Das pralle Leben.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Das ist nun mittlerweile wirklich sehr sehr sehr sehr lange her. Um genau zu sein…auf den Tag genau vier Monate. Krass. Seitdem ich meinen Blog habe, gab es noch nie so eine lange Pause. Und ja, sie hatte einen Grund. Und nicht nur einen. Es ist so unfassbar viel in so relativ kurzer Zeit passiert und auch leider so unfassbar viel so unfassbar scheiße gelaufen, dass ich gar nicht mehr hinterher gekommen wäre. Selbst wenn ich es gewollt hätte. Aber wollte ich irgendwann gar nicht mehr.

Up. And. Down.

Manchmal läuft es im Leben einfach nicht rund. Es geht bergauf, bergab, dann wieder bergauf und bergab. Manchmal auch ganz schön lange bergab. Oder ganz schön lange bergauf. Die Höhen und Tiefen des Lebens halt. Jede*r kennt sie, würde ich mal behaupten. Ob bipolar oder nicht. Und auch Menschen mit einer bipolaren Störung kennen diese „gesunden“ Auf’s und Ab’s des Lebens. Wobei ein „einfach mal so richtig gut drauf sein“ keine Hypomanie und „eine schlechte Phase haben“ keine Depression ist. Über diese Unterschiede und teilweise aber auch fließenden Übergänge habe ich bereits in früheren Blogartikeln geschrieben und werde es auch sicher in Zukunft noch öfter tun, da diesen Unterschied als Betroffene*r oder auch Angehörige*r zu kennen und dementsprechend zu handeln oder auch nicht zu handeln meiner Meinung nach einer der wichtigsten Aspekte eines guten Krankheitsmanagements ist, womit sich schwere hypomane oder depressive Phasen auf lange Frist im besten Fall ganz vermeiden oder zumindest in ihrer Intensität abschwächen und/oder in ihrer Dauer verkürzen lassen.

Säulen des Lebens.

In den letzten Monaten haben sich bei mir eben jene zwei verschiedenen Arten von Tiefs vermischt. Es ist ja meistens so, dass wir ganz gut verkraften können, wenn es mal in einem Lebensbereich „kriselt“. Wenn eine der Säulen, auf denen unser Leben aufgebaut ist, wackelt. Oder gar ganz zusammenbricht. Je nachdem wie viele Säulen sich in unserem Leben befinden, wird es jedoch irgendwann kritisch. Gibt es fünf davon, können wir unser Haus auch noch aufrechterhalten, wenn nicht nur eine, sondern zwei Säulen wackeln oder wegfallen. Sind es nur drei, dann sind zwei wackelnde oder zerstörte Säulen eine zu viel. Und so weiter, das Prinzip ist klar. Eine Säule kann zum Beispiel unsere eigene oder die Gesundheit unserer Familienmitglieder sein. Unser Beruf oder unsere Berufung. Unsere Bildung. Unsere Familie. Unsere partnerschaftliche/n Beziehung/en. Unsere Freundschaften. Unsere Hobbies oder Leidenschaften, unsere freie Zeit und vielleicht die Dinge, die uns Energie spenden. Vielleicht unsere Kreativität, unser Glaube oder unsere Spiritualität. Unsere Wohnsituation, unser Zuhause, unsere Heimat.

Ein Fall für den Seismographen.

Ich möchte an dieser Stelle gar nicht genauer in meine persönlichen Details gehen, denn ich glaube, das ist letzten Endes gar nicht wichtig. Wichtig ist nur, dass in meinem Leben in den letzten Monaten an jeder meiner persönlichen Säulen mindestens einmal so richtig heftig gerüttelt wurde und die ein oder andere auch komplett weggebrochen ist. Manche nur kurzzeitig, andere langfristig. Manche Ereignisse, denen man mit der Einstellung „Gibt Schlimmeres“ begegnen könnte, auch wenn es sie nicht wirklich besser machen würde. Und Ereignisse, die einen komplett aus der Bahn werfen. Am Fundament rütteln. Das Gesamtkonstrukt ins Wanken bringen. Die uns zutiefst ängstigen. Uns in Panik verfallen und den Halt verlieren lassen. Uns lähmen. Uns nicht weiterwissen lassen. Uns alles in Frage stellen und den Sinn darin nicht finden lassen.

Auch Letzteres lässt sich mit all seiner Schwere und Gnadenlosigkeit in die Kategorie „zum Leben gehörend“, vielleicht am ehesten als „Schicksalsschlag“, aber nicht „zur Krankheit gehörend“, also in Verbindung mit der bipolaren Störung stehend, einordnen.

