf! Als ich ins Auto steige, fällt mir auf, dass ich gerade mehr Trinkgeld gegeben habe, als der Kaffee selbst gekostet hat. Naja. Yolo! Erklärt den verwirrten Blick des Mädels hinterm Tresen. Gute Tat für heute. So. Hit the road! Kippe an, Musik laut, Fenster auf und los geht’s. Ich hab richtig Bock. Wie geil ist das denn bitte? Einfach ins Auto steigen und losfahren! Autobesitzer*innen wissen gar nicht, was für einen Luxus sie da genießen. Da ich weiß, dass ich diesen Luxus nur vorübergehend habe, genieße ich ihn um so mehr. Noch dazu unter der Woche, weil ich nun mal meine freien Tage unter der Woche habe. Eigentlich schön blöd, wenn man sein Auto nur dazu nutzt, zur Arbeit und zurück zu fahren. Irgendwie total falsch investiert, oder nicht? Ich will endlich einen Bus haben! In meinem Kopf schießen die absurdesten Finanzierungsideen wie kleine Raketen hin und her und sorgen dafür, dass ich bei der nächsten Tankstelle ranfahre und mir lieber noch einen Kaffee hole. Wobei noch wacher echt schwierig werden könnte!

Um zehn Uhr grabe ich knirschend die Zehen in den Sand meines Lieblingsstrands, an dem ich um diese Uhr- und Jahreszeit ganz alleine bin. Ich gehe nackt baden und schnappe nach Luft, weil das Wasser schon so kalt ist. Buddele mein mittlerweile kühles alkoholfreies Bier aus dem Kies an der Wasserkante. Schaue auf das glitzernde Wasser. Möwenkreischen. Rauch in meiner Lunge. Die Spätsommersonne wärmt schüchtern meine Haut. Ich bin einfach nur glücklich. Spüre so viel Liebe in mir, dass ich gar nicht weiß, wohin damit. Alles ist leicht. Wie sehr ich es liebe. Das Leben.

Ich bin drüber. Ordentlich.

Und was soll ich sagen?

Leider ganz schön gefährlich.

Sternschnuppenschauder.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Ich liege mit überkreuzten Beinen auf dem Rücken und starre in einen Himmel voller Sterne. Bis auf ein paar kleine Steinchen ist der Sand unter mir weich. Die Wellen rollen leise rauschend ans Ufer. Die Luft ist immer noch warm und riecht nach Sonnencreme und Lagerfeuer. Ich kann die Milchstraße sehen. Fühle mich unendlich winzig und unbedeutend. Irgendwie ein schönes Gefühl. Momentaufnahme eines gedankenleeren Raums. Und dann fangen sie plötzlich an zu fallen.

Lass mal wieder tanzen gehen!

Schwupps, sind zwei Monate vergangen, seitdem ich den letzten Blogartikel veröffentlicht habe. Verrückt. Eine so lange Pause zwischen den Beiträgen gab es schon sehr lange nicht mehr. Nachdem kürzlich immer mehr Beschwerden meiner Leserinnen und Leser eintrudelten und es auch mich wieder ordentlich in den Fingern juckt, tanzen wir heute also endlich mal wieder eine Runde zwischen den Polen! Schluss mit der Sommerpause!

Sowohl.

Und um die wiederkehrenden Fragen zu beantworten: Ja, die lange Funkstille lag unter Anderem daran, dass es mir zwischenzeitlich ziemlich schlecht ging und ich weder Raum in meinem Kopf noch genug Antrieb und Kraft zum Schreiben hatte. Daran, dass ich die Energie, die mir nach der alles in Schatten stellenden Traurigkeit, dem stundenlangen Heulen jeden Tag und der Schlaflosigkeit noch blieb, brauchte, um arbeiten zu gehen und das Nötigste im Alltag zu erledigen. Mich darauf zu konzentrieren, nicht noch tiefer zu fallen. Die Ziellinie nicht zu überschreiten. Zu einem Ziel, das kein Ziel ist.

Als auch.

Aber auch daran, dass es mir zwischenzeitlich so richtig gut ging und es verdammt nochmal Wichtigeres in diesem Moment gab, als an meinem Laptop zu sitzen und über meine bipolare Störung zu schreiben. Nacktbaden im Meer zum Beispiel. Kilometerlang am Strand spazieren gehen und Robben treffen. So lange am Lagerfeuer sitzen, bis es wieder hell wird. Eiskaffee in rauen Mengen konsumieren. Salzkristalle auf meiner Haut beobachten. Kiten gehen und mich zuerst freuen, wie toll ich das doch schon kann, um dann eine Sekunde später in so einem hohen Bogen auf die Fresse zu fliegen, dass ich danach stundenlang mein Brett suchen muss und diesen beschissenen Sport verfluche. Mir schwöre, dass ich ab sofort lieber stricken lerne. Um das blöde Brett irgendwann zu finden, direkt zurück aufs Wasser zu gehen, um mich so frei und unbeschwert zu fühlen, wie es nur in wenigen Situationen möglich ist. Mit Freunden so viel lachen, dass ich mir fast in die Hose pinkle. Im Zelt über das Leben philosophieren, bis wir mitten im Gespräch einschlafen.

Immer Meer. Von Allem.

Was von all dem war nun depressiv? Was hypoman? Was davon symptomfrei? Wann war ich „einfach nur“ aus gutem Grund traurig, so wie es jede*r andere in der selben Situation vielleicht auch gewesen wäre? Wann war ich einfach nur voller Leichtigkeit und Lebensfreude, weil es mir gut ging, ich keinen Stress hatte, schöne Dinge erlebt und Zeit mit den richtigen Menschen verbracht habe? Inwiefern standen das Maß meiner Traurigkeit oder Freude in Relation zu den Ereignissen, aus denen diese Emotionen hervorgegangen waren? Ich weiß, dass ich immer etwas trauriger bin als die Menschen in meinem Umfeld, wenn ich traurig bin. Und immer ein bisschen glücklicher, wenn ich glücklich bin. Dass ich selten eine Nulllinie fahre. Sie insgeheim verachte. Sie mir trotzdem manchmal herbeisehne, wenn ich gerade jenseits von Gut und Böse unterwegs bin. Und dass ich nicht nur in Bezug auf meine Stimmungen extrem sein kann, sondern auch hinsichtlich diverser Emotionen und Lebensbereiche. Alles schon gesehen, alles schon gehabt. Manchmal ist das gut, manchmal weniger.

Henne? Ei?

Müssen wir als Bipolare wirklich immer alles pathologisieren? Müssen wir uns jedes Mal fragen, ob wir uns jetzt gerade ober- oder unterhalb der Nulllinie befinden? Ob das gerade unser depressives oder hypomanes (manisches) Ich ist? Oder das Ich dazwischen? Welches ist das „richtige“, das „echte“ Ich? Gibt es das überhaupt? Sind nicht alle davon echt und richtig? Alles Teil von uns? Ist das da gerade ein Frühwarnzeichen? Und wenn ja, müssen wir dann sofort handeln und gegensteuern oder haben wir noch etwas Spielraum? Ist es wichtig und gesund, abzugrenzen, was von all dem einfach nur wir selbst sind und was davon die Krankheit? Können wir das überhaupt trennen? Viel wichtiger noch: Müssen wir das? Wir könnten diesen Fragenkatalog noch beliebig lange weiterführen fürchte ich…

Abwechslungsreich routiniert?

Ich bin immer wieder erstaunt, wie viel in so einem Leben in so kurzer Zeit passieren kann. Meistens empfinde ich das tatsächlich als sehr schön, weil mein Leben so bisher noch nie langweilig war und es vermutlich auch nie sein wird. Andererseits überschlagen sich die Ereignisse manchmal so schnell, dass Herz und Kopf gar nicht mehr hinterherkommen und ich nicht Schritt halten kann. Das strengt dann ganz schön an. Es ist eine mir wohlbekannte Hass-Liebe. Einerseits finde ich zu straffe Routinen und eintönigen Alltag total ätzend, andererseits brauche ich, ob ich das will oder nicht, eine gewisse Kontinuität in meinem Leben, um langfristig stabil zu bleiben. Eine gewisse Regelmäßigkeit. Wenn ich mir meine letzten Jahre allerdings so anschaue, findet sich darin tatsächlich herzlich wenig davon. Und trotzdem ist es irgendwie gegangen. Manchmal mehr, manchmal weniger schief. Wie bei so vielen anderen Dingen auch eine Frage des goldenen Mittelwegs. Königsdisziplin.

In den letzten Wochen war mal wieder alles dabei. Eine Achterbahnfahrt der Gefühle vom Allerfeinsten. Hatte mich eigentlich schon gefreut, dass, nachdem sich die Corona-Lage etwas beruhigt hatte, vielleicht etwas Ruhe einkehrt. Aber da war es während Corona deutlich ruhiger, muss ich gestehen.

Auch ohne Boden kann man stehen.

Vor ein paar Wochen ging es mir so schlecht wie schon seit knapp zwei Jahren nicht mehr. Vor allem aber so lange schlecht wie schon seit Langem nicht mehr. Eine nicht zu verachtende depressive Episode, die ohne große Vorwarnung über mich hereinbrach und mir einmal schnell den Boden unter den Füßen wegzog. Ich habe mal wieder festgestellt, dass jede Phase anders verläuft. Sowohl die depressiven als auch die hypomanen. Keine ist wie die andere. Da bin ich wohl nicht die einzige, die keine Routinen mag. Der Nachteil daran ist, dass man aus jeder Phase seiner Meinung nach ein Stück schlauer herausgeht und sich gewappnet fühlt für die nächste. Man lernt ja jedes Mal dazu, genau. Und außerdem entwickeln sich Krisenfähigkeit und Resilienz immer nur durch Krisen selbst. Jede Krise macht uns stärker, die schweren Zeiten sind es, an denen wir wahrhaftig wachsen. Blaaaaaa. Würg.

Nach Scheiße kommt Geil!

Nachdem wir all diese Kalendersprüche brav verinnerlicht haben freuen wir uns also, dass wir, ganz toll, endlich mal wieder so richtig durch die Scheiße gegangen und dabei so viele tolle neue Dinge dazugelernt haben und womöglich sogar noch viel schlauer sind als der ganze blöde Rest der Welt. Tja. Und dann stellen wir fest, dass keine Phase der vorherigen gleicht. Und dass diese Phase ganz andere Herausforderungen mit sich bringt als die letzte. Und die nächste. Klar, es gibt Symptome, die jedes Mal am Start sind. Stärker oder schwächer ausgeprägt. Die wir zumindest schon einigermaßen kennen, nicht komplett von ihnen plattgewalzt werden und in einem gewissen Maß mit ihnen umgehen können. Bei mir sind das in den depressiven Phasen vor allem Traurigkeit, Antriebs- und Energielosigkeit. Damit kann ich mittlerweile ganz gut umgehen, manchmal besser, manchmal schlechter. Aber meistens besser.

Augen…

Ich weiß, dass meine Traurigkeit in depressiven Episoden ihre Daseinsberechtigung auch ohne Grund bekommt. Dass es nicht hilft, gegen sie anzukämpfen, weil es sie noch schlimmer machen würde. Dass Verdrängen oder Ablenken manchmal helfen und auch richtig sind. Aber ich weiß auch, dass ich den schwarzen Umhang am schnellsten wieder abstreifen kann, indem ich mich ihrer vollen Wucht stelle und sie „einfach“ aushalte. In einem Abwasch sozusagen. Kurz und knackig. Dass auch das, was ich verdränge oder von dem ich mich vielleicht eine Zeit lang, manchmal überlebensnotwendiger Schutzmechanismus unseres Geistes, erfolgreich ablenken kann, konsequent irgendwann seine Verarbeitung einfordern wird.

auf…

Ich weiß, dass ich nicht mehr Antrieb bekomme, indem ich mich jeden Tag dafür fertig mache, dass ich keinen Antrieb habe und dass ich ja nichts hinkriege und mich mit psychisch gesunden Menschen und mir selbst in symptomfreien, „gesunden“ Phasen vergleiche. Ein Vergleich, bei dem ich in einer depressiven Phase natürlich nur verlieren kann. Ganz abgesehen davon, dass Vergleiche, egal mit wem, selten eine gute Idee und auch nicht als Selbstwertbooster bekannt sind. Aber ich weiß, dass es in diesen Zeiten der Antriebslosigkeit hilft, nicht so streng und stattdessen lieber nachsichtig mit mir zu sein. Wie ich es auch zu allen mir wichtigen Menschen wäre. Zu akzeptieren oder zumindest hinzunehmen, dass das nun mal eines der Symptome einer Depression ist und nicht bedeutet, dass ich generell nichts „hinbekomme“. Aber dass ich deswegen eben gerade in diesem Moment nicht so viel „hinbekomme“, wie ich das gerne würde. Dass das okay ist. Dass es auch wieder anders werden wird. Dass ich dann eben die Dinge, für die es gerade nicht reicht, wenn möglich verschieben oder zumindest auf die vorerst Wichtigsten reduzieren kann. Dass unser Wert als Mensch nicht darauf basieren sollte, was wir „schaffen“ und „erreichen“, auch wenn uns unsere Gesellschaft etwas anderes suggerieren mag. Und: Dass wir abgesehen davon vielleicht nicht immer nur „hinbekommen“, „schaffen“, „erledigen“, „produktiv sein“ müssen. Aber dieses Thema steht nochmal auf einem ganz anderen Blatt geschrieben und verdient in Zukunft einen eigenen Blogbeitrag. Ich muss an die Aussage einer Ärztin in der Klinik damals denken: „Vielleicht reicht es ja auch erstmal, wenn Sie es schaffen würden, nicht immer alles schaffen zu wollen.“

…und

Ähnlich verhält es sich auch mit der Energielosigkeit, die oft zwangsläufig mit der Antriebslosigkeit einhergeht. Natürlich ist die eben beschriebene Nachsicht mit diesem Zustand als Basis eines achtsamen und freundlichen Umgangs mit sich selbst eine sehr gute Grundlage. Und trotzdem habe ich über die Zeit für mich festgestellt, dass Aktivität oft auch durch Aktivität wiederkommen kann, wenn auch nur im ganz kleinen Rahmen. Dass es mich, bei aller Liebe zu Achtsamkeit und Akzeptanz, vielleicht sogar weiterbringt, wenn ich mich, auch wenn es noch so schwer fällt, aufraffe und eine Runde spazieren gehe. Keine sportliche Höchstleistung, keine Schnelligkeit, keine Strecke (außer mir ist danach und ich habe die Kraft). Einfach nur in Bewegung kommen, egal wie und egal, wie lange. Ich kann da nur für mich sprechen, aber Bewegung hilft immer immer immer.

