Im hoffnungslosen Fall

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Einen Fuß vor den anderen setzen. Schritt für Schritt. Weiter. Immer weiter.

Einen Zombie, bitte.

Ich weiß nicht, wie lange ich schon unterwegs bin. Ich weiß nur, dass ich das Haus verlassen habe, als es noch dunkel war. Und es ist Sommer. Also muss es weit vor 6 Uhr morgens sein. Das Gefühl in mir war unerträglich geworden. Ich war mir sicher, mein Körper würde das nicht eine Sekunde länger mehr mitmachen. Was hätte ich dafür gegeben, einfach aus ihm herauszuschlüpfen und zu flüchten. An einen fernen Ort. An dem ich sicher wäre vor der Erbarmungslosigkeit, mit der Schmerz, Panik und tiefste Hoffnungslosigkeit in meiner Seele wüteten. In seiner Machtlosigkeit hatte mein Körper wortwörtlich versucht, all das von sich zu stoßen. Ich hatte mich die halbe Nacht übergeben. Aber außer zunehmender Erschöpfung und Kraftlosigkeit hatte auch das keinen Effekt gehabt. Ähnlich wenig wie das Plündern des kompletten Restbestands der in meinem Haushalt verfügbaren Alkoholika in der Nacht zuvor. Die Mischung von Kirschwasser, Cognac, billigem Weißwein vom Kiosk und selbstgebranntem Dattelschnaps kann ich nicht wirklich empfehlen. Allerdings muss man dieser kreativen Cocktailkreation zu Gute halten, dass die Verneblung, die ich durch das zügige Herunterkippen eben jener verhältnismäßig schnell erreichte, sowie das ebenso ziemlich zügige Auskotzen derselben, zumindest für eine kurze Zeit das unerträgliche Gefühl in mir übermannt hatten. Alles war besser, als die Ausgeburt der Hölle in mir. Und wenn Kirschwasserkotze die bessere Alternative ist, muss es schon ziemlich beschissen um dich stehen.

Also lief ich los.

Einen Fuß vor den anderen setzen. Schritt für Schritt. Weiter. Immer weiter.

In der Not…

Irgendwann war ich an der Elbe angekommen. Ich schlüpfte durch das Geländer und setzte mich auf die Kaimauer. Drehte mir eine Zigarette. Rauchte sie. Drehte mir noch eine. Rauchte auch diese. Noch eine. Und noch eine. Hinter den Docklands kroch langsam die Sonne den Horizont empor, um den Hafen kurz darauf mit strahlend goldenem Licht zu fluten. Ein Bild von fast einschüchternder Schönheit. Als ob mir diese verdammte Stadt unter die Nase reiben wollte, wie schön die Welt doch war. Und wie undankbar ich, deren Inneres selbst durch die hellsten Sonnenstrahlen nichts an seiner alles vereinnahmenden Dunkelheit zu verlieren vermochte. Die Diskrepanz zwischen diesem Schwarz in mir und der Schönheit um mich herum machte mir noch einmal schmerzhaft bewusst, wie tief ich gefallen war.

…tritt der Teufel wieder in die Kirche ein.

Was für ein hoffnungsloser Fall. Im wahrsten Sinne. Und dass sich dieser Zustand niemals wieder ändern würde. Dass ich das nicht aushalten würde. Wenigstens das war sicher. Egal wie sehr ich darum flehte und sogar betete. Ich glaubte nicht an Gott. Und er machte dummerweise auch keine Anstalten, mir zu helfen. Vielleicht war sein Support nur denen vorenthalten, die nicht wie ich aus der Kirche ausgetreten waren und weiterhin brav ihre Kirchensteuer zahlten. Wer weiß.

„Ist alles okay bei dir?“

Liebeskummer an die Macht!

