An deiner Seite

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Wie im letzten Artikel versprochen, wird es heute um die Schwierigkeiten gehen, die psychische Erkrankungen nicht nur für die Betroffenen selbst, sondern auch für deren Angehörige mit sich bringen. Da ich nur für meine eigene Erkrankung sprechen kann, wird es hier speziell um den Umgang mit depressiven Phasen (der bipolaren Störung) gehen. In naher Zukunft wird dann ebenfalls ein Artikel zu den (hypo)manischen Phasen folgen.

Blaaa.

Sowohl im Internet als auch quer durch fachspezifische Ratgeberliteratur finden sich im Großen und Ganzen mehr oder weniger die gleichen Tipps. Die folgenden sind nur eine Auswahl für einen ersten Eindruck.

1.) Zeigen Sie Verständnis für den Erkrankten.

2.) Nehmen Sie die Erkrankung ernst, aber dramatisieren sie sie nicht.

3.) Informieren Sie sich über die Erkrankung.

4.) Vermitteln Sie dem Betroffenen, dass Hilfe möglich ist und es ihm wieder besser gehen wird.

5.) Unterstützen Sie den Erkrankten darin, sich professionelle Hilfe zu suchen.

6.) Nehmen Sie selbst Hilfe in Anspruch, wenn Sie es brauchen.

7.) Treffen Sie in der akuten Phase keine weittragenden Entscheidungen mit dem Erkrankten.

8.) Erkennen Sie ihre Grenzen und achten Sie auf sich selbst.

9.) Nehmen Sie Ablehnung, die Ihnen der Betroffene eventuell entgegenbringt, nicht persönlich.

10.) Bleiben Sie geduldig.

Puh. Das könnte leichter gesagt als getan sein.

Verständnislos verständnisvoll

Ich denke, dass Verständnis zu zeigen in diversen Lebenslagen und sozialen Beziehungen Voraussetzung für ein auf lange Frist funktionierendes und harmonisches Miteinander ist. Da ist das tröstende „Ich kann so gut verstehen, wie du dich fühlst“ der Mutter, wenn das Kind mit einer heftigen Mandelentzündung im Bett liegt, weil sie es selbst auch schon erlebt hat und genau weiß, wie schmerzhaft und ätzend das ist. Oder das mitfühlende „Ich verstehe dich so gut“ der besten Freundin, weil man gerade eine Trennung hinter sich hat und so gut wie jeder Mensch das Gefühl von Liebeskummer zumindest einmal im Leben schon am eigenen Leib erfahren hat. In Situationen wie diesen können wir echtes Mitgefühl für unsere Mitmenschen aufbringen, weil wir aufgrund ähnlicher Erfahrungen genau das in diesem Moment tun: Mitfühlen. Ein Mitfühlen, das nur dann möglich ist, wenn wir das gleiche Gefühl auch schon einmal gefühlt haben. Wir verstehen es, ohne dass es uns jemand erklären muss.

Niemand, der selbst noch nie auch nur annähernd etwas mit Depressionen zu tun hatte, kann nachvollziehen oder auch nur erahnen, wie sich das anfühlt. Genau so wenig wie wir wissen können, wie es sich anfühlt, querschnittsgelähmt oder blind zu sein, wenn wir es selbst nicht sind. Und wenn wir uns als Angehörige noch so anstrengen…wir werden es nie nachvollziehen können. Und wenn uns die Betroffenen ihre Symptome noch so genau schildern…wir werden es nie verstehen. Weil wir es nicht fühlen. Und das müssen wir auch nicht. Um Verständnis zeigen und vermitteln zu können, müssen wir nicht alles verstehen.

Wir können Verständnis zeigen, indem wir unseren Angehörigen und seine Erkrankung ernst nehmen. Diese als Erkrankung anerkennen. Uns so gut und ausführlich wie möglich über das Krankheitsbild informieren. Uns klar machen, dass Depression eine Erkrankung ist wie es viele andere Krankheiten auch sind und genau so wenig wie eine Grippe oder Diabetes oder Krebs mit Willensstärke überwunden werden kann. Und dass das nichts mit Schwäche zu tun hat… Diese Punkte könnten wir hier noch beliebig erweitern. Letzten Endes führen sie aber alle dazu, dass wir ein gewisses Verständnis entwickeln können für etwas, das wir nicht kennen, das uns verunsichert, das uns Angst macht. Und ob dieses Verständnis echt ist, wird der Betroffene spüren. Und es wird ihm gut tun.

