Dirty vs. Desinfected Thirty.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Es ist soweit. Ich bin offiziell Mitglied im Club der 30-er.

Und wo darf ich sitzen?

Und was soll ich sagen? Natürlich habe ich mich am Tag danach nicht anders gefühlt. Mal abgesehen davon, dass ich total vollgestopft war von all dem Kuchen und dem guten Essen und einen kleinen Sonnenbrand auf der Nase hatte von dem wunderschönen Wetter an diesem Tag. Keine Party mit über 30 Leuten in unserem Café, keine angereisten Freunde aus verschiedensten Ecken Deutschlands, vor allem nicht der Besuch aus Italien. Dafür acht Stunden Sonne satt, strahlend blauer Himmel, Blumen, Luftballons, Papas weltbester Rhabarberkuchen und Eiskaffee mit Schlagsahne, Vogelgezwitscher. Im engsten Kreis auf der Terrasse meiner Eltern, zu denen wir brav zwei Meter Abstand hielten und nur mal kurz zum Pinkeln ins Haus schlichen. Meine Schwester auf dem ipad zugeschalten. Der Blumenstrauß in Sichtweite vor ihrer Kamera, die Musik, zu der sie das Geburtstagsständchen trällerte, im Hintergrund durch ihr WG-Zimmer schallend, der Kuchen, den sie für mich gebacken hatte und zusammen mit uns verputzte, in ihrer Hand. Lautes Gelächter auf ihre Frage, wo am Tisch sie denn nun sitzen dürfe. Anfangs ein paar kurze, etwas traurige Blicke und Bedauern darüber, dass sie nicht bei uns sein konnte. Gefolgt von zwei Stunden virtuellem Miteinander, das sich nach ein paar Minuten fast so anfühlte, als würde sie tatsächlich am Tisch sitzen.

Von fast allen Freunden und Bekannten, die sich an diesem Tag bei mir meldeten, wurde ich gefragt, ob ich denn meinen Geburtstag hoffentlich trotzdem ein bisschen genießen könnte. Weil ja eigentlich alles anders geplant gewesen war. Und dieses Jahr ja alles anders wäre. Das stimmt wohl.

Anders ausgelassen

Aber auch wir sind anders. Werden gerade anders. Verändern uns, passen uns an, finden Alternativen, arrangieren uns, stellen uns um. Oder versuchen zumindest, uns umzugewöhnen. Dadurch dass wir dazu gezwungen sind, uns mit zu verändern, mag das „andere“ Leben teilweise gar nicht mehr so anders scheinen. Meine Antwort war immer die gleiche. Dass es der schönste und entspannteste Geburtstag seit Langem war. Dass der Tag schöner nicht hätte sein können. Trotz und mit allem, was eben gerade dazu gehörte. Und allem, was gerade eben fehlte. Und vielleicht war es auch gerade deswegen so schön. Weil all die Erwartungen, die ich an die eigentlich geplante Party, meine Gastgeberrolle, gelungenes Essen, ausreichend Trinken und das Wohlbefinden aller Anwesenden bestimmt gehabt hätte, sich in dem Moment, in dem klar wurde, dass nichts davon so stattfinden würde, mit einem Schlag in Luft aufgelöst hatten. Was nicht heißt, dass ich mich nicht sehr freue, wenn ich das irgendwann nachholen kann. Wenn das hier vorbei ist. Falls. Und dann, da bin ich mir sicher, wird dieses Fest an Ausgelassenheit, Freude, Liebe und Leichtigkeit nicht zu übertreffen sein. Und wenn wir noch ein Jahr darauf warten müssen. Dann werde ich halt zweimal 30. Auch schön.

Nicht nur die Party fiel aus. Die allgemein verbreitete und gefürchtete 30-er-Krise erfreulicherweise auch. Nur erfreulicherweise, nicht überraschenderweise. Natürlich machen wir uns zu bestimmten Zeiten in unserem Leben Gedanken über bestimmte Dinge. Frau in manchen Hinsichten bestimmt nochmal anders als Mann. Das ist sicher gut und auch richtig so. Vielleicht kommt die Midlife-Crisis ja noch irgendwann. Soll sie mal. Aber die Quarterlife-Crisis habe ich definitiv hinter mir.

Wenn ich erstmal 30 bin…

Wer weiß, ob uns die Erwartungen, die wir an das dritte Lebensjahrzehnt oft haben mögen, tatsächlich von der Gesellschaft suggeriert werden. Oder unserer Erziehung. Oder ob das nur eine Ausrede ist. Ob sie vielleicht doch aus uns selbst kommen. Mein Haus, mein Auto, mein Job oder wie war das noch gleich? Statussymbole, Macht, Einfluss, Wohlstand, Karriere, Erfolg? Höher, schneller, weiter, geiler, besser? Ob nun intrinsisch oder extrinsisch motiviert, was erhoffen wir uns von all dem? Sind es Attribute und Errungenschaften, die von Herzen kommen und uns mit Freude und Glück erfüllen? Oder ist es die stille Hoffnung auf Anerkennung, die uns danach streben lässt? Die uns ein Gefühl von Sicherheit gibt. Einen geschützten Raum, der uns unsere Ängste, die Illusion von Kontrolle und unsere Unvollkommenheit vergessen oder zumindest verdrängen lässt?

