Vom Nirwana der Nüchternheit – Reloaded

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Heidelberg, Juni 2013.

Da ich gerade leider überhaupt keine Zeit für einen neuen Blogartikel habe, weil mein erster Online-Schreibkurs seit letzter Woche in vollem Gange und auch für die Uni viel zu tun ist, werde ich, nachträglich zu meinem 3-jährigen Abstinenzjubiläum am 24. September 2020 noch einmal meinen Artikel aus dem letzten Jahr posten, den manche von euch, die später dazugekommen sind, vielleicht ja noch nicht gelesen haben. Die anderen haben ihn vielleicht schon wieder vergessen und können ihn nochmal lesen oder müssen sich noch etwas gedulden bis zum nächsten Artikel.

Eine Sache möchte ich allerdings nochmal ergänzen und betonen:

Ich weiß, dass meine Entscheidung, keinen Alkohol mehr zu trinken, weder im Exzess noch in Maßen, und die Tatsache, dass ich es seit meiner Entscheidung vor drei Jahren ohne nur einen einzigen Rückfall durchgezogen habe, eine der wichtigsten und vor allem richtigsten Entscheidungen meines Lebens war. Dass ich ohne nüchtern zu bleiben niemals dort wäre, wo ich jetzt bin. Nämlich seit zwei Jahren stabil und in der Lage, mit den Phasen meiner Erkrankung umzugehen, egal ob depressiv oder hypoman. Dass ich diese Stabilität nie erreicht hätte, wenn ich so weiter getrunken hätte. Dass sich manch andere*r und nicht zuletzt ich selbst noch vor drei Jahren, auch noch in der letzten Clubnacht vor meinem Klinikaufenthalt 2017, nicht hätte vorstellen können, dass ich von einem auf den anderen Tag aufhören würde, Alkohol zu trinken und zu eskalieren. So als hätte ich es nie getan. Aber genau so ist es nun seit über drei Jahren. Darauf bin ich verdammt stolz und so unendlich dankbar. Ich war nie wacher, klarer und mehr bei mir. Darüber nachdenken, wo oder ob ich heute wäre, wenn ich mich anders entschieden hätte, tue ich nicht.

Denn was zählt ist jetzt.

Hier kommt also nochmal der Artikel vom 10. November 2019.

Schüchterne Stabilität

Ich bin zum ersten Mal seit meiner Diagnose und auch zum ersten Mal in den vergangenen zehn Jahren seit ziemlich genau einem Jahr weitestgehend stabil. Mit stabil meine ich nicht „ohne Ausschläge nach oben oder unten“. Die gab es auch dieses Jahr. Sowohl nach unten als auch nach oben. Da gab es die relativ kurze und gleichzeitig nicht zu verachtende hypomane Phase im Frühjahr, die ich relativ schnell in den Griff bekam und währenddessen getroffene Entscheidungen und ihnen folgende Handlungen glücklicherweise wieder rückgängig machen konnte, bevor sie längerfristigen Schaden anrichteten. Und auch einige depressive Episoden gab es über das Jahr verteilt, von denen fast alle durch vorangegangene Stresssituationen entstanden waren. Da ich mittlerweile weiß, dass diese Phasen zu mir gehören und kommen und gehen, bedeutet „stabil“ für mich, dass diese stetig wiederkehrenden Auf’s und vor allem Ab’s verhältnismäßig geringer ausgeprägt waren und kürzer ausfielen, als sie das schon getan hatten. Und ich selbst während dieser akuten Phasen, wenn auch unter deutlich größerer Anstrengung und daraus resultierender Erschöpfung, meinen Alltag bewältigen, zur Arbeit gehen, für mich selbst sorgen und meine sozialen Kontakte, wenn auch manchmal vermindert, pflegen konnte. Wusste, was mir in diesen Momenten gut tun würde und genau das tat, um wieder in Richtung Mitte zu gelangen. Aus eigener Kraft und mithilfe all des Wissens, das ich mir in den letzten Jahren angeeignet hatte.

Eine Frage des Lebensstils?

Dieses Jahr der „Stabilität“ bedeutet mir unglaublich viel. Und es macht mich auch in gewisser Hinsicht ganz schön stolz. Weil ich weiß, dass ich diesen Zustand neben einer regelmäßigen und konsequenten Medikamenteneinnahme zu einem großen Teil den Anpassungen meines Lebensstils und Alltags, dem Bewusstwerden meiner Bedürfnisse und deren Erfüllung, dem Erkennen meiner Grenzen und deren Verteidigung zu verdanken habe. Bei mir zu bleiben, selbst wenn es im Außen mal zerrt und schubst und drängt. Gut auf mich zu achten, vor allem, wenn es mir nicht gut geht. So wie ich mich auch um eine gute Freundin oder einen guten Freund kümmern würde. Nicht zu streng zu mir zu sein. Selbstmitgefühl zu haben. Klar abgegrenzt von Selbstmitleid. Verstehen und akzeptieren, dass ich nicht perfekt bin und es auch nicht sein muss. Dass das niemand ist. Egal ob Bipolar oder nicht. Und dass das okay ist. Dass wir alle Menschen sind.

Darauf trinken wir nicht!

Der 24. September dieses Jahres war ein ganz besonderer Tag für mich. Ein zweijähriges Jubiläum. Am Samstag des Wochenendes bevor ich 2017 in die Klinik ging, hatte ich zum letzten Mal Alkohol getrunken. Selbstmedikation. In der Hoffnung, diesen quälenden Zustand wenigstens für eine kurze Zeit überwinden zu können und den verheerenden immer schwindelerregender Gedankenspiralen für ein paar Stunden zu entkommen. Sich abwechselnden Schmerz, Traurigkeit, Hoffnungslosigkeit, Qual und Verzweiflung betäuben zu können. Einfach vergessen, was da gerade mit mir passierte. Vergessen waren am nächsten Morgen lediglich sämtliche Details des vorherigen Abends. Alles andere war immer noch da. Knallte mit noch stärkerer Wucht in mein Bewusstsein, noch bevor ich morgens verkatert die Augen öffnete.

Seit jenem Abend am 24. September 2017 habe ich keinen Tropfen Alkohol mehr angerührt. Und ich weiß, dass das auch so bleiben wird. Entgegen einiger Meinungen und nicht erwähnenswerter Kommentare von unwichtigen Menschen in einem der Vergangenheit angehörenden Umfeld. Einer der Vergangenheit angehörenden Lebensphase. „Lisa trinkt keinen Alkohol mehr, ja, genau!“. Mein über die Jahre anscheinend äußerst erfolgreich etabliertes Partyanimal-Image stellte sich als ziemlich hartnäckig heraus. „Find ich ja ganz cool, aber du wirst bestimmt irgendwann in deinem Leben mal wieder was trinken, ’n Sektchen zu Silvester oder so“. Der Blick und Kommentar des Supermarktverkäufers, den ich nach dem Regal mit dem alkoholfreien Sekt fragte: „Wer trinkt denn so was?“ Erst als ich ihm trocken entgegnete, dass ich schwanger sei, war sein kleines beschränktes Weltbild wieder hergestellt. Sein grunzendes Lachen sprach Bände der Erleichterung.

Rausch als Regel?

Frühere Partybekanntschaften, die „ganz sicher nicht mit Wasser anstoßen“ würden. „Komm, jetzt trink doch was mit! Ein Bier geht doch!“. „Wie, du bist jetzt gerade komplett nüchtern?? Nicht mal Emma oder so? Hätte hier noch ’nen Joint?“- „Wie hältst du das hier nur nüchtern aus…“ Partys mit Leuten oder Musik, die mir nicht zusagten und die ich mir früher vermutlich schön getrunken hätte, verließ ich frühzeitig oder ging einfach nicht hin. Ohne seitdem jemals das Gefühl gehabt zu haben, etwas zu verpassen. Gut gemeinte Solidaritäts-Versuche à la „Ich trinke heute auch einfach mal nichts“, die in den seltensten Fällen erfolgreich waren. War wohl doch nicht ganz so einfach. Die Erkenntnis, dass Alkohol trinken weitaus mehr zu unserer Gesellschaft gehört und von ihr akzeptiert wird, als keinen Alkohol zu trinken. Dass du dafür eine Erklärung brauchst. Und dass du, wenn du nicht gerade schwanger oder trockene/r Alkoholiker/in bist, manchmal ganz schön schlechte Karten haben kannst. Allerdings nur bei Gegnern. Nicht bei Mitspielern.

Diese stellten in dieser Übergangsphase und auch bis heute zum Glück die deutliche Mehrheit dar. Größtenteils bin ich in meinem sozialen Umfeld, in meiner Familie und meinem engen Freundeskreis sowieso, ausschließlich auf Verständnis, Unterstützung und vor allem auch Respekt gestoßen. Meine Familie, die ohne Nachfragen und nur aus Solidarität auch immer mal wieder über längere Zeit keinen Alkohol trinkt. Freunde, die bei einem gemeinsamen Essen nachfragen, ob es in Ordnung ist, wenn sie Alkohol trinken. Obwohl ich niemals auch nur daran gedacht hätte, diese Frage mit Nein zu beantworten geschweige denn es verlangen würde. Die trotzdem jedes Mal auf’s Neue fragen. Und es manchmal auch ohne Fragen einfach nicht tun und mit mir das alkoholfreie Alsterwasser teilen. Bekannte, die ich nur ab und zu sehe, die es sich trotzdem gemerkt haben und mir seitdem nie wieder Alkohol angeboten haben. Bis heute kenne ich genau eine einzige Person in meinem gesamten sozialen Umfeld, die wie ich komplett abstinent lebt. Der Austausch mit ihr gibt mir viel.

Bin ich (nicht) auch nur ein Mensch?

Mein absoluter Favorit der Reaktionen im Außen ist und bleibt der Kommentar eines Arztes in der Klinik, nachdem er mich gerade über die Wechselwirkungen meiner gerade neu aufdosierten Medikamente mit Alkoholkonsum aufgeklärt hatte. Mit seinem eigentlich so sympathischen und immer etwas spitzbübischen Grinsen blinzelte er mich sichtlich vergnügt durch seine lustige Hipsterbrille an und verpasste seiner Aufklärung über die unendliche Liste der negativen Auswirkungen von Alkoholkonsum sowohl auf mein Krankheitsbild aus auch die lebenslange Medikamenteneinnahme eine bühnenreife Pointe: „Aber Frau Waldherr, genau wie Sie selbst weiß natürlich auch ich, dass Sie halt nur ein Mensch sind und auch mal wieder feiern und Alkohol trinken werden.“ Natürlich! Wer keinen Alkohol trinkt ist schließlich auch kein Mensch!

Duell der Substanzen

Aber in gewisser Hinsicht hatte er tatsächlich Recht. Keiner der Menschen, die ich kenne, die mit verschiedenen Arten von psychischen Erkrankungen zu tun haben – und das sind mittlerweile einige – verzichtet auf Alkohol. Vorweg ist es mir an dieser Stelle wichtig, klar zu machen, dass jeder Mensch für sich selbst und für sein eigenes Glück verantwortlich ist, jeder machen kann und soll, was er will, für sich selbst entscheiden sowie die Verantwortung und Konsequenzen seiner Handlungen und seines Verhaltens tragen muss. Und trotzdem erstaunt es mich doch immer wieder, dass anscheinend kaum jemand Bedenken dabei hat, Medikamente, die so unmittelbar und kontinuierlich in unseren Hirnstoffwechsel eingreifen und dort sämtliche Wirkmechanismen, die uns das Leben retten können oder es bereits mehrmals getan haben, entfalten, mit Alkohol oder anderen natürlichen oder chemischen bewusstseinsverändernden Substanzen zu kombinieren. Und sich dann fragen, warum sich ihre Depressionen verschlimmern oder immer wiederkehren, sie in eine Manie schlittern oder Psychosen entwickeln. All das niemals in Verbindung mit ihrem Konsum bringen würden und vor allem nicht wollen. Denn es macht ja Spaß. Und tut in dem Moment doch auch gut. Oder nicht? Die Magie des Moments ist trügerisch. Und all zu schnell verflogen. Ich habe über längere Zeit hinweg so gerne, wild und exzessiv getrunken und gefeiert, dass es weh tat. Allerdings nicht nur am nächsten Morgen.

Vorhang auf!

Ich empfinde es als schmalen Grad, meine Zeilen hier nicht einer Moralapostelei zuzuordnen. Das sollen sie keineswegs sein. Meine Motivation, diesen Blog zu schreiben, besteht zu einem großen Teil darin, meine Erfahrungen, sowohl die negativen als auch die positiven, möglichst genau zu schildern. Die Erkenntnisse, die ich in verschiedenen Bereichen und Hinsichten für mich über einen langen Zeitraum gewonnen habe. Die Schlüsse, zu denen ich irgendwann, manchmal mehr, manchmal weniger schmerzhaft, gekommen bin. Konsequenzen, die ich letztendlich gezogen habe. Ziehen musste, um mich selbst zu schützen. Manchmal gegen meinen Verstand. Manchmal gegen mein Herz. Und trotzdem weiß ich, dass manche von ihnen für mich überlebenswichtig waren. Es nach wie vor sind. Und auch bleiben werden. Es gibt Aspekte der bipolaren Erkrankung, wie wir weder als Betroffene noch als Angehörige beeinflussen können. Die sich unserer Macht entziehen. Genau so gibt es aber auch viele Bereiche, die wir durch unser eigenes Verhalten und unsere Lebensweise positiv beeinflussen, uns unserer Selbstwirksamkeit bewusst werden können. Erkennen, dass wir nicht wie hilflose Marionetten von der Krankheit durch unser Leben geschleift werden müssen, sondern in den allermeisten Fällen zumindest einige der Fäden noch selbst in der Hand halten. Sie vor dem Absturz bewahren können, auch wenn sie mal nur noch an einem Faden hängen. Die Figuren tanzen lassen können. Es liegt an uns, diese Fäden in der Hand zu behalten.

Selbstmedikation vs. Komorbidität

Einer dieser Fäden ist meiner Meinung nach der Konsum von Alkohol und anderen bewusstseinsverändernden Substanzen. Weswegen es mir so wichtig ist, diesem Thema hiermit einen eigenen Artikel zu widmen. In naher Zukunft wird ein Artikel folgen, der sich nicht wie dieser meinen persönlichen Erfahrungen diesbezüglich widmen, sondern die wissenschaftliche Hintergründe der Thematik beleuchten wird. Diverse Fachliteratur zur bipolaren Erkrankung legen die Vermutung nahe, dass bipolare Erkrankungen in Kombination mit regelmäßigem und/oder übermäßigem Alkoholkonsum äußerst schwer unter Kontrolle zu bekommen sind und eine langfristige stabile Stimmungslage unter dessen Einfluss sehr viel unwahrscheinlicher ist. Dass sämtliche bewusstseinsverändernde Substanzen den Verlauf der Erkrankung negativ beeinflussen können. Wobei außerdem erwähnt werden muss, dass eine Unterscheidung zwischen exzessivem Trinken als Selbstmedikation oder Symptom während einer depressiven oder (hypo-)manen Phase einerseits und Alkoholmissbrauch oder -sucht als Komorbidität (eine Begleiterkrankung der Grunderkrankung (in diesem Fall die bipolare Erkrankung), die diagnostisch klar voneinander abzugrenzen sind) andererseits sehr schwer und der Übergang oft fließend ist.*

* Die in diesem Abschnitt aufgeführten wissenschaftlichen Hintergründe habe ich mir im Laufe der letzten Jahre aus diversen Quellen angelesen und für diesen Artikel mit bestem Gewissen aus meinem Gedächtnis zusammengetragen, ohne die Quellen aktuell noch vorliegen zu haben. Da es sich bei diesem Blogbeitrag außerdem nicht um eine wissenschaftliche Arbeit handelt, werde ich hier keine Quellen zitieren. Deswegen besteht bezüglich dieses Abschnitts allerdings auch kein Anspruch auf wissenschaftliche Vollständigkeit. Im bereits angekündigten Artikel über die wissenschaftlichen Hintergründe der bipolaren Erkrankung werde ich dies nachholen.

Jede Jagd hat ein Ende

Rückblickend kann ich dazu einfach nur sagen, dass sich meine Hochs und Tiefs in keiner Zeit so erbarmungslos und unberechenbar jagten wie in den Jahren, in denen ich regelmäßig und überdurchschnittlich viel Alkohol konsumiert habe. Nie wieder so hoch geflogen bin. Und auch nie wieder so tief gefallen.

Eine allmähliche Stabilisierung meiner Stimmungslage begann erst, nachdem ich am 24. September 2017 meine Entscheidung für ein abstinentes Leben getroffen hatte.

Für keinen Rausch der Welt würde ich diese jemals wieder auf’s Spiel setzen.

Man könnte fast meinen

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Antidepressiva für Android

Vielleicht liegt es daran, dass mein Algorithmus auf dem Handy durch alles zum Thema psychischer Gesundheit und psychischer Erkrankungen, was mich nun mal interessiert und was ich mir gerne durchlese, mittlerweile selbst schon total depressiv ist und mir nur noch Artikel darüber anzeigt, was Corona mit unserer Psyche macht, bisher gemacht hat und noch machen wird und welche negativen Auswirkungen all das Hin und Her und die soziale Isolation und die Unsicherheit auf die menschliche Psyche haben wird und welch schreckliche Langzeitfolgen uns drohen werden. Und wie viel schlimmer es dieses Mal ist, nicht nur, weil die Zahlen viel höher sind als bei der ersten Welle, sondern weil da wenigsten Frühling war und es jetzt einfach nur kalt und nass und dunkel ist. November halt. Wenn man nicht vorher schon depressiv war, dann haben manche dieser Artikel auf jeden Fall sehr großes Potenzial, den mentalen Verfall beeindruckend zu beschleunigen. Ganz ohne Fake-News und Mopo. Warum das nicht sein muss und welche Rolle unsere Sichtweise auf das Ganze auch hier mal wieder spielt, gibt’s im zweiten Teil des Artikels zu lesen. Denn auch wenn wir uns das noch so sehr wünschen, wird aus Herbst, kalt und dunkel nicht plötzlich Frühling und Vogelgezwitscher und Maiglöckchen.

