Einmal alles bitte.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

„Ich bin psychisch krank. Und du so?“

Eigentlich hätte ich sehr gerne mal ausprobiert, wie sich diese Information auf einem Tinderprofil macht. Direkt neben Hobbies und Lieblingseis. Einfach mal nur, um zu sehen was passiert. Aber selbst das war mir den vergeudeten Speicherplatz auf meinem Handy nicht wert. Vielleicht kann ich ja mal jemand anderen nötigen, der mir diese Sozialstudie auswertet. Wird bestimmt witzig.

Alles was zählt.

Ich würde diesen Blog nicht schreiben, wenn ich den offenen Umgang mit und die Enttabuisierung sowie Entstigmatisierung von psychischen Erkrankungen, welcher Art auch immer, in unserer Gesellschaft nicht so unglaublich wichtig und grundlegend finden würde. Ich würde nicht im Traum daran denken, meine tiefsten Tiefen und höchsten Höhenflüge frei zugänglich für jeden in einem Medium auszuschlachten, das niemals vergisst. Ich würde nicht Menschen davon erzählen, die ich gerade mal ein paar Minuten kenne. All das würde ich nicht tun, wenn ich nicht hundertprozentig hinter der Meinung stehen würde, dass hier jeder Einzelne zählt und seinen Teil zu einer größeren Akzeptanz dieses Themas beitragen kann. In vielerlei Hinsicht.

Aber es gibt Unterschiede.

Ob das lohnt?

Mit der Zeit habe ich ein ziemlich feines Gespür dafür entwickelt, wo und bei wem diese Thematik vermutlich „gut aufgehoben“ ist. Wo sie ankommt. Wo sie im besten Fall einen Mehrwert schafft und nicht nur Angst und Schrecken hinterlässt. In vielen Fällen, vor allem bei fremden Menschen, geht es mir schon lange nicht mehr darum, dass mir mein Gegenüber Verständnis, Empathie oder Akzeptanz entgegenbringt. Denn dafür brauche ich niemanden. Nicht mehr. Es geht um etwas Anderes. Es ist ein spontanes Gefühl, eine Art Intuition. Das zurückhaltende Mädchen, das letztens bei mir im Café saß und der einzige Gast war. Ihren Milchkaffee trank und Tagebuch schrieb. Wenn ich jemanden per Hand irgendwo etwas schreiben sehe, werde ich sowieso immer aufmerksam und frage mich, was diese Person da wohl gerade aufs Papier bringt. Wenn ich das Gefühl habe, dass es okay ist, frage ich auch manchmal nach. So wie an diesem Tag.

Weiß und leer und einfach da.

Sie lächelte und erzählte mir, dass sie gerade Probleme in ihrer Beziehung hatte und ihre Gedanken besser sortieren konnte, wieder einen klareren Kopf bekam, wenn sie das alles aufschrieb. Wie gut ich das kannte. Das Blatt Papier, das nicht wertet und sich alles nur Erdenkliche um die Ohren hauen lässt. Ohne sich auch nur ein einziges Mal zu beschweren. Ohne uns zu belächeln. Ohne zu zweifeln. Ohne verständnislos den Kopf zu schütteln. Ohne uns die Schuld zu geben. Ohne direkt gut gemeinte Ratschläge zu erteilen, um die wir nie gebeten haben. Ohne direkt von den eigenen Erfahrungen diesbezüglich zu erzählen. Ohne uns seine Meinung aufzudrängen. Das wie ein guter Freund einfach nur zuhört. Einfach da ist.

Nur ein kleiner Moment.

Während wir uns so über diese gemeinsame Verbindung, die Liebe zum Schreiben, austauschten, kamen wir irgendwie auf Blogs zu sprechen und ich erzählte ihr von meinem. Und so, als wenn wir uns gerade über die Zutaten unseres neuen veganen Avocadokuchens unterhielten, erzählte ich ihr, dass ich bipolar sei und vor allem darüber schrieb. Woraufhin sie mir von ihren depressiven Phasen der Vergangenheit und ihrem Klinikaufenthalt erzählte. Wie auch sie in dieser Zeit die heilsame Wirkung des Schreibens für sich entdeckt hatte. Und so standen wir da ein paar Minuten, ich hinter der Kasse am Tresen und sie auf der anderen Seite, und führten ein Gespräch, das beide von uns in dieser Tiefe mit so manch anderen Bekannten, die wir schon sehr viel länger und besser kannten, vielleicht bis heute nicht geführt haben. Einfach, weil es sich in diesem Moment stimmig anfühlte. Weil da eine Verbindung und ein Vertrauen war. Ein Gespräch von wenigen Minuten, das für den Rest des Tages ein warmes Gefühl in mir hinterließ. Sie drehte sich eine Zigarette, packte ihr Tagebuch ein und wir wünschten uns alles Gute.

