…dort steht sie wieder auf

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

So vertraut und doch so fremd.

Mit dem stündlichen Auf und Ab, einem Wechselwhirlpool der Gefühle, der mich dort erwartet, hatte ich trotzdem nicht gerechnet. Und die Wucht, mit der mich die Realität plötzlich trifft, liegt nicht an der viel offensichtlicheren Anwesenheit der Krise durch die Massen von Menschen mit Mundschutz auf den Straßen und die immer noch leeren Klopapierregale bei Rewe. Schon auf dem Weg zu meiner Wohnung fühlt sich mein sonst so geliebter Stadtteil irgendwie fremd an. Es kommt mir alles so paradox vor. Der Frühling zeigt sich von seiner schönsten Seite, die Straßen und Plätze sind voller als je zuvor, die Leute drängen sich über die engen Fußgängerwege oder sitzen in großen Gruppen mit Kaffee-to-go-Bechern auf Bänken und Bürgersteigen, Abstand hält da kaum jemand. Und gleichzeitig trägt im Supermarkt jeder Mundschutz und als ich in Gedanken versunken zu nah an einer Oma vorbeilaufe, pöbelt sie mich direkt an. Ich fühle einen ständigen Wechsel zwischen „Eigentlich ist doch alle ganz normal und wieder okay. Was für ein schöner Tag!“ und „Irgendwas stimmt hier ganz und gar nicht. Smells like Apokalypse now.“. Ich habe das Gefühl, durch mein Rumlatschen auf der Straße zu einem illusorischen Gefühl von Normalität beizutragen, fühle mich unwohl und merke eine zunehmende Aggression in mir aufsteigen, als ich merke, dass Ausweichen hier unmöglich ist und ich und die doofe Oma anscheinend die einzigen sind, die das überhaupt erst versuchen.

Nur eine Frage des Winkels?

Meine Wohnung ist die gleiche und sie ist immer noch gleich schön. Und trotzdem ist alles andere anders. Mein Alltag ist nicht mehr da. Keine Struktur. Und damit meine ich am wenigsten meinen aktuell nicht mehr existenten Job. Ich schlafe schlecht und wache morgens mit dem wohl vertrauten Gefühl der Bedrückung und Herzklopfen auf. Starre aus dem Fenster auf die Kräne am Hafen und kann nicht aufstehen. Also bleibe ich liegen. Eine Stunde, zwei. Dobby macht seinen Job mal wieder nicht und die Sucht verpasst mir irgendwann den nötigen Arschtritt, um wenigstens eine Portion schwarzes Lebenselixir zu mir zu nehmen, kombiniert mit einer Ladung schwarzem Todeselixir, weil ich irgendwie seit ein paar Tagen wieder rauche. Nicht so viel. Irgendwie hilft es. Auf RTL.de habe ich letztens gelesen, dass Rauchen gegen Corona helfen soll. Die Quelle ist mir egal. Solange sie mir die gewünschte Absolution erteilt, die ich in diesem Moment will. Ich lege mich wieder ins Bett und liege dort weitere zwei Stunden. Vielleicht auch drei. Die Kräne am Hafen recken mit eisernem Willen würdevoll ihre stählernen Hälse gen Himmel, wie sie das seit jeher tun. Doch etwas irritiert mich an dem Bild. Dann fällt mir auf, dass einige von ihnen nur auf halber Höhe über dem Wasser schweben. Die einlaufenden Containerriesen sind ungewöhnlich leer. Wo es nichts zu entladen gibt, braucht es auch keine Kräne. Der sonst so beruhigend und stetig brummende Sound des größten Hafen Deutschlands verliert den Kampf gegen die aufkommenden Brise, bevor er wie gewohnt die Fenster meines Schlafzimmers erreichen und mir ein muckelig maritimes Gefühl von „gut aufgehoben sein“ vermitteln kann.

Das Bild der Kräne in dieser seltsamen Position beunruhigt mich bedeutend mehr als leere Klopapierregale. Es sieht einfach nicht richtig aus.

Morgen ist auch noch ein Tag.

Die nächsten Tage treffe ich drei meiner besten Freunde, auf die ich den Kontakt beschränkt habe. Das tut unfassbar gut. Meine Stimmung wechselt stündlich und es ist unfassbar anstrengend. Sie alle wissen seit Jahren um meine Krankheit. Kennen meine Auf’s und Ab’s. Haben mich in diversen Phasen schon erlebt. Waren überfordert. Haben gelernt, damit umzugehen. Sind für mich da. An dem Tag, an dem das Aufstehen so schwer fällt, sage ich meinem Kumpel kurzfristig ab. Überhaupt nicht meine Art. Normalerweise die Zuverlässigkeit in Person. Aber nicht in depressiven Phasen. Ich entschuldige mich und er versteht. Keine Vorwürfe. Einfach nur das Angebot, dass er da ist, wenn ich reden möchte. Und dass morgen auch noch ein Tag ist. Ob er für mich kochen soll abends. Ich möchte lieber alleine sein heute Abend. Ich bin erleichtert. Irgendwann nehme ich meinen ganzen Willen zusammen, stehe auf und mache einen langen Spaziergang, nur mit Hund, an der Elbe. Laufe bis mir die Füße weh tun. Spreche kein Wort, gehe nicht an mein Handy. Es geht mir stündlich besser. So viel besser, dass ich mich entscheide, meiner Freundin am Abend doch nicht abzusagen. Die richtige Entscheidung. Wir holen die letzten zwei Monate nach und quatschen und lachen, bis uns die Tränen kommen. Später liege ich unfassbar erschöpft genau so unbeweglich in meinem Bett wie am Morgen und studiere stundenlang die Raufasertapete an der Wand neben mir. Erstaunlich, wie fein säuberlich sich die verschiedenen Abschnitte lückenlos aneinanderreihen. Eine tiefe Traurigkeit überkommt mich.