Sehe ich. Anders.

Versteht mich nicht falsch, viele dieser Dinge treffen natürlich zu und dürfen keineswegs auf die leichte Schulter genommen werden. Das steht für heute allerdings auf einem anderen Blatt geschrieben. Nach einer kurzen Bestandsaufnahme möchte ich den zweiten Teil dieses Artikels nutzen, um uns Mut zu machen, die Dinge vielleicht von einer anderen Perspektive zu betrachten, die trotzdem realistisch und nicht verleugnend ist, mit der es uns aber etwas besser geht. Tag für Tag und Schritt für Schritt leben. Trotzdem, ja, immer noch und weiterhin, versuchen, uns auf die positiven Dinge im Alltag und erstmal der Gegenwart zu konzentrieren, auch wenn sie noch so klein sind. Auch wenn wir vielleicht echt die Schnauze voll davon haben, immer noch in einem riesigen Haufen Müll nach etwas doch noch Brauchbarem zu suchen. Und mittlerweile zu der Erkenntnis kommen durften, dass wir uns eben nicht zu allem Übel auch noch selbst unter Druck setzen sollten, das Beste aus einer Pandemie machen und am besten mit diversen Koch-, Back- und Schrankaussortierskills gestärkt, durchtrainiert und wie ein neuer Mensch aus ihr hervorgehen müssen. Alles legitim.

Keinen Bock mehr auf die ganze Corona-Scheiße mehr haben, dieses Wort am liebsten nie wieder hören, sehen oder schreiben zu müssen und uns einfach nur wünschen, dass es vorbei ist. Unser altes Leben zurückhaben wollen, manche Dinge schmerzlich vermissen und uns einfach nicht damit abfinden wollen, dass wir gerade nicht alles haben können, was wir wollen, auch wenn wir wissen, dass Krieg oder Flüchtlingslager schlimmer sind als Couch und Home Office. Auch all das ist mehr als legitim.

Worry-Windowshopping

Aber ganz ehrlich? Es kann mir keiner von euch erzählen, dass es euch besser damit geht, wenn ihr euch all diese Dinge die ganze Zeit bewusst macht und darüber nachdenkt, was alles gerade nicht geht, was fehlt und was scheiße ist. Vielleicht können wir hier einen Kompromiss finden, der daraus besteht, diese negativen Gedanken, Gefühle und Reaktionen zuzulassen und ihnen für eine gewisse Zeit Raum zu geben. So wie es uns ja immer so fein geraten wird, Achtsamkeit und so, blaaaa blubb. Ich halte sehr viel von Achtsamkeit und vielem, was damit zusammenhängt und es ist schon lange ein Teil meines Lebens, der sehr positiv zu meiner psychischen (und physischen) Gesundheit beiträgt. Aber: Wir müssen keineswegs alles freundlich begrüßen. Es reicht auch mal, sich etwas einmal kurz anzuschauen und dann zu beschließen, dass wir gerade keinen Bock darauf haben und deswegen auf dem Absatz wieder kehrt machen. Worry-Windowshopping sozusagen. Dass wir jetzt gerade nicht die Ressourcen und Kapazitäten haben, uns das zu leisten. Und dass wir ja aber wiederkommen können, wenn wir wollen und es vielleicht besser passt. Wir haben also einmal reingeguckt und schlendern weiter zum nächsten Fenster, in dem es vielleicht besser aussieht. Dessen Auslage uns besser fühlen lässt, wir deswegen den Laden betreten, um uns ein bisschen umzuschauen. Und vielleicht sogar etwas mitzunehmen.

Kollateralschaden der Seele

Ich selbst habe es während des ersten Lockdowns am eigenen Leib erfahren, als ich mich, kurz bevor die erste Welle so richtig in Schwung kam, dummerweise schon in einer depressiven Phase befunden hatte und dementsprechend schlecht gewappnet war für die mentale Herausforderung, die die Pandemie, der Lockdown, die Isolation, die Arbeitslosigkeit und das plötzliche Wegfallen sämtlicher Strukturen so mit sich brachte. Und ich finde, die Tatsache, dass all das, was da gerade in und mit unserer Welt und unserem Leben passiert, uns nicht kalt lässt, zeigt, dass wir menschlich sind. Wäre es nicht ziemlich erschreckend und traurig, wenn es anders wäre? Ich finde schon. Und ich bin auch der Meinung, ohne die Auswirkungen auf ALLE Menschen zu vernachlässigen, dass psychisch kranke Menschen oder Menschen mit bestimmten psychischen Belastungen oder Vorerkrankungen genau so zur Risikogruppe von Corona zählen wie Menschen mit physischen Vorerkrankungen. Deren Gefährdung nicht in erster Linie durch den, im Falle einer Ansteckung, Verlauf oder die Folgen des Virus, sondern in den Umständen besteht, unter denen wir unser Leben gerade zwangsläufig führen müssen. Es kursieren seit Monaten diverse Studien und Statistiken über eine Zunahme von psychischen Belastungserscheinungen, Depressionen, etc. im Netz, auf die ich mich hier aber nicht berufen möchte, weil ich nicht sicher bin, wie verlässlich sie sind. Aber dass fast alle das gleiche sagen, könnte uns zum Nachdenken bringen. Einerseits will ich hier heute keine Worst-Case-Szenarien kreieren, aber einfach wegschauen hilft bekanntlich auch nicht. Deswegen meine Frage hier: Macht es einen Unterschied, ob ein Mensch am Virus selbst oder durch Suizid als Kollateralschaden der Pandemie stirbt? Diese Frage muss sicher jeder für sich beantworten, aber danach können wir vielleicht nochmal über die Risikogruppen nachdenken.

Ist das noch im Rahmen?

Eine der wichtigsten Komponenten für eine langfristige Stabilität, sowohl bei unipolaren als auch bei bipolaren Depressionen, sind einigermaßen feste Strukturen. Eine gewisse Regelmäßigkeit im Alltag, gewisse Wochen- und Tagesabläufe. Einer Tätigkeit nachzugehen, eine Aufgabe zu haben, die einem Spaß macht oder die man zumindest als sinnvoll empfindet, sei es ein Job oder ein Ehrenamt oder was auch immer. Die meisten Menschen ziehen sich in einer Depression zurück, weil sie keinen Antrieb mehr haben, ihnen alles zu viel wird, sie einfach nur erschöpft sind, anderen nicht zur Last fallen wollen…es gibt tausende Gründe. Ausnahmen bestätigen die Regel, ich gebe hier wieder, wie ich es von mir und allen anderen Menschen in meinem Umfeld kenne, die mit Depressionen zu kämpfen haben oder hatten. Dies kann bis zur vollständigen Isolation gehen, in der man nicht mehr aufsteht, nicht mehr das Haus verlässt, einfach gar nichts mehr macht. Und in den allerallermeisten Fällen ist das überhaupt gar nicht gut. Lässt einen noch viel tiefer fallen, sich noch verlorener, hoffnungsloser und verzweifelter fühlen. Ganz allein mit seinen Gedanken, Gefühlen und Ängsten.

Mir fehlt was, was dir auch fehlt

Auch wenn jeder*r von uns andere Bedürfnisse haben mag, was das Ausmaß und die Intensität unserer sozialen Interaktionen angeht, ob wir gut und gerne allein sein können und uns ein paar wenige enge gute Freundi*nnen reichen, um uns wohl und als Teil von etwas zu fühlen, oder ob wir am liebsten ständig unter Leuten, am besten vielen auf einmal, und gar nicht gerne alleine sind, der Mensch ist und bleibt ein soziales Wesen. Soziale Kontakte, Nähe und Berührungen gehören zu unseren Grundbedürfnissen wie Essen, Trinken und Schlafen, auch wenn wir das Bedürfnis nach menschlicher (oder tierischer?) Nähe vielleicht nicht so unmittelbar spüren wie Hunger, Durst und Müdigkeit. Und unser Körper durch das Fehlen eben jener nicht innerhalb von ein paar Stunden rebelliert, wie wenn wir nichts zu essen bekommen, sondern dafür ein bisschen länger braucht und sich anders äußert.

Gut isoliert und doch so kalt

Aber zurück zum Thema: Darüber dass soziale Isolation auf Dauer weder für psychisch gesunde oder im Moment stabile noch für psychisch kranke und/oder vorbelastete Menschen gut ist, sind sich die meisten von uns wahrscheinlich einig. Ich möchte hier aber gerne nochmal den Bogen zum vorletzten Absatz schlagen: Den Einfluss, den die Umstände, die Einschränkungen und Veränderungen in unserem Leben, die die Pandemie mit sich bringt, auf bereits vorhandene psychische Krankheiten oder Beeinträchtigungen haben. Wenn eine feste Alltagsstruktur und ein stabiles soziales Netz wie oben erwähnt so elementar für den Verlauf von beispielsweise Depressionen sind, sowohl rehabilitativ als auch präventiv, dann ist das ehrlich gesagt ganz schön kontraproduktiv, wenn Betroffene coronabedingt nun dazu gezwungen sind, Dinge zu tun, die sie eigentlich gelernt haben, zu vermeiden, weil sie wissen, dass sie negative Auswirkungen auf ihre Erkrankung hat.

Wenn der Zwang plötzlich Alltag ist

Eine der ersten Fragen, die im Frühjahr so alle in meinem Kopf umherspukten, war, wie es wohl Menschen mit Zwangsstörungen gerade ergeht. Ich stellte mir vor, wie ein Mensch mit Waschzwang vielleicht über die Zeit mühsam gelernt hat, diesen in den Griff zu bekommen und sich nicht mehr ständig wie ferngesteuert die Hände zu waschen. Der sich jetzt plötzlich am besten den ganzen Tag die Hände waschen soll, mit ganz viel Seife und ganz gründlich, inklusive Fingernägel und mindestens 20 Sekunden, besser vielleicht 30 und dann bitte noch möglichst oft desinfizieren. Alle Behandlungserfolge zu Asche zu Staub. Oder Menschen mit Hypochondrie und (Krankheits-)phobien, jemand, der vielleicht schon sein halbes Leben lang mit einer Virus- oder Pandemiephobie kämpft und dessen schlimmster Albtraum gerade wahr wird. Das sind Gruppen, genau so wie die Opfer von häuslicher Gewalt oder Suchtkranke (wie beispielsweise trockene Alkoholiker) während des Lockdowns einer ganz anderen und sehr viel höheren Gefahr einer Verschlimmerung ihrer Situation oder eines Rückfalls ausgesetzt sind, die zwischen all unseren individuellen Sorgen, Ängsten und Herausforderungen oft untergehen. Die Liste könnte man hier noch endlos weiterführen, aber ich möchte nach wie vor in der Tiefe nur über das schreiben, mit dem ich mich wirklich auskenne. Zu anderen Themen sollen wenn dann nur Betroffene selbst in Form eines Gastartikels berichten, da habe ich für die Zukunft schon einiges in petto, worauf ihr gespannt sein dürft. Also soll es hier heut um psychisch erkrankte Menschen, im Speziellen Betroffene von Depressionen gehen.

Nix wie rauf auf den Deich!

Soziale Isolation kann sowohl Ursache als auch Symptom einer Depression sein. Und nun sollen sich Betroffene sozial isolieren. Je nach Tätigkeit, die sie gerade ausgeübt haben, verändern sich diese und ihr Alltag dadurch eventuell total, oder die Struktur, die so ein Job unserem Alltag in der Regel immer auf eine gewisse Art und Weise gibt, bricht von einem auf den anderen Tag komplett weg. Selbst wenn sich Betroffene nicht in einer akuten Phase befinden, werden sie dadurch zwangsläufig und ungefragt in Verhaltensmuster und Situationen gedrängt, die sie sonst nur aus ihren depressiven Phasen kennen. Rückzug. Keine Struktur im Alltag. Morgens nicht aufstehen müssen. Das dann auch nicht tun. Und so weiter und so fort. Genau darin besteht die Gefahr. Immer mehr bringen diese Herausforderungen nicht nur psychisch kranke Menschen, sondern auch den Rest der Menschheit, die mit psychischen Belastungen in ihrem Leben bisher noch nicht so viel am Hut hatten, an ihre Grenzen. Wenn langsam selbst die mentalen Felsen in der Brandung unserer Gesellschaft Halt zu verlieren drohen, wird vielleicht klar, in welch heftigem Sturm sich die von uns gerade befinden, die mit einem weniger stabilen Fundament ausgestattet sind. Und die Wellen sie kommen und kommen.

Erste Selbsthilfe

Wie immer versuche ich bei den Worten, die ich schreibe, einen so vorsichtigen und sensiblen Umgang wie möglich zu erreichen und möchte deswegen an dieser Stelle sagen, dass das, was ich im Folgenden schreibe, in erster Linie nicht für akute und schwere depressive Episoden gedacht ist. Weil dann schon ein Punkt erreicht ist, wo solche Verhaltensweisen, Denkmuster oder Sichtweisen nicht mehr möglich sind oder nicht funktionieren. Wo fremde, meist professionelle Hilfe nötig ist. Hier geht es um Selbsthilfe. Und uns selbst helfen können wir nur dann, wenn wir stabil genug sind, um auf Ressourcen und Tools zurückgreifen zu können, die wir uns über die Zeit erarbeitet und geschaffen haben.

Ich möchte mit meinen Erzählungen und Vorschlägen von dem, was mir aktuell hilft, trotz Arbeitslosigkeit, fehlender Struktur von außen, Lockdown und sozialer Isolation mit der Situation umzugehen, gut für mich zu sorgen und stabil zu bleiben, keineswegs jemanden unter Druck setzen, dem all das gerade einfach nicht möglich ist, sondern lediglich meine persönlichen Erfahrungen weitergeben, die anderen Betroffenen vielleicht auch helfen können. All das wäre mir mitten in der akuten depressiven Phase im Frühjahr nicht in dieser Form möglich gewesen, weil ich teilweise weder die Kraft noch den Antrieb gehabt hätte. Jetzt befinde ich mich gerade seit Längerem in einer sehr stabilen Phase, was einerseits an all dem liegt, was ich dafür tue und andererseits all das, was ich tue wiederum so viel leichter fallen lässt, als wenn es mir schlecht geht.

Ein Engelskreis sozusagen. Losgelöst von jeglicher Religiosität.

***FORTSETZUNG FOLGT***

Wo Großhartzigkeit klein geschrieben wird.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Jeder für sich

Es ist eine Sache, aufgrund von Corona seinen krisensicheren Job vorerst aus dem Home Office ausüben zu müssen. Was, versteht mich bitte nicht falsch, ganz bestimmt diverse andere und nicht minder schwierige Herausforderungen mit sich bringt und das vor allem im Frühjahr tat, als Schulen und Kindergärten geschlossen waren, die gesamte Familie zusammen zu Hause war und die Eltern oder alleinerziehende Mütter und Väter irgendwie ihre eigene Arbeit von zu Hause aus, den Haushalt, die Kinderbetreuung und zusätzlich noch einen Teil des Home Schoolings übernehmen oder zumindest beaufsichtigen mussten. Es ist eine Sache, wenn man aufgrund von Corona nicht mehr 100 % arbeiten kann und vorübergehend auf Kurzarbeit ist. Bisher ein ganz passables Gehalt bezogen hat und nun zwar finanziell etwas kürzer treten, aber noch nicht auf die Butter verzichten muss, weil die nicht mehr drin ist. Vielleicht einen Arbeitgeber hat, der es sich leisten kann, seinen Angestellten das Kurzarbeitergeld auf das bisherige Gehalt aufzustocken. Auch wenn man auf 0 ist.

Von 100 auf 0

Es ist eine andere Sache, wenn man in der Gastronomie arbeitet und erstmal wieder gar nicht arbeiten kann. Wie in dieser Branche nicht unüblich eigentlich vom Trinkgeld lebt. Nach Abzug der Fixkosten kaum mehr etwas übrig bleibt. Und jetzt auf Kurzarbeit 0 ist. Von den 70 Prozent des bisherigen Nettoentgelts, die ab dem vierten Monat KUG dessen Berechnung zugrunde liegen, könnte man sich nicht mal den winterfesten Schlafsack für’s Campen in einem Zelt 50 km außerhalb der Stadt leisten. Wenn es nicht so dramatisch wäre, wäre es fast schon lustig. Was bei einem geschlossenen Laden an Trinkgeld übrig bleibt, kann man sich ja recht schnell ausrechnen. Selbst schuld, wer in der Gastro arbeitet?

You cannot leave your head on!

Aber selbst das kann mich mittlerweile nicht mehr umhauen. Man lernt schließlich nie aus. Nachdem ich durch das vereinfachte und unbürokratische Verfahren während des ersten Lockdowns im Frühjahr mehrere Monate auf das Geld vom Jobcenter warten und alle zwei Tage eine andere noch fehlende Unterlage nachreichen durfte, von deren Relevanz sie offensichtlich erst nach dem Eintreffen der von ihnen im Brief davor eingeforderten Unterlagen erfahren hatten, und einmal einen kompletten Identitätsstriptease hinlegen musste, dachte ich mir dieses mal, ha! Ich kenn mich ja jetzt aus! Und schickte ihnen direkt am ersten Tag des Lockdown Lights die über zwanzig Anhänge, die sich im Laufe des ersten Verfahrens angesammelt hatten, inklusive einer mehr als ausführlichen Mail, in der ich alle angehängten Dokumente noch einmal auflistete und erklärte. Gott, war ich organisiert! So musste sich erwachsen sein anfühlen!