Fuck Fake.

Dass Offenheit Verbindung und Vertrauen schaffen kann, ist kein Geheimnis. In den letzten Jahren habe ich vor allem in Bezug auf meine Erkrankung immer wieder eine sehr wertvolle Erfahrung gemacht. Dass wir oft erst in den Momenten, in denen wir uns ohne Angst vor Ablehnung und Kontrollverlust öffnen und uns dadurch verletzlich machen, ja, vielleicht sogar schutzlos ausliefern, Raum für echte und tiefe Verbundenheit schaffen. Dass wir unserem Gegenüber durch unsere Verletzlichkeit zeigen, dass man uns vertrauen kann. Dass wir alles andere als perfekt sind. Dass auch wir unser Päckchen zu tragen haben. Ob nun in Form einer psychischen Erkrankung oder anders. Dass genau das uns auf einer tieferen menschlichen Ebene verbindet. Dass Authentizität immer über Fake siegen wird. Dass das Leben bedeutet.

Hinter den Kulissen

In der absoluten Mehrheit der Fälle haben mir die Menschen, vor allem die, die ich nicht gut kannte, von ihren eigenen Schwierigkeiten, dunklen Zeiten oder tatsächlich auch eigenen psychischen Erkrankungen erzählt, wenn ich ihnen von meiner Krankheit erzählte. Menschen, denen man es genau so wenig ansieht, wie man es mir ansieht. Menschen, die wir vielleicht an einem unserer eigenen dunklen Tage auf der Straße lachen sehen und sie in diesem Moment darum beneiden. Nicht sehen, wie oft sich ihre eigene Welt verdunkelt. Vielleicht schon, wenn sie an diesem Tag nach Hause kommen. Wie schwer der Kampf, den Tag zu beginnen vielleicht an ihrem Morgen gewesen war. Menschen, die in jedem erdenklichen Lebensbereich erfolgreich zu sein scheinen und denen offensichtlich alles in den Schoß fällt. Wir wissen nicht, wie viele Jobs sie vielleicht aufgrund ihrer Erkrankung schon verloren haben. Menschen, die so gut und „normal“ funktionieren zu scheinen, obwohl sie jeden einzelnen Tag mit ihrer Erkrankung und all den Herausforderungen, die sie mit sich bringt, konfrontiert sind. All die Mühe, Energie und Kraft, die das Leben trotz und mit ihrer Erkrankung mit sich bringt, nicht sehen können.

Lückenlose Langeweile

Vor meiner Diagnose Ende 2017 waren es vor allem meine depressiven Phasen, die unvermeidlich auch immer einen Einfluss auf mein Berufsleben hatten. Das noch nie beständig war. Mein Lebenslauf alles andere als gerade. Definitiv nicht lückenlos. Womit ich unter bipolaren Menschen in bester Gesellschaft bin. Es wäre wohl einfacher zu fragen, welche Jobs ich noch nicht gemacht habe. Viele wunderschöne und spannende Erlebnisse, viele viele tolle Menschen, viel gelernt, viel Spaß. Aber auch viel Chaos und Durcheinander. Des Faktes, dass ich bei einem gängigen Konzern mit meinem Lebenslauf trotz Studium niemals wieder eine Chance hätte, bin ich mir bewusst. Genau so weiß ich allerdings, dass ich in einem Unternehmen, das auf diese Dinge Wert liegt, völlig fehl am Platz wäre. Dass ich noch nie für meinen Lebenslauf gelebt habe. Und es auch in Zukunft nicht tun werde. Dass ich ihn so bunt ziemlich gerne mag und mir Tabellen noch nie standen. Dass ich nur noch tue, was sich gut anfühlt. Worin ich Sinn sehe. Was mein Herz hüpfen lässt, wenn ich nur daran denke. Mittlerweile akzeptiert habe, dass alles, was mir Spaß macht und mich interessiert, mich vermutlich niemals reich machen wird. Dass mir das manchmal Angst macht. Dass diese Angst jedoch nicht groß genug ist, um meinen Weg nicht auch in Zukunft genau so weiter zu gehen.

