Freiläufer.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Einen Fuß vor den anderen setzen. Schritt für Schritt. Weiter. Immer weiter.

Es gibt mittlerweile viele Studien, die belegen, dass regelmäßige Bewegung und Sport bei der Behandlung von Depressionen und Angstzuständen genauso wirksam sind wie die Einnahme von Antidepressiva. Um zu verstehen, dass dies für schwere depressive Phasen, während der die Betroffenen morgens nicht mal das Bett verlassen können, nicht ganz realistisch ist, braucht es vermutlich keine Statistik.

Auf den letzten Metern

Ich war jahrelang regelmäßig und teilweise ziemlich exzessiv joggen gegangen. Für mich ein Ventil, das es mir ermöglichte, Druck abzubauen, Stress zu bewältigen und den Kopf frei zu bekommen. Ich erinnere mich noch sehr gut an einen meiner letzten Läufe, im Sommer 2017 bevor ich in die Klinik ging. Es ging schon seit Wochen kontinuierlich bergab, ich konnte schon nicht mehr wirklich schlafen und wachte weit vor Sonnenaufgang auf, weil mir mein Geist keine Ruhe mehr ließ. Mein Herz zu laut von innen gegen meine Brust hämmerte. Die Gedanken Runde um Runde drehten. Das Aufstehen stellte bereits eine gewisse Herausforderung da, aber noch schaffte ich es irgendwie. Es war einer dieser Morgende, ich war mit meiner Familie in einem wunderschönen Ferienhaus in Dänemark, mitten in den Dünen, nur ein paar Meter von einem scheinbar endlosen Strand entfernt. Es war irgendwann zwischen 4 und 5, ich schnürte die Schuhe und lief los. Möwenkreischen, das Rauschen der Wellen und zwei Babyrobben, die panisch vom Sand zurück ins sichere Meer flüchteten, als sie mich sahen und mich von dort aus misstrauisch aus großen schwarzen Knopfaugen beobachteten, bevor sie in den Wellen abtauchten. Die Schönheit des Moments war zum Greifen nahe, doch so sehr ich meine Finger auch nach ihr ausstreckte, ich konnte sie nicht erreichen.

Wettlauf gegen den Abfuck

Ich lief und lief und lief. Rannte. Sprintete. Bis der Weg von einigen umgefallenen Baumstämmen versperrt war. Lief und rannte und sprintete die vielen Kilometer und den ganzen Weg zurück. Meine Lunge brannte. Und weiter in die andere Richtung. Bis mein Körper mir unmissverständlich klar machte, dass hier Schluss war. In der Hoffnung, das quälende Gefühl, die Verzweiflung und meine immer wiederkehrenden Gedanken loszuwerden, hatte ich einfach nur eine vollkommene körperliche Erschöpfung erreicht, welche mir die kurzzeitige Güte erwies, zumindest für ein kleines Zeitfenster stärker zu sein als meine psychische. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits deutlich abgenommen. Zu viel. Ich hatte vorher nie Probleme mit meinem Gewicht gehabt. Mal ging es etwas hoch, mal etwas runter, aber früher oder später pendelte es sich immer wieder auf die selbe Zahl ein. Ich war ein absoluter Genussmensch und aß für mein Leben gern und viel, noch mehr, wenn ich viel Sport machte, und hatte meine Zeit noch nie mit sinnlosen Diäten oder Kalorienzählen verbracht. Dafür war das Leben meiner Meinung nach zu kurz. In ein paar Wochen würde ich zehn Prozent meines Gewichts verloren haben, da ich über Tage hinweg kaum mehr etwas zu mir genommen haben würde. Das war der Moment, als ich zum ersten Mal seit Jahren mit dem Joggen aufhörte. Weil mein Körper einfach nicht mehr genügend Kraft hatte. Die letzte Kraft brauchte, um irgendwie zu bewältigen, was da gerade alles Abartiges in ihm abging.

Flügge, lieber nicht!

Als sich meine Zeit in der Klinik im November dem Ende zuneigte, waren bereits nach und nach ein paar der Leute entlassen worden, die schon vor mir da oder gemeinsam mit mir gekommen waren. Nicht jeder sprach es aus, aber irgendwie hatten wir alle Respekt, wahrscheinlich sogar Angst, vor dem, was danach kommen würde. Vor dem großen Nichts für die, die ihren Job durch zu viele Fehltage verloren hatten. So wie ich. Für die, die vielleicht bereits zuvor keinen Job mehr hatten. Angst davor, den Herausforderungen und dem Druck des Arbeitslebens nicht mehr gewachsen zu sein für die, auf die eine Wiedereingliederung wartete. Um die ich sie ehrlich gesagt ganz schön beneidete. Klar würde es eine Herausforderung sein und eine Umstellung, aber es wäre gleichzeitig auch ein Garant für Struktur im Alltag, einen sicheren Rahmen, der Halt geben könnte nach dem absoluten Zusammenbruch und allem, was sie hinter sich hatten.

Gähnende Leere.

Durch den Klinik-Gossip erfuhren wir, die noch da waren, bereits wenige Tage nach der Entlassung einiger Leute, dass sie beim Sprung zurück in den Alltag, raus aus dem sicheren Nest der Einrichtung, abgerutscht waren und einige von ihnen sich gerade übergangsweise in der Geschlossenen befanden. Und das waren nicht nur die ohne Partner oder ohne Job. Sondern auch die, die einen sehr stabilen Eindruck gemacht hatten an ihrem letzten Tag und optimistisch in die Zukunft sahen. Das zu hören machte Angst. Würde es mir genau so gehen? Wie würde ich mir ohne jegliche Struktur von außen meine eigene schaffen? Würde ich diesen neuen, erstmal vollkommen leeren Alltag bewältigen können? War ich stabil genug dazu? Wie lange würde diese Stabilität angesichts der Unsicherheit, mit der ich konfrontiert war, überleben? Was kam danach? Wie sollte es weitergehen?

Gute Reise, gute Reise.

Während wir in der Klinik alle in einem Boot saßen, uns gegenseitig verstanden und austauschen konnten, uns für die Zeit, die wir dort waren, in Sicherheit wähnten, würde ich ab sofort in einem Ein-Mann-Kanu auf’s offene Meer geschickt werden. Freundlicherweise mit einem Paddel und einem Rucksack voller Erkenntnisse, Gelerntem und Ressourcen, den ich über die letzten Wochen und Monate mühsam und in kleinen Schritten gepackt hatte. Doch was ich daraus machte, lag nun einzig und allein an mir. „Leidensgenossen“ in diesem Sinn gab es nicht wirklich, da sich unter meinen Freunden momentan weder andere psychisch Kranke noch Arbeitslose befanden. Glücklicherweise muss man ja fairerweise sagen. Alle arbeiteten ganz normal in ihren Jobs, standen morgens auf, wenn der Wecker klingelte, hatten Verpflichtungen, denen sie nachkommen mussten und einen strukturierten Alltag. Und ich?

Ich ging.

Wohin?

Nirgendwo wirklich hin eigentlich. Ich fing einfach an zu gehen. Nicht joggen, einfach nur gehen. Ich kannte mich und wusste, dass ich wenn ich nicht übergangslos an das täglich frühe Aufstehen während der Klinikzeit anknüpfen würde, schnell wieder in alte Muster verfallen und bis vormittags schlafen würde. Also stellte ich mir weiterhin meinen Wecker, jeden Tag zur gleichen Zeit, und stand auf. Machte mir einen Kaffee zum Mitnehmen, Coffee to go unterwegs gab das Krankengeld leider nicht her, und lief los. Erstmal immer die gleiche Strecke. An der Elbe entlang. Immer geradeaus.

Einen Fuß vor den anderen setzen. Schritt für Schritt. Weiter. Immer weiter.

Jeden Tag.

Bei jedem Wetter.

Schritt für Schritt.

Am Anfang fünf Kilometer, ein paar Tage später zehn. Nach einer Woche keinen Tag unter 15 bis 20 Kilometer. Einmal waren es 35. Das war dann nicht mehr so schön. Ich lief und lief und lief. Um die 300 Kilometer im Monat. Am Anfang bluteten meine Zehen ein paar Mal und es gab die ein oder andere Blase, aber das ging schnell vorbei. Das in Bewegung sein, das Gefühl, voranzukommen, die Regelmäßigkeit der Schritte und meiner Atmung, die Natur, der Strand, das Wasser, die Ruhe, die frische Luft. Nicht die Schnelligkeit und das Auspowern vom Joggen, sondern die Langsamkeit und das Stete des Gehens. All das tat mir gut. Meinem Körper und vor allem auch meiner Seele. Den Blick und auch die Gedanken schweifen zu lassen. Keine Höchstleistungen vollbringen zu müssen, sondern einfach nur stetig einen Fuß vor den anderen zu setzen. In der beruhigenden Gewissheit, dass mein Körper mir gehorcht und mich dort hinbringt, wo ich sein möchte. Egal, was war, vor allem auch an schlechteren Tagen, wusste ich, dass es mir besser gehen würde, sobald ich los lief. Und dass vielleicht vieles schon vergessen sein würde, wenn ich wieder zu Hause war. Mit jedem Schritt fühlte ich mich mich mir selbst noch ein Stück näher.

Man kann es auch übertreiben…

Manchmal setzte ich mir ein Ziel, manchmal nicht. Zwangsläufig legte ich auch alle Wege, die ich im Alltag zurücklegen musste, zu Nachbesprechungen in der Klinik, zum Yoga, zu Treffen mit Freunden, zu Fuß zurück, da anscheinend auch der Hamburger Verkehrsbund mit seinen horrenden Preisen herzlich wenig Sympathien für Krankengeldempfänger hatte. Ich hatte ja den ganzen Tag Zeit, also plante ich einfach genug davon ein und stieg nicht easy schnell in die Bahn oder den Bus und fuhr zwanzig Minuten, sondern ging 17 Kilometer zu Fuß, um zum Zahnarzt zu gehen. Da jeder gegangene Kilometer auch Zeit beansprucht und es außerdem tiefster Winter war, vergingen die Stunden und Tage somit wie im Flug. Wenn ich nach Hause kam, war ich meistens so erschöpft, dass ich es gerade noch so schaffte, zu duschen und etwas zu essen, bevor ich ins Bett fiel und wie ein Stein schlief. Noch ein Problem gelöst. Ich war mir des etwas extremen Charakters all dessen von Anfang an bewusst, doch abgesehen davon, dass Extreme schon immer zu mir gehört hatten und sie mir gefielen, nahm ich das gerne in Kauf. Zu groß war die Angst, wieder den Halt zu verlieren und nur noch die Rücklichter des Zuges zu sehen, der mich zurück in den Alltag bringen sollte.

Und das Laufen war mein Ticket dorthin.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Ich laufe monatelang so weiter. Jeden Tag. Bis ich im April nach Fehmarn ziehe und wieder anfange zu arbeiten. 12-Stunden Schichten. Teilweise zehn Tage am Stück. Warum das, wer hätte das geahnt, nach allem, was ich mit und über meine Erkrankung sowie Frühwarnsignale, Belastungsgrenzen und deren Wahrung, in der Klinik und auch den vorangegangenen Monaten gelernt hatte, nicht so schlau war, könnt ihr hier lesen: https://tanzzwischendenpolen.com/2019/11/06/mit-vollgas-uber-die-insel/ Da blieb weder Zeit noch Kraft für’s Laufen. An meinen wenigen freien Tagen machte ich es trotzdem weiterhin. Oder fuhr mit dem Rad über die Insel. Oder ging Kiten. Mit einer völlig neuen und wunderschönen Kulisse. Die Saison neigte sich dem Ende zu, der Job und eine ganz besondere Zeit auf der Insel waren vorbei.

Öfter mal was Neues!

Zurück in Hamburg musste also ein neuer Job her. Ich kam zu dem Schluss, dass ich, wenn ich sowieso jeden Tag so viel und weit laufen ging, das doch eigentlich auch in tierischer Begleitung machen und nebenher noch ein bisschen Geld verdienen könnte. Also registrierte ich mich auf einer Plattform für Hundebetreuung und Gassiservice und drehte kurz darauf und ab sofort meine Runden mit zwei Vierbeinern, meistens getrennt, manchmal auch beide zusammen, inklusive Leinensalat, massenweise Kackebeuteln, für die ich definitiv eine dritte Hand gebraucht hätte, und belustigter Blicke der Leute, die uns begegneten. Obwohl ich beide sehr schnell in mein Herz schloss, hatte die erste Hundedame eben jenes sofort im Sturm erobert, ich war schockverliebt und wir gehen noch jetzt, über zwei Jahre später, zusammen spazieren und lieben uns heiß und innig.

Insofern hat das Laufen mir nicht nur den Weg zurück in den Alltag geebnet, sondern mich auch meine Liebe zu Hunden entdecken und in den Genuss ihrer bedingungsloser Zuneigung und unbändiger Freude kommen lassen. Und das sind nur einige der positiven Aspekte, die das Laufen mit sich bringen kann.

Laufen braucht kein Ziel, keine Intention. Es geht nicht darum, möglichst schnell anzukommen. Es geht nicht um einen Anfang. Oder ein Ende.

Sondern um das Dazwischen.

Schritt für Schritt.

Weiter.

Immer weiter.

Im hoffnungslosen Fall

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Einen Fuß vor den anderen setzen. Schritt für Schritt. Weiter. Immer weiter.

Einen Zombie, bitte.

Ich weiß nicht, wie lange ich schon unterwegs bin. Ich weiß nur, dass ich das Haus verlassen habe, als es noch dunkel war. Und es ist Sommer. Also muss es weit vor 6 Uhr morgens sein. Das Gefühl in mir war unerträglich geworden. Ich war mir sicher, mein Körper würde das nicht eine Sekunde länger mehr mitmachen. Was hätte ich dafür gegeben, einfach aus ihm herauszuschlüpfen und zu flüchten. An einen fernen Ort. An dem ich sicher wäre vor der Erbarmungslosigkeit, mit der Schmerz, Panik und tiefste Hoffnungslosigkeit in meiner Seele wüteten. In seiner Machtlosigkeit hatte mein Körper wortwörtlich versucht, all das von sich zu stoßen. Ich hatte mich die halbe Nacht übergeben. Aber außer zunehmender Erschöpfung und Kraftlosigkeit hatte auch das keinen Effekt gehabt. Ähnlich wenig wie das Plündern des kompletten Restbestands der in meinem Haushalt verfügbaren Alkoholika in der Nacht zuvor. Die Mischung von Kirschwasser, Cognac, billigem Weißwein vom Kiosk und selbstgebranntem Dattelschnaps kann ich nicht wirklich empfehlen. Allerdings muss man dieser kreativen Cocktailkreation zu Gute halten, dass die Verneblung, die ich durch das zügige Herunterkippen eben jener verhältnismäßig schnell erreichte, sowie das ebenso ziemlich zügige Auskotzen derselben, zumindest für eine kurze Zeit das unerträgliche Gefühl in mir übermannt hatten. Alles war besser, als die Ausgeburt der Hölle in mir. Und wenn Kirschwasserkotze die bessere Alternative ist, muss es schon ziemlich beschissen um dich stehen.