Finde den Anhang!

Zwei Tage später waren bereits zwei Briefe vom Jobcenter im Briefkasten. In dem einen befand sich ein lupenreiner Copy & Paste von der Liste, die ich ihnen in meiner Mail mitgeschickt hatte, versehen mit einem Ausdruck des Bedauerns darüber, dass sie leider all diese Dokumente nicht erhalten hätten. Kurz danach hatten sie aber wohl festgestellt, dass sich Anhänge, wie deren Name schon sagt, tatsächlich meistens im ANHANG der Mail befinden und direkt noch einen Brief hinterhergeschickt, in dem all diese Dokumente jetzt wohl doch nicht mehr fehlten, dafür aber dann doch noch ein paar andere, von denen noch nie zuvor jemals die Rede gewesen war. Außerdem würden sie gerne wissen, ob ich denn noch eine andere Tätigkeit ausüben würde als die von mir angegebenen. Dass mir das aber auch keiner gesagt hat! Dann muss ich wohl all die anderen Nebenjobs, die ich noch heimlich ausübe, auch noch auflisten. Die sind aber auch gemein! Und die Lohnabrechnung für November bräuchten sie natürlich noch, am besten jetzt gleich. Es ist Anfang November.

Paket der besonderen Art

In den Medien hieß es zu Beginn des zweiten Lockdowns erst wieder, es werde nicht nur einen vereinfachten und unbürokratischen Zugang zum Antrag von Hartz 4 geben, sondern es wird außerdem vorerst auf die sonst übliche Vermögensprüfung verzichtet werden. Welch großherzige Güte Sie haben walten lassen! Diesbezüglich hat das liebe Jobcenter sein Versprechen ganz brav eingehalten: Sie haben mich nicht nach meinem Vermögen gefragt! Aber sämtliche Kontoauszüge der letzten Monate bis tagesaktuell hätten sie dann aber trotzdem gerne. Oh! Haben wir da etwa eine 5,99 Euro-Paypal-Gutschrift für den letzten Windeltortenmoneypool entdeckt? Dann schicken Sie uns doch bei der Gelegenheit bitte direkt auch noch sämtliche Nachweise über jegliche Transaktionen auf ihrem Paypal-Konto der letzten zwanzig Jahre! Ich muss mich schwer zusammenreißen, nicht einfach in ein kleines aber feines DHL-Paket zu kacken und es ihnen mit Schleife und per Expresslieferung zukommen zu lassen. Damit sie sich, weil sie nämlich so verdammt schlau sind, direkt selbst um die Stuhlprobe kümmern und mich nicht im nächsten Brief erst fragen müssen, ob ich auch wirklich nur das gegessen habe, was sie da jetzt gerade gefunden haben oder ob ich da nicht etwa doch vielleicht heimlich einen Teil der von mir aufgenommenen Nahrung mit höchstkrimineller Energie durch meine Blase statt meinen Darm gejagt und diese wertvollen Informationen zu meiner Identität in einer nicht minder kriminellen Nacht- und Nebelaktion unwiederbringlich und ohne Rücksicht auf Verluste einfach in den nächsten Busch gepisst habe.

Hat dich jemand gefragt?

Ich möchte an dieser Stelle nur noch einmal kurz klarstellen, dass es sich hier gerade um eine Situation handelt, in der viele Menschen gezwungen sind, diese Anträge zu stellen und auf Hilfe vom Staat angewiesen sind, um ihre Existenz zu sichern. Nicht, weil sie einfach keinen Bock auf Arbeiten haben und lieber den ganzen Tag Zigaretten stopfen und wahlweise RTL 2 schauen oder sich von ihnen filmen lassen. Sondern einfach nur, weil ihnen gerade keine andere Wahl bleibt. Nichts gegen Zigaretten stopfen. Ich frage mich nicht zum ersten Mal, wie jemand, der sich in einer akuten psychischen Krise befindet oder angesichts der aktuellen Situation einfach psychisch labiler ist als sonst, jemand, der gerade depressiv ist, auch nur annähernd die Kraft und Energie aufbringen soll, diese Mühlen der Bürokratie irgendwie in Bewegung zu setzen. Zumal Krisen, als welche sich die Corona-Pandemie denke ich bezeichnen darf, immer auch eine gewisse psychische Belastung darstellen. Für alle Betroffenen. Egal ob psychisch vorbelastet oder nicht.

Schlimmer geht (n)immer

Natürlich gibt es auch hier wie immer verschiedene Betrachtungsweisen. Manch einer mag vielleicht finden, dass das Jammern auf hohem Niveau ist. Dass wir froh sein können, in einem Land zu leben, in dem es überhaupt so etwas wie finanzielle Unterstützung vom Staat gibt. Das stimmt. Dass wir dankbar sein können, wenn seit Beginn der Pandemie bisher „nur“ unsere Finanzen den Bach runtergegangen sind, aber nicht unsere Gesundheit. Stimmt auch. Dass es noch mal eine ganz andere Belastung ist, wenn man selbstständig ist, ein Unternehmen führt und die gesamte Existenz von der Krise gefährdet wird. Auch das stimmt. Aber nur weil es im Leben immer auch schlimmer (oder auch besser) geht, heißt das nicht automatisch, dass unsere individuellen Sorgen und Probleme deswegen keine Daseinsberechtigung haben. Und nur weil es nichts bringt und vergeudete Zeit und Energie ist, heißt das nicht, dass wir uns da mal nicht ordentlich drüber aufregen dürfen.

Post. Traumatisch.

Nachdem ich mich ein bisschen abgeregt und den ersten Brief mit den wie von Geisterhand im ominösen Anhangsnirwana von googlemail verschollenen Dateien direkt in die Tonne gekloppt habe, wird der tägliche Gang zum Briefkasten ab sofort zu einer fast schon liebgewonnenen neuen Routine. Ist fast wie Weihnachten. Man weiß nie, was einen hinter dem nächsten Türchen erwartet. Es bleibt spannend! Mal schauen, was heute noch so alles schief läuft!

Es ist nicht nur, dass die einen offensichtlich am liebsten nackt und in Embryostellung auf dem Seziertisch haben wollen. Oder dass solche Anträge und Ämter allgemein nicht unbedingt zu unseren liebsten Freizeitbeschäftigungen oder Zeitgenossen zählen. Es kotzt mich einfach an, dass sie große Töne spucken, wie unbürokratisch und schnell und vereinfacht das ja jetzt gerade alles ist. Extra für euch! Weil wir so nett sind! Einen aber in Wirklichkeit bis aufs Blut und teilweise über Monate hinweg drangsalieren, bis man die paar Euro bekommt, die einem in dieser nicht selbst gewählten Ausnahmesituation schlicht und ergreifend zustehen.

Sich als etwas ausgeben, das sie nun mal einfach nicht sind. Nämlich unbürokratisch und schnell.

Nur weil du Türen hast biste noch lange kein Adventskalender.

Gemeinsam. Nicht einsam.

Bildquelle: Stefan K.

Das verschieb ich mal getrost auf morgen!

Ich bin nach langem Überlegen soeben zu dem Schluss gekommen, dass weder der Sauberheitsgrad meines Küchenbodens noch der meiner Ohren kriegsentscheidend für die Konzentration auf das Schreiben dieses neuen Blogartikels ist. Wer hätte das gedacht! Als Meisterin der Prokrastination hat mich diese Erkenntnis nicht gerade wie ein Hammerschlag getroffen und doch finde ich es immer wieder deprimierend, dass selbst das Wissen um die Hintergründe dieses Phänomens ebenjenes offensichtlich trotzdem nicht verhindern kann. Da kann ich mir leider noch so viele Youtube-Videos zum Thema anschauen. In kleinen Schritten denken, jaja, blabla. Weiß ich alles. Bei mir funktioniert eigentlich „einfach“ anfangen am besten. Einfach eine super Idee! Wenn das „einfach“ seinem Ruf wenigstens das kleine letzte bisschen Ehre gönnen würde.

Ursache oder Symptom?

Oft ist das erfolgreiche Prokrastinieren nur das Symptom. Bei mir sind die Ansprüche an mich selbst und mein Perfektionismus die Ursache. Nur das Symptom zu behandeln, wäre wie vergnügt Psychopharmaka einzuwerfen, ohne sein Lebensumstände und viele anderen Aspekte zu überdenken und sich geeignete Hilfe zu suchen. Hilft vielleicht kurz, hat aber keine langfristigen Erfolgsaussichten. An die Ursache müssen wir ran. Ich versuche mich also davon zu überzeugen, dass dieser Blogartikel nicht perfekt werden muss und das auch gar nicht kann oder soll. Weil es darum auch überhaupt nicht geht. Es geht darum, dass ich ihn überhaupt schreibe. Hiermit wäre der kleine Exkurs in meine Affinität zur Prokrastination auch schon wieder beendet und wenn ich es nicht so lange vor mir herschiebe, bis ich es aus den Augen verliere, schreibe ich vielleicht bald mal einen eigenen Blogartikel zum Thema.

Next!

Wir befinden uns nun also mitten in der zweiten Welle und im Lockdown Light. Die Pandemie geht in die nächste Runde. Während mich die erste in einer sowieso schon depressiven Phase kalt erwischt hatte, bin ich dieses Mal so stabil wie schon lange nicht mehr. Zum Thema psychischer Stabilität in Krisenzeiten (besonders auch in Corona-Zeiten) und wie ich persönlich mir diese gerade schaffe und bewahre gibt es mehr im nächsten Blogartikel!

Lasst es uns einfach „Glitzerkacke“ nennen!

Ich traue es mich so mitten in der Krise ja kaum zu sagen, aber es geht mir gerade tatsächlich einfach nur gut. Ich bin tiefenentspannt, glücklich, zufrieden und sehr bei mir. Ich konnte so viel Kraft und Energie aus den Erlebnissen und der Schönheit der Sommermonate schöpfen. Da ich mittlerweile nicht nur mit meinen depressiven Phasen umzugehen weiß, sondern mit jeder hypomanen Phase auch immer besser darin werde, meine Hochs als diese zu erkennen und dementsprechend zu handeln, habe ich das „Drübersein“, über das ich im letzten Artikel https://tanzzwischendenpolen.com/2020/10/06/scheisse-man-bin-ich-jetzt-also-fame/ geschrieben hatte, in vollen Zügen genießen und bewusst eine Zeit lang auch genau so „drüber“ sein lassen können, bevor ich dann, als ich fand, jetzt ist genug, auf die Bremse gestiegen bin. Dadurch bin ich nicht wie so oft mit voller Wucht direkt aus meiner kleinen feinen Glitzerwelt in den nächstbesten dampfenden Kackehaufen katapultiert worden, sondern wie auf Wattebäuschchen gebettet im „Dazwischen“ gelandet. Einem Zustand, in dem ich mich ausgeglichen fühle. In dem ich gesund bin.

Alle Lichter an!

Die Bezeichnung „normal“ möchte ich hier und auch generell gerne vermeiden. Noch in den letzten Hochphasen ist mir der rechtzeitige Absprung nicht gelungen. Dafür war alles in dieser Zeit einfach viel zu großartig. Ich habe mit Vollgas die Ausfahrt verpasst und musste dann wohl oder übel den eher üblen als wohlen Umweg zurück auf die richtige Route in Kauf nehmen. Aber nur so lernt man meiner Meinung nach den Umgang mit diesen Phasen. Das ist ein verdammt großer Fortschritt für mich, bezüglich meines eigenen Umgangs mit meiner Erkrankung. Etwas, worauf ich sehr sehr stolz bin. Denn der Weg dorthin war verdammt lang und hart und steinig. Ich habe die letzten Wochen und Monate so gut auf mich geachtet, dass mich gerade nicht mal ein Lockdown, vorübergehende Arbeitslosigkeit, daraus resultierender Geldmangel, Kontaktbeschränkungen oder verschärfte Maßnahmen umhauen können. Keine idiotischen Briefe vom Jobcenter. Auch nicht die kürzeren Tage. Und auch nicht die Dunkelheit. Denn in meinem Inneren ist es gerade strahlend hell.

Deine Sorgen, meine Sorgen.

Das Café, in dem ich arbeite, muss also vorerst wieder schließen. Ich habe damit gerechnet. Es tut weh, mit anzusehen, wie sehr die seit Frühjahr kontinuierlich präsente Sorge um die eigene Existenz und die Unsicherheit über die Zukunft unseren Chef mitnehmen. Natürlich lässt auch mich das nicht kalt, aber ich gestehe mir heimlich leise ein, dass ich gerade wirklich froh bin, nicht mit ihm und all den anderen Menschen tauschen zu müssen, denen es gerade so geht. Dass diese Sorge nicht auch noch on top kommt. Dass ich mich „nur“ mit dem Jobcenter rumschlagen und mir überlegen muss, wie ich mein Trinkgeld kompensiert bekomme. Ich hoffe ganz ganz fest, dass unser Café diese Krise überstehen wird. Das wünsche ich auch allen anderen da draußen, die in einer ähnlichen Lage sind, aus tiefstem Herzen. Aber ich weiß auch, dass sich dieser Wunsch nicht für alle erfüllen wird.

Apokalypse now?

Es ist das letzte Wochenende, an dem wir geöffnet haben. Montag soll der Lockdown Light in Kraft treten. Und die Leute fallen bei uns ein, als gäbe es kein Morgen mehr. Was zumindest am Sonntag ja in gewisser Hinsicht auch zutrifft. Allerdings wird es vermutlich auch nicht der letzte Tag gewesen sein, in dem die Menschheit in einem Café Kaffee und Kuchen zu sich nehmen können wird. Ich bin extrem zwiegespalten. Einerseits bin ich natürlich froh und erleichtert darüber, dass der Laden nochmal so einen guten Umsatz macht und ich so ein fettes Trinkgeld mit nach Hause nehme wie schon lange nicht mehr. Irgendwie verstehe ich die Leute, die diese Tage noch mal nutzen wollen, um „ein bisschen raus zu kommen“. Wenn man den Statistiken glauben schenken darf, stellen gastronomische Betriebe durch ihre strengen Hygienemaßnahmen und die eingehaltenen Abstandsregelungen nicht das Hauptinfektionsgeschehen dar und anscheinend hat sich nur ein sehr geringer Teil der Menschen in diesem Bereich infiziert. Stattdessen soll dies hauptsächlich im privaten Umfeld stattgefunden haben. Das soll als Info hier reichen, denn das hat mittlerweile vermutlich jeder mitgekriegt. Es tat mir auch unfassbar Leid zu sehen, wie viele tolle kreative Konzepte sich manche Läden haben einfallen lassen und neben Heizpilzen teilweise sogar kleine Gewächshäuser im Außenbereich aneinander gereiht haben, in denen jeweils nur zwei Gäste sitzen durften und ganz für sich waren. Es steht mir nicht zu, die Entscheidung der Bundesregierung diesbezüglich zu beurteilen und das möchte und kann ich auch nicht. Aber ich habe versucht, zu beobachten, was an diesen Tagen in meinem Kopf so abging.

Wut im Bauch, Zweifel im Kopf.

Trinkgeldkasse und Ladenglocke klingeln also um die Wette und abgesehen davon, dass gerade ein kleiner PMS-Sturm über mein Gemüt hinwegfegt, geht mir dieser absolut nervtötende Sound unserer Lichtschranke einfach nur unfassbar auf den Sack. So sehr, dass ich nach hinten in die Küche stürme und sie wutschnaubend ausschalte, bevor ich sie nämlich hochkant aus dem Fenster werfe. So. Schon mal besser. Erst ist noch alles gut. Mit jeder weiteren Stunde nicht abreißenden Gästestroms spüre ich immer stärker eine latente Aggression in mir hochsteigen. PMS hin oder her, ich bin eigentlich ein äußerst gutmütiger und generell eher freundlicher Mensch. Bis ich mal aggressiv werde, muss wirklich so einiges passieren. Erst überlege ich, ob es am Stress liegt, komme dann aber relativ schnell zum Schluss, dass es das Verhalten der Leute ist. Und dass das nicht Aggression ist, was ich spüre, sondern tatsächlich Wut. Ich würde hier nicht mehr stehen, wenn ich meine Miete nicht bezahlen müsste, meinen Chef und meine Arbeitskolleginnen nicht nicht hängenlassen wollen würde. Ich bin den ganzen Sommer kaum und die letzten Wochen überhaupt nicht mehr in Cafés, Restaurants oder Bars gegangen. Nicht aus Angst, sondern weil es sich für mich einfach nicht richtig angefühlt hat. Ich bin weder Virologin noch Politikerin und jeder wird hier seine eigene Meinung haben, aber für mich macht es einfach keinen Sinn, dass all diese Leute jetzt hier abhängen, wenn die Infektionszahlen seit Wochen kontinuierlich steigen und die Bevölkerung schon seit geraumer Zeit dazu angehalten wird, die privaten Kontakte einzuschränken und sich, klar, weiterhin an die Regeln zu halten, es mittlerweile außerdem Maskenpflicht an öffentlichen Plätzen und andere Verschärfungen der Regeln gibt.

Zum letzten Ma(h)l.