Kein Platz für dich

Ich habe Jobs durch meine Erkrankung verloren. Zum Beispiel als ich in einer hypomanen Phase meinem Chef völlig betrunken auf der Weihnachtsfeier mal so richtig schön die Meinung gesagt habe. Die Traurigkeit hielt sich in Grenzen. Vor allem als ich am nächsten Morgen die zwei Flaschen Champagner und den Kilosack Erdnüsse entdeckt habe, die ich anscheinend noch hatte mitgehen lassen. War eh beschissen der Job. Sehr lange her. Heute kann ich darüber lachen. Meine Eltern fanden das damals nicht so witzig.

Ein Job im Restaurant. Ich wurde in der Probezeit gekündigt, nachdem ich ein paar Tage krank geschrieben war, als die schwere depressive Phase im Sommer vor der Klinik ihren Lauf nahm. Der Tag, an dem wir völlig unterbesetzt waren, ich die ganze Nacht nicht geschlafen hatte und eine Panikattacke die nächste ablöste. Für immer in mein Gedächtnis gebrannt. Wie ich vor den Gästen in Tränen ausbrach und sowohl meine Gefühle als auch mein Körper sich komplett meiner Kontrolle entzogen. Die mitleidigen Blicke.

Der Bürojob, in dem ich zwei Jahre gearbeitet habe. Mein toller Teamleiter, der gerade mal so alt wie ich und eigentlich eher ein Freund war. Wie lange ich überlegte, ob ich ihm erzählen sollte, was mit mir los war. Wiederkehrende Zusammenbrüche auf der Arbeit durch völlige Überforderung und ein absolut abgefucktes Stresslevel mir irgendwann die Entscheidung nahmen. Seine verständnisvolle Reaktion. Die prekäre Lage, in die ihn meine Offenbarung brachte. Sein Platz zwischen Menschlichkeit und Empathie auf der einen und Arbeitgeber und wirtschaftlichem Denken auf der anderen Seite. Er sprach es nicht aus. Doch es war unmissverständlich klar, dass letzten Endes nur die Zahlen zählten. Dass hier funktionierende Arbeitnehmer gebraucht wurden. Ich nahm ihm die Entscheidung ab.

Meld dich mal, wenn du angekommen bist.

Und dann ist da noch die Liebe. Über die ich heute eigentlich schreiben wollte. Bevor der Text wie so oft eine Eigendynamik entwickelt hat. Wie sagt man so schön? Go with the flow. Oder so.

Oft passiert es dann, wenn wir es am wenigsten erwarten. Zum Beispiel während der Corona-Krise. Dann ist er plötzlich da. Dieser eine Mensch. Aus dem Nichts. Und wir merken erst dann, wie sehr wir uns nach diesem einen Menschen gesehnt haben. Ohne zu wissen dass er überhaupt existiert. Wo bis jetzt Ängste und Zweifel waren ist da auf einmal eine Gewissheit, die wir mit Worten nicht erklären können. Die uns ruhig werden lässt. Uns ein Gefühl von Zuhause gibt.

Die einzige Frage, die ich noch habe, ist: Wird dieses Zuhause stabil genug sein für mich im Gesamtpaket? Mit meiner Erkrankung? Mit all meinen guten, aber auch meinen schlechten Tagen? Teillieferung ausgeschlossen. All inclusive oder gar nicht.

Mein Herz klopft schneller.

Das hier konnte ich nicht üben mit Fremden, Arbeitgebern oder Bekannten.

Ich hole tief Luft und traue mich.

„Ich bin psychisch krank.“

Und wenn wir Glück haben, ändert dieser eine kleine Satz rein gar nichts an dem Ausdruck in den Augen, die uns in diesem einen großen Moment ansehen.

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