Dear friend.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

In meinem letzten Post habe ich in erster Linie davon gesprochen, wo die Grenzen bei unseren Angehörigen liegen. Was sie nicht tragen können und sollen. Wofür sie nicht da sind. Was sie nicht leisten können. Und was wir nicht von ihnen erwarten dürfen. Heute soll es darum gehen, welche wichtige Rolle sie in unserem Leben als Betroffene aber sehr wohl spielen können.

Mutter. Vater. Kind.

Nur wir selbst sind verantwortlich für unser Leben. Wie wir es leben. Wenn wir psychisch erkrankt sind, sind wir nicht weniger dafür verantwortlich. Ich möchte an dieser Stelle noch einmal betonen: Ich lasse hier die Fälle, in denen die Betroffenen, aus welchen Gründen auch immer, nicht mehr für sich selbst entscheiden können und beispielsweise zwangseingewiesen werden, außen vor. Und ich meine auch nicht die Situationen, in denen uns ein*e Angehörige*r insofern Verantwortung übernimmt, dass er uns ermutigt, professionelle Hilfe aufzusuchen oder uns dorthin begleitet. Ich spreche hier von dem „alltäglichen“ Leben mit unserer Erkrankung. Mit den verschiedenen Rollen, die wir in unserem Leben innehaben. Wir sind Mütter, Töchter, Schwestern, Väter, Söhne, Brüder, Partner*innen, Großmütter, Großväter, Freund*innen, Arbeitnehmer*innen, Arbeitgeber*innen, Tanten, Onkel, und so weiter.

Wir dürfen bedürftig.

Ich spreche von einem Leben, das wir trotz und vielmehr mit unserer Erkrankung leben. Ein Leben, in dem wir selbstbestimmt die Verantwortung für unser Tun und Handeln übernehmen. Ein Leben, in dem wir uns professionelle Hilfe für die Behandlung unserer Krankheit suchen und in Anspruch nehmen dürfen und sollen. Ganz gleich ob körperlich oder seelisch. Ein Leben, in dem wir die Verantwortung trotz allem nicht abgeben, aber nach Unterstützung bei unseren Freunden und unserer Familie fragen dürfen. Uns eingestehen, dass wir Hilfe annehmen dürfen, wenn sie uns angeboten wird. Dass wir auch selbst nach Hilfe fragen dürfen, wenn wir das Gefühl haben, wir schaffen das hier gerade nicht allein. Die Fähigkeit, nach Hilfe zu fragen als Stärke zu sehen und nicht als Schwäche. Dass wir bedürftig sein dürfen. Dass wir deswegen keine schlechteren oder schwächeren Menschen sind. Dass wir nicht alles alleine schaffen müssen. Und dass es dabei nicht um „Schaffen“ oder „Scheitern“ geht. Das Leben ist kein Wettbewerb. Und das Leben mit einer psychischen Erkrankung schon gar nicht.

Ein gutes soziales Netz und stabile Beziehungen sind erwiesenermaßen ausschlaggebend für unsere psychische Gesundheit. Für mich persönlich sind sie eine meiner wichtigsten Ressourcen im Umgang und Leben mit meiner bipolaren Störung, vor allem während akuter Krisen, die bei mir in erster Linie von den depressiven Phasen und der Wucht, mit der sie mich manchmal trotzdem noch erwischen, gekennzeichnet sind.

Ein Ziel ist nicht das Ziel.

Es mag nicht bei jeder oder jedem so sein und das muss es auch nicht, aber in meinem Leben spielen die mir am nächsten stehenden Menschen, meine Angehörigen in Form von Familie und Freund*innen, eine sehr wichtige Rolle. Doch ein guter gemeinsamer Umgang mit der psychischen Erkrankung eines Betroffenen und den Herausforderungen, die diese für beide Seiten mit sich bringt, fällt uns in der Regel nicht einfach in den Schoß. Sowohl mit meiner Familie als auch mit meinen Freund*innen ist es, wie auch bei meinem eigenen persönlichen Umgang mit der Erkrankung oder der Zusammenarbeit mit meiner Therapeutin, seit vielen Jahren ein kontinuierliches und stetiges Miteinander und Voneinander lernen. Das passiert nicht so von einem auf den anderen Tag und es ist auch kein Ziel, das einfach so erreicht und abgehakt werden kann. Es ist ein Prozess. Immer wieder Arbeit, Missverständnisse, Hilflosigkeit, Erklären, Verstehen, Erklären, Auseinandersetzungen, tiefe Verbundenheit, Unwissen, Fortschritte, Rückschläge, aneinander und miteinander wachsen, Mut, Angst, Empathie, Ehrlichkeit, Akzeptanz, Vertrauen und Toleranz. Wie vermutlich in jeder gesunden Beziehung. Es ist eine Entscheidung. Die wir immer wieder füreinander treffen. Auch wenn es mal schwer wird.

Es ist ein Weg, den Betroffene und Angehörige gemeinsam gehen können.

An diesem Punkt möchte ich nochmal auf den Teil meines letzten Artikels zurückkommen, in dem ich die Situation mit dem mir sehr nahe stehenden Menschen beschrieben habe.

