Stimmig.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Apnoe.

Wow. Ich glaube, so lange habe ich noch nie Schreibpause gemacht, seitdem ich meinen Blog Ende 2018 gestartet habe. Und falls doch, dann auf jeden Fall schon sehr lange nicht mehr. Gründe für die lange Pause gab es viele. Das Problem wenn ich so lange nicht schreibe ist leider meistens, dass ich überhaupt nicht weiß, wo ich anfangen soll. Seit meinem letzten Artikel am 11. Mai, also vor ziemlich genau zwei Monaten, ist einfach schon wieder so viel passiert. Und der Wechsel von Lockdown zu Lockerungen und zurück ins Arbeitsleben war nur einer davon. Kurz nach Veröffentlichung des Artikels hat unser Café wieder aufgemacht.

Mit der Wiedereröffnung des Cafés kamen auch diverse andere Lebensbereiche wieder aus ihren Löchern gekrochen und in Bewegung. Und das tatsächlich just in time. Ich weiß mittlerweile, dass ich mich immer irgendwie über Wasser halten und im worst case auch mal ein Weilchen unter der Wasseroberfläche die Luft anhalten kann. Aber irgendwann ist eben auch diese Luft verbraucht. Dieser Punkt war im Mai dann auch erreicht. Und das sicher nicht nur bei mir. Dementsprechend groß meine Erleichterung, Freude und Dankbarkeit für und über jede Kleinigkeit, die ich nun wieder tun konnte.

In den Wochen davor hatte ich mich vollkommen überwältigt gefühlt von der Lethargie, die ich mir nicht länger vom Leib halten konnte, weil meine Akkus einfach leer waren. Meine Akzeptanz gegenüber des Gefühls des absoluten Stillstandes und der Perspektivlosigkeit hatte sich in Wohlgefallen aufgelöst. Was alles davon nun letzten Endes der Symptomatik der depressiven Phase, in der ich da gerade steckte, oder „einfach“ den Nebenwirkungen der Pandemiesituation zuzuschreiben war, ist für mich weder klar abzugrenzen noch wichtig, dies zu tun.

KISS Selbsthilfegruppe „Zwischen den Polen – Leben mit einer Bipolar-2-Störung“ – Hamburg Altona

Nachdem sich der Nebel der depressiven Gedanken irgendwann gelichtet hatte, fiel mir auf, dass in dieser Zeit eigentlich so gar nicht alles still gestanden hatte. Auch wenn es sich zwischenzeitlich so angefühlt hat. In der Zeit habe ich eine Selbsthilfegruppe speziell für Bipolar-2-Erkrankte gegründet („Bipolar 2 Störung“ im Suchfeld auf https://www.kiss-hh.de/gruppe-suchen eingeben), mit Standort Altona, die voraussichtlich im Herbst starten wird (es gibt noch freie Plätze!) und darüber einen kleinen Artikel für die KISS-Selbsthilfezeitung geschrieben:

Erschienen in der aktuellen KISS Selbsthilfezeitung #161 Juli-September 2021
Download: https://www.kiss-hh.de/fileadmin/redakteur/Materialien/SHZ_161_Web.pdf

Gar nicht komisch.

Im selben Zug habe ich zusammen mit der Illustrationsstudentin Sarah Schlüter (instagram: @au_revoir_tristesse) einen Comic zum Thema gestaltet, der sowohl als Werbung für die Selbsthilfegruppe als auch zur Aufklärung über die Bipolar-2-Störung dienen soll und beim Comicfestival in Hamburg (instagram: @comicfestivalhamburg; 1.-3. Oktober 2021) ausgestellt werden wird.

