Doch. So nah.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Wollmauswuselei.

Eine der Fähigkeiten, nein, es ist nicht einfach nur eine Fähigkeit, sondern ein außergewöhnliches Talent, ein wahres Geschenk, ja vielleicht sogar eine Inselbegabung!! Nichts als bewundernswert und ihresgleichen suchend: Mein über die Jahre bis ins kleinste Detail perfektioniertes und letztendlich professionalisiertes Prokrastinationskönnen. Da macht mir so schnell keiner was vor, ich sag es euch!! Am besten kann ich das, wenn ich eigentlich schreiben möchte oder vielleicht auch mal sollte sprich müsste, für die Uni zum Beispiel. Ich schwöre euch, meine Bude ist so was von blitzeblank und aufgeräumt! Ich habe so viele Klamotten aussortiert, dass ich nachdem ich die eine Hälfte auf Vinted verkauft und die andere gespendet habe, mit Schrecken feststelle, dass ich mich jetzt zwar mega clean, detoxed und so was von Marie Kondo fühle, aber bald tatsächlich nicht mehr so wirklich viel zum Anziehen habe. Aber gut. Guess this is what minimalism is about. Sich stapelndes Geschirr spülen, Wäscheständer abhängen, die seit Wochen nur einzelner Kleidungsteile entledigt wurden, putzen, was ewig nicht geputzt wurde, den Wollmäusen, von deren Rudelaffinität ich bisher nicht wusste, endlich den Kampf ansagen, die zwei Kräutertöpfe auf der Fensterbank und die einzige Pflanze in der Wohnung vor dem sicheren Dehydrationstod retten…peanuts! Standardprogramm. Eigentlich wollte ich doch schon so lange einen Blogartikel schreiben. Aber es gibt so viele Themen, über die ich gerne schreiben würde und die sich irgendwie angehäuft haben über die letzten Wochen….boah, geieeel, heute ist glaube ich der perfekte Tag, um endlich mal diese kleinen Uralt-Lappen und die löchrigen Handtücher in der letzten Ecke des kleinen Küchenschrankes, den ich nie benutze, fein säuberlich zusammen zu legen. So richtig mit Ecke auf Ecke, du weißt! Dieses eine Thema, das mich schon so lange beschäftigt, ist glaube ich echt das Wichtigste gerade…vielleicht schreibe ich einfach darüber. Wow. Wie schnell die Wolken heute so über den Himmel rauschen…

Kann das weg?

Boaaah, krass, wie viel Kram und Sand und Hundekackebeutel (zumindest sind sie leer) sich in so Jackentaschen über die Zeit sammeln können! Wie befreiend das sein muss, das endlich mal so richtig ordentlich auszuleeren. Ran da mit dem Staubsauger, zimperlich sein kann ich auch noch, wenn ich tot bin! Da der schon etwas in die Jahre gekommene Staubsauger letztens erst ordentlich auf Vordermann gebracht wurde, kann er sein Temperament so ganz und gar nicht im Zaum halten und stürzt seinen schwarzen Schlund auf alles, was sich ihm in den Weg stellt und saugt es unwiederkehrlich in sein rundes Nichts. Mit meiner Unterarmhaut will es zuerst nicht so recht klappen, weswegen er seinen Schlachtzug fortsetzt zu all jenen Teilen meiner Jacke, die sowieso schon einwandfrei sauber sind. Alles wird mit beeindruckender Power und größter Ambition eingesaugt. Alles außer der Staub in den Tiefen besagter Jackentasche. So weit kommt der Plastikrüssel erst gar nicht, weil er sich wie ein Scheibenputzerfisch mit zu neuem Leben erwachter Energie bereits auf dem von lupenrein sauberem Textil gepflasterten Weg dorthin immer wieder festsaugt. Hm, welches Bild würde wohl zu dem Blogthema passen? Hab ich in letzter Zeit überhaupt genug Fotos gemacht? Also so ein schöner klassischer Messingkerzenständer sieht irgendwie schon hübscher aus, wenn er komplett wachsfrei ist. Nachdem ich drei mal 1,5 Liter Wasser gekocht habe, um nicht nur die verschwindend kleinen Wachsspuren auf dem Kerzenständer, sondern den zwar fast unsichtbaren und hauchdünnen, dafür aber großflächigen Wachsteppich, den ich bei der Aktion im Küchenwaschbecken produziert habe, zu beseitigen, koche ich nochmal 1,5 Liter, um mir einen Tee zu machen – muss echt mal wieder mehr trinken – und dann noch ein fünftes Mal, um mir eine Wärmflasche zu machen – ganz schön kalt hier, oder? Diese beiden Texte für die Uni muss ich noch lesen. Und dazu dann einen eigenen schreiben, in dem ich die Hauptthesen rausfinden und beschreiben soll. Und die Wolken…