Eben so wenig wie wir als Angehörige die Erkrankung bagatellisieren sollten, sollten wir sie zusätzlich dramatisieren. Abgesehen davon, dass sie sich für den Betroffenen auch so schon definitiv dramatisch genug anfühlt, würde es ihn zusätzlich verunsichern, wenn seine Angehörigen auch noch in Panik ausbrächen. Ängste, Unsicherheiten und Sorgen bezüglich der Erkrankung und des Betroffenen sollten diese idealerweise vorerst mit anderen ihnen nahe stehenden Menschen besprechen.

Wissen ist Macht

Sich ausführlich über die Erkrankung seines Angehörigen zu informieren und damit zu beschäftigen ist meiner Meinung nach einer der wichtigsten Punkte, vor allem zu Beginn. Alles was wir nicht kennen, das große Unbekannte, macht uns Angst. Fühlt sich irgendwie nicht gut an. Wir haben keine Kontrolle darüber. Generell sorgt die Information über die Erkrankung, deren Entstehung, die typischsten Symptome, Behandlungsmöglichkeiten, Prävention, etc. und ein daraus entstehendes Grundwissen sehr oft dafür, dass die Angst etwas kleiner wird. Die Machtlosigkeit weniger überwältigend. Wenn wir als Angehörige beispielsweise wissen, dass Hoffnungslosigkeit und Antriebslosigkeit zu den Hauptsymptomen einer Depression gehören, können wir auch plötzlich verstehen, warum unser Angehöriger alles nur noch schwarz in schwarz sieht, morgens nicht aus dem Bett kommt und auch den Rest des Tages zu nichts zu motivieren ist. Hätten wir dieses Wissen nicht, würden wir (verständlicherweise) vielleicht denken, dass es sich hier um Charaktereigenschaften oder Angewohnheiten wie Pessimismus und Faulheit handelt. Und würden vielleicht (auch verständlicherweise) vom Betroffenen erwarten, dass er sich „endlich mal zusammenreißt“, aufhört zu jammern und sich nicht so gehen lässt. Zumal diese Person sich sonst nie so verhält und wir sie kaum wiedererkennen.

Aber Depression kennt keine Disziplin.

Lächelst du noch oder weinst du schon?

Wir haben Gebrauchsanweisungen für alles. Selbst für Dinge, die so offensichtlich sind, dass wir uns fragen, warum um alles in der Welt sich überhaupt jemand die Mühe gemacht hat, für das Drucken dieses mehr als überflüssigen Textes auch nur einen Tropfen Tinte zu verschwenden geschweige denn diesen in diverse Sprachen übersetzen zu lassen.

Dabei bräuchten wir doch oft viel eher eine Art Gebrauchsanweisung für unsere Mitmenschen. Eine Art „Umgangsanweisung“ sozusagen. Ein Leitfaden, der uns in herausfordernden Phasen einen Weg weist. Gebrauchsanweisungen werden von Experten geschrieben, die das Produkt, um das es geht, in- und auswendig kennen. Ausgehend von dem fertigen, vollendeten Produkt. Sie muss schon vorhanden sein, bevor wir uns an den Aufbau des IKEA Billy-Regals machen. Wenn wir sie als Laien anstelle der Experten und erst während des Aufbauprozesses anstatt bereits davor schreiben würden…es würde uns sicher nicht all zu weit bringen.

Es gibt nicht DIE „Gebrauchsanweisung“ für einen Menschen. Dafür sind wir Menschen viel zu individuell und unterschiedlich. Es gibt auch nicht DIE Gebrauchsanweisung für den Umgang mit der psychischen Erkrankung eines Angehörigen. Es wäre allerdings mal eine Idee, wenn wir als Betroffene eine Art Gebrauchsanweisung für unsere Angehörigen schreiben. Zum Beispiel nach einer überstandenen depressiven Phase. Aufschreiben, was uns in dieser schwierigen Zeit geholfen hat und welchen Umgang wir uns von unseren Mitmenschen in bestimmten Situationen wünschen würden.