Können wir uns nicht mal für eine gewisse Zeit zurücknehmen, mal zurückstecken und auf Dinge verzichten, die uns eigentlich echt wichtig sind und uns Spaß machen, uns gut tun? Und zwar mal nicht nur für uns selbst, sondern für andere Menschen da draußen. Ich frage mich oft, wie das Verhalten in unserer Gesellschaft während dieser Pandemie so aussehen würde, wenn bekannt wäre, dass das Virus für alle Menschen tödlich wäre, egal ob jung oder alt, mit Vorerkrankung oder ohne. Ob die freiheitsliebenden und ach so querdenkenden Jungs und Mädels dann trotzdem noch illegale Parties mit hunderten von Leuten in irgendwelchen Kellern auf der Reeperbahn feiern oder sich politisch hoch engagiert und ohne Maske oder Abstand zu Tausenden in Demonstrationsmärsche reihen. Und panisch die allerletzte Möglichkeit, sich endlich nochmal einen Henkerskäsekuchen plus apokalyptischen entkoffeiniertem Hafermilchflattieee zu gönnen, nutzen, bevor sich die Welt am Tag danach endgültig aufhört zu drehen. Und wir, Gott bewahre, vielleicht nie wieder konsumieren und Spaß haben werden!! Es macht mich wütend und traurig, dass wir als erwachsene Menschen mit Verstand und Moral anscheinend erst offizielle Verbote und Sanktionen brauchen, damit wir uns an Regeln halten, deren Sinn und Zweck sich manchen von uns offensichtlich erst dann erschließt, wenn nur wir persönlich betroffen sind.

Moral vs. Money

Eine paar Stammgäste sitzen seit dem frühen Nachmittag draußen auf den Bierbänken und schütten einen Wein und ein Bier nach dem anderen in sich rein. Der Umsatz steigt. Nice. Der Vorrat im Kühlschrank schwindet dahin und es bedarf keinerlei Einsatz von Charme oder Verkaufsstrategien, um den Damen als nächstes die ganze Flasche Wein anzudrehen statt einzelner Gläser. Ihre männliche Begleitung hat mittlerweile den gesamten Bierbestand von drei verschiedenen Sorten in Luft aufgelöst. Er beschwere sich jetzt lieber mal nicht darüber, wie eklig das eine Bier da schmecke, aber jetzt sei ja auch eh alles egal. Als eigentlich schon längst Feierabend ist und ich am Aufräumen bin, lallen sie mich an: „Ach komm schon, ist ja schließlich der letzte Abend!“ Bevor die Welt sich aufhört zu drehen. Ich bin hin- und hergerissen zwischen meiner arbeitnehmerischen Pflicht und der Unterstützung des Cafés und meines Chefs in Anbetracht des Umsatzes und meiner eigenen Moral und Einstellung bezüglich der aktuellen Lage. Nicht ganz überzeugt entscheide ich mich für einen Kompromiss und gebe noch eine letzte Runde. Als ich die Getränke rausbringe, fließen bei einer der Damen die Tränen. Eine hitzige Diskussion zwischen ihr und einem anderem Stammgast auf der Straße ist in vollem Gange, in der es um die große Angst vor dem Virus der Dame mit dem Wein und der Meinung der anderen, die Single ist, geht, die nur wegen Corona sicher nicht auf ihre Knutschereien verzichten wird. Es geht um Masken und Sicherheitsabstände, Klopapier und Konserven, Merkel und Drosten. Die Ambivalenz in unseren Köpfen, die Scheidung der Geister in unserer Gesellschaft, klein und fein komprimiert auf unserer Biergarnitur.

Single macht was Single will.

Bevor die Diskussion zu eskalieren droht, verabschiedet sich die tränenlose Dame ohne Wein und geht ihrer Wege. Zum nächsten Tinderdate. Die Dame mit Wein geht auf’s Klo und kotzt auf die Klobrille. Ich beschließe, dass die Mittfünziger nun genug getrunken haben und lege ihnen die Rechnung über hundert Euro auf den Tisch. Als sie anfangen wollen, mit mir zu diskutieren, dass sie nie im Leben so viel getrunken haben, muss ich mich schwer zusammen reißen, nicht verbal zu eskalieren und sage ihnen freundlich aber bestimmt, dass ich darüber nicht diskutieren werde, dass ich im Gegensatz zu ihnen sehr genau weiß, was sie alles zu sich genommen haben und dass sie genau diese Summe nun auch bei mir bezahlen werden. Dass es mir herzlich egal ist, wer die Kotze wegmacht, aber dass ich es definitiv nicht sein werde. Und dass dann jetzt auch gut ist. Pre-Apokalypse hin oder her.

Corona-Cornern.

Nachdem ich ihnen schlussendlich fast die Bänke unterm Hintern weggezogen habe, atme ich einmal tief durch, klappe die Schirme ein und schließe draußen alle Tische ab. Für die nächsten vier Wochen. Vorerst. Der Laden neben mir macht auch gerade alles wind- und wasserfest. Ich mache die Abrechnung, räume die Reste aus dem Kühlschrank und schließe die Tür hinter mir. Mache mich im dunklen Nieselregen über die mit Laub bedeckten glitschigen Pflastersteine auf den Weg nach Hause. Die Bars auf St. Pauli und der Schanze sind gut besucht. Vor dem Eingang einer meiner damaligen Stammkneipen überfahre ich fast eine Freundin mit meinem Fahrrad. Ich hätte sie fast nicht erkannt, weil sie gerade mit den Getränken aus der Bar kommt. Sie ist am Theater und hatte zum ersten Mal seit dem Lockdown im Frühjahr wieder angefangen, an einem Projekt zu arbeiten. Erst vor ein paar Tagen hat sie mir davon erzählt, wie gut es läuft und wie froh sie ist, dass es wieder losgeht. Da war der zweite Lockdown noch nicht beschlossen. Ab morgen wäre auch das erstmal wieder erledigt. Was soll’s. Man kann ja eh nichts dran ändern, sagt sie. Hinter ihrer Maske lacht es, aber ihre Augen scheinen nicht zuzuhören. Ich stimme ihr zu.

Was soll ich denn jetzt fühlen?

Wie sagen sie alle so schön auf Repeat? Wir sitzen alle in einem Boot. Jeder hat seine eigene Art, mit der Situation umzugehen, in den letzten Monaten vielleicht bestimmte Strategien entwickelt und seine Sicht auf die Dinge vielleicht mit der Zeit geändert. Oder seine ursprüngliche Meinung noch verstärkt. Fühlt sich für diesen zweiten Lockdown besser gewappnet als für den ersten, weil es nicht mehr ganz so fremd ist. Weil es nicht so unerwartet kommt wie das erste Mal. Weil wir mehr zu wissen scheinen. Wissen, wie wir uns verhalten sollten. Zuversicht entwickelt haben, dass wir es auch dieses Mal schaffen, weil wir es ja auch das letzte Mal geschafft haben. Für andere mögen die aktuellen Entwicklungen, die über den Sommerschlaf der letzten Monate vielleicht kurzfristig an Bedrohlichkeit und Präsenz verloren haben, all die Ängste und Sorgen wieder ans Tageslicht befördern und ihre Hoffnung auf Besserung erst recht zerschlagen. Manche von uns haben Angst davor, zu erkranken oder dass nahe Angehörige krank werden und sterben könnten. Andere bleiben vor dieser Angst unberührt, selbst wenn sie zu einer Risikogruppe gehören. Manche sind überzeugt, dass es sie sowieso nicht trifft.

Jeder anders. Und doch alle gleich.

Wieder andere haben viel eher Angst um ihre Existenz, ihre Jobs, ihre finanzielle Sicherheit. Manchen machen vor allem die langfristigen wirtschaftlichen Folgen Sorge, während andere besorgt auf die aktuellen Ereignisse in unserer Gesellschaft blicken, seien es nun zum wiederholten Male leergehamsterte Regale in den Supermärkten und Leute, die sich in der Schlange an der Kasse bekriegen, weil der eine nicht genügend Abstand hält und der andere es immer noch nicht verstanden hat und seine Maske nur als Mundschutz versteht, oder das momentane und größtenteils eher unerfreuliche Geschehen auf dem Rest unserer Welt. Manche Menschen sind mit Gefühlen der Einsamkeit konfrontiert, andere sind dem Lagerkoller nahe, weil auch Zeit und Raum mit den Liebsten zu viel und eng werden kann. Wohl ein Luxus für all diejenigen, die bereits vor der Pandemie von häuslicher Gewalt oder anderen viel tiefergehenden Problemen betroffen waren. Manche kommen sich näher, andere entfernen sich voneinander. Manche von uns kommen durch die gerade nochmal stattfindende zwangsläufige Entschleunigung des Alltags und des Außens endlich mal runter und genießen die Zeit und Ruhe, während andere genau diese fürchten und die sonst en masse verfügbaren Ablenkungen, mit denen wir uns das Wesentliche oft und gerne erfolgreich vom Leib halten, schmerzlich vermissen. Die Konfrontation mit den eigenen Abgründen bisher erfolgreich vermieden haben.

Die Liste all der verschiedenen Situationen und Umstände, in denen sich jede*r einzelne von uns gerade befindet, all die unterschiedlichen Gedanken, Sorgen, Ängste und Hoffnungslosigkeit, aber auch Ideen, Pläne und Kreativität, Umdenken und Zuversicht, all unsere verschiedenen Sichtweisen, Einstellungen, Entscheidungen und Verhaltensweisen, Bewältigungs- und Vermeidungsstrategien, Rückschläge, Fortschritte und Entwicklungen, könnten unterschiedlicher nicht sein.

Fight. Flight. Freeze.

Manche trinken mehr Wein als sonst, manche stürzen sich in ihre Arbeit, manche schauen lieber keine Nachrichten mehr, während andere den halben Tag recherchieren und vom Hundertsten ins Tausendste kommen, andere schreiben plötzlich ganz viel Tagebuch, gehen wieder regelmäßig joggen oder fangen wieder an zu rauchen, wieder andere verlieren sich im Netflixnirwana, verlieren sich in Verschwörungstheorien oder entdecken plötzlich Stricken, Kiffen und Malen nach Zahlen für sich. Verdrängung, Kompensation, Konfrontation…Wie auch immer wie mit ihr umgehen mögen, wir alle sind zur Zeit mit dieser noch nie dagewesenen Situation konfrontiert und sollten uns gerade deswegen in gegenseitigem Verständnis, Respekt, Empathie und Mitgefühl üben. Unseren Mitmenschen gegenüber. Aber auch uns selbst gegenüber.

Was uns bleibt.

Nicht nur seit Beginn der Pandemie gibt es so vieles, was wir als Menschen nicht unter Kontrolle haben. Keiner von uns wurde um seine Stimme für oder gegen diese weltweite Krise gefragt. Sie ist einfach passiert. Und wie so oft bleibt uns einzig und allein die Freiheit der Entscheidung, wie wir mit all dem umgehen. Während wir uns in unserer individuellen Freiheit durch all die Beschränkungen doch gerade oft so eingeschränkt fühlen. Auch wenn wir nicht immer krampfhaft das Positive im Negativen sehen müssen und man sich gerne auch mal zugestehen darf, etwas so richtig richtig scheiße zu finden, scheint mir diese Entscheidungsfreiheit in der aktuellen Situation doch sehr wichtig und wertvoll.

Wir haben die Freiheit, unsere Gedanken mit anderen Menschen zu teilen.

Wir haben die Freiheit, unsere Sorgen auszusprechen und sie dadurch erträglicher zu machen.

Wir haben die Freiheit, die Ängste unserer Mitmenschen ernst zu nehmen und zu akzeptieren.

Wir haben die Freiheit, unsere Sicht auf die Dinge so zu ändern, dass es uns damit besser geht.

Wir haben die Freiheit, nicht jeden Tag optimistisch sein zu müssen.

Wir haben die Freiheit, trotzdem zuversichtlich sein zu dürfen.

Wir haben die Freiheit, füreinander da zu sein. Auch mit Abstand oder virtuell.

Wir haben die Freiheit, uns richtig gut fühlen zu dürfen. Trotz und mit allem.

Wir haben die Freiheit, unsere Zwischenmenschlichkeit nicht zu verlieren.

Und wir haben auch die Freiheit, uns zweimal zu überlegen, ob es der Gesamtsituation zuträglich ist, wenn wir dem Typen im Supermarkt prophylaktisch instant mal lieber auf die Fresse hauen, weil er uns die letzte Packung Klopapier vor der Nase weggeschnappt hat.

Ich muss an die Dame mit dem Wein und den Tränen denken. Ich hoffe, dass ihr Kater morgen nicht so schlimm wird.

Und dass sie nicht mehr so lange traurig sein muss.

Scheiße Man(ie). Bin ich jetzt also fame?

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Ich bin drüber. Ordentlich. Und was soll ich sagen?

Leider geil.

Das ist es immer, wenn ich drüber bin. Und das ist auch überhaupt nicht das Problem. Das Problem ist das Tief, das nach dem Hoch kommt.

Wie der Name schon sagt, kennzeichnet sich die bipolare Erkrankung durch den Wechsel von depressiven und manischen (oder hypomanen) Phasen. Zur genaueren Erklärung des Krankheitsbilds und dem Unterschied zwischen den beiden Typen Bipolar-I und Bipolar-II (meine Diagnose) schaut gerne hier vorbei: https://tanzzwischendenpolen.com/bipolare-storung/

Kleines 1 mal 1 des „Drüberseins“: Die Hypomanie

Die Hypomanie ist eine leichtere Form der Manie, sozusagen „die kleine Schwester der Manie“.

Mit Symptomen der Manie in abgeschwächter und kürzerer Form besteht oft nur mehrere Tage oder wenige Wochen eine leicht gehobene Stimmung. Meistens sind noch soziale Anpassung und ausreichende Selbstkontrolle vorhanden, die bei der Manie nicht mehr gegeben sind. Es treten keine psychotischen Symptome auf, wie sie es bei der Manie tun können (z.B. durch Halluzinationen). Die Patienten merken oft selbst nicht, dass sie hypoman sind, weil sie diesen Zustand der Hypomanie als angenehm und gesund empfinden. Nahe Angehörige jedoch empfinden die hypomanischen Symptome in der Regel als störend und bemerken die Symptomatik eher als die Betroffenen selbst.

Symptome der Hypomanie

  • Übertriebene Aktivität
  • Unruhe
  • Vermehrte Betriebsamkeit
  • Vermindertes Schlafbedürfnis
  • Vermehrter Rededrang
  • Gesteigerte Kontaktbedürftigkeit
  • Ablenkbarkeit
  • Konzentrationsprobleme
  • Erhöhte Reizbarkeit
  • Gesteigerte Libido
  • Vermehrte körperliche und geistige Schaffenskraft
  • „Geniale“ Ideen
  • Gedankenrasen

Als ich vor knapp einem Monat den letzten Blogartikel geschrieben habe, war ich gerade aus dem letzten Tief raus. Ich hatte in Absprache mit meiner Ärztin die Medikamente etwas erhöht und extrem darauf geachtet, was mir gerade gut tat und was nicht. Was ich brauchte und was nicht. Was ich tun oder vielleicht auch besser lassen sollte, damit es nicht noch weiter bergab ging.

Kollateralschaden.

Der Shift kommt selten von einem auf den anderen Tag, es fühlt sich aber oft so an. Ich habe das Gefühl, dass der Wechsel von einer Tief- in eine Hochphase langsamer geht als die Bruchlandung in die andere Richtung. Während einem der Frontalaufprall gegen eine Depressionswand eher schwer entgehen kann, kommt so eine hypomane Phase schon mal relativ hinterfotzig dahergeschlichen. Wie immer spreche ich hier nicht von allgemeinen Regeln, sondern einfach nur von meinem persönlichen subjektiven Erleben und Empfinden.

Bei Bipolar-II-Typen, zu denen auch ich gehöre, treten, im Wechsel mit den depressiven Phasen, ausschließlich hypomane Phasen auf. Die Symptome einer Hypomanie ähneln zwar denen einer Manie, sind aber in der Regel schwächer und kürzer ausgeprägt. Bei einem ungünstigen Verlauf, falscher Behandlung, kontraproduktivem Verhalten oder Lebensstil, etc. kann sich eine Bipolar-II-Erkrankung zu einer Bipolar-I-Erkrankung verschärfen, was bei mir zum Glück bisher nicht der Fall war. Wofür ich sehr dankbar bin. Denn eine ausgewachsene Manie, deren Zerstörungspotential und Auswirkungen auf diverse Lebensbereiche der Betroffenen und vor allem auch deren Angehörige von verheerendem Ausmaß sein können, ist nochmal ein ganz anderer Schnack als eine Hypomanie (ohne deren Problematik zu schmälern). Das ist alles, was ich aus Schilderungen von Betroffenen und Literatur zum Thema Manie „weiß“ und somit das einzige, was ich zu dieser Thematik sagen kann und möchte. Alles andere steht mir nicht zu. Bei jedem Bericht zu meinen Hochphasen auf diesem Blog handelt es sich um hypomane und nicht manische Phasen. Da ich aber finde, dass Manien für einen Blog über bipolare Erkrankungen einfach dazugehören, ist ein Erfahrungsbericht in Form eines Gastartikels für die nahe Zukunft bereits in Planung, um euch auch dieses Erleben vielleicht etwas näher zu bringen.

Nachwehmut.

