Pimp my brain

Ein attraktives Angebot…

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

…so ein frisches Hirn für nur 39 Euro.

Wobei wir mit einem durchschnittlichen Gewicht unseres Gehirns von ungefähr 1400 Gramm mit nur 100 Gramm vermutlich nicht ganz so weit kommen würden. Da müssten wir dann doch etwas tiefer in die Tasche greifen. Und da stehen wir nun. Der Traum von der Schnäppchengrundsanierung unseres werten Organs – zerplatzt!

Wie so oft wollen wir natürlich direkt alles auf einmal haben. Dabei würden 100g doch vielleicht auch erst mal reichen…

Es würde so oft vollkommen genügen, erst einmal einzelne Dinge zu ändern. Kleine Schritte zu machen. Schauen, was passiert. Ob sich da was tut. Ob es noch mehr braucht oder ob das vielleicht schon ausreicht. Aber dafür braucht es Geduld. Geduld, die wir nicht haben aufgrund eines Mangels an Zeit, die wir uns nicht nehmen. Deswegen muss es schnell gehen. Am besten immer.

Abgesehen davon, dass ich mir als arme Studentin nicht mal ein halbes frisches Hirn hätte leisten