Man könnte fast meinen

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Antidepressiva für Android

Vielleicht liegt es daran, dass mein Algorithmus auf dem Handy durch alles zum Thema psychischer Gesundheit und psychischer Erkrankungen, was mich nun mal interessiert und was ich mir gerne durchlese, mittlerweile selbst schon total depressiv ist und mir nur noch Artikel darüber anzeigt, was Corona mit unserer Psyche macht, bisher gemacht hat und noch machen wird und welche negativen Auswirkungen all das Hin und Her und die soziale Isolation und die Unsicherheit auf die menschliche Psyche haben wird und welch schreckliche Langzeitfolgen uns drohen werden. Und wie viel schlimmer es dieses Mal ist, nicht nur, weil die Zahlen viel höher sind als bei der ersten Welle, sondern weil da wenigsten Frühling war und es jetzt einfach nur kalt und nass und dunkel ist. November halt. Wenn man nicht vorher schon depressiv war, dann haben manche dieser Artikel auf jeden Fall sehr großes Potenzial, den mentalen Verfall beeindruckend zu beschleunigen. Ganz ohne Fake-News und Mopo. Warum das nicht sein muss und welche Rolle unsere Sichtweise auf das Ganze auch hier mal wieder spielt, gibt’s im zweiten Teil des Artikels zu lesen. Denn auch wenn wir uns das noch so sehr wünschen, wird aus Herbst, kalt und dunkel nicht plötzlich Frühling und Vogelgezwitscher und Maiglöckchen.

Sehe ich. Anders.

Versteht mich nicht falsch, viele dieser Dinge treffen natürlich zu und dürfen keineswegs auf die leichte Schulter genommen werden. Das steht für heute allerdings auf einem anderen Blatt geschrieben. Nach einer kurzen Bestandsaufnahme möchte ich den zweiten Teil dieses Artikels nutzen, um uns Mut zu machen, die Dinge vielleicht von einer anderen Perspektive zu betrachten, die trotzdem realistisch und nicht verleugnend ist, mit der es uns aber etwas besser geht. Tag für Tag und Schritt für Schritt leben. Trotzdem, ja, immer noch und weiterhin, versuchen, uns auf die positiven Dinge im Alltag und erstmal der Gegenwart zu konzentrieren, auch wenn sie noch so klein sind. Auch wenn wir vielleicht echt die Schnauze voll davon haben, immer noch in einem riesigen Haufen Müll nach etwas doch noch Brauchbarem zu suchen. Und mittlerweile zu der Erkenntnis kommen durften, dass wir uns eben nicht zu allem Übel auch noch selbst unter Druck setzen sollten, das Beste aus einer Pandemie machen und am besten mit diversen Koch-, Back- und Schrankaussortierskills gestärkt, durchtrainiert und wie ein neuer Mensch aus ihr hervorgehen müssen. Alles legitim.

Keinen Bock mehr auf die ganze Corona-Scheiße mehr haben, dieses Wort am liebsten nie wieder hören, sehen oder schreiben zu müssen und uns einfach nur wünschen, dass es vorbei ist. Unser altes Leben zurückhaben wollen, manche Dinge schmerzlich vermissen und uns einfach nicht damit abfinden wollen, dass wir gerade nicht alles haben können, was wir wollen, auch wenn wir wissen, dass Krieg oder Flüchtlingslager schlimmer sind als Couch und Home Office. Auch all das ist mehr als legitim.

