Distanz in den Mai.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Die Stimmung verläuft momentan nicht bipolar, sondern eher wellenförmig. Es wechseln sich helle Tage der Akzeptanz, Hoffnung und Zuversicht ab mit nicht so wirklich hellen, geprägt von einer bleiernen Lethargie, Resignation und diffusen Traurigkeit. Dem mal mehr, mal weniger lähmenden Gefühl von Stillstand und eine Sehnsucht nach einem kleinen Stück Normalität und Leichtigkeit. Nach echter Nähe und Berührungen, Tanzen mit Freundinnen und Ausgelassensein.

Das schlechte Gewissen, das sich unter all diese Gedanken mischt, seinen Ursprung in dem Wissen, dass wir es doch gut haben, dass wir so privilegiert sind und wir gefälligst einfach nur dankbar und froh sein können und sollten, wenn wir gesund sind.

Ich bin dankbar für all das. Und froh. Und mir all der Privilegien in unserer westlichen Welt mehr als bewusst.

Ich bin gerade nicht depressiv. Weit entfernt von hypoman. Schaffe es meistens, meine Tage trotz allem mit schönen Momenten zu füllen und die guten Gedanken zu hüten wie den wertvollsten Schatz.

Und trotzdem geht es mir an vielen Tagen nicht gut. Zerrt all das immer wieder und immer mehr an mir.

Fühle ich Leere, Resignation, Verlust und Traurigkeit. Sehne ich mich. Vermisse ich. Obwohl ich es doch eigentlich so gut habe.

Sich für diese Empfindungen zu verurteilen macht rein gar nichts besser. Deswegen zwinge ich mich dazu, mir diese Gefühle zu erlauben. Wie ich sie einer guten Freundin erlauben würde. Übe mich weiter in Akzeptanz und Vertrauen in die Zukunft. Immer und immer wieder.

Und wenn diese Zukunft erst mal nur das Morgen ist.

Ich dreh am Rad.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Und weiter geht’s:

Es sind diverse Rädchen, an denen ich schrauben kann und muss, damit ich in diesen Phasen meinen Weg Richtung Mitte wieder finde. Dazu gehören die konsequente und regelmäßige Einnahme meiner Medikamente und regelmäßige Therapiesitzungen, in akuten, sowohl depressiven als auch hypomanen Phasen, meist enger getaktet als in den symptomfreien, genau so wie all die anderen Säulen meines Krankheitsmanagements, die ich mir über die Jahre errichtet habe.

Allem voran das riesige Feld der Selbstfürsorge, Achtsamkeit, Bewusstsein und -werden, vor allem in Bezug auf Frühwarnsignale, die depressive oder hypomane Phasen ankündigen, genau so wie stabile Beziehungen, eine gute Balance zwischen An- und Entspannung, Aktivität und Ausruhen, soziale Interaktion,  Ruhe und Zeit für mich selbst.

Glücklicherweise hat sich im Laufe der Jahre herauskristallisiert, dass bei mir ein Justieren der Dosis des Antidepressivums, das ich in Kombination mit der bei bipolaren Störungen eingesetzten Stimmungsstabilisierern (auch Phasenprophylaxe genannt) nehme, sprich ein Erhöhen oder Runterreduzieren, ziemlich unmittelbar und stark auf jeweilige Extreme auswirkt.

Wofür ich ehrlich gesagt ziemlich dankbar bin. Dass das immer eine Möglichkeit ist, die ich in Absprache mit meiner Ärztin und meiner Therapeutin abwägen kann, wenn es, so wie nun im Februar erst wieder, rapide nach unten geht und relativ schnell klar ist, dass es sich um eine erneute depressive Phase handelt.

Ich bin keineswegs der Meinung, dass die alleinige Einnahme von Medikamenten helfen oder gar ausreichen würde. Aber für mich persönlich sind sie ein wichtiger und unentbehrlicher Bestandteil der Behandlung. Und zwar nicht (nur) aufgrund der sehr eindeutigen Rückfallstatistiken bei der Behandlung bipolarer Störungen ohne Medikation, sondern basierend auf all den Erfahrungen, die ich über Jahre hinweg mit dem immer wieder erneuten Absetzen meiner Medikamente gemacht habe.

Um daraus meine ganz eigenen Konsequenzen zu ziehen brauche ich keine Statistik mehr.

Gute Miene. Böses Spiel?

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Im letzten Artikel hatte ich bereits über die Hypomanie und deren Tücken geschrieben.

Wie immer, ich kann es nicht oft genug sagen, beruht all das, was ich hier schildere und mit euch teile, immer nur einzig und allein auf meinen ganz persönlichen Erfahrungen.

Jede Depression, jede Manie oder Hypomanie (zum genauen Unterschied erfahrt ihr mehr unter dem Punkt „Die Bipolare Störung“ auf der Webversion meines Blogs) ist anders und äußert sich von Mensch zu Mensch unterschiedlich.

Klar gibt es, wie bei körperlichen Erkrankungen auch, Symptome oder Verläufe, die gehäuft auftreten oder besonders typisch für ein bestimmtes Erkrankungsbild sind. Trotzdem sind psychische Erkrankungen so individuell wie deren Betroffene selbst und können weder in der Diagnose noch in ihrer Behandlung generalisiert werden.