Illustration: Sarah Schlüter (instagram: @au_revoir_tristesse); Textidee: Lisa Waldherr (instagram: @tanz.zwischen.den.polen)
Erschienen in der aktuellen KISS Selbsthilfezeitung #161 Juli-September 2021;
Download: https://www.kiss-hh.de/fileadmin/redakteur/Materialien/SHZ_161_Web.pdf)

DGBS-Seminarreihe „Lernort Selbsthilfe“

Ich habe an der Fortbildung „Lernort Selbsthilfe“ zum Thema Bipolare Störungen und Leitung von Selbsthilfegruppen (https://dgbs.de/selbsthilfe/dgbs-lernort-selbsthilfe) teilgenommen, die vier Tage lang, teilweise bis zu 8 Stunden am Tag, online stattfand. Alles aus meinem Bett, gerade mitten in besagter depressiven Phase steckend, mit größter Überwindung und Anstrengung. Aber ich habe es trotzdem gemacht. Und bin im Nachhinein sehr stolz darauf. In der Gruppe waren ausschließlich andere Betroffene sowie Angehörige und ich konnte einfach sagen, wie es nun mal gerade ist, musste mich nicht verstellen und habe nichts als Verständnis erfahren. Weil alle anderen wussten, wie es sich anfühlte. Es war das erste Mal seit meiner Diagnose 2017, dass ich, wenn auch nur digital, andere Betroffene von Angesicht zu Angesicht gesehen habe und mich mit ihnen austauschen konnte. Hauptsächlich junge Frauen in meinem Alter. Tolle, witzige, starke, beeindruckende, mutige und lebensfrohe Frauen. Die schon so viel durch- und trotzdem immer wieder weitergemacht haben. Nicht aufgegeben haben, auch wenn das manchmal die einzige Option schien. Mit denen sich eine kleine virtuell Selbsthilfegruppe ergeben hat, vorerst über WhatsApp und zoom, weil wir alle in anderen Städten leben.

Alles schon gesehen. Alles schon gehabt.

Es wurden Erfahrungen geteilt, von denen ich immer dachte, dass das so niemand außer mir selbst jemals denken oder fühlen oder tun oder nicht tun könnte. Und sie kannten es alle. Es war so unglaublich heilsam. Sich verstanden fühlen. Wirklich verstanden. Versteht mich nicht falsch, aber Angehörige psychisch Erkrankter werden, egal wie viel Mühe sie sich geben, wie viel Empathie sie aufbringen, wie sehr sie uns auffangen und stützen und wie sehr sie uns lieben mögen, niemals „wirklich“ verstehen können, wie es sich anfühlt, mit dieser Erkrankung zu leben. Mit der Symptomatik, den Gedanken, Gefühlen, Körperempfindungen, den Auswirkungen auf diverse Bereiche des eigenen Lebens. Sie werden all das niemals nachempfinden und in der Tiefe mit allen Facetten verstehen können wie es jemand kann, der selbst betroffen ist. Und das sollen sie auch nicht. Und müssen es nicht. Weil sie es selbst nicht kennen.

Lachen. Weinen. Heilen.

Diese Erkenntnis, die mir in der Theorie bereits davor klar, aber in der Praxis noch mal so viel überzeugender war, hat mich nur noch mehr in meiner Entscheidung, die Selbsthilfegruppe im März ins Leben gerufen zu haben, bestärkt und mir bewusst gemacht, dass der Austausch mit anderen Betroffenen noch eine weitere wichtige Säule im Umgang und Leben mit meiner Erkrankung ist, von der ich bisher oft meinte, ich bräuchte oder wollte sie nicht. Unter der grandiosen unfassbar empathischen und authentischen Leitung von Nadja Stehlin (https://dgbs.de/verein/vorstand), stellvertretender Vorsitzenden sowie Betroffenenvertreterin und Leiterin des DGBS-Referats Betroffene und der von Anfang an so offenen und angenehmen Atmosphäre in diesem geschützten digitalen Raum wurden diese vier Tage zu einem unglaublich wertvollen Seminar, das ich nicht missen möchte. Im Oktober findet das Aufbauseminar statt, für das ich mich bereits angemeldet habe. Wir haben viel gelacht, waren aber auch betroffen und berührt von den Geschichten, die erzählt wurden. Abends war ich erschöpft und überwältigt von der emotionalen Intensität des Ganzen und habe meistens erstmal ’ne Runde geheult. In dem beruhigenden Wissen, dass ich nicht alleine war.