Das Tief lag also gerade hinter mir und ich war froh, dass das Schlimmste überstanden war und es wieder bergauf ging. Es ist immer wieder erstaunlich, wie viel Kraft und Energie diese Phasen Körper und Geist kosten. Und dabei die Dauer der Regenerationsphase in keinerlei Verhältnis zur Dauer der eigentlichen Phase steht. Selbst wenn es mal „nur“ ein paar richtig beschissene Tage mit depressiven Symptomen sind…manchmal habe ich noch Wochen später das Bedürfnis, einfach nur zu schlafen und mich auszuruhen. Allerdings auch nicht wirklich erstaunlich, wenn man sich einmal genau anschaut, was während depressiver Phasen so alles im Körper abgeht. Und was ihm eventuell auch alles verwehrt wird in dieser Zeit. Vor ein paar Wochen habe ich mich mit einer guten Freundin getroffen, die ähnliche Zeiten wie ich kennt und hinter sich hat, wenn auch in ganz anderer Form. Wir wissen auf jeden Fall, wovon die andere spricht und können gewisse Dinge nachempfinden, wie andere es vielleicht nicht können. Und irgendwie waren wir beide erleichtert, als wir uns erzählt haben, dass wir unser Energielevel, wie es vor der einen schweren Depression war, in dieser Form bisher nicht wieder erreicht haben. Schon krass. Wenn ich an die Monate und Wochen vor meinem Klinikaufenthalt Ende 2017 zurückdenke, wundert mich das aber auch überhaupt nicht. Von körperlichen Krankheiten (und Depression ist eine Krankheit, die den Körper ebenso beeinträchtigt wie die Psyche) muss man sich schließlich auch oft sehr lange erholen. Reha sozusagen. Vielleicht kommt das alte Energielevel wieder. Irgendwann. Vielleicht auch nicht. Und vielleicht ist das dann auch nicht so schlimm. Weil mir mein Körper dann ab sofort einfach früher sagt, wann es ihm reicht und einfach nicht mehr mitmacht. Dann hab ich nicht mal eine Wahl. Auch gut.

Lechzen nach Likes

Der Akku unseres blöden Smartphones hält ja auch länger, wenn wir den Stromsparmodus aktivieren oder unnötige Apps löschen, die zwar kein Schwein braucht, die dafür aber Unmengen von Speicherplatz fressen. Und falls der Akku mal ganz leer ist, hängen wir das Teil ja auch an den Strom, um es wieder aufzuladen. Dank der mittlerweile stolzen Sucht unserer Generation nach sozialen Medien auf allen Kanälen, Bestätigung von allen Seiten, um unser verkümmertes Selbstwertgefühl oder verletztes Ego zumindest für eine Weile vergessen und das, was wirklich dahinter steckt, verdrängen zu können, ständiger Zerstreuung im Kampf gegen Langeweile und unschöne Gedanken sowie 24/7 Erreichbarkeit aus Angst vor Stille und Einsamkeit, sind die Akkus unserer überlebensnotwendigen steten Begleiter heute weitaus weniger von Leere bedroht als unsere eigenen. Man muss halt auch mal Prioritäten setzen im Leben.

Und dann schleicht sie sich heimlich und leise in meinen Alltag…

So was von wach!

Es geht mir einfach nur endlich wieder besser! Wurde ja auch mal Zeit!

Irgendwie bin ich total motiviert. Alter, jetzt war monatelang Corona und ich hätte so viel Zeit gehabt, meinen ganzen Unikram zu erledigen und hunderttausend Blogartikel zu schreiben, und, und und…aber irgendwie waren einfach andere Sachen wichtiger. Wie das eben manchmal so ist. Und hey, außerdem war Sommer! Wäre ja schön blöd gewesen, den am Schreibtisch statt auf, an, unter und im Wasser zu verbringen. Und als die anderen Sachen nicht mehr so wichtig waren und ich vielleicht wirklich endlich Zeit gehabt hätte, ging es mir so beschissen, dass ich es gerade mal und unter größtem Kraftaufwand geschafft habe, meinen Alltag zu bewältigen, arbeiten zu gehen, um meine Miete zu zahlen, vielleicht ab und zu was Ungesundes zu essen und diverse Kippen anzuzünden. Da war nicht an Schreiben geschweige denn Unikram zu denken. Tja. Timing is a bitch.

Nachtschicht.

Jetzt ist plötzlich sogar so sehr an Unikram zu denken, dass ich meinen Gedanken, Ideen und kreativen Einfällen selbst fast gar nicht mehr folgen kann. Ich lege eine Motivation und Inspiration an den Tag, von denen sich meine depressiven Phasen bei Gelegenheit mal ne Scheibe abschneiden könnten. Tag für Tag schleppe ich meine kompletten Unterlagen und meinen Laptop über die Reeperbahn, reiße euphorisch und voller Energie meine Schicht im Café runter, habe selbst im größten Stress immer noch für alle und jede*n einen lockeren Spruch auf den Lippen, finde mich selbst dabei eigentlich auch ganz schön witzig und putze in Windeseile nach Feierabend zu ohrenbetäubender Gute-Laune-Musik den Laden, bevor ich mich an meinem Laptop setze und bis spät in die Nacht im Halbdunkel des Cafés meine Hausarbeiten schreibe. Innerhalb von einer Woche habe ich alle drei Prüfungsleistungen fertig, für die ich das gesamte Semester Zeit gehabt und bisher nichts bis nur das Nötigste getan hatte. Damit es nicht langweilig wird, plane und organisiere ich nebenher noch meinen ersten Schreibworkshop, der Ende November startet. Läuft bei mir!

Ich bin so wach! Nicht die Luft ist zum Schneiden scharf, aber mein Verstand dafür definitiv. Waren die Konturen meiner Umgebung schon immer so deutlich? Die Töne so klar? Die Geräusche so unmittelbar voneinander abzugrenzen? Die Farben so bunt? Der Geruch des Spätsommers so warm? Ich muss an den Film „Limitless“ denken und frage mich, ob sich diese Wunderdroge wohl ein bisschen so anfühlt?

Geieeeel.

Sonnenbrille an…

Musik ist mein ständiger Begleiter in diesen Phasen. Während ich nach Feierabend normalerweise meine Wohnungstür aufschließe und froh bin, nach dem Lärm des Tages, des Cafés, der Stadt endlich Ruhe zu haben, drehe ich jetzt das Radio auf, singe schief unter der Dusche und freue mich meines Lebens. Auf dem Weg zur Arbeit, auf dem Weg zurück, im Supermarkt, in der Bahn, auf dem Rad, beim Spaziergang mit dem Hund. Alle Lieder hoch und runter. Käme es komisch, jetzt einfach auf der Straße los zu tanzen? Scheiß doch drauf, was die anderen denken! Selbst schuld, wenn die keinen Spaß im Leben haben! Was wäre das Leben nur ohne Musik??! Wie furchtbar! Gott, ich hab so Bock, endlich mal wieder so richtig durchzudrehen und die ganze Nacht tanzen zu gehen! Nicht, dass ich unsere Party- und Saufgesellschaft großartig vermisse, da fehlten mir die letzten Monate eher die Saunagänge, aber manchmal wär’s irgendwie schon geil. Not macht ja zum Glück erfinderisch. Ich mache nachts nach Feierabend ne kleine private Kopfhörerparty in meinem Zimmer. Fenster auf. Augen zu. Musik an! Techno. Der Bass wummert in meinen Ohren und Endorphine ballern durch meine Blutbahnen. Ich könnte ewig so tanzen. Vergesse alles um mich herum und lass mich im Moment treiben. Ich höre erst auf zu tanzen, als ich schon ganz schön verschwitzt bin. Nice. Ich bin immer noch zu aufgedreht zum Schlafen. Die Nächte werden kürzer, die Tage länger. So hell. Es ist Herbst. So viel Glitzer und Flausch in meinem Kopf! Was ich morgen alles erledigen könnte. Möchte. Werde! Was ich heute schon wieder alles erlebt habe! Es wird aber auch nie langweilig! Allein diese Begegnung vorhin auf der Straße… Vielleicht sollte ich das mit dem work and travel in Kanada wirklich mal ins Auge fassen, bevor ich zu alt dafür bin! Grade natürlich nicht so praktisch, aber….nee warte mal. Ich fahr morgen einfach ans Meer! Beste Idee! Hab ja grad ein Auto! Ich fühle mich so frei und unabhängig wie schon lange nicht mehr! Ob das wohl am Auto liegt?

…fahr raus aus meiner Stadt…

Ich kann bis nachts um 2 nicht schlafen, weil ich mich so sehr auf meinen soeben spontan geplanten Roadtrip freue und es gar nicht erwarten kann, voller Euphorie in den neuen Tag zu starten. Mein Herz klopft. Ich bin um 7 schon wieder hellwach, und zwar nicht, weil der Wecker mich geweckt hat. Der sollte nämlich erst um 9 klingeln. Ich bin einfach wach. Ich! Fein. Dann ist das jetzt wohl so und ich nutze die Gunst der Stunde. Stopfe den frühen Vogel zu Bikini, Handtüchern und Sonnencreme in meinen Rucksack, hole mir bei meinem Stammportugiesen um die Ecke einen Kaffee, obwohl ich schon jetzt Herzrasen habe, gebe zwei Euro Trinkgeld, ich arbeite ja schließlich selbst in der Gastro und jeder weiß, dass Kellner*innen, Baristas und Co. von ihrem Trinkgeld leben (ja vom Lohn sicher nicht, haha!), also was soll der Geiz, ich lege noch nen Euro drauf! Als ich ins Auto steige, fällt mir auf, dass ich gerade mehr Trinkgeld gegeben habe, als der Kaffee selbst gekostet hat. Naja. Yolo! Erklärt den verwirrten Blick des Mädels hinterm Tresen. Gute Tat für heute. So. Hit the road! Kippe an, Musik laut, Fenster auf und los geht’s. Ich hab richtig Bock. Wie geil ist das denn bitte? Einfach ins Auto steigen und losfahren! Autobesitzer*innen wissen gar nicht, was für einen Luxus sie da genießen. Da ich weiß, dass ich diesen Luxus nur vorübergehend habe, genieße ich ihn um so mehr. Noch dazu unter der Woche, weil ich nun mal meine freien Tage unter der Woche habe. Eigentlich schön blöd, wenn man sein Auto nur dazu nutzt, zur Arbeit und zurück zu fahren. Irgendwie total falsch investiert, oder nicht? Ich will endlich einen Bus haben! In meinem Kopf schießen die absurdesten Finanzierungsideen wie kleine Raketen hin und her und sorgen dafür, dass ich bei der nächsten Tankstelle ranfahre und mir lieber noch einen Kaffee hole. Wobei noch wacher echt schwierig werden könnte!

Um zehn Uhr grabe ich knirschend die Zehen in den Sand meines Lieblingsstrands, an dem ich um diese Uhr- und Jahreszeit ganz alleine bin. Ich gehe nackt baden und schnappe nach Luft, weil das Wasser schon so kalt ist. Buddele mein mittlerweile kühles alkoholfreies Bier aus dem Kies an der Wasserkante. Schaue auf das glitzernde Wasser. Möwenkreischen. Rauch in meiner Lunge. Die Spätsommersonne wärmt schüchtern meine Haut. Ich bin einfach nur glücklich. Spüre so viel Liebe in mir, dass ich gar nicht weiß, wohin damit. Alles ist leicht. Wie sehr ich es liebe. Das Leben.

Ich bin drüber. Ordentlich.

Und was soll ich sagen?

Leider ganz schön gefährlich.

Sternschnuppenschauder.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Ich liege mit überkreuzten Beinen auf dem Rücken und starre in einen Himmel voller Sterne. Bis auf ein paar kleine Steinchen ist der Sand unter mir weich. Die Wellen rollen leise rauschend ans Ufer. Die Luft ist immer noch warm und riecht nach Sonnencreme und Lagerfeuer. Ich kann die Milchstraße sehen. Fühle mich unendlich winzig und unbedeutend. Irgendwie ein schönes Gefühl. Momentaufnahme eines gedankenleeren Raums. Und dann fangen sie plötzlich an zu fallen.

Lass mal wieder tanzen gehen!

Schwupps, sind zwei Monate vergangen, seitdem ich den letzten Blogartikel veröffentlicht habe. Verrückt. Eine so lange Pause zwischen den Beiträgen gab es schon sehr lange nicht mehr. Nachdem kürzlich immer mehr Beschwerden meiner Leserinnen und Leser eintrudelten und es auch mich wieder ordentlich in den Fingern juckt, tanzen wir heute also endlich mal wieder eine Runde zwischen den Polen! Schluss mit der Sommerpause!

Sowohl.

Und um die wiederkehrenden Fragen zu beantworten: Ja, die lange Funkstille lag unter Anderem daran, dass es mir zwischenzeitlich ziemlich schlecht ging und ich weder Raum in meinem Kopf noch genug Antrieb und Kraft zum Schreiben hatte. Daran, dass ich die Energie, die mir nach der alles in Schatten stellenden Traurigkeit, dem stundenlangen Heulen jeden Tag und der Schlaflosigkeit noch blieb, brauchte, um arbeiten zu gehen und das Nötigste im Alltag zu erledigen. Mich darauf zu konzentrieren, nicht noch tiefer zu fallen. Die Ziellinie nicht zu überschreiten. Zu einem Ziel, das kein Ziel ist.

Als auch.

Aber auch daran, dass es mir zwischenzeitlich so richtig gut ging und es verdammt nochmal Wichtigeres in diesem Moment gab, als an meinem Laptop zu sitzen und über meine bipolare Störung zu schreiben. Nacktbaden im Meer zum Beispiel. Kilometerlang am Strand spazieren gehen und Robben treffen. So lange am Lagerfeuer sitzen, bis es wieder hell wird. Eiskaffee in rauen Mengen konsumieren. Salzkristalle auf meiner Haut beobachten. Kiten gehen und mich zuerst freuen, wie toll ich das doch schon kann, um dann eine Sekunde später in so einem hohen Bogen auf die Fresse zu fliegen, dass ich danach stundenlang mein Brett suchen muss und diesen beschissenen Sport verfluche. Mir schwöre, dass ich ab sofort lieber stricken lerne. Um das blöde Brett irgendwann zu finden, direkt zurück aufs Wasser zu gehen, um mich so frei und unbeschwert zu fühlen, wie es nur in wenigen Situationen möglich ist. Mit Freunden so viel lachen, dass ich mir fast in die Hose pinkle. Im Zelt über das Leben philosophieren, bis wir mitten im Gespräch einschlafen.

Immer Meer. Von Allem.

Was von all dem war nun depressiv? Was hypoman? Was davon symptomfrei? Wann war ich „einfach nur“ aus gutem Grund traurig, so wie es jede*r andere in der selben Situation vielleicht auch gewesen wäre? Wann war ich einfach nur voller Leichtigkeit und Lebensfreude, weil es mir gut ging, ich keinen Stress hatte, schöne Dinge erlebt und Zeit mit den richtigen Menschen verbracht habe? Inwiefern standen das Maß meiner Traurigkeit oder Freude in Relation zu den Ereignissen, aus denen diese Emotionen hervorgegangen waren? Ich weiß, dass ich immer etwas trauriger bin als die Menschen in meinem Umfeld, wenn ich traurig bin. Und immer ein bisschen glücklicher, wenn ich glücklich bin. Dass ich selten eine Nulllinie fahre. Sie insgeheim verachte. Sie mir trotzdem manchmal herbeisehne, wenn ich gerade jenseits von Gut und Böse unterwegs bin. Und dass ich nicht nur in Bezug auf meine Stimmungen extrem sein kann, sondern auch hinsichtlich diverser Emotionen und Lebensbereiche. Alles schon gesehen, alles schon gehabt. Manchmal ist das gut, manchmal weniger.

Henne? Ei?

Müssen wir als Bipolare wirklich immer alles pathologisieren? Müssen wir uns jedes Mal fragen, ob wir uns jetzt gerade ober- oder unterhalb der Nulllinie befinden? Ob das gerade unser depressives oder hypomanes (manisches) Ich ist? Oder das Ich dazwischen? Welches ist das „richtige“, das „echte“ Ich? Gibt es das überhaupt? Sind nicht alle davon echt und richtig? Alles Teil von uns? Ist das da gerade ein Frühwarnzeichen? Und wenn ja, müssen wir dann sofort handeln und gegensteuern oder haben wir noch etwas Spielraum? Ist es wichtig und gesund, abzugrenzen, was von all dem einfach nur wir selbst sind und was davon die Krankheit? Können wir das überhaupt trennen? Viel wichtiger noch: Müssen wir das? Wir könnten diesen Fragenkatalog noch beliebig lange weiterführen fürchte ich…

Abwechslungsreich routiniert?

Ich bin immer wieder erstaunt, wie viel in so einem Leben in so kurzer Zeit passieren kann. Meistens empfinde ich das tatsächlich als sehr schön, weil mein Leben so bisher noch nie langweilig war und es vermutlich auch nie sein wird. Andererseits überschlagen sich die Ereignisse manchmal so schnell, dass Herz und Kopf gar nicht mehr hinterherkommen und ich nicht Schritt halten kann. Das strengt dann ganz schön an. Es ist eine mir wohlbekannte Hass-Liebe. Einerseits finde ich zu straffe Routinen und eintönigen Alltag total ätzend, andererseits brauche ich, ob ich das will oder nicht, eine gewisse Kontinuität in meinem Leben, um langfristig stabil zu bleiben. Eine gewisse Regelmäßigkeit. Wenn ich mir meine letzten Jahre allerdings so anschaue, findet sich darin tatsächlich herzlich wenig davon. Und trotzdem ist es irgendwie gegangen. Manchmal mehr, manchmal weniger schief. Wie bei so vielen anderen Dingen auch eine Frage des goldenen Mittelwegs. Königsdisziplin.

In den letzten Wochen war mal wieder alles dabei. Eine Achterbahnfahrt der Gefühle vom Allerfeinsten. Hatte mich eigentlich schon gefreut, dass, nachdem sich die Corona-Lage etwas beruhigt hatte, vielleicht etwas Ruhe einkehrt. Aber da war es während Corona deutlich ruhiger, muss ich gestehen.

Auch ohne Boden kann man stehen.