Gerade bin ich meinem Körper für seine bleierne Schwere ausnahmsweise mal dankbar. Sonst wäre ich vor Schreck vermutlich von der Kaimauer gefallen. Auf der anderen Seite der Brüstung steht ein Mann mittleren Alters mit verhältnismäßig besorgter Miene und einer ziemlich teuren Spiegelreflex, die an einem Gurt um seinen Hals baumelt. In der Hand hält er ein Stativ. Erst als die Worte, die ich versuche zu sprechen, meine Lippen und damit zwangsläufig auch einen Teil meines Gesichts bewegen, fällt mir auf, dass ich ganz schön verheult aussehen müsste, weil meine Wangen scheinbar ein exklusives Salzlifting verpasst bekommen haben. Auf jeden Fall ist irgendwie alles verklebt. Weswegen ich direkt zu der Erkenntnis komme, dass es verschwendete Energie wäre, eine Fassade aufrecht zu erhalten, wo keine ist. Von daher heule ich einfach weiter und sage: „Nein, nichts ist okay.“ Auf eine seltsam unaufdringliche und einfühlsame Art und Weise fragt der Fremde, ob ich Liebeskummer habe. Was würde ich dafür geben, einfach nur normalen beschissenen Liebeskummer zu haben! Das wäre wie ein Sechser im Lotto. Balsam für die Seele. Ein Sabbatical im Kloster. Aber dummerweise gibt es gerade keinen Kerl in meinem Leben, um den es sich zu trauern lohnen würde. Ich nehme mir schon mal fest vor, den nächsten Liebeskummer wie königlichen Besuch feierlich mit einem roten Teppich zu empfangen und ihn in vollen Zügen zu genießen. Das wird ein Fest!

Verschnaufpause.

Das Interessante an dieser Begegnung mit Knut, der eigentlich anders heißt, ist, dass er, ohne mich länger als ein paar Minuten zu kennen, innerhalb kürzester Zeit so viele gute und wahre Dinge zu mir sagt, dass es mir tatsächlich kurz etwas besser geht. Was angesichts der Tatsache, dass ich mich nicht erinnern kann, wann ich mich jemals so furchtbar gefühlt habe in meinem Leben, schon echt ne Leistung ist. Er hört zu. Versteht. Erzählt von seinem Sohn und dessen Erfahrungen mit Depressionen. Seiner Frau. Seinem Burn-Out. Er schafft es irgendwie, einmal den Pausenknopf in meinem mentalen Abwärtsspiralenprogramm zu drücken. Mich sanft am Arm zurück zu ziehen, um mir zu zeigen, dass ich nicht die volle Ladung Wasser abbekomme, wenn ich einen Schritt zurück gehe. Wasser, das sich durch die vorbeirasenden Autos tsunamiartig über mich ergießen würde. Weil ich viel zu nah an der Straße stehe. Unsere Unterhaltung dauert vermutlich nicht länger als eine halbe Stunde. Und doch ist es eine Begegnung, an die ich noch lange zurückdenken werde. Es auch heute noch oft tue. Weil sie mich gelehrt hat, dass selbst die allerschwärzesten Momente unverhofft einen Funken Hoffnung enthalten können. Auch wenn wir diesen vielleicht erst später so einordnen. Dass Zwischenmenschlichkeit sich auch auf dem unsichersten Terrain selbstsicher bewegen kann. Und dass auch die Verbindung zu einem Fremden für einen Moment reichen kann, um uns nicht mehr ganz so alleine zu fühlen.

Die andere Seite.

Bevor wir uns verabschieden muss ich Knut versprechen, dass ich nicht in die Elbe springen werde, ihm meine Nummer gebe und mich später noch einmal melde. Ich mag zwar in jeglicher anderer Hinsicht gerade unzurechnungsfähig sein, aber meine Menschenkenntnis und Intuition hat mich bisher selten im Stich gelassen. Es ist eine väterliche Fürsorge, die er ausstrahlt. Nicht mehr und nicht weniger. Als er in Richtung Hafen davonläuft, blicke ich ihm noch lange hinterher und frage mich, was er wohl fotografiert hat. Nach einer Zeit, die ich nicht abschätzen kann, klettere ich über die Brüstung zurück auf die andere Seite und setze meinen Weg fort. Wohin und wie weit weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass ich in Bewegung bleiben muss.

Einen Fuß vor den anderen setzen. Schritt für Schritt. Weiter. Immer weiter.

Mein Handy brummt in meiner Jackentasche und ich öffne die WhatsApp-Nachricht einer unbekannten Nummer. Knut hatte kurz bevor er mir begegnet war, das wohl schönste Bild vom Sonnenaufgang über Hamburg eingefangen, das ich bis heute zu sehen bekommen habe. Bei der Qualität der Kamera hatte ich mich anscheinend auch nicht getäuscht. Ein glutroter Ball hängt über der Stadt, gleißend helle Lichtstrahlen werden von den Glasfassaden der Bürogebäude reflektiert und fordern die kleinen unscheinbaren Wellen der Elbe zum Tanz auf. Man erkennt es nur, wenn man genau hinsieht.

Auf der Kaimauer zeichnen sich die Umrisse einer Person ab, die scheinbar lässig an das Geländer gelehnt dort sitzt und scheinbar locker eine Zigarette in ihrer rechten Hand hält. Scheinbar das Spektakel bewundert. Scheinbar einfach den Moment genießt.

Scheinbar schöne Welt.

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