Als Antrieb und Energie nach der depressiven Phase von ungefähr drei Wochen Dauer dann langsam wieder zurück kamen, habe ich meine Selbstständigkeit mit dem Schreibcafé (https://tanzzwischendenpolen.com/2021/01/21/darf-ich-vorstellen-das-schreibcafe-hamburg/) in Angriff genommen und den zweiten Workshop geplant, der mittlerweile auch schon wieder fast zu Ende ist.

Retrospektiv also gar nicht mal so stillständig, diese Zeit. Aber meine depressiven Gedanken haben mir während dessen emsig versucht gehabt, etwas anderes zu sagen.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Die Tatsache, dass es mir allerdings schlagartig besser ging, als sich nach und nach immer mehr Puzzleteilchen meines Lebens in Hamburg, das ich so sehr liebe, und meines Alltags, den ich mir über lange Zeit genau nach meinen Vorstellungen und Wünschen geschaffen habe, wieder zusammenfügten, hat mich allerdings noch einmal mehr in meiner Vermutung bestätigt, dass diese wie auch die vorherige depressive Phase im Februrar ohne kompletten Wegfall jeglicher Strukturen und Stabilität im Außen definitiv nicht stattgefunden hätte. Vor allem in der Phase im Mai habe ich mich dieses Mal äußerst schwer getan mit der Akzeptanz der Situation. Dass da jetzt eben wieder eine Phase war und dass auch diese vorbeigehen würde. Halt wie alle anderen davor auch schon. Die depressive Verzerrung meiner Wahrnehmung und die mir so wohl bekannten dunkel verfärbten und nicht der Realität entsprechenden Gedanken haben es aber auch dieses Mal durch ihren an Hinterfotzigkeit und Manipulationstalent kaum zu übertreffenden Charakter fast wieder geschafft, dass ich ihnen Glauben schenkte. Aber nur fast. Meiner Meinung nach eine der härtesten Nüsse im bunten Kornfeld der Depressionssymptomatik.

Nimmersatte Negativraupen.

Das Problem ist Folgendes: Diese Gedanken kommen angekrochen, nisten sich in deinem Hirn ein wie kleine fette Raupen in einem Kokon, die alles Gute und Leckere in Sekundenschnelle ins sich reinstopfen und nicht aufhören, nach mehr zu verlangen. Gibst du ihnen zu fressen, indem du ihnen zuhörst und Glauben schenkst, hören sie nicht etwa auf, sondern wollen noch mehr. Immer mehr. Weil sie nie satt werden. Je mehr Futter in Form deines Glaubens du ihnen gibst, desto lauter werden sie. Die Krux an der Sache ist die: Selbst wenn du weißt, dass das Negativraupen und nicht die „normalen“, gesunden Raupen sind, die da sonst in deinem Hirn so allerhand treiben, manchmal Gutes, manchmal Schlechtes, und sie als Fremdkörper entlarvst, ihnen eben nichts zu Fressen gibst, weil du weißt, dass an dem Geschreie nichts dran ist…auch dann hören sie nicht auf damit. Sie sind trotzdem da und kreischen. Und hören nicht auf, außer du schaffst es, sie hochkant aus ihrem Kokon zu schmeißen, der nicht ihrer ist.

Wirklich?