Ich und ich.

Ach du kacke. Uni. Anfang des Sommers hatte ich eines schönen Nachmittags im Cafégarten meines Vertrauens, mit Iced Flat White desselben Vertrauens, spontan beschlossen, das mehr als umfangreiche Modul, für das ich mich im Sommersemester angemeldet hatte, Modul sein zu lassen und nach den acht Monaten Arbeitslosigkeit, Lockdown und Hagelregen bis in den Mai ganz sicher nicht die wenigen Wochen Sommer und Wärme in Hamburg mit Lernen zu, sorry, vergeuden. Sondern jede einzelne Sekunde zu genießen. Jede freie Minute mit genau dem zu verbringen, worauf ich in diesem einen Moment Lust hätte, und verdammt nochmal mit nichts, aber auch rein gar nichts anderem. Nach dem letzten Winter, der für viele sicher einer der, wenn nicht sogar der härteste Winter überhaupt war, völlig ausgehungert und ähnlich ambitioniert wie mein Staubsauger jeden Sonnenstrahl bis in den letzten Winkel meines Körpers aufzusaugen. Ich bin immer noch erstaunt, dankbar und auch ziemlich stolz darauf, dass ich all diesen weniger als wenig idealen Umstände trotz der Wichtigkeit, die all das mit ihnen für lange Zeit Weggebrochene generell für meine Stabilität haben, so verhältnismäßig gut die Stirn geboten habe. Zu sehen, dass ich mittlerweile selbst in den widrigsten Situationen, beispielsweise in kompletter Isolation, allein in meiner Wohnung, arbeitslos, ohne jegliche Struktur im Außen und ohne eine Menschenseele zu sehen, und das für ganze zehn Tage, bei mir bleiben und trotz allem eine Grundzufriedenheit und ein Gefühl von Zuversicht und Geborgenheit bewahren kann, auch wenn gerade nur ich selbst physisch anwesend bin, hat mir rückblickend und nachdem diese extreme Zeit überstanden war, nur einmal mehr gezeigt, wie viel ich in den letzten Jahren, vor allem seit der Diagnose 2017 und dem kompletten Umkrempeln meines Lebens, über mich selbst dazugelernt habe. Über meine Bedürfnisse, meine Grenzen, die Werte, nach denen ich leben möchte und die Ideale und Normen im Außen, die ich eben nicht bedienen, wo ich nicht mithalten möchte oder muss, von denen ich mich nicht weiter steuern und beeinflussen lasse. In vielen Situationen, auch vor allem in den letzten eineinhalb Jahren der Pandemie und allem, was damit an Herausforderungen auf uns zugekommen war, zu spüren, wie sehr ich mittlerweile bei mir sein kann und darf, hat mich fast schon mit Demut erfüllt. Vor allem aber auch mit Dankbarkeit. Und ja, auch mit Stolz.

Auch weiterlaufen will gelernt sein.