In den folgenden Beiträgen soll es um Hypomanie in der Praxis gehen und ich möchte mit euch teilen, wie eine hypomane Phase bei mir so aussieht. Oder viel mehr aussehen kann. Denn nicht nur unterscheiden sich Symptome von Mensch zu Mensch, sondern auch von Phase zu Phase.

Sowohl in depressiven als auch in hypomanen. Nicht immer sind alle Symptome gleichermaßen oder zur gleichen Zeit, gleich lang oder in der gleichen Intensität vertreten.

In den Jahren seit meiner Diagnose glich noch kein Verlauf dem anderen. Das Prinzip jedoch ist das gleiche. Zumindest bei mir.

Nachdem ich die ziemlich heftige, aber mit einer Dauer von drei Wochen zum Glück verhältnismäßig kurze depressive Episode im Februar hinter mich gebracht hatte, ging es seit März stetig bergauf.

Wie und warum der Aufstieg ziemlich steil war, erfahrt ihr im nächsten Artikel!

Was ist der Unterschied zwischen Bipolar-1 und Bipolar-2?

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Im Dschungel der Diagnosen – Teil 2

Im Schnitt dauert es aus all diesen Gründen bis zu 10 Jahre (so auch bei mir), bis eine Bipolar-2-Störung richtig diagnostiziert wird, wobei die hier am häufigsten gestellte Fehldiagnose die rezidivierende (wiederkehrende) unipolare Depression ist.

Diese werden in der Regel mit Antidepressiva behandelt, von denen manche ein „Switch-Risiko“ darstellen, das dazu führen kann, dass es noch eher zu Umschlägen ins gegensätzliche Extrem kommt und die bipolare Erkrankung verschlechtert und „befeuert“ statt verbessert. Auch das war bei mir der Fall.

Bei der Behandlung von bipolaren Störungen, sowohl bei Bipolar 1 als auch Bipolar 2, werden stattdessen unterschiedliche Arten von so genannten „Stimmungsstabilisierern“, auch Phasenprophylaxe genannt, zur Behandlung eingesetzt, wie beispielsweise Lithium, Lamotrigin, Quetiapin, etc.

Deshalb ist eine Unterscheidung zwischen und die klare Abgrenzung von diesen beiden Ausprägungen so unglaublich wichtig und leider noch viel zu wenig präsent und bekannt in unserer Gesellschaft. Wenn überhaupt haben Menschen irgendwann schon mal von der bipolaren oder manisch-depressiven Erkrankung gehört, wissen aber in den seltensten Fällen, dass es diese zwei verschiedenen Formen gibt.

Die frühzeitige korrekte Diagnose einer Bipolar-2-Störung und eine dementsprechende frühzeitige und adäquate medikamentöse sowie therapeutische Behandlung hat einen enormen Einfluss auf Prognose und Verlauf der Erkrankung.

Mehr Infos zum Krankheitsbild wie auch den Symptomen der bipolaren Störung findet ihr auf meinem Blog im Menü unter dem Reiter „Bipolare Störung“.

https://tanzzwischendenpolen.com/bipolare-storung/

Vorausschauendes Fahren.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Vor nem Monat noch mitten in einem depressiven Tief von drei Wochen Dauer, das sich gewaschen hat. Jetzt, nur drei Wochen später, Ausschlag in die entgegengesetzte Richtung. Euphorisch, aufgedreht, voller Tatendrang, neuer und alter Ideen, vor Energie nur so strotzend, ja, fast schon aufgeregt.

Sind das noch Frühwarnzeichen oder schon Symptome einer Hypomanie? Stecke ich schon in der nächsten Hochphase? Haben wir das Mittelmaß dieses Mal entspannt ausgelassen und sind von zu Tode betrübt direkt in himmelhoch jauchzend übergegangen?

Es ist so eine unglaublich schmale Gratwanderung. Was davon ist Teil meines Wesens, was gehört zu meinen Charakterzügen, die mich ausmachen? Mein gesundes Ich, wenn es mir einfach nur (endlich wieder!) richtig gut geht?

Was sind deine persönlichen Frühwarnzeichen für eine potenzielle hypomane Phase? Was sind schon Symptome? Der Übergang ist fließend.

Was kannst du tun, was musst du aufhören, zu tun, um den Blindgänger zu entschärfen, bevor er hochgeht?

Aber warum solltest du?! Du fühlst dich doch so gut wie nie zuvor! Großartig!

Es fühlt sich nicht nur wundervoll an. Nein, es fühlt sich erstmal gesund an. Und das ist das Problem.

Hypomanie ist nicht gesund. Nie. Sie ist, genau wie die depressiven Phasen der bipolaren Störung, Teil des Krankheitsbildes. Nur eben mit dem entscheidenden Unterschied, dass man sich in einer Hypomanie einfach mal so gar nicht krank fühlt.

Sondern besser als je zuvor! Vor allem, wenn sie sich ziemlich zeitnah an eine depressive Phase anschließt.
Jetzt vom Gas zu gehen wäre einfach nur kontraintuitiv.

Doch jede Hypomanie hat ihren Preis. Einen Preis, den ich nicht mehr bereit bin zu zahlen. Einfach viel zu teurer shit.

Ich bin aus genug Kurven geflogen. Und zwar im hohen Bogen. Habe Feuer gefangen. Bin ausgebrannt.