…durch.

Diese Phase ging ohne Panikattacken über die Bühne, dafür aber mit einer überwältigenden Traurigkeit, wie ich sie lange nicht erlebt habe. Vor allem mit Sturzbächen von Tränen, die ich nie für möglich gehalten hätte. Tränenkanalsanierung sozusagen. Ist bestimmt auch mal gut. Trotzdem reichte der Antrieb noch, um morgens aufzustehen und zur Arbeit zu gehen. Was ich auch schon deutlich anders erlebt habe. Ich sah zwar jeden Tag aus wie Quasimodo mit Bindehautentzündung und hätte mir gewünscht, meinen Mundschutz einfach zur Komplettgesichtsmaske umzufunktionieren, aber ich war froh, dass ich mir durch meine Arbeit, die ich sehr sehr gerne und mittlerweile auch komplett routiniert mache, eine gewisse Struktur und Ablenkung in dieser Zeit aufrechterhalten konnte. Weitergeheult habe ich dort trotzdem. In Etappen. Heimlich in der Küche. Man kann nicht alles haben.

Alles eine Betrachtung…

Mittlerweile sehe ich jede meiner Phasen, egal ob depressiv oder hypoman, als Erweiterung meines Erfahrungsschatzes mit dem Umgang meiner Erkrankung an. Meist harte Schule, aber hat ja auch keiner behauptet, dass Schule Spaß macht. Ich packe weiter fleißig meinen Notfallkoffer…und nehme alles mit, von dem ich weiß, dass es mir in meinen Phasen weit jenseits der Nulllinie helfen kann und in der Vergangenheit auch schon getan hat. Und auch der Koffer wird dann mit seinen Aufgaben wachsen. Genau so wie wir. Und auch das ist ein Kalenderspruch, der das Potenzial hat, uns im Strahl kotzen zu lassen, aber here it goes anyway:

Es geht nicht darum, wie oft wir fallen, sondern darum, dass wir immer wieder aufstehen.

…der Frage?

Mittlerweile sind so viele Sternschnuppen vom Himmel gefallen, dass ich den Überblick verloren habe.

Bedauernswerter- und unromantischerweise wissen wir ja leider mittlerweile, dass Sternschnuppen keine vom Himmel fallenden Sterne sind. Sondern winzig kleine Teilchen oder Steinchen aus unserem Sonnensystem. Und trotzdem rührt ihre Schönheit, der leuchtende Lichtschweif, den wir manchmal von der Erde aus sehen können, doch daher, dass sie mit unvorstellbarer Geschwindigkeit durch die Erdatmosphäre fallen, wodurch Reibung erzeugt wird und daraus wiederum ihr Leuchten entsteht.

Langsam wird mir kalt. Ich zünde mir noch eine Zigarette an und blase den Rauch ins Halbdunkel der Nacht. Da. Schon wieder eine.

Wenn selbst so etwas Schönes wie eine Sternschnuppe erst fallen muss, um zu leuchten…

… dann gehört Fallen vermutlich einfach dazu.

Freiläufer.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Einen Fuß vor den anderen setzen. Schritt für Schritt. Weiter. Immer weiter.

Es gibt mittlerweile viele Studien, die belegen, dass regelmäßige Bewegung und Sport bei der Behandlung von Depressionen und Angstzuständen genauso wirksam sind wie die Einnahme von Antidepressiva. Um zu verstehen, dass dies für schwere depressive Phasen, während der die Betroffenen morgens nicht mal das Bett verlassen können, nicht ganz realistisch ist, braucht es vermutlich keine Statistik.

Auf den letzten Metern

Ich war jahrelang regelmäßig und teilweise ziemlich exzessiv joggen gegangen. Für mich ein Ventil, das es mir ermöglichte, Druck abzubauen, Stress zu bewältigen und den Kopf frei zu bekommen. Ich erinnere mich noch sehr gut an einen meiner letzten Läufe, im Sommer 2017 bevor ich in die Klinik ging. Es ging schon seit Wochen kontinuierlich bergab, ich konnte schon nicht mehr wirklich schlafen und wachte weit vor Sonnenaufgang auf, weil mir mein Geist keine Ruhe mehr ließ. Mein Herz zu laut von innen gegen meine Brust hämmerte. Die Gedanken Runde um Runde drehten. Das Aufstehen stellte bereits eine gewisse Herausforderung da, aber noch schaffte ich es irgendwie. Es war einer dieser Morgende, ich war mit meiner Familie in einem wunderschönen Ferienhaus in Dänemark, mitten in den Dünen, nur ein paar Meter von einem scheinbar endlosen Strand entfernt. Es war irgendwann zwischen 4 und 5, ich schnürte die Schuhe und lief los. Möwenkreischen, das Rauschen der Wellen und zwei Babyrobben, die panisch vom Sand zurück ins sichere Meer flüchteten, als sie mich sahen und mich von dort aus misstrauisch aus großen schwarzen Knopfaugen beobachteten, bevor sie in den Wellen abtauchten. Die Schönheit des Moments war zum Greifen nahe, doch so sehr ich meine Finger auch nach ihr ausstreckte, ich konnte sie nicht erreichen.

Wettlauf gegen den Abfuck

Ich lief und lief und lief. Rannte. Sprintete. Bis der Weg von einigen umgefallenen Baumstämmen versperrt war. Lief und rannte und sprintete die vielen Kilometer und den ganzen Weg zurück. Meine Lunge brannte. Und weiter in die andere Richtung. Bis mein Körper mir unmissverständlich klar machte, dass hier Schluss war. In der Hoffnung, das quälende Gefühl, die Verzweiflung und meine immer wiederkehrenden Gedanken loszuwerden, hatte ich einfach nur eine vollkommene körperliche Erschöpfung erreicht, welche mir die kurzzeitige Güte erwies, zumindest für ein kleines Zeitfenster stärker zu sein als meine psychische. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits deutlich abgenommen. Zu viel. Ich hatte vorher nie Probleme mit meinem Gewicht gehabt. Mal ging es etwas hoch, mal etwas runter, aber früher oder später pendelte es sich immer wieder auf die selbe Zahl ein. Ich war ein absoluter Genussmensch und aß für mein Leben gern und viel, noch mehr, wenn ich viel Sport machte, und hatte meine Zeit noch nie mit sinnlosen Diäten oder Kalorienzählen verbracht. Dafür war das Leben meiner Meinung nach zu kurz. In ein paar Wochen würde ich zehn Prozent meines Gewichts verloren haben, da ich über Tage hinweg kaum mehr etwas zu mir genommen haben würde. Das war der Moment, als ich zum ersten Mal seit Jahren mit dem Joggen aufhörte. Weil mein Körper einfach nicht mehr genügend Kraft hatte. Die letzte Kraft brauchte, um irgendwie zu bewältigen, was da gerade alles Abartiges in ihm abging.

Flügge, lieber nicht!

Als sich meine Zeit in der Klinik im November dem Ende zuneigte, waren bereits nach und nach ein paar der Leute entlassen worden, die schon vor mir da oder gemeinsam mit mir gekommen waren. Nicht jeder sprach es aus, aber irgendwie hatten wir alle Respekt, wahrscheinlich sogar Angst, vor dem, was danach kommen würde. Vor dem großen Nichts für die, die ihren Job durch zu viele Fehltage verloren hatten. So wie ich. Für die, die vielleicht bereits zuvor keinen Job mehr hatten. Angst davor, den Herausforderungen und dem Druck des Arbeitslebens nicht mehr gewachsen zu sein für die, auf die eine Wiedereingliederung wartete. Um die ich sie ehrlich gesagt ganz schön beneidete. Klar würde es eine Herausforderung sein und eine Umstellung, aber es wäre gleichzeitig auch ein Garant für Struktur im Alltag, einen sicheren Rahmen, der Halt geben könnte nach dem absoluten Zusammenbruch und allem, was sie hinter sich hatten.

Gähnende Leere.

Durch den Klinik-Gossip erfuhren wir, die noch da waren, bereits wenige Tage nach der Entlassung einiger Leute, dass sie beim Sprung zurück in den Alltag, raus aus dem sicheren Nest der Einrichtung, abgerutscht waren und einige von ihnen sich gerade übergangsweise in der Geschlossenen befanden. Und das waren nicht nur die ohne Partner oder ohne Job. Sondern auch die, die einen sehr stabilen Eindruck gemacht hatten an ihrem letzten Tag und optimistisch in die Zukunft sahen. Das zu hören machte Angst. Würde es mir genau so gehen? Wie würde ich mir ohne jegliche Struktur von außen meine eigene schaffen? Würde ich diesen neuen, erstmal vollkommen leeren Alltag bewältigen können? War ich stabil genug dazu? Wie lange würde diese Stabilität angesichts der Unsicherheit, mit der ich konfrontiert war, überleben? Was kam danach? Wie sollte es weitergehen?

Gute Reise, gute Reise.

Während wir in der Klinik alle in einem Boot saßen, uns gegenseitig verstanden und austauschen konnten, uns für die Zeit, die wir dort waren, in Sicherheit wähnten, würde ich ab sofort in einem Ein-Mann-Kanu auf’s offene Meer geschickt werden. Freundlicherweise mit einem Paddel und einem Rucksack voller Erkenntnisse, Gelerntem und Ressourcen, den ich über die letzten Wochen und Monate mühsam und in kleinen Schritten gepackt hatte. Doch was ich daraus machte, lag nun einzig und allein an mir. „Leidensgenossen“ in diesem Sinn gab es nicht wirklich, da sich unter meinen Freunden momentan weder andere psychisch Kranke noch Arbeitslose befanden. Glücklicherweise muss man ja fairerweise sagen. Alle arbeiteten ganz normal in ihren Jobs, standen morgens auf, wenn der Wecker klingelte, hatten Verpflichtungen, denen sie nachkommen mussten und einen strukturierten Alltag. Und ich?

Ich ging.

Wohin?

Nirgendwo wirklich hin eigentlich. Ich fing einfach an zu gehen. Nicht joggen, einfach nur gehen. Ich kannte mich und wusste, dass ich wenn ich nicht übergangslos an das täglich frühe Aufstehen während der Klinikzeit anknüpfen würde, schnell wieder in alte Muster verfallen und bis vormittags schlafen würde. Also stellte ich mir weiterhin meinen Wecker, jeden Tag zur gleichen Zeit, und stand auf. Machte mir einen Kaffee zum Mitnehmen, Coffee to go unterwegs gab das Krankengeld leider nicht her, und lief los. Erstmal immer die gleiche Strecke. An der Elbe entlang. Immer geradeaus.

Einen Fuß vor den anderen setzen. Schritt für Schritt. Weiter. Immer weiter.

Jeden Tag.

Bei jedem Wetter.

Schritt für Schritt.

Am Anfang fünf Kilometer, ein paar Tage später zehn. Nach einer Woche keinen Tag unter 15 bis 20 Kilometer. Einmal waren es 35. Das war dann nicht mehr so schön. Ich lief und lief und lief. Um die 300 Kilometer im Monat. Am Anfang bluteten meine Zehen ein paar Mal und es gab die ein oder andere Blase, aber das ging schnell vorbei. Das in Bewegung sein, das Gefühl, voranzukommen, die Regelmäßigkeit der Schritte und meiner Atmung, die Natur, der Strand, das Wasser, die Ruhe, die frische Luft. Nicht die Schnelligkeit und das Auspowern vom Joggen, sondern die Langsamkeit und das Stete des Gehens. All das tat mir gut. Meinem Körper und vor allem auch meiner Seele. Den Blick und auch die Gedanken schweifen zu lassen. Keine Höchstleistungen vollbringen zu müssen, sondern einfach nur stetig einen Fuß vor den anderen zu setzen. In der beruhigenden Gewissheit, dass mein Körper mir gehorcht und mich dort hinbringt, wo ich sein möchte. Egal, was war, vor allem auch an schlechteren Tagen, wusste ich, dass es mir besser gehen würde, sobald ich los lief. Und dass vielleicht vieles schon vergessen sein würde, wenn ich wieder zu Hause war. Mit jedem Schritt fühlte ich mich mich mir selbst noch ein Stück näher.