Also lief ich los.

Einen Fuß vor den anderen setzen. Schritt für Schritt. Weiter. Immer weiter.

In der Not…

Irgendwann war ich an der Elbe angekommen. Ich schlüpfte durch das Geländer und setzte mich auf die Kaimauer. Drehte mir eine Zigarette. Rauchte sie. Drehte mir noch eine. Rauchte auch diese. Noch eine. Und noch eine. Hinter den Docklands kroch langsam die Sonne den Horizont empor, um den Hafen kurz darauf mit strahlend goldenem Licht zu fluten. Ein Bild von fast einschüchternder Schönheit. Als ob mir diese verdammte Stadt unter die Nase reiben wollte, wie schön die Welt doch war. Und wie undankbar ich, deren Inneres selbst durch die hellsten Sonnenstrahlen nichts an seiner alles vereinnahmenden Dunkelheit zu verlieren vermochte. Die Diskrepanz zwischen diesem Schwarz in mir und der Schönheit um mich herum machte mir noch einmal schmerzhaft bewusst, wie tief ich gefallen war.

…tritt der Teufel wieder in die Kirche ein.

Was für ein hoffnungsloser Fall. Im wahrsten Sinne. Und dass sich dieser Zustand niemals wieder ändern würde. Dass ich das nicht aushalten würde. Wenigstens das war sicher. Egal wie sehr ich darum flehte und sogar betete. Ich glaubte nicht an Gott. Und er machte dummerweise auch keine Anstalten, mir zu helfen. Vielleicht war sein Support nur denen vorenthalten, die nicht wie ich aus der Kirche ausgetreten waren und weiterhin brav ihre Kirchensteuer zahlten. Wer weiß.

„Ist alles okay bei dir?“

Liebeskummer an die Macht!

Gerade bin ich meinem Körper für seine bleierne Schwere ausnahmsweise mal dankbar. Sonst wäre ich vor Schreck vermutlich von der Kaimauer gefallen. Auf der anderen Seite der Brüstung steht ein Mann mittleren Alters mit verhältnismäßig besorgter Miene und einer ziemlich teuren Spiegelreflex, die an einem Gurt um seinen Hals baumelt. In der Hand hält er ein Stativ. Erst als die Worte, die ich versuche zu sprechen, meine Lippen und damit zwangsläufig auch einen Teil meines Gesichts bewegen, fällt mir auf, dass ich ganz schön verheult aussehen müsste, weil meine Wangen scheinbar ein exklusives Salzlifting verpasst bekommen haben. Auf jeden Fall ist irgendwie alles verklebt. Weswegen ich direkt zu der Erkenntnis komme, dass es verschwendete Energie wäre, eine Fassade aufrecht zu erhalten, wo keine ist. Von daher heule ich einfach weiter und sage: „Nein, nichts ist okay.“ Auf eine seltsam unaufdringliche und einfühlsame Art und Weise fragt der Fremde, ob ich Liebeskummer habe. Was würde ich dafür geben, einfach nur normalen beschissenen Liebeskummer zu haben! Das wäre wie ein Sechser im Lotto. Balsam für die Seele. Ein Sabbatical im Kloster. Aber dummerweise gibt es gerade keinen Kerl in meinem Leben, um den es sich zu trauern lohnen würde. Ich nehme mir schon mal fest vor, den nächsten Liebeskummer wie königlichen Besuch feierlich mit einem roten Teppich zu empfangen und ihn in vollen Zügen zu genießen. Das wird ein Fest!

Verschnaufpause.

Das Interessante an dieser Begegnung mit Knut, der eigentlich anders heißt, ist, dass er, ohne mich länger als ein paar Minuten zu kennen, innerhalb kürzester Zeit so viele gute und wahre Dinge zu mir sagt, dass es mir tatsächlich kurz etwas besser geht. Was angesichts der Tatsache, dass ich mich nicht erinnern kann, wann ich mich jemals so furchtbar gefühlt habe in meinem Leben, schon echt ne Leistung ist. Er hört zu. Versteht. Erzählt von seinem Sohn und dessen Erfahrungen mit Depressionen. Seiner Frau. Seinem Burn-Out. Er schafft es irgendwie, einmal den Pausenknopf in meinem mentalen Abwärtsspiralenprogramm zu drücken. Mich sanft am Arm zurück zu ziehen, um mir zu zeigen, dass ich nicht die volle Ladung Wasser abbekomme, wenn ich einen Schritt zurück gehe. Wasser, das sich durch die vorbeirasenden Autos tsunamiartig über mich ergießen würde. Weil ich viel zu nah an der Straße stehe. Unsere Unterhaltung dauert vermutlich nicht länger als eine halbe Stunde. Und doch ist es eine Begegnung, an die ich noch lange zurückdenken werde. Es auch heute noch oft tue. Weil sie mich gelehrt hat, dass selbst die allerschwärzesten Momente unverhofft einen Funken Hoffnung enthalten können. Auch wenn wir diesen vielleicht erst später so einordnen. Dass Zwischenmenschlichkeit sich auch auf dem unsichersten Terrain selbstsicher bewegen kann. Und dass auch die Verbindung zu einem Fremden für einen Moment reichen kann, um uns nicht mehr ganz so alleine zu fühlen.

Die andere Seite.

Bevor wir uns verabschieden muss ich Knut versprechen, dass ich nicht in die Elbe springen werde, ihm meine Nummer gebe und mich später noch einmal melde. Ich mag zwar in jeglicher anderer Hinsicht gerade unzurechnungsfähig sein, aber meine Menschenkenntnis und Intuition hat mich bisher selten im Stich gelassen. Es ist eine väterliche Fürsorge, die er ausstrahlt. Nicht mehr und nicht weniger. Als er in Richtung Hafen davonläuft, blicke ich ihm noch lange hinterher und frage mich, was er wohl fotografiert hat. Nach einer Zeit, die ich nicht abschätzen kann, klettere ich über die Brüstung zurück auf die andere Seite und setze meinen Weg fort. Wohin und wie weit weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass ich in Bewegung bleiben muss.

Einen Fuß vor den anderen setzen. Schritt für Schritt. Weiter. Immer weiter.

Mein Handy brummt in meiner Jackentasche und ich öffne die WhatsApp-Nachricht einer unbekannten Nummer. Knut hatte kurz bevor er mir begegnet war, das wohl schönste Bild vom Sonnenaufgang über Hamburg eingefangen, das ich bis heute zu sehen bekommen habe. Bei der Qualität der Kamera hatte ich mich anscheinend auch nicht getäuscht. Ein glutroter Ball hängt über der Stadt, gleißend helle Lichtstrahlen werden von den Glasfassaden der Bürogebäude reflektiert und fordern die kleinen unscheinbaren Wellen der Elbe zum Tanz auf. Man erkennt es nur, wenn man genau hinsieht.

Auf der Kaimauer zeichnen sich die Umrisse einer Person ab, die scheinbar lässig an das Geländer gelehnt dort sitzt und scheinbar locker eine Zigarette in ihrer rechten Hand hält. Scheinbar das Spektakel bewundert. Scheinbar einfach den Moment genießt.

Scheinbar schöne Welt.

Ist es das Wert?

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Hirnstürmen.

Nachdem ich schon eine ganze Weile am Überlegen bin, über welches Thema ich in meinem nächsten Blogartikel schreiben möchte und irgendwie zwischen Rückkehr in den „Alltag“, wenn wir ihn denn so nennen können, die Wiederaufnahme meiner Jobs und allem, was da so mit dran hängt, noch nicht wirklich entscheidungsfreudig war, wurde mir unerwartet erfreulicherweise etwas auf die Sprünge geholfen. Eine Fragestellung in einem Modul meines Studiums, die sich mit Werten beschäftigt. Ich möchte einige meiner Gedanken zu diesem Thema heute mit euch teilen. Dieser Beitrag wird vermutlich nicht so strukturiert sein wie manch anderer bisher. Ich habe einfach mal drauf los geschrieben. Wenn man sich erst mal mit einem bestimmten Thema beschäftigt, schneidet unser Gehirn dabei so viele andere an, dass eins zum anderen kommt und schwupps, ist man vielleicht doch ganz wo anders gelandet. Das hier ist wie ein kleines Brainstorming, bei dem mir viele Ideen für künftige Artikel gekommen sind, die ich im Folgenden zwar erwähne, ihnen aber nicht annähernd die Aufmerksamkeit widme, die ihnen zusteht.

Unsere eigenen Werte vs. die Werte unserer Gesellschaft…

Was bedeutet es, selbstbestimmt zu leben?

Was ist normal? Sollten wir dieses Wort nicht vielleicht lieber aus unserem Sprachgebrauch streichen?

Anders als was? Können wir einfach nur „anders“ sagen?

Die Verbindung zwischen „normal“ und „anders“…

Brauchen wir eine neue Philosophie des Scheiterns?

Welchen Einfluss haben unterschiedliche Definitionen von Erfolg auf unsere Lebensqualität und unser Glück?

Welche Rolle spielt Resilienz als Ressource beim Umgang und Leben mit psychischen Erkrankungen?

…mehr als genug Stoff für die nächsten Artikel. Input und Anregungen von euch sind wie immer gerne gesehen!

Ist normal Mehrwert als anders?

Für das Individuum in unserer Gesellschaft wird es zunehmend schwerer, seine ganz persönlichen Werte zu definieren. Was ist MIR wirklich wichtig? Nach welchen Werten möchte ICH leben? Passen die Werte, die uns die Gesellschaft vorzuleben scheint, zu unseren Werten oder sind sie vielleicht meilenweit davon entfernt? Es passiert schnell, dass wir unser Leben an Werten ausrichten, die den unseren überhaupt nicht entsprechen oder vielleicht genau das Gegenteil von ihnen sind.

Und dann fragen wir uns, warum wir nicht glücklich sind oder das Gefühl haben, nicht selbstbestimmt zu leben.

Wenn das alle (oder zumindest die meisten) so machen, wenn man „das halt so macht“, muss ich das dann nicht auch so machen? Seinen eigenen authentischen Weg zu gehen, der sich vielleicht in jeglicher Hinsicht von dem unserer Mitmenschen abhebt und nicht zwangsläufig auf Verständnis stößt, der eben irgendwie „anders“ ist („anders“ als was? Gäbe es keine Norm, gäbe es das Wörtchen „normal“ nicht, würden wir dann überhaupt von „anders“ sprechen können? Kann man „anders“ überhaupt benutzen ohne ein sich anschließendes „als“ und eine darauf folgende Spezifizierung? Vermutlich könnte man ganze Bücher mit einer philosophischen Betrachtung dieses Wortes füllen…), unkonventionell, nicht „normal“ (oder vielmehr „nicht der Norm entsprechend“?) erfordert Mut und Durchhaltevermögen. Die Schwierigkeit besteht vermutlich darin, dass dies im Konflikt mit einem unserer Grundbedürfnisse als Mensch stehen kann: Dem tief in uns verankerten Bedürfnis nach Anerkennung und Zugehörigkeit. Dem Bedürfnis, geliebt zu werden.

Extrinsisch vs. intrinsisch

Denn wenn wir „unser eigenes Ding“ machen, entgegen aller Meinungen von Außen und entgegen etwaiger Widerstände und Kritik, stoßen wir nicht selten auf Ablehnung oder vielleicht auch Ab“wertung“. Anerkennung im Außen als Motivation oder Antrieb, weiterzumachen, fallen plötzlich weg. Und die einzigen, die uns das noch geben können, sind letzten Endes einzig und allein wir selbst. Um unsere Überzeugung, dass das, was wir machen, genau so genau richtig für uns ist, wirklich leben und voll und ganz hinter unseren Werten und deren Vertretung stehen zu können, setzt allerdings voraus, dass wir tatsächlich aus unserem tiefsten Inneren überzeugt sind

Krank halt.

Wenn ich die Fragestellung auf die Texte für meinen Blog beziehe, dann sind es Dinge wie Entstigmatisierung, Authentizität, Verständnis und Ehrlichkeit, die ich bewirken oder an meine Leser*innen vermitteln möchte. Und diese Werte natürlich auch selbst vertrete. Toleranz und Akzeptanz in unserer Gesellschaft. Die Akzeptanz von Menschen, die aufgrund psychischer Erkrankungen anders „funktionieren“ als psychisch gesunde Menschen. Die andere Voraussetzungen für das alltägliche Leben haben. Vor anderen Herausforderungen stehen. Verständnis. Dafür, dass psychische Erkrankungen eben so als Erkrankung anerkannt werden wie physische Krankheiten. Und nicht als Charakterschwäche oder dergleichen gesehen und die Betroffenen in der Konsequenz diskriminiert werden.

So wie du es tust.

Losgelöst von dieser Thematik möchte ich in meinen Texten ebenso Werte wie Authentizität, Individualität, Selbstwertgefühl, Achtsamkeit, Ehrlichkeit, Zwischenmenschlichkeit und Mut vermitteln. Mut, wir selbst zu sein. Mut zum Nicht-perfekt-sein. Mut, nicht immer zu funktionieren. Mut, unser Leben nach unseren ganz eigenen Vorstellungen zu gestalten und zu leben. Mut, eine Meinung zu den Dingen zu haben. Unsere individuelle Sicht auf die Welt. Die Welt mit eigenen Augen zu sehen. Nicht schweigend hinnehmen, sondern sagen, was wir zu sagen haben. Uns nicht durch den Gedanken, dass etwas doch schon so oft von so vielen anderen Menschen getan wurde, davon abhalten lassen, es trotzdem zu tun. Denn egal, wie viele Menschen schon wie viele Dinge vor uns getan haben oder jeden Tag tun…keiner tut es so wie wir es tun.

Rebellion der Seele?

Wenn Charaktereigenschaften wie Ehrlichkeit und Authentizität als Werte gesehen werden können, so kann es sicher auch Resilienz, der Fachbegriff für die psychische Widerstandskraft des Menschen. Sehr empfehlen kann ich an dieser Stelle das Buch „Resilienz – Das Geheimnis der psychischen Widerstandskraft – Was uns stark macht gegen Stress, Depressionen und Burn-Out“ der Wissenschaftsjournalistin und Autorin Christina Berndt, die sich seit vielen Jahren mit dieser Thematik beschäftigt. Ich persönlich sehe Resilienz als eine der erstrebenswertesten Eigenschaften, die wir uns als Menschen aneignen und erlernen können. Im Idealfall gepaart mit einer neuen Philosophie des Scheiterns und unserer ganz persönlichen und individuellen Definition von Erfolg und Glück. Scheitern nicht als Schwäche, sondern als unabdingbaren Teil des großen Ganzen zu sehen. Als Zwischenstopps auf unserem Weg. Vielleicht kommen wir irgendwann zu der Erkenntnis, dass es nicht darum geht, möglichst schnell anzukommen, sondern darum, das Unterwegssein genießen und bewusst wahrnehmen zu können.

Dass es vielleicht nicht darum geht, nie zu fallen, nie zu scheitern, nie zu verzweifeln.