Was ich damit sagen möchte…Mittlerweile, und das war schon schwer genug, erkenne ich depressive Gedanken innerhalb kürzester Zeit. Kann diese ganz klar von meinen gesunden Gedanken abgrenzen. Die natürlich auch nicht immer positiv sind, wie bei keinem Menschen auf dieser Welt. Weiß, dass diese Gedanken eingefärbt sind und dass sie mit einer 99,9-prozentigen Wahrscheinlichkeit nicht der Wirklichkeit entsprechen. Nur ist es leider so, dass allein das Wissen darum, dass das nun eben depressive und nicht meine gesunden Gedanken sind, leider nicht immer ausreicht, um sich den Gefühlen, die sie erzeugen, zu entziehen. Gedanken erzeugen Gefühle. Und in dem Moment, in dem dieser Gedanke sich in meinem Kopf befindet, ist er, völlig scheiß egal ob depressiv oder nicht, nun mal da und tut das, was er sonst auch tut. Er erzeugt ein Gefühl. Ich weiß von Freund*innen, die auch Erfahrungen mit Depressionen gemacht haben und immer noch machen, dass sie genau diese Problematik auch kennen. Und dafür auch noch keine zufriedenstellende Lösung gefunden haben. Trotz unfassbar viel Arbeit an sich selbst, Reflektionsfähigkeit, Achsamkeit, Selbstfürsorge, Therapien und was nicht noch allem.

Dieses Paradox zeigt nur einmal mehr, um was für ein kompliziertes und schwerwiegendes Krankheitsbild es sich bei Depressionen handelt. In wie viele verschiedene Bereiche sie Einzug hält. In unseren Körper. Unser Denken. Unser Handeln. Unsere Gefühle. Wie das eine das andere bedingen oder auslösen und verstärken kann. Wie schnell ein Teufelskreis entstehen kann. Die Grenzen verschwimmen. Ein Ausstieg plötzlich unmöglich scheint.

Die Entscheidung, nicht zu entscheiden.

Die Lösung, die ich bis jetzt und vorerst für mich gefunden habe (es ist noch Luft nach oben!), besteht unter anderem lediglich darin, dass ich „einfach“ abwarte. Warte, bis diese Gedanken vorbei ziehen. Jaja, wie Wolken am Himmel und solche Faxen. Mir immer und immer wieder sage, dass das nicht meine gesunden Gedanken sind, sondern die Depression, die mal wieder versucht, mich zu verarschen. Dass ich morgen vermutlich schon wieder anders denke. Kürzlich habe ich mich mit meiner Freundin, die ich damals in der Klinik kennengelernt habe, köstlich über unsere Versuche, uns oder vielmehr die Depression auszutricksen, in dem wir uns selbst in guten Phasen einen Brief schreiben, in dem wir unsserem depressiven Ich sagen, dass es den ganzen Scheiß nicht glauben soll und dass es auch dieses Mal wieder vorbei gehen wird. Wäre es nicht so schlimm, wäre es fast schon wieder lustig, dass selbst das nicht funktioniert, wenn man bis zum Hals in der Scheiße steckt. Du glaubst deinen eigenen Worten nicht. Selbst wenn du sie schwarz auf weiß vor dir hast und weißt, dass du selbst sie geschrieben hast. Weil die Hoffnungslosigkeit als Symptom der Depression so übermächtig ist und alle verzweifelten Versuche, dagegen zu halten und „Nein, das stimmt alles nicht!!!“ zu brüllen, im Treibsande verlaufen und dir einzig und allein der Sog nach unten und das Gefühl der Gewissheit bleibt, dass nichts jemals wieder gut werden wird.

Ich treffe keine Entscheidungen an Tagen und in Phasen wie diesen. Ich kenne meine Phasen und deren Symptomatik, sowohl die der depressiven Tiefs als auch der hypomanen Hochs, mittlerweile so gut, dass ich merke, wenn es los geht. In welche Richtung auch immer. Nicht immer sofort und in der ersten Sekunde, nein. Stichwort Frühwarnzeichen. Wobei ich meine depressiven Frühwarnzeichen besser kenne als die hypomanen. Was vermutlich daran liegt, dass in meinem Krankheitsverlauf bisher die depressiven Phasen deutlich überwogen haben und, Übung macht den Meister, ich mich damit einfach besser auskenne. Der Weg hierhin war weit. Er verlief etappenweise. Früher wusste ich nicht einmal, was Frühwarnzeichen sind, geschweige denn was meine eigenen sind.