Man kann es auch übertreiben…

Manchmal setzte ich mir ein Ziel, manchmal nicht. Zwangsläufig legte ich auch alle Wege, die ich im Alltag zurücklegen musste, zu Nachbesprechungen in der Klinik, zum Yoga, zu Treffen mit Freunden, zu Fuß zurück, da anscheinend auch der Hamburger Verkehrsbund mit seinen horrenden Preisen herzlich wenig Sympathien für Krankengeldempfänger hatte. Ich hatte ja den ganzen Tag Zeit, also plante ich einfach genug davon ein und stieg nicht easy schnell in die Bahn oder den Bus und fuhr zwanzig Minuten, sondern ging 17 Kilometer zu Fuß, um zum Zahnarzt zu gehen. Da jeder gegangene Kilometer auch Zeit beansprucht und es außerdem tiefster Winter war, vergingen die Stunden und Tage somit wie im Flug. Wenn ich nach Hause kam, war ich meistens so erschöpft, dass ich es gerade noch so schaffte, zu duschen und etwas zu essen, bevor ich ins Bett fiel und wie ein Stein schlief. Noch ein Problem gelöst. Ich war mir des etwas extremen Charakters all dessen von Anfang an bewusst, doch abgesehen davon, dass Extreme schon immer zu mir gehört hatten und sie mir gefielen, nahm ich das gerne in Kauf. Zu groß war die Angst, wieder den Halt zu verlieren und nur noch die Rücklichter des Zuges zu sehen, der mich zurück in den Alltag bringen sollte.

Und das Laufen war mein Ticket dorthin.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Ich laufe monatelang so weiter. Jeden Tag. Bis ich im April nach Fehmarn ziehe und wieder anfange zu arbeiten. 12-Stunden Schichten. Teilweise zehn Tage am Stück. Warum das, wer hätte das geahnt, nach allem, was ich mit und über meine Erkrankung sowie Frühwarnsignale, Belastungsgrenzen und deren Wahrung, in der Klinik und auch den vorangegangenen Monaten gelernt hatte, nicht so schlau war, könnt ihr hier lesen: https://tanzzwischendenpolen.com/2019/11/06/mit-vollgas-uber-die-insel/ Da blieb weder Zeit noch Kraft für’s Laufen. An meinen wenigen freien Tagen machte ich es trotzdem weiterhin. Oder fuhr mit dem Rad über die Insel. Oder ging Kiten. Mit einer völlig neuen und wunderschönen Kulisse. Die Saison neigte sich dem Ende zu, der Job und eine ganz besondere Zeit auf der Insel waren vorbei.

Öfter mal was Neues!

Zurück in Hamburg musste also ein neuer Job her. Ich kam zu dem Schluss, dass ich, wenn ich sowieso jeden Tag so viel und weit laufen ging, das doch eigentlich auch in tierischer Begleitung machen und nebenher noch ein bisschen Geld verdienen könnte. Also registrierte ich mich auf einer Plattform für Hundebetreuung und Gassiservice und drehte kurz darauf und ab sofort meine Runden mit zwei Vierbeinern, meistens getrennt, manchmal auch beide zusammen, inklusive Leinensalat, massenweise Kackebeuteln, für die ich definitiv eine dritte Hand gebraucht hätte, und belustigter Blicke der Leute, die uns begegneten. Obwohl ich beide sehr schnell in mein Herz schloss, hatte die erste Hundedame eben jenes sofort im Sturm erobert, ich war schockverliebt und wir gehen noch jetzt, über zwei Jahre später, zusammen spazieren und lieben uns heiß und innig.

Insofern hat das Laufen mir nicht nur den Weg zurück in den Alltag geebnet, sondern mich auch meine Liebe zu Hunden entdecken und in den Genuss ihrer bedingungsloser Zuneigung und unbändiger Freude kommen lassen. Und das sind nur einige der positiven Aspekte, die das Laufen mit sich bringen kann.

Laufen braucht kein Ziel, keine Intention. Es geht nicht darum, möglichst schnell anzukommen. Es geht nicht um einen Anfang. Oder ein Ende.

Sondern um das Dazwischen.

Schritt für Schritt.

Weiter.

Immer weiter.

Im hoffnungslosen Fall

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Einen Fuß vor den anderen setzen. Schritt für Schritt. Weiter. Immer weiter.

Einen Zombie, bitte.

Ich weiß nicht, wie lange ich schon unterwegs bin. Ich weiß nur, dass ich das Haus verlassen habe, als es noch dunkel war. Und es ist Sommer. Also muss es weit vor 6 Uhr morgens sein. Das Gefühl in mir war unerträglich geworden. Ich war mir sicher, mein Körper würde das nicht eine Sekunde länger mehr mitmachen. Was hätte ich dafür gegeben, einfach aus ihm herauszuschlüpfen und zu flüchten. An einen fernen Ort. An dem ich sicher wäre vor der Erbarmungslosigkeit, mit der Schmerz, Panik und tiefste Hoffnungslosigkeit in meiner Seele wüteten. In seiner Machtlosigkeit hatte mein Körper wortwörtlich versucht, all das von sich zu stoßen. Ich hatte mich die halbe Nacht übergeben. Aber außer zunehmender Erschöpfung und Kraftlosigkeit hatte auch das keinen Effekt gehabt. Ähnlich wenig wie das Plündern des kompletten Restbestands der in meinem Haushalt verfügbaren Alkoholika in der Nacht zuvor. Die Mischung von Kirschwasser, Cognac, billigem Weißwein vom Kiosk und selbstgebranntem Dattelschnaps kann ich nicht wirklich empfehlen. Allerdings muss man dieser kreativen Cocktailkreation zu Gute halten, dass die Verneblung, die ich durch das zügige Herunterkippen eben jener verhältnismäßig schnell erreichte, sowie das ebenso ziemlich zügige Auskotzen derselben, zumindest für eine kurze Zeit das unerträgliche Gefühl in mir übermannt hatten. Alles war besser, als die Ausgeburt der Hölle in mir. Und wenn Kirschwasserkotze die bessere Alternative ist, muss es schon ziemlich beschissen um dich stehen.

Also lief ich los.

Einen Fuß vor den anderen setzen. Schritt für Schritt. Weiter. Immer weiter.

In der Not…

Irgendwann war ich an der Elbe angekommen. Ich schlüpfte durch das Geländer und setzte mich auf die Kaimauer. Drehte mir eine Zigarette. Rauchte sie. Drehte mir noch eine. Rauchte auch diese. Noch eine. Und noch eine. Hinter den Docklands kroch langsam die Sonne den Horizont empor, um den Hafen kurz darauf mit strahlend goldenem Licht zu fluten. Ein Bild von fast einschüchternder Schönheit. Als ob mir diese verdammte Stadt unter die Nase reiben wollte, wie schön die Welt doch war. Und wie undankbar ich, deren Inneres selbst durch die hellsten Sonnenstrahlen nichts an seiner alles vereinnahmenden Dunkelheit zu verlieren vermochte. Die Diskrepanz zwischen diesem Schwarz in mir und der Schönheit um mich herum machte mir noch einmal schmerzhaft bewusst, wie tief ich gefallen war.

…tritt der Teufel wieder in die Kirche ein.

Was für ein hoffnungsloser Fall. Im wahrsten Sinne. Und dass sich dieser Zustand niemals wieder ändern würde. Dass ich das nicht aushalten würde. Wenigstens das war sicher. Egal wie sehr ich darum flehte und sogar betete. Ich glaubte nicht an Gott. Und er machte dummerweise auch keine Anstalten, mir zu helfen. Vielleicht war sein Support nur denen vorenthalten, die nicht wie ich aus der Kirche ausgetreten waren und weiterhin brav ihre Kirchensteuer zahlten. Wer weiß.

„Ist alles okay bei dir?“

Liebeskummer an die Macht!

Gerade bin ich meinem Körper für seine bleierne Schwere ausnahmsweise mal dankbar. Sonst wäre ich vor Schreck vermutlich von der Kaimauer gefallen. Auf der anderen Seite der Brüstung steht ein Mann mittleren Alters mit verhältnismäßig besorgter Miene und einer ziemlich teuren Spiegelreflex, die an einem Gurt um seinen Hals baumelt. In der Hand hält er ein Stativ. Erst als die Worte, die ich versuche zu sprechen, meine Lippen und damit zwangsläufig auch einen Teil meines Gesichts bewegen, fällt mir auf, dass ich ganz schön verheult aussehen müsste, weil meine Wangen scheinbar ein exklusives Salzlifting verpasst bekommen haben. Auf jeden Fall ist irgendwie alles verklebt. Weswegen ich direkt zu der Erkenntnis komme, dass es verschwendete Energie wäre, eine Fassade aufrecht zu erhalten, wo keine ist. Von daher heule ich einfach weiter und sage: „Nein, nichts ist okay.“ Auf eine seltsam unaufdringliche und einfühlsame Art und Weise fragt der Fremde, ob ich Liebeskummer habe. Was würde ich dafür geben, einfach nur normalen beschissenen Liebeskummer zu haben! Das wäre wie ein Sechser im Lotto. Balsam für die Seele. Ein Sabbatical im Kloster. Aber dummerweise gibt es gerade keinen Kerl in meinem Leben, um den es sich zu trauern lohnen würde. Ich nehme mir schon mal fest vor, den nächsten Liebeskummer wie königlichen Besuch feierlich mit einem roten Teppich zu empfangen und ihn in vollen Zügen zu genießen. Das wird ein Fest!

Verschnaufpause.

Das Interessante an dieser Begegnung mit Knut, der eigentlich anders heißt, ist, dass er, ohne mich länger als ein paar Minuten zu kennen, innerhalb kürzester Zeit so viele gute und wahre Dinge zu mir sagt, dass es mir tatsächlich kurz etwas besser geht. Was angesichts der Tatsache, dass ich mich nicht erinnern kann, wann ich mich jemals so furchtbar gefühlt habe in meinem Leben, schon echt ne Leistung ist. Er hört zu. Versteht. Erzählt von seinem Sohn und dessen Erfahrungen mit Depressionen. Seiner Frau. Seinem Burn-Out. Er schafft es irgendwie, einmal den Pausenknopf in meinem mentalen Abwärtsspiralenprogramm zu drücken. Mich sanft am Arm zurück zu ziehen, um mir zu zeigen, dass ich nicht die volle Ladung Wasser abbekomme, wenn ich einen Schritt zurück gehe. Wasser, das sich durch die vorbeirasenden Autos tsunamiartig über mich ergießen würde. Weil ich viel zu nah an der Straße stehe. Unsere Unterhaltung dauert vermutlich nicht länger als eine halbe Stunde. Und doch ist es eine Begegnung, an die ich noch lange zurückdenken werde. Es auch heute noch oft tue. Weil sie mich gelehrt hat, dass selbst die allerschwärzesten Momente unverhofft einen Funken Hoffnung enthalten können. Auch wenn wir diesen vielleicht erst später so einordnen. Dass Zwischenmenschlichkeit sich auch auf dem unsichersten Terrain selbstsicher bewegen kann. Und dass auch die Verbindung zu einem Fremden für einen Moment reichen kann, um uns nicht mehr ganz so alleine zu fühlen.

Die andere Seite.

Bevor wir uns verabschieden muss ich Knut versprechen, dass ich nicht in die Elbe springen werde, ihm meine Nummer gebe und mich später noch einmal melde. Ich mag zwar in jeglicher anderer Hinsicht gerade unzurechnungsfähig sein, aber meine Menschenkenntnis und Intuition hat mich bisher selten im Stich gelassen. Es ist eine väterliche Fürsorge, die er ausstrahlt. Nicht mehr und nicht weniger. Als er in Richtung Hafen davonläuft, blicke ich ihm noch lange hinterher und frage mich, was er wohl fotografiert hat. Nach einer Zeit, die ich nicht abschätzen kann, klettere ich über die Brüstung zurück auf die andere Seite und setze meinen Weg fort. Wohin und wie weit weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass ich in Bewegung bleiben muss.

Einen Fuß vor den anderen setzen. Schritt für Schritt. Weiter. Immer weiter.

Mein Handy brummt in meiner Jackentasche und ich öffne die WhatsApp-Nachricht einer unbekannten Nummer. Knut hatte kurz bevor er mir begegnet war, das wohl schönste Bild vom Sonnenaufgang über Hamburg eingefangen, das ich bis heute zu sehen bekommen habe. Bei der Qualität der Kamera hatte ich mich anscheinend auch nicht getäuscht. Ein glutroter Ball hängt über der Stadt, gleißend helle Lichtstrahlen werden von den Glasfassaden der Bürogebäude reflektiert und fordern die kleinen unscheinbaren Wellen der Elbe zum Tanz auf. Man erkennt es nur, wenn man genau hinsieht.

Auf der Kaimauer zeichnen sich die Umrisse einer Person ab, die scheinbar lässig an das Geländer gelehnt dort sitzt und scheinbar locker eine Zigarette in ihrer rechten Hand hält. Scheinbar das Spektakel bewundert. Scheinbar einfach den Moment genießt.

Scheinbar schöne Welt.

Ist es das Wert?

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Hirnstürmen.