Dass es vielleicht darum geht, immer wieder aufzustehen.

Dass wir uns vielleicht von jedem Sturz erholen und die Wunden heilen können.

Dass wir diese Fähigkeit vielleicht mit jedem Hinfallen trainieren können wie einen Muskel beim Sport.

Vielleicht will richtig Hinfallen nämlich auch gelernt sein.

…dort steht sie wieder auf

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

So vertraut und doch so fremd.

Mit dem stündlichen Auf und Ab, einem Wechselwhirlpool der Gefühle, der mich dort erwartet, hatte ich trotzdem nicht gerechnet. Und die Wucht, mit der mich die Realität plötzlich trifft, liegt nicht an der viel offensichtlicheren Anwesenheit der Krise durch die Massen von Menschen mit Mundschutz auf den Straßen und die immer noch leeren Klopapierregale bei Rewe. Schon auf dem Weg zu meiner Wohnung fühlt sich mein sonst so geliebter Stadtteil irgendwie fremd an. Es kommt mir alles so paradox vor. Der Frühling zeigt sich von seiner schönsten Seite, die Straßen und Plätze sind voller als je zuvor, die Leute drängen sich über die engen Fußgängerwege oder sitzen in großen Gruppen mit Kaffee-to-go-Bechern auf Bänken und Bürgersteigen, Abstand hält da kaum jemand. Und gleichzeitig trägt im Supermarkt jeder Mundschutz und als ich in Gedanken versunken zu nah an einer Oma vorbeilaufe, pöbelt sie mich direkt an. Ich fühle einen ständigen Wechsel zwischen „Eigentlich ist doch alle ganz normal und wieder okay. Was für ein schöner Tag!“ und „Irgendwas stimmt hier ganz und gar nicht. Smells like Apokalypse now.“. Ich habe das Gefühl, durch mein Rumlatschen auf der Straße zu einem illusorischen Gefühl von Normalität beizutragen, fühle mich unwohl und merke eine zunehmende Aggression in mir aufsteigen, als ich merke, dass Ausweichen hier unmöglich ist und ich und die doofe Oma anscheinend die einzigen sind, die das überhaupt erst versuchen.

Nur eine Frage des Winkels?

Meine Wohnung ist die gleiche und sie ist immer noch gleich schön. Und trotzdem ist alles andere anders. Mein Alltag ist nicht mehr da. Keine Struktur. Und damit meine ich am wenigsten meinen aktuell nicht mehr existenten Job. Ich schlafe schlecht und wache morgens mit dem wohl vertrauten Gefühl der Bedrückung und Herzklopfen auf. Starre aus dem Fenster auf die Kräne am Hafen und kann nicht aufstehen. Also bleibe ich liegen. Eine Stunde, zwei. Dobby macht seinen Job mal wieder nicht und die Sucht verpasst mir irgendwann den nötigen Arschtritt, um wenigstens eine Portion schwarzes Lebenselixir zu mir zu nehmen, kombiniert mit einer Ladung schwarzem Todeselixir, weil ich irgendwie seit ein paar Tagen wieder rauche. Nicht so viel. Irgendwie hilft es. Auf RTL.de habe ich letztens gelesen, dass Rauchen gegen Corona helfen soll. Die Quelle ist mir egal. Solange sie mir die gewünschte Absolution erteilt, die ich in diesem Moment will. Ich lege mich wieder ins Bett und liege dort weitere zwei Stunden. Vielleicht auch drei. Die Kräne am Hafen recken mit eisernem Willen würdevoll ihre stählernen Hälse gen Himmel, wie sie das seit jeher tun. Doch etwas irritiert mich an dem Bild. Dann fällt mir auf, dass einige von ihnen nur auf halber Höhe über dem Wasser schweben. Die einlaufenden Containerriesen sind ungewöhnlich leer. Wo es nichts zu entladen gibt, braucht es auch keine Kräne. Der sonst so beruhigend und stetig brummende Sound des größten Hafen Deutschlands verliert den Kampf gegen die aufkommenden Brise, bevor er wie gewohnt die Fenster meines Schlafzimmers erreichen und mir ein muckelig maritimes Gefühl von „gut aufgehoben sein“ vermitteln kann.

Das Bild der Kräne in dieser seltsamen Position beunruhigt mich bedeutend mehr als leere Klopapierregale. Es sieht einfach nicht richtig aus.

Morgen ist auch noch ein Tag.

Die nächsten Tage treffe ich drei meiner besten Freunde, auf die ich den Kontakt beschränkt habe. Das tut unfassbar gut. Meine Stimmung wechselt stündlich und es ist unfassbar anstrengend. Sie alle wissen seit Jahren um meine Krankheit. Kennen meine Auf’s und Ab’s. Haben mich in diversen Phasen schon erlebt. Waren überfordert. Haben gelernt, damit umzugehen. Sind für mich da. An dem Tag, an dem das Aufstehen so schwer fällt, sage ich meinem Kumpel kurzfristig ab. Überhaupt nicht meine Art. Normalerweise die Zuverlässigkeit in Person. Aber nicht in depressiven Phasen. Ich entschuldige mich und er versteht. Keine Vorwürfe. Einfach nur das Angebot, dass er da ist, wenn ich reden möchte. Und dass morgen auch noch ein Tag ist. Ob er für mich kochen soll abends. Ich möchte lieber alleine sein heute Abend. Ich bin erleichtert. Irgendwann nehme ich meinen ganzen Willen zusammen, stehe auf und mache einen langen Spaziergang, nur mit Hund, an der Elbe. Laufe bis mir die Füße weh tun. Spreche kein Wort, gehe nicht an mein Handy. Es geht mir stündlich besser. So viel besser, dass ich mich entscheide, meiner Freundin am Abend doch nicht abzusagen. Die richtige Entscheidung. Wir holen die letzten zwei Monate nach und quatschen und lachen, bis uns die Tränen kommen. Später liege ich unfassbar erschöpft genau so unbeweglich in meinem Bett wie am Morgen und studiere stundenlang die Raufasertapete an der Wand neben mir. Erstaunlich, wie fein säuberlich sich die verschiedenen Abschnitte lückenlos aneinanderreihen. Eine tiefe Traurigkeit überkommt mich.

In guten wie in schlechten Zeiten.

Zum ersten Mal seit der Diagnose bin ich mit der Situation konfrontiert, nicht mehr „alleine“, sondern in einer Beziehung zu sein. Verliebt bis über beide Ohren. Ich mache es so wie bisher und ziehe mich zurück, in der Hoffnung, dass mein Partner nicht so viel davon mitbekommt. Möchte nicht, dass er mich so sieht oder erlebt. In dieser Phase, in der ich nicht ich selbst bin und von meinem eigentlichen Wesen so weit entfernt, dass ich mich selbst kaum wiedererkenne. Das Gefühl habe, mich und den Kontakt zu meinem Selbst komplett zu verlieren. Fühle mich der Situation nicht gewachsen, all das plötzlich mitzuteilen und zu erklären, was da gerade in mir vorgeht. Gehe davon aus, dass diese stündlichen Wechsel von Außen nicht nachvollziehbar sind, wo ich doch selbst kaum mehr folgen kann. Womit ich Recht haben könnte. Behalte es lieber für mich, melde mich lieber ein bisschen weniger. Muss einsehen, dass eine Beziehung so nicht funktioniert. Dass ich meine Gefühls- und Gedankenwelt teilen und erklären muss, damit ich verstanden werde. Dass ich nicht erwarten kann, dass mein Gegenüber das riecht oder in meinen Kopf schauen kann. Zulassen, dass jemand für mich da sein möchte. All meine alten Ängste, dem anderen zu viel, eine Belastung, keine gute Gesellschaft, unzumutbar zu sein, hinter mir lassen. Auch wenn sie vor langer Zeit schon mal Wirklichkeit wurden. Verinnerlichen, dass dieser eine besondere Mensch anders ist. Dass er für mich da ist, egal in welcher Phase ich mich gerade befinde. Mich mit all meinen Seiten, Eigenschaften und Fehlern liebt. Nicht nur die guten, einfachen und unkomplizierten Zeiten mit mir teilen möchte. Sondern auch die dunklen und schweren. Darauf vertrauen, dass Liebe so etwas kann und dass es das aushält.

Chaos.

Der nächste Morgen. Ich gehe mit dem Freund, dem ich am Tag zuvor abgesagt hatte, im Wald spazieren. Es ist sommerlich warm, ein paar Frauen tragen Kleider, es riecht nach feuchtem Moos und der Boden knackt leise unter den Füßen. Aber es ist völlig überlaufen. Mir zu viel. Ich würde mich eigentlich gerne mit ihm austauschen, aber irgendwie ist mir das Sprechen zu anstrengend. Ich entschuldige mich und er sagt, dass ich nichts sagen muss und mich einfach über die Gesellschaft freuen soll. Ich entspanne mich. Wir laufen schweigend nebenher und manchmal erzählt er etwas, über das ich lachen muss. Als ich später zu Hause bin, habe ich einen neuen Brief vom Jobcenter im Briefkasten mit der Aufforderung, weitere Unterlagen nachzureichen. Sofort steigt wieder Panik in mir hoch. Allein der Gedanke, auch nur eine einzige Unterlage zu beschaffen geschweige denn einen Brief zur Post zu bringen, überfordert mich gerade bis ins Unermessliche. Ich treffe meine beste Freundin zum Eisessen und ihre Anwesenheit lenkt mich ab. Meine Wohnung sieht furchtbar aus. Dreckiges Geschirr und Pfandflaschen stapeln sich in Küche und Flur, während in meinem Zimmer großflächig mein Koffer und dessen Inhalt verteilt sind. Wenigstens sind es alkoholfreie Bierflaschen. Ich mache einfach das Licht aus, dann ist es dunkel und ich sehe das Chaos nicht. Aber das Chaos in meinem Kopf kann ich nicht einfach ausschalten. Ich liege stundenlang wach und höre meinem Herz beim Rasen zu.

Tapetentalent.

Es ist Sonntag. Selbst wenn ich aufstehen könnte, ich will nicht. Nicht mal für den Kaffee reicht es heute. Ich bleibe liegen. Das muss wirklich ein begnadeter Rausfasertapetenkünstler gewesen sein. In meinem Zimmer wird es immer dunkler. Draußen knallt die Sonne von einem tiefblauen Himmel. Ich sage meiner besten Freundin für den Abend ab. Kann jetzt keine Gesellschaft haben. Fange an, mich zu erklären. Sie unterbricht mich und sagt, dass alles gut ist. Und dass sie es weiß. Dass morgen auch noch ein Tag ist. Und dass sie jederzeit trotzdem kommt, sollte ich meine Meinung nochmal ändern. An Kochen ist nicht zu denken, an Einkaufen schon gar nicht. Zum Pizzabestellen müsste ich aufstehen und den Laptop anmachen. Kann mich nicht entscheiden. Hab auch keinen Hunger. Ich weiß aber, dass ich etwas essen muss.

Und wenn es nur der kleine Finger wäre…

Montag. Das Aufstehen geht eigentlich. Kaffee läuft auch. Gar nicht so schlecht. Jetzt geht’s bergauf! Ich gehe lange an der Elbe spazieren, höre gute Musik und fühle mich schon wieder sehr viel mehr zu Hause hier. Als ich wieder zu Hause bin, überlege ich gerade, was ich für abends, wenn meine beste Freundin kommt, doch gleich noch einkaufen wollte. Mein Gehirn ist wie ein Sieb zur Zeit. Wie ein Schlag in die Fresse haut mich aus dem Nichts eine abgrundtiefe Traurigkeit einfach um. Ich lege mich ins Bett und freue mich schon fast über die Tränen, die sie endlich hervorbringt und das Gefühl der lethargischen Leere verdrängt. Da ist sie wieder. Die Schockstarre. Ich weiß nicht, wie lange ich so da liege und nicht mal meinen kleinen Finger bewege. Es müssten ein paar Stunden sein, denn ich komme mittags wieder und um sechs Uhr abends klingelt meine beste Freundin an der Tür. Ich zwinge mich hoch und meine Stimme an der Gegensprechanlage reicht aus, damit sie Bescheid weiß. Hochkommt, obwohl ich eigentlich für einen Spaziergang runterkommen sollte. So sehr ich mich in diesen Akutphasen meistens einfach nur vom Rest der Welt verstecken und es einfach alleine durchstehen möchte, so froh und dankbar bin ich, dass sie genau jetzt da ist. Dass da überhaupt jemand ist.

Sie nimmt mich in den Arm und ich schaffe es, gleichzeitig ihr T-Shirt vollzurotzen und es direkt im Anschluss fast mit der Asche von meiner Kippe in Flammen zu setzen. Mittlerweile heule und lache ich gleichzeitig. Auch interessant. Sie lacht mit mir.

Auch im Tandem kann man springen.

Nachdem sie uns bei unserem Lieblingsvietnamesen was zu essen geholt hat, weil ich nicht mehr raus möchte, liegen wir satt in meinem Bett, ich in ihrem Schoß, wir rauchen, quatschen und lachen und sie krault mir stundenlang den Kopf. Ich bin erschöpft und plötzlich ganz ruhig. Ich höre auf, gegen den emotionalen Schleudergang anzukämpfen, in dem ich mich seit ein paar Tagen befinde. Auch ihm wird irgendwann die Puste ausgehen, das weiß ich. Und sobald das der Fall ist, kann ich wieder auftanken, es wird mir wieder besser gehen und ich kann mir ein paar Reserven anlegen. Für den nächsten Schleudergang.

Auch wenn es manchmal nicht ganz so offensichtlich ist, so lerne ich doch durch jede neue Phase dazu. Ganz ohne verkrampften oder zwanghaften Optimismus.

Ganz egal wie oft und tief ich noch falle, ich weiß, ich werde immer wieder aufstehen.

Ich weiß, dass ich das alleine schaffe.

Aber ich weiß mittlerweile auch, dass ich das gar nicht alles alleine schaffen muss. Dass ich mich darauf verlassen kann, dass da immer eine Hand sein wird, nach der ich greifen kann, wenn alle Stricke reißen.

Dass auch in der Welt da draußen Platz für mich ist.

Ganz egal, ob ich gerade falle oder fliege.

Wo die Hoffnung hinfällt…

Ich kann es echt nicht fassen, dass mein letzter Eintrag schon wieder über zwei Wochen her ist. Die Welt steht still, wenn auch schon etwas weniger still als noch vor zwei Wochen. Auch meine Inspiration und Motivation zum Schreiben standen still. Dabei hatte ich doch eigentlich so viel Zeit. Zeit, die gefühlt rast wie selten zuvor.

Eine Zeit, die gerade keine einfache ist. Wie über Nacht kippte meine Stimmung plötzlich ins Gegenteil und fuhr all meine Euphorie, den Optimismus und die Gelassenheit der letzten Wochen ohne jegliche Vorwarnung gegen die Wand. Bumm.