Immer. mitten. in. die. Fresse. rein?

Anscheinend war ich trotz und mit allem so lange Zeit so stabil, dass ich mich immer wieder erholt und aufgerappelt habe. Ziemlich schnell sogar. Nicht in die Depression abgerutscht bin. War ich gerade drüber hinweg, kam die nächste Klatsche. Zielsicher mitten in die Fresse. Weiter machen. Puh, zum Glück vorbei. Ha, nee doch nicht, verarscht. Jetzt kriegst du die nächste Ladung. Wäre es nicht so beschissen gewesen, hätte es mich irgendwann glaube ich wirklich amüsiert. Mit der Zeit hatte ich sogar wahrsagerische Fähigkeiten entwickelt und das nächste Desaster zuverlässig vorhergesagt. Was ich allerdings weder erwartet hätte noch in meiner Kristallkugel gesehen habe, war mein Start ins neue Jahr. Der 01.01.2022.

Schnelles Neues!

Ich hatte mir mit Absicht die Frühschicht im Café geben lassen, weil ich mit jedem Jahr weniger Lust auf den Silvesterkram hatte und wegen Corona sowieso nicht viel ging. Also hatte ich mit meinem besten Freund, einer riesigen Portion Mac n Cheese und guten Serien so entspannt ins neue Jahr „nichtgefeiert“, dass wir sogar 0 Uhr verpasst und uns vor allem für den Hund gefreut hatten, der panische Angst vor dem Geböller und dieses Jahr seine Ruhe hatte. Ich kam also gut ausgeschlafen und tiefenentspannt morgens im Café an und dachte an nichts Böses. Zehn Minuten später saß ich mit Blaulicht und quietschenden Reifen im Streifenwagen und raste mit zwei sehr gut gelaunten Hamburger Polizistenjungs mit 100 Sachen über die Reeperbahn, um die Vollidioten einzusacken, die unsere Scheibe eingetreten und mir fast einen Neujahresherzinfarkt beschert haben.

Just call 911!

Ich will mich ja nicht selbst loben, aber da ich zu so früher Stunde so geistesgegenwärtig reagiert, direkt die 112 (okay, nicht ganz direkt, ich muss gestehen, dass ich es davor kurz einmal mit 911 probiert habe, weil ich am Abend davor zu viele amerikanische Serien geschaut hatte) gewählt und quasi ausversehen den nächsten Streifenwagen wie ein Taxi in New York rangepfiffen habe und plötzlich irgendwie drinsaß, haben wir die Typen tatsächlich noch erwischt. Halb 11 Uhr morgens auf der Reeperbahn, kein Knoppers, aber dafür schon ne Spritztour inklusive Aussage gemacht und ein mehr als gut durchgelüftetes Café. Optimale Coronabedingungen, nur leider keine Gäste, die sich darüber freuen oder aufregen könnten. Wow. Ich war völlig erledigt und wägte mich gut gelaunt und zuversichtlich in der Sicherheit, dass der Rest des Jahres ja wohl auf jeden Fall entspannter werden und besser laufen würde (obwohl ich gegen die Verfolgungsjagd rein gar nichts einzuwenden hatte, sondern ehrlich gesagt ziemlich begeistert und noch voller Adrenalin war. Wer weiß, wann ich nochmal dazu komme, ohne vorher eine Ausbildung zur Polizistin absolviert oder eine Straftat begangen zu haben.). Zum Glück wusste ich da noch nicht, dass dieser Tag der beste war, den mir das neue Jahr für die nächsten zwei Monate bescheren würde.

Wenn das mal keine akute Stressreaktion ist.

Aber zum Glück weiß man das ja meistens vorher nicht. Besser ist das! Um auf meine neu erworbene Kristallkugel zurückzukommen: Irgendwann habe ich zu meiner Freundin und Arbeitskollegin aus dem Café gesagt: Jetzt fehlt eigentlich nur noch, dass wir wieder arbeitslos sind, weil das Café wieder zumachen muss wegen Corona. Und auch wenn es dieses Mal nicht aufgrund von vom Staat angeordneten Schließungen der Gastronomie, sondern aus finanziellen Gründen war…einen Tag später kam die Nachricht von unserem Chef. Ich saß gerade an meinem Küchentisch und versuchte mir den neuronalen Reaktionskreislauf der akuten Stressreaktion für die Prüfung meines Unimoduls in mein völlig zermatschtes und seit zehn Jahren nicht mehr auswendig lernen müssendes Gehirn, das sich gerade sowieso viel lieber Sorgen machte, einzuhämmern. Glotzte regungslos aus dem Fenster, das seit Wochen den Blick auf das immer gleiche Bild lieferte: Strömender Regen und ein Himmel, für den die Beschreibung grau ein völlig übermotivierter Euphemismus gewesen wäre.