Vor ein paar Wochen ging es mir so schlecht wie schon seit knapp zwei Jahren nicht mehr. Vor allem aber so lange schlecht wie schon seit Langem nicht mehr. Eine nicht zu verachtende depressive Episode, die ohne große Vorwarnung über mich hereinbrach und mir einmal schnell den Boden unter den Füßen wegzog. Ich habe mal wieder festgestellt, dass jede Phase anders verläuft. Sowohl die depressiven als auch die hypomanen. Keine ist wie die andere. Da bin ich wohl nicht die einzige, die keine Routinen mag. Der Nachteil daran ist, dass man aus jeder Phase seiner Meinung nach ein Stück schlauer herausgeht und sich gewappnet fühlt für die nächste. Man lernt ja jedes Mal dazu, genau. Und außerdem entwickeln sich Krisenfähigkeit und Resilienz immer nur durch Krisen selbst. Jede Krise macht uns stärker, die schweren Zeiten sind es, an denen wir wahrhaftig wachsen. Blaaaaaa. Würg.

Nach Scheiße kommt Geil!

Nachdem wir all diese Kalendersprüche brav verinnerlicht haben freuen wir uns also, dass wir, ganz toll, endlich mal wieder so richtig durch die Scheiße gegangen und dabei so viele tolle neue Dinge dazugelernt haben und womöglich sogar noch viel schlauer sind als der ganze blöde Rest der Welt. Tja. Und dann stellen wir fest, dass keine Phase der vorherigen gleicht. Und dass diese Phase ganz andere Herausforderungen mit sich bringt als die letzte. Und die nächste. Klar, es gibt Symptome, die jedes Mal am Start sind. Stärker oder schwächer ausgeprägt. Die wir zumindest schon einigermaßen kennen, nicht komplett von ihnen plattgewalzt werden und in einem gewissen Maß mit ihnen umgehen können. Bei mir sind das in den depressiven Phasen vor allem Traurigkeit, Antriebs- und Energielosigkeit. Damit kann ich mittlerweile ganz gut umgehen, manchmal besser, manchmal schlechter. Aber meistens besser.

Augen…

Ich weiß, dass meine Traurigkeit in depressiven Episoden ihre Daseinsberechtigung auch ohne Grund bekommt. Dass es nicht hilft, gegen sie anzukämpfen, weil es sie noch schlimmer machen würde. Dass Verdrängen oder Ablenken manchmal helfen und auch richtig sind. Aber ich weiß auch, dass ich den schwarzen Umhang am schnellsten wieder abstreifen kann, indem ich mich ihrer vollen Wucht stelle und sie „einfach“ aushalte. In einem Abwasch sozusagen. Kurz und knackig. Dass auch das, was ich verdränge oder von dem ich mich vielleicht eine Zeit lang, manchmal überlebensnotwendiger Schutzmechanismus unseres Geistes, erfolgreich ablenken kann, konsequent irgendwann seine Verarbeitung einfordern wird.

auf…

Ich weiß, dass ich nicht mehr Antrieb bekomme, indem ich mich jeden Tag dafür fertig mache, dass ich keinen Antrieb habe und dass ich ja nichts hinkriege und mich mit psychisch gesunden Menschen und mir selbst in symptomfreien, „gesunden“ Phasen vergleiche. Ein Vergleich, bei dem ich in einer depressiven Phase natürlich nur verlieren kann. Ganz abgesehen davon, dass Vergleiche, egal mit wem, selten eine gute Idee und auch nicht als Selbstwertbooster bekannt sind. Aber ich weiß, dass es in diesen Zeiten der Antriebslosigkeit hilft, nicht so streng und stattdessen lieber nachsichtig mit mir zu sein. Wie ich es auch zu allen mir wichtigen Menschen wäre. Zu akzeptieren oder zumindest hinzunehmen, dass das nun mal eines der Symptome einer Depression ist und nicht bedeutet, dass ich generell nichts „hinbekomme“. Aber dass ich deswegen eben gerade in diesem Moment nicht so viel „hinbekomme“, wie ich das gerne würde. Dass das okay ist. Dass es auch wieder anders werden wird. Dass ich dann eben die Dinge, für die es gerade nicht reicht, wenn möglich verschieben oder zumindest auf die vorerst Wichtigsten reduzieren kann. Dass unser Wert als Mensch nicht darauf basieren sollte, was wir „schaffen“ und „erreichen“, auch wenn uns unsere Gesellschaft etwas anderes suggerieren mag. Und: Dass wir abgesehen davon vielleicht nicht immer nur „hinbekommen“, „schaffen“, „erledigen“, „produktiv sein“ müssen. Aber dieses Thema steht nochmal auf einem ganz anderen Blatt geschrieben und verdient in Zukunft einen eigenen Blogbeitrag. Ich muss an die Aussage einer Ärztin in der Klinik damals denken: „Vielleicht reicht es ja auch erstmal, wenn Sie es schaffen würden, nicht immer alles schaffen zu wollen.“

…und

Ähnlich verhält es sich auch mit der Energielosigkeit, die oft zwangsläufig mit der Antriebslosigkeit einhergeht. Natürlich ist die eben beschriebene Nachsicht mit diesem Zustand als Basis eines achtsamen und freundlichen Umgangs mit sich selbst eine sehr gute Grundlage. Und trotzdem habe ich über die Zeit für mich festgestellt, dass Aktivität oft auch durch Aktivität wiederkommen kann, wenn auch nur im ganz kleinen Rahmen. Dass es mich, bei aller Liebe zu Achtsamkeit und Akzeptanz, vielleicht sogar weiterbringt, wenn ich mich, auch wenn es noch so schwer fällt, aufraffe und eine Runde spazieren gehe. Keine sportliche Höchstleistung, keine Schnelligkeit, keine Strecke (außer mir ist danach und ich habe die Kraft). Einfach nur in Bewegung kommen, egal wie und egal, wie lange. Ich kann da nur für mich sprechen, aber Bewegung hilft immer immer immer.

…durch.

Diese Phase ging ohne Panikattacken über die Bühne, dafür aber mit einer überwältigenden Traurigkeit, wie ich sie lange nicht erlebt habe. Vor allem mit Sturzbächen von Tränen, die ich nie für möglich gehalten hätte. Tränenkanalsanierung sozusagen. Ist bestimmt auch mal gut. Trotzdem reichte der Antrieb noch, um morgens aufzustehen und zur Arbeit zu gehen. Was ich auch schon deutlich anders erlebt habe. Ich sah zwar jeden Tag aus wie Quasimodo mit Bindehautentzündung und hätte mir gewünscht, meinen Mundschutz einfach zur Komplettgesichtsmaske umzufunktionieren, aber ich war froh, dass ich mir durch meine Arbeit, die ich sehr sehr gerne und mittlerweile auch komplett routiniert mache, eine gewisse Struktur und Ablenkung in dieser Zeit aufrechterhalten konnte. Weitergeheult habe ich dort trotzdem. In Etappen. Heimlich in der Küche. Man kann nicht alles haben.

Alles eine Betrachtung…

Mittlerweile sehe ich jede meiner Phasen, egal ob depressiv oder hypoman, als Erweiterung meines Erfahrungsschatzes mit dem Umgang meiner Erkrankung an. Meist harte Schule, aber hat ja auch keiner behauptet, dass Schule Spaß macht. Ich packe weiter fleißig meinen Notfallkoffer…und nehme alles mit, von dem ich weiß, dass es mir in meinen Phasen weit jenseits der Nulllinie helfen kann und in der Vergangenheit auch schon getan hat. Und auch der Koffer wird dann mit seinen Aufgaben wachsen. Genau so wie wir. Und auch das ist ein Kalenderspruch, der das Potenzial hat, uns im Strahl kotzen zu lassen, aber here it goes anyway:

Es geht nicht darum, wie oft wir fallen, sondern darum, dass wir immer wieder aufstehen.

…der Frage?

Mittlerweile sind so viele Sternschnuppen vom Himmel gefallen, dass ich den Überblick verloren habe.

Bedauernswerter- und unromantischerweise wissen wir ja leider mittlerweile, dass Sternschnuppen keine vom Himmel fallenden Sterne sind. Sondern winzig kleine Teilchen oder Steinchen aus unserem Sonnensystem. Und trotzdem rührt ihre Schönheit, der leuchtende Lichtschweif, den wir manchmal von der Erde aus sehen können, doch daher, dass sie mit unvorstellbarer Geschwindigkeit durch die Erdatmosphäre fallen, wodurch Reibung erzeugt wird und daraus wiederum ihr Leuchten entsteht.

Langsam wird mir kalt. Ich zünde mir noch eine Zigarette an und blase den Rauch ins Halbdunkel der Nacht. Da. Schon wieder eine.

Wenn selbst so etwas Schönes wie eine Sternschnuppe erst fallen muss, um zu leuchten…

… dann gehört Fallen vermutlich einfach dazu.

Freiläufer.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Einen Fuß vor den anderen setzen. Schritt für Schritt. Weiter. Immer weiter.

Es gibt mittlerweile viele Studien, die belegen, dass regelmäßige Bewegung und Sport bei der Behandlung von Depressionen und Angstzuständen genauso wirksam sind wie die Einnahme von Antidepressiva. Um zu verstehen, dass dies für schwere depressive Phasen, während der die Betroffenen morgens nicht mal das Bett verlassen können, nicht ganz realistisch ist, braucht es vermutlich keine Statistik.

Auf den letzten Metern

Ich war jahrelang regelmäßig und teilweise ziemlich exzessiv joggen gegangen. Für mich ein Ventil, das es mir ermöglichte, Druck abzubauen, Stress zu bewältigen und den Kopf frei zu bekommen. Ich erinnere mich noch sehr gut an einen meiner letzten Läufe, im Sommer 2017 bevor ich in die Klinik ging. Es ging schon seit Wochen kontinuierlich bergab, ich konnte schon nicht mehr wirklich schlafen und wachte weit vor Sonnenaufgang auf, weil mir mein Geist keine Ruhe mehr ließ. Mein Herz zu laut von innen gegen meine Brust hämmerte. Die Gedanken Runde um Runde drehten. Das Aufstehen stellte bereits eine gewisse Herausforderung da, aber noch schaffte ich es irgendwie. Es war einer dieser Morgende, ich war mit meiner Familie in einem wunderschönen Ferienhaus in Dänemark, mitten in den Dünen, nur ein paar Meter von einem scheinbar endlosen Strand entfernt. Es war irgendwann zwischen 4 und 5, ich schnürte die Schuhe und lief los. Möwenkreischen, das Rauschen der Wellen und zwei Babyrobben, die panisch vom Sand zurück ins sichere Meer flüchteten, als sie mich sahen und mich von dort aus misstrauisch aus großen schwarzen Knopfaugen beobachteten, bevor sie in den Wellen abtauchten. Die Schönheit des Moments war zum Greifen nahe, doch so sehr ich meine Finger auch nach ihr ausstreckte, ich konnte sie nicht erreichen.

Wettlauf gegen den Abfuck

Ich lief und lief und lief. Rannte. Sprintete. Bis der Weg von einigen umgefallenen Baumstämmen versperrt war. Lief und rannte und sprintete die vielen Kilometer und den ganzen Weg zurück. Meine Lunge brannte. Und weiter in die andere Richtung. Bis mein Körper mir unmissverständlich klar machte, dass hier Schluss war. In der Hoffnung, das quälende Gefühl, die Verzweiflung und meine immer wiederkehrenden Gedanken loszuwerden, hatte ich einfach nur eine vollkommene körperliche Erschöpfung erreicht, welche mir die kurzzeitige Güte erwies, zumindest für ein kleines Zeitfenster stärker zu sein als meine psychische. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits deutlich abgenommen. Zu viel. Ich hatte vorher nie Probleme mit meinem Gewicht gehabt. Mal ging es etwas hoch, mal etwas runter, aber früher oder später pendelte es sich immer wieder auf die selbe Zahl ein. Ich war ein absoluter Genussmensch und aß für mein Leben gern und viel, noch mehr, wenn ich viel Sport machte, und hatte meine Zeit noch nie mit sinnlosen Diäten oder Kalorienzählen verbracht. Dafür war das Leben meiner Meinung nach zu kurz. In ein paar Wochen würde ich zehn Prozent meines Gewichts verloren haben, da ich über Tage hinweg kaum mehr etwas zu mir genommen haben würde. Das war der Moment, als ich zum ersten Mal seit Jahren mit dem Joggen aufhörte. Weil mein Körper einfach nicht mehr genügend Kraft hatte. Die letzte Kraft brauchte, um irgendwie zu bewältigen, was da gerade alles Abartiges in ihm abging.

Flügge, lieber nicht!

Als sich meine Zeit in der Klinik im November dem Ende zuneigte, waren bereits nach und nach ein paar der Leute entlassen worden, die schon vor mir da oder gemeinsam mit mir gekommen waren. Nicht jeder sprach es aus, aber irgendwie hatten wir alle Respekt, wahrscheinlich sogar Angst, vor dem, was danach kommen würde. Vor dem großen Nichts für die, die ihren Job durch zu viele Fehltage verloren hatten. So wie ich. Für die, die vielleicht bereits zuvor keinen Job mehr hatten. Angst davor, den Herausforderungen und dem Druck des Arbeitslebens nicht mehr gewachsen zu sein für die, auf die eine Wiedereingliederung wartete. Um die ich sie ehrlich gesagt ganz schön beneidete. Klar würde es eine Herausforderung sein und eine Umstellung, aber es wäre gleichzeitig auch ein Garant für Struktur im Alltag, einen sicheren Rahmen, der Halt geben könnte nach dem absoluten Zusammenbruch und allem, was sie hinter sich hatten.

Gähnende Leere.

Durch den Klinik-Gossip erfuhren wir, die noch da waren, bereits wenige Tage nach der Entlassung einiger Leute, dass sie beim Sprung zurück in den Alltag, raus aus dem sicheren Nest der Einrichtung, abgerutscht waren und einige von ihnen sich gerade übergangsweise in der Geschlossenen befanden. Und das waren nicht nur die ohne Partner oder ohne Job. Sondern auch die, die einen sehr stabilen Eindruck gemacht hatten an ihrem letzten Tag und optimistisch in die Zukunft sahen. Das zu hören machte Angst. Würde es mir genau so gehen? Wie würde ich mir ohne jegliche Struktur von außen meine eigene schaffen? Würde ich diesen neuen, erstmal vollkommen leeren Alltag bewältigen können? War ich stabil genug dazu? Wie lange würde diese Stabilität angesichts der Unsicherheit, mit der ich konfrontiert war, überleben? Was kam danach? Wie sollte es weitergehen?

Gute Reise, gute Reise.

Während wir in der Klinik alle in einem Boot saßen, uns gegenseitig verstanden und austauschen konnten, uns für die Zeit, die wir dort waren, in Sicherheit wähnten, würde ich ab sofort in einem Ein-Mann-Kanu auf’s offene Meer geschickt werden. Freundlicherweise mit einem Paddel und einem Rucksack voller Erkenntnisse, Gelerntem und Ressourcen, den ich über die letzten Wochen und Monate mühsam und in kleinen Schritten gepackt hatte. Doch was ich daraus machte, lag nun einzig und allein an mir. „Leidensgenossen“ in diesem Sinn gab es nicht wirklich, da sich unter meinen Freunden momentan weder andere psychisch Kranke noch Arbeitslose befanden. Glücklicherweise muss man ja fairerweise sagen. Alle arbeiteten ganz normal in ihren Jobs, standen morgens auf, wenn der Wecker klingelte, hatten Verpflichtungen, denen sie nachkommen mussten und einen strukturierten Alltag. Und ich?

Ich ging.

Wohin?

Nirgendwo wirklich hin eigentlich. Ich fing einfach an zu gehen. Nicht joggen, einfach nur gehen. Ich kannte mich und wusste, dass ich wenn ich nicht übergangslos an das täglich frühe Aufstehen während der Klinikzeit anknüpfen würde, schnell wieder in alte Muster verfallen und bis vormittags schlafen würde. Also stellte ich mir weiterhin meinen Wecker, jeden Tag zur gleichen Zeit, und stand auf. Machte mir einen Kaffee zum Mitnehmen, Coffee to go unterwegs gab das Krankengeld leider nicht her, und lief los. Erstmal immer die gleiche Strecke. An der Elbe entlang. Immer geradeaus.

Einen Fuß vor den anderen setzen. Schritt für Schritt. Weiter. Immer weiter.

Jeden Tag.

Bei jedem Wetter.

Schritt für Schritt.

Am Anfang fünf Kilometer, ein paar Tage später zehn. Nach einer Woche keinen Tag unter 15 bis 20 Kilometer. Einmal waren es 35. Das war dann nicht mehr so schön. Ich lief und lief und lief. Um die 300 Kilometer im Monat. Am Anfang bluteten meine Zehen ein paar Mal und es gab die ein oder andere Blase, aber das ging schnell vorbei. Das in Bewegung sein, das Gefühl, voranzukommen, die Regelmäßigkeit der Schritte und meiner Atmung, die Natur, der Strand, das Wasser, die Ruhe, die frische Luft. Nicht die Schnelligkeit und das Auspowern vom Joggen, sondern die Langsamkeit und das Stete des Gehens. All das tat mir gut. Meinem Körper und vor allem auch meiner Seele. Den Blick und auch die Gedanken schweifen zu lassen. Keine Höchstleistungen vollbringen zu müssen, sondern einfach nur stetig einen Fuß vor den anderen zu setzen. In der beruhigenden Gewissheit, dass mein Körper mir gehorcht und mich dort hinbringt, wo ich sein möchte. Egal, was war, vor allem auch an schlechteren Tagen, wusste ich, dass es mir besser gehen würde, sobald ich los lief. Und dass vielleicht vieles schon vergessen sein würde, wenn ich wieder zu Hause war. Mit jedem Schritt fühlte ich mich mich mir selbst noch ein Stück näher.

