Unfassbar.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Pizza mit Nichts.

Ganz zu Beginn möchte ich euch heute einmal vorwarnen, dass es eventuell etwas ungeordnet werden könnte heute. Allein mich hier an meinen PC zu setzen hat mich unfassbar viel Überzeugungskraft meines momentan erneut in depressiven Sphären schwebenden Hirns sowie meines äußerst antriebslosen und schwerfälligen Körpers gekostet. Nun sitze ich hier völlig erschöpft am Tisch und schreibe mal los. Aber ich schreibe. Das zählt jetzt erstmal. Allerdings kann ich nicht garantieren, dass ich hier heute irgendeine Ordnung halten werde. Einerseits habe ich irgendwie so viel im Kopf, das ich hier sagen möchte, andererseits kann ich mich gerade weder entscheiden, ob ich Mais oder Pilze oder doch lieber gar nichts auf meiner Pizza haben möchte, geschweige denn nur für ein bestimmtes Thema, über das ich jetzt schön fein sortiert und strukturiert schreiben werde. Konzentration war auch schon mal besser. Also müssen wir es eben heute mal so nehmen, wie es ist.

Das große Blah.

In meinem letzten Blogartikel vom 1. Mai hatte ich geschrieben: „Die Stimmung verläuft gerade nicht bipolar, sondern in Wellen.“ War da ziemlich motiviert, an einem der darauf folgenden Tage einen Artikel zum Thema „Languishing“ zu schreiben, von dem ich selbst in einem englischen Artikel gelesen hatte. Mit meinem aktuellen Empfinden nach über einem halben Jahr Arbeitslosigkeit, Endlos-Lockdown, fehlender Struktur in endlos scheinenden und immer gleichen Tagen sowie stetig schwindenden Reserven zur Bewältigung all dessen, sprach mir dieser Artikel aus der Seele. Der Artikel beschreibt das „Blah“, das viele (und mittlerweile vermutlich sogar die meisten von uns) nach über einem Jahr Pandemie immer stärker empfinden. Von dem „vernachlässigten Sandwichkind der mentalen Gesundheit“ als vorherrschende Emotion des Jahres 2021 ist die Rede. Es handele sich weder um ein Burnout – wir hätten ja noch Energie – noch um eine Depression – wir hätten die Hoffnung ja noch nicht verloren – sondern sind „einfach“ irgendwie freud- und ziellos. „We are languishing“.

Deine Mutter hält durch!

Da mich bereits nur zwei Tage später diverse depressive Symptome nach allen Regeln der Kunst verführt und im wahrsten Sinne des Wortes flachgelegt hatten, war leider an keinen weiteren Blogartikel zu denken. Weder über „Languishing“ noch sonst irgendwas. Der Artikel wird aber kommen, denn die Thematik ist einfach zu gut. Wäre ich nicht so tieftraurig gewesen, hätte ich darüber gelacht. Die Stimmung verläuft gerade nicht bipolar, neeeein! In Wellen. Jaja. Als ob mein Hirn das gehört hätte und sich dachte, na das werden wir ja noch sehen. Zu früh gefreut.

Ich bin gerade dabei, mich mal wieder aus dem Loch heraus zu kämpfen. Die letzte depressive Phase im Februar ist noch nicht lange genug her und aufgrund der aktuellen Situation war es mir trotz aller Bemühungen nicht möglich, meine Akkus mit Aktivitäten und all den Ressourcen, der ich mich ohne Pandemie, Lockdown und Kontaktbeschränkungen sonst bedienen kann und von denen ich weiß, dass sie sowohl Phasen verhindern, abfangen als auch deutlich abmildern können, wieder voll genug aufzuladen. Ich versuche, diesen Artikel nicht zu nutzen, um über die Pandemie zu jammern. Das kann nämlich keiner mehr hören. Und es bringt nichts. Bloß ist es leider so, dass man irgendwann merkt, dass man gerade keine Kraft mehr zum Durchhalten, Zuversichtlichsein, Abwarten und Positivdenken hat. Dass die persönlichen Reserven erschöpft sind und Lethargie und Monotonie einen zu erdrücken drohen.