In guten wie in schlechten Zeiten.

Zum ersten Mal seit der Diagnose bin ich mit der Situation konfrontiert, nicht mehr „alleine“, sondern in einer Beziehung zu sein. Verliebt bis über beide Ohren. Ich mache es so wie bisher und ziehe mich zurück, in der Hoffnung, dass mein Partner nicht so viel davon mitbekommt. Möchte nicht, dass er mich so sieht oder erlebt. In dieser Phase, in der ich nicht ich selbst bin und von meinem eigentlichen Wesen so weit entfernt, dass ich mich selbst kaum wiedererkenne. Das Gefühl habe, mich und den Kontakt zu meinem Selbst komplett zu verlieren. Fühle mich der Situation nicht gewachsen, all das plötzlich mitzuteilen und zu erklären, was da gerade in mir vorgeht. Gehe davon aus, dass diese stündlichen Wechsel von Außen nicht nachvollziehbar sind, wo ich doch selbst kaum mehr folgen kann. Womit ich Recht haben könnte. Behalte es lieber für mich, melde mich lieber ein bisschen weniger. Muss einsehen, dass eine Beziehung so nicht funktioniert. Dass ich meine Gefühls- und Gedankenwelt teilen und erklären muss, damit ich verstanden werde. Dass ich nicht erwarten kann, dass mein Gegenüber das riecht oder in meinen Kopf schauen kann. Zulassen, dass jemand für mich da sein möchte. All meine alten Ängste, dem anderen zu viel, eine Belastung, keine gute Gesellschaft, unzumutbar zu sein, hinter mir lassen. Auch wenn sie vor langer Zeit schon mal Wirklichkeit wurden. Verinnerlichen, dass dieser eine besondere Mensch anders ist. Dass er für mich da ist, egal in welcher Phase ich mich gerade befinde. Mich mit all meinen Seiten, Eigenschaften und Fehlern liebt. Nicht nur die guten, einfachen und unkomplizierten Zeiten mit mir teilen möchte. Sondern auch die dunklen und schweren. Darauf vertrauen, dass Liebe so etwas kann und dass es das aushält.

Chaos.

Der nächste Morgen. Ich gehe mit dem Freund, dem ich am Tag zuvor abgesagt hatte, im Wald spazieren. Es ist sommerlich warm, ein paar Frauen tragen Kleider, es riecht nach feuchtem Moos und der Boden knackt leise unter den Füßen. Aber es ist völlig überlaufen. Mir zu viel. Ich würde mich eigentlich gerne mit ihm austauschen, aber irgendwie ist mir das Sprechen zu anstrengend. Ich entschuldige mich und er sagt, dass ich nichts sagen muss und mich einfach über die Gesellschaft freuen soll. Ich entspanne mich. Wir laufen schweigend nebenher und manchmal erzählt er etwas, über das ich lachen muss. Als ich später zu Hause bin, habe ich einen neuen Brief vom Jobcenter im Briefkasten mit der Aufforderung, weitere Unterlagen nachzureichen. Sofort steigt wieder Panik in mir hoch. Allein der Gedanke, auch nur eine einzige Unterlage zu beschaffen geschweige denn einen Brief zur Post zu bringen, überfordert mich gerade bis ins Unermessliche. Ich treffe meine beste Freundin zum Eisessen und ihre Anwesenheit lenkt mich ab. Meine Wohnung sieht furchtbar aus. Dreckiges Geschirr und Pfandflaschen stapeln sich in Küche und Flur, während in meinem Zimmer großflächig mein Koffer und dessen Inhalt verteilt sind. Wenigstens sind es alkoholfreie Bierflaschen. Ich mache einfach das Licht aus, dann ist es dunkel und ich sehe das Chaos nicht. Aber das Chaos in meinem Kopf kann ich nicht einfach ausschalten. Ich liege stundenlang wach und höre meinem Herz beim Rasen zu.

Tapetentalent.