Ich neige, mittlerweile weniger oft als früher, aber doch immer noch manchmal, meist erst mal unterbewusst, dazu, das, was ich „schaffe“ oder was ich bisher „erreicht“ habe, zu relativieren, runterzuspielen oder vielleicht dem Zufall oder einfach nur einer gewissen Prise Glück zuzuschreiben. Muss mich immer wieder daran erinnern, dass das in den allermeisten Fällen nicht der Fall ist oder war. Auch wenn Glück oder Timing an der ein oder anderen Stelle meiner Meinung nach schon eine Rolle spielen. Zufall oder Schicksal? Wer weiß. Ich glaube mittlerweile eher an Zweiteres. Aber den Weg, den ich über die letzten Jahre zurückgelegt habe, das Leben, das ich mir aufgebaut habe, die Dinge, Menschen und Gewohnheiten oder Verhaltensweisen, die ich mir in mein Leben geholt oder aus eben jenem entfernt habe, weil sie mir nicht gut taten, all die Arbeit, Zeit und Energie, die ich, nicht nur in zahlreichen Therapiestunden, sondern vor allem auch in unendlich viel und oft so anstrengender Selbstreflexion und Arbeit an mir selbst, jeden Tag aufs Neue, nie das große Ganze aus den Augen verlierend, investiert habe…Diesen Weg bin ich mit meinen eigenen Füßen gegangen. Ja, ich hatte und habe das große Glück und den Luxus, dass dieser Weg immer gesäumt war und ist von Menschen, die mir wohlgesonnen sind und die mich, teilweise bedingungslos, lieben. Laufen musste ich selbst. Die Richtung habe ich bestimmt. Über die Jahre verfolgt und mich auch aus Rückschritten nie lange aus der Ruhe bringen lassen. Dass es mir mittlerweile und gerade so gut geht und ich, selbst in schwierigen oder auch existenziell bedrohlichen Situationen wie beispielsweise in diesem Sommer (dazu bei Gelegenheit mal mehr in einem anderen Artikel), so stabil bin und selbst, wenn mich eine Phase erwischt, trotz allem nicht den Halt oder mich selbst verliere, habe ich in erster Linie mir zuzuschreiben. Ist mein Verdienst, der alles andere als selbstverständlich und das Ergebnis harter Arbeit und viel, viel Zeit ist. Noch vor gar nicht allzu langer Zeit hätte ich das nicht mal ohne Zweifel oder schlechtes Gewissen, mich mit fremden Federn zu schmücken und die eigentlichen Helden im Außen auszublenden, auch nur denken können. Oder mir gedacht, dass die Erkrankung bei mir vielleicht einfach nicht so „schlimm“ oder stark ausgeprägt ist wie bei anderen Betroffenen. Ich sie ja vielleicht sogar gar nicht habe oder mich bloß anstelle. Dass es ja keine große Kunst ist bei diesem Medikamentencocktail und der Therapiefrequenz stabil zu sein. Kann ja nicht so schlimm sein, wenn es mir gerade und/oder schon so lange so gut geht!

Zack. Geheilt.

Ich weiß, dass ich nicht die einzige Betroffene mit diesen Gedanken bin. Vor allem bei einer psychischen Erkrankung, die fast schon zuverlässig in Phasen verläuft wie die bipolare Störung. Von anderen Bipolaren weiß ich, dass auch sie in symptomfreien Zeiten, ich nenne sie für mich mittlerweile trotz allem „gesund“ – weil ich mich in diesen Phasen dann eben genau so fühle, stabil und in Balance – all das Leid, die abgrundtiefe Verzweiflung und die alles überschattende Dunkelheit aller oder auch nur der letzten depressiven Phase vergessen haben. Nicht mehr annähernd nachempfinden geschweige denn verstehen können, wie sich ein Mensch, wie sie sich selbst jemals so fühlen konnten. Und das vielleicht sogar auch noch ohne einen unmittelbaren Auslöser oder sichtbaren Grund. Selbst wenn diese Phase noch nicht lange her ist. Ein Gefallen, den uns unser Gehirn offensichtlich gönnt und all das Dunkle verdrängt, sobald die Symptome abgeklungen sind. Das sind die Momente, in denen uns als Betroffenen einmal mehr oder vielleicht auch zum ersten Mal bewusst wird, wie schwer es für unsere Angehörigen ist oder sein kann und muss, uns und unser Denken, unser Fühlen und Handeln oder eher Nicht-Handeln in einer depressiven Phase auch nur annähernd nach-vollziehen zu können. Von nach-fühlen gar nicht erst zu reden. Es ist schlichtweg unmöglich, dieses umfassende Verständnis leisten zu können, wenn man all das noch nie in irgendeiner Form selbst erlebt hat. Auch wenn es wahrscheinlich nicht böse, sondern eher gut gemeint ist, sind Äußerungen wie „Du bist doch jetzt wieder gesund“ oder „Schau doch mal die anderen an, denen geht es viel schlechter“, „Jetzt geht es dir doch schon so lange gut, du bist geheilt“, etc. aus dem Umfeld eher kontraproduktiv.