Toxic positivity.

Ich spreche hier auch wie immer nur aus meiner ganz persönlichen Sicht. Ich liebe meinen Job im Café mit allem, was dazugehört, meine Mädels, die keine Arbeitskolleginnen, sondern engste Freundinnen sind. Unsere Stammgäste. Der Kontakt und das Schnacken mit ihnen. Der Duft von Kaffee und frisch aufgebackenen Croissants in der Frühschicht. Die Leichtigkeit und das viele Lachen, das unsere Arbeit dort begleitet. Die Zerstreuung. Kuchen backen und dekorieren. Neue Eindrücke und neuen Input. Struktur im Tag, die anders ist als die, die ich mir mittlerweile krampfhaft jeden Tag aufs Neue versuche, selbst zu erschaffen. Seit einem halben Jahr können wir nun schon nicht mehr dort arbeiten. Und trotz aller Tagesgestaltungs-Kreativität und nicht selten toxischen Positivität (auch dazu wird es in Zukunft mal einen Artikel geben) à la „Ich versuche, das Beste daraus zu machen“, „Jede Krise macht einen ja auch stärker“, „Corona hat ja auch Vorteile“, „Massenveranstaltungen find ich eh nicht so geil“, „Hab ich wenigstens keinen sozialen Stress mehr“, hat es sich jetzt einfach langsam mal totspaziert. Totreflektiert. Totgezoomt. Totgebacken. Totgepuzzled. Totgebingewatched. Totaussortiert. Totumdekoriert. Tot-Coffee-to-go-ed. Totmeditiert. Totfrühlingsgeputzt. Totgejournaled.

Schlimmer geht immer.

Irgendwann habe ich erkannt, dass ich mir selbst diese Erschöpfung, diesen Pessimismus, den ich so überhaupt nicht von mir kenne und abgesehen davon auch nicht schätze, dieses Gefühl des absoluten Stillstandes und der damit einhergehenden Resignation und Perspektivlosigkeit weder ein- noch zugestehen wollte. Immer noch dachte „Anderen geht es doch viel schlechter“, die alte Laier. Konnte meine Gedanken selbst nicht mehr hören. Merkte, dass dieses selbst auferlegte Verbot meiner Gedanken und Empfindungen leider, Überraschung, so gar nicht zu besserer Laune führte. Weswegen ich irgendwann auf den altbewährten Perspektivwechsel zurückgegriffen und mir vorgestellt habe, was ich einer guten Freundin oder einem guten Freund in der gleichen Situation sagen würde. Wie ich über sie oder ihn denken würde, wenn sie oder er so fühlen würde. Nur um mal wieder festzustellen, dass ich keinen einzigen der unfreundlichen und unnachsichtigen Gedanken jemals über jemand anderen hätte.

Warum tun wir uns dann manchmal so schwer damit, einfach lieb zu uns zu sein? Haben Erwartungen an uns, die überhaupt nicht erfüllt werden können? Völlig überhöhte Ansprüche, die überhaupt nicht realistisch sind? Und abgesehen davon auch gar nicht notwendig. Sind unser strengster Kritiker? Jaja, die guten „Inneren Antreiber“. Oder viel mehr „Innere Kritiker“. Glaubenssätze, die sich vor tausend Jahren ohne einmal nachzufragen in unserem Hirn eingenistet haben und, selbst wenn wir uns ihrer durch rezidivierenden Reflektionsreflux vom Allerfeinsten irgendwann endlich bewusst sind, so hartnäckig kleben bleiben, dass wir uns im Laufe unseres Lebens immer und immer wieder daran erinnern müssen, dass das doch so eigentlich gar nicht stimmt. Dass wir manchmal ganz schön unfair zu uns sind. Und dass wir das gar nicht verdient haben. Weil wir das eigentlich doch ganz schön gut machen. Und dass gut auch einfach gut genug sein kann. Sein darf.

Mach einfach mal nicht das Beste draus!