Nachdem ich schon eine ganze Weile am Überlegen bin, über welches Thema ich in meinem nächsten Blogartikel schreiben möchte und irgendwie zwischen Rückkehr in den „Alltag“, wenn wir ihn denn so nennen können, die Wiederaufnahme meiner Jobs und allem, was da so mit dran hängt, noch nicht wirklich entscheidungsfreudig war, wurde mir unerwartet erfreulicherweise etwas auf die Sprünge geholfen. Eine Fragestellung in einem Modul meines Studiums, die sich mit Werten beschäftigt. Ich möchte einige meiner Gedanken zu diesem Thema heute mit euch teilen. Dieser Beitrag wird vermutlich nicht so strukturiert sein wie manch anderer bisher. Ich habe einfach mal drauf los geschrieben. Wenn man sich erst mal mit einem bestimmten Thema beschäftigt, schneidet unser Gehirn dabei so viele andere an, dass eins zum anderen kommt und schwupps, ist man vielleicht doch ganz wo anders gelandet. Das hier ist wie ein kleines Brainstorming, bei dem mir viele Ideen für künftige Artikel gekommen sind, die ich im Folgenden zwar erwähne, ihnen aber nicht annähernd die Aufmerksamkeit widme, die ihnen zusteht.

Unsere eigenen Werte vs. die Werte unserer Gesellschaft…

Was bedeutet es, selbstbestimmt zu leben?

Was ist normal? Sollten wir dieses Wort nicht vielleicht lieber aus unserem Sprachgebrauch streichen?

Anders als was? Können wir einfach nur „anders“ sagen?

Die Verbindung zwischen „normal“ und „anders“…

Brauchen wir eine neue Philosophie des Scheiterns?

Welchen Einfluss haben unterschiedliche Definitionen von Erfolg auf unsere Lebensqualität und unser Glück?

Welche Rolle spielt Resilienz als Ressource beim Umgang und Leben mit psychischen Erkrankungen?

…mehr als genug Stoff für die nächsten Artikel. Input und Anregungen von euch sind wie immer gerne gesehen!

Ist normal Mehrwert als anders?

Für das Individuum in unserer Gesellschaft wird es zunehmend schwerer, seine ganz persönlichen Werte zu definieren. Was ist MIR wirklich wichtig? Nach welchen Werten möchte ICH leben? Passen die Werte, die uns die Gesellschaft vorzuleben scheint, zu unseren Werten oder sind sie vielleicht meilenweit davon entfernt? Es passiert schnell, dass wir unser Leben an Werten ausrichten, die den unseren überhaupt nicht entsprechen oder vielleicht genau das Gegenteil von ihnen sind.

Und dann fragen wir uns, warum wir nicht glücklich sind oder das Gefühl haben, nicht selbstbestimmt zu leben.

Wenn das alle (oder zumindest die meisten) so machen, wenn man „das halt so macht“, muss ich das dann nicht auch so machen? Seinen eigenen authentischen Weg zu gehen, der sich vielleicht in jeglicher Hinsicht von dem unserer Mitmenschen abhebt und nicht zwangsläufig auf Verständnis stößt, der eben irgendwie „anders“ ist („anders“ als was? Gäbe es keine Norm, gäbe es das Wörtchen „normal“ nicht, würden wir dann überhaupt von „anders“ sprechen können? Kann man „anders“ überhaupt benutzen ohne ein sich anschließendes „als“ und eine darauf folgende Spezifizierung? Vermutlich könnte man ganze Bücher mit einer philosophischen Betrachtung dieses Wortes füllen…), unkonventionell, nicht „normal“ (oder vielmehr „nicht der Norm entsprechend“?) erfordert Mut und Durchhaltevermögen. Die Schwierigkeit besteht vermutlich darin, dass dies im Konflikt mit einem unserer Grundbedürfnisse als Mensch stehen kann: Dem tief in uns verankerten Bedürfnis nach Anerkennung und Zugehörigkeit. Dem Bedürfnis, geliebt zu werden.

Extrinsisch vs. intrinsisch

Denn wenn wir „unser eigenes Ding“ machen, entgegen aller Meinungen von Außen und entgegen etwaiger Widerstände und Kritik, stoßen wir nicht selten auf Ablehnung oder vielleicht auch Ab“wertung“. Anerkennung im Außen als Motivation oder Antrieb, weiterzumachen, fallen plötzlich weg. Und die einzigen, die uns das noch geben können, sind letzten Endes einzig und allein wir selbst. Um unsere Überzeugung, dass das, was wir machen, genau so genau richtig für uns ist, wirklich leben und voll und ganz hinter unseren Werten und deren Vertretung stehen zu können, setzt allerdings voraus, dass wir tatsächlich aus unserem tiefsten Inneren überzeugt sind

Krank halt.

Wenn ich die Fragestellung auf die Texte für meinen Blog beziehe, dann sind es Dinge wie Entstigmatisierung, Authentizität, Verständnis und Ehrlichkeit, die ich bewirken oder an meine Leser*innen vermitteln möchte. Und diese Werte natürlich auch selbst vertrete. Toleranz und Akzeptanz in unserer Gesellschaft. Die Akzeptanz von Menschen, die aufgrund psychischer Erkrankungen anders „funktionieren“ als psychisch gesunde Menschen. Die andere Voraussetzungen für das alltägliche Leben haben. Vor anderen Herausforderungen stehen. Verständnis. Dafür, dass psychische Erkrankungen eben so als Erkrankung anerkannt werden wie physische Krankheiten. Und nicht als Charakterschwäche oder dergleichen gesehen und die Betroffenen in der Konsequenz diskriminiert werden.

So wie du es tust.

Losgelöst von dieser Thematik möchte ich in meinen Texten ebenso Werte wie Authentizität, Individualität, Selbstwertgefühl, Achtsamkeit, Ehrlichkeit, Zwischenmenschlichkeit und Mut vermitteln. Mut, wir selbst zu sein. Mut zum Nicht-perfekt-sein. Mut, nicht immer zu funktionieren. Mut, unser Leben nach unseren ganz eigenen Vorstellungen zu gestalten und zu leben. Mut, eine Meinung zu den Dingen zu haben. Unsere individuelle Sicht auf die Welt. Die Welt mit eigenen Augen zu sehen. Nicht schweigend hinnehmen, sondern sagen, was wir zu sagen haben. Uns nicht durch den Gedanken, dass etwas doch schon so oft von so vielen anderen Menschen getan wurde, davon abhalten lassen, es trotzdem zu tun. Denn egal, wie viele Menschen schon wie viele Dinge vor uns getan haben oder jeden Tag tun…keiner tut es so wie wir es tun.

Rebellion der Seele?

Wenn Charaktereigenschaften wie Ehrlichkeit und Authentizität als Werte gesehen werden können, so kann es sicher auch Resilienz, der Fachbegriff für die psychische Widerstandskraft des Menschen. Sehr empfehlen kann ich an dieser Stelle das Buch „Resilienz – Das Geheimnis der psychischen Widerstandskraft – Was uns stark macht gegen Stress, Depressionen und Burn-Out“ der Wissenschaftsjournalistin und Autorin Christina Berndt, die sich seit vielen Jahren mit dieser Thematik beschäftigt. Ich persönlich sehe Resilienz als eine der erstrebenswertesten Eigenschaften, die wir uns als Menschen aneignen und erlernen können. Im Idealfall gepaart mit einer neuen Philosophie des Scheiterns und unserer ganz persönlichen und individuellen Definition von Erfolg und Glück. Scheitern nicht als Schwäche, sondern als unabdingbaren Teil des großen Ganzen zu sehen. Als Zwischenstopps auf unserem Weg. Vielleicht kommen wir irgendwann zu der Erkenntnis, dass es nicht darum geht, möglichst schnell anzukommen, sondern darum, das Unterwegssein genießen und bewusst wahrnehmen zu können.

Dass es vielleicht nicht darum geht, nie zu fallen, nie zu scheitern, nie zu verzweifeln.

Dass es vielleicht darum geht, immer wieder aufzustehen.

Dass wir uns vielleicht von jedem Sturz erholen und die Wunden heilen können.

Dass wir diese Fähigkeit vielleicht mit jedem Hinfallen trainieren können wie einen Muskel beim Sport.

Vielleicht will richtig Hinfallen nämlich auch gelernt sein.

…dort steht sie wieder auf

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

So vertraut und doch so fremd.

Mit dem stündlichen Auf und Ab, einem Wechselwhirlpool der Gefühle, der mich dort erwartet, hatte ich trotzdem nicht gerechnet. Und die Wucht, mit der mich die Realität plötzlich trifft, liegt nicht an der viel offensichtlicheren Anwesenheit der Krise durch die Massen von Menschen mit Mundschutz auf den Straßen und die immer noch leeren Klopapierregale bei Rewe. Schon auf dem Weg zu meiner Wohnung fühlt sich mein sonst so geliebter Stadtteil irgendwie fremd an. Es kommt mir alles so paradox vor. Der Frühling zeigt sich von seiner schönsten Seite, die Straßen und Plätze sind voller als je zuvor, die Leute drängen sich über die engen Fußgängerwege oder sitzen in großen Gruppen mit Kaffee-to-go-Bechern auf Bänken und Bürgersteigen, Abstand hält da kaum jemand. Und gleichzeitig trägt im Supermarkt jeder Mundschutz und als ich in Gedanken versunken zu nah an einer Oma vorbeilaufe, pöbelt sie mich direkt an. Ich fühle einen ständigen Wechsel zwischen „Eigentlich ist doch alle ganz normal und wieder okay. Was für ein schöner Tag!“ und „Irgendwas stimmt hier ganz und gar nicht. Smells like Apokalypse now.“. Ich habe das Gefühl, durch mein Rumlatschen auf der Straße zu einem illusorischen Gefühl von Normalität beizutragen, fühle mich unwohl und merke eine zunehmende Aggression in mir aufsteigen, als ich merke, dass Ausweichen hier unmöglich ist und ich und die doofe Oma anscheinend die einzigen sind, die das überhaupt erst versuchen.

Nur eine Frage des Winkels?

Meine Wohnung ist die gleiche und sie ist immer noch gleich schön. Und trotzdem ist alles andere anders. Mein Alltag ist nicht mehr da. Keine Struktur. Und damit meine ich am wenigsten meinen aktuell nicht mehr existenten Job. Ich schlafe schlecht und wache morgens mit dem wohl vertrauten Gefühl der Bedrückung und Herzklopfen auf. Starre aus dem Fenster auf die Kräne am Hafen und kann nicht aufstehen. Also bleibe ich liegen. Eine Stunde, zwei. Dobby macht seinen Job mal wieder nicht und die Sucht verpasst mir irgendwann den nötigen Arschtritt, um wenigstens eine Portion schwarzes Lebenselixir zu mir zu nehmen, kombiniert mit einer Ladung schwarzem Todeselixir, weil ich irgendwie seit ein paar Tagen wieder rauche. Nicht so viel. Irgendwie hilft es. Auf RTL.de habe ich letztens gelesen, dass Rauchen gegen Corona helfen soll. Die Quelle ist mir egal. Solange sie mir die gewünschte Absolution erteilt, die ich in diesem Moment will. Ich lege mich wieder ins Bett und liege dort weitere zwei Stunden. Vielleicht auch drei. Die Kräne am Hafen recken mit eisernem Willen würdevoll ihre stählernen Hälse gen Himmel, wie sie das seit jeher tun. Doch etwas irritiert mich an dem Bild. Dann fällt mir auf, dass einige von ihnen nur auf halber Höhe über dem Wasser schweben. Die einlaufenden Containerriesen sind ungewöhnlich leer. Wo es nichts zu entladen gibt, braucht es auch keine Kräne. Der sonst so beruhigend und stetig brummende Sound des größten Hafen Deutschlands verliert den Kampf gegen die aufkommenden Brise, bevor er wie gewohnt die Fenster meines Schlafzimmers erreichen und mir ein muckelig maritimes Gefühl von „gut aufgehoben sein“ vermitteln kann.

Das Bild der Kräne in dieser seltsamen Position beunruhigt mich bedeutend mehr als leere Klopapierregale. Es sieht einfach nicht richtig aus.

Morgen ist auch noch ein Tag.

Die nächsten Tage treffe ich drei meiner besten Freunde, auf die ich den Kontakt beschränkt habe. Das tut unfassbar gut. Meine Stimmung wechselt stündlich und es ist unfassbar anstrengend. Sie alle wissen seit Jahren um meine Krankheit. Kennen meine Auf’s und Ab’s. Haben mich in diversen Phasen schon erlebt. Waren überfordert. Haben gelernt, damit umzugehen. Sind für mich da. An dem Tag, an dem das Aufstehen so schwer fällt, sage ich meinem Kumpel kurzfristig ab. Überhaupt nicht meine Art. Normalerweise die Zuverlässigkeit in Person. Aber nicht in depressiven Phasen. Ich entschuldige mich und er versteht. Keine Vorwürfe. Einfach nur das Angebot, dass er da ist, wenn ich reden möchte. Und dass morgen auch noch ein Tag ist. Ob er für mich kochen soll abends. Ich möchte lieber alleine sein heute Abend. Ich bin erleichtert. Irgendwann nehme ich meinen ganzen Willen zusammen, stehe auf und mache einen langen Spaziergang, nur mit Hund, an der Elbe. Laufe bis mir die Füße weh tun. Spreche kein Wort, gehe nicht an mein Handy. Es geht mir stündlich besser. So viel besser, dass ich mich entscheide, meiner Freundin am Abend doch nicht abzusagen. Die richtige Entscheidung. Wir holen die letzten zwei Monate nach und quatschen und lachen, bis uns die Tränen kommen. Später liege ich unfassbar erschöpft genau so unbeweglich in meinem Bett wie am Morgen und studiere stundenlang die Raufasertapete an der Wand neben mir. Erstaunlich, wie fein säuberlich sich die verschiedenen Abschnitte lückenlos aneinanderreihen. Eine tiefe Traurigkeit überkommt mich.