Sind auch alle schlechten Dinge drei?

Selbst die nordischsten Nordlichter gaben nach und nach zu, dass das mittlerweile echt ein ganz schön pervers ätzender und selten dagewesener Winter wäre. Sie sagten es etwas anders, aber das Resultat war das selbe. Und auch ich als absolute Hansestadtpatriotin und Wahlhamburgerin, die sich nach knapp 9 Jahren in der schönsten Stadt der Welt an das ein oder andere Prozent an höherer Luftfeuchtigkeit mehr als gewöhnt hatte und sie für mich der Schönheit meines Zuhauses keinerlei Abbruch tat, könnte nur noch im Strahl kotzen. Vermutlich aber, weil das noch on top zu allem anderen kam. Sozusagen das glitzernde Krönchen auf dem stinkenden Scheißehaufen. Fein. Anstatt Traurigkeit oder Wut oder Angst zu empfinden bei der Erkenntnis, zum dritten Mal seit Beginn der Pandemie arbeitslos zu sein und wieder nicht zu wissen, was die nächsten Tage, Wochen oder Monate bringen oder nicht bringen mögen, fühlte ich einfach gar nichts mehr.

Out of order.

Vor dem Arbeitslosigkeitsarschtritt war das Fass dann doch irgendwann übergelaufen, nachdem immer wieder literweise draufgekippt worden war und ich dummer- oder vielleicht auch glücklicherweise kein Fass ohne Boden bin. Auch wenn ich so viele Ressourcen hatte, mit deren Nutzung ich mir meine Stabilität mittlerweile auch in den widrigsten Phasen bewahren konnte, hatte ich irgendwie keinen Zugang mehr zu ihnen. Hatte nach den Ereignissen der letzten Wochen und den damit einhergehenden Bewältigungsversuchen keine Energie mehr und erst recht keinen Antrieb mehr, mir Zugang zu diesen zu verschaffen. Ich war einfach nur erschöpft. Es gab Tage, an denen ich sehr viel geweint habe. Einfach nur traurig war. Trotzdem versucht habe, Sachen zu machen, trotzdem meine Freunde getroffen habe, obwohl ich mich eigentlich am liebsten verkrochen hatte, aber wusste, dass es mir danach besser gehen würde. Und mich nur mit Menschen umgeben, bei denen ich mit genau dieser Traurigkeit auch da sein darf, mich nicht verstellen und auch nicht erklären muss, wenn ich keine Lust oder Energie dazu hab. Dann gab es aber auch die Tage, und dazu zählte auch die Zeit, in die die Nachricht über die Arbeitslosigkeit fiel, an denen ich einfach gar nichts fühlte. Das ist eher eine Seltenheit bei mir. Normalerweise fühle ich ziemlich viel. In beide Richtungen. Und in Krankheitsepisoden auch in beide Extreme. Aber auch in „ganz normalen“ Phasen kann ich extrem glücklich sein oder abgrundtief traurig. Und habe auch kein Problem, das zuzulassen, vor allem das Traurige.

„Nothing is good or bad, but thinking makes it so.“

Shakespeare

Letztens hatte ich ein interessantes Erlebnis. Ich habe eine Serie geschaut und war so ergriffen von einer Szene, die mich in dem Moment so unfassbar viel Traurigkeit hat empfinden lassen, dass ich erstmal bestimmt zehn Minuten Rotz und Wasser geheult hab. So wirklich bewusst geworden ist mir das allerdings erst viel später am Abend, als ich nochmal drüber nachgedacht habe. Genau so wie sie kam ging die Traurigkeit nämlich auch wieder und es war alles wieder gut. Das ist natürlich nicht immer so, aber diese Situation hat mal wieder bestätigt, dass Gefühle erst einmal nur das sind, was sie sind. Also Gefühle. Und dass erst unsere Gedanken über diese Gefühle, unsere Bewertung, sie zu etwas Gutem oder Schlechtem machen. Ich war so eingenommen von der Geschichte der Serie, dass mein Gehirn anscheinend gar nicht dazu kam, diese Bewertung vorzunehmen. Traurigkeit kommt, Tränen laufen, Traurigkeit geht. Fertig. Wow. Aber das nur als kleiner Exkurs.