Shitstorm ohne Klopapier

Da es dieses Mal keinerlei Frühwarnzeichen gab, auf die ich hätte reagieren können, überraschte mich der Shitstorm dieses Mal ohne eingepackten Regenschirm oder Klopapier. Gibt’s eh immer noch nicht bei dem Supermarkt vor meiner Tür. Wie immer wollte ich erstmal herausfinden, ob es denn überhaupt einen Auslöser gab oder ob die Welle einfach so herangerollt gekommen war. Wie sie das so oft tut. Wellen entstehen ja schließlich auch einfach so mal ohne dass ein großes Schiff heranschippert oder ein Stein ins Wasser geworfen wird. Oder nicht? Gibt es vielleicht immer einen Auslöser? Das könnte man mal rausfinden.

Auch wenn ich die aktuelle Situation die letzten Wochen nicht verleugnet hatte, so habe ich sie doch definitiv ab und zu einfach verdrängt. Und dazu musste ich mich nicht mal wirklich anstrengen, denn es gab andere Dinge in meinem Leben, die es ohne mein Zutun geschafft hatten, Sorgen, Ängste und Ohnmachtsgefühle vorerst auf’s Abstellgleis zu befördern oder sogar gar nicht erst aufkommen zu lassen. Wenn sie sich dann doch mal an meine Fersen hefteten, gelang es mir bis dato immer, trotz allem positiv zu bleiben. Auch wenn alles gerade, wenn ich mal ganz ehrlich zu mir selbst war, eigentlich einfach ganz schön beschissen war. Trotzdem noch das kleinste positive Detail im großen Ganzen zu finden. Ich erinnere an das goldene Maiskorn im Kackehaufen: https://tanzzwischendenpolen.com/2020/03/23/blogartikelreihe-psychisch-krank-in-zeiten-von-corona-teil-2/. Ob nun ein automatischer Selbstschutzmechanismus des Geistes oder tatsächlich eine authentische Annahme und Akzeptanz der prekären Lage, ich ging der ein oder anderen Freundin durch meinen grenzenlosen Optimismus in den letzten Wochen glaube ich ganz schön auf den Sack. Mir selbst irgendwie gar nicht. Eine von ihnen meinte, dass sie sich einfach gerade nicht mehr einreden will, dass ja alles auch was Positives hat. Ich verstand sie in dem Moment nicht, weil ich der Meinung war, dass es völlig in Ordnung sei, sich auch mal für eine Weile etwas schön zu reden. Sofern es einem damit besser ging, versteht sich. Sie war damals schon an einem Punkt, den ich etwas später erreichen sollte. Jetzt.

Eine andere gute Freundin sagte zu mir, dass positives Denken nur so lange gesund sei, wie eine gewisse Leichtigkeit herrsche. Keine Zwanghaftigkeit. Wie Recht sie hat.

Lief bei mir.

Ich denke, es fing damit an, dass ich seit sechs Wochen auf die Bewilligung meiner Leistungen vom Jobcenter wartete. Über Geld redet man nicht, schon gar nicht auf einer öffentlichen Plattform, zu der jeder Zutritt hat? Finde ich nicht. Da unser Chef direkt im März Kurzarbeit für uns angemeldet hatte und ich normalerweise sowieso schon Teilzeit arbeite, das gesamte Trinkgeld und auch die drei Hunde, mit denen ich mir sonst auch noch einiges an Geld dazu verdiene, auf einmal wegfielen, reichten die 60 % meines bisherigen Gehalts natürlich vorne und hinten nicht aus. Nach meiner letzten Begegnung mit dem Jobcenter, als ich zusätzlich zu meinem Krankengeld vor, während und nach meinem Klinikaufenthalt 2017 bis Anfang 2018, Sozialleistungen hatte beantragen müssen, hatte ich gehofft, mich damit nicht mehr so bald beschäftigen zu müssen. Es hatte eine ganze Weile gedauert, bis ich mich diesbezüglich finanziell wieder gut aufgestellt hatte. Alles parallel zur gesundheitlichen Wiederaufstellung. Erst vor ein paar Monaten war endlich der Punkt erreicht, an dem eigentlich alles lief und passte: Teilzeitjob im Café plus gutes Trinkgeld, ein gelegentlicher Minijob auf Veranstaltungen und das Ausführen von drei Hunden, nebenher mein Studium. Auch wenn ich immer noch nur einen verschwindend kleinen Teil von den Gehältern in meinem Umfeld verdiente, zur Verfügung hatte, für mich war es so viel wie schon seit Langem nicht mehr. Da ich mich an das Wenige gewöhnt und meinen Lebensstil über die Zeit dementsprechend angepasst hatte, war es mehr als genug. Ich musste mir endlich keine Sorgen mehr machen, keine Preise mehr bei Penny vergleichen und war mehr als zufrieden und glücklich damit. Ich brauche nicht viel. Konnte sogar immer wieder was zur Seite legen. Für einen Urlaub, der nicht stattfinden würde.

Bürokratie, du Bitch.

Denn dann kam Corona. Alle drei Jobs auf einmal weg. Das Konstrukt, dessen Aufbau so viel Zeit gebraucht und mich vor allem in schlechteren Phasen überdurchschnittlich viel Energie gekostet hatte, innerhalb von einem Tag in sich zusammengefallen. Tja. So schnell kann das mal gehen. Und obwohl ich weiß, dass es so unfassbar vielen Menschen gerade ähnlich oder genau so geht und ich sehr dankbar und froh bin, dass diese Sorgen und Auswirkungen nicht noch existenzieller sind, wie beispielsweise durch einen eigenen Laden, ist das schon auch trotzdem heftig kacke.

Das äußerst zuvorkommende Jobcenter hatte vor sechs Wochen mit vereinfachten und unbürokratischen Anträgen zu Beginn der Krise geworben. Ich glaube, ich habe noch nie Unbürokratischeres erlebt. Über Wochen hinweg bekam ich regelmäßig Briefe mit diversen Aufforderungen zur Nachreichung von Unterlagen, von denen anfangs nie die Rede gewesen war. Der neue Monat kam, die Miete wurde fällig, Essen wäre auch nett. Ja, ich habe das Glück, Familie und Freunde zu haben, die mich im Notfall immer unterstützen würden. Nicht nur mental, sondern auch finanziell. Ein Luxus, den nicht jeder hat und den ich über alle Maßen zu schätzen weiß. Für den ich sehr sehr dankbar bin. Und ich weiß von vielen anderen Betroffenen, die gerade, auch nach jahrelanger Selbstständig- und Unabhängigkeit plötzlich wieder darauf angewiesen sind. Auch Menschen jenseits der 30 oder 40. Erwachsene Menschen, die bis jetzt mit beiden Beinen im (Berufs-) Leben standen. Und trotzdem ist es kein gutes Gefühl. Exponentiell schlechter wird das Gefühl, wenn Woche um Woche trotz täglichen Anrufen und der dringlichen Bitte nach Priorisierung des Antrages aufgrund nicht mehr gewährleisteter Sicherung des Lebensunterhalts immer noch kein Geld auf dem Konto ist. Freunde und Bekannte von mir warteten teilweise noch länger auf spezielle Corona-Schutz-Schirme oder dergleichen. Von wegen Soforthilfe. Da mögen jetzt Stimmen laut werden, dass wir mal dankbar und froh sein sollen, in einem Sozialstaat wie Deutschland zu leben und dass es in anderen Ländern ganz anders aussähe. Das ist sicher richtig. Trotzdem fühlt man sich in einer solchen Situation dann doch ganz schön alleine gelassen. Und zwar zu Recht.

Ich sehe was, was du nicht siehst und das sind meine Bedürfnisse.

Ich habe Jahre gebraucht, um zu verstehen und zu akzeptieren, dass manche Dinge, die psychisch stabile und gesunde Menschen locker wegstecken mögen, für mich Stressoren sind, die Krankheitsphasen, in diesem Zusammenhang vor allem depressive, auslösen können. Die Liste ist lang. Das können Überarbeitung und zu starke Belastung über einen längeren Zeitraum, zu wenig Zeit und Ruhe für mich, sozialer Overload, Hektik, Lärm und diverse andere Überstimulation, zu schnelle und zu viele Ortswechsel, Disharmonie in zwischenmenschlichen Beziehungen, fehlende Tagesstruktur, zu wenig Bewegung, unregelmäßig und zu wenig essen, schlechter oder zu wenig Schlaf sein. Existenzielle und finanzielle Sorgen sind ganz vorne mit dabei und ich kenne das bereits aus der Vergangenheit.

Stress mich nicht!

Die Forschung, die sich mit den Ursachen für bipolare Störungen beschäftigt, behandelt verschiedene Bereiche, unter Anderem: Genetische Faktoren, Biologische Faktoren, körperliche und auf Medikamente bezogene Ursachen sowie psychosoziale Faktoren. Bei letzteren spielt Stress eine tragende Rolle. Während psychosoziale Belastung und Stress eine bipolare Störung auch erstmalig auslösen können, ist bekannt, dass bipolar erkrankte Menschen sehr viel sensibler (Anmerkung: Oft treten Hochsensibilität und bipolare Erkrankungen gemeinsam auf) auf psychosozialen Stress wie Schwierigkeiten am Arbeitsplatz, Konflikte in der Partnerschaft, Wohnungswechsel etc. reagieren (vgl. https://dgbs.de/bipolare-stoerung/ursachenhttps://dgbs.de/bipolare-stoerung/ursachen). Hier ist vor Allem auch das so genannte „Vulnerabilitäts-Stress-Modell“ zu nennen, welches ursprünglich von Bonnie Spring und Joseph Zubin auf die Schizophrenie bezogen und darauf basierend von DGBS-Mitglied Wilhelm Reher auf das Feld der bipolaren Störung ausgeweitet und entsprechend modifiziert wurde. Das Modell macht deutlich, wie äußere psychische Belastungen oder Stress als äußere Faktoren gepaart mit einer gewissen Vulnerabilität (Verletzlichkeit, erworben oder angeboren) das (Wieder-)Auftreten von Krankheitsepisoden begünstigen kann. Für Interessierte, Betroffene oder Angehörige lohnt es sich auf jeden Fall, dieses Modell einmal anzuschauen: https://dgbs.de/fileadmin/cust/dgbs-materialien/VS_Modell_Reher.pdf

Die Anderen…

Obwohl ich um den enormen Einfluss solcher Stressoren auf das Krankheitsbild der bipolaren Störung weiß und mich mittlerweile vor allem aus persönlicher Erfahrung bestens mit dieser Thematik auskenne, vergleiche ich mich in solchen Situationen trotzdem immer noch mit psychisch komplett gesunden Menschen. Vor allem, wenn ich über einen längeren Zeitraum stabil war. Mir die Krankheit nicht jeden Tag einen Spiegel vorgehalten hat. Ich mich gut, vielleicht sogar sehr gut und völlig „normal“ gefühlt habe. Ich hadere immer wieder damit, dass mich Dinge und Ereignisse, von denen ich weiß, dass ich sie unter „normalen“ Umständen locker bewältigen könnte und schon ganz andere Dinge in meinem Leben geschafft habe, in schlechten Phasen plötzlich komplett überfordern. Dass ich sie nicht „einfach“ direkt angehe und erledige. So wie „andere Leute“. Dass ich nicht „einfach“ so diszipliniert, produktiv und organisiert bin wie „andere Leute“. Dass ich nicht „einfach“ weiter funktioniere. „Einfach“ wegstecke. „Einfach“ mache. Dass mich stattdessen eine Lethargie überfällt, die ich mir selbst als Faulheit diagnostiziere und mich dafür selbst abwerte. Was sollte es sonst sein? Ich könnte mich doch „einfach“ mal zusammenreißen. Alles Dinge, die ich selbst niemals zu einer Person sagen würde, von der ich weiß, dass sie gerade in einer Depression steckt. Aber nein, mit mir selbst bin ich lieber streng und stelle frustriert fest, dass ich mich eben nicht einfach zusammenreißen kann und rutsche dadurch immer tiefer in die depressive Abwärtsspirale der negativen Gedanken und Selbstvorwürfe.

…sind und bleiben die Anderen.

Ich weiß, der Rollstuhl ist als Beispiel langsam ausgelutscht, aber ich finde ihn einfach passend. Welcher Mensch, der im Rollstuhl sitzt oder vielleicht auch „nur“ ein gebrochenes Bein hat, würde sich ernsthaft mit einem Menschen mit zwei gesunden Beinen vergleichen und sich selbst abwerten, sich als Versager sehen, weil er die Hundert Meter nicht in der gleichen Zeit laufen kann wie der andere?

Es gibt verschiedene Formen der Lethargie. Die Lethargie, die halt mal kommt und genau so schnell auch wieder geht. Die jeder mal hat. Die gesund und auch ab und an wichtig ist. Uns zwingt, mal runter zu fahren und danach wieder voll durchstarten zu können. Und die Lethargie, die komplett von uns Besitz ergreift und zu vollkommener Lähmung und Handlungsunfähigkeit führen kann. Die depressive Lethargie. Ich kenne beide Formen. Es ist unmöglich, sie zu verwechseln.

Wo ist der Anker hin?

Nach knapp zwei Wochen im Exil an der wunderschönen Nordseeküste, meiner zweiten Heimat, menschenleeren Stränden und Wäldern, Ruhe, Natur, frischer Luft, Joggen, Fahrradfahren und gutem Essen sitze ich im Zug nach Hamburg. Meiner seit über sechs Jahren ersten Heimat. Meiner so geliebten Wahlheimat. Es ist das erste Mal in dieser gesamten Zeit, dass es mich nicht wie magisch dorthin zurück zieht. Meistens reichen nur ein paar Tage, selbst nach dem wunderschönsten Urlaub packt mich früher oder später die Sehnsucht nach dem schönen Perlchen. Ich habe meine zwischenmenschlichen Kontakte seit dem Lockdown brav auf das Mindeste reduziert und meine engsten Freunde in Hamburg seitdem nicht gesehen. Sie fehlen mir. Und ich muss ein paar wichtige Dinge organisieren. Ich steige aus dem Zug.

Und ich fühle mich komisch.

Dirty vs. Desinfected Thirty.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Es ist soweit. Ich bin offiziell Mitglied im Club der 30-er.

Und wo darf ich sitzen?

Und was soll ich sagen? Natürlich habe ich mich am Tag danach nicht anders gefühlt. Mal abgesehen davon, dass ich total vollgestopft war von all dem Kuchen und dem guten Essen und einen kleinen Sonnenbrand auf der Nase hatte von dem wunderschönen Wetter an diesem Tag. Keine Party mit über 30 Leuten in unserem Café, keine angereisten Freunde aus verschiedensten Ecken Deutschlands, vor allem nicht der Besuch aus Italien. Dafür acht Stunden Sonne satt, strahlend blauer Himmel, Blumen, Luftballons, Papas weltbester Rhabarberkuchen und Eiskaffee mit Schlagsahne, Vogelgezwitscher. Im engsten Kreis auf der Terrasse meiner Eltern, zu denen wir brav zwei Meter Abstand hielten und nur mal kurz zum Pinkeln ins Haus schlichen. Meine Schwester auf dem ipad zugeschalten. Der Blumenstrauß in Sichtweite vor ihrer Kamera, die Musik, zu der sie das Geburtstagsständchen trällerte, im Hintergrund durch ihr WG-Zimmer schallend, der Kuchen, den sie für mich gebacken hatte und zusammen mit uns verputzte, in ihrer Hand. Lautes Gelächter auf ihre Frage, wo am Tisch sie denn nun sitzen dürfe. Anfangs ein paar kurze, etwas traurige Blicke und Bedauern darüber, dass sie nicht bei uns sein konnte. Gefolgt von zwei Stunden virtuellem Miteinander, das sich nach ein paar Minuten fast so anfühlte, als würde sie tatsächlich am Tisch sitzen.