Worry-Windowshopping

Aber ganz ehrlich? Es kann mir keiner von euch erzählen, dass es euch besser damit geht, wenn ihr euch all diese Dinge die ganze Zeit bewusst macht und darüber nachdenkt, was alles gerade nicht geht, was fehlt und was scheiße ist. Vielleicht können wir hier einen Kompromiss finden, der daraus besteht, diese negativen Gedanken, Gefühle und Reaktionen zuzulassen und ihnen für eine gewisse Zeit Raum zu geben. So wie es uns ja immer so fein geraten wird, Achtsamkeit und so, blaaaa blubb. Ich halte sehr viel von Achtsamkeit und vielem, was damit zusammenhängt und es ist schon lange ein Teil meines Lebens, der sehr positiv zu meiner psychischen (und physischen) Gesundheit beiträgt. Aber: Wir müssen keineswegs alles freundlich begrüßen. Es reicht auch mal, sich etwas einmal kurz anzuschauen und dann zu beschließen, dass wir gerade keinen Bock darauf haben und deswegen auf dem Absatz wieder kehrt machen. Worry-Windowshopping sozusagen. Dass wir jetzt gerade nicht die Ressourcen und Kapazitäten haben, uns das zu leisten. Und dass wir ja aber wiederkommen können, wenn wir wollen und es vielleicht besser passt. Wir haben also einmal reingeguckt und schlendern weiter zum nächsten Fenster, in dem es vielleicht besser aussieht. Dessen Auslage uns besser fühlen lässt, wir deswegen den Laden betreten, um uns ein bisschen umzuschauen. Und vielleicht sogar etwas mitzunehmen.

Kollateralschaden der Seele

Ich selbst habe es während des ersten Lockdowns am eigenen Leib erfahren, als ich mich, kurz bevor die erste Welle so richtig in Schwung kam, dummerweise schon in einer depressiven Phase befunden hatte und dementsprechend schlecht gewappnet war für die mentale Herausforderung, die die Pandemie, der Lockdown, die Isolation, die Arbeitslosigkeit und das plötzliche Wegfallen sämtlicher Strukturen so mit sich brachte. Und ich finde, die Tatsache, dass all das, was da gerade in und mit unserer Welt und unserem Leben passiert, uns nicht kalt lässt, zeigt, dass wir menschlich sind. Wäre es nicht ziemlich erschreckend und traurig, wenn es anders wäre? Ich finde schon. Und ich bin auch der Meinung, ohne die Auswirkungen auf ALLE Menschen zu vernachlässigen, dass psychisch kranke Menschen oder Menschen mit bestimmten psychischen Belastungen oder Vorerkrankungen genau so zur Risikogruppe von Corona zählen wie Menschen mit physischen Vorerkrankungen. Deren Gefährdung nicht in erster Linie durch den, im Falle einer Ansteckung, Verlauf oder die Folgen des Virus, sondern in den Umständen besteht, unter denen wir unser Leben gerade zwangsläufig führen müssen. Es kursieren seit Monaten diverse Studien und Statistiken über eine Zunahme von psychischen Belastungserscheinungen, Depressionen, etc. im Netz, auf die ich mich hier aber nicht berufen möchte, weil ich nicht sicher bin, wie verlässlich sie sind. Aber dass fast alle das gleiche sagen, könnte uns zum Nachdenken bringen. Einerseits will ich hier heute keine Worst-Case-Szenarien kreieren, aber einfach wegschauen hilft bekanntlich auch nicht. Deswegen meine Frage hier: Macht es einen Unterschied, ob ein Mensch am Virus selbst oder durch Suizid als Kollateralschaden der Pandemie stirbt? Diese Frage muss sicher jeder für sich beantworten, aber danach können wir vielleicht nochmal über die Risikogruppen nachdenken.

Ist das noch im Rahmen?

Eine der wichtigsten Komponenten für eine langfristige Stabilität, sowohl bei unipolaren als auch bei bipolaren Depressionen, sind einigermaßen feste Strukturen. Eine gewisse Regelmäßigkeit im Alltag, gewisse Wochen- und Tagesabläufe. Einer Tätigkeit nachzugehen, eine Aufgabe zu haben, die einem Spaß macht oder die man zumindest als sinnvoll empfindet, sei es ein Job oder ein Ehrenamt oder was auch immer. Die meisten Menschen ziehen sich in einer Depression zurück, weil sie keinen Antrieb mehr haben, ihnen alles zu viel wird, sie einfach nur erschöpft sind, anderen nicht zur Last fallen wollen…es gibt tausende Gründe. Ausnahmen bestätigen die Regel, ich gebe hier wieder, wie ich es von mir und allen anderen Menschen in meinem Umfeld kenne, die mit Depressionen zu kämpfen haben oder hatten. Dies kann bis zur vollständigen Isolation gehen, in der man nicht mehr aufsteht, nicht mehr das Haus verlässt, einfach gar nichts mehr macht. Und in den allerallermeisten Fällen ist das überhaupt gar nicht gut. Lässt einen noch viel tiefer fallen, sich noch verlorener, hoffnungsloser und verzweifelter fühlen. Ganz allein mit seinen Gedanken, Gefühlen und Ängsten.