Abfahrt.

Irgendwann hatte ich das herausgefunden, bemerkte sie brav, wie beispielsweise die absolute Überdrehtheit, den Schlafmangel und das ständige Herzklopfen vor oder bereits während einer hypomanen Phase, und legte da erst so richtig los. Feierte noch wilder, schlief noch weniger, vernachlässigte Essen und Trinken, außer Alkohol, Kaffee und Nikotin versteht sich, und stürzte mich kopfüber in den so verlockend scheinenden und magnetischen Strudel aus social overload, Reizüberflutung jeglicher Art, kreativen Ideen, exorbitantem Energieüberschuss und grandiosen Plänen. Frühwarnzeichen am Arsch! Wer brauch denn so was? Höher. Schneller. Weiter. Und noch ein Stückchen. Da geht noch was, diggiiieeeee! Bis plötzlich gar nichts mehr ging. Die Depression mich auf dem Boden der Tatsachen aufschlagen ließ. Nur um es in der nächsten hypomanen Phase genau gleich zu machen. Weil es mir ja endlich wieder besser ging! Da konnte ich die Antidepressiva (damals hatte ich noch keine Diagnose und nahm noch keine Stimmungsstabilisierer, sondern Antidepressiva, die ich fröhlich absetzte, wann immer es mir in den Sinn kam) ja auch direkt wieder absetzen! Brauchte ich nicht! Ich schaffte das nämlich auch alleine! Fresst meinen Sternenstaub, ihr Loser!

Schon mal jemand drüber nachgedacht, seinen Beinbruch „alleine schaffen“ zu müssen? Oder seinen Herzfehler?

Nur dass ich meine Frühwarnzeichen irgendwann kannte, hieß also offenbar noch lange nicht, dass ich auch ins Handeln kam oder irgendetwas änderte, gegensteuerte oder sein ließ. Das kam dann erst im nächsten Schritt. Ich musste meine Frühwarnzeichen also nicht nur kennen, sondern im richtigen Moment auch noch ERkennen, das auch am besten noch früh genug und DANN auch noch gegensteuern. Alter. Ganz schön viel auf einmal, wenn ihr mich fragt. Aber gut. Wer stabil sein will…

In guten wie in schlechten Zeiten.

Wenn man eine chronische, lebenslange Erkrankung wie die bipolare Störung schon nicht komplett loswerden kann und damit rechnen muss, dass deren Phasen kommen und gehen werden, dann ist auch hier die Frage: Was kann ich ändern, was nicht? Was sollte ich am Besten akzeptieren, um mir selbst einen Gefallen zu tun und nicht unnötige Energie und Lebenszeit zu verschwenden? Wo kann ich aktiv werden?

Ich habe für mich akzeptiert, dass meine bipolare Störung Teil von mir und ein Teil meines Lebens ist und das auch auf unbestimmte Zeit ziemlich sicher bleiben wird. Aber ich akzeptiere nicht, dass sie die Macht über mich und mein Leben bekommt und sich die wie Axt im Walde aufführt. Die bipolare Störung ist offiziell eine der schwersten psychischen Erkrankungen, die es gibt. Aber es ist eine Erkrankung, die man behandeln kann. Und mit der man unter richtiger Behandlung in vielen Fällen ein so normales Leben wie möglich führen kann. Ein gutes Leben. Von einfach hat keiner gesprochen. Die Akzeptanz der Erkrankung und das Wissen um ihre diversen fachlichen Aspekte sind ein erster Schritt. Die richtige Behandlung, sowohl medikamentös als auch therapeutisch, ein weiterer. Und dann ist da die Verantwortung, die ich bereit bin zu übernehmen. Die sich in diversen Lebensbereichen, Entscheidungen und Verhaltensweisen wiederspiegelt.