Heute sehe ich die Kurve von Weitem.

Bock hätte ich ja.

Ich bremse ab.

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Bipolar-1 und Bipolar-2?

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Im Dschungel der Diagnosen – Teil 1

Bei einer Bipolar-1-Störung wechseln sich depressive und manische Phasen ab. Ausgeprägte Manien können Symptome wie Größenwahn, Realitätsverlust, aber auch Halluzinationen und Wahnvorstellungen mit sich bringen.

Bei einer Bipolar-2-Störung hingegen können zwar voll ausgeprägte depressive Phasen wie bei einer Bipolar-1-Störung auftreten, allerdings gibt es keine ausgeprägten Manien, sondern so genannte „Hypomanien“ (hypo, „unter“/“unterhalb“). In diesen „Hochphasen“ treten ähnliche Symptome wie bei einer Manie auf, allerdings schwächer ausgeprägt. Die Hypomanie wird oft als „kleine Schwester“ der Manie bezeichnet.

Die Unterscheidung zwischen diesen zwei verschiedenen Ausprägungen ist nicht zuletzt deswegen so wichtig, da sie sehr individuell behandelt werden müssen, verschiedene Herausforderungen für Betroffene und Angehörige mit sich bringen und die in der Therapie eingesetzte Medikation sich unterscheiden kann.

Im Gegensatz zur Bipolar-1-Erkrankung ist die Bipolar-2-Störung deutlich schwerer zu diagnostizieren, vor allem aufgrund der in der Hypomanie „nur“ abgeschwächt auftretenden manischen Symptome, so dass sowohl Betroffene als auch Angehörige meist meinen, dass es nun nach der Depression „einfach“ bergauf geht und es den Betroffenen schlicht wieder besser geht.

Sie wird seltenst als Krankheitsphase erkannt. In einer ausgeprägten Manie bei einer Bipolar-1-Erkrankung verändern sich die Betroffenen in ihrem Wesen meist so sehr, dass sie nicht wiederzuerkennen sind und vor allem das Umfeld (auch hier keine Krankheitseinsicht, weil sich die Betroffenen so gut fühlen) misstrauisch und somit eine Diagnose wahrscheinlicher wird.

Teil 2 folgt!

Das entscheide immer noch ich.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

In erster Linie bin ich immer einfach erst mal froh, wenn eine depressive Phase wieder vorbei ist. Nachdem ich mich dann ausgiebigst dafür abgefeiert habe, dass ich mich mal wieder aus dem schwarzen Loch heraus gekämpft habe, versuche ich herauszufinden, was mir geholfen hat. Was dieses Mal die größte Schwierigkeit war. Was ich selbst dafür getan habe, dass es mir wieder besser geht. Was von Außen geholfen hat.

Und vor allem auch, was ich dafür für’s nächste Tief mitnehmen kann. Ja, das wird kommen. Nein, ich habe keine Angst davor. Aber es wäre nett, wenn es nicht morgen kommt.

Alles hat seine Vor- und Nachteile. Alles. Auch eine bipolare Störung. Oft zeigen sich die positiven Aspekte natürlich nicht mitten im depressiven Loch, das versteht sich von selbst.

Es sind die depressiven Phasen, aus denen ich am meisten lerne. Sie lassen mich immer wieder die Unberechenbarkeit meiner Erkrankung spüren und zeigen mir, dass ich mir nicht aussuchen kann, wann eine Phase kommt. Egal wie gut mein Krankheitsmanagement ist. Denn es gibt nun mal auch Dinge im Leben, wie Corona beispielsweise, die von außen kommen. Die wir nicht beeinflussen oder verhindern können. Die eine Phase triggern können. Und wenn sie nur der Tropfen sind, der das Fass zum Überlaufen bringt.

Aber ich kann mir aussuchen, wie ich mit all dem umgehe. Und mich entscheiden für mein Vertrauen, dass diese Phase wieder geht. Auch wenn das selten von heute auf morgen geschieht. Genau so wenig, wie die Depression von heute auf morgen kommt.

Ich entscheide mich jedes Mal auf’s Neue für meine Zuversicht, dass es auch dieses Mal wieder gut werden wird. Ganz egal, wie fern das im Moment scheinen mag. Und wie real und bitter das Leid dann ist.

Ich kann mich dafür entscheiden, auch dieses Mal wieder alle Hebel in Bewegung zu setzen, jede nur denkbare Ressource zu nutzen und mir Hilfe zu suchen, wenn ich sie brauche. Damit es mir wieder besser geht. Ich kann mich dafür entscheiden, nicht den Mut zu verlieren. Mir meiner Selbstwirksamkeit, meiner Stärke und Resilienz, die durch jede neue Phase immer weiter wächst, bewusst zu bleiben.

Und diese Entscheidungsfreiheit wird mir keine Erkrankung der Welt jemals nehmen können.

Dear friend.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

In meinem letzten Post habe ich in erster Linie davon gesprochen, wo die Grenzen bei unseren Angehörigen liegen. Was sie nicht tragen können und sollen. Wofür sie nicht da sind. Was sie nicht leisten können. Und was wir nicht von ihnen erwarten dürfen. Heute soll es darum gehen, welche wichtige Rolle sie in unserem Leben als Betroffene aber sehr wohl spielen können.