Ist das hier jetzt doch ein Jammer-Artikel? Ich hoffe nicht. Wen dieser Artikel deprimiert, kann ja auch aufhören zu lesen und auf andere Artikel warten. Ich persönlich habe in den letzten Wochen und Monaten, und zwar bevor ich in die aktuelle depressive Phase geschliddert bin, einfach mal wieder gemerkt, dass toxische Positivität, in allem immer das Gute zu sehen, aus allem immer das Beste zu machen, uns so viel schlechter fühlen lassen kann und all die Sorgen, Ängste und negativen Gedanken, die wir, warum auch immer, in einem bestimmten Moment oder über einen bestimmten Zeitraum haben, so viel stärker und schlimmer werden lassen können, als wenn wir einfach mal anerkennen, dass es nun gerade mal nicht so toll läuft. Oder halt auch einfach mal so richtig beschissen. Dass wir Übermenschen wären, wenn wir das jetzt einfach so auf die leichte Schulter nehmen und selbst bis zum Hals in dieser Scheiße steckend noch „Carpe Diem“ flöten würden. Dass das Leben nicht immer toll läuft. Dass es Sonnentage gibt. Aber auch Regentage. Sowohl bei psychisch gesunden auch als psychisch kranken Menschen.

Es gibt Regentage. Und dann gibt es Regentage.

Dass die Regentage aber auch nicht heißen, dass die Sonne nie wieder scheinen wird, von was uns das depressive Gehirn von bipolar oder auch unipolar depressiv erkrankten Menschen so zuverlässig und glaubwürdig immer wieder auf’s Neue überzeugen möchte und dessen einfach nicht müde wird. Depressive Regentage sind jedoch anders als „gesunde“ Regentage. Ich kenne beide. Man kann sie nicht annähernd miteinander vergleichen. Depressive Regentage sind so viel dunkler. Und so viel schwerer. Oft ohne einen einzigen Lichtstrahl am Horizont. Oft ohne eine Wolke als Quelle des Regens. Er fällt einfach so. Tiefe Traurigkeit, wie aus heiterem Himmel.

Du darfst.

Die aktuelle depressive Phase hat mich dummerweise sowieso schon im Stromsparmodus erwischt. Akkus nicht mal zur Hälfte aufgeladen. Ladekabel hat wohl ’nen Wackler. Ich glaube, dass mein schon etwas krampfhaftes „Halte durch“, „Anderen geht es immer noch schlechter“ und „Bleib positiv“ nach all den Monaten nun genau das Gegenteil bewirkt haben. Bis ich mir endlich irgendwann eingestanden habe, dass das, was ich gerade denke und fühle, der Situation völlig angemessen ist. Dass ich so denken und fühlen darf. Dass meine Reserven aufgebraucht sein dürfen. Dass ich müde sein darf vom letzten Jahr. Dass ich die alte Normalität vermissen darf. Dass ich darüber traurig sein darf. Dass ich mich nach einem Ende der Ausnahmesituation sehnen darf.

Dass jede und jeder von uns das darf. Und wir damit nicht alleine sind. Immer mehr Menschen sind mittlerweile am Ende ihrer Kräfte und auch am Ende ihres Lateins. Und zwar auch Menschen ohne jegliche psychische Vorbelastung. Die Stabilsten unter den Stabilen. Die vielleicht sogar noch ihren Job weiter ausführen können und sich zumindest um ihre Existenz keine Gedanken machen müssen. Auch hier sei noch einmal klar gestellt, dass die Herausforderungen, vor die diese Pandemie eine*n jede*n von uns stellt, höchst individuell sind und keine davon hier geschmälert werden soll.

Zum Trotz.

Da ich diesen Blog allerdings in erster Linie schreibe, um anderen Betroffenen oder auch Angehörigen von Menschen mit bipolaren Störungen zu zeigen, dass sie nicht alleine sind, ihnen durch die Schilderungen meiner eigenen Phasen und Erlebnisse mit der Erkrankung ein Gefühl von Gesehen- und Verstanden werden zu geben und letzten Endes natürlich auch Hoffnung zu spenden, möchte ich auch diesen Artikel vor allem ihnen widmen.