Ich kann nichts daran ändern, dass ich diese Erkrankung habe. Hat sich meine Seele ausgesucht, nicht ich. Und auch dafür wird es seine Gründe geben, die meiner Meinung nach definitiv nicht nur genetisch oder biologisch sind. Ein Thema für ein ander Mal. Was sich an dieser Stelle meiner Macht entzieht, lässt mir an anderer Stelle, dem Umgang mit und meiner Einstellung zu all dem, eine bunte Palette an Herangehensweisen, Umgangsmöglichkeiten und Verhalten, über die ich ganz allein entscheide. Entscheiden darf. Und wenn ich diese Möglichkeit der freien Entscheidung nicht wahrnehme, dann trifft sie im schlimmsten Fall die Krankheit für mich.

Meine Pappenheimer.

Genau so wenig wie die Symptome sind auch die Frühwarnzeichen der jeweiligen Phasen immer die gleichen. Manche sind offensichtlicher, manche unterschwellig, manche kaum merkbar. In der nächsten Phase ist es wieder anders. Aber wie bei den Symptomen gibt es so ein paar übliche Verdächtige, die eigentlich fast immer am Start sind. Die Gang, bei der man weiß, dass es definitiv Ärger gibt, wenn sie irgendwo auftaucht. Schlägerei und so.

Wie verhält es sich also mit den Frühwarnzeichen? Wie der Name eigentlich schon sagt: Sie warnen dich in verschiedenster Form vor dem bevorstehenden Erdbeben oder Tsunami. Im Idealfall früh genug, um die absolute Katastrophe zu verhindern. Nur dass man diese in der Realität eher selten abwenden, sondern sich viel mehr vor dem Unvermeidbaren in Sicherheit bringen kann. Eine depressive oder hypomane Phase hingegen kann man abwenden. Wenn man so ’n richtig geiler Typ ist. Direkt checkt, was abgeht, radikal gegensteuert, die Kurve kratzt. Fertig aus. Manchmal reicht es aber auch „nur“ noch dazu, größeren Schaden zu vermeiden oder abzuwenden. Ein evakuiertes Haus, das aufgrund eines Erdbebens einstürzt, richtet weniger Schaden an als ein Haus voller Menschen, das diese unter sich begräbt. Kaputt ist das Haus trotzdem. Aber ein Haus kann man wieder aufbauen.

Trotz allen „learning by doings“ und aller Arbeit kann ich noch lange nicht jede Phase abwenden. Zu vielseitig sind deren Bedingungen, Auslöser und Umstände. Und manchmal funkt auch einfach das „ganz normale“ Leben dazwischen. Aber meistens kann ich sie abschwächen, kürzer halten oder zumindest akzeptieren, dass es gerade eben so ist. Welcher Teil davon der Medikation, welcher der regelmäßigen Therapie und welcher meinem eigenen Verhalten zuzuschreiben ist, kann ich nicht ausmachen. Ich denke, es ist eine Kombi aus allem. Was passiert, wenn ich die Medikamente absetze, habe ich mehr als oft genug selbst herausgefunden, da muss ich keinen Arzt fragen. Blindlings und ohne Hinterfragen einfach nur Medikamente zu nehmen, in der Hoffnung, dass die’s schon regeln werden, ist genau so wenig die Lösung eine psychische Erkrankung wie die bipolare Störung, die zwar nicht nur aber auch durch die Störung des Gleichgewichts verschiedener Neurotransmitter (chemische Botenstoffe, die an der Weiterleitung von Nervenimpulsen beteiligt sind) im Gehirn verursacht werden kann, nicht auch auf biologischer Ebene zu behandeln, sondern zu erwarten, dass es durch eine Verhaltenstherapie oder ein bisschen schnacken allein geregelt werden kann.