Hirn auf Autopilot.

Es gibt aber auch andere Momente, in denen mein Gehirn wie automatisch eben jene Bewertung direkt vornimmt und es mir dann erst so richtig schlecht geht. Es zum Beispiel denkt, dass diese Traurigkeit jetzt überhaupt nicht gerechtfertigt ist, ich mich mal nicht so anstellen soll oder vielleicht auch, dass ich sie jetzt gerade überhaupt nicht haben will und sie total beschissen finde. Ich diesen ungebetenen Gast am liebsten hochkant wieder aus meinem Zuhause rausschmeißen würde. Und je stärker mein innerer Widerstand gegen die Traurigkeit, Überraschung, desto stärker wird sie. Einfach weil es, auch wenn er mir in dem Moment vielleicht nicht immer sofort ersichtlich ist, einen Grund hat, dass sie da ist. Das Wissen um und jede Erfahrung mit diesen wie automatisiert ablaufenden Prozessen macht für mich persönlich den Umgang mit meinen Gefühlen so viel leichter. Das heißt überhaupt nicht, dass ich seitdem ich das geschnallt habe, nicht mehr traurig gewesen bin. Bei nichten. Aber ich kann sagen, dass ich seitdem nie wieder so tief abgerutscht bin, wie ich es vor dieser Erkenntnis bin. Auch in depressiven Phasen nicht.

Nie wieder Asklepios Altona Notaufnahme!!

Jetzt habe ich ungewollt noch zwei, drei mehr „Exkurse“ gemacht als eigentlich geplant. Wie das immer so ist. Was ich damit eigentlich nur beschreiben wollte, waren die verschiedenen Phasen, durch die ich die letzten Monate gegangen bin. Traurigkeit. Auch Wut. Ganz schwieriges Gefühl für mich. Aber ich weiß wirklich nicht, wann ich zuletzt oder vielleicht überhaupt in meinem Leben mal so wütend war und es tatsächlich auch rauslassen konnte. Nein, ich habe niemandem auf’s Maul gehaun (obwohl ich teilweise große Lust dazu verspürt habe), aber dafür habe ich so lange in mein Kissen geschrien, bis ich heiser war und meine Mitbewohnerin beleidigt. War zwar fies, ging aber in dem Moment leider nicht anders. Joa. Hab mich danach auch entschuldigt. Als ich gerade so am Überlegen war, welches Ventil vielleicht etwas geeigneter wäre und eigentlich so was wie Squash oder wieder mit Tennis oder Laufen anfangen im Kopf hatte, hat mein Körper das irgendwie im Alleingang entschieden und beschlossen, dass ich jetzt erstmal überhaupt kein Squash spielen, sondern ungefähr eine Woche in Stufenlagerung in meinem Bett liegen und solche Rückenschmerzen haben werde, dass ich mich erstmal gar nicht mehr bewegen können werde.

Auch Glotzen will gelernt sein.

Und da soll nochmal jemand sagen, Rückenschmerz sei nicht psychosomatisch. Ich bin mittlerweile eher der Meinung, dass quasi alles psychosomatisch ist. Wahrscheinlich sogar das gebrochene Bein, weil dein Hirn gerade so damit beschäftigt war, diese eine Sorge immer und immer wieder wiederzukäuen (oder kauen?) und dein Gesicht damit, dumm aus der Wäsche zu glotzen, dass du die scheiß Stufe vor lauter Glotzen einfach nicht gesehen hast. Oder weil du so handysüchtig bist und dein Selbstwertgefühl so klein, dass du es durch perfekt inszenierte Instagramstories und Fotos oder Beiträge auf was weiß ich nicht alles für Kanälen erfolglos aufzupolieren versuchst und dabei die scheiß Stufe vor lauter Posten und Liken halt leider genau so wenig gesehen hast. Psychosomatik pur.

Warum fühl‘ ich mich so Blah?