Speziell auf die bipolare Störung bezogen wäre es beispielsweise eine gute Möglichkeit, in den symptomfreien Phasen entweder mit unseren Angehörigen zu sprechen oder tatsächlich einmal alles auf Papier zu bringen, damit wir es nicht mehr vergessen. Auch hier kann ich nur von mir und den Erzählungen anderer Betroffener ausgehen, aber auf eine depressive (oder auch hypomane) Phase zurückblickend lässt sich oft viel klarer erkennen und herausarbeiten, was im Falle einer weiteren Phase im Umgang mit den Symptomen und dem Betroffenen zu beachten wäre. Was helfen könnte. Was eher kontraproduktiv wäre. Was zu den No-Gos zählte.

Denn wenn wir während einer Depression erst einmal im Strudel aller negativer Gedanken und Empfindungen gefangen sind, ist unser Blick meist alles andere als klar.

In meinem Umfeld habe ich sehr gute Erfahrungen mit einer offenen Kommunikation gemacht und in „gesunden“ Phasen mit Familie, Freunden und Partnern so viel wie möglich darüber gesprochen, wie es mir geht, wie es sich anfühlt, was mir hilft und was mir nicht hilft, wenn es mir schlecht geht. Und mein Umfeld war sehr dankbar dafür. Bei der nächsten depressiven Phase waren sie besser vorbereitet. Konnten mit manchem besser umgehen. Bezogen weniger auf sich selbst. Waren weniger verletzt. Fühlten sich etwas weniger hilflos. Trotzdem war es deswegen nicht plötzlich leicht. Aber vielleicht ein bisschen leichter.

Vielleicht ist es deswegen keine schlechte Idee, tatsächlich mal eine Art persönliche „Gebrauchsanweisung“ für unsere Angehörigen zu erstellen. Vielleicht könnte sie ja in etwa so aussehen?

Vielleicht…

…kannst du versuchen, Verständnis für meine Situation und mein Empfinden zeigen, auch wenn du all das selbst noch nie erlebt hast und es dir so fremd ist.

…kannst du dich über meine Erkrankung informieren, damit du besser verstehst, woher sie kommt, was dabei in meinem Körper und Kopf passiert, welche Symptome sie hervorruft und wie man mit ihr umgehen kann.

…kannst du mich einfach fragen, ob du mich in den Arm nehmen und festhalten darfst, wenn ich ganz unten bin.

…kannst du kleine Alltagsentscheidungen, wie zum Beispiel die Wahl eines Gerichtes auf einer Speisekarte, für mich übernehmen, wenn das für mich okay ist. Weil mich jegliche Art von Entscheidung gerade überfordert.

…kannst du mir versichern, dass du für mich da bist und nicht gehst. Denn genau davor habe ich gerade panische Angst. Weil ich denke, dass ich für alle eine Last und einfach nur anstrengend bin.

…kannst du mich darin bestärken, mir professionelle Hilfe zu holen und mich eventuell dabei unterstützen, Adressen rauszusuchen, Telefonate zu machen und Termine zu vereinbaren. Denn wenn ich morgens selbst das Zähneputzen nur mit allergrößter Mühe schaffe, kannst du dir vielleicht vorstellen, welch unüberwindbare Hürde diese wichtigen Dinge gerade für mich darstellen.

…kannst du mir immer und immer wieder sagen, dass es nur eine Phase ist. in der ich mich gerade befinde und dass diese wieder vorbeigehen wird. Dass es mir wieder besser gehen wird. Dass Depressionen gut behandelbar sind und mir geholfen werden kann.

…kannst du mich zu einem Therapeutengespräch begleiten, wenn es angeboten wird und wenn ich dich darum bitte.

…kannst du dir selbst Unterstützung holen, wenn du dich mit meiner Erkrankung und der Situation überfordert fühlst.

…kannst du versuchen, mich zumindest zu einem kleinen Spaziergang zu überreden, wenn ich mal wieder den ganzen Tag nicht das Bett oder das Haus verlassen konnte. Lass dich nicht sofort abblocken und versuche, mich davon zu überzeugen, dass mir etwas frische Luft, Bewegung und Tageslicht gut tun werden. Denn das tun sie.

…kannst du mit großen und wichtigen Entscheidungen oder Diskussionen warten, bis es mir wieder besser geht. Mein Denken ist gerade so anders und grau verschleiert, dass ich ziemlich sicher anders entscheiden würde als sonst und das im Nachhinein vielleicht bereuen würde.

…kannst du versuchen, mir die Dinge abzunehmen, die ich gerade einfach nicht schaffe, und mir gleichzeitig vielleicht ein paar einfachere überlassen, damit ich trotzdem das Gefühl habe, ich kann etwas beitragen. Es werden auch wieder Zeiten kommen, in denen ich mehr übernehmen kann.

…kannst du darauf achten, dass du dich selbst in all dem nicht verlierst, indem du trotz allem deine Grenzen kennst und gut für dich sorgst, indem du zum Beispiel weiterhin dein soziales Umfeld pflegst.

…kannst du versuchen, es nicht allzu persönlich zu nehmen, wenn ich abweisend zu dir bin oder es mir nicht allein durch deine Anwesenheit besser geht. Bei meiner Erkrankung hilft Liebe allein nicht, obwohl sie es sonst so oft tut. Es liegt nicht an dir. Ich kann gerade nicht anders.

…kannst du versuchen, nicht immer nach dem Grund zu fragen, wenn ich zum Beispiel mal wieder scheinbar aus dem Nichts anfange zu weinen. Auch wenn es für dich wahrscheinlich schwer nachzuvollziehen ist: Wenn ich depressiv bin, brauche ich keinen Grund zum Traurigsein. Ich bin es einfach. Und das ist für mich genau so schwer zu akzeptieren oder zu verstehen wie für dich.

…kannst du lernen, immer besser mit meiner Erkrankung umzugehen und mit mir einen gemeinsamen Weg des Umgangs finden, der für uns beide funktioniert.

…musst du dir aber auch irgendwann eingestehen, dass du keine Gebrauchsanweisung für einen Menschen brauchen möchtest und dass dir das zu anstrengend ist.

…ist auch das okay.

Schwarzstaub

Das alles mag dem ein oder anderen jetzt vielleicht etwas komisch oder vielleicht sogar lächerlich vorkommen. Wer allerdings schon einmal depressiv war, weiß genau, wovon ich spreche. Das Ausmaß all der Verzerrungen, Verfärbungen und Veränderungen unseres Denkens und Fühlens während einer depressiven Phase ist verheerend. Wie wenig all das nur noch mit unseren eigentlichen Gedanken und Empfindungen zu tun hat ist erstaunlich. Und wie wir diese Kluft jeglicher noch so großer Anstrengung, jeglichen noch so unbedingten Wollens, jeglicher vergeblicher Mühe zum Trotz nicht zu überwinden vermögen bleibt ein Phänomen. Zugänge zu Rationalität und Hoffnungsvermögen bleiben uns verwehrt.

Kennt ihr das Gefühl, wenn sich morgens nach dem Aufwachen noch bruckstückhafte Erinnerungen an eure Träume wie kleine Puzzleteilchen in eurem Kopf tummeln und ihr versucht, sie zu einem Bild zusammenzufügen? Sie zum Greifen nahe sind, ihr die Hand nach ihnen ausstreckt, sie schon beinahe greifen könnt…euer Zeigefinger streift die Oberfläche bereits, ihr streckt mit aller Kraft euren Arm noch weiter aus…und plötzlich zerspringt das Puzzleteil in tausend Einzelstücke, die sich wie kleine Staubpartikelchen im Nichts jeglicher Himmelsrichtungen auflösen.

Ungefähr so fühlt sich die Hoffnungslosigkeit einer Depression an. Unser Verstand weiß, dass es so etwas wie Hoffnung gibt und wir dieses Gefühl kennen und schon erlebt haben. Aber weder unser Geist noch unser Körper kann sie spüren.

In der Naturwissenschaft bezeichnet Schwarzstaub übrigens die ungeklärte Verfärbung von Räumen.

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