Man kann es auch übertreiben…

Manchmal setzte ich mir ein Ziel, manchmal nicht. Zwangsläufig legte ich auch alle Wege, die ich im Alltag zurücklegen musste, zu Nachbesprechungen in der Klinik, zum Yoga, zu Treffen mit Freunden, zu Fuß zurück, da anscheinend auch der Hamburger Verkehrsbund mit seinen horrenden Preisen herzlich wenig Sympathien für Krankengeldempfänger hatte. Ich hatte ja den ganzen Tag Zeit, also plante ich einfach genug davon ein und stieg nicht easy schnell in die Bahn oder den Bus und fuhr zwanzig Minuten, sondern ging 17 Kilometer zu Fuß, um zum Zahnarzt zu gehen. Da jeder gegangene Kilometer auch Zeit beansprucht und es außerdem tiefster Winter war, vergingen die Stunden und Tage somit wie im Flug. Wenn ich nach Hause kam, war ich meistens so erschöpft, dass ich es gerade noch so schaffte, zu duschen und etwas zu essen, bevor ich ins Bett fiel und wie ein Stein schlief. Noch ein Problem gelöst. Ich war mir des etwas extremen Charakters all dessen von Anfang an bewusst, doch abgesehen davon, dass Extreme schon immer zu mir gehört hatten und sie mir gefielen, nahm ich das gerne in Kauf. Zu groß war die Angst, wieder den Halt zu verlieren und nur noch die Rücklichter des Zuges zu sehen, der mich zurück in den Alltag bringen sollte.

Und das Laufen war mein Ticket dorthin.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Ich laufe monatelang so weiter. Jeden Tag. Bis ich im April nach Fehmarn ziehe und wieder anfange zu arbeiten. 12-Stunden Schichten. Teilweise zehn Tage am Stück. Warum das, wer hätte das geahnt, nach allem, was ich mit und über meine Erkrankung sowie Frühwarnsignale, Belastungsgrenzen und deren Wahrung, in der Klinik und auch den vorangegangenen Monaten gelernt hatte, nicht so schlau war, könnt ihr hier lesen: https://tanzzwischendenpolen.com/2019/11/06/mit-vollgas-uber-die-insel/ Da blieb weder Zeit noch Kraft für’s Laufen. An meinen wenigen freien Tagen machte ich es trotzdem weiterhin. Oder fuhr mit dem Rad über die Insel. Oder ging Kiten. Mit einer völlig neuen und wunderschönen Kulisse. Die Saison neigte sich dem Ende zu, der Job und eine ganz besondere Zeit auf der Insel waren vorbei.

Öfter mal was Neues!

Zurück in Hamburg musste also ein neuer Job her. Ich kam zu dem Schluss, dass ich, wenn ich sowieso jeden Tag so viel und weit laufen ging, das doch eigentlich auch in tierischer Begleitung machen und nebenher noch ein bisschen Geld verdienen könnte. Also registrierte ich mich auf einer Plattform für Hundebetreuung und Gassiservice und drehte kurz darauf und ab sofort meine Runden mit zwei Vierbeinern, meistens getrennt, manchmal auch beide zusammen, inklusive Leinensalat, massenweise Kackebeuteln, für die ich definitiv eine dritte Hand gebraucht hätte, und belustigter Blicke der Leute, die uns begegneten. Obwohl ich beide sehr schnell in mein Herz schloss, hatte die erste Hundedame eben jenes sofort im Sturm erobert, ich war schockverliebt und wir gehen noch jetzt, über zwei Jahre später, zusammen spazieren und lieben uns heiß und innig.

Insofern hat das Laufen mir nicht nur den Weg zurück in den Alltag geebnet, sondern mich auch meine Liebe zu Hunden entdecken und in den Genuss ihrer bedingungsloser Zuneigung und unbändiger Freude kommen lassen. Und das sind nur einige der positiven Aspekte, die das Laufen mit sich bringen kann.

Laufen braucht kein Ziel, keine Intention. Es geht nicht darum, möglichst schnell anzukommen. Es geht nicht um einen Anfang. Oder ein Ende.

Sondern um das Dazwischen.

Schritt für Schritt.

Weiter.

Immer weiter.

Im hoffnungslosen Fall

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Einen Fuß vor den anderen setzen. Schritt für Schritt. Weiter. Immer weiter.

Einen Zombie, bitte.

Ich weiß nicht, wie lange ich schon unterwegs bin. Ich weiß nur, dass ich das Haus verlassen habe, als es noch dunkel war. Und es ist Sommer. Also muss es weit vor 6 Uhr morgens sein. Das Gefühl in mir war unerträglich geworden. Ich war mir sicher, mein Körper würde das nicht eine Sekunde länger mehr mitmachen. Was hätte ich dafür gegeben, einfach aus ihm herauszuschlüpfen und zu flüchten. An einen fernen Ort. An dem ich sicher wäre vor der Erbarmungslosigkeit, mit der Schmerz, Panik und tiefste Hoffnungslosigkeit in meiner Seele wüteten. In seiner Machtlosigkeit hatte mein Körper wortwörtlich versucht, all das von sich zu stoßen. Ich hatte mich die halbe Nacht übergeben. Aber außer zunehmender Erschöpfung und Kraftlosigkeit hatte auch das keinen Effekt gehabt. Ähnlich wenig wie das Plündern des kompletten Restbestands der in meinem Haushalt verfügbaren Alkoholika in der Nacht zuvor. Die Mischung von Kirschwasser, Cognac, billigem Weißwein vom Kiosk und selbstgebranntem Dattelschnaps kann ich nicht wirklich empfehlen. Allerdings muss man dieser kreativen Cocktailkreation zu Gute halten, dass die Verneblung, die ich durch das zügige Herunterkippen eben jener verhältnismäßig schnell erreichte, sowie das ebenso ziemlich zügige Auskotzen derselben, zumindest für eine kurze Zeit das unerträgliche Gefühl in mir übermannt hatten. Alles war besser, als die Ausgeburt der Hölle in mir. Und wenn Kirschwasserkotze die bessere Alternative ist, muss es schon ziemlich beschissen um dich stehen.

Also lief ich los.

Einen Fuß vor den anderen setzen. Schritt für Schritt. Weiter. Immer weiter.

In der Not…

Irgendwann war ich an der Elbe angekommen. Ich schlüpfte durch das Geländer und setzte mich auf die Kaimauer. Drehte mir eine Zigarette. Rauchte sie. Drehte mir noch eine. Rauchte auch diese. Noch eine. Und noch eine. Hinter den Docklands kroch langsam die Sonne den Horizont empor, um den Hafen kurz darauf mit strahlend goldenem Licht zu fluten. Ein Bild von fast einschüchternder Schönheit. Als ob mir diese verdammte Stadt unter die Nase reiben wollte, wie schön die Welt doch war. Und wie undankbar ich, deren Inneres selbst durch die hellsten Sonnenstrahlen nichts an seiner alles vereinnahmenden Dunkelheit zu verlieren vermochte. Die Diskrepanz zwischen diesem Schwarz in mir und der Schönheit um mich herum machte mir noch einmal schmerzhaft bewusst, wie tief ich gefallen war.

…tritt der Teufel wieder in die Kirche ein.

Was für ein hoffnungsloser Fall. Im wahrsten Sinne. Und dass sich dieser Zustand niemals wieder ändern würde. Dass ich das nicht aushalten würde. Wenigstens das war sicher. Egal wie sehr ich darum flehte und sogar betete. Ich glaubte nicht an Gott. Und er machte dummerweise auch keine Anstalten, mir zu helfen. Vielleicht war sein Support nur denen vorenthalten, die nicht wie ich aus der Kirche ausgetreten waren und weiterhin brav ihre Kirchensteuer zahlten. Wer weiß.

„Ist alles okay bei dir?“

Liebeskummer an die Macht!

Gerade bin ich meinem Körper für seine bleierne Schwere ausnahmsweise mal dankbar. Sonst wäre ich vor Schreck vermutlich von der Kaimauer gefallen. Auf der anderen Seite der Brüstung steht ein Mann mittleren Alters mit verhältnismäßig besorgter Miene und einer ziemlich teuren Spiegelreflex, die an einem Gurt um seinen Hals baumelt. In der Hand hält er ein Stativ. Erst als die Worte, die ich versuche zu sprechen, meine Lippen und damit zwangsläufig auch einen Teil meines Gesichts bewegen, fällt mir auf, dass ich ganz schön verheult aussehen müsste, weil meine Wangen scheinbar ein exklusives Salzlifting verpasst bekommen haben. Auf jeden Fall ist irgendwie alles verklebt. Weswegen ich direkt zu der Erkenntnis komme, dass es verschwendete Energie wäre, eine Fassade aufrecht zu erhalten, wo keine ist. Von daher heule ich einfach weiter und sage: „Nein, nichts ist okay.“ Auf eine seltsam unaufdringliche und einfühlsame Art und Weise fragt der Fremde, ob ich Liebeskummer habe. Was würde ich dafür geben, einfach nur normalen beschissenen Liebeskummer zu haben! Das wäre wie ein Sechser im Lotto. Balsam für die Seele. Ein Sabbatical im Kloster. Aber dummerweise gibt es gerade keinen Kerl in meinem Leben, um den es sich zu trauern lohnen würde. Ich nehme mir schon mal fest vor, den nächsten Liebeskummer wie königlichen Besuch feierlich mit einem roten Teppich zu empfangen und ihn in vollen Zügen zu genießen. Das wird ein Fest!

Verschnaufpause.

Das Interessante an dieser Begegnung mit Knut, der eigentlich anders heißt, ist, dass er, ohne mich länger als ein paar Minuten zu kennen, innerhalb kürzester Zeit so viele gute und wahre Dinge zu mir sagt, dass es mir tatsächlich kurz etwas besser geht. Was angesichts der Tatsache, dass ich mich nicht erinnern kann, wann ich mich jemals so furchtbar gefühlt habe in meinem Leben, schon echt ne Leistung ist. Er hört zu. Versteht. Erzählt von seinem Sohn und dessen Erfahrungen mit Depressionen. Seiner Frau. Seinem Burn-Out. Er schafft es irgendwie, einmal den Pausenknopf in meinem mentalen Abwärtsspiralenprogramm zu drücken. Mich sanft am Arm zurück zu ziehen, um mir zu zeigen, dass ich nicht die volle Ladung Wasser abbekomme, wenn ich einen Schritt zurück gehe. Wasser, das sich durch die vorbeirasenden Autos tsunamiartig über mich ergießen würde. Weil ich viel zu nah an der Straße stehe. Unsere Unterhaltung dauert vermutlich nicht länger als eine halbe Stunde. Und doch ist es eine Begegnung, an die ich noch lange zurückdenken werde. Es auch heute noch oft tue. Weil sie mich gelehrt hat, dass selbst die allerschwärzesten Momente unverhofft einen Funken Hoffnung enthalten können. Auch wenn wir diesen vielleicht erst später so einordnen. Dass Zwischenmenschlichkeit sich auch auf dem unsichersten Terrain selbstsicher bewegen kann. Und dass auch die Verbindung zu einem Fremden für einen Moment reichen kann, um uns nicht mehr ganz so alleine zu fühlen.

Die andere Seite.

Bevor wir uns verabschieden muss ich Knut versprechen, dass ich nicht in die Elbe springen werde, ihm meine Nummer gebe und mich später noch einmal melde. Ich mag zwar in jeglicher anderer Hinsicht gerade unzurechnungsfähig sein, aber meine Menschenkenntnis und Intuition hat mich bisher selten im Stich gelassen. Es ist eine väterliche Fürsorge, die er ausstrahlt. Nicht mehr und nicht weniger. Als er in Richtung Hafen davonläuft, blicke ich ihm noch lange hinterher und frage mich, was er wohl fotografiert hat. Nach einer Zeit, die ich nicht abschätzen kann, klettere ich über die Brüstung zurück auf die andere Seite und setze meinen Weg fort. Wohin und wie weit weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass ich in Bewegung bleiben muss.

Einen Fuß vor den anderen setzen. Schritt für Schritt. Weiter. Immer weiter.

Mein Handy brummt in meiner Jackentasche und ich öffne die WhatsApp-Nachricht einer unbekannten Nummer. Knut hatte kurz bevor er mir begegnet war, das wohl schönste Bild vom Sonnenaufgang über Hamburg eingefangen, das ich bis heute zu sehen bekommen habe. Bei der Qualität der Kamera hatte ich mich anscheinend auch nicht getäuscht. Ein glutroter Ball hängt über der Stadt, gleißend helle Lichtstrahlen werden von den Glasfassaden der Bürogebäude reflektiert und fordern die kleinen unscheinbaren Wellen der Elbe zum Tanz auf. Man erkennt es nur, wenn man genau hinsieht.

Auf der Kaimauer zeichnen sich die Umrisse einer Person ab, die scheinbar lässig an das Geländer gelehnt dort sitzt und scheinbar locker eine Zigarette in ihrer rechten Hand hält. Scheinbar das Spektakel bewundert. Scheinbar einfach den Moment genießt.

Scheinbar schöne Welt.

Ist es das Wert?

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Hirnstürmen.

Nachdem ich schon eine ganze Weile am Überlegen bin, über welches Thema ich in meinem nächsten Blogartikel schreiben möchte und irgendwie zwischen Rückkehr in den „Alltag“, wenn wir ihn denn so nennen können, die Wiederaufnahme meiner Jobs und allem, was da so mit dran hängt, noch nicht wirklich entscheidungsfreudig war, wurde mir unerwartet erfreulicherweise etwas auf die Sprünge geholfen. Eine Fragestellung in einem Modul meines Studiums, die sich mit Werten beschäftigt. Ich möchte einige meiner Gedanken zu diesem Thema heute mit euch teilen. Dieser Beitrag wird vermutlich nicht so strukturiert sein wie manch anderer bisher. Ich habe einfach mal drauf los geschrieben. Wenn man sich erst mal mit einem bestimmten Thema beschäftigt, schneidet unser Gehirn dabei so viele andere an, dass eins zum anderen kommt und schwupps, ist man vielleicht doch ganz wo anders gelandet. Das hier ist wie ein kleines Brainstorming, bei dem mir viele Ideen für künftige Artikel gekommen sind, die ich im Folgenden zwar erwähne, ihnen aber nicht annähernd die Aufmerksamkeit widme, die ihnen zusteht.

Unsere eigenen Werte vs. die Werte unserer Gesellschaft…

Was bedeutet es, selbstbestimmt zu leben?

Was ist normal? Sollten wir dieses Wort nicht vielleicht lieber aus unserem Sprachgebrauch streichen?

Anders als was? Können wir einfach nur „anders“ sagen?

Die Verbindung zwischen „normal“ und „anders“…

Brauchen wir eine neue Philosophie des Scheiterns?

Welchen Einfluss haben unterschiedliche Definitionen von Erfolg auf unsere Lebensqualität und unser Glück?

Welche Rolle spielt Resilienz als Ressource beim Umgang und Leben mit psychischen Erkrankungen?

…mehr als genug Stoff für die nächsten Artikel. Input und Anregungen von euch sind wie immer gerne gesehen!

Ist normal Mehrwert als anders?

Für das Individuum in unserer Gesellschaft wird es zunehmend schwerer, seine ganz persönlichen Werte zu definieren. Was ist MIR wirklich wichtig? Nach welchen Werten möchte ICH leben? Passen die Werte, die uns die Gesellschaft vorzuleben scheint, zu unseren Werten oder sind sie vielleicht meilenweit davon entfernt? Es passiert schnell, dass wir unser Leben an Werten ausrichten, die den unseren überhaupt nicht entsprechen oder vielleicht genau das Gegenteil von ihnen sind.

Und dann fragen wir uns, warum wir nicht glücklich sind oder das Gefühl haben, nicht selbstbestimmt zu leben.

Wenn das alle (oder zumindest die meisten) so machen, wenn man „das halt so macht“, muss ich das dann nicht auch so machen? Seinen eigenen authentischen Weg zu gehen, der sich vielleicht in jeglicher Hinsicht von dem unserer Mitmenschen abhebt und nicht zwangsläufig auf Verständnis stößt, der eben irgendwie „anders“ ist („anders“ als was? Gäbe es keine Norm, gäbe es das Wörtchen „normal“ nicht, würden wir dann überhaupt von „anders“ sprechen können? Kann man „anders“ überhaupt benutzen ohne ein sich anschließendes „als“ und eine darauf folgende Spezifizierung? Vermutlich könnte man ganze Bücher mit einer philosophischen Betrachtung dieses Wortes füllen…), unkonventionell, nicht „normal“ (oder vielmehr „nicht der Norm entsprechend“?) erfordert Mut und Durchhaltevermögen. Die Schwierigkeit besteht vermutlich darin, dass dies im Konflikt mit einem unserer Grundbedürfnisse als Mensch stehen kann: Dem tief in uns verankerten Bedürfnis nach Anerkennung und Zugehörigkeit. Dem Bedürfnis, geliebt zu werden.

Extrinsisch vs. intrinsisch

Denn wenn wir „unser eigenes Ding“ machen, entgegen aller Meinungen von Außen und entgegen etwaiger Widerstände und Kritik, stoßen wir nicht selten auf Ablehnung oder vielleicht auch Ab“wertung“. Anerkennung im Außen als Motivation oder Antrieb, weiterzumachen, fallen plötzlich weg. Und die einzigen, die uns das noch geben können, sind letzten Endes einzig und allein wir selbst. Um unsere Überzeugung, dass das, was wir machen, genau so genau richtig für uns ist, wirklich leben und voll und ganz hinter unseren Werten und deren Vertretung stehen zu können, setzt allerdings voraus, dass wir tatsächlich aus unserem tiefsten Inneren überzeugt sind

Krank halt.