In guten wie in schlechten Zeiten.

Zum ersten Mal seit der Diagnose bin ich mit der Situation konfrontiert, nicht mehr „alleine“, sondern in einer Beziehung zu sein. Verliebt bis über beide Ohren. Ich mache es so wie bisher und ziehe mich zurück, in der Hoffnung, dass mein Partner nicht so viel davon mitbekommt. Möchte nicht, dass er mich so sieht oder erlebt. In dieser Phase, in der ich nicht ich selbst bin und von meinem eigentlichen Wesen so weit entfernt, dass ich mich selbst kaum wiedererkenne. Das Gefühl habe, mich und den Kontakt zu meinem Selbst komplett zu verlieren. Fühle mich der Situation nicht gewachsen, all das plötzlich mitzuteilen und zu erklären, was da gerade in mir vorgeht. Gehe davon aus, dass diese stündlichen Wechsel von Außen nicht nachvollziehbar sind, wo ich doch selbst kaum mehr folgen kann. Womit ich Recht haben könnte. Behalte es lieber für mich, melde mich lieber ein bisschen weniger. Muss einsehen, dass eine Beziehung so nicht funktioniert. Dass ich meine Gefühls- und Gedankenwelt teilen und erklären muss, damit ich verstanden werde. Dass ich nicht erwarten kann, dass mein Gegenüber das riecht oder in meinen Kopf schauen kann. Zulassen, dass jemand für mich da sein möchte. All meine alten Ängste, dem anderen zu viel, eine Belastung, keine gute Gesellschaft, unzumutbar zu sein, hinter mir lassen. Auch wenn sie vor langer Zeit schon mal Wirklichkeit wurden. Verinnerlichen, dass dieser eine besondere Mensch anders ist. Dass er für mich da ist, egal in welcher Phase ich mich gerade befinde. Mich mit all meinen Seiten, Eigenschaften und Fehlern liebt. Nicht nur die guten, einfachen und unkomplizierten Zeiten mit mir teilen möchte. Sondern auch die dunklen und schweren. Darauf vertrauen, dass Liebe so etwas kann und dass es das aushält.

Chaos.

Der nächste Morgen. Ich gehe mit dem Freund, dem ich am Tag zuvor abgesagt hatte, im Wald spazieren. Es ist sommerlich warm, ein paar Frauen tragen Kleider, es riecht nach feuchtem Moos und der Boden knackt leise unter den Füßen. Aber es ist völlig überlaufen. Mir zu viel. Ich würde mich eigentlich gerne mit ihm austauschen, aber irgendwie ist mir das Sprechen zu anstrengend. Ich entschuldige mich und er sagt, dass ich nichts sagen muss und mich einfach über die Gesellschaft freuen soll. Ich entspanne mich. Wir laufen schweigend nebenher und manchmal erzählt er etwas, über das ich lachen muss. Als ich später zu Hause bin, habe ich einen neuen Brief vom Jobcenter im Briefkasten mit der Aufforderung, weitere Unterlagen nachzureichen. Sofort steigt wieder Panik in mir hoch. Allein der Gedanke, auch nur eine einzige Unterlage zu beschaffen geschweige denn einen Brief zur Post zu bringen, überfordert mich gerade bis ins Unermessliche. Ich treffe meine beste Freundin zum Eisessen und ihre Anwesenheit lenkt mich ab. Meine Wohnung sieht furchtbar aus. Dreckiges Geschirr und Pfandflaschen stapeln sich in Küche und Flur, während in meinem Zimmer großflächig mein Koffer und dessen Inhalt verteilt sind. Wenigstens sind es alkoholfreie Bierflaschen. Ich mache einfach das Licht aus, dann ist es dunkel und ich sehe das Chaos nicht. Aber das Chaos in meinem Kopf kann ich nicht einfach ausschalten. Ich liege stundenlang wach und höre meinem Herz beim Rasen zu.

Tapetentalent.

Es ist Sonntag. Selbst wenn ich aufstehen könnte, ich will nicht. Nicht mal für den Kaffee reicht es heute. Ich bleibe liegen. Das muss wirklich ein begnadeter Rausfasertapetenkünstler gewesen sein. In meinem Zimmer wird es immer dunkler. Draußen knallt die Sonne von einem tiefblauen Himmel. Ich sage meiner besten Freundin für den Abend ab. Kann jetzt keine Gesellschaft haben. Fange an, mich zu erklären. Sie unterbricht mich und sagt, dass alles gut ist. Und dass sie es weiß. Dass morgen auch noch ein Tag ist. Und dass sie jederzeit trotzdem kommt, sollte ich meine Meinung nochmal ändern. An Kochen ist nicht zu denken, an Einkaufen schon gar nicht. Zum Pizzabestellen müsste ich aufstehen und den Laptop anmachen. Kann mich nicht entscheiden. Hab auch keinen Hunger. Ich weiß aber, dass ich etwas essen muss.

Und wenn es nur der kleine Finger wäre…

Montag. Das Aufstehen geht eigentlich. Kaffee läuft auch. Gar nicht so schlecht. Jetzt geht’s bergauf! Ich gehe lange an der Elbe spazieren, höre gute Musik und fühle mich schon wieder sehr viel mehr zu Hause hier. Als ich wieder zu Hause bin, überlege ich gerade, was ich für abends, wenn meine beste Freundin kommt, doch gleich noch einkaufen wollte. Mein Gehirn ist wie ein Sieb zur Zeit. Wie ein Schlag in die Fresse haut mich aus dem Nichts eine abgrundtiefe Traurigkeit einfach um. Ich lege mich ins Bett und freue mich schon fast über die Tränen, die sie endlich hervorbringt und das Gefühl der lethargischen Leere verdrängt. Da ist sie wieder. Die Schockstarre. Ich weiß nicht, wie lange ich so da liege und nicht mal meinen kleinen Finger bewege. Es müssten ein paar Stunden sein, denn ich komme mittags wieder und um sechs Uhr abends klingelt meine beste Freundin an der Tür. Ich zwinge mich hoch und meine Stimme an der Gegensprechanlage reicht aus, damit sie Bescheid weiß. Hochkommt, obwohl ich eigentlich für einen Spaziergang runterkommen sollte. So sehr ich mich in diesen Akutphasen meistens einfach nur vom Rest der Welt verstecken und es einfach alleine durchstehen möchte, so froh und dankbar bin ich, dass sie genau jetzt da ist. Dass da überhaupt jemand ist.

Sie nimmt mich in den Arm und ich schaffe es, gleichzeitig ihr T-Shirt vollzurotzen und es direkt im Anschluss fast mit der Asche von meiner Kippe in Flammen zu setzen. Mittlerweile heule und lache ich gleichzeitig. Auch interessant. Sie lacht mit mir.

Auch im Tandem kann man springen.

Nachdem sie uns bei unserem Lieblingsvietnamesen was zu essen geholt hat, weil ich nicht mehr raus möchte, liegen wir satt in meinem Bett, ich in ihrem Schoß, wir rauchen, quatschen und lachen und sie krault mir stundenlang den Kopf. Ich bin erschöpft und plötzlich ganz ruhig. Ich höre auf, gegen den emotionalen Schleudergang anzukämpfen, in dem ich mich seit ein paar Tagen befinde. Auch ihm wird irgendwann die Puste ausgehen, das weiß ich. Und sobald das der Fall ist, kann ich wieder auftanken, es wird mir wieder besser gehen und ich kann mir ein paar Reserven anlegen. Für den nächsten Schleudergang.

Auch wenn es manchmal nicht ganz so offensichtlich ist, so lerne ich doch durch jede neue Phase dazu. Ganz ohne verkrampften oder zwanghaften Optimismus.

Ganz egal wie oft und tief ich noch falle, ich weiß, ich werde immer wieder aufstehen.

Ich weiß, dass ich das alleine schaffe.

Aber ich weiß mittlerweile auch, dass ich das gar nicht alles alleine schaffen muss. Dass ich mich darauf verlassen kann, dass da immer eine Hand sein wird, nach der ich greifen kann, wenn alle Stricke reißen.

Dass auch in der Welt da draußen Platz für mich ist.

Ganz egal, ob ich gerade falle oder fliege.

Wo die Hoffnung hinfällt…

Ich kann es echt nicht fassen, dass mein letzter Eintrag schon wieder über zwei Wochen her ist. Die Welt steht still, wenn auch schon etwas weniger still als noch vor zwei Wochen. Auch meine Inspiration und Motivation zum Schreiben standen still. Dabei hatte ich doch eigentlich so viel Zeit. Zeit, die gefühlt rast wie selten zuvor.

Eine Zeit, die gerade keine einfache ist. Wie über Nacht kippte meine Stimmung plötzlich ins Gegenteil und fuhr all meine Euphorie, den Optimismus und die Gelassenheit der letzten Wochen ohne jegliche Vorwarnung gegen die Wand. Bumm.

Shitstorm ohne Klopapier

Da es dieses Mal keinerlei Frühwarnzeichen gab, auf die ich hätte reagieren können, überraschte mich der Shitstorm dieses Mal ohne eingepackten Regenschirm oder Klopapier. Gibt’s eh immer noch nicht bei dem Supermarkt vor meiner Tür. Wie immer wollte ich erstmal herausfinden, ob es denn überhaupt einen Auslöser gab oder ob die Welle einfach so herangerollt gekommen war. Wie sie das so oft tut. Wellen entstehen ja schließlich auch einfach so mal ohne dass ein großes Schiff heranschippert oder ein Stein ins Wasser geworfen wird. Oder nicht? Gibt es vielleicht immer einen Auslöser? Das könnte man mal rausfinden.

Auch wenn ich die aktuelle Situation die letzten Wochen nicht verleugnet hatte, so habe ich sie doch definitiv ab und zu einfach verdrängt. Und dazu musste ich mich nicht mal wirklich anstrengen, denn es gab andere Dinge in meinem Leben, die es ohne mein Zutun geschafft hatten, Sorgen, Ängste und Ohnmachtsgefühle vorerst auf’s Abstellgleis zu befördern oder sogar gar nicht erst aufkommen zu lassen. Wenn sie sich dann doch mal an meine Fersen hefteten, gelang es mir bis dato immer, trotz allem positiv zu bleiben. Auch wenn alles gerade, wenn ich mal ganz ehrlich zu mir selbst war, eigentlich einfach ganz schön beschissen war. Trotzdem noch das kleinste positive Detail im großen Ganzen zu finden. Ich erinnere an das goldene Maiskorn im Kackehaufen: https://tanzzwischendenpolen.com/2020/03/23/blogartikelreihe-psychisch-krank-in-zeiten-von-corona-teil-2/. Ob nun ein automatischer Selbstschutzmechanismus des Geistes oder tatsächlich eine authentische Annahme und Akzeptanz der prekären Lage, ich ging der ein oder anderen Freundin durch meinen grenzenlosen Optimismus in den letzten Wochen glaube ich ganz schön auf den Sack. Mir selbst irgendwie gar nicht. Eine von ihnen meinte, dass sie sich einfach gerade nicht mehr einreden will, dass ja alles auch was Positives hat. Ich verstand sie in dem Moment nicht, weil ich der Meinung war, dass es völlig in Ordnung sei, sich auch mal für eine Weile etwas schön zu reden. Sofern es einem damit besser ging, versteht sich. Sie war damals schon an einem Punkt, den ich etwas später erreichen sollte. Jetzt.

Eine andere gute Freundin sagte zu mir, dass positives Denken nur so lange gesund sei, wie eine gewisse Leichtigkeit herrsche. Keine Zwanghaftigkeit. Wie Recht sie hat.

Lief bei mir.

Ich denke, es fing damit an, dass ich seit sechs Wochen auf die Bewilligung meiner Leistungen vom Jobcenter wartete. Über Geld redet man nicht, schon gar nicht auf einer öffentlichen Plattform, zu der jeder Zutritt hat? Finde ich nicht. Da unser Chef direkt im März Kurzarbeit für uns angemeldet hatte und ich normalerweise sowieso schon Teilzeit arbeite, das gesamte Trinkgeld und auch die drei Hunde, mit denen ich mir sonst auch noch einiges an Geld dazu verdiene, auf einmal wegfielen, reichten die 60 % meines bisherigen Gehalts natürlich vorne und hinten nicht aus. Nach meiner letzten Begegnung mit dem Jobcenter, als ich zusätzlich zu meinem Krankengeld vor, während und nach meinem Klinikaufenthalt 2017 bis Anfang 2018, Sozialleistungen hatte beantragen müssen, hatte ich gehofft, mich damit nicht mehr so bald beschäftigen zu müssen. Es hatte eine ganze Weile gedauert, bis ich mich diesbezüglich finanziell wieder gut aufgestellt hatte. Alles parallel zur gesundheitlichen Wiederaufstellung. Erst vor ein paar Monaten war endlich der Punkt erreicht, an dem eigentlich alles lief und passte: Teilzeitjob im Café plus gutes Trinkgeld, ein gelegentlicher Minijob auf Veranstaltungen und das Ausführen von drei Hunden, nebenher mein Studium. Auch wenn ich immer noch nur einen verschwindend kleinen Teil von den Gehältern in meinem Umfeld verdiente, zur Verfügung hatte, für mich war es so viel wie schon seit Langem nicht mehr. Da ich mich an das Wenige gewöhnt und meinen Lebensstil über die Zeit dementsprechend angepasst hatte, war es mehr als genug. Ich musste mir endlich keine Sorgen mehr machen, keine Preise mehr bei Penny vergleichen und war mehr als zufrieden und glücklich damit. Ich brauche nicht viel. Konnte sogar immer wieder was zur Seite legen. Für einen Urlaub, der nicht stattfinden würde.