Hilf! Los!

Er ist mein bester Freund. Wir kennen uns seit vielen Jahren, er weiß um meine Erkrankung und war auch schon live dabei, als es mir sehr schlecht ging…aber nicht so schlecht wie an besagtem Abend. Damals, als er dabei war, war ich schon deutlich auf dem Weg der Besserung und weitestgehend stabil. An diesem Abend war ich am absoluten Tiefpunkt und völlig am Ende. Als ich im Nachhinein nochmal darüber nachgedacht habe, ist mir aufgefallen, dass ich unterbewusst davon ausgegangen war, dass er mit mir in dieser Situation umgehen könnte, da er es ja schon einmal getan hat. Erwartungen in dieser Hinsicht (und auch vielen anderen Hinsichten) und voreilige Schlussfolgerungen im Alleingang führen meist zu keinem guten Ergebnis, drängt sich mir nicht zum ersten Mal die Vermutung auf.

Da war sie also, an diesem Abend: Ganz viel Unsicherheit, auf beiden Seiten. Hilflosigkeit, auf beiden Seiten. Ein ganz schöner Schreck, eher auf seiner Seite. Missverstanden fühlen, auf meiner Seite. Ich stand so neben mir, dass mir dieser emotionale Brandbeschleuniger endgültig den Rest gab und ich überstürzt wieder aufbrach. Und meinen besorgt dreinschauenden und sprachlosen Freund einfach stehen ließ. Weil ich mir nicht anders zu helfen wusste.

Kleines Schwarzes.

Meine Gedanken in diesem Moment waren: Siehst du, hättest du mal lieber nicht nach Hilfe gefragt, deswegen ist das schon richtig, dass du das meistens mit dir selbst ausmachst. Du bist zu viel. Du bist eine Belastung für deine Freunde. Du darfst nicht bedürftig sein. Du musst das alleine schaffen. Du bist schwach. Ja, genau, was ist denn nun der Grund, muss ja wohl einen geben! Wenn nicht mal deine besten und langjährigsten Freunde damit umgehen können, na dann viel Glück. Belästige sie ab sofort auf keinen Fall mehr damit!

Sobald sich der schwarze Nebel der Depression etwas lichtet, kann ich jeden einzelnen dieser Gedanken als absoluten Quatsch identifizieren. Als das, was sie sind: Eine nette kleine Mischung verschiedenster depressiver Symptome: Negative Gedankenspiralen bis hin zu den herrlichen Katastrophengedanken, Schwarz-Weiß-Denken, Verminderung bis hin zum Verlust des Selbstwertgefühls, Selbstvorwürfe getoppt mit Selbstabwertung…die Liste ist lang.

Indem ich wieder klar denken kann und diese Dämonen entlarve, verlieren sie ihre Macht über mich. Kleider machen Leute. Ohne ihr schickes kleines Schwarzes sind die depressiven Gedanken plötzlich nicht mehr High Society der Wirklichkeit, sondern einfach nur noch klein und nackt. Und bleich. Nicht mehr schwarz. Definitiv nicht mehr schick. Und meilenweit entfernt von jeglicher Wirklichkeit. Sie sind einfach nur das, was sie ohne ihre schicken schwarzen Kleidchen sind. Gedanken. Gedanken und sonst nichts.

Affenzirkus. Ohne mich.

Gedanken, die es nicht verdient haben, die Macht über mein Tun und Handeln zu übernehmen. Anstatt mich von ihnen dressieren zu lassen, fasse ich mir also ein Herz und schreibe meinem besten Freund eine Nachricht. Eine sehr lange Nachricht, in der ich ihm noch einmal erkläre, was es mit meiner Erkrankung auf sich hat, welche Rolle sie in meinem Leben spielt, wie ich mich an diesem Abend gefühlt habe. Ich frage ihn, wie er sich gefühlt hat. Stecke ganz klar die Grenzen ab zwischen professioneller und freundschaftlicher Unterstützung. Sage ihm, was ich alles nicht von ihm erwarte und niemals erwarten würde. Dass ich verstehen und es nicht persönlich nehmen werde, wenn er das (mal) nicht aushalten kann. Bitte ihn um Ehrlichkeit mir gegenüber.

Und bringe ihm dieselbe Ehrlichkeit entgegen. Erkläre, was ich in Momenten wie diesen brauche. Was ich an diesem Abend gebraucht hätte. Dass es nicht viel gibt, was dann hilft. Dass es aber auch nicht viel braucht.

Da ich mir so viel Zeit für diese Nachricht genommen und alle meine Worte und Erklärungen so bedacht wie möglich gewählt habe, habe ich sie mir abgespeichert, für den nächsten Fall, in dem es vielleicht nochmal einer solchen Nachricht und guten Kommunikation bedarf. Diese Nachricht beinhaltet für mich alle wichtigen Punkte, die ein mir nahestehender Mensch bezüglich meiner Erkrankung und meinem Ich in einer akuten Krise, einem depressiven Tief, wissen sollte. Und ich finde, all unsere Angehörigen sollten so eine Nachricht als Unterstützung haben. Damit sie uns unterstützen können, wenn sie das wollen und können.