Exkurs: Ursachen der Bipolaren Störung

Kleiner Exkurs zu den Ursachen der bipolaren Störung: Die Entstehung Bipolarer Störungen ist im Sinne einer anlagenbedingten Verletzlichkeit des Nervensystems zu verstehen. Diese wird von vielen weiteren äußeren Faktoren beeinflusst. Ob ein bestimmtes Lebensereignis dann letzten Endes eine Bipolare Störung auslöst, hängt also von der individuellen Disposition (Verlanlagung, Empfänglichkeit) ab. Neben genetischen Faktoren, die durch Familien-, Zwillings- und Adoptionsstudien belegt werden konnten (z.B. durch die Häufung der Erkrankung bei Verwandten ersten Grades von Patient*innen mit Bipolarer Störung), werden vor allem auch die eben erwähnten biologischen Faktoren als ursächlich für die Entstehung der Erkrankung gesehen.

Während bei Betroffenen in depressiven Phasen sowohl ein Mangel an den Neurotransmittern Noradrenalin und Serotonin als auch eine Veränderung der Empfindlichkeit und Dichte der Rezeptoren, auf welche die Neurotransmitter einwirken, festgestellt werden konnte, liegt bei der Entstehung von Manien sowie Hypomanien eine erhöhte Konzentration der Neurotransmitter Noradrenalin und Dopamin vor.

Mit dem Wissen um diesen medizinischen Hintergrund (mehr Informationen findet ihr auf meinem Blog unter https://tanzzwischendenpolen.com/bipolare-storung/), die Chronizität der Erkrankung und die einschlägige Studienlage so wie Statistiken zum Rückfallrisiko ohne Medikation stellt sich mir persönlich schon lange nicht mehr die Frage „Medikamente, ja oder nein“. Aber auch hier gehen die persönlichen Sichtweisen und Meinungen auseinander. Wie bei so vielen Dingen. Natürlich ist das schon kurz ’ne ganz schöne Klatsche, wenn man als junger Mensch erfährt, dass man mit großer Wahrscheinlichkeit zeitlebens Medikamente einnehmen werden wird oder muss, wenn man ein einigermaßen stabiles und „normales“ Leben führen möchte, aber noch schlimmer fände ich es ehrlich gesagt, wenn es diese Möglichkeit der Medikation und damit zu erreichenden Stabilität nicht gäbe und man der Erkrankung mehr oder weniger schutzlos ausgeliefert wäre. Noch vor nicht all zu langer Zeit gab es diese Möglichkeiten, die wir heute haben, noch nicht. Und das nicht nur bei psychischen Erkrankungen.

Wenn’s hilft…

Und wie immer kommen mir auch hier körperliche Erkrankungen wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schilddrüsenerkrankungen etc., etc. in den Sinn (An dieser Stelle hoffentich nicht notwendig zu erwähnen, dass die Diagnose einer chronischen physischen Erkrankung selbstverständlich nicht „leichter“ oder „weniger schlimm“ ist; es soll hier um die gedanklichen Begleitprozesse dazu gehen). In vielen dieser Fälle ist ebenfalls lebenslange Medikation oder Behandlung nötig. Da ich selbst von keiner dieser Erkrankungen betroffen bin, wäre es mal interessant, von einer oder einem Betroffenen ihre oder seine Erfahrung mit der Diagnose und der Tatsache, dass eine lebenslange Behandlung und Medikamenteneinnahme notwendig sein wird, zu hören. Sind es die gleichen oder ähnliche Gefühle wie bei einer psychischen Erkrankung? Ist das Hadern das Selbe? Das Gefühl, nicht stark genug zu sein oder versagt zu haben, weil man es alleine nicht „schafft“? Sich zu fragen, ob man vielleicht einfach nur eine schwache Persönlichkeit hat? Halt einfach nicht so belastbar ist wie seine Mitmenschen? Vielleicht gibt es Betroffene unter den Leser*innen hier, die ihre Erfahrungen teilen möchten? Darüber würde ich mich sehr freuen.