Bürokratie, du Bitch.

Denn dann kam Corona. Alle drei Jobs auf einmal weg. Das Konstrukt, dessen Aufbau so viel Zeit gebraucht und mich vor allem in schlechteren Phasen überdurchschnittlich viel Energie gekostet hatte, innerhalb von einem Tag in sich zusammengefallen. Tja. So schnell kann das mal gehen. Und obwohl ich weiß, dass es so unfassbar vielen Menschen gerade ähnlich oder genau so geht und ich sehr dankbar und froh bin, dass diese Sorgen und Auswirkungen nicht noch existenzieller sind, wie beispielsweise durch einen eigenen Laden, ist das schon auch trotzdem heftig kacke.

Das äußerst zuvorkommende Jobcenter hatte vor sechs Wochen mit vereinfachten und unbürokratischen Anträgen zu Beginn der Krise geworben. Ich glaube, ich habe noch nie Unbürokratischeres erlebt. Über Wochen hinweg bekam ich regelmäßig Briefe mit diversen Aufforderungen zur Nachreichung von Unterlagen, von denen anfangs nie die Rede gewesen war. Der neue Monat kam, die Miete wurde fällig, Essen wäre auch nett. Ja, ich habe das Glück, Familie und Freunde zu haben, die mich im Notfall immer unterstützen würden. Nicht nur mental, sondern auch finanziell. Ein Luxus, den nicht jeder hat und den ich über alle Maßen zu schätzen weiß. Für den ich sehr sehr dankbar bin. Und ich weiß von vielen anderen Betroffenen, die gerade, auch nach jahrelanger Selbstständig- und Unabhängigkeit plötzlich wieder darauf angewiesen sind. Auch Menschen jenseits der 30 oder 40. Erwachsene Menschen, die bis jetzt mit beiden Beinen im (Berufs-) Leben standen. Und trotzdem ist es kein gutes Gefühl. Exponentiell schlechter wird das Gefühl, wenn Woche um Woche trotz täglichen Anrufen und der dringlichen Bitte nach Priorisierung des Antrages aufgrund nicht mehr gewährleisteter Sicherung des Lebensunterhalts immer noch kein Geld auf dem Konto ist. Freunde und Bekannte von mir warteten teilweise noch länger auf spezielle Corona-Schutz-Schirme oder dergleichen. Von wegen Soforthilfe. Da mögen jetzt Stimmen laut werden, dass wir mal dankbar und froh sein sollen, in einem Sozialstaat wie Deutschland zu leben und dass es in anderen Ländern ganz anders aussähe. Das ist sicher richtig. Trotzdem fühlt man sich in einer solchen Situation dann doch ganz schön alleine gelassen. Und zwar zu Recht.

Ich sehe was, was du nicht siehst und das sind meine Bedürfnisse.

Ich habe Jahre gebraucht, um zu verstehen und zu akzeptieren, dass manche Dinge, die psychisch stabile und gesunde Menschen locker wegstecken mögen, für mich Stressoren sind, die Krankheitsphasen, in diesem Zusammenhang vor allem depressive, auslösen können. Die Liste ist lang. Das können Überarbeitung und zu starke Belastung über einen längeren Zeitraum, zu wenig Zeit und Ruhe für mich, sozialer Overload, Hektik, Lärm und diverse andere Überstimulation, zu schnelle und zu viele Ortswechsel, Disharmonie in zwischenmenschlichen Beziehungen, fehlende Tagesstruktur, zu wenig Bewegung, unregelmäßig und zu wenig essen, schlechter oder zu wenig Schlaf sein. Existenzielle und finanzielle Sorgen sind ganz vorne mit dabei und ich kenne das bereits aus der Vergangenheit.

Stress mich nicht!

Die Forschung, die sich mit den Ursachen für bipolare Störungen beschäftigt, behandelt verschiedene Bereiche, unter Anderem: Genetische Faktoren, Biologische Faktoren, körperliche und auf Medikamente bezogene Ursachen sowie psychosoziale Faktoren. Bei letzteren spielt Stress eine tragende Rolle. Während psychosoziale Belastung und Stress eine bipolare Störung auch erstmalig auslösen können, ist bekannt, dass bipolar erkrankte Menschen sehr viel sensibler (Anmerkung: Oft treten Hochsensibilität und bipolare Erkrankungen gemeinsam auf) auf psychosozialen Stress wie Schwierigkeiten am Arbeitsplatz, Konflikte in der Partnerschaft, Wohnungswechsel etc. reagieren (vgl. https://dgbs.de/bipolare-stoerung/ursachenhttps://dgbs.de/bipolare-stoerung/ursachen). Hier ist vor Allem auch das so genannte „Vulnerabilitäts-Stress-Modell“ zu nennen, welches ursprünglich von Bonnie Spring und Joseph Zubin auf die Schizophrenie bezogen und darauf basierend von DGBS-Mitglied Wilhelm Reher auf das Feld der bipolaren Störung ausgeweitet und entsprechend modifiziert wurde. Das Modell macht deutlich, wie äußere psychische Belastungen oder Stress als äußere Faktoren gepaart mit einer gewissen Vulnerabilität (Verletzlichkeit, erworben oder angeboren) das (Wieder-)Auftreten von Krankheitsepisoden begünstigen kann. Für Interessierte, Betroffene oder Angehörige lohnt es sich auf jeden Fall, dieses Modell einmal anzuschauen: https://dgbs.de/fileadmin/cust/dgbs-materialien/VS_Modell_Reher.pdf

Die Anderen…

Obwohl ich um den enormen Einfluss solcher Stressoren auf das Krankheitsbild der bipolaren Störung weiß und mich mittlerweile vor allem aus persönlicher Erfahrung bestens mit dieser Thematik auskenne, vergleiche ich mich in solchen Situationen trotzdem immer noch mit psychisch komplett gesunden Menschen. Vor allem, wenn ich über einen längeren Zeitraum stabil war. Mir die Krankheit nicht jeden Tag einen Spiegel vorgehalten hat. Ich mich gut, vielleicht sogar sehr gut und völlig „normal“ gefühlt habe. Ich hadere immer wieder damit, dass mich Dinge und Ereignisse, von denen ich weiß, dass ich sie unter „normalen“ Umständen locker bewältigen könnte und schon ganz andere Dinge in meinem Leben geschafft habe, in schlechten Phasen plötzlich komplett überfordern. Dass ich sie nicht „einfach“ direkt angehe und erledige. So wie „andere Leute“. Dass ich nicht „einfach“ so diszipliniert, produktiv und organisiert bin wie „andere Leute“. Dass ich nicht „einfach“ weiter funktioniere. „Einfach“ wegstecke. „Einfach“ mache. Dass mich stattdessen eine Lethargie überfällt, die ich mir selbst als Faulheit diagnostiziere und mich dafür selbst abwerte. Was sollte es sonst sein? Ich könnte mich doch „einfach“ mal zusammenreißen. Alles Dinge, die ich selbst niemals zu einer Person sagen würde, von der ich weiß, dass sie gerade in einer Depression steckt. Aber nein, mit mir selbst bin ich lieber streng und stelle frustriert fest, dass ich mich eben nicht einfach zusammenreißen kann und rutsche dadurch immer tiefer in die depressive Abwärtsspirale der negativen Gedanken und Selbstvorwürfe.

…sind und bleiben die Anderen.

Ich weiß, der Rollstuhl ist als Beispiel langsam ausgelutscht, aber ich finde ihn einfach passend. Welcher Mensch, der im Rollstuhl sitzt oder vielleicht auch „nur“ ein gebrochenes Bein hat, würde sich ernsthaft mit einem Menschen mit zwei gesunden Beinen vergleichen und sich selbst abwerten, sich als Versager sehen, weil er die Hundert Meter nicht in der gleichen Zeit laufen kann wie der andere?

Es gibt verschiedene Formen der Lethargie. Die Lethargie, die halt mal kommt und genau so schnell auch wieder geht. Die jeder mal hat. Die gesund und auch ab und an wichtig ist. Uns zwingt, mal runter zu fahren und danach wieder voll durchstarten zu können. Und die Lethargie, die komplett von uns Besitz ergreift und zu vollkommener Lähmung und Handlungsunfähigkeit führen kann. Die depressive Lethargie. Ich kenne beide Formen. Es ist unmöglich, sie zu verwechseln.

Wo ist der Anker hin?

Nach knapp zwei Wochen im Exil an der wunderschönen Nordseeküste, meiner zweiten Heimat, menschenleeren Stränden und Wäldern, Ruhe, Natur, frischer Luft, Joggen, Fahrradfahren und gutem Essen sitze ich im Zug nach Hamburg. Meiner seit über sechs Jahren ersten Heimat. Meiner so geliebten Wahlheimat. Es ist das erste Mal in dieser gesamten Zeit, dass es mich nicht wie magisch dorthin zurück zieht. Meistens reichen nur ein paar Tage, selbst nach dem wunderschönsten Urlaub packt mich früher oder später die Sehnsucht nach dem schönen Perlchen. Ich habe meine zwischenmenschlichen Kontakte seit dem Lockdown brav auf das Mindeste reduziert und meine engsten Freunde in Hamburg seitdem nicht gesehen. Sie fehlen mir. Und ich muss ein paar wichtige Dinge organisieren. Ich steige aus dem Zug.

Und ich fühle mich komisch.

Dirty vs. Desinfected Thirty.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Es ist soweit. Ich bin offiziell Mitglied im Club der 30-er.

Und wo darf ich sitzen?

Und was soll ich sagen? Natürlich habe ich mich am Tag danach nicht anders gefühlt. Mal abgesehen davon, dass ich total vollgestopft war von all dem Kuchen und dem guten Essen und einen kleinen Sonnenbrand auf der Nase hatte von dem wunderschönen Wetter an diesem Tag. Keine Party mit über 30 Leuten in unserem Café, keine angereisten Freunde aus verschiedensten Ecken Deutschlands, vor allem nicht der Besuch aus Italien. Dafür acht Stunden Sonne satt, strahlend blauer Himmel, Blumen, Luftballons, Papas weltbester Rhabarberkuchen und Eiskaffee mit Schlagsahne, Vogelgezwitscher. Im engsten Kreis auf der Terrasse meiner Eltern, zu denen wir brav zwei Meter Abstand hielten und nur mal kurz zum Pinkeln ins Haus schlichen. Meine Schwester auf dem ipad zugeschalten. Der Blumenstrauß in Sichtweite vor ihrer Kamera, die Musik, zu der sie das Geburtstagsständchen trällerte, im Hintergrund durch ihr WG-Zimmer schallend, der Kuchen, den sie für mich gebacken hatte und zusammen mit uns verputzte, in ihrer Hand. Lautes Gelächter auf ihre Frage, wo am Tisch sie denn nun sitzen dürfe. Anfangs ein paar kurze, etwas traurige Blicke und Bedauern darüber, dass sie nicht bei uns sein konnte. Gefolgt von zwei Stunden virtuellem Miteinander, das sich nach ein paar Minuten fast so anfühlte, als würde sie tatsächlich am Tisch sitzen.

Von fast allen Freunden und Bekannten, die sich an diesem Tag bei mir meldeten, wurde ich gefragt, ob ich denn meinen Geburtstag hoffentlich trotzdem ein bisschen genießen könnte. Weil ja eigentlich alles anders geplant gewesen war. Und dieses Jahr ja alles anders wäre. Das stimmt wohl.

Anders ausgelassen

Aber auch wir sind anders. Werden gerade anders. Verändern uns, passen uns an, finden Alternativen, arrangieren uns, stellen uns um. Oder versuchen zumindest, uns umzugewöhnen. Dadurch dass wir dazu gezwungen sind, uns mit zu verändern, mag das „andere“ Leben teilweise gar nicht mehr so anders scheinen. Meine Antwort war immer die gleiche. Dass es der schönste und entspannteste Geburtstag seit Langem war. Dass der Tag schöner nicht hätte sein können. Trotz und mit allem, was eben gerade dazu gehörte. Und allem, was gerade eben fehlte. Und vielleicht war es auch gerade deswegen so schön. Weil all die Erwartungen, die ich an die eigentlich geplante Party, meine Gastgeberrolle, gelungenes Essen, ausreichend Trinken und das Wohlbefinden aller Anwesenden bestimmt gehabt hätte, sich in dem Moment, in dem klar wurde, dass nichts davon so stattfinden würde, mit einem Schlag in Luft aufgelöst hatten. Was nicht heißt, dass ich mich nicht sehr freue, wenn ich das irgendwann nachholen kann. Wenn das hier vorbei ist. Falls. Und dann, da bin ich mir sicher, wird dieses Fest an Ausgelassenheit, Freude, Liebe und Leichtigkeit nicht zu übertreffen sein. Und wenn wir noch ein Jahr darauf warten müssen. Dann werde ich halt zweimal 30. Auch schön.