Also: Traurigkeit: Check. Wut: Check. (Das mit dem Squash oder Tennis behalte ich mal im Auge). Fehlte eigentlich nur noch die Gleichgültigkeit. Aber auch auf die war Verlass. Zum Glück ehrlich gesagt. Irgendwann, spätestens als die Café-Botschaft kam, als letztes kleines knackiges rotes Kirschlein auf dem Sahne- (aka Kacke-) Häubchen, trat sie endlich ein. Weil mein Geist oder meine Seele, was oder wer auch immer, einfach keinen Bock mehr hatte auf dieses ewige und anstrengende Fühlen. Ausgeheult und ausgeschrien, jetzt war dann auch mal gut. Anstattdessen waren dann Abgeklärtheit, eine lähmende Lethargie und gähnende Leere am Start. Vielleicht ist das ja auch so ein Selbstschutzmechanismus. Eigentlich gar nicht mal so dumm. Unser Geist. Oder unsere Seele. Oder was oder wer auch immer. Dachte ich zuerst.

Top Artikel zum Thema „Languishing“: https://www.nytimes.com/2021/04/19/well/mind/covid-mental-health-languishing.html

Allerdings hat sich diese Leere und Lethargie innerhalb kürzester Zeit als noch viel schlimmer als alles andere herausgestellt. Zumindest für mich in diesem Moment. Ich hatte das Gefühl, festzustecken, wie noch nie zuvor. Keinen Schritt vorwärts zu kommen. Morgen für Morgen starrte mich das gleiche Grau am Himmel an. Fühlte ich das Grau in mir. Nachdem ich die Prüfung für die Uni hinter mich gebracht hatte, merkte ich, dass mir das Lernen, obwohl es mir unfassbar schwer gefallen war, doch ganz gut getan hat Weil es mich abgelenkt hat. Danach war die Uni für dieses Semester durch, Café fiel weg. Vielleicht ist es hier wichtig, zu sagen, dass die Arbeit im Café für mich eigentlich keine „Arbeit“ ist.

May I present: Die Mädchen vom Café du Port.

Also in dem Sinne, dass ich dafür Geld bekomme, klar, aber sonst ist es in erster Linie Zeit mit Freunden verbringen, da wir Mädels im Café gleichzeitig sehr enge Freundinnen sind – was uns auch dazu veranlasst hat, eine Webserie zu drehen, die den Namen „Die Mädchen vom Café du Port“ trägt. Unser Nesthäkchen Emi, die auch unsere neueste Mitarbeiterin, mittlerweile aber auch schon seit 2 Jahren, ist, hat irgendwann beschlossen, dass sie die Atmosphäre in unserem Café, unsere Stammkund*innen und uns Mädels sowohl als Team als auch als Freundinnen und die Menschen, die wir eben sind, so toll findet, dass sie ein Drehbuch darüber schreiben und es dann mit uns als Hauptcharakteren, teilweise fiktiv, teilweise inspiriert von den echten Charakteren, verfilmen möchte. Und was soll ich sagen, ich hätte es am Anfang nicht gedacht, aber mittlerweile gibt es auf Youtube unsere drei ersten Folgen und ein Weihnachtsspecial. Weswegen ich das hier auch erzähle: Das Thema „Psychische Erkrankungen“ und auch Bipolarität werden in der Serie einen Platz finden. Wen es interessiert, kann gerne mal reinschauen: https://youtu.be/s_q7LSSwRRs

Arbeit als Ressource.

Das Café und die Arbeit dort bedeuten also keine Belastung und keinen Stress (außer wenn der Laden voll ist, jemand ausfällt und du leider alleine da stehst) für mich, sondern sind viel mehr eine meiner wichtigsten Ressourcen und etwas, das mir Halt und Struktur gibt, Wäre es einfach nur ein Job, den ich machen würde, um meinen Lebensunterhalt zu finanzieren, würde mich das sicher nicht so hart treffen. Tut es nun eben aber. Ein gut gemeintes „Dann such dir doch einen anderen Job“ ist ja schön und gut, bringt mir aber leider nichts, weil ich nirgendwo anders arbeiten möchte. Zumindest jetzt gerade nicht. Und auch andere Dinge mit diesem Café zusammenhängen. Wie haben alle die Hoffnung noch nicht aufgegeben und glauben einfach ganz fest daran, dass unser Arbeitsplatz die hoffentlich vorerst letzte Corona-Welle für dieses Jahr übersteht und weiterhin bestehen bleibt.