Seh‘ ich nicht.

Natürlich wollen auch bipolar erkrankte Menschen nichts lieber als das, nämlich gesund sein. Ein Wunsch, der durch die Diagnose einer bipolaren Störung aber nun mal leider nicht erfüllt ist. Es ist ein Messer mit zwei Schneiden. Es kann sein, dass Betroffene durch die richtige medikamentöse sowie therapeutische Behandlung, ein gutes Krankheitsmanagement und einen positiven Lebenswandel symptomfreie Phasen von mehreren Monaten und sogar Jahren erleben. Über lange, lange Zeit stabil bleiben. Angehörige denken, dass sie nun „geheilt“ sind. Wieder gesund. Diese Meinung oder Vermutung rührt auch oft daher, dass aus Unwissen oder fehlender Information eine bipolare mit einer unipolaren Depression verwechselt wird. Zwei komplett unterschiedliche Krankheitsbilder. Das heißt bei nichten, dass hier in irgendeiner Art und Weise ein Vergleich stattfinden soll, was hier wohl „schlimmer“ oder „besser“ ist. Aber ein entscheidender Unterschied zwischen den beiden ist tatsächlich, dass eine unipolare Dpression theoretisch und auch praktisch geheilt werden kann, wobei bei der rezidivierenden (wiederkehrenden) unipolaren Depression mit jeder erneuten depressiven Episode die Wahrscheinlichkeit für weitere Episoden steigt. Es gibt aber auch Menschen, die nur einmal in ihrem Leben eine Depression durchleben und danach nie wieder. Bipolare Störungen und somit auch die bipolare Depression gelten nach heutigem Stand der Wissenschaft offiziell nicht al heilbar in dem Sinne. Was widerum auch nicht bedeutet, dass man durch eventuell sogar jahrelange symptomfreie Remissionsphasen ein ganz „normales“ beschwerdefreies Leben führen kann, dass sich definitv nach „geheilt sein“ anfühlt. Trotzdem schlummert die Erkrankung weiterhin im Hintergrund und kann auch nach Jahren wieder an die Oberfläche kommen. Wie immer bestätigen sicher auch hier Ausnahmen die Regel.