Ich mal mir die Welt…

Was sich für den einen gut und richtig anfühlt, Glück und Erfüllung bedeutet, mag für den anderen unwichtig und nebensächlich sein. Es scheint oft leichter, nach Werten zu streben, die offiziell anerkannt und schon seit Langem in unserer Gesellschaft akzeptiert sind. Ideale, die zu verfolgen und im besten Falle zu erreichen es uns ermöglicht, nicht zu sehr aufzufallen. Uns einzugliedern. Nicht durchs Raster zu fallen. Uns nicht rechtfertigen oder erklären zu müssen, weil wir es vielleicht anders machen. Machen wollen. Weil sich dieses System vielleicht einfach nicht stimmig anfühlt für uns. Wozu wir dieses System übrigens nicht zwangsläufig immer direkt kritisieren oder verurteilen müssen. Sondern lediglich feststellen, dass wir da halt irgendwie nicht reinpassen. Nicht, weil da kein Platz für uns wäre. Wozu wir uns nicht exotisch fühlen müssen. Sondern erkennen, dass wir uns unser eigenes Konstrukt erschaffen müssen. Eines, das unseren ganz persönlichen und eigenen Werten entspricht. Werte, die uns die Richtung weisen, in die wir gehen wollen. Werte, an denen wir unser Leben ausrichten können, um es für uns mit Sinn zu füllen und lebenswert zu machen. Werte, die uns immer wieder als Schilder an den Abzweigungen unseres Lebensweges daran erinnern, inne zu halten und uns zu fragen, ob wir noch in die richtige Richtung gehen. Manchmal sind sie leicht zu übersehen.

Ich…

…bin jetzt 30 Jahre alt.

Und ich habe kein Haus. Kein Auto. Keine Karriere, die bei karriereaffinen Menschen Eindruck schinden würde. Keine Position, in der ich Macht über andere ausüben kann. Könnte es mir nicht mal leisten, auch nur Zehner durch den Club zu schmeißen.

Dieses Haus, dieses Auto, diese Karriere, Macht und Reichtum…nichts davon wollte ich jemals, nichts davon fehlt mir in irgendeiner Art und Weise. Trotzdem gab es eine nicht allzu kurze Zeit in meinem Leben, in der ich dachte, dass mir das doch aber fehlen müsste. Und dass ich das doch eigentlich wollen müsste. Habe Dinge getan und Wege eingeschlagen, die rein theoretisch irgendwann zu diesen Zielen hätten führen können. Und mich gewundert, warum sie mich nicht glücklich machten.

Jetzt…

…bin ich 30 Jahre alt.

Nach unzähligen Höhen und Tiefen, unüberwindbar scheinenden Herausforderungen, nicht lösbar wirkenden Problemen, noch mehr Zweifeln und Rückschlägen habe ich meinen Weg gefunden. Lebe ich das Leben, das ich wirklich leben möchte. Ein Leben nach meinen ganz eigenen Werten und Vorstellungen. Ein Leben, das bei manchen Menschen auf Unverständnis stößt und mir nicht selten kritische, vielleicht auch abfällige Blicke beschert. Das in den meisten Hinsichten so gar nichts mit Auto und Karriere zu tun hat. Und auch nicht mit Macht. Sondern einem Job, der zwar nicht mein Konto mit Geld im Überfluss, dafür aber mich selbst mit Freude füllt. Und zwar jeden verdammten Tag, den ich dort hingehe. Ein Arbeitspensum, das mir so viel freie Zeit gibt, in der ich all die Dinge tun kann, die mir wirklich wichtig sind. Das so reduziert ist, dass dessen Stresslevel keine Gefahr für meine psychische Stabilität darstellt. Der Erkenntnis, dass ich an den Job, mit dem ich meinen Lebensunterhalt verdiene, nicht mehr wie früher den Anspruch habe, dass er mich voll und ganz erfüllen muss. Dass ich nicht lebe, um zu arbeiten, sondern arbeite, um zu leben. Und dass es mir reicht, wenn ich mich mit meinem Job identifizieren kann. Dass ich mich nicht über ihn definieren möchte. Dass Berufung und Beruf getrennt werden können. Dass ich meine Erfüllung und Sinnstiftung außerhalb davon erlebe.

Ein Leben

in dem ich eine gute Freundin, Schwester oder Tochter, eine gute Partnerin oder Mutter bin. In dem ich mir Zeit für die Menschen nehme, die mir wichtig sind, für sie da bin, ihnen wirklich zuhöre und sie verstehe. In dem ich bedingungslosen Rückhalt und Unterstützung erfahre. In dem Zwischenmenschlichkeit eines der höchsten Güter ist. In dem es wahre Freundschaft und tiefgehende Beziehungen gibt. Ein Leben prall gefüllt mit Liebe, Miteinander, Aufrichtigkeit und echten Emotionen. Ein Leben, in dem ich immer wieder zurück zu mir finde, egal wie schwer es auch sein mag. Ein Leben, zu dem sich irgendwann eine innere Zufriedenheit und Ruhe gesellte, die seitdem nicht mehr von meiner Seite weicht.

Ein Leben, in dem ich mich so eingerichtet habe, dass ich es trotz und mit meiner Erkrankung bestmöglich meistern und so oft und viel wie möglich genießen kann. So lange links oder rechts abgebogen bin, bis ich auf einen Weg stieß, der sich richtig anfühlte. Auf dem ich plötzlich durchatmen konnte und sich mein Rucksack, der vorher manchmal so schwer schien, auf einmal ziemlich leicht zu tragen war. Ich nicht mehr so oft stolperte. Auf dem ich mich angekommen fühlte, obwohl ich noch nicht wusste, wohin er mich wohl führen würde.

Ein Leben, das erst durch all die Höhen und Tiefen meiner Erkrankung zu dem Leben wurde, das ich nun leben darf.

Und ich bin erst 30 Jahre alt.

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