Mich selbst und euch hiermit und in der aktuellen Pandemie-Situation, mit der wir nun schon über ein Jahr leben und wahrscheinlich auch noch eine Weile leben werden, daran erinnern, dass die bipolare Störung gewisse Vorbelastungen und auch Vulnerabilitäten (Verletzlichkeiten) mit sich bringt, die bei psychisch gesunden Menschen nun mal einfach nicht gegeben sind. Dass in unserem Hirnstoffwechsel Dinge nicht so laufen, wie sie laufen sollten. Das möchte ich an dieser Stelle erwähnen, weil ich bis Ende letzten Jahres trotz allem so gut durch diese Corona-Zeit gekommen und darauf ehrlich gesagt total stolz war. Trotz Arbeitslosigkeit. Trotz finanzieller Sorgen. Trotz weggebrochener Struktur. Trotz fehlender Ressourcen, die mittlerweile fester und verlässlicher Bestandteil meines Krankheitsmanagements waren.

Schmeckt anders. Klingt anders. Is(s)t anders.

Das sind so „einfache“ Dinge wie Saunabesuche, Tanzen gehen, Mädelsabende ohne Abstand und in der Gruppe, die wir nun mal eben sind, nicht nur mit einer Person, miteinander zu Hause kochen oder Essen gehen, dabei andere lachende und sich unterhaltende Menschen um sich herum haben. Lebendigkeit. Leichtigkeit. Zerstreuung. Im Café sitzen, einen Cappuccino trinken, dessen Milchschaum ich zu Hause niemals so hinkriegen würde und der einfach so viel besser schmeckt, und Tagebuch oder einen Blogartikel zu schreiben, völlig versunken und zuckerwattenweich gebettet in eine süße Symphonie aus Geräuschen, die sich so zu Hause an meinem Schreib- oder Küchentisch niemals so ergeben könnten. Das Dampfen des Milchschäumers an der Kaffeemaschine, Tellergeklapper und das Rauschen der Geschirrspülmaschine in der Caféküche, leise französische Jazzmusik im Hintergrund, die Ladenklingel, jedes Mal wenn sich die Tür öffnet oder schließt, die mir sonst so unfassbar hart auf den Sack geht, Menschen, die ein und ausgehen, ihren ganz eigenen kleinen Teil zur Atmosphäre und der Stimmung im Raum für die Zeit, die sie Gast sind, beitragen, lachen und auch manchmal weinen, leise oder laut sind und Gespräche führen, deren Sätze nicht nur aus 7-Tage-Inzidenz, Impfung, Ausgangssperren und Corona-Regelungen bestehen.

Nie wieder Bananenbrot!!!

Für die meisten Menschen sind gewisse Ressourcen Teil des Lebens und wichtig für ihr körperliches und mentales Wohlbefinden. Wenn diese Dinge nicht möglich sind, dann fehlen sie und vermutlich hat diese Lücke langfristig keinen positiven Einfluss auf die Stimmung. Bei psychisch kranken Menschen jedoch bedeutet der Wegfall dieser Ressourcen dann doch noch ein bisschen mehr. Da ist die Isolation durch die Kontaktbeschränkungen und die fehlende körperliche Nähe nicht nur nervig, traurig oder belastend. Sie ist existenziell. Sie sind unverzichtbarer Bestandteil der eigenen Phasenprophylaxe und des Stabilitätsmanagements. Ressourcen, auf die wir als Betroffene zurückgreifen, wenn unsere Frühwarnsysteme anspringen, die eine bevorstehende Phase, ob nun depressiv oder hypoman, ankündigen. Mit Hilfe derer wir über die Zeit gelernt haben, nochmal fix die Kurve zu kratzen, rechtzeitig gegenzusteuern und somit das Schlimmste zu verhindern. Ressourcen, die bisher aus so viel mehr als Spazierengehen und Bananenbrot backen bestanden. Deren Wegfall und Unrealisierbarkeit sehr viel mehr als nur Langeweile für Betroffene bedeuten. Als besondere Gefahr sehe und empfinde ich auch selbst die Isolation, die zeitweise extrem war (sofern man sich an die Kontaktbeschränkungen gehalten hat), je nach persönlicher Lebens-/Wohnsituation. Denn Isolation kann nicht nur Ursache von Depressionen, sondern ebenso auch Symptom sein. Fehlende soziale Kontakte und sozialer Rückzug können in einer depressiven Phase münden. Gleichzeitig sind Selbstisolation und sozialer Rückzug Hauptsymptome einer Depression, in der die Betroffenen, je nach Schweregrad der Episode, das Interesse an allem verlieren können, das ihnen bisher wichtig war und gut getan hat. Keinen Antrieb und keine Energie mehr haben, um sich überhaupt mit jemandem zu treffen. Oder sich selbst in ihrer negativen Stimmung sowieso als Belastung für den Rest der Welt empfinden. Und das Gefühl haben, dass sie sowieso niemandem wirklich wichtig sind aufgrund den verheerenden Veränderungen, die eine Depression für das eigene Selbstwertgefühl mit sich bringt.