„Vielleicht mal mit ’nem neuen Hobby probieren?“

Obwohl ich mich an manchen Tagen so richtig hart zwingen musste, aufzustehen, und dann ehrlich gesagt nicht mal so wirklich wusste, wozu eigentlich (nicht, weil ich keinen Sinn im Leben sah, sondern schlichtweg im Akt des Aufstehens), hab ich versucht, meine Lethargie mit Dingen zu bekämpfen, von denen ich wusste, dass sie mir eigentlich gut tun oder das zumindest bisher getan haben. Also hab ich angefangen, wieder einmal die Woche mit meinen Mädels oder einer davon in die Sauna zu gehen (wo man tatsächlich leider auch den finanziellen Aspekt nicht vergessen darf, wenn man gerade arbeitslos ist) und sogar wieder schwimmen zu gehen. Hat voll gut getan. Mir wieder ’ne Kochbox bestellt und angefangen, wieder jeden Tag zu kochen. Eine Anzeige geschalten und dadurch einen neuen Gassihund gefunden, den ich sofort ins Herz geschlossen habe.

Nebeltage.

Mir fiel ein, dass ich im Jahr zuvor zur gleichen Zeit, in dem langen Lockdown, als unser Café auch wieder geschlossen hatte, drei Hunde hatte, wodurch ich jeden Tag trotzdem Struktur und mir das vor einem Jahr den Arsch gerettet hatte. Während ich in den letzten Wochen auch keine Hunde am Start hatte, habe ich die positive Wirkung von diesem einen Termin am Tag, 13 Uhr, eine Stunde Gassi gehen, so banal es für manche Menschen vielleicht klingen mag, unmittelbar bemerkt. Auch wenn ich trotzdem weiterhin bis 12 oder 12.30 geschlafen hab, hab ich irgendwann aufgehört, mich dafür, zusätzlich zu allem anderen, auch noch fertig zu machen, und versucht, zu akzeptieren, dass das eben jetzt gerade so ist. Es hat den so komplett leeren und nebulösen Tagen der letzten Zeit wieder eine kleine Struktur gegeben. Und mich vor allem gezwungen, aufzustehen und bei jedem Wetter mindestens eine Stunde draußen rumzulatschen. Das war alles schön und gut. Aber obwohl ich zwar vielleicht mittlerweile weit entfernt von optimistisch und positive vibes war, aber immer noch zuversichtlich, dass wieder bessere Zeiten kommen würden, schienen diese in so weiter Ferne, dass das irgendwie nicht reichte. Lethargie, Leere und Antriebslosigkeit hielten sich hartnäckig. Und irgendwann gesellte sich zu ihnen etwas, das mir sehr sehr fremd ist: Langeweile.

Sturm. Flut.

Mir ist nie langweilig. Selbst wenn ich mal ein paar Stunden lang nur Wolken glotze oder einfach nichts tue, wird mir nicht langweilig. Und plötzlich kroch dieses…hm, ist Langeweile ein Gefühl oder eher ein Zustand…oder beides? Egal. Auf jeden Fall ergriff dieses Monstrum plötzlich komplett Besitz von mir. Drohte mich fast zu erdrücken. Wie das Grau am Himmel. Tag für Tag. Und der Sturm, der Regen und die Kälte. Ich bekam das Gefühl, bald durchzudrehen, wenn ich nicht irgendetwas tun würde. Irgendwas. Etwas ändern. Eine Entscheidung treffen. Aber es fühlte sich so an, als wären mir die Hände gebunden. Ich versuchte immer wieder, das Ganze mit Humor zu nehmen, mit Freunden und Familie Sarkasmus walten zu lassen und uns so richtig ordentlich auszukotzen. Zu akzeptieren, dass man nicht alles akzeptieren können muss. Mich auf die kleinen Dinge zu konzentrieren und das Schöne, das es sicher auch in einem noch so grauen Tag zu finden gibt. Und versuchen, dafür dankbar zu sein. Das klappte mal besser, mal weniger gut. Und entgegen aller positiven Einstellung zum Leben bin ich tatsächlich der Meinung, dass das einzige Schöne, was sich in manchen Tagen finden lässt, tatsächlich die Tatsache ist, dass sie vorbei sind. Und das ist auch okay so. Aber auch Sarkasmus half mir nicht dabei, das Gefühl der Perspektivlosigkeit loszuwerden.

Hab ich die Wahl?

An einem der besseren Tage ging ich also die Optionen durch, die ich jetzt hatte. Entweder konnte ich mich wie ne Maus tot stellen und warten, bis die Gefahr gebannt war und es irgendwann besser wurde und weiter ging. Aber da ich nicht wusste, wann das sein würde, könnte ich die Zeit bis dahin vielleicht auch anders nutzen, als mich tot zu stellen. Etwas tun, durch das ich mich wieder lebendig fühlen würde. Eine Entscheidung treffen. Irgendwas! Alles, nur nicht nichts tun!