Wenn ich die Fragestellung auf die Texte für meinen Blog beziehe, dann sind es Dinge wie Entstigmatisierung, Authentizität, Verständnis und Ehrlichkeit, die ich bewirken oder an meine Leser*innen vermitteln möchte. Und diese Werte natürlich auch selbst vertrete. Toleranz und Akzeptanz in unserer Gesellschaft. Die Akzeptanz von Menschen, die aufgrund psychischer Erkrankungen anders „funktionieren“ als psychisch gesunde Menschen. Die andere Voraussetzungen für das alltägliche Leben haben. Vor anderen Herausforderungen stehen. Verständnis. Dafür, dass psychische Erkrankungen eben so als Erkrankung anerkannt werden wie physische Krankheiten. Und nicht als Charakterschwäche oder dergleichen gesehen und die Betroffenen in der Konsequenz diskriminiert werden.

So wie du es tust.

Losgelöst von dieser Thematik möchte ich in meinen Texten ebenso Werte wie Authentizität, Individualität, Selbstwertgefühl, Achtsamkeit, Ehrlichkeit, Zwischenmenschlichkeit und Mut vermitteln. Mut, wir selbst zu sein. Mut zum Nicht-perfekt-sein. Mut, nicht immer zu funktionieren. Mut, unser Leben nach unseren ganz eigenen Vorstellungen zu gestalten und zu leben. Mut, eine Meinung zu den Dingen zu haben. Unsere individuelle Sicht auf die Welt. Die Welt mit eigenen Augen zu sehen. Nicht schweigend hinnehmen, sondern sagen, was wir zu sagen haben. Uns nicht durch den Gedanken, dass etwas doch schon so oft von so vielen anderen Menschen getan wurde, davon abhalten lassen, es trotzdem zu tun. Denn egal, wie viele Menschen schon wie viele Dinge vor uns getan haben oder jeden Tag tun…keiner tut es so wie wir es tun.

Rebellion der Seele?

Wenn Charaktereigenschaften wie Ehrlichkeit und Authentizität als Werte gesehen werden können, so kann es sicher auch Resilienz, der Fachbegriff für die psychische Widerstandskraft des Menschen. Sehr empfehlen kann ich an dieser Stelle das Buch „Resilienz – Das Geheimnis der psychischen Widerstandskraft – Was uns stark macht gegen Stress, Depressionen und Burn-Out“ der Wissenschaftsjournalistin und Autorin Christina Berndt, die sich seit vielen Jahren mit dieser Thematik beschäftigt. Ich persönlich sehe Resilienz als eine der erstrebenswertesten Eigenschaften, die wir uns als Menschen aneignen und erlernen können. Im Idealfall gepaart mit einer neuen Philosophie des Scheiterns und unserer ganz persönlichen und individuellen Definition von Erfolg und Glück. Scheitern nicht als Schwäche, sondern als unabdingbaren Teil des großen Ganzen zu sehen. Als Zwischenstopps auf unserem Weg. Vielleicht kommen wir irgendwann zu der Erkenntnis, dass es nicht darum geht, möglichst schnell anzukommen, sondern darum, das Unterwegssein genießen und bewusst wahrnehmen zu können.

Dass es vielleicht nicht darum geht, nie zu fallen, nie zu scheitern, nie zu verzweifeln.

Dass es vielleicht darum geht, immer wieder aufzustehen.

Dass wir uns vielleicht von jedem Sturz erholen und die Wunden heilen können.

Dass wir diese Fähigkeit vielleicht mit jedem Hinfallen trainieren können wie einen Muskel beim Sport.

Vielleicht will richtig Hinfallen nämlich auch gelernt sein.

…dort steht sie wieder auf

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

So vertraut und doch so fremd.

Mit dem stündlichen Auf und Ab, einem Wechselwhirlpool der Gefühle, der mich dort erwartet, hatte ich trotzdem nicht gerechnet. Und die Wucht, mit der mich die Realität plötzlich trifft, liegt nicht an der viel offensichtlicheren Anwesenheit der Krise durch die Massen von Menschen mit Mundschutz auf den Straßen und die immer noch leeren Klopapierregale bei Rewe. Schon auf dem Weg zu meiner Wohnung fühlt sich mein sonst so geliebter Stadtteil irgendwie fremd an. Es kommt mir alles so paradox vor. Der Frühling zeigt sich von seiner schönsten Seite, die Straßen und Plätze sind voller als je zuvor, die Leute drängen sich über die engen Fußgängerwege oder sitzen in großen Gruppen mit Kaffee-to-go-Bechern auf Bänken und Bürgersteigen, Abstand hält da kaum jemand. Und gleichzeitig trägt im Supermarkt jeder Mundschutz und als ich in Gedanken versunken zu nah an einer Oma vorbeilaufe, pöbelt sie mich direkt an. Ich fühle einen ständigen Wechsel zwischen „Eigentlich ist doch alle ganz normal und wieder okay. Was für ein schöner Tag!“ und „Irgendwas stimmt hier ganz und gar nicht. Smells like Apokalypse now.“. Ich habe das Gefühl, durch mein Rumlatschen auf der Straße zu einem illusorischen Gefühl von Normalität beizutragen, fühle mich unwohl und merke eine zunehmende Aggression in mir aufsteigen, als ich merke, dass Ausweichen hier unmöglich ist und ich und die doofe Oma anscheinend die einzigen sind, die das überhaupt erst versuchen.

Nur eine Frage des Winkels?

Meine Wohnung ist die gleiche und sie ist immer noch gleich schön. Und trotzdem ist alles andere anders. Mein Alltag ist nicht mehr da. Keine Struktur. Und damit meine ich am wenigsten meinen aktuell nicht mehr existenten Job. Ich schlafe schlecht und wache morgens mit dem wohl vertrauten Gefühl der Bedrückung und Herzklopfen auf. Starre aus dem Fenster auf die Kräne am Hafen und kann nicht aufstehen. Also bleibe ich liegen. Eine Stunde, zwei. Dobby macht seinen Job mal wieder nicht und die Sucht verpasst mir irgendwann den nötigen Arschtritt, um wenigstens eine Portion schwarzes Lebenselixir zu mir zu nehmen, kombiniert mit einer Ladung schwarzem Todeselixir, weil ich irgendwie seit ein paar Tagen wieder rauche. Nicht so viel. Irgendwie hilft es. Auf RTL.de habe ich letztens gelesen, dass Rauchen gegen Corona helfen soll. Die Quelle ist mir egal. Solange sie mir die gewünschte Absolution erteilt, die ich in diesem Moment will. Ich lege mich wieder ins Bett und liege dort weitere zwei Stunden. Vielleicht auch drei. Die Kräne am Hafen recken mit eisernem Willen würdevoll ihre stählernen Hälse gen Himmel, wie sie das seit jeher tun. Doch etwas irritiert mich an dem Bild. Dann fällt mir auf, dass einige von ihnen nur auf halber Höhe über dem Wasser schweben. Die einlaufenden Containerriesen sind ungewöhnlich leer. Wo es nichts zu entladen gibt, braucht es auch keine Kräne. Der sonst so beruhigend und stetig brummende Sound des größten Hafen Deutschlands verliert den Kampf gegen die aufkommenden Brise, bevor er wie gewohnt die Fenster meines Schlafzimmers erreichen und mir ein muckelig maritimes Gefühl von „gut aufgehoben sein“ vermitteln kann.

Das Bild der Kräne in dieser seltsamen Position beunruhigt mich bedeutend mehr als leere Klopapierregale. Es sieht einfach nicht richtig aus.

Morgen ist auch noch ein Tag.

Die nächsten Tage treffe ich drei meiner besten Freunde, auf die ich den Kontakt beschränkt habe. Das tut unfassbar gut. Meine Stimmung wechselt stündlich und es ist unfassbar anstrengend. Sie alle wissen seit Jahren um meine Krankheit. Kennen meine Auf’s und Ab’s. Haben mich in diversen Phasen schon erlebt. Waren überfordert. Haben gelernt, damit umzugehen. Sind für mich da. An dem Tag, an dem das Aufstehen so schwer fällt, sage ich meinem Kumpel kurzfristig ab. Überhaupt nicht meine Art. Normalerweise die Zuverlässigkeit in Person. Aber nicht in depressiven Phasen. Ich entschuldige mich und er versteht. Keine Vorwürfe. Einfach nur das Angebot, dass er da ist, wenn ich reden möchte. Und dass morgen auch noch ein Tag ist. Ob er für mich kochen soll abends. Ich möchte lieber alleine sein heute Abend. Ich bin erleichtert. Irgendwann nehme ich meinen ganzen Willen zusammen, stehe auf und mache einen langen Spaziergang, nur mit Hund, an der Elbe. Laufe bis mir die Füße weh tun. Spreche kein Wort, gehe nicht an mein Handy. Es geht mir stündlich besser. So viel besser, dass ich mich entscheide, meiner Freundin am Abend doch nicht abzusagen. Die richtige Entscheidung. Wir holen die letzten zwei Monate nach und quatschen und lachen, bis uns die Tränen kommen. Später liege ich unfassbar erschöpft genau so unbeweglich in meinem Bett wie am Morgen und studiere stundenlang die Raufasertapete an der Wand neben mir. Erstaunlich, wie fein säuberlich sich die verschiedenen Abschnitte lückenlos aneinanderreihen. Eine tiefe Traurigkeit überkommt mich.

In guten wie in schlechten Zeiten.

Zum ersten Mal seit der Diagnose bin ich mit der Situation konfrontiert, nicht mehr „alleine“, sondern in einer Beziehung zu sein. Verliebt bis über beide Ohren. Ich mache es so wie bisher und ziehe mich zurück, in der Hoffnung, dass mein Partner nicht so viel davon mitbekommt. Möchte nicht, dass er mich so sieht oder erlebt. In dieser Phase, in der ich nicht ich selbst bin und von meinem eigentlichen Wesen so weit entfernt, dass ich mich selbst kaum wiedererkenne. Das Gefühl habe, mich und den Kontakt zu meinem Selbst komplett zu verlieren. Fühle mich der Situation nicht gewachsen, all das plötzlich mitzuteilen und zu erklären, was da gerade in mir vorgeht. Gehe davon aus, dass diese stündlichen Wechsel von Außen nicht nachvollziehbar sind, wo ich doch selbst kaum mehr folgen kann. Womit ich Recht haben könnte. Behalte es lieber für mich, melde mich lieber ein bisschen weniger. Muss einsehen, dass eine Beziehung so nicht funktioniert. Dass ich meine Gefühls- und Gedankenwelt teilen und erklären muss, damit ich verstanden werde. Dass ich nicht erwarten kann, dass mein Gegenüber das riecht oder in meinen Kopf schauen kann. Zulassen, dass jemand für mich da sein möchte. All meine alten Ängste, dem anderen zu viel, eine Belastung, keine gute Gesellschaft, unzumutbar zu sein, hinter mir lassen. Auch wenn sie vor langer Zeit schon mal Wirklichkeit wurden. Verinnerlichen, dass dieser eine besondere Mensch anders ist. Dass er für mich da ist, egal in welcher Phase ich mich gerade befinde. Mich mit all meinen Seiten, Eigenschaften und Fehlern liebt. Nicht nur die guten, einfachen und unkomplizierten Zeiten mit mir teilen möchte. Sondern auch die dunklen und schweren. Darauf vertrauen, dass Liebe so etwas kann und dass es das aushält.

Chaos.

Der nächste Morgen. Ich gehe mit dem Freund, dem ich am Tag zuvor abgesagt hatte, im Wald spazieren. Es ist sommerlich warm, ein paar Frauen tragen Kleider, es riecht nach feuchtem Moos und der Boden knackt leise unter den Füßen. Aber es ist völlig überlaufen. Mir zu viel. Ich würde mich eigentlich gerne mit ihm austauschen, aber irgendwie ist mir das Sprechen zu anstrengend. Ich entschuldige mich und er sagt, dass ich nichts sagen muss und mich einfach über die Gesellschaft freuen soll. Ich entspanne mich. Wir laufen schweigend nebenher und manchmal erzählt er etwas, über das ich lachen muss. Als ich später zu Hause bin, habe ich einen neuen Brief vom Jobcenter im Briefkasten mit der Aufforderung, weitere Unterlagen nachzureichen. Sofort steigt wieder Panik in mir hoch. Allein der Gedanke, auch nur eine einzige Unterlage zu beschaffen geschweige denn einen Brief zur Post zu bringen, überfordert mich gerade bis ins Unermessliche. Ich treffe meine beste Freundin zum Eisessen und ihre Anwesenheit lenkt mich ab. Meine Wohnung sieht furchtbar aus. Dreckiges Geschirr und Pfandflaschen stapeln sich in Küche und Flur, während in meinem Zimmer großflächig mein Koffer und dessen Inhalt verteilt sind. Wenigstens sind es alkoholfreie Bierflaschen. Ich mache einfach das Licht aus, dann ist es dunkel und ich sehe das Chaos nicht. Aber das Chaos in meinem Kopf kann ich nicht einfach ausschalten. Ich liege stundenlang wach und höre meinem Herz beim Rasen zu.

Tapetentalent.

Es ist Sonntag. Selbst wenn ich aufstehen könnte, ich will nicht. Nicht mal für den Kaffee reicht es heute. Ich bleibe liegen. Das muss wirklich ein begnadeter Rausfasertapetenkünstler gewesen sein. In meinem Zimmer wird es immer dunkler. Draußen knallt die Sonne von einem tiefblauen Himmel. Ich sage meiner besten Freundin für den Abend ab. Kann jetzt keine Gesellschaft haben. Fange an, mich zu erklären. Sie unterbricht mich und sagt, dass alles gut ist. Und dass sie es weiß. Dass morgen auch noch ein Tag ist. Und dass sie jederzeit trotzdem kommt, sollte ich meine Meinung nochmal ändern. An Kochen ist nicht zu denken, an Einkaufen schon gar nicht. Zum Pizzabestellen müsste ich aufstehen und den Laptop anmachen. Kann mich nicht entscheiden. Hab auch keinen Hunger. Ich weiß aber, dass ich etwas essen muss.

Und wenn es nur der kleine Finger wäre…

Montag. Das Aufstehen geht eigentlich. Kaffee läuft auch. Gar nicht so schlecht. Jetzt geht’s bergauf! Ich gehe lange an der Elbe spazieren, höre gute Musik und fühle mich schon wieder sehr viel mehr zu Hause hier. Als ich wieder zu Hause bin, überlege ich gerade, was ich für abends, wenn meine beste Freundin kommt, doch gleich noch einkaufen wollte. Mein Gehirn ist wie ein Sieb zur Zeit. Wie ein Schlag in die Fresse haut mich aus dem Nichts eine abgrundtiefe Traurigkeit einfach um. Ich lege mich ins Bett und freue mich schon fast über die Tränen, die sie endlich hervorbringt und das Gefühl der lethargischen Leere verdrängt. Da ist sie wieder. Die Schockstarre. Ich weiß nicht, wie lange ich so da liege und nicht mal meinen kleinen Finger bewege. Es müssten ein paar Stunden sein, denn ich komme mittags wieder und um sechs Uhr abends klingelt meine beste Freundin an der Tür. Ich zwinge mich hoch und meine Stimme an der Gegensprechanlage reicht aus, damit sie Bescheid weiß. Hochkommt, obwohl ich eigentlich für einen Spaziergang runterkommen sollte. So sehr ich mich in diesen Akutphasen meistens einfach nur vom Rest der Welt verstecken und es einfach alleine durchstehen möchte, so froh und dankbar bin ich, dass sie genau jetzt da ist. Dass da überhaupt jemand ist.

Sie nimmt mich in den Arm und ich schaffe es, gleichzeitig ihr T-Shirt vollzurotzen und es direkt im Anschluss fast mit der Asche von meiner Kippe in Flammen zu setzen. Mittlerweile heule und lache ich gleichzeitig. Auch interessant. Sie lacht mit mir.

Auch im Tandem kann man springen.

Nachdem sie uns bei unserem Lieblingsvietnamesen was zu essen geholt hat, weil ich nicht mehr raus möchte, liegen wir satt in meinem Bett, ich in ihrem Schoß, wir rauchen, quatschen und lachen und sie krault mir stundenlang den Kopf. Ich bin erschöpft und plötzlich ganz ruhig. Ich höre auf, gegen den emotionalen Schleudergang anzukämpfen, in dem ich mich seit ein paar Tagen befinde. Auch ihm wird irgendwann die Puste ausgehen, das weiß ich. Und sobald das der Fall ist, kann ich wieder auftanken, es wird mir wieder besser gehen und ich kann mir ein paar Reserven anlegen. Für den nächsten Schleudergang.

Auch wenn es manchmal nicht ganz so offensichtlich ist, so lerne ich doch durch jede neue Phase dazu. Ganz ohne verkrampften oder zwanghaften Optimismus.

Ganz egal wie oft und tief ich noch falle, ich weiß, ich werde immer wieder aufstehen.

Ich weiß, dass ich das alleine schaffe.

Aber ich weiß mittlerweile auch, dass ich das gar nicht alles alleine schaffen muss. Dass ich mich darauf verlassen kann, dass da immer eine Hand sein wird, nach der ich greifen kann, wenn alle Stricke reißen.

Dass auch in der Welt da draußen Platz für mich ist.

Ganz egal, ob ich gerade falle oder fliege.