Vulnerabilitäts-Stress-Modell.

Wie schon am Anfang des Artikels angekündigt, springe ich heute ein bisschen von Thema zu Thema. Und hätte zu jedem einzelnen eigentlich noch so viel mehr zu sagen. Werde dazu auch in kommenden Artikeln noch mehr sagen. Nun möchte ich nochmal auf den Absatz zurück kommen, in dem ich die so genannte Vulnerabilität erwähnt habe. In der Psychologie spricht man vom „Vulnerabilitäts-Stress-Modell“, das ziemlich bekannt ist und das viele von euch bestimmt schon kennen. Es beschreibt die „individuelle Verletzlichkeit“ eines Menschen anhand eines Fasses, das unterschiedlich schnell zum Überlaufen gebracht werden kann. Das ist so ein umfangreiches Thema, das ich dazu einen eigenen Artikel schreiben werde.

Für jetzt soll die Info reichen, dass jeder Mensch aus unterschiedlichen Gründen ein unterschiedliches Fassungsvermögen in seinem Fass hat und es dementsprechend mehr oder weniger Wasser braucht, um dieses zum Überlaufen zu bringen. Im Vergleich zu psychisch gesunden und relativ unvorbelasteten Personen haben psychisch kranke Menschen ein geringeres Fassungsvermögen. Allein durch all die Herausforderungen und Schwierigkeiten, die eine psychische Erkrankung mit sich bringt, ist da sozusagen schon weniger Platz für zusätzliche Belastungen. Braucht es bei ihnen weniger Liter Wasser als bei den gesunden Menschen, um das Fass zum Überlaufen zu bringen. So wie ein Mensch mit schwachem Immunsystem schneller und häufiger krank wird als eine Person mit starkem Immunsystem.

Alles meine Schuld?

Die Pandemie ist eine der Belastungen, die da seit einem Jahr fleißig und unaufhörlich in rauen Mengen in unsere Fässer gekippt wird. Ich war also so stolz darauf, dass ich trotz allem bis Ende letzten Jahres so stabil geblieben war und es mir eigentlich ziemlich lange ziemlich gut ging angesichts dieses riesengroßen dampfenden Kackehaufens vor meiner Tür. Ich hatte mittlerweile ein so gutes Krankheitsmanagement, dass meine Phasen weniger wurden und kürzer sowie weniger intensiv ausfielen. Und dann saß ich da plötzlich wieder in meiner depressiven Phase im Februar und war völlig am Ende. Wie war das denn jetzt gekommen?! Ich hatte doch die ganze Zeit so gut auf mich geachtet und alle meine so akribisch aufgestellten Regeln für eine bestmögliche Stabilität ganz brav befolgt. Und jetzt das! Ich war unfassbar frustriert und fühlte mich wie der letzte Loser. Wo wir wieder beim Selbstwert in depressiven Phasen wären. Mir fiel nicht noch mehr ein, was ich noch tun könnte. Anscheinend war diese Erkrankung ja wohl doch stärker als ich.