Mir fehlt was, was dir auch fehlt

Auch wenn jeder*r von uns andere Bedürfnisse haben mag, was das Ausmaß und die Intensität unserer sozialen Interaktionen angeht, ob wir gut und gerne allein sein können und uns ein paar wenige enge gute Freundi*nnen reichen, um uns wohl und als Teil von etwas zu fühlen, oder ob wir am liebsten ständig unter Leuten, am besten vielen auf einmal, und gar nicht gerne alleine sind, der Mensch ist und bleibt ein soziales Wesen. Soziale Kontakte, Nähe und Berührungen gehören zu unseren Grundbedürfnissen wie Essen, Trinken und Schlafen, auch wenn wir das Bedürfnis nach menschlicher (oder tierischer?) Nähe vielleicht nicht so unmittelbar spüren wie Hunger, Durst und Müdigkeit. Und unser Körper durch das Fehlen eben jener nicht innerhalb von ein paar Stunden rebelliert, wie wenn wir nichts zu essen bekommen, sondern dafür ein bisschen länger braucht und sich anders äußert.

Gut isoliert und doch so kalt

Aber zurück zum Thema: Darüber dass soziale Isolation auf Dauer weder für psychisch gesunde oder im Moment stabile noch für psychisch kranke und/oder vorbelastete Menschen gut ist, sind sich die meisten von uns wahrscheinlich einig. Ich möchte hier aber gerne nochmal den Bogen zum vorletzten Absatz schlagen: Den Einfluss, den die Umstände, die Einschränkungen und Veränderungen in unserem Leben, die die Pandemie mit sich bringt, auf bereits vorhandene psychische Krankheiten oder Beeinträchtigungen haben. Wenn eine feste Alltagsstruktur und ein stabiles soziales Netz wie oben erwähnt so elementar für den Verlauf von beispielsweise Depressionen sind, sowohl rehabilitativ als auch präventiv, dann ist das ehrlich gesagt ganz schön kontraproduktiv, wenn Betroffene coronabedingt nun dazu gezwungen sind, Dinge zu tun, die sie eigentlich gelernt haben, zu vermeiden, weil sie wissen, dass sie negative Auswirkungen auf ihre Erkrankung hat.

Wenn der Zwang plötzlich Alltag ist

Eine der ersten Fragen, die im Frühjahr so alle in meinem Kopf umherspukten, war, wie es wohl Menschen mit Zwangsstörungen gerade ergeht. Ich stellte mir vor, wie ein Mensch mit Waschzwang vielleicht über die Zeit mühsam gelernt hat, diesen in den Griff zu bekommen und sich nicht mehr ständig wie ferngesteuert die Hände zu waschen. Der sich jetzt plötzlich am besten den ganzen Tag die Hände waschen soll, mit ganz viel Seife und ganz gründlich, inklusive Fingernägel und mindestens 20 Sekunden, besser vielleicht 30 und dann bitte noch möglichst oft desinfizieren. Alle Behandlungserfolge zu Asche zu Staub. Oder Menschen mit Hypochondrie und (Krankheits-)phobien, jemand, der vielleicht schon sein halbes Leben lang mit einer Virus- oder Pandemiephobie kämpft und dessen schlimmster Albtraum gerade wahr wird. Das sind Gruppen, genau so wie die Opfer von häuslicher Gewalt oder Suchtkranke (wie beispielsweise trockene Alkoholiker) während des Lockdowns einer ganz anderen und sehr viel höheren Gefahr einer Verschlimmerung ihrer Situation oder eines Rückfalls ausgesetzt sind, die zwischen all unseren individuellen Sorgen, Ängsten und Herausforderungen oft untergehen. Die Liste könnte man hier noch endlos weiterführen, aber ich möchte nach wie vor in der Tiefe nur über das schreiben, mit dem ich mich wirklich auskenne. Zu anderen Themen sollen wenn dann nur Betroffene selbst in Form eines Gastartikels berichten, da habe ich für die Zukunft schon einiges in petto, worauf ihr gespannt sein dürft. Also soll es hier heut um psychisch erkrankte Menschen, im Speziellen Betroffene von Depressionen gehen.