Nicht nur die Party fiel aus. Die allgemein verbreitete und gefürchtete 30-er-Krise erfreulicherweise auch. Nur erfreulicherweise, nicht überraschenderweise. Natürlich machen wir uns zu bestimmten Zeiten in unserem Leben Gedanken über bestimmte Dinge. Frau in manchen Hinsichten bestimmt nochmal anders als Mann. Das ist sicher gut und auch richtig so. Vielleicht kommt die Midlife-Crisis ja noch irgendwann. Soll sie mal. Aber die Quarterlife-Crisis habe ich definitiv hinter mir.

Wenn ich erstmal 30 bin…

Wer weiß, ob uns die Erwartungen, die wir an das dritte Lebensjahrzehnt oft haben mögen, tatsächlich von der Gesellschaft suggeriert werden. Oder unserer Erziehung. Oder ob das nur eine Ausrede ist. Ob sie vielleicht doch aus uns selbst kommen. Mein Haus, mein Auto, mein Job oder wie war das noch gleich? Statussymbole, Macht, Einfluss, Wohlstand, Karriere, Erfolg? Höher, schneller, weiter, geiler, besser? Ob nun intrinsisch oder extrinsisch motiviert, was erhoffen wir uns von all dem? Sind es Attribute und Errungenschaften, die von Herzen kommen und uns mit Freude und Glück erfüllen? Oder ist es die stille Hoffnung auf Anerkennung, die uns danach streben lässt? Die uns ein Gefühl von Sicherheit gibt. Einen geschützten Raum, der uns unsere Ängste, die Illusion von Kontrolle und unsere Unvollkommenheit vergessen oder zumindest verdrängen lässt?

Ich mal mir die Welt…

Was sich für den einen gut und richtig anfühlt, Glück und Erfüllung bedeutet, mag für den anderen unwichtig und nebensächlich sein. Es scheint oft leichter, nach Werten zu streben, die offiziell anerkannt und schon seit Langem in unserer Gesellschaft akzeptiert sind. Ideale, die zu verfolgen und im besten Falle zu erreichen es uns ermöglicht, nicht zu sehr aufzufallen. Uns einzugliedern. Nicht durchs Raster zu fallen. Uns nicht rechtfertigen oder erklären zu müssen, weil wir es vielleicht anders machen. Machen wollen. Weil sich dieses System vielleicht einfach nicht stimmig anfühlt für uns. Wozu wir dieses System übrigens nicht zwangsläufig immer direkt kritisieren oder verurteilen müssen. Sondern lediglich feststellen, dass wir da halt irgendwie nicht reinpassen. Nicht, weil da kein Platz für uns wäre. Wozu wir uns nicht exotisch fühlen müssen. Sondern erkennen, dass wir uns unser eigenes Konstrukt erschaffen müssen. Eines, das unseren ganz persönlichen und eigenen Werten entspricht. Werte, die uns die Richtung weisen, in die wir gehen wollen. Werte, an denen wir unser Leben ausrichten können, um es für uns mit Sinn zu füllen und lebenswert zu machen. Werte, die uns immer wieder als Schilder an den Abzweigungen unseres Lebensweges daran erinnern, inne zu halten und uns zu fragen, ob wir noch in die richtige Richtung gehen. Manchmal sind sie leicht zu übersehen.

Ich…

…bin jetzt 30 Jahre alt.

Und ich habe kein Haus. Kein Auto. Keine Karriere, die bei karriereaffinen Menschen Eindruck schinden würde. Keine Position, in der ich Macht über andere ausüben kann. Könnte es mir nicht mal leisten, auch nur Zehner durch den Club zu schmeißen.

Dieses Haus, dieses Auto, diese Karriere, Macht und Reichtum…nichts davon wollte ich jemals, nichts davon fehlt mir in irgendeiner Art und Weise. Trotzdem gab es eine nicht allzu kurze Zeit in meinem Leben, in der ich dachte, dass mir das doch aber fehlen müsste. Und dass ich das doch eigentlich wollen müsste. Habe Dinge getan und Wege eingeschlagen, die rein theoretisch irgendwann zu diesen Zielen hätten führen können. Und mich gewundert, warum sie mich nicht glücklich machten.

Jetzt…

…bin ich 30 Jahre alt.

Nach unzähligen Höhen und Tiefen, unüberwindbar scheinenden Herausforderungen, nicht lösbar wirkenden Problemen, noch mehr Zweifeln und Rückschlägen habe ich meinen Weg gefunden. Lebe ich das Leben, das ich wirklich leben möchte. Ein Leben nach meinen ganz eigenen Werten und Vorstellungen. Ein Leben, das bei manchen Menschen auf Unverständnis stößt und mir nicht selten kritische, vielleicht auch abfällige Blicke beschert. Das in den meisten Hinsichten so gar nichts mit Auto und Karriere zu tun hat. Und auch nicht mit Macht. Sondern einem Job, der zwar nicht mein Konto mit Geld im Überfluss, dafür aber mich selbst mit Freude füllt. Und zwar jeden verdammten Tag, den ich dort hingehe. Ein Arbeitspensum, das mir so viel freie Zeit gibt, in der ich all die Dinge tun kann, die mir wirklich wichtig sind. Das so reduziert ist, dass dessen Stresslevel keine Gefahr für meine psychische Stabilität darstellt. Der Erkenntnis, dass ich an den Job, mit dem ich meinen Lebensunterhalt verdiene, nicht mehr wie früher den Anspruch habe, dass er mich voll und ganz erfüllen muss. Dass ich nicht lebe, um zu arbeiten, sondern arbeite, um zu leben. Und dass es mir reicht, wenn ich mich mit meinem Job identifizieren kann. Dass ich mich nicht über ihn definieren möchte. Dass Berufung und Beruf getrennt werden können. Dass ich meine Erfüllung und Sinnstiftung außerhalb davon erlebe.

Ein Leben

in dem ich eine gute Freundin, Schwester oder Tochter, eine gute Partnerin oder Mutter bin. In dem ich mir Zeit für die Menschen nehme, die mir wichtig sind, für sie da bin, ihnen wirklich zuhöre und sie verstehe. In dem ich bedingungslosen Rückhalt und Unterstützung erfahre. In dem Zwischenmenschlichkeit eines der höchsten Güter ist. In dem es wahre Freundschaft und tiefgehende Beziehungen gibt. Ein Leben prall gefüllt mit Liebe, Miteinander, Aufrichtigkeit und echten Emotionen. Ein Leben, in dem ich immer wieder zurück zu mir finde, egal wie schwer es auch sein mag. Ein Leben, zu dem sich irgendwann eine innere Zufriedenheit und Ruhe gesellte, die seitdem nicht mehr von meiner Seite weicht.

Ein Leben, in dem ich mich so eingerichtet habe, dass ich es trotz und mit meiner Erkrankung bestmöglich meistern und so oft und viel wie möglich genießen kann. So lange links oder rechts abgebogen bin, bis ich auf einen Weg stieß, der sich richtig anfühlte. Auf dem ich plötzlich durchatmen konnte und sich mein Rucksack, der vorher manchmal so schwer schien, auf einmal ziemlich leicht zu tragen war. Ich nicht mehr so oft stolperte. Auf dem ich mich angekommen fühlte, obwohl ich noch nicht wusste, wohin er mich wohl führen würde.

Ein Leben, das erst durch all die Höhen und Tiefen meiner Erkrankung zu dem Leben wurde, das ich nun leben darf.

Und ich bin erst 30 Jahre alt.

Einmal alles bitte.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

„Ich bin psychisch krank. Und du so?“

Eigentlich hätte ich sehr gerne mal ausprobiert, wie sich diese Information auf einem Tinderprofil macht. Direkt neben Hobbies und Lieblingseis. Einfach mal nur, um zu sehen was passiert. Aber selbst das war mir den vergeudeten Speicherplatz auf meinem Handy nicht wert. Vielleicht kann ich ja mal jemand anderen nötigen, der mir diese Sozialstudie auswertet. Wird bestimmt witzig.

Alles was zählt.

Ich würde diesen Blog nicht schreiben, wenn ich den offenen Umgang mit und die Enttabuisierung sowie Entstigmatisierung von psychischen Erkrankungen, welcher Art auch immer, in unserer Gesellschaft nicht so unglaublich wichtig und grundlegend finden würde. Ich würde nicht im Traum daran denken, meine tiefsten Tiefen und höchsten Höhenflüge frei zugänglich für jeden in einem Medium auszuschlachten, das niemals vergisst. Ich würde nicht Menschen davon erzählen, die ich gerade mal ein paar Minuten kenne. All das würde ich nicht tun, wenn ich nicht hundertprozentig hinter der Meinung stehen würde, dass hier jeder Einzelne zählt und seinen Teil zu einer größeren Akzeptanz dieses Themas beitragen kann. In vielerlei Hinsicht.

Aber es gibt Unterschiede.

Ob das lohnt?

Mit der Zeit habe ich ein ziemlich feines Gespür dafür entwickelt, wo und bei wem diese Thematik vermutlich „gut aufgehoben“ ist. Wo sie ankommt. Wo sie im besten Fall einen Mehrwert schafft und nicht nur Angst und Schrecken hinterlässt. In vielen Fällen, vor allem bei fremden Menschen, geht es mir schon lange nicht mehr darum, dass mir mein Gegenüber Verständnis, Empathie oder Akzeptanz entgegenbringt. Denn dafür brauche ich niemanden. Nicht mehr. Es geht um etwas Anderes. Es ist ein spontanes Gefühl, eine Art Intuition. Das zurückhaltende Mädchen, das letztens bei mir im Café saß und der einzige Gast war. Ihren Milchkaffee trank und Tagebuch schrieb. Wenn ich jemanden per Hand irgendwo etwas schreiben sehe, werde ich sowieso immer aufmerksam und frage mich, was diese Person da wohl gerade aufs Papier bringt. Wenn ich das Gefühl habe, dass es okay ist, frage ich auch manchmal nach. So wie an diesem Tag.

Weiß und leer und einfach da.

Sie lächelte und erzählte mir, dass sie gerade Probleme in ihrer Beziehung hatte und ihre Gedanken besser sortieren konnte, wieder einen klareren Kopf bekam, wenn sie das alles aufschrieb. Wie gut ich das kannte. Das Blatt Papier, das nicht wertet und sich alles nur Erdenkliche um die Ohren hauen lässt. Ohne sich auch nur ein einziges Mal zu beschweren. Ohne uns zu belächeln. Ohne zu zweifeln. Ohne verständnislos den Kopf zu schütteln. Ohne uns die Schuld zu geben. Ohne direkt gut gemeinte Ratschläge zu erteilen, um die wir nie gebeten haben. Ohne direkt von den eigenen Erfahrungen diesbezüglich zu erzählen. Ohne uns seine Meinung aufzudrängen. Das wie ein guter Freund einfach nur zuhört. Einfach da ist.

Nur ein kleiner Moment.

Während wir uns so über diese gemeinsame Verbindung, die Liebe zum Schreiben, austauschten, kamen wir irgendwie auf Blogs zu sprechen und ich erzählte ihr von meinem. Und so, als wenn wir uns gerade über die Zutaten unseres neuen veganen Avocadokuchens unterhielten, erzählte ich ihr, dass ich bipolar sei und vor allem darüber schrieb. Woraufhin sie mir von ihren depressiven Phasen der Vergangenheit und ihrem Klinikaufenthalt erzählte. Wie auch sie in dieser Zeit die heilsame Wirkung des Schreibens für sich entdeckt hatte. Und so standen wir da ein paar Minuten, ich hinter der Kasse am Tresen und sie auf der anderen Seite, und führten ein Gespräch, das beide von uns in dieser Tiefe mit so manch anderen Bekannten, die wir schon sehr viel länger und besser kannten, vielleicht bis heute nicht geführt haben. Einfach, weil es sich in diesem Moment stimmig anfühlte. Weil da eine Verbindung und ein Vertrauen war. Ein Gespräch von wenigen Minuten, das für den Rest des Tages ein warmes Gefühl in mir hinterließ. Sie drehte sich eine Zigarette, packte ihr Tagebuch ein und wir wünschten uns alles Gute.

Fuck Fake.

Dass Offenheit Verbindung und Vertrauen schaffen kann, ist kein Geheimnis. In den letzten Jahren habe ich vor allem in Bezug auf meine Erkrankung immer wieder eine sehr wertvolle Erfahrung gemacht. Dass wir oft erst in den Momenten, in denen wir uns ohne Angst vor Ablehnung und Kontrollverlust öffnen und uns dadurch verletzlich machen, ja, vielleicht sogar schutzlos ausliefern, Raum für echte und tiefe Verbundenheit schaffen. Dass wir unserem Gegenüber durch unsere Verletzlichkeit zeigen, dass man uns vertrauen kann. Dass wir alles andere als perfekt sind. Dass auch wir unser Päckchen zu tragen haben. Ob nun in Form einer psychischen Erkrankung oder anders. Dass genau das uns auf einer tieferen menschlichen Ebene verbindet. Dass Authentizität immer über Fake siegen wird. Dass das Leben bedeutet.