Von fast allen Freunden und Bekannten, die sich an diesem Tag bei mir meldeten, wurde ich gefragt, ob ich denn meinen Geburtstag hoffentlich trotzdem ein bisschen genießen könnte. Weil ja eigentlich alles anders geplant gewesen war. Und dieses Jahr ja alles anders wäre. Das stimmt wohl.

Anders ausgelassen

Aber auch wir sind anders. Werden gerade anders. Verändern uns, passen uns an, finden Alternativen, arrangieren uns, stellen uns um. Oder versuchen zumindest, uns umzugewöhnen. Dadurch dass wir dazu gezwungen sind, uns mit zu verändern, mag das „andere“ Leben teilweise gar nicht mehr so anders scheinen. Meine Antwort war immer die gleiche. Dass es der schönste und entspannteste Geburtstag seit Langem war. Dass der Tag schöner nicht hätte sein können. Trotz und mit allem, was eben gerade dazu gehörte. Und allem, was gerade eben fehlte. Und vielleicht war es auch gerade deswegen so schön. Weil all die Erwartungen, die ich an die eigentlich geplante Party, meine Gastgeberrolle, gelungenes Essen, ausreichend Trinken und das Wohlbefinden aller Anwesenden bestimmt gehabt hätte, sich in dem Moment, in dem klar wurde, dass nichts davon so stattfinden würde, mit einem Schlag in Luft aufgelöst hatten. Was nicht heißt, dass ich mich nicht sehr freue, wenn ich das irgendwann nachholen kann. Wenn das hier vorbei ist. Falls. Und dann, da bin ich mir sicher, wird dieses Fest an Ausgelassenheit, Freude, Liebe und Leichtigkeit nicht zu übertreffen sein. Und wenn wir noch ein Jahr darauf warten müssen. Dann werde ich halt zweimal 30. Auch schön.

Nicht nur die Party fiel aus. Die allgemein verbreitete und gefürchtete 30-er-Krise erfreulicherweise auch. Nur erfreulicherweise, nicht überraschenderweise. Natürlich machen wir uns zu bestimmten Zeiten in unserem Leben Gedanken über bestimmte Dinge. Frau in manchen Hinsichten bestimmt nochmal anders als Mann. Das ist sicher gut und auch richtig so. Vielleicht kommt die Midlife-Crisis ja noch irgendwann. Soll sie mal. Aber die Quarterlife-Crisis habe ich definitiv hinter mir.

Wenn ich erstmal 30 bin…

Wer weiß, ob uns die Erwartungen, die wir an das dritte Lebensjahrzehnt oft haben mögen, tatsächlich von der Gesellschaft suggeriert werden. Oder unserer Erziehung. Oder ob das nur eine Ausrede ist. Ob sie vielleicht doch aus uns selbst kommen. Mein Haus, mein Auto, mein Job oder wie war das noch gleich? Statussymbole, Macht, Einfluss, Wohlstand, Karriere, Erfolg? Höher, schneller, weiter, geiler, besser? Ob nun intrinsisch oder extrinsisch motiviert, was erhoffen wir uns von all dem? Sind es Attribute und Errungenschaften, die von Herzen kommen und uns mit Freude und Glück erfüllen? Oder ist es die stille Hoffnung auf Anerkennung, die uns danach streben lässt? Die uns ein Gefühl von Sicherheit gibt. Einen geschützten Raum, der uns unsere Ängste, die Illusion von Kontrolle und unsere Unvollkommenheit vergessen oder zumindest verdrängen lässt?

Ich mal mir die Welt…

Was sich für den einen gut und richtig anfühlt, Glück und Erfüllung bedeutet, mag für den anderen unwichtig und nebensächlich sein. Es scheint oft leichter, nach Werten zu streben, die offiziell anerkannt und schon seit Langem in unserer Gesellschaft akzeptiert sind. Ideale, die zu verfolgen und im besten Falle zu erreichen es uns ermöglicht, nicht zu sehr aufzufallen. Uns einzugliedern. Nicht durchs Raster zu fallen. Uns nicht rechtfertigen oder erklären zu müssen, weil wir es vielleicht anders machen. Machen wollen. Weil sich dieses System vielleicht einfach nicht stimmig anfühlt für uns. Wozu wir dieses System übrigens nicht zwangsläufig immer direkt kritisieren oder verurteilen müssen. Sondern lediglich feststellen, dass wir da halt irgendwie nicht reinpassen. Nicht, weil da kein Platz für uns wäre. Wozu wir uns nicht exotisch fühlen müssen. Sondern erkennen, dass wir uns unser eigenes Konstrukt erschaffen müssen. Eines, das unseren ganz persönlichen und eigenen Werten entspricht. Werte, die uns die Richtung weisen, in die wir gehen wollen. Werte, an denen wir unser Leben ausrichten können, um es für uns mit Sinn zu füllen und lebenswert zu machen. Werte, die uns immer wieder als Schilder an den Abzweigungen unseres Lebensweges daran erinnern, inne zu halten und uns zu fragen, ob wir noch in die richtige Richtung gehen. Manchmal sind sie leicht zu übersehen.

Ich…

…bin jetzt 30 Jahre alt.

Und ich habe kein Haus. Kein Auto. Keine Karriere, die bei karriereaffinen Menschen Eindruck schinden würde. Keine Position, in der ich Macht über andere ausüben kann. Könnte es mir nicht mal leisten, auch nur Zehner durch den Club zu schmeißen.

Dieses Haus, dieses Auto, diese Karriere, Macht und Reichtum…nichts davon wollte ich jemals, nichts davon fehlt mir in irgendeiner Art und Weise. Trotzdem gab es eine nicht allzu kurze Zeit in meinem Leben, in der ich dachte, dass mir das doch aber fehlen müsste. Und dass ich das doch eigentlich wollen müsste. Habe Dinge getan und Wege eingeschlagen, die rein theoretisch irgendwann zu diesen Zielen hätten führen können. Und mich gewundert, warum sie mich nicht glücklich machten.

Jetzt…

…bin ich 30 Jahre alt.

Nach unzähligen Höhen und Tiefen, unüberwindbar scheinenden Herausforderungen, nicht lösbar wirkenden Problemen, noch mehr Zweifeln und Rückschlägen habe ich meinen Weg gefunden. Lebe ich das Leben, das ich wirklich leben möchte. Ein Leben nach meinen ganz eigenen Werten und Vorstellungen. Ein Leben, das bei manchen Menschen auf Unverständnis stößt und mir nicht selten kritische, vielleicht auch abfällige Blicke beschert. Das in den meisten Hinsichten so gar nichts mit Auto und Karriere zu tun hat. Und auch nicht mit Macht. Sondern einem Job, der zwar nicht mein Konto mit Geld im Überfluss, dafür aber mich selbst mit Freude füllt. Und zwar jeden verdammten Tag, den ich dort hingehe. Ein Arbeitspensum, das mir so viel freie Zeit gibt, in der ich all die Dinge tun kann, die mir wirklich wichtig sind. Das so reduziert ist, dass dessen Stresslevel keine Gefahr für meine psychische Stabilität darstellt. Der Erkenntnis, dass ich an den Job, mit dem ich meinen Lebensunterhalt verdiene, nicht mehr wie früher den Anspruch habe, dass er mich voll und ganz erfüllen muss. Dass ich nicht lebe, um zu arbeiten, sondern arbeite, um zu leben. Und dass es mir reicht, wenn ich mich mit meinem Job identifizieren kann. Dass ich mich nicht über ihn definieren möchte. Dass Berufung und Beruf getrennt werden können. Dass ich meine Erfüllung und Sinnstiftung außerhalb davon erlebe.

Ein Leben

in dem ich eine gute Freundin, Schwester oder Tochter, eine gute Partnerin oder Mutter bin. In dem ich mir Zeit für die Menschen nehme, die mir wichtig sind, für sie da bin, ihnen wirklich zuhöre und sie verstehe. In dem ich bedingungslosen Rückhalt und Unterstützung erfahre. In dem Zwischenmenschlichkeit eines der höchsten Güter ist. In dem es wahre Freundschaft und tiefgehende Beziehungen gibt. Ein Leben prall gefüllt mit Liebe, Miteinander, Aufrichtigkeit und echten Emotionen. Ein Leben, in dem ich immer wieder zurück zu mir finde, egal wie schwer es auch sein mag. Ein Leben, zu dem sich irgendwann eine innere Zufriedenheit und Ruhe gesellte, die seitdem nicht mehr von meiner Seite weicht.

Ein Leben, in dem ich mich so eingerichtet habe, dass ich es trotz und mit meiner Erkrankung bestmöglich meistern und so oft und viel wie möglich genießen kann. So lange links oder rechts abgebogen bin, bis ich auf einen Weg stieß, der sich richtig anfühlte. Auf dem ich plötzlich durchatmen konnte und sich mein Rucksack, der vorher manchmal so schwer schien, auf einmal ziemlich leicht zu tragen war. Ich nicht mehr so oft stolperte. Auf dem ich mich angekommen fühlte, obwohl ich noch nicht wusste, wohin er mich wohl führen würde.

Ein Leben, das erst durch all die Höhen und Tiefen meiner Erkrankung zu dem Leben wurde, das ich nun leben darf.

Und ich bin erst 30 Jahre alt.

Einmal alles bitte.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

„Ich bin psychisch krank. Und du so?“

Eigentlich hätte ich sehr gerne mal ausprobiert, wie sich diese Information auf einem Tinderprofil macht. Direkt neben Hobbies und Lieblingseis. Einfach mal nur, um zu sehen was passiert. Aber selbst das war mir den vergeudeten Speicherplatz auf meinem Handy nicht wert. Vielleicht kann ich ja mal jemand anderen nötigen, der mir diese Sozialstudie auswertet. Wird bestimmt witzig.

Alles was zählt.

Ich würde diesen Blog nicht schreiben, wenn ich den offenen Umgang mit und die Enttabuisierung sowie Entstigmatisierung von psychischen Erkrankungen, welcher Art auch immer, in unserer Gesellschaft nicht so unglaublich wichtig und grundlegend finden würde. Ich würde nicht im Traum daran denken, meine tiefsten Tiefen und höchsten Höhenflüge frei zugänglich für jeden in einem Medium auszuschlachten, das niemals vergisst. Ich würde nicht Menschen davon erzählen, die ich gerade mal ein paar Minuten kenne. All das würde ich nicht tun, wenn ich nicht hundertprozentig hinter der Meinung stehen würde, dass hier jeder Einzelne zählt und seinen Teil zu einer größeren Akzeptanz dieses Themas beitragen kann. In vielerlei Hinsicht.

Aber es gibt Unterschiede.

Ob das lohnt?

Mit der Zeit habe ich ein ziemlich feines Gespür dafür entwickelt, wo und bei wem diese Thematik vermutlich „gut aufgehoben“ ist. Wo sie ankommt. Wo sie im besten Fall einen Mehrwert schafft und nicht nur Angst und Schrecken hinterlässt. In vielen Fällen, vor allem bei fremden Menschen, geht es mir schon lange nicht mehr darum, dass mir mein Gegenüber Verständnis, Empathie oder Akzeptanz entgegenbringt. Denn dafür brauche ich niemanden. Nicht mehr. Es geht um etwas Anderes. Es ist ein spontanes Gefühl, eine Art Intuition. Das zurückhaltende Mädchen, das letztens bei mir im Café saß und der einzige Gast war. Ihren Milchkaffee trank und Tagebuch schrieb. Wenn ich jemanden per Hand irgendwo etwas schreiben sehe, werde ich sowieso immer aufmerksam und frage mich, was diese Person da wohl gerade aufs Papier bringt. Wenn ich das Gefühl habe, dass es okay ist, frage ich auch manchmal nach. So wie an diesem Tag.

Weiß und leer und einfach da.

Sie lächelte und erzählte mir, dass sie gerade Probleme in ihrer Beziehung hatte und ihre Gedanken besser sortieren konnte, wieder einen klareren Kopf bekam, wenn sie das alles aufschrieb. Wie gut ich das kannte. Das Blatt Papier, das nicht wertet und sich alles nur Erdenkliche um die Ohren hauen lässt. Ohne sich auch nur ein einziges Mal zu beschweren. Ohne uns zu belächeln. Ohne zu zweifeln. Ohne verständnislos den Kopf zu schütteln. Ohne uns die Schuld zu geben. Ohne direkt gut gemeinte Ratschläge zu erteilen, um die wir nie gebeten haben. Ohne direkt von den eigenen Erfahrungen diesbezüglich zu erzählen. Ohne uns seine Meinung aufzudrängen. Das wie ein guter Freund einfach nur zuhört. Einfach da ist.

Nur ein kleiner Moment.

Während wir uns so über diese gemeinsame Verbindung, die Liebe zum Schreiben, austauschten, kamen wir irgendwie auf Blogs zu sprechen und ich erzählte ihr von meinem. Und so, als wenn wir uns gerade über die Zutaten unseres neuen veganen Avocadokuchens unterhielten, erzählte ich ihr, dass ich bipolar sei und vor allem darüber schrieb. Woraufhin sie mir von ihren depressiven Phasen der Vergangenheit und ihrem Klinikaufenthalt erzählte. Wie auch sie in dieser Zeit die heilsame Wirkung des Schreibens für sich entdeckt hatte. Und so standen wir da ein paar Minuten, ich hinter der Kasse am Tresen und sie auf der anderen Seite, und führten ein Gespräch, das beide von uns in dieser Tiefe mit so manch anderen Bekannten, die wir schon sehr viel länger und besser kannten, vielleicht bis heute nicht geführt haben. Einfach, weil es sich in diesem Moment stimmig anfühlte. Weil da eine Verbindung und ein Vertrauen war. Ein Gespräch von wenigen Minuten, das für den Rest des Tages ein warmes Gefühl in mir hinterließ. Sie drehte sich eine Zigarette, packte ihr Tagebuch ein und wir wünschten uns alles Gute.

Fuck Fake.

Dass Offenheit Verbindung und Vertrauen schaffen kann, ist kein Geheimnis. In den letzten Jahren habe ich vor allem in Bezug auf meine Erkrankung immer wieder eine sehr wertvolle Erfahrung gemacht. Dass wir oft erst in den Momenten, in denen wir uns ohne Angst vor Ablehnung und Kontrollverlust öffnen und uns dadurch verletzlich machen, ja, vielleicht sogar schutzlos ausliefern, Raum für echte und tiefe Verbundenheit schaffen. Dass wir unserem Gegenüber durch unsere Verletzlichkeit zeigen, dass man uns vertrauen kann. Dass wir alles andere als perfekt sind. Dass auch wir unser Päckchen zu tragen haben. Ob nun in Form einer psychischen Erkrankung oder anders. Dass genau das uns auf einer tieferen menschlichen Ebene verbindet. Dass Authentizität immer über Fake siegen wird. Dass das Leben bedeutet.