Ich nehm‘ mal an…

Ich meine zu glauben, damit auch für die meisten anderen Betroffenen von bipolaren Störungen sprechen zu dürfen, wenn ich behaupte, sie wünschen sich auch, als gesund zu gelten und vollkommen gesund zu sein. Aber irgendwie würden sie sich auch manchmal wünschen, dass die anderen verstehen oder zumindest sehen, dass es ihnen, wenn es ihnen länger einfach gut geht und sie stabil sind, nicht schon so lange so gut geht, weil es bei ihnen einfach nur nicht „so schlimm“ ist wie bei XY oder weil sie eigentlich gar nicht krank sind, sondern weil sie gelernt haben, mit einer der schwersten psychischen Erkrankungen umzugehen und gut mit ihr zu leben. Dass sich eine Relativierung diesbezüglich von außen anfühlen kann, als ob man „bestraft“ werden würde dafür, dass man gerade schon so lange stabil ist, indem einem das eigene Zutun abgesprochen wird. Letzten Endes ist es natürlich schön, dieses Verständnis und die Verinnerlichung auch im Außen zu erfahren, aber letzten Endes können nur wir als Betroffene selbst wissen, was es heißt, mit dieser Erkrankung streckenweise und vielleicht irgendwann immer öfter und länger symptomfrei sein zu können und wie hoch der Preis dafür manchmal ist. Und das ist eigentlich schon genug. Wir dürfen uns gesund fühlen und symptomfrei sein. Ja, auch lange. Hoffentlich so lange und oft wie möglich. Dankbar für und glücklich über jeden Tag davon. Und können gleichzeitig anerkennen, dass das nicht selbstverständlich ist, die Erkrankung trotzdem Teil von uns ist und vermutlich bleiben wird. Dass deren Anerkennung oder viel mehr „Annahme“ nicht von den Meinungen oder gut gemeinten, aber leider nicht selten schlecht gemachten Bewertungen im Außen abhängig sein sollte. Und weil es so wichtig ist und in unserer Gesellschaft unipolare Depressionen allein schon durch den Begriff Burn-Out mittlerweile zu einem höheren Maß akzeptiert sind und die Bevölkerung durch deren Präsenz im Alltag, wie beispielsweise u.a. durch deren Thematisierung von Betroffenen, die in der Öffentlichkeit stehen (seien es nun Politiker*innen, Comedians (gibt es davon eine weibliche Form??), Schauspieler*innen, Sänger*innen oder wer auch immer…), durch diese leicht zugängliche und teils auch automatisch zugeführte Information über das Erkrankungsbild in Bezug auf das Thema unipolare Depression einfach sensibilisierter und aufgeklärter sind. Und somit gegenüber anderen weniger „bekannten“ und in unserer Gesellschaft thematisierten Erkrankungen, wie eben auch die bipolare Störung, mehr Verständnis und Akzeptanz herrscht. Ich selbst hatte bis zu meiner Diagnose 2017 trotz jahrelanger Therapieerfahrung und auch teilweise fachärztlicher Begleitung noch nie etwas von „Bipolarer Störung“ gehört! Geschweigedenn von Bipolar-1 oder Bipolar-2 oder hypoman. Was ich persönlich ehrlich gesagt schon ganz schön bedenklich finde und zum Beispiel nach wie vor der Meinung bin, dass die Therapeutin, die mich während der drei Jahre, in denen ich regelmäßig hypoman und depressiv war, teilweise mit sehr schnellen Wechseln und extremen, eigentlich kloßbrühenklaren Symptomen in beiden Richtungen, mit ihrem Wissen, das sie als Therapeutin eigentlich haben sollte, das hätte erkennen müssen. Und es nicht als Hochsensibilität abstempeln. Und mir dazu raten, die Medikamente abzusetzen, weil ich ja gesund bin. Worüber ich mich natürlich erstmal gefreut hatte. Bis es dann rasend schnell bergab ging. Deswegen zum Schluss nochmal, weil so wichtig: Eine bipolare Depression ist keine unipolare, die nach einmaligem Auftreten auch abgeschlossen sein und nie wieder auftauchen kann. Und Betroffene dann wieder vollkommen gesund und geheilt sind. Die Natur der bipolaren Erkankung ist, dass sie in sich abwechselnden und wiederkehrenden Phasen verläuft und sich depressive mit hypomanen oder manischen und symptomfreien Phasen abwechseln.

Mir geht’s wohl zu gut.