Mutter. Vater. Kind.

Nur wir selbst sind verantwortlich für unser Leben. Wie wir es leben. Wenn wir psychisch erkrankt sind, sind wir nicht weniger dafür verantwortlich. Ich möchte an dieser Stelle noch einmal betonen: Ich lasse hier die Fälle, in denen die Betroffenen, aus welchen Gründen auch immer, nicht mehr für sich selbst entscheiden können und beispielsweise zwangseingewiesen werden, außen vor. Und ich meine auch nicht die Situationen, in denen uns ein*e Angehörige*r insofern Verantwortung übernimmt, dass er uns ermutigt, professionelle Hilfe aufzusuchen oder uns dorthin begleitet. Ich spreche hier von dem „alltäglichen“ Leben mit unserer Erkrankung. Mit den verschiedenen Rollen, die wir in unserem Leben innehaben. Wir sind Mütter, Töchter, Schwestern, Väter, Söhne, Brüder, Partner*innen, Großmütter, Großväter, Freund*innen, Arbeitnehmer*innen, Arbeitgeber*innen, Tanten, Onkel, und so weiter.

Wir dürfen bedürftig.

Ich spreche von einem Leben, das wir trotz und vielmehr mit unserer Erkrankung leben. Ein Leben, in dem wir selbstbestimmt die Verantwortung für unser Tun und Handeln übernehmen. Ein Leben, in dem wir uns professionelle Hilfe für die Behandlung unserer Krankheit suchen und in Anspruch nehmen dürfen und sollen. Ganz gleich ob körperlich oder seelisch. Ein Leben, in dem wir die Verantwortung trotz allem nicht abgeben, aber nach Unterstützung bei unseren Freunden und unserer Familie fragen dürfen. Uns eingestehen, dass wir Hilfe annehmen dürfen, wenn sie uns angeboten wird. Dass wir auch selbst nach Hilfe fragen dürfen, wenn wir das Gefühl haben, wir schaffen das hier gerade nicht allein. Die Fähigkeit, nach Hilfe zu fragen als Stärke zu sehen und nicht als Schwäche. Dass wir bedürftig sein dürfen. Dass wir deswegen keine schlechteren oder schwächeren Menschen sind. Dass wir nicht alles alleine schaffen müssen. Und dass es dabei nicht um „Schaffen“ oder „Scheitern“ geht. Das Leben ist kein Wettbewerb. Und das Leben mit einer psychischen Erkrankung schon gar nicht.

Ein gutes soziales Netz und stabile Beziehungen sind erwiesenermaßen ausschlaggebend für unsere psychische Gesundheit. Für mich persönlich sind sie eine meiner wichtigsten Ressourcen im Umgang und Leben mit meiner bipolaren Störung, vor allem während akuter Krisen, die bei mir in erster Linie von den depressiven Phasen und der Wucht, mit der sie mich manchmal trotzdem noch erwischen, gekennzeichnet sind.

Ein Ziel ist nicht das Ziel.

Es mag nicht bei jeder oder jedem so sein und das muss es auch nicht, aber in meinem Leben spielen die mir am nächsten stehenden Menschen, meine Angehörigen in Form von Familie und Freund*innen, eine sehr wichtige Rolle. Doch ein guter gemeinsamer Umgang mit der psychischen Erkrankung eines Betroffenen und den Herausforderungen, die diese für beide Seiten mit sich bringt, fällt uns in der Regel nicht einfach in den Schoß. Sowohl mit meiner Familie als auch mit meinen Freund*innen ist es, wie auch bei meinem eigenen persönlichen Umgang mit der Erkrankung oder der Zusammenarbeit mit meiner Therapeutin, seit vielen Jahren ein kontinuierliches und stetiges Miteinander und Voneinander lernen. Das passiert nicht so von einem auf den anderen Tag und es ist auch kein Ziel, das einfach so erreicht und abgehakt werden kann. Es ist ein Prozess. Immer wieder Arbeit, Missverständnisse, Hilflosigkeit, Erklären, Verstehen, Erklären, Auseinandersetzungen, tiefe Verbundenheit, Unwissen, Fortschritte, Rückschläge, aneinander und miteinander wachsen, Mut, Angst, Empathie, Ehrlichkeit, Akzeptanz, Vertrauen und Toleranz. Wie vermutlich in jeder gesunden Beziehung. Es ist eine Entscheidung. Die wir immer wieder füreinander treffen. Auch wenn es mal schwer wird.

Es ist ein Weg, den Betroffene und Angehörige gemeinsam gehen können.

An diesem Punkt möchte ich nochmal auf den Teil meines letzten Artikels zurückkommen, in dem ich die Situation mit dem mir sehr nahe stehenden Menschen beschrieben habe.

Hilf! Los!

Er ist mein bester Freund. Wir kennen uns seit vielen Jahren, er weiß um meine Erkrankung und war auch schon live dabei, als es mir sehr schlecht ging…aber nicht so schlecht wie an besagtem Abend. Damals, als er dabei war, war ich schon deutlich auf dem Weg der Besserung und weitestgehend stabil. An diesem Abend war ich am absoluten Tiefpunkt und völlig am Ende. Als ich im Nachhinein nochmal darüber nachgedacht habe, ist mir aufgefallen, dass ich unterbewusst davon ausgegangen war, dass er mit mir in dieser Situation umgehen könnte, da er es ja schon einmal getan hat. Erwartungen in dieser Hinsicht (und auch vielen anderen Hinsichten) und voreilige Schlussfolgerungen im Alleingang führen meist zu keinem guten Ergebnis, drängt sich mir nicht zum ersten Mal die Vermutung auf.