Da malte mir meine Therapeutin die drei Fässer an ein Flipchart. Und plötzlich fiel mir wie Schuppen von den Augen, was ich vor lauter Frustration über die erneute Depression bis dahin nicht einmal in Betracht gezogen hatte. Mein Fass war im Laufe des letzten Jahres durch stetes und unermüdliches Zuführen von ganz und gar nicht zauberhaftem Pandemie-Pansch zu einer Corona-Kloake mutiert, gegen die selbst die edelsten Absichten bezüglich Krankheitsmanagement und Phasenprophylaxe machtlos waren. Dass ein Überlaufen meines Fasses angesichts dieser anhaltenden Belastung im Außen unausweichlich gewesen war. Die Betonung liegt hier auf „im Außen“.

Feudelfreuden.

All das, was ich bisher gelernt habe, um depressive oder hypomane Krankheitsphasen zu verhindern oder abzuschwächen, kommt jedoch „von Innen“. Da sind Entscheidungen, die ich bewusst treffe. Handlungen, die ich selbstbestimmt durchführe. Meine ganz eigene Art, mit dieser Erkrankung umzugehen. Meine Sichtweise auf die Dinge. Etwas, das in meiner Macht liegt. Das ich bis zu einem bestimmten Punkt kontrollieren kann.

Und dann gibt es nun mal die Dinge oder Ereignisse im Leben, die wir nicht beeinflussen oder kontrollieren können. Die sich unserer Macht entziehen. Und wenn die weltweite Verbreitung eines tödlichen Virus kein Paradebeispiel dafür ist, was ein Individuum nicht kontrollieren kann, dann weiß ich auch nicht.

Diese Erkenntnis hilft mir dabei, in diesen Zeiten nachsichtiger mit mir zu sein. Zu akzeptieren, dass das Fass, so lange dieses Brackwasser weiter kontinuierlich zugeführt wird und es nicht genügend Möglichkeiten zum Abfließen gibt, überdurchschnittlich voll sein und vielleicht noch das ein oder andere Mal überlaufen wird. Dass es nichts bringt, mit Gewalt zu versuchen, einen Deckel darauf zu pressen und meine sowieso schon begrenzte Energie dafür zu verschwenden.

Also bleibe ich erst mal daneben stehen und beobachte. Und wenn das Fass wieder überläuft, fasse ich mir ein Herz, schwinge den Feudel und wische die Sauerei auf.

Das ist alles, was ich gerade tun kann.

Und das ist schon unfassbar viel.

Ein Kommentar zu „Unfassbar.

  1. Hallo Lisa,

    das du trotz der Umstände da draußen, die uns mit einem Gemisch aus Angst, Unverständnis und verordneter Unlust langsam aber sicher zermürben und deiner instablien Innenwelt so klug und umsichtig schreibst, nötigt mir Respekt ab.

    Ja, es fällt auch mir schwer auf Kurs zu bleiben. Die große Kacke will das Fass zum überlaufen bringen. Ich bin zur Zeit auch latent depressiv. Was mir hilft; Bäume, Blüten, Gartenidylle. Highligts sind Spaziergänge und das Erleben von Musik, Treffen mit freundlichen achtsamen Menschen. Meine Ausflufgs- Reise-, Fluchtpläne müssen immer wieder aufgeschoben werden, was meine Geduld auf eine Probe stellt.

    Ich habe einen Aufsatz über Relevanz von Bäumen geschrieben, der ist im Altona Magazin erschienen und auch als download zu haben bzw auf meinem Blog zu lesen. Vielleicht wäre punktuell eine Zusammenarbeit möglich?

    Viele Grüße,

    Christian

    Der neue Podcast mit Wiebe Bökemeier über psychische Erkrankungen: „Jede*r Fünfte“ http://www.jederfuenfte.de

    Christian Kaiser Kaiser-Photography Diplom Fotograf Keplerstrasse 4 22765 Hamburg Tel.: +49 (0) 40 8804889

    E-Mail: kontakt@kaiser-photography.de https://kaiser-photo.com/

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