Diese Thematik beschäftigt mich so sehr, seitdem ich von einer Bekannten, die ebenfalls eine bipolare Störung hat, sich bei ihrem Therapeuten nach der Möglichkeit erkundigt hat, einen Schwerbehindertenausweis zu beantragen, die Geschichte dazu gehört habe. Eine Möglichkeit, die bei vielen psychischen (und natürlich auch physischen) Erkrankungen in unterschiedlichen Graden möglich ist. Es gibt verschiedene Vorteile, die mit einem solchen Ausweis einhergehen können, wie beispielsweise auch mehr Urlaubsanspruch oder ein verfrühter Renteneintritt, aber ihr ging es in erster Linie um den Kündigungsschutz, da sie in der Vergangenheit aufgrund ihrer Arbeitsunfähigkeit in depressiven Phasen bereits von zwei Arbeitgebern gekündigt worden war, einmal davon in der Probezeit. Ihr Therapeut unterstützte sie generell in ihrem Anliegen, sagte aber auch, „dass wir mal schauen müssen, ob das so funktioniert“. Begründung: Weil es ihr ja gerade und schon eine ganze Weile so gut ginge. Das „Funktionsniveau“ hoch sei, im Vergleich zu anderen Betroffenen. Was ja per se, im aktuellen Moment und direkten Vergleich, sicher nicht unbedingt verkehrt war. Diese Bemerkung beschäftigte sie trotzdem. Sie hatte das Gefühl, sich dafür rechtfertigen zu müssen, warum es ihr denn jetzt schon so lange gut ging oder auf gewisse Art und Weise dafür „bestraft“ zu werden, dass sie ihre Erkrankung gerade so gut im Griff hatte. Sie wusste aus eigener Erfahrung, was auch alle Therapeut*innen und Ärzt*innen oder Psychiater*innen und Psycholog*innen aus ihrer Praxis und nicht zuletzt auch der Theorie wussten, nämlich dass es zwar durchaus mehr als wünschenswert wäre, dass diese Stabilität und Remission so lange wie möglich anhält, aber genau so auch, dass es dafür bei einer bipolaren Störung keine Garantie gibt. Dass auch nach Jahren ohne eine einzige Episode wieder erneut depressive und/oder hypomane und manische Symptomatik und Phasen auftreten können. Jede noch so lange Stabilität würde ihr nichts bringen, wenn sie in der nächsten depressiven Phase wieder ihren Job verlieren würde, weil sie morgens nicht aufstehen könnte. Natürlich gibt es Geileres, als sich als relativ junger Mensch trotz körperlicher Unversehrtheit mit so etwas wie einem Schwerbehindertenausweis zu beschäftigen, zumal man eine psychische Erkrankung nicht sieht, so wie es bei vielen, wenn auch längst auch nicht allen, geistigen oder körperlichen Behinderungen und Erkrankungen der Fall ist. Aber meiner Meinung nach ist die Unberechenbarkeit und Chronizität der bipolaren Störung Grund genug, um eine solche Möglichkeit und einen gewissen Schutz, den Betroffene dadurch vielleicht in manchen Bereichen wie im Arbeitsleben haben können, in Betracht zu ziehen. Und wenn es nur für das eigene Gefühl der Beruhigung ist. Und das Ganze sollte meiner Meinung nach nicht davon abhängig gemacht werden, ob sich die oder der Betroffene gerade in einer Remissionsphase befindet. Es ist meiner Meinung nach sogar wahrscheinlicher, da in einer depressiven Phase die Energie und der Antrieb für organisatorische oder bürokratische Hürden eventuell überhaupt nicht vorhanden ist. Und während einer hypomanen oder manischen Phase aufgrund der darin oft fehlenden Krankheitseinsicht und weil es den Betroffenen subjektiv sehr gut geht, überhaupt keine Notwendigkeit für so etwas gesehen werden würde.

All zu nah.

Während ich diese Zeilen tippe, sitze ich in einem meiner Lieblingscafés und schlürfe an einem vermutlich total überteuerten und dennoch köstlichen Flat White, genieße das geschäftige und gemütliche Treiben um mich herum, registriere beiläufig Gesprächsfetzen der Menschen um mich herum, deren Kommen und Gehen, das Dampfen des Milchschäumers und Klappern des Geschirrs, das sich mit leiser Jazzmusik und dem prasselnden Regen auf den langsam dunkler werdenden Straßen meines Viertels vermischt, und kann mir nicht vorstellen, dass mein Körper oder Geist mir so etwas wie eine Depression jemals antun und mich zu diesem alles vernichtenden Denken und einem Fühlen zwingen könnte, das sich jeglicher jemals empfundener positiver Gefühle, Gedanken und Lebensfreude entzieht und mich stattdessen mit Leere, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit flutet. Allumfassende Sinnlosigkeit schlussendlich auch den letzten Baustein meiner DNA unwiederbringlich im schwärzesten Schwarz ertränkt und mir bis in alle Ewigkeit mein gesamtes Menschsein zu entreißen scheint. Zeit und Raum an mir abblättern und die Welt sich plötzlich einfach nicht mehr dreht. Während ich so innehalte und die Leuchtreklame des Einkaufszentrums vor dem Fenster sehr ambitioniert und doch vergeblich gegen die Dämmerung anzustrahlen versucht, scheint mir all das so fern und fremd. Und ist doch so nah.

Hey, you.