Da war sie also, an diesem Abend: Ganz viel Unsicherheit, auf beiden Seiten. Hilflosigkeit, auf beiden Seiten. Ein ganz schöner Schreck, eher auf seiner Seite. Missverstanden fühlen, auf meiner Seite. Ich stand so neben mir, dass mir dieser emotionale Brandbeschleuniger endgültig den Rest gab und ich überstürzt wieder aufbrach. Und meinen besorgt dreinschauenden und sprachlosen Freund einfach stehen ließ. Weil ich mir nicht anders zu helfen wusste.

Kleines Schwarzes.

Meine Gedanken in diesem Moment waren: Siehst du, hättest du mal lieber nicht nach Hilfe gefragt, deswegen ist das schon richtig, dass du das meistens mit dir selbst ausmachst. Du bist zu viel. Du bist eine Belastung für deine Freunde. Du darfst nicht bedürftig sein. Du musst das alleine schaffen. Du bist schwach. Ja, genau, was ist denn nun der Grund, muss ja wohl einen geben! Wenn nicht mal deine besten und langjährigsten Freunde damit umgehen können, na dann viel Glück. Belästige sie ab sofort auf keinen Fall mehr damit!

Sobald sich der schwarze Nebel der Depression etwas lichtet, kann ich jeden einzelnen dieser Gedanken als absoluten Quatsch identifizieren. Als das, was sie sind: Eine nette kleine Mischung verschiedenster depressiver Symptome: Negative Gedankenspiralen bis hin zu den herrlichen Katastrophengedanken, Schwarz-Weiß-Denken, Verminderung bis hin zum Verlust des Selbstwertgefühls, Selbstvorwürfe getoppt mit Selbstabwertung…die Liste ist lang.

Indem ich wieder klar denken kann und diese Dämonen entlarve, verlieren sie ihre Macht über mich. Kleider machen Leute. Ohne ihr schickes kleines Schwarzes sind die depressiven Gedanken plötzlich nicht mehr High Society der Wirklichkeit, sondern einfach nur noch klein und nackt. Und bleich. Nicht mehr schwarz. Definitiv nicht mehr schick. Und meilenweit entfernt von jeglicher Wirklichkeit. Sie sind einfach nur das, was sie ohne ihre schicken schwarzen Kleidchen sind. Gedanken. Gedanken und sonst nichts.

Affenzirkus. Ohne mich.

Gedanken, die es nicht verdient haben, die Macht über mein Tun und Handeln zu übernehmen. Anstatt mich von ihnen dressieren zu lassen, fasse ich mir also ein Herz und schreibe meinem besten Freund eine Nachricht. Eine sehr lange Nachricht, in der ich ihm noch einmal erkläre, was es mit meiner Erkrankung auf sich hat, welche Rolle sie in meinem Leben spielt, wie ich mich an diesem Abend gefühlt habe. Ich frage ihn, wie er sich gefühlt hat. Stecke ganz klar die Grenzen ab zwischen professioneller und freundschaftlicher Unterstützung. Sage ihm, was ich alles nicht von ihm erwarte und niemals erwarten würde. Dass ich verstehen und es nicht persönlich nehmen werde, wenn er das (mal) nicht aushalten kann. Bitte ihn um Ehrlichkeit mir gegenüber.

Und bringe ihm dieselbe Ehrlichkeit entgegen. Erkläre, was ich in Momenten wie diesen brauche. Was ich an diesem Abend gebraucht hätte. Dass es nicht viel gibt, was dann hilft. Dass es aber auch nicht viel braucht.

Da ich mir so viel Zeit für diese Nachricht genommen und alle meine Worte und Erklärungen so bedacht wie möglich gewählt habe, habe ich sie mir abgespeichert, für den nächsten Fall, in dem es vielleicht nochmal einer solchen Nachricht und guten Kommunikation bedarf. Diese Nachricht beinhaltet für mich alle wichtigen Punkte, die ein mir nahestehender Mensch bezüglich meiner Erkrankung und meinem Ich in einer akuten Krise, einem depressiven Tief, wissen sollte. Und ich finde, all unsere Angehörigen sollten so eine Nachricht als Unterstützung haben. Damit sie uns unterstützen können, wenn sie das wollen und können.

Deswegen möchte ich sie hier auch mit euch teilen. Sie ist zwar auf Englisch, da mein bester Freund Engländer ist, aber das wird in den meisten Fällen vermutlich kein Problem sein. Neu und anders schreiben oder einfach stumpf übersetzen wäre keine Option gewesen.

Dear friend,

it is very important for me that you understand just the basics of my disease. My closest friends need to know. Not because anyone should do anything about it. I’m going to therapy, I take my meds, I’m taking care of myself and do a whole lot more for my stability and dealing with the bipolar every day that no one sees. I don’t want pity. I don’t consider myself a victim. It’s not a call for attention. Most of the time, I’m dealing quite well with it in everyday life, but my expectation that it will completely go away and never come back hasn’t been fulfilled until now.