Meer. Kaffee.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Ich schreibe diesen Blogartikel aus meinem Campervan in Portugal, den ich mir für die nächsten fünf Wochen gemietet habe. Habe meine Wintermütze, zwei Paar Socken und drei Pullis an und verkrieche mich unter zwei Decken mit meiner Wärmflasche, deren Wasser ich mit Engelsgeduld auf meinem Campingkocher heiß gemacht habe. Doch noch ein bisschen frisch hier Anfang März. Ich muss nur einmal über die Düne und blicke auf einen menschenleeren Strand mit einer tosenden Brandung und Wellen, die ich nachts zum Einschlafen in meinem Camper höre. Habe meinen ersten Kaffee heute morgen im Schlafanzug in der Sonne am Strand getrunken. Habe den Wellen zugeschaut.

Habe dort riesige Wellen gesehen (in Nazaré gibt es die größten Wellen der Welt. Die größte Welle, die dort je gesurft wurde, von dem Portugiesen Hugo Vau, soll 35 Meter hoch gewesen sein!!! Wer sich das noch nie angeschaut hat, zieht euch das mal rein auf youtube, oder so. Das ist einfach nur brutal. So groß waren die leider nicht, als ich da war, aber trotzdem schon mächtig) und meine erste Nacht an einem Spot verbracht, den mir ein Einheimischer gezeigt hat. In erster Reihe mit Blick auf den Praia do Norte. Habe frischen Fisch in einem Restaurant voller Karneval feiernder Portugiesen gegessen.

Diggi.

Ich bin in Lissabon gestartet, nachdem ich die Nacht in einem gemischten 8-Bett-Zimmer zwischen schnarchenden, Chips fressenden und im Traum lautstark mit sich selbst redenden (ja, ich weiß, hätte alles ich sein können, war ich aber dieses Mal nicht!) und was auch immer für Körperflüssigkeiten ausdünstenden Männern in der oberen Etage eines wackelnden Stockbetts (nicht das, was ihr jetzt denkt) hinter mich gebracht und mich gefragt habe, wie ich das vor zehn Jahren (Gott, ich werde alt) in Australien und Neuseeland fast ein ganzes Jahr (!!!) ohne mit der Wimper zu zucken durchgezogen habe, als wäre es das Normalste der Welt. Bin mit dem öffentlichen Bus weiter nach Peniche, habe dort beim Carlo meines Vertrauens (als ich vor drei Jahren mit einem Freund in Portugal unterwegs war, hatte ich unseren Bus auch bei ihm gemietet), dessen 8-jähriger Sohn sofort mit mir auf Kuschelkurs gegangen ist, während sein Papa mir noch ein paar Sachen zum Auto erzählt hat, den Camper abgeholt. Bin direkt weiter nach Nazaré gedüst.

Bin bei strömendem Regen, aber dafür entspannter Reggae-Musik an der Westküste entlang, über leere Landstraßen und kleine Dörfer Richtung Norden gefahren

Richtung Norden.

An den Ort, wo ich jetzt gerade bin. Habe mir gestern leckere Nudeln mit Pesto auf meinem Camingkocher gekocht, war total stolz auf mich, dass das sogar im Stockdunkeln auf diesem gottverlassenen Parkplatz, wo sich nur mein Camper und ich befanden, geklappt hatte. Mich aber gefragt, warum die so komisch schmecken. Billig-Pesto dachte ich. Aus dem riesigen Continente-Supermarkt in Peniche, in dem ich nach meiner Ankunft in Peniche am Montag mit weit aufgerissenen Häschenaugen und hungrigem Magen Bauklötze staunend rumgetigert bin, völlig überfordert von der riesigen Auswahl und all den spannenden Produkten, die es in Deutschland nicht gibt. Nur um danach mit zwei Riesen Tüten voll Chips, Keksen, Küchenrolle, Nudeln und Pesto wieder raus zu kommen. Und Natriumkarbonat. Nun weiß ich also auch, wie Nudeln schmecken, wenn man dem Wasser statt mit Salz mit Natriumkarbonat das gewisse Etwas verleiht und danach diverse Male noch großzügig nachnatriumkarbonatet, da es irgendwie so gar nicht salzig schmecken mag, und sich ein bisschen über das Knirschen zwischen den Zähnen wundert. Spaghetti Karbonata. Hm, lecker.

Allein auf weiter Flur.
GENAU SO und nicht anders!!!