Der Herbst ist da. Die Zeitumstellung vor zwei Tagen hat zwar offiziell das Ende der Sommerzeit eingeläutet, diese Tatsache aber durch die letzten Tage mit ganz viel Sonnenschein und bunt-goldenen Blättern ein bisschen weniger unsympathisch gemacht. Und mir außerdem durch früheres Aufwachen einen etwas knackigeren Start in die letzten Tage beschert, was ja auch mal ganz nett, wenn auch meiner Meinung nach nicht unbedingt regelmäßig notwendig ist. Früh aufstehen kann ich auch noch, wenn ich mal Kinder habe. Ich bin eine unverbesserliche Eule und bewundere die Lerchen zwar manchmal, habe aber aufgegeben, mich auch zu einer mausern zu wollen. Um nochmal auf den vergangenen Sommer zurück zu kommen: Diese Entscheidung, das Uni-Modul vorerst nochmal in die Tonne zu kloppen, hat mich zwar jetzt zu Beginn des Wintersemesters erneut die Kursgebühr gekostet und es ist nicht so, dass ich generell freudig die Fuffis durch den Club schmeiße, aber manchmal muss man eben Prioritäten setzen. Miste ich halt nochmal ein bisschen Klamotten aus. Es war auf jeden Fall die einzig richtige Entscheidung, die ich, jetzt wo die dunkle Jahreszeit wieder begonnen hat und Nässe und Kälte Einzug halten, kein Stückchen bereue. Weil ich so einen wunderschönen Sommer hatte und gefühlt keinen Sonnenstrahl ausgelassen habe, um möglichst alle Vitamin-D-Akkus bis zum Anschlag voll aufzuladen, damit sie mich gut durch den Winter bringen würden. Bis jetzt bin ich diesbezüglich sehr zuversichtlich. Vor allem, weil ich sogar den traditionellen Spätsommerblues ausgelassen habe und der Herbstbeginn dieses Jahr anscheinend (auf Holz klopf…) keine depressive Phase für mich in petto hatte. Nicht mal letztes Jahr mitten im Corona-Lockdown-Isolations-Arbeitslosigkeits-Wahnsinn, was in diversen Hinsichten wie gesagt ein Meilenstein für mich war. Der letzte Herbst-Absturz war 2018, ein Jahr nach der Diagnose und nach der Saison auf Fehmarn, wo ich es mit den Schichten im Café am Meer aber einfach definitiv hart übertrieben und überhaupt nicht auf meine Grenzen geachtet hatte. Das war dann nochmal eine knackige Retourkutsche und weitere Lektion im Krankheitsmanagement, mit dem ich damals ja noch ganz am Anfang stand. Die ich vielleicht gebraucht habe. Es gab noch viele depressive Episoden seitdem. Sehr schlimme und weniger schlimme, längere und kürzere, zu erwartende und überraschende. Aber eben nicht den Herbstklassiker, nach dem ich viele Jahre, vor der Diagnose, die Uhr stellen konnte.

Warmer Rauch.

Jedes Jahr ist das ein Zusammenspiel vieler Faktoren. Die kleinste Rolle spielt dabei die Temperatur. Es ist das Licht, das sich von einem auf den anderen Tag auf eine ganz bestimmte Art und Weise ändert. Ich könnte es nicht beschreiben, aber jedes Jahr im Spätsommer kommt dieser Tag. Ich verlasse das Haus und weiß, es ist so weit. Daran können auch die immer noch nackten und gebräunten Beine, die klirrenden Eiswürfel in Aperol Spritz-Gläsern und der Duft nach Sonnencreme, Grill und Zigarettenrauch, der in warmer Luft irgendwie so viel anders riecht als in eisig kalter, nichts ändern. Ich fühle mich einfach plötzlich anders. Dieses Jahr habe ich sogar den genauen Tag ausfindig machen können, an dem es früher gekippt wäre. An dem die Abwärtsspirale Fahrt aufgenommen hätte. Doch dieses Jahr ging dieser Tag mit dieser speziellen Stimmung vorbei und hinterließ lediglich einen etwas bitteren Nachgeschmack. Eine Mischung aus Wehmut und Melancholie. Ja, vielleicht auch Nostalgie. Einerseits so etwas wie Traurigkeit, dass der Sommer sich nun dem Ende neigte, andererseits Dankbarkeit für und Freude über all die schönen Dinge, die ich in dieser Zeit erlebt hatte. Was mich versöhnlich stimmte mit dem unumgänglichen Beginn der dritten Jahreszeit. Der Herbst, unter dessen Einfluss nicht nur die Blätter fallen und Tiere sich auf den Winter vorbereiten, sondern in der auch viele Menschen sich wieder etwas mehr zurückziehen, vielleicht öfter zu Hause sind, es sich gemütlich machen und die Ruhe genießen. Zumindest geht es mir mittlerweile so. Damals, als die dunkle und kalte Jahreszeit etwas war, vor dem ich mich mit Haut und Haaren sträubte und wie ein Kaninchen kurz vor dem Schlachten mit weit aufgerissenen Augen nur darauf wartete, bis mich gefürchtete self-fulfilling-prophecy auch dieses Jahr wieder unter sich begraben und erst Wochen später wieder ausspucken würde, wäre das unvorstellbar gewesen. Mittlerweile habe ich sogar das Gefühl, dass meine innere Uhr sich ein bisschen angepasst hat, seitdem ich meine Sichtweise auf die Jahreszeiten und den Sinn, den sie, wenn sie ihn für die Natur haben, doch bestimmt auch für uns Menschen haben müssen, etwas geändert habe.