No matter how hard I try, how good my therapist is, how regularly I take my meds, if I drink and party or not, it still is a longlife disease I have and I am going to live with. There is a chance to stay free of symptoms for longer and longer, but still there will most likely be depressive and hypomanic episodes. Thanks to the meds and the rest I do, they occur less frequently, tend to be shorter than they used to be and less intense than all the years I’ve been misdiagnosed with recurrent unipolar depression before the bipolar 2 diagnosis and the clinic 2017. That’s all I can do and I have accepted that bipolar is part of my life.

There are those very very dark moments that, thank god, don’t happen as often anymore. Most of the time I am dealing with them on my own when no one sees, because it’s always also a bit of „shame“ showing yourself to someone, even a close friend, when you really hit rock bottom, when.ypu feel totally helpless and desperate. It’s so intimate and you are so vulnerable. But sometimes I just need someone to be there in that very moment. The only thing that helps in this situation is holding me and maybe telling me that it is gonna be alright. That it’s gonna go away. These are the things I usually keep telling myself and it works, but I’m not able to do so in severe crisis. And if I was, I wouldn’t believe myself telling me those things. I’m sure that seeing a friend like this, not even recognizing this friend, can be fairly overwhelming. Because of that, it is important for me to understand how my friends feel in a situation like this (and not only tell them how I feel in the situation), what makes it hard for them…for me to keep learning.

If you don’t feel like you can deal with this at a particular moment, for whatever reason, that’s totally fine with me and I want you to know this. It can be a lot. And it can be too much for people who just want to help you. In this case, please let me know. It’s hard or maybe even impossible to understand this disease and the symptoms, thoughts and feelings, that you would usually never have, that it causes. And in these situations, I’m not able to communicate myself properly and it’s impossible for me to explain the disease again. I’m so far away from myself and the person I know in these moments.

And as you asked for a reason: Depression or panic attacks don’t (always) need a reason. It’s the nature of the disease. Bi…up and down…polar…between the poles, between two extremes. Yes, there might be triggers that cause slipping into a depressive or hypomanic episode at first, but that night for example, there wasn’t. And if people ask me for a reason (no offence! It’s usually quite a logic thing to do) when I’m that down, it makes me feel even more horrible, because, in that very moment, it just confirms my depressive brain in thinking : „Oh yes, he/she is right. There is not even a reason for being sad. You should be happy! You are weak! You are a failure!“

As I said, I’m not expecting you to be my therapist, heal my disease, take over the responsibility for it or the like. I know about the boundaries of support from friends or family.

I am responsible for my life and the way I handle my disease. I can do it and I am doing it every day. But as having bipolar is part of me and part of my life, I need you to understand. Because you are part of my life, too.

That’s all I need.

Einfach so.

Er ist dankbar für meine Nachricht und beschreibt genau das, was ich gespürt hatte: Hilflosigkeit, Schock, Überforderung. So einen nahestehenden Menschen in diesem Moment nicht wiedererkennen können. Die Erkrankung und deren Symptome nicht verstehen oder nicht um sie wissen. Er wusste genau so wenig, was er tun sollte wie ich. Er sagt, dass es nächstes Mal vielleicht nicht unbedingt einfacher wird, aber dass er dann wenigstens weiß, was er tun kann. Und eventuell annähernd verstehen kann, was sich da gerade in mir abspielt. Dass er immer für mich da ist und ich ihn immer kontaktieren soll und darf, wenn es mir so geht. Dass ich keine Belastung bin.

Zufall oder Schicksal, der nächste heftige Schub erwischt mich ein paar Tage später.

Bevor die High Society im kleinen Schwarzen in ihre High Heels schlüpfen und los stöckeln kann, lasse ich wie letztes Mal meine Schlafanzughose an und ziehe mir meinen Pulli über. Lasse zu, dass mich meine beste Freundin mit dem Auto abholt, da ich in diesem Zustand nicht Bus fahren kann. Und mich bei meinem Freund absetzt.

Er fragt nicht nach einem Grund. Er fragt: „Einfach so?“. Ich nicke und kann meine Tränen nicht zurückhalten. Er zieht mich in seine Arme und hält mich einfach. „Alles wird gut.“

Und er hält mich. Einfach so.

Was da ist.

Gerade ist jeder Tag ein Kampf. Das geht jetzt schon seit über zwei Wochen. Zwei Wochen, von denen jeder Tag ein Tag zu viel ist. Es ist unfassbar anstrengend. Ein paar Mal dachte ich schon, ich wäre aus dem Loch rausgekrabbelt. Dachte, das wäre jetzt aber wirklich der absolute Tiefpunkt gewesen und ab morgen würde es wieder besser werden. Habe mich optimistisch auf dem aufsteigenden Ast gewähnt. Und wieder den Halt verloren. An einem dieser Abende letzte Woche habe ich es geschafft, mir einzugestehen, dass ich das gerade nicht alleine stemmen kann, dass mich diese Traurigkeit zu erdrücken droht, der Schmerz zu vernichtend ist, um ihn zu tragen, ohne dabei gestützt zu werden.

Next level.