Hinter den Kulissen

In der absoluten Mehrheit der Fälle haben mir die Menschen, vor allem die, die ich nicht gut kannte, von ihren eigenen Schwierigkeiten, dunklen Zeiten oder tatsächlich auch eigenen psychischen Erkrankungen erzählt, wenn ich ihnen von meiner Krankheit erzählte. Menschen, denen man es genau so wenig ansieht, wie man es mir ansieht. Menschen, die wir vielleicht an einem unserer eigenen dunklen Tage auf der Straße lachen sehen und sie in diesem Moment darum beneiden. Nicht sehen, wie oft sich ihre eigene Welt verdunkelt. Vielleicht schon, wenn sie an diesem Tag nach Hause kommen. Wie schwer der Kampf, den Tag zu beginnen vielleicht an ihrem Morgen gewesen war. Menschen, die in jedem erdenklichen Lebensbereich erfolgreich zu sein scheinen und denen offensichtlich alles in den Schoß fällt. Wir wissen nicht, wie viele Jobs sie vielleicht aufgrund ihrer Erkrankung schon verloren haben. Menschen, die so gut und „normal“ funktionieren zu scheinen, obwohl sie jeden einzelnen Tag mit ihrer Erkrankung und all den Herausforderungen, die sie mit sich bringt, konfrontiert sind. All die Mühe, Energie und Kraft, die das Leben trotz und mit ihrer Erkrankung mit sich bringt, nicht sehen können.

Lückenlose Langeweile

Vor meiner Diagnose Ende 2017 waren es vor allem meine depressiven Phasen, die unvermeidlich auch immer einen Einfluss auf mein Berufsleben hatten. Das noch nie beständig war. Mein Lebenslauf alles andere als gerade. Definitiv nicht lückenlos. Womit ich unter bipolaren Menschen in bester Gesellschaft bin. Es wäre wohl einfacher zu fragen, welche Jobs ich noch nicht gemacht habe. Viele wunderschöne und spannende Erlebnisse, viele viele tolle Menschen, viel gelernt, viel Spaß. Aber auch viel Chaos und Durcheinander. Des Faktes, dass ich bei einem gängigen Konzern mit meinem Lebenslauf trotz Studium niemals wieder eine Chance hätte, bin ich mir bewusst. Genau so weiß ich allerdings, dass ich in einem Unternehmen, das auf diese Dinge Wert liegt, völlig fehl am Platz wäre. Dass ich noch nie für meinen Lebenslauf gelebt habe. Und es auch in Zukunft nicht tun werde. Dass ich ihn so bunt ziemlich gerne mag und mir Tabellen noch nie standen. Dass ich nur noch tue, was sich gut anfühlt. Worin ich Sinn sehe. Was mein Herz hüpfen lässt, wenn ich nur daran denke. Mittlerweile akzeptiert habe, dass alles, was mir Spaß macht und mich interessiert, mich vermutlich niemals reich machen wird. Dass mir das manchmal Angst macht. Dass diese Angst jedoch nicht groß genug ist, um meinen Weg nicht auch in Zukunft genau so weiter zu gehen.

Kein Platz für dich

Ich habe Jobs durch meine Erkrankung verloren. Zum Beispiel als ich in einer hypomanen Phase meinem Chef völlig betrunken auf der Weihnachtsfeier mal so richtig schön die Meinung gesagt habe. Die Traurigkeit hielt sich in Grenzen. Vor allem als ich am nächsten Morgen die zwei Flaschen Champagner und den Kilosack Erdnüsse entdeckt habe, die ich anscheinend noch hatte mitgehen lassen. War eh beschissen der Job. Sehr lange her. Heute kann ich darüber lachen. Meine Eltern fanden das damals nicht so witzig.

Ein Job im Restaurant. Ich wurde in der Probezeit gekündigt, nachdem ich ein paar Tage krank geschrieben war, als die schwere depressive Phase im Sommer vor der Klinik ihren Lauf nahm. Der Tag, an dem wir völlig unterbesetzt waren, ich die ganze Nacht nicht geschlafen hatte und eine Panikattacke die nächste ablöste. Für immer in mein Gedächtnis gebrannt. Wie ich vor den Gästen in Tränen ausbrach und sowohl meine Gefühle als auch mein Körper sich komplett meiner Kontrolle entzogen. Die mitleidigen Blicke.

Der Bürojob, in dem ich zwei Jahre gearbeitet habe. Mein toller Teamleiter, der gerade mal so alt wie ich und eigentlich eher ein Freund war. Wie lange ich überlegte, ob ich ihm erzählen sollte, was mit mir los war. Wiederkehrende Zusammenbrüche auf der Arbeit durch völlige Überforderung und ein absolut abgefucktes Stresslevel mir irgendwann die Entscheidung nahmen. Seine verständnisvolle Reaktion. Die prekäre Lage, in die ihn meine Offenbarung brachte. Sein Platz zwischen Menschlichkeit und Empathie auf der einen und Arbeitgeber und wirtschaftlichem Denken auf der anderen Seite. Er sprach es nicht aus. Doch es war unmissverständlich klar, dass letzten Endes nur die Zahlen zählten. Dass hier funktionierende Arbeitnehmer gebraucht wurden. Ich nahm ihm die Entscheidung ab.

Meld dich mal, wenn du angekommen bist.

Und dann ist da noch die Liebe. Über die ich heute eigentlich schreiben wollte. Bevor der Text wie so oft eine Eigendynamik entwickelt hat. Wie sagt man so schön? Go with the flow. Oder so.

Oft passiert es dann, wenn wir es am wenigsten erwarten. Zum Beispiel während der Corona-Krise. Dann ist er plötzlich da. Dieser eine Mensch. Aus dem Nichts. Und wir merken erst dann, wie sehr wir uns nach diesem einen Menschen gesehnt haben. Ohne zu wissen dass er überhaupt existiert. Wo bis jetzt Ängste und Zweifel waren ist da auf einmal eine Gewissheit, die wir mit Worten nicht erklären können. Die uns ruhig werden lässt. Uns ein Gefühl von Zuhause gibt.

Die einzige Frage, die ich noch habe, ist: Wird dieses Zuhause stabil genug sein für mich im Gesamtpaket? Mit meiner Erkrankung? Mit all meinen guten, aber auch meinen schlechten Tagen? Teillieferung ausgeschlossen. All inclusive oder gar nicht.

Mein Herz klopft schneller.

Das hier konnte ich nicht üben mit Fremden, Arbeitgebern oder Bekannten.

Ich hole tief Luft und traue mich.

„Ich bin psychisch krank.“

Und wenn wir Glück haben, ändert dieser eine kleine Satz rein gar nichts an dem Ausdruck in den Augen, die uns in diesem einen großen Moment ansehen.

Mit jeder Phase(r) unseres Körpers.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Interessanterweise habe ich seit Beginn des Jahres zum ersten Mal nicht jede Woche einen Blogartikel hochgeladen. Obwohl ich so viel Zeit habe wie schon lange nicht mehr. Ich muss schmunzeln, wenn ich an den letzten Artikel denke. Mit all den Dingen, für die wir ja jetzt endlich mal Zeit haben! Es drängt sich mir die Vermutung auf, dass es sich beim ausschlaggebenden Faktor diesbezüglich vielleicht doch nicht um fehlende Zeit handelt, wie wir so oft meinen. Oder auch als Entschuldigung nehmen. Zumindest hätten wir gerade die Zeit, mal ausgiebig über diese Frage nachzudenken.

Die Dynamik, die sich die letzten Wochen an einem selbst und dem sozialen Umfeld beobachten ließ, war spannend. Und auch ein bisschen lustig. Wir sind irgendwie so von einer in die nächste Phase geschlittert.

Zuerst, vor noch gar nicht all zu langer Zeit, die uns allerdings wie eine Ewigkeit vorkommt, war da größtenteils Ignoranz und Verleugnung. Keine Ahnung, was es mit diesem Corona-Kram auf sich hat und warum die da so ausrasten.

Fast unmerklich in die nächste Phase gestupst worden. Hm. Scheint vielleicht irgendwie doch ein bisschen größer zu sein als gedacht. Vielleicht schau ich halt doch mal ein bisschen öfter Nachrichten.

Mit bereits deutlich erhöhter Geschwindigkeit weiter in die Panikphase geknallt, mit allem was dazu gehört. Erst Sorge, dann vielleicht auch Angst. Unsicherheit. Das kann doch alles nicht wahr sein. Wie in einem schlechten Film! Dass wir das noch erleben dürfen/müssen!

Smoother Übergang in die Schockstarre. Job weg. Struktur weg. Alter Alltag weg. Vielleicht lieber mal husch raus aus dem Moloch der Metropole. Bisschen Land ist ja auch mal schön. Und die gute Luft erst, ahhh! Herrlich!

Zwei Tage später. Hm. Un nu? Wie wird es weitergehen? Und wann? Oder überhaupt?

Hier stinkt’s nach Kuhscheiße.

Warum glotzt der Nachbar denn so doof über seinen spießigen Gartenzaun?

Vorsichtshalber mal lieber in die Phase der Vermeidung stolpern. Massenweise blöde Witze reißen, die latente Verzweiflung in unserem und dem Lachen unserer Freunde gekonnt ignorieren. Uns gegenseitig mit Videos und Bildern zur aktuellen Situation überfluten. Ziemlich witzigen ehrlich gesagt.

Sich in einer ruhigen Minute vielleicht darüber bewusst werden, dass nur die darüber lachen können, die bis jetzt noch nicht unmittelbar mit der Dramatik der Situation und deren verheerenden Folgen in Kontakt gekommen ist. Wer ein Familienmitglied an dieses Virus verliert, amüsiert sich ganz sicher nicht mehr über Klopapier- und Desinfektionsmittelsatire.

Jede erdenkliche Quelle zum Thema aufsaugen.

Komplett aufhören, Nachrichten zu schauen.

Voller Motivation weiter in die Aktionismusphase, in der wir uns entweder tatsächlich über all die geschenkte Zeit zum Putzen, Aufräumen, Aussortieren, Wände streichen, Gärtnern, Stricken, Musizieren, Steuererklären und was nicht noch alles freuen oder es uns zumindest einreden, dass das alles totaaaal toll ist.

In der zweiten oder dritten Woche oder vielleicht auch schon früher feststellen, dass man jetzt eigentlich auch erstmal wieder genug getan hat und vielleicht auf manche Dinge, die man sich schon so ewig vorgenommen hatte und jetzt dank Corona ja tatsächlich auch mal Zeit dazu hätte, halt einfach trotzdem keinen Bock hat.

Ich hab ja echt schon lange nicht mehr so richtig schön gemütlich mit einem Buch und Tee auf dem Sofa gelegen…

Krass, dass man Netflix tatsächlich leerschauen kann.

Einfach mal wieder früh ins Bett und einen gesunden Schlaf-Wach-Rhythmus etablieren.

Kaffeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeee!!!

Und mal wieder so richtig schön gesund und frisch kochen. Auja. Sogar auf dem Markt einkaufen!

Geil. Pizza.

Heimlich kriechen wir in die Phase der Lethargie. Sonst wollen wir doch immer mehr Freizeit haben. Zeit zum Nichtstun. Einfach mal sein. Sich selbst finden, in Kontakt mit uns und unserem Inneren kommen. Mal so richtig schön und voller nicht wertender Achtsamkeit zu uns finden. Blaaaaaaaaa. Gähn. Wir stellen fest, dass freie Tage ihren Wert offensichtlich nicht aus anderen freien Tagen ziehen.

Ach wie schön, dass wir alle in dieser schweren Zeit näher zusammenrücken und endlich mal wieder Zeit füreinander haben! Familie ist das Wichtigste im Leben!

Einen Tag später. Lagerkoller. Alle drehen durch.

Zwei Wochen Quarantäne wird super! Ich bin so gerne für mich! Endlich hab ich mal meine Ruhe.

Drei Tage später. Mit Kuscheltier im Arm und einem halben Liter Ben&Jerry’s Cookie Dough Double Chocolate Caramel Brownie im Bett liegen, den traurigsten Film aller Zeiten schauen und sich selbst bemitleiden.

Vielleicht bemerken wir, dass wir zwar weder Sternekoch noch Bestsellerautor oder begnadete Strickliesel geworden sind, dafür aber wieder jeden Morgen die Laufschuhe schnüren, im nächsten Frankreichurlaub tatsächlich ein Bier bestellen könnten und entgegen jahrelanger Überzeugung doch keine zwei linken Hände haben! Uns darüber freuen und lieber all das sehen anstatt das, was wir vielleicht ursprünglich mit dieser Zeit vorhatten und alles nicht getan haben. Dass das gerade die falsche Zeit für Perfektionismus, Wettbewerb und selbstauferlegten Druck ist.

Dass es vielleicht auch ganz schön viel Kraft und Zeit kosten kann, sich einmal so von heute auf morgen einen komplett neuen Alltag zu schaffen und sich selbst Struktur und Halt zu geben. Ohne Außen.

Im Idealfall kommen wir in Begleitung einer schrittweisen Umstellung und Anpassung an unser momentanes und neues Leben langsam aber sicher in der Phase der Akzeptanz an. Arrangieren uns mit der neuen Situation. Nehmen an, dass wir nicht wissen, wann das alles vorbei ist. Ob es überhaupt irgendwann ganz vorbei ist. Welche langfristigen Auswirkungen es auf unser individuelles, gesellschaftliches, wirtschaftliches und politisches Leben haben wird. Wie schnell oder langsam sich all das entwickelt. Wie es weitergeht.

Schauen mit fast schon ekelerregendem unverbesserlichen Optimismus in eine Zukunft, von der wir auch vor Corona noch nie wussten, was sie bringen mag.

Lassen die Dinge auf uns zukommen.

Halten zusammen.

In dem Wissen, dass es weitergehen wird. Dass der Mensch anpassungsfähig ist.

Dass Krisen das weitaus größere Potenzial für Wachstum haben als Friede Freude Eierkuchen.

Und hoffen auf das Beste.

Blogartikelreihe: Psychisch krank in Zeiten von Corona – Teil 2

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Alles nur eine Frage der Betrachtung?

Mittlerweile kann wohl kaum jemand mehr behaupten, dass das Thema Corona spurlos an ihm vorbei geht. Jeden Tag erreichen uns neue Nachrichten, Beschränkungen, Vorsichtsmaßnahmen. Aber über die soll es hier heute nicht gehen, denn wir kennen sie alle schon auswendig. Der heutige Artikel beschränkt sich nicht auf die Situation von psychisch kranken Menschen im Speziellen, sondern auf die aktuelle mentale Verfassung von uns allen, egal ob vorbelastet oder nicht: Was macht die Coronavirus-Krise mit unserer Psyche?