Abgeschminkt.

Irgendjemand sagte mal zu mir, dass wir uns, anstatt traurig darüber zu sein, dass der Sommer vorbei ist, oder uns über das Wetter zu beschweren, auch einfach mal ein bisschen was von der Natur oder den Tieren abschauen könnten. Gar nicht mal so unnaheliegend, aber irgendwie war mir das bis dato so trotzdem noch nicht wirklich in den Sinn gekommen. Damit will ich keineswegs sagen, dass eine pathologische Herbst-/Winterdepression oder eine depressive Episode, ob nun uni- oder bipolarer Natur, lediglich und allein mit einem solch banalen und pseudoschlauen „Tipp“ in irgendeiner Art und Weise verhindert oder verbessert werden könnte. Wie so viele Nicht-Betroffene ja leider fälschlicherweise immer noch von depressiven Menschen denken. „Alles eine Frage der Einstellung? Der Willenskraft? Der mentalen Stärke? Change your mindset?“ Nichts falscher als das. Ich spreche hier lediglich, wie in all meinen Beiträgen, von meinem persönlichen Empfinden. Wie ich für mich meine früher durch den Herbst teilweise ausgelöste oder, im Falle einer zu dieser Zeit gerade schon bestehenden depressiven Phase, sich verschlimmernde Symptomatik durch diese Veränderung in meiner Sichtweise abschwächen konnte. Wie ich für mich besser mit der dunklen Jahreszeit umgehen kann, damit sie nicht zum Trigger neuer depressiver Phasen wird. Da ich mich lange Zeit dem unliebsamen Gast, den der Herbst jahrelang ohne mich zu fragen einfach bei mir einquartierte, hilflos ausgeliefert fühlte, hatte ich so viel Angst vor ihm, dass mir jegliche andere Betrachtungsweise fern lag. Keiner würde sich über einen Gast freuen, der ungefragt aufkreuzt und dann genau so ungefragt alle Vorhänge zuzieht und alle Wände in seiner Lieblingsfarbe streicht, die dummerweise schwarz ist, bis es in jedem Zimmer so dunkel ist, dass man die Hand vor Augen nicht mehr sehen kann. Aber mittlerweile weiß ich, dass ich auch hier weder hilf- noch machtlos bin. Dass ich nichts und niemandem ausgeliefert bin. Besagter Gast klopft trotzdem noch manchmal an, wenn sich ein Sommer seinem Ende zuneigt, so wie an diesem Tag im Spätsommer dieses Jahr. Manchmal tue ich so, als hätte ich das Klopfen nicht gehört. Manchmal gehe ich zur Tür und sage, er soll sich gefälligst verpissen und zwar schnell. Aber manchmal lasse ich ihn auch rein. Pinsel und Farbe kann er sich aber seitdem abschminken.

Ich tauche aus meiner Vertiefung ins Schreiben auf und merke, dass die Kulisse im Café lauter wird. Dass Licht gedämmt wurde. Statt Kaffeetassen und Kuchen mittlerweile Weingläser und flackernde Teelichter auf den kleinen wackligen Holztischen stehen. Draußen ist es mittlerweile stockdunkel.

Und in mir muckelig warm und hell.

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