Nix wie rauf auf den Deich!

Soziale Isolation kann sowohl Ursache als auch Symptom einer Depression sein. Und nun sollen sich Betroffene sozial isolieren. Je nach Tätigkeit, die sie gerade ausgeübt haben, verändern sich diese und ihr Alltag dadurch eventuell total, oder die Struktur, die so ein Job unserem Alltag in der Regel immer auf eine gewisse Art und Weise gibt, bricht von einem auf den anderen Tag komplett weg. Selbst wenn sich Betroffene nicht in einer akuten Phase befinden, werden sie dadurch zwangsläufig und ungefragt in Verhaltensmuster und Situationen gedrängt, die sie sonst nur aus ihren depressiven Phasen kennen. Rückzug. Keine Struktur im Alltag. Morgens nicht aufstehen müssen. Das dann auch nicht tun. Und so weiter und so fort. Genau darin besteht die Gefahr. Immer mehr bringen diese Herausforderungen nicht nur psychisch kranke Menschen, sondern auch den Rest der Menschheit, die mit psychischen Belastungen in ihrem Leben bisher noch nicht so viel am Hut hatten, an ihre Grenzen. Wenn langsam selbst die mentalen Felsen in der Brandung unserer Gesellschaft Halt zu verlieren drohen, wird vielleicht klar, in welch heftigem Sturm sich die von uns gerade befinden, die mit einem weniger stabilen Fundament ausgestattet sind. Und die Wellen sie kommen und kommen.

Erste Selbsthilfe

Wie immer versuche ich bei den Worten, die ich schreibe, einen so vorsichtigen und sensiblen Umgang wie möglich zu erreichen und möchte deswegen an dieser Stelle sagen, dass das, was ich im Folgenden schreibe, in erster Linie nicht für akute und schwere depressive Episoden gedacht ist. Weil dann schon ein Punkt erreicht ist, wo solche Verhaltensweisen, Denkmuster oder Sichtweisen nicht mehr möglich sind oder nicht funktionieren. Wo fremde, meist professionelle Hilfe nötig ist. Hier geht es um Selbsthilfe. Und uns selbst helfen können wir nur dann, wenn wir stabil genug sind, um auf Ressourcen und Tools zurückgreifen zu können, die wir uns über die Zeit erarbeitet und geschaffen haben.

Ich möchte mit meinen Erzählungen und Vorschlägen von dem, was mir aktuell hilft, trotz Arbeitslosigkeit, fehlender Struktur von außen, Lockdown und sozialer Isolation mit der Situation umzugehen, gut für mich zu sorgen und stabil zu bleiben, keineswegs jemanden unter Druck setzen, dem all das gerade einfach nicht möglich ist, sondern lediglich meine persönlichen Erfahrungen weitergeben, die anderen Betroffenen vielleicht auch helfen können. All das wäre mir mitten in der akuten depressiven Phase im Frühjahr nicht in dieser Form möglich gewesen, weil ich teilweise weder die Kraft noch den Antrieb gehabt hätte. Jetzt befinde ich mich gerade seit Längerem in einer sehr stabilen Phase, was einerseits an all dem liegt, was ich dafür tue und andererseits all das, was ich tue wiederum so viel leichter fallen lässt, als wenn es mir schlecht geht.

Ein Engelskreis sozusagen. Losgelöst von jeglicher Religiosität.

***FORTSETZUNG FOLGT***

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