Wie, du hast zwei Kinder?!

Vor allem in Zeiten wie diesen ist der Austausch mit unseren sozialen Kontakten trotz häuslicher Isolation wichtiger denn je (siehe Teil 1 der Blogartikelreihe: https://tanzzwischendenpolen.com/2020/03/18/blogartikelreihe-psychisch-krank-in-zeiten-von-corona/). Das Schöne daran ist, dass man tatsächlich endlich mal die Zeit hat, auch mit alten Freunden oder Bekannten wieder Kontakt aufzunehmen, von denen man ewig nichts gehört hat. Mal rausfinden, was die gerade so treiben, wo sie stecken und, falls man wirklich schon sehr sehr lange keinen Kontakt mehr hatte, erst mal fragen, was das Leben so mit ihnen gemacht hat in den letzten Jahren. Da erfährt man plötzlich Dinge, die man nie erwartet hätte…Nachwuchs, Hochzeiten, Scheidungen, Jobs, die man mit diesem Menschen niemals in Verbindung gebracht hätte, Wohnsitz in exotischen Ländern…das ist auf jeden Fall spannend. Und lenkt ab.

„Wie geht es dir gerade wirklich?“

Durch den regen Austausch mit meinem nahen und fernen Umfeld habe ich die letzten Tage einen ziemlich guten Eindruck bekommen, wie ähnlich wir doch alle gerade fühlen, denken und handeln. Obwohl wir in vielen anderen Hinsichten so unterschiedlich sind. Ich habe meinen Freunden und Bekannten bewusst immer wieder die Frage gestellt, wie es ihnen momentan wirklich geht, wie sie mit der Situation umgehen und sich dabei fühlen. Ob sie Angst haben. Und wenn ja, wovor. Was sie dagegen tun. Was sie versuchen, zu vermeiden. Wie ihre Gedanken dazu sind.

Auch wenn es nicht alle auf die gleiche Art und Weise zeigen oder direkt darüber sprechen, so leugnet mittlerweile kaum einer mehr ein latentes Gefühl der Sorge und Beklemmung. Selbst die „richtig harten“ Jungs, die sonst relativ unemotional und rational daher kommen, schicken über soziale Medien Tipps herum, wie man sich vor dem Virus schützen kann, die sich tatsächlich nicht in die Masse aller ironischen Memes, Videos, Bilder und Sprachnachrichten einreihen, sondern einfach ernst gemeint sind. Mal so ganz ohne Witz und Ironie. Die, die sich sonst damit brüsten, wie gerne sie doch alleine sind und wie sehr sie das genießen. Wie unabhängig sie sind und wie gut sie alleine klar kommen. Mich eingeschlossen. Hach, wie sehr wir doch in uns ruhen! Uns kann so schnell nichts umhauen, komme, was wolle! Tja. Da haben wir die Rechnung aber vielleicht ohne Corona gemacht.

Doch lieber gemeinsam als einsam?

Schon nach kürzester Zeit stellen nun nicht nur die unter uns, die Alleinesein sowieso generell schon immer kacke fanden und am liebsten in Gesellschaft sind, sondern auch eben erwähnte Teilzeit-Einzelgänger fest, dass es einen Unterschied gibt zwischen freiwilligem, selbst gewähltem Rückzug und dem fremdbestimmt auferlegten Alleinesein. Und zwar einen gewaltigen! Und damit meine ich nicht „gemeinsam einsam“, also mit Familie, Kindern, Partnern oder WG-Mitbewohnern „alleine“, sprich ohne Besuch von weiteren Personen und isoliert vom Rest des sozialen Umfelds, zu Hause zu sein. Wobei hier unbedingt erwähnt sei, dass die gemeinsame Isolation wieder andere, nicht minder herausfordernde Situationen mit sich bringt. Nur eben andere. Gemeinsam einsam ist halt einfach nicht das gleiche wie alleine einsam. Nur du. In deiner Bude. Mit deinen Gedanken. Deinen Sorgen. Deinen Ängsten. Wir alle mit der Unsicherheit, in der wir uns gerade befinden. Der Unsicherheit, die noch nie die Sicherheit war, die wir uns bisher mehr oder weniger erfolgreich eingeredet haben. Plötzlich können wir nicht mehr von ihr davon laufen und müssen ihr ins Auge sehen. Trotz unserer Angst. Und akzeptieren, dass sie unser ständiger Begleiter ist. Dass sie das schon immer war. Und auch immer bleiben wird. Dass wir eben über die meisten Dinge doch keine Kontrolle haben. Dass wir loslassen müssen, wenn wir unseren Frieden mit diesem Zustand schließen möchten.

Hunger auf Mensch!

Spätestens sobald auch der einsamste Cowboy im Freundeskreis plötzlich beiläufig erwähnt, dass er nach einer Woche Quarantäne vielleicht doch langsam durchdreht und verhältnismäßig viele, relativ inhaltsarme Nachrichten schickt, nur um den Tag über irgendwie in Kontakt zu bleiben, dürfen wir uns dann denke ich auch endlich eingestehen, dass all das okay ist. Dass wir Menschen sind und der Mensch ein soziales Wesen, das den regelmäßigen Kontakt und Austausch mit seinen Mitmenschen brauch, um sich wohlzufühlen und seine Gesundheit zu erhalten. Um sich als Teil von einem Ganzen zu fühlen. Wir müssen zwar nicht mehr physisch verhungern, wenn wir nicht Teil der Herde sind oder auf unseren Anteil am saftigen Mammutfleisch verzichten, doch wir können auch emotional verhungern. Wenn wir uns zu lange abgeschnitten fühlen vom Rest der Welt oder es tatsächlich auch sind. Dass wir uns in einem Ausnahmezustand befinden, den in dieser Form wohl noch keiner von uns erlebt hat und dass es durchaus normal und auch angebracht ist, uns damit unwohl, ängstlich und auch alleine oder gar einsam zu fühlen. Dass wir nicht an uns zweifeln müssen, weil wir all das jetzt so erleben und fühlen und plötzlich nicht mehr cool mit dem Alleinsein sind. Sondern ganz schön damit zu kämpfen haben. Dass wir es gerade weder achtsam noch unachtsam annehmen können. Und auch nicht wollen. Und dass das vor Allem eines ist: Zutiefst menschlich.

Meer ist Meer.

Wir mögen zwar in unterschiedlich ausgestatteten Schiffen oder Booten sitzen (siehe Blogartikelreihe Teil 1), und doch haben wir alle etwas gemein: Wir befinden uns gerade mitten auf dem Ozean. Um uns herum nur Wasser, egal wohin wir blicken. Nirgendwo Land in Sicht. Nur Horizont. Das ist das, was wir gerade haben und das ist auch das einzige, mit dem wir gerade arbeiten können. Das verbindet uns alle. Auch wenn es ganz bestimmt wichtig ist, anzuerkennen und zu akzeptieren, welche Dinge wir nicht im Griff haben und welche gerade schwierig sind, ist es mindestens genau so wichtig, wenn nicht sogar noch wichtiger, dass wir auch sehen und wertschätzen, auf was wir trotz allem weiterhin Einfluss nehmen können. Wenn auch vielleicht momentan anders als wir es bisher getan haben. Dass wir dem Ohnmachtsgefühl, das uns dieser Tage immer wieder überkommen mag, begegnen können, indem wir aktiv werden. Dass wir unsere Selbstwirksamkeit nicht verlieren, egal wie viele Beschränkungen, Veränderungen, Unsicherheiten und Einschnitte es in unserer Gesellschaft und unserem persönlichen Leben gerade geben mag. Dass es immer noch viele Bereiche gibt, in denen wir handlungsfähig bleiben und Einfluss nehmen können. Sollten.

Dass es sich selbst in dieser außergewöhnlichen Situation nicht anders verhält und alles in vielen Hinsichten nach wie vor eine Frage der Betrachtung ist.

Und sie ist am dampfen…

Da wir mittlerweile alle bestens darüber informiert sind, was gerade alles ganz schön scheiße läuft, sollten wir immer wieder und immer öfter versuchen, uns auf die Dinge zu konzentrieren, die wir in dieser Krise trotz Allem positiv bewerten können. Das Coole daran ist, dass etwas nicht mal unbedingt positiv sein muss, damit wir es als positiv bewerten können. Ja, es mag uns manchmal zum Hals raushängen, dieses ewige „Sieh doch mal das Gute daran!“ oder „Alles Negative hat auch immer etwas Positives!“. Oder „Mach das Beste draus!“…Ist ja alles schön und gut, aber manchmal ist etwas auch einfach so richtig lupenrein scheiße und wir haben schlicht und ergreifend keinen Bock, uns auf gut Glück und bis zum Hals in der Scheiße steckend durch eben jene zu wühlen. Auf der Suche nach dem one and only unverdauten goldenen Maiskorn, das wir vielleicht doch noch weiter verwerten könnten. Und uns damit einzureden, dass doch alles halb so wild ist.

Doch, es ist wild! Und es ist schwierig. Und es fühlt sich gerade alles seltsam an. Irgendwie surreal. Und es macht uns Angst. Und wir wissen nicht, wie es weitergeht. Oder wie lange das noch so geht. Es geht nicht darum, zu behaupten, dass das alles nur halb so wild sei. Aber es geht darum, dass sich in jeder Krise, auch in der jetzigen, immer auch etwas Positives finden lässt. Mag es noch so klein sein und mögen wir noch so lange danach suchen müssen.

Aber es ist da.

Die Entscheidung, ob wir uns auf diese kleinen Dinge konzentrieren wollen, liegt einzig und allein bei uns. Und wenn es jeden Tag nur eine Kleinigkeit ist, dann sind es am Ende der Woche schon sieben. Das heißt nicht, dass wir den Ernst der Lage nicht erkennen oder ihn schmälern oder komplett verdrängen wollen. Wir können uns jedoch ohne schlechtes Gewissen und bewusst dazu entscheiden, die positiven Dinge nach wie vor wahrzunehmen und umso mehr wertzuschätzen, auch wenn sie dieser Tage nicht so offensichtlich sind oder von anderen größer scheinenden Dingen verdrängt zu werden drohen. Ganz besonders dann.

Doch was uns bleibt…

Ja, viele von uns können gerade nicht zur Arbeit gehen. Aber wir können die freie Zeit nutzen, um Dinge zu tun, die wir schon so lange tun woll(t)en und nie dazu gekommen sind. Neben den üblichen Verdächtigen wie Steuererklärung der letzten hundert Jahre erledigen, endlich das eigene Buch schreiben, Frühjahrsputz, noch viel endlicher das Wohnzimmer streichen, richtig gut kochen, backen, stricken, was auch immer lernen und uns durch „In vier Wochen zum Sixpack“ quälen gibt es so viele Möglichkeiten, unseren neuen und mehr oder weniger ungewohnt leeren und rahmenlosen Alltag umzustrukturieren und neu zu füllen. Unserer Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Die weitaus größere Herausforderung besteht vermutlich eher darin, sich letzten Endes für ein paar wenige (und vorzugsweise realistische) unserer großartigen innovativen Ideen zu entscheiden.

Und uns zu allem Übel nicht auch selbst jetzt noch fertig zu machen, wenn wir nicht mal die Hälfte davon schaffen. Empörenderweise nicht schon zwei Tage nachdem sämtliche, über lange Zeit und vermutlich mühsam etablierte Alltagsstruktur- und routinen von einem auf den anderen Tag in sich zusammengefallen waren, einen perfekten Plan B hinlegen konnten. Ohne jegliche Anpassungsschwierigkeiten. Der Mensch ist ja schließlich kein Gewohnheitstier! Nö! Und ein Herdentier schon gleich dreimal nicht! Wir können die freie Zeit aber auch einfach mal nicht nutzen und endlich mal wieder gar nichts tun, wenn uns danach ist (https://tanzzwischendenpolen.com/2020/02/27/ja-hier-is-was-faul/). Weil wir auch dafür schon lange keine Zeit mehr hatten. Oder sie uns nicht genommen, uns nie zugestanden haben. Ausschlafen, rumgammeln, Binge-Watchen bis zum Umfallen oder Bücherlesen bis zur ausgeprägten Sehschwäche, endlich mal Zeit für so richtig gähnende Langeweile aufkommen lassen und mal schauen, was passiert. Wir können die freie Zeit mit unseren Liebsten verbringen, sie wir sonst vielleicht viel zu selten oder kurz sehen. Wenn sie denn gerade in der Nähe sind. Uns gegenseitig nochmal besser und auch ganz anders kennen lernen. Oder auch uns selbst. Näher zusammen rücken in dieser Zeit. Virtuell, wenn es nicht anders geht.

Kein Grund zur FOMO.

Und auch das mag jeder von euch vielleicht schon bis zum Erbrechen gelesen und gehört haben, aber es ist was dran: In Zeiten von FOMO (Fear of Missing Out; die Angst, etwas zu verpassen) und scheinbar grenzenlosen Möglichkeiten, Ablenkungen und Überfluss in jeglichen Hinsichten, bietet uns die aktuelle Situation eine so in unserer Generation noch nie da gewesene Chance. Die Chance, wirklich mal runter zu kommen. Es gab vermutlich noch nie so wenig zu verpassen wie aktuell in dieser Situation. COVID-19-Live-Ticker mal außen vor. Und wenn es nichts zu verpassen gibt, brauchen wir auch keine Angst davor haben, etwas zu verpassen. Wer bisher nie zur Ruhe gekommen ist und der Meinung war, das wäre ja sowieso gar nicht möglich in unserer hektischen, schnellen und konsumorientierten Welt, der könnte bald der Realität in Form eines Scherbenhaufens seiner ausrangierten Argumenten ins Auge sehen müssen. Zählt leider nicht mehr, sorry.

Die Welt, in der wir leben und wie wir sie bisher zu kennen glaubten, steht innerhalb kürzester Zeit plötzlich so gut wie still. Wir können sie nun anschreien, dass sie sich gefälligst weiterdrehen soll wie bisher, sie schubsen, treten und an ihr zerren. Daran verzweifeln.

Oder aber wir tun es ihr gleich.

Und drehen uns langsamer.

Für’s Erste.

Blogartikelreihe: Psychisch krank in Zeiten von Corona Teil 1: Soziales Leben

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Wie versprochen kommt hier auch schon das „Corona-Special“! Beim Brainstorming zu diesem Artikel sind mir so viele verschiedene Aspekte eingefallen, über die es sich zu sprechen lohnt, dass ich beschlossen habe, dass diese spezielle Situation die perfekte Gelegenheit ist, um nach einem Jahr Bloggen mal ein neues Format auszuprobieren und eine ganze Blogartikelreihe zu starten!