Die Angst, zu viel oder zu anstrengend zu sein, nicht bedürftig sein zu wollen, sich deswegen schwach zu fühlen, die Erwartung an sich selbst haben, das doch jetzt alleine schaffen zu müssen…nicht nur mit Abstand, sondern selbst in diesem Ausnahmezustand selbst bin ich mir des Faktes bewusst, dass diese selbst verurteilenden und gnadenlosen Gedanken und Schlussfolgerungen, diese Ängste, Vergleiche, der ohrenbetäubende innere Kritiker…nicht gesunde Gedanken sind, die auch nur annähernd im Verhältnis mit irgend etwas stehen, sondern meine depressiven Gedanken. Selbstzerstörerische Gedanken, die mich nur noch mehr in den schwarzen Schlund reißen wollen. Eine der größten Errungenschaften im Zwiegespräch mit unserem übereifrigen Gedankenapparat da oben ist wohl, dass unsere Gedanken nicht der Wirklichkeit entsprechen (müssen). Dass sie nur Gedanken sind. Ich weiß das mittlerweile. Sehr gut sogar. Es hilft mir in ganz vielen Situationen.

Wenn ich in einer depressiven Phase allerdings schon bis zum Hals in der Scheiße stecke, entfalten diese Gedanken in dem Moment, in dem sie durch meinen Kopf rauschen, trotz allem ihre Wirkung und lassen mich noch schlechter fühlen. Obwohl ich weiß, dass sie nicht der Wirklichkeit entsprechen. Vielleicht ist das ja so next level shit, das ich dafür noch ein bisschen brauche.

Bodenlos.

Zurück zu diesem Abend. Unter größter Anstrengung schaffe ich es irgendwie, einen mir sehr nahe stehenden Menschen zu kontaktieren. Der mich seit Jahren kennt und der auch um meine Erkrankung weiß. Der mich schon ein paar Mal „am Boden“ erlebt hat. Klar, ich soll jederzeit vorbei kommen. Scheiß drauf, ich lasse meine Schlafanzughose an, ziehe einen Pulli über und begebe mich wie in Trance auf den Weg in einen anderen Stadtteil. Jeder Schritt so unglaublich anstrengend. Das „am Boden“, das dieser Mensch heute zu sehen bekommt, stellt die anderen Bodenbesuche allerdings mehr als in den Schatten. Da ist Schock. Da ist Überforderung. Da ist Hilflosigkeit. Was meine eigene Hilflosigkeit in dem Moment ins Unermessliche wachsen lässt. Sich zu meiner Traurigkeit ein Gefühl der Einsamkeit gesellt.

Ihr alle. Und doch nur ich.

Die Art von Einsamkeit, die wir verspüren, obwohl wir unter Menschen sind. Menschen, die uns lieben. Die immer für uns da sind. Die uns in- und auswendig kennen. Die uns schon unser ganzes Leben, seit Jahren oder Jahrzehnten begleiten. Nie von unserer Seite gewichen sind. Mit denen wir gelacht, geweint, gefeiert und getrauert haben. Durch Höhen und Tiefen gegangen, uns in guten wie auch schlechten Zeiten beigestanden haben.

Die Art von Einsamkeit, die ihr schwarzes Tuch über uns wirft und die Menschen im Außen daran ziehen und zerren können, so viel sie wollen. Sie können uns nicht davon befreien.
Die Einsamkeit, die uns scheinbar von allem anderen um uns herum abtrennt. Uns bewusst macht, dass uns niemand diesen Schmerz nehmen kann.
Die Königsdisziplin der Einsamkeit.

Wenn Liebe nicht reicht.

Einerseits verzweifeltes Flehen danach, doch bitte dieses eine Mal einfach die Verantwortung abgeben zu dürfen und gleichzeitig das Wissen darum, dass nur wir selbst durch diese Gefühle gehen können. Dass uns das niemand abnehmen kann.
Die dunkelsten Momente meiner depressiven Phasen, in denen mir selbst die mir am nächsten stehenden Menschen nicht auch nur ein Milligramm der Last auf meinen Schultern nehmen konnten, in denen nichts und niemand mehr zu helfen schien, in denen ich mit voller Wucht gegen die Mauern gerannt bin, die die Grenzen der Hilfe und Belastung meiner Liebsten waren. Diese Momente haben mir am meisten Angst gemacht. Wenn nicht mal das, was in allen anderen Lebenslagen, immer und überall, egal wo und wie, geholfen hat, mehr helfen kann.

Psychische Erkrankungen betreffen nicht nur die Menschen, die an ihnen erkrankt sind, sondern auch unser gesamtes soziales Umfeld. Familie, Freund*innen, Partner*innen. Und selbst wenn diese alles in ihrer Macht stehende tun, um uns zu helfen, kann es sein, dass das nicht reicht. Wir dürfen nicht von ihnen erwarten, dass sie uns heilen. Sind wir körperlich erkrankt, erwarten wir das auch nicht. Die Menschen in unserem Leben haben ihre Grenzen. Einen Punkt, an dem es nicht weiter in ihrer Macht steht, uns helfen zu können. So sehr sie das auch wollen. So sehr sie uns auch lieben. Unsere Angehörigen können und sollen unsere psychische Erkrankung nicht tragen. Und das hat nichts mit der tiefen Zuneigung, Liebe und Loyalität zu tun, die sie uns gegenüber empfinden. Oder der Stabilität unserer Beziehung zu ihnen. Diese kann noch so stark sein und unkaputtbar scheinen, aber sie darf und kann dieses Gewicht nicht alleine tragen.