Hinter den Kulissen

In der absoluten Mehrheit der Fälle haben mir die Menschen, vor allem die, die ich nicht gut kannte, von ihren eigenen Schwierigkeiten, dunklen Zeiten oder tatsächlich auch eigenen psychischen Erkrankungen erzählt, wenn ich ihnen von meiner Krankheit erzählte. Menschen, denen man es genau so wenig ansieht, wie man es mir ansieht. Menschen, die wir vielleicht an einem unserer eigenen dunklen Tage auf der Straße lachen sehen und sie in diesem Moment darum beneiden. Nicht sehen, wie oft sich ihre eigene Welt verdunkelt. Vielleicht schon, wenn sie an diesem Tag nach Hause kommen. Wie schwer der Kampf, den Tag zu beginnen vielleicht an ihrem Morgen gewesen war. Menschen, die in jedem erdenklichen Lebensbereich erfolgreich zu sein scheinen und denen offensichtlich alles in den Schoß fällt. Wir wissen nicht, wie viele Jobs sie vielleicht aufgrund ihrer Erkrankung schon verloren haben. Menschen, die so gut und „normal“ funktionieren zu scheinen, obwohl sie jeden einzelnen Tag mit ihrer Erkrankung und all den Herausforderungen, die sie mit sich bringt, konfrontiert sind. All die Mühe, Energie und Kraft, die das Leben trotz und mit ihrer Erkrankung mit sich bringt, nicht sehen können.

Lückenlose Langeweile

Vor meiner Diagnose Ende 2017 waren es vor allem meine depressiven Phasen, die unvermeidlich auch immer einen Einfluss auf mein Berufsleben hatten. Das noch nie beständig war. Mein Lebenslauf alles andere als gerade. Definitiv nicht lückenlos. Womit ich unter bipolaren Menschen in bester Gesellschaft bin. Es wäre wohl einfacher zu fragen, welche Jobs ich noch nicht gemacht habe. Viele wunderschöne und spannende Erlebnisse, viele viele tolle Menschen, viel gelernt, viel Spaß. Aber auch viel Chaos und Durcheinander. Des Faktes, dass ich bei einem gängigen Konzern mit meinem Lebenslauf trotz Studium niemals wieder eine Chance hätte, bin ich mir bewusst. Genau so weiß ich allerdings, dass ich in einem Unternehmen, das auf diese Dinge Wert liegt, völlig fehl am Platz wäre. Dass ich noch nie für meinen Lebenslauf gelebt habe. Und es auch in Zukunft nicht tun werde. Dass ich ihn so bunt ziemlich gerne mag und mir Tabellen noch nie standen. Dass ich nur noch tue, was sich gut anfühlt. Worin ich Sinn sehe. Was mein Herz hüpfen lässt, wenn ich nur daran denke. Mittlerweile akzeptiert habe, dass alles, was mir Spaß macht und mich interessiert, mich vermutlich niemals reich machen wird. Dass mir das manchmal Angst macht. Dass diese Angst jedoch nicht groß genug ist, um meinen Weg nicht auch in Zukunft genau so weiter zu gehen.

Kein Platz für dich

Ich habe Jobs durch meine Erkrankung verloren. Zum Beispiel als ich in einer hypomanen Phase meinem Chef völlig betrunken auf der Weihnachtsfeier mal so richtig schön die Meinung gesagt habe. Die Traurigkeit hielt sich in Grenzen. Vor allem als ich am nächsten Morgen die zwei Flaschen Champagner und den Kilosack Erdnüsse entdeckt habe, die ich anscheinend noch hatte mitgehen lassen. War eh beschissen der Job. Sehr lange her. Heute kann ich darüber lachen. Meine Eltern fanden das damals nicht so witzig.

Ein Job im Restaurant. Ich wurde in der Probezeit gekündigt, nachdem ich ein paar Tage krank geschrieben war, als die schwere depressive Phase im Sommer vor der Klinik ihren Lauf nahm. Der Tag, an dem wir völlig unterbesetzt waren, ich die ganze Nacht nicht geschlafen hatte und eine Panikattacke die nächste ablöste. Für immer in mein Gedächtnis gebrannt. Wie ich vor den Gästen in Tränen ausbrach und sowohl meine Gefühle als auch mein Körper sich komplett meiner Kontrolle entzogen. Die mitleidigen Blicke.

Der Bürojob, in dem ich zwei Jahre gearbeitet habe. Mein toller Teamleiter, der gerade mal so alt wie ich und eigentlich eher ein Freund war. Wie lange ich überlegte, ob ich ihm erzählen sollte, was mit mir los war. Wiederkehrende Zusammenbrüche auf der Arbeit durch völlige Überforderung und ein absolut abgefucktes Stresslevel mir irgendwann die Entscheidung nahmen. Seine verständnisvolle Reaktion. Die prekäre Lage, in die ihn meine Offenbarung brachte. Sein Platz zwischen Menschlichkeit und Empathie auf der einen und Arbeitgeber und wirtschaftlichem Denken auf der anderen Seite. Er sprach es nicht aus. Doch es war unmissverständlich klar, dass letzten Endes nur die Zahlen zählten. Dass hier funktionierende Arbeitnehmer gebraucht wurden. Ich nahm ihm die Entscheidung ab.

Meld dich mal, wenn du angekommen bist.

Und dann ist da noch die Liebe. Über die ich heute eigentlich schreiben wollte. Bevor der Text wie so oft eine Eigendynamik entwickelt hat. Wie sagt man so schön? Go with the flow. Oder so.

Oft passiert es dann, wenn wir es am wenigsten erwarten. Zum Beispiel während der Corona-Krise. Dann ist er plötzlich da. Dieser eine Mensch. Aus dem Nichts. Und wir merken erst dann, wie sehr wir uns nach diesem einen Menschen gesehnt haben. Ohne zu wissen dass er überhaupt existiert. Wo bis jetzt Ängste und Zweifel waren ist da auf einmal eine Gewissheit, die wir mit Worten nicht erklären können. Die uns ruhig werden lässt. Uns ein Gefühl von Zuhause gibt.

Die einzige Frage, die ich noch habe, ist: Wird dieses Zuhause stabil genug sein für mich im Gesamtpaket? Mit meiner Erkrankung? Mit all meinen guten, aber auch meinen schlechten Tagen? Teillieferung ausgeschlossen. All inclusive oder gar nicht.

Mein Herz klopft schneller.

Das hier konnte ich nicht üben mit Fremden, Arbeitgebern oder Bekannten.

Ich hole tief Luft und traue mich.

„Ich bin psychisch krank.“

Und wenn wir Glück haben, ändert dieser eine kleine Satz rein gar nichts an dem Ausdruck in den Augen, die uns in diesem einen großen Moment ansehen.

Mit jeder Phase(r) unseres Körpers.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Interessanterweise habe ich seit Beginn des Jahres zum ersten Mal nicht jede Woche einen Blogartikel hochgeladen. Obwohl ich so viel Zeit habe wie schon lange nicht mehr. Ich muss schmunzeln, wenn ich an den letzten Artikel denke. Mit all den Dingen, für die wir ja jetzt endlich mal Zeit haben! Es drängt sich mir die Vermutung auf, dass es sich beim ausschlaggebenden Faktor diesbezüglich vielleicht doch nicht um fehlende Zeit handelt, wie wir so oft meinen. Oder auch als Entschuldigung nehmen. Zumindest hätten wir gerade die Zeit, mal ausgiebig über diese Frage nachzudenken.

Die Dynamik, die sich die letzten Wochen an einem selbst und dem sozialen Umfeld beobachten ließ, war spannend. Und auch ein bisschen lustig. Wir sind irgendwie so von einer in die nächste Phase geschlittert.

Zuerst, vor noch gar nicht all zu langer Zeit, die uns allerdings wie eine Ewigkeit vorkommt, war da größtenteils Ignoranz und Verleugnung. Keine Ahnung, was es mit diesem Corona-Kram auf sich hat und warum die da so ausrasten.

Fast unmerklich in die nächste Phase gestupst worden. Hm. Scheint vielleicht irgendwie doch ein bisschen größer zu sein als gedacht. Vielleicht schau ich halt doch mal ein bisschen öfter Nachrichten.

Mit bereits deutlich erhöhter Geschwindigkeit weiter in die Panikphase geknallt, mit allem was dazu gehört. Erst Sorge, dann vielleicht auch Angst. Unsicherheit. Das kann doch alles nicht wahr sein. Wie in einem schlechten Film! Dass wir das noch erleben dürfen/müssen!

Smoother Übergang in die Schockstarre. Job weg. Struktur weg. Alter Alltag weg. Vielleicht lieber mal husch raus aus dem Moloch der Metropole. Bisschen Land ist ja auch mal schön. Und die gute Luft erst, ahhh! Herrlich!

Zwei Tage später. Hm. Un nu? Wie wird es weitergehen? Und wann? Oder überhaupt?

Hier stinkt’s nach Kuhscheiße.

Warum glotzt der Nachbar denn so doof über seinen spießigen Gartenzaun?

Vorsichtshalber mal lieber in die Phase der Vermeidung stolpern. Massenweise blöde Witze reißen, die latente Verzweiflung in unserem und dem Lachen unserer Freunde gekonnt ignorieren. Uns gegenseitig mit Videos und Bildern zur aktuellen Situation überfluten. Ziemlich witzigen ehrlich gesagt.

Sich in einer ruhigen Minute vielleicht darüber bewusst werden, dass nur die darüber lachen können, die bis jetzt noch nicht unmittelbar mit der Dramatik der Situation und deren verheerenden Folgen in Kontakt gekommen ist. Wer ein Familienmitglied an dieses Virus verliert, amüsiert sich ganz sicher nicht mehr über Klopapier- und Desinfektionsmittelsatire.

Jede erdenkliche Quelle zum Thema aufsaugen.

Komplett aufhören, Nachrichten zu schauen.

Voller Motivation weiter in die Aktionismusphase, in der wir uns entweder tatsächlich über all die geschenkte Zeit zum Putzen, Aufräumen, Aussortieren, Wände streichen, Gärtnern, Stricken, Musizieren, Steuererklären und was nicht noch alles freuen oder es uns zumindest einreden, dass das alles totaaaal toll ist.

In der zweiten oder dritten Woche oder vielleicht auch schon früher feststellen, dass man jetzt eigentlich auch erstmal wieder genug getan hat und vielleicht auf manche Dinge, die man sich schon so ewig vorgenommen hatte und jetzt dank Corona ja tatsächlich auch mal Zeit dazu hätte, halt einfach trotzdem keinen Bock hat.

Ich hab ja echt schon lange nicht mehr so richtig schön gemütlich mit einem Buch und Tee auf dem Sofa gelegen…

Krass, dass man Netflix tatsächlich leerschauen kann.

Einfach mal wieder früh ins Bett und einen gesunden Schlaf-Wach-Rhythmus etablieren.

Kaffeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeee!!!

Und mal wieder so richtig schön gesund und frisch kochen. Auja. Sogar auf dem Markt einkaufen!

Geil. Pizza.

Heimlich kriechen wir in die Phase der Lethargie. Sonst wollen wir doch immer mehr Freizeit haben. Zeit zum Nichtstun. Einfach mal sein. Sich selbst finden, in Kontakt mit uns und unserem Inneren kommen. Mal so richtig schön und voller nicht wertender Achtsamkeit zu uns finden. Blaaaaaaaaa. Gähn. Wir stellen fest, dass freie Tage ihren Wert offensichtlich nicht aus anderen freien Tagen ziehen.

Ach wie schön, dass wir alle in dieser schweren Zeit näher zusammenrücken und endlich mal wieder Zeit füreinander haben! Familie ist das Wichtigste im Leben!

Einen Tag später. Lagerkoller. Alle drehen durch.

Zwei Wochen Quarantäne wird super! Ich bin so gerne für mich! Endlich hab ich mal meine Ruhe.

Drei Tage später. Mit Kuscheltier im Arm und einem halben Liter Ben&Jerry’s Cookie Dough Double Chocolate Caramel Brownie im Bett liegen, den traurigsten Film aller Zeiten schauen und sich selbst bemitleiden.

Vielleicht bemerken wir, dass wir zwar weder Sternekoch noch Bestsellerautor oder begnadete Strickliesel geworden sind, dafür aber wieder jeden Morgen die Laufschuhe schnüren, im nächsten Frankreichurlaub tatsächlich ein Bier bestellen könnten und entgegen jahrelanger Überzeugung doch keine zwei linken Hände haben! Uns darüber freuen und lieber all das sehen anstatt das, was wir vielleicht ursprünglich mit dieser Zeit vorhatten und alles nicht getan haben. Dass das gerade die falsche Zeit für Perfektionismus, Wettbewerb und selbstauferlegten Druck ist.

Dass es vielleicht auch ganz schön viel Kraft und Zeit kosten kann, sich einmal so von heute auf morgen einen komplett neuen Alltag zu schaffen und sich selbst Struktur und Halt zu geben. Ohne Außen.

Im Idealfall kommen wir in Begleitung einer schrittweisen Umstellung und Anpassung an unser momentanes und neues Leben langsam aber sicher in der Phase der Akzeptanz an. Arrangieren uns mit der neuen Situation. Nehmen an, dass wir nicht wissen, wann das alles vorbei ist. Ob es überhaupt irgendwann ganz vorbei ist. Welche langfristigen Auswirkungen es auf unser individuelles, gesellschaftliches, wirtschaftliches und politisches Leben haben wird. Wie schnell oder langsam sich all das entwickelt. Wie es weitergeht.

Schauen mit fast schon ekelerregendem unverbesserlichen Optimismus in eine Zukunft, von der wir auch vor Corona noch nie wussten, was sie bringen mag.

Lassen die Dinge auf uns zukommen.

Halten zusammen.

In dem Wissen, dass es weitergehen wird. Dass der Mensch anpassungsfähig ist.

Dass Krisen das weitaus größere Potenzial für Wachstum haben als Friede Freude Eierkuchen.

Und hoffen auf das Beste.