Diese und andere Geschichten, die ich in den wenigen, um genau zu sein 3, Tagen meines Roadtrips, allein, Campingneuling, und in der absoluten Nebensaison, durch Portugal bereits erlebt habe und, da mach ich mir überhaupt keine Sorgen, in den nächsten Wochen noch zu Hauf erleben werde, möchte ich gerne mit euch teilen.

Und deswegen wird Tanz zwischen den Polen in den nächsten Wochen auch ein Reiseblog sein. Mit dem Titel „Meer. Kaffee.“ Teil 1 bis wer weiß welchen Teil.

Und ich schwöre euch, Kaffee am Meer ist so ungefähr das Beste was es gibt und bedeutet für mich pures Glück. Aber ich möchte nicht nur diese vermeintlichen Highlights und die Vorstellungen, die wir von so einer Reise oder vor ihrem Antritt vielleicht von ihr haben, teilen, sondern auch alles andere. All die kleinen und großen Herausforderungen, vor die ich mich im auf instagram so gerne romantisierten #vanlife hier in meinem #myreallifevanlife gestellt fühle. Die kleinen und großen Faux Pax bei dem Versuch, möglichst wenig touristisch rüberzukommen. Das plötzliche Aufflackern der Angst vor der eigenen Courage. Die zum Glück ähnlich kurz anhielt wie die erste Gaskartusche. Warum Espresso und Toiletten zusammengehören wie Pech und Schwefel. Was Baustellen am Strand zu suchen haben. Was man tun sollte, wenn sich einem im Stockdunkeln die Vermutung aufdrängt, dass man sich zum Pennen auf einen Parkplatz gestellt hat, auf dem die Plätze stundenweise beparkt werden. Warum es generell schlau ist, seinen Schlafplatz für die Nacht nicht erst im Stockdunkeln zu suchen.

Unkomfortabel komfortabel.

Ich schreibe nun schon seit ein paar Stunden und nun ist es genau das, nämlich stockdunkel. Ich sitze hier mit meiner Mütze und eiskalter Nase bei Kerzenschein, höre Musik und mampfe eine Packung Kekse, weil ich das Zeitfenster, um im Hellen zu kochen, leider wieder verpasst habe. Habe in den letzten drei Tagen mehr erlebt als in den letzten drei Monaten. Habe zum ersten Mal seit vier Monaten endlich wieder einen Zugang zum Schreiben gefunden. Bin ganz froh, dass ich heute nicht ganz alleine auf dem Parkplatz stehe, sondern auch noch ein anderes Wohnmobil. Hoffe trotzdem, dass die mich morgen nicht anlabern, weil ich gerade so gar keine Lust habe, zu labern. Bin alleine und fühle mich trotzdem verbunden. Weiß, dass es richtig und wichtig war, mich mit voller Wucht endlich aus dieser Komfortzone rauszuschubsen. Eine Komfortzone, die schon lange nicht mehr komfortabel war. Weiß auch, dass ich das hier im Alleingang für mich brauche. Weil das immer ein Traum von mir war: Allein mit dem Bus auf Reisen gehen. Auch wenn ich ordentlich Respekt davor habe. Noch ein Grund mehr. Ich weiß, dass es die einzig richtige Entscheidung für jetzt war und allein die Tatsache, endlich mal wieder eine Entscheidung getroffen zu haben und selbst aktiv zu werden hat meine Schultern um so viel leichter gemacht. Zwar nur bildlich, weil mein Backpack mit 18 Kilo dann doch ganz schön schwer war, aber ihr wisst, was ich meine.

Das hier ist das Abenteuer, das ich brauche, um mich wieder lebendig zu fühlen. Um wieder Leichtigkeit zu verspüren. Dieses Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit, wenn ich aufgeregt hinterm Steuer sitze, der noch etwas zu kühle Fahrtwind salzige Luft ins Auto weht, portugiesisches Radio läuft, ich kein Wort davon verstehe und die Klapperkiste von Camper nur so rattert, während ich versuche eben jenen bei dem Spießroutenlauf um von Schlaglöchern gepflasterten Schotterwegen nicht direkt zu Beginn des Trips in einen Totalschaden zu transformieren.

Mit mittlerweile vor Kälte fast abgefallener Nase und etwas müffelnd, weil Dusche is nich, auf einem fragwürdigen Parkplatz direkt am Meer und dem Bauch voller natriumkarbonierter Nudeln sitze ich also hier. Regen prasselt leise auf’s Dach. Wellen rauschen. Die Kerze flackert. Und ich bin so glücklich wie schon lange nicht mehr.

Alles eine Frage der Perspektive.

Videoquelle: Lisa C. Waldherr

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