Wir mögen allerdings auf unserem Lebensweg immer wieder in Versuchung gekommen sein, zu glauben, dass Liebe allein reicht. Dass sie alles besser macht. Dass sie uns immer helfen kann. Dass es mit ihr immer besser ist als ohne sie. Dass sie heil machen kann, was kaputt ist. Wir denken an all die Situationen in unserem Leben, an all die schwierigen und traurigen Momente, in denen uns Liebe und Zuneigung trotz allem immer Trost gespendet haben.

Aber Liebe ist nicht immer die Antwort.

Keiner sieht was geht.

„Ich versteh‘ einfach nicht, warum es dir nicht besser geht, wenn ich dich tröste, warum es nicht reicht, dass ich da bin“, hat mich der damals wichtigste Mensch in meinem Leben in einer meiner ersten depressiven Phasen (als ich noch weit entfernt von der Bipolar-2-Diagnose war) immer wieder gefragt. Ich konnte ihm keine Antwort geben. Und habe mich noch schlechter gefühlt. Ich wusste nur, dass Liebe hier anscheinend plötzlich nicht mehr reichte. Nicht funktionierte wie bisher. Nicht nur partnerschaftliche, auch familiäre Liebe spielte plötzlich nach anderen Regeln.
Und es machte mir eine scheiß Angst. Wenn so viel Liebe nicht reicht, dann kann es keine Hoffnung mehr geben. Davon war ich fest überzeugt. Und zutiefst verzweifelt darüber.

Genau wie bei körperlichem Leiden gibt es Fachleute, an die wir uns wenden können und sollen, wenn nicht der Körper, sondern unsere Seele leidet. Die dafür ausgebildet sind. Die uns helfen können. Mittlerweile weiß ich, dass es einzig und allein meine eigene Verantwortung ist, mir diese Art von Hilfe zu suchen. Eine Verantwortung, die ich nicht abgeben kann, auch wenn das leichter scheinen mag (Fälle, in denen Betroffene nicht (mehr) in der Lage sind, diese Verantwortung zu übernehmen oder selbstbestimmt zu entscheiden, natürlich ausgenommen, ich kann hier wie immer nur für mich selbst sprechen). Dass, auch wenn ich die wunderbarsten Menschen, die man sich nur wünschen kann, in meinem Leben habe, letzten Endes trotzdem immer nur ich selbst durch diese Gefühle und Episoden gehen kann, um weiter mit ihnen umgehen zu lernen, sie immer wieder auf’s Neue hinter mir zu lassen und weiterzumachen.

Unsere Angehörigen können uns weder retten noch heilen. Und das sollen sie auch nicht.
Sie können uns auf unserem Weg begleiten. Unsere Hand nehmen. Mit uns in dieselbe Richtung gehen.

Die Schritte auf diesem Weg müssen und können jedoch nur wir alleine machen.

Und dort, wo Liebe nicht die Antwort sein kann, unsere Fragen anders stellen.

Ich bin hier, habe das Ticket.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Kann mal jemand diese verfickte Achterbahn anhalten??!

Kann mich nicht daran erinnern, dass ich überhaupt ein Ticket gekauft habe!

Vielmehr werde ich in den Wagen geschubst, der metallene Hebel so grob und eng zugedrückt, dass es mir fast die Luft zum Atmen nimmt und ab geht’s.

Psychisch gesunde Menschen haben auch gute und schlechte Tage. Stimmungsschwankungen. Leben halt.

Auch ich habe die in meine symptomfreien Phasen. Remission genannt. Die letzte schenkte mir über ein halbes Jahr. Während dieser Phasen sind meine Stimmungswechsel „normal“, ich kann mit ihnen umgehen. Und zwar bestens. Kann jederzeit aussteigen. Selbstbestimmt.

In meinen Krankheitsphasen rauscht die Bahn einfach durch. Immer wieder am Ausstieg vorbei. Es steigen Menschen zu, andere steigen aus. Doch ich bleibe sitzen. Und es geht in die nächste Runde.

Wo einmal Selbstbestimmung war, hängen nun Fäden an diversen Stellen meines Körpers. Zerren und ziehen an mir, lassen mich einen grotesken Tanz performen, der bestenfalls Entsetzen und Verwunderung in seinem Publikum hervorrufen würde.

Hoch. Runter. Looping. Und nochmal.

(Wie der Rauch auf dem Foto oben, nur horizontal gespiegelt)

Manchmal mit so rasender Geschwindigkeit, dass da nur noch Rauschen ist in meinem Kopf. Lähmung in meinem Körper.
Ohrenbetäubende Stille in meinem Hören. Flimmern in meinem Sehen. Dunkelschwarz in meinem Denken.
Tieftraurig in meinem Fühlen.

Mir wird übel. Würde ich mich jetzt übergeben und die ganze Scheiße bei voller Fahrt auskotzen, würde sie mir einfach nur herzhaft zurück ins Gesicht klatschen.

Ich bin im freien Fall.

Da, der Ausgang! Nee, doch nicht, haha, verarscht!

So nah und doch so fern.