Da die Corona-Krise unser aller Leben gerade massiv beeinflusst und auch beeinträchtigt, werden wir uns in jedem Artikel einen einzelnen (Lebens-)Bereich vornehmen, diesen zuerst in Zusammenhang mit der aktuellen Lage bringen, sprich welche Herausforderungen, Einschränkungen und Probleme er eventuell mit sich bringt, um uns danach verschiedene Strategien und Möglichkeiten zu einem bestmöglichen Umgang damit anschauen. Bei den Bereichen, in denen es meiner Meinung nach einen bedeutenden Unterschied bezüglich Problematik und Umgang zwischen psychisch gesunden und psychisch kranken Menschen gibt, werde ich darauf eingehen und versuchen, euch möglichst viele Inspirationen, Tipps und Ideen zu geben, die mir persönlich gerade helfen und von denen vielleicht auch andere Betroffene profitieren können.

Um hier nicht für Unmut und Empörung zu sorgen, möchte ich direkt zu Beginn nochmal betonen, dass die Intention, die hinter diesem Artikel steht, nicht die Ansicht ist, dass die aktuelle Situation nicht auch für die psychisch gesunden und stabilen unter uns eine genau so große Belastung ist. Wir sitzen alle in einem Boot. Doch während psychisch gesunde Menschen in einem recht großen und stabilen Schiff sitzen, das sich von Sturm und Unwetter so schnell nicht beeindrucken lässt, befinden sich psychisch kranke Menschen vielleicht gerade eher in einem kleinen Boot, das eher einer Nussschale ähnelt und vielleicht noch das ein oder andere Leck hat. Seine Kapazitäten, dem Sturm standzuhalten, sind begrenzt.

Ich denke, wir alle sind mittlerweile genug informiert und spüren die Veränderungen, die die Corona-Krise für unsere Gesellschaft, die Politik, unsere Wirtschaft, aber vor allem auch unser soziales Leben, unseren persönlichen Alltag, unsere Selbstbestimmung und Freiheit mitbringt. Deswegen möchte ich versuchen, mich nicht auf die Probleme, sondern auf mögliche Strategien zum Angehen dieser Herausforderungen oder zumindest eine Erleichterung dieser schwierigen Zeit zu konzentrieren. Nicht an dem festhalten, über das wir gerade keine Kontrolle mehr haben und was uns mehr und mehr entzogen wird, sondern auf das fokussieren, was wir nach wie vor selbstbestimmt tun können, worauf wir Einfluss haben und was uns selbst trotz häuslicher und sozialer Isolation keiner nehmen kann.

Ich persönlich befinde mich seit zwei Tagen in freiwilliger Quarantäne, stelle nach und nach fest, welche Änderungen damit einhergehen, was mir gerade gut tut und was ich tun kann, um weitestgehend stabil zu bleiben, vor allem, da ich gerade erst wieder aus einem depressiven Tief herausgekrabbelt bin. Für die unter euch, die sich schon in den Medien bezüglich häuslicher Quarantäne und deren psychischen Herausforderungen inklusive Tipps belesen haben, werden die folgenden Punkte womöglich keine bahnbrechenden Erkenntnisse mehr darstellen. Vielleicht könnt ihr ja trotzdem etwas daraus mitnehmen.

1.) Soziales Leben

Die Problematik

Eine der größten Gefahren der sozialen Isolation ist wohl das sich komplett Selbst-Überlassen-Seins, dem Alleinsein, wenn man es nicht gewohnt ist, dem Gefühl von Einsamkeit und, Überraschung, Isolation vom Rest der Welt. Vor allem für die meisten Menschen, die das Alleinsein normalerweise vermeiden, es als negativ empfinden, für die Alleinsein mit Gefühlen der Einsamkeit einhergeht, die sich wann immer es geht ablenken, um nicht mich sich selbst und ihren Gedanken, Gefühlen und Empfindungen konfrontiert sein zu müssen. Ablenkung, ständige Stimulation und Reizüberflutung die in unserer Gesellschaft immer und überall möglich und jederzeit verfügbar sind. Waren. Vor allem Möglichkeiten des fast grenzenlosen Konsums und unzählige Orte zur sozialen Interaktion, Treffen mit Freunden und Familie, Verbundenheit, das Gefühl von Zugehörigkeit und Miteinander, kulturelle Vielfalt…die Liste ließe sich noch endlich weiterführen. All das bricht nach und nach weg. Egal ob wir das wollen oder nicht und egal wie viel Angst uns das macht. Wie es uns den Boden unter den Füßen wegzieht, unsere Welt und die Illusion von Sicherheit, die wir uns bisher noch einbilden konnten, einmal auf den Kopf stellt. Alles ins Wanken bringt. Während das Alleinsein in häuslicher Isolation für psychisch stabile Menschen in erster Linie aufgrund des damit verbundenen Gefühls von Einsamkeit und Unwohlsein eine psychische Belastung darstellen mag, liegt das Problem bei psychisch kranken Menschen, auch speziell in Bezug auf bipolare Störungen und vor allem deren depressive Phasen, eher darin, dass sozialer Rückzug, Isolation, Alleinesein, das Gefühl von Einsamkeit…all das sowohl Symptome einer Depression als auch „Handlungen“ sind, die eine depressive Phase oft auch erst auslösen oder verschlimmern können. Unser Gehirn ist von Natur aus darauf ausgelegt, kontinuierlich nach Reizen zu suchen. Stimulation. Im Angesicht völliger Reiz- und Stimulationsarmut sowie auf uns selbst zurückgeworfen sein fackelt unser Geist nicht lange und bombardiert uns erbarmungslos mit Gedanken und daraus resultierenden Gefühlen, die wir durch all die Ablenkung und Geschäftigkeit, die unseren Alltag sonst bestimmt, tief vergraben haben. So tief, dass wir uns sicher waren, sie nie wieder hören oder fühlen zu müssen. Weil unsere Angst davor, sie nicht ertragen zu können, überwältigend ist.

Wie können wir damit umgehen?

Am Allerwichtigsten, und das werdet ihr auch auf jeder anderen Seite finden, die sich aktuell mit diesem Thema auseinandersetzt, ist es jetzt, auch ohne direkten sozialen Kontakt in Verbindung mit unseren Mitmenschen, Familien, Freunden, Partnern, Nachbarn…etc. zu bleiben. Auch hier haben wir ja aktuell auch ganz unterschiedliche Voraussetzungen. Manche von uns, wie beispielsweise auch mir, bleibt gerade nur die eigene Gesellschaft, wenn wir unser Zuhause alleine bewohnen, andere wohnen in einer WG oder mit ihrem Partner und/oder ihren Kindern zusammen. Ganz sicher hat beides seine Vor- und Nachteile. Auch wenn ich mich natürlich über Gesellschaft freuen würde, bin ich ehrlich gesagt gerade ganz froh, dass ich mich momentan nicht auch noch mit einem Mitbewohner über die Haare im Abfluss kümmern oder mir krampfhaft überlegen muss, wie ich meine zwei kleinen Kinder, die nicht verstehen, warum sie gerade nicht wie jeden Tag in die Kita oder die Schule gehen können, als nächstes bespaßen kann. Und nebenher vielleicht auch noch mein Home Office wuppen muss. Es macht einiges einfacher, wenn man nur für sich selbst verantwortlich ist. Andererseits ist es bestimmt auch sehr sehr schön, in dieser schwierigen Zeit seine Liebsten auch physisch um sich zu haben und alle etwas näher zusammenzurücken. Aber der Punkt ist: Auch ohne direkten physischen Kontakt können wir sehr wohl zusammenrücken. Was oft auch ein Fluch ist und über das so manch einer gerne und ausgiebig schimpft (mich eingeschlossen), entpuppt sich in dieser Zeit als unser Segen: Soziale Medien, Smart Phones, Nachrichtendienste. Wir haben heute so viele Möglichkeiten, um mit anderen in Kontakt zu bleiben, dass das weitaus größere Problem daran ist, sich erstmal für einen passenden Kanal zu entscheiden. Wir können telefonieren, skypen, über WhatsApp kommunizieren, Gruppen gründen, in denen wir uns gemeinsam austauschen und aufbauen können, Mut machende und Hoffnung spendende Posts, Stories, Live Videos und was es da nicht alles gibt, auf Facebook, Instagram und was auch immer anschauen, selbst posten, kommentieren, uns darüber austauschen. Etwas, das ich bisher noch nie getan habe. Ich glaube, ich habe in meinem Leben noch kein einziges Facebook-Like verteilt oder danach gelechzt (warum auch, wenn man selbst nichts postet) und mich bis auf meine Reisephase nicht mit den Chroniken und Posts anderer Leute beschäftigt, nachdem ich dessen negative Auswirkungen auf meine Psyche einmal bitter während eines sechswöchigen Praktikums im Sommer in Irland machen musste. Sechs Wochen Regen, sechs Wochen Kommafehler korrigieren, 6 Wochen nur komische Menschen, 6 Wochen Heimweh, Einsamkeit und Depression. Da haben mir die Bilder von all meinen Freunden, die offensichtlich alle gerade entweder die Welt bereisten, den Sommer ihres Lebens, immer Spaß mit ihren Freunden und auch ansonsten ein durch und durch perfektes und glückliches Leben hatten, nicht wirklich geholfen.

Was uns Hoffnung geben kann

Jetzt ist das anders. Es hat ein Shift stattgefunden. Auf keinem sozialen Medium geht es gerade darum, sich durch eine Auflistung augenscheinlicher Highlights und dem perfekten Leben zu profilieren und sich damit gegenseitig zu übertrumpfen. Nein. Es geht darum, zu zeigen, dass wir alle im selben Boot oder Schiff (siehe oben) sitzen. Dass wir solidarisch miteinander sind. Dass wir alle gewisse Ängste haben, auch wenn sie von Mensch zu Mensch unterschiedlich sind. Dass wir uns Sorgen machen. Dass keiner von uns weiß, was morgen, was in einer Woche, was in einem Jahr ist. Dass wir alle nicht wissen, wie lange das hier noch gehen, wie gravierend und weitreichend die Folgen und Auswirkungen sein werden. Dass der langsame Zerfall von illusorischer Sicherheit und unser Gefühl von Kontrolle uns als Menschen in unseren Grundfesten erschüttern. Dass uns all das vor Herausforderungen stellt, mit denen wir niemals gerechnet hätten. Denen wir uns alles andere als gewachsen fühlen. Dass keiner von uns das hat kommen sehen. Es geht darum, dass uns trotz der räumlichen Isolation die Macht bleibt, ein Gefühl der Verbundenheit zwischen uns entstehen zu lassen und während dieser Zeit aufrecht zu erhalten. Dass Verbundenheit distanzlos ist. Dass sie uns den Halt und die Sicherheit geben kann, die wir an so vielen anderen Stellen gerade verlieren. Dass wir zusammenrücken können, während wir räumlich auseinanderdriften. Dass wir all das auch als eine große Chance begreifen können. Für unsere Gesellschaft. Für uns als Individuen.

Dass wir nicht alleine sind.

Hilfe für Psychisch Kranke

Wie weiter oben bereits erwähnt, kennzeichnet sich die besondere Problematik der sozialen Isolation, dass fehlende Kontakte bei Menschen mit entsprechender Prädisposition oder auch chronischen psychischen Erkrankungen wie auch der bipolaren Störung eine depressive Episode auslösen und Depressionstendenzen verstärken können. Wenn man bedenkt, dass soziale Isolation für den Mensch als soziales Wesen selbst bei psychisch höchst stabilen Personen ohne vorangegangene depressive Phasen bereits nach kurzer Zeit ebenfalls zu depressiven Verstimmungen führen kann, überrascht diese Tatsache nicht wirklich. Die Befürchtungen und Unsicherheiten, mit denen wir alle momentan zu kämpfen haben, lassen für uns noch die dagewesene Ängste dort entstehen, wo vorher noch keine waren, und verstärken die, die wir bereits hatten. Und im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen, vor allem natürlich auch Zwangs-/Angst- und Panikstörungen, spielt Angst eine tragende Rolle, deren Zunahme einen äußerst negativen Einfluss auf die Dynamik diverser psychischer Erkrankungen und natürlich auch der Psyche des Menschen im Allgemeinen haben kann.

Wenn WhatsApp nicht reicht

Für viele Betroffene wird es leider nicht reichen, all die oben und momentan überall empfohlenen sinnvollen Maßnahmen zur Aufrechterhaltung von sozialen Kontakten über diverse Kommunikationskanäle und -medien und eines Gefühls von Miteinander, Zugehörigkeit und Verbundenheit im Kampf gegen das Gefühl von Isolation und Einsamkeit anzuwenden. Was einem psychisch stabilen Menschen genug Halt geben mag, vermag für einen psychisch kranken Menschen gegebenenfalls nicht ausreichen. Viele Betroffene werden bereits jetzt oder in der kommenden Zeit auf zusätzliche Hilfe und Unterstützung angewiesen sein. Und zwar nicht, weil sie schwächer als die anderen sind, sondern weil sie krank sind. Neben dem Problem der sozialen Isolation hat die zwar (noch) freiwillige, aber dringlichst angeordnete häusliche Isolation zur Folge, dass viele Betroffene, die aktuell in psychotherapeutischer Behandlung sind, ihre Sprechstunden nicht wahrnehmen, weil sie sich entweder in offizieller oder freiwilliger Quarantäne befinden und ihre Wohnung aus Angst, sich selbst oder andere anzustecken, nicht verlassen. Ein weiteres Problem ist, dass natürlich auch Therapeuten Menschen sind, die Familie und Kinder haben und durch die flächendeckenden Schließungen von Kitas und Schulen ihre Sprechstunden selbst eventuell gar nicht mehr wahrnehmen können, weil sie sich um ihre Kinder kümmern müssen.

„Einmal systemrelevant färben, bitte.“

Ich muss zugeben, dass ich persönlich meine Therapeutin bezüglich des Termins, den ich in einer Woche bei ihr hätte, diesbezüglich noch nicht kontaktiert habe. Mittlerweile wissen wir, dass sich in einer Woche eine komplette Welt aus den Fugen geraten kann und keiner weiß, was morgen oder in ein paar Stunden ist. In verschiedenen Quellen habe ich allerdings gelesen, dass vielerorts wohl auf Videosprechstunden ausgewichen wird. Und ähnlich wie bei der herkömmlichen Telefonseelsorge oder einer Notfallsprechstunde könnte ich mir auch vorstellen, dass Therapiestunden auch erstmal telefonisch stattfinden. Ziemlich dramatisch finde ich persönlich, dass dieser Berufszweig bisher nicht als „systemrelevant“ eingestuft wurde und dadurch beispielsweise Eltern, die als Psychologische Psychotherapeuten tätig sind, keine Sonderbetreuung ihrer Kinder in zustehen würde. Für eine Aufrechterhaltung der Psychotherapieversorung in Deutschland ist allerdings gerade das dringend notwendig! Offensichtlich hält unsere Gesellschaft es für systemrelevanter, uns weiterhin vom Friseur die Haare färben zu lassen, damit wir topgestylt Eiskaffee schlürfend vor unserem Lieblingscafé um die Ecke sitzen können. Inmitten einer eng aneinander gekuschelten sonnenanbetenden Menschenmasse. Auf einen Schnack mit den Mädels.

Um selig den Frühling zu genießen, auf den wir so lange gewartet haben.