Es ist Sonntag. Selbst wenn ich aufstehen könnte, ich will nicht. Nicht mal für den Kaffee reicht es heute. Ich bleibe liegen. Das muss wirklich ein begnadeter Rausfasertapetenkünstler gewesen sein. In meinem Zimmer wird es immer dunkler. Draußen knallt die Sonne von einem tiefblauen Himmel. Ich sage meiner besten Freundin für den Abend ab. Kann jetzt keine Gesellschaft haben. Fange an, mich zu erklären. Sie unterbricht mich und sagt, dass alles gut ist. Und dass sie es weiß. Dass morgen auch noch ein Tag ist. Und dass sie jederzeit trotzdem kommt, sollte ich meine Meinung nochmal ändern. An Kochen ist nicht zu denken, an Einkaufen schon gar nicht. Zum Pizzabestellen müsste ich aufstehen und den Laptop anmachen. Kann mich nicht entscheiden. Hab auch keinen Hunger. Ich weiß aber, dass ich etwas essen muss.

Und wenn es nur der kleine Finger wäre…

Montag. Das Aufstehen geht eigentlich. Kaffee läuft auch. Gar nicht so schlecht. Jetzt geht’s bergauf! Ich gehe lange an der Elbe spazieren, höre gute Musik und fühle mich schon wieder sehr viel mehr zu Hause hier. Als ich wieder zu Hause bin, überlege ich gerade, was ich für abends, wenn meine beste Freundin kommt, doch gleich noch einkaufen wollte. Mein Gehirn ist wie ein Sieb zur Zeit. Wie ein Schlag in die Fresse haut mich aus dem Nichts eine abgrundtiefe Traurigkeit einfach um. Ich lege mich ins Bett und freue mich schon fast über die Tränen, die sie endlich hervorbringt und das Gefühl der lethargischen Leere verdrängt. Da ist sie wieder. Die Schockstarre. Ich weiß nicht, wie lange ich so da liege und nicht mal meinen kleinen Finger bewege. Es müssten ein paar Stunden sein, denn ich komme mittags wieder und um sechs Uhr abends klingelt meine beste Freundin an der Tür. Ich zwinge mich hoch und meine Stimme an der Gegensprechanlage reicht aus, damit sie Bescheid weiß. Hochkommt, obwohl ich eigentlich für einen Spaziergang runterkommen sollte. So sehr ich mich in diesen Akutphasen meistens einfach nur vom Rest der Welt verstecken und es einfach alleine durchstehen möchte, so froh und dankbar bin ich, dass sie genau jetzt da ist. Dass da überhaupt jemand ist.

Sie nimmt mich in den Arm und ich schaffe es, gleichzeitig ihr T-Shirt vollzurotzen und es direkt im Anschluss fast mit der Asche von meiner Kippe in Flammen zu setzen. Mittlerweile heule und lache ich gleichzeitig. Auch interessant. Sie lacht mit mir.

Auch im Tandem kann man springen.

Nachdem sie uns bei unserem Lieblingsvietnamesen was zu essen geholt hat, weil ich nicht mehr raus möchte, liegen wir satt in meinem Bett, ich in ihrem Schoß, wir rauchen, quatschen und lachen und sie krault mir stundenlang den Kopf. Ich bin erschöpft und plötzlich ganz ruhig. Ich höre auf, gegen den emotionalen Schleudergang anzukämpfen, in dem ich mich seit ein paar Tagen befinde. Auch ihm wird irgendwann die Puste ausgehen, das weiß ich. Und sobald das der Fall ist, kann ich wieder auftanken, es wird mir wieder besser gehen und ich kann mir ein paar Reserven anlegen. Für den nächsten Schleudergang.

Auch wenn es manchmal nicht ganz so offensichtlich ist, so lerne ich doch durch jede neue Phase dazu. Ganz ohne verkrampften oder zwanghaften Optimismus.

Ganz egal wie oft und tief ich noch falle, ich weiß, ich werde immer wieder aufstehen.

Ich weiß, dass ich das alleine schaffe.

Aber ich weiß mittlerweile auch, dass ich das gar nicht alles alleine schaffen muss. Dass ich mich darauf verlassen kann, dass da immer eine Hand sein wird, nach der ich greifen kann, wenn alle Stricke reißen.

Dass auch in der Welt da draußen Platz für mich ist.

Ganz egal, ob ich gerade falle oder fliege.

Ein Kommentar zu „…dort steht sie wieder auf

  1. Die Hummel ist das Insekt, das nach menschlichem Ermessen gar nicht fliegen kann. Zu unförmig, zu kleine Flügel. Das alles ignoriert sie, und fliegt einfach.
    Ja der Mensch hat wirklich einiges im Griff, nur bei der Natur halt nicht, da hat er zu große Hände, den begreifen kommt von Anfassen!
    So kleine Viren, so alt wie die Menschheit oder gar älter, die ihre Eigenschaften kontinuierlich verändern können und es auch machen, bekommen heute eine Plattform ungeahnten Ausmaßes.
    Bis die großen Häbde einen Impfstoff entwickelt haben, wird sich dieser Virus wieder einmal verändert haben. Zwischenzeitlich wird die Spaltung und der aufkommende Hass, sich an dem Unverständnis der Wesen mit den großen Händen nähernd vergrößern.
    Nichts wird mehr wie es einmal war, welche Richtung das einnimmt, liegt nach wie vor an jedem, dessen Herz größer ist als seine Hände.

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