Wer Medikamente generell ablehnt oder sie nur im allergrößten Notfall einnimmt, der wird diese Zeilen sicher nicht gerne lesen. Aber man kann es nun mal nicht allen Recht machen. Ich kann aus meiner persönlichen Erfahrung, die sich auf die vorübergehende medikamentöse Behandlung nicht schwerwiegender körperlicher Erkrankungen beschränkt, nur sagen, dass ich mir diesbezüglich noch nie und nicht mal annähernd Vorwürfe gemacht oder oben beschrieben Gedanken hatte, sondern es für mich völlig selbstverständlich war, diese Medikamente dann eben zu nehmen, wenn sie meinen Körper bei der Heilung unterstützen. Wenn es etwas gibt, was hilft und wirkt, warum dann nicht davon Gebrauch machen? Was hat das mit Stärke oder Schwäche zu tun?

Kopf. Verloren.

Bezüglich des Umgangs mit und der Akzeptanz von psychischen Erkrankungen in unserer Gesellschaft würde ich mir dieses Hinterfragen und diesen Vergleich tatsächlich öfter wünschen. Denn beides sind Erkrankungen. Die einen betreffen den Körper, die anderen eben Seele. Oder lass es stumpf gesagt den Kopf sein. Seit wann gehört der Kopf nicht mehr zum Körper? Sollten wir uns als Betroffene psychischer Erkrankungen vielleicht auch den Kopf eingipsen lassen, so wie jemand mit gebrochenem Bein eben dieses andere Körperteil? Dann wäre das besser sichtbar und offensichtlich, dass da jemand verletzt oder erkrankt ist. Würde es die Stellung psychischer Erkrankungen in unserer Gesellschaft verändern? Verbessern? Verschlechtern? Ich weiß es nicht.

Laut genug.

In einer Gesellschaft, in der psychische Erkrankungen nicht mehr stigmatisiert, tabuisiert oder totgeschwiegen werden, erzählen wir unserer besten Freundin im gut besuchten Café von unserem letzten Termin beim Therapeuten, unserem Klinikaufenthalt oder unseren depressiven Symptomen. Genau so wie wir über die Schmerzen in unserem gebrochenen Bein oder den Nachwehen der Magenspiegelung klagen. Und das, ohne dabei unsere Stimme zu senken und dabei besorgt die Tische und Menschen um uns herum scannen.

In einer Gesellschaft, in der wir Farbe bekennen und psychischen Erkrankungen ein Gesicht geben (wie zum Beispiel die großartige und so unglaublich wichtige Kampagne von Michael Adamczak auf instagram @depressionmeinschwarzerhund) und unsere Worte nicht hinter einem Pseudonym verstecken, aus Angst vor Ablehnung und Vorurteilen. Oder nie wieder einen Job in diesem einen Bereich zu bekommen, nachdem die/der Arbeitgeber*in unseren Namen gegoogelt hat.

Bildquelle: Marie Dollenberg

In einer Gesellschaft, in der psychische Erkrankungen keine Angst mehr schüren, verstecken wir unsere Medikamentenverpackungen und einschlägige Fachliteratur zum Thema nicht mehr im Schrank, wenn die neue Bekanntschaft zum ersten gemeinsamen Kochen zu uns nach Hause kommt.

In einer Gesellschaft, in der offen mit psychischen Erkrankungen umgegangen wird, sagen wir der Chefin den wahren Grund für unsere Krankmeldung und haben nicht ständig Magen-Darm oder Sommergrippe.

Von einer Gesellschaft, in der psychische Erkrankungen dieselbe Akzeptanz erfahren wie physische, sind wir noch meilenweit entfernt.

Egal ob wir selbst Betroffene sind oder nicht: Letzten Endes sind wir alle betroffen. Wir alle können unseren eigenen kleinen Teil beitragen.

Und wenn es nur unsere Stimme ist.

Bei einem ganz normalen Frühstück. An einem ganz normalen Sonntagmorgen. In einem ganz normalen Café.

Eine Stimme, die gehört werden darf.

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