Deswegen möchte ich sie hier auch mit euch teilen. Sie ist zwar auf Englisch, da mein bester Freund Engländer ist, aber das wird in den meisten Fällen vermutlich kein Problem sein. Neu und anders schreiben oder einfach stumpf übersetzen wäre keine Option gewesen.

Dear friend,

it is very important for me that you understand just the basics of my disease. My closest friends need to know. Not because anyone should do anything about it. I’m going to therapy, I take my meds, I’m taking care of myself and do a whole lot more for my stability and dealing with the bipolar every day that no one sees. I don’t want pity. I don’t consider myself a victim. It’s not a call for attention. Most of the time, I’m dealing quite well with it in everyday life, but my expectation that it will completely go away and never come back hasn’t been fulfilled until now.

No matter how hard I try, how good my therapist is, how regularly I take my meds, if I drink and party or not, it still is a longlife disease I have and I am going to live with. There is a chance to stay free of symptoms for longer and longer, but still there will most likely be depressive and hypomanic episodes. Thanks to the meds and the rest I do, they occur less frequently, tend to be shorter than they used to be and less intense than all the years I’ve been misdiagnosed with recurrent unipolar depression before the bipolar 2 diagnosis and the clinic 2017. That’s all I can do and I have accepted that bipolar is part of my life.

There are those very very dark moments that, thank god, don’t happen as often anymore. Most of the time I am dealing with them on my own when no one sees, because it’s always also a bit of „shame“ showing yourself to someone, even a close friend, when you really hit rock bottom, when.ypu feel totally helpless and desperate. It’s so intimate and you are so vulnerable. But sometimes I just need someone to be there in that very moment. The only thing that helps in this situation is holding me and maybe telling me that it is gonna be alright. That it’s gonna go away. These are the things I usually keep telling myself and it works, but I’m not able to do so in severe crisis. And if I was, I wouldn’t believe myself telling me those things. I’m sure that seeing a friend like this, not even recognizing this friend, can be fairly overwhelming. Because of that, it is important for me to understand how my friends feel in a situation like this (and not only tell them how I feel in the situation), what makes it hard for them…for me to keep learning.

If you don’t feel like you can deal with this at a particular moment, for whatever reason, that’s totally fine with me and I want you to know this. It can be a lot. And it can be too much for people who just want to help you. In this case, please let me know. It’s hard or maybe even impossible to understand this disease and the symptoms, thoughts and feelings, that you would usually never have, that it causes. And in these situations, I’m not able to communicate myself properly and it’s impossible for me to explain the disease again. I’m so far away from myself and the person I know in these moments.

And as you asked for a reason: Depression or panic attacks don’t (always) need a reason. It’s the nature of the disease. Bi…up and down…polar…between the poles, between two extremes. Yes, there might be triggers that cause slipping into a depressive or hypomanic episode at first, but that night for example, there wasn’t. And if people ask me for a reason (no offence! It’s usually quite a logic thing to do) when I’m that down, it makes me feel even more horrible, because, in that very moment, it just confirms my depressive brain in thinking : „Oh yes, he/she is right. There is not even a reason for being sad. You should be happy! You are weak! You are a failure!“

As I said, I’m not expecting you to be my therapist, heal my disease, take over the responsibility for it or the like. I know about the boundaries of support from friends or family.

I am responsible for my life and the way I handle my disease. I can do it and I am doing it every day. But as having bipolar is part of me and part of my life, I need you to understand. Because you are part of my life, too.

That’s all I need.

Einfach so.

Er ist dankbar für meine Nachricht und beschreibt genau das, was ich gespürt hatte: Hilflosigkeit, Schock, Überforderung. So einen nahestehenden Menschen in diesem Moment nicht wiedererkennen können. Die Erkrankung und deren Symptome nicht verstehen oder nicht um sie wissen. Er wusste genau so wenig, was er tun sollte wie ich. Er sagt, dass es nächstes Mal vielleicht nicht unbedingt einfacher wird, aber dass er dann wenigstens weiß, was er tun kann. Und eventuell annähernd verstehen kann, was sich da gerade in mir abspielt. Dass er immer für mich da ist und ich ihn immer kontaktieren soll und darf, wenn es mir so geht. Dass ich keine Belastung bin.

Zufall oder Schicksal, der nächste heftige Schub erwischt mich ein paar Tage später.

Bevor die High Society im kleinen Schwarzen in ihre High Heels schlüpfen und los stöckeln kann, lasse ich wie letztes Mal meine Schlafanzughose an und ziehe mir meinen Pulli über. Lasse zu, dass mich meine beste Freundin mit dem Auto abholt, da ich in diesem Zustand nicht Bus fahren kann. Und mich bei meinem Freund absetzt.

Er fragt nicht nach einem Grund. Er fragt: „Einfach so?“. Ich nicke und kann meine Tränen nicht zurückhalten. Er zieht mich in seine Arme und hält mich einfach. „Alles wird gut.“

Und er hält mich. Einfach so.

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