Gemutlich hier.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

„Ihr Ziel befindet sich auf der anderen Seite.“

Das Interessante ist, dass ich manchmal einen Artikel anfange, den ich vorher schon mehrmals im Kopf durchgegangen bin und das Thema sowie den Aufbau ganz klar vor mir habe. Manchmal läuft das dann auch einfach so durch, fertig, hochladen. Oft ist es allerdings auch so, dass ich mit einer bestimmten Idee im Kopf anfange zu schreiben und sich während des Schreibens eine ganz andere Thematik als viel interessanter, relevanter oder einfach passender entwickelt. Ich greife sie auf, der Text nimmt direkt die nächste Ausfahrt, obwohl das Navi eigentlich die übernächste geplant hatte, und am Ende hat der Artikel nicht mehr viel mit dem eigentlichen Plan zu tun. Selbst das Bild, das ich vielleicht am Anfang schon ausgesucht und hochgeladen hatte, passt nicht mehr und muss nochmal ausgetauscht werden. Ich finde diese Eigendynamik, die ein Text entwickeln kann und auch die verschiedenen Phasen eines Schreibprozesses, zu dem übrigens Schreibblockaden genau so gehören, ganz schön spannend und faszinierend.

Ganz gleich, ob es sich nun um das Schreiben eines Textes oder etwas ganz anderes handelt…um eine gewisse Eigendynamik entstehen zu lassen, dürfen wir nicht zu sehr festhalten, müssen wir uns von dem wohligen Gefühl der Kontrolle und Sicherheit lösen und darauf vertrauen, dass sich das Ganze schon in eine gute Richtung entwickeln wird. Einen sicheren Hafen zu verlassen mag den einen mehr, den anderen weniger aus seiner Komfortzone schubsen und uns dementsprechend mehr oder weniger Mut abverlangen. Um diese ganz besondere Eigenschaft, die meiner Meinung nach oft stark unterschätzt wird, soll es hier heute gehen. Eine kleine Anmerkung vorweg: Aus Gründen der Lesbarkeit werde ich in diesem und auch allen meinen anderen Blogartikeln auf das Gendern verzichten.

Tut Mut gut?

Im letzten Artikel ging es um die guten und eigentlich immer gleichen Wünsche für’s neue Jahr. Gesundheit, Glück, Zufriedenheit, Erfolg…eigentlich wollte ich an diesem Tag bereits zum Thema Mut schreiben. Und irgendwie ging es dann doch in Richtung Gesundheit. Die meisten Menschen würden vermutlich bestätigen, dass Mut bei Weitem nicht so wichtig ist wie Gesundheit. Oder Glück. Oder Erfolg. Aber hängt nicht irgendwie alles davon zusammen? Bedingt sich nicht sogar ab und an gegenseitig? Können wir glücklich sein oder werden, wenn wir nicht den Mut aufbringen, unser Glück selbst in die Hand zu nehmen? Werden wir erfolgreich sein, wenn wir nicht den Mut haben, unser Ziel gegen alle Widrigkeiten und allen Zweifeln zum Trotz weiter zu verfolgen, egal, was die anderen denken? Wie lange bleibt uns unsere Gesundheit erhalten, wenn wir uns aus Angst vor Ablehnung nie trauen, unseren Bedürfnissen nachzugeben und gut für uns zu sorgen, weil das bedeuten würde, auch mal Nein zu sagen, sich abzugrenzen und damit eventuell jemanden vor den Kopf zu stoßen?

Alles auf Angst

In diversen Definitionsansätzen von Mut taucht immer wieder das Wörtchen Sicherheit auf. Mutig sei der, der es wagt, sich in Situationen zu begeben, die mit einer gewissen Unsicherheit, also einer Abwesenheit von Sicherheit, verbunden sind. Wir Menschen mögen es nicht, wenn eines unserer Grundbedürfnisse in Abwesenheit glänzt. Ehrlich gesagt macht es uns sogar eine scheiß Angst. Alles, was wir nicht kennen, alles, was neu ist, widerstrebt uns erst einmal. In unserer ganz persönlichen Komfortzone haben wir es uns kuschelig gemütlich eingerichtet und fühlen uns pudelwohl. Da kann uns nichts passieren. Glauben wir. Ein trügerischer Gedankengang, der das unfreiwillige Verlassen der Komfortzone nicht mit einkalkuliert. Die uns allen wohl bekannte Aussage, dass wahres Wachstum und Chance auf Weiterentwicklung erst außerhalb unserer Komfortzone auf uns warten, ignorieren wir erfolgreich. Wir hangeln uns von Wochenende zu Wochenende, können uns vor lauter schlechter Laune beim Gedanken an die neue Woche nicht mal mehr auf den Tatort Sonntagabends konzentrieren, gehen jeden Tag mit Bauchschmerzen zur Arbeit und sehnen den Freitagnachmittag schon herbei, bevor der Montag überhaupt angefangen hat. Dann ist irgendwann zum Glück das Wochenende da, an dem wir uns gerne mal so richtig schön voll laufen lassen oder anderweitig zuballern, um den aufgestauten Frust und die Erschöpfung der Woche wegzuspülen. Wenn wir mit Familie, Freunden und Bekannten über die Arbeit sprechen, schmettern wir leidenschaftlich Hasstiraden auf unseren Chef, die Arbeitskollegen, unser Gehalt und die Inhalte unseres Jobs.

Eigentlich liegt die Lösung auf der Hand: Ein neuer Job muss her. Und zwar schnell. Doch so beschissen unser Job auch sein mag, wenigstens wissen wir, dass er beschissen ist. So viel ist sicher. Und selbst eine beschissene Sicherheit fühlt sich wohl oft besser an als die überwältigende Angst, uns ohne jegliche Aussicht auf Erfolg ins Universum des Unbekannten zu schießen. Diese Angst und das Leid, das mit manchen Lebenssituationen für uns einhergeht, liefern sich einen erbitterten Kampf. Viel zu oft geht die Angst in Führung. Auch wenn das Leid noch so groß sein mag.

Aus Liebe zu Mut

Was sich im Berufsleben abzeichnet, lässt sich auch in diversen anderen Lebensbereichen wiederfinden. Die Angst, keinen passenden Partner mehr zu finden, für den Rest unseres Lebens alleine zu bleiben und ganz furchtbar einsam und alleine zu sterben, ist mittlerweile kein Phänomen mehr, das der älteren Generation vorbehalten ist. Leider. Die grenzenlose Angst vor dem Alleine sein. Wir sind nicht glücklich oder vielleicht sehr unglücklich in einer Beziehung und bringen trotzdem nicht den Mut auf, uns von diesem Partner zu lösen, der weder zu uns passt noch uns gut tut. Wir haben ja schließlich keine Garantie, dass es da draußen überhaupt jemand Besseren gibt. Dass es beim Nächsten vielleicht nicht sogar noch schlimmer wird. Vielleicht sollten wir uns einfach mal zusammen reißen und nicht so hohe Ansprüche haben. Obwohl sie eigentlich immer noch zu niedrig sind. Frei nach dem Motto „Lieber gemeinsam unglücklich als alleine unglücklich!“.

„Alleine glücklich“ scheint oft überhaupt keine Option zu sein. Wo wären wir, hätten wir den Mut, darauf zu vertrauen, dass es da draußen nicht nur einen, sondern sogar mehrere Menschen gibt, mit denen wir eine glückliche Partnerschaft führen könnten? Was würde es mit uns machen, hätten wir den Mut, den Gedanken, was denn passieren würde, wenn dem eben nicht so sei, einmal zu Ende zu denken? Ganz zu Ende. Wo stünden wir, hätten wir den Mut, zu erkennen, dass wir bereits vollständig sind und wir nur dann eine wirklich erfüllende Partnerschaft führen können, die unser Glück noch steigern kann, wenn wir selbst bereits eine gewisse Grundzufriedenheit und ein gesundes Selbstwertgefühl ins uns tragen. Was würde sich ändern, hätten wir den Mut, zu akzeptieren, dass wir uns die Partnerin oder den Partner weder backen noch erzwingen können und die Welt erstaunlicherweise selbst dann nicht untergeht, wenn wir unseren Weg erstmal ohne partnerschaftliche Begleitung beschreiten. Dankbar sind für alle anderen wunderbaren Wegbegleiter, mit denen wir zwar nicht das Bett, aber unser Leben teilen. Wissen, dass wir selbst immer da sind. Vertrauen. In uns selbst, unsere Unabhängigkeit, Selbstwirksamkeit und Autonomie.

Was uns niemand nehmen kann. Und auch auch niemand anderes geben.

Wie viel können wir uns zumuten?

Nicht nur in Arbeitsleben und Partnerschaft kann die Tugend des Mutes eine große Rolle einnehmen. Wenn wir genau hinsehen, versteckt sie sich in all unseren Lebensbereichen. Und meist tut sie das in Begleitung ihres Opponenten, der Angst. Und unsere Angst ist groß.

Angst vor Ablehnung.

Angst vor dem Scheitern.

Angst zu versagen.

Angst vor Verlust.

Angst vor dem Loslassen.

Angst vor dem Ungewissen.

Angst vor unseren Gefühlen.

Angst vor Veränderung.

Angst vor der Stille.

Angst vor dem Alleinsein.

Angst vor Verletzung.

Wir könnten die Liste beliebig weiterführen. Ganz gleich um welche Art von Angst es sich handeln mag, sie kann so überwältigend sein, dass wir es nicht wagen, nach der Hand zu greifen, die uns der Mut von der anderen Seite der Schlucht entgegenstreckt. Wir sehen klar und deutlich, wie schön und hell es auf der anderen Seite zu sein scheint. Doch die Schönheit, die wir nur erahnen können, steht nicht in Relation mit der unberechenbaren Gefahr des Sturzes in eine bodenlose Tiefe. Wenn wir auf unserer Seite bleiben, sind wir sicher vor dem Absturz. Und nehmen die dunklen Wolken in Kauf, die sich von hinten unaufhaltsam nähern.

Mutiviert ins neue Jahr

Keiner kann uns zwingen, unseren Ängsten ins Gesicht zu lachen. Wir können unser Leben auch leben, ohne je etwas zu wagen. Und damit auch sehr glücklich werden. Oder aber wir geben unserem Mut die Chance, sich zu beweisen. Obwohl wir Angst haben. Und werden damit vielleicht noch glücklicher.

Wir haben die Wahl.

Lasst uns den Mut haben, so zu sein, wie wir sind und uns nicht zu verstellen. Weil wir nicht jedem gefallen müssen. Und können.

Lasst uns den Mut haben, unserer Angst vor dem Versagen den Wind aus den Segeln zu nehmen, indem wir für uns den Begriff des Scheiterns neu definieren. Uns zu fragen, wie stabil ein Selbstwertgefühl ist, das ausschließlich auf Perfektion und Erfolg gründet. Was bedeutet Erfolg für uns? Sind wir erst dann gut genug, wenn wir etwas geleistet oder erreicht haben? Was überhaupt verstehen wir unter Leistung und Errungenschaften?

Lasst uns den Mut haben, zu akzeptieren, dass wir keine Macht über die meisten Verluste im Leben haben und dem Hier und Jetzt mit Dankbarkeit und Wertschätzung begegnen. Denn es ist das einzige, was wir haben.

Lasst uns den Mut zum Loslassen von Vergangenem haben. Ohne Verbitterung und Reue zu erkennen, dass etwas vielleicht nicht als „zu Ende gegangen“, sondern einfach als „erfüllt“ betrachtet werden kann. Und weiterziehen darf. Lasst uns Mut zu sanfter Wehmut haben.

Lasst uns den Mut haben, Ungewissheit zu ertragen und uns auf die Chancen konzentrieren, die in ihr liegen. Nicht die Gefahren .

Lasst uns den Mut haben, uns Zugang zu unseren Gefühlen zu gewähren. Den leichten wie den schweren. Den angenehmen und den unangenehmen. Mit der Gewissheit, dass wir sie aushalten können. Dass sie unser Menschsein erst zu etwas Besonderem machen und unserem Dasein Sinn verleihen.

Lasst uns den Mut haben, zu ändern, was uns nicht gut tut oder nicht mehr passt. Auf die Gefahr hin, dass das Nächste nicht direkt besser sein wird. In der Hoffnung, dass es früher oder später gut werden wird. Dass die Entscheidung dafür und die Umsetzung einer Veränderung bereits der erste Schritt dorthin ist. Darum wissend, dass die einzige Konstante im Leben die Veränderung ist.

Lasst uns den Mut haben, Stille zuzulassen, auch wenn sie im ersten Moment ohrenbetäubend schein mag. Uns einmal anzuschauen, was da eigentlich in uns ist. Dem wir sonst weder Raum noch Zeit einräumen. Nein zu sagen. Zur ständigen Ablenkung, sozialem Stress, Hektik, übertriebener Geschäftigkeit, Wichtigtuerei und Reizüberflutung, mit der wir uns erfolgreich und manchmal Zeit unseres Lebens von dem ablenken, was wirklich zählt. Was wir wirklich wollen. Wer wir wirklich sind.

Lasst uns den Mut haben, uns wieder und wieder zu öffnen, uns einzulassen und Vertrauen zu fassen. Die Oberfläche zur Seite zu schaufeln, um die Entstehung von echter und tiefer Verbundenheit zu ermöglichen. Nicht vorsichtshalber schnell wegzulaufen, sobald etwas verbindlich und wichtig wird. Uns nicht zu verstellen oder unsere Bedürfnisse hintenanzustellen, nur um jemandem zu gefallen oder nicht zu kompliziert und anspruchsvoll zu scheinen. Auf die Gefahr hin, dass wir ohne Vorwarnung fallen gelassen, verlassen oder einfach ersetzt werden. Dass wir vernichtenden Schmerz empfinden werden. Dass auch dieser vorbeigehen wird. Dadurch nicht an uns selbst zu zweifeln. Uns als Mensch nicht infrage zu stellen. Bei uns zu bleiben und klar zu unterscheiden zwischen dem, was mit uns zu tun hat und dem, was einzig und allein beim anderen liegt. Aus Ersterem zu lernen und aus Zweiterem nicht zu schließen, dass wir nicht gut genug sind. In Betracht zu ziehen, dass die andere Person schlichtweg nicht gut genug für uns war. Auch das zu verzeihen. Weiterzugehen.

Lasst uns den Mut haben, die Kunst des Alleinseins zu erlernen. Sicherzustellen, dass wir es nicht mit Einsamkeit verwechseln. Sein Potenzial zu erkennen und für uns zu nutzen. Um irgendwann festzustellen, dass wir nie wieder einsam sein müssen, wenn wir in uns ruhen.

Weil wir uns immer auf uns selbst verlassen können. Weil wir immer da sind.

Weil wir der einzige Mensch sind, bei dem wir nicht die Wahl haben, ob wir unser restliches Leben mit ihm verbringen wollen oder nicht.

Und das erfordert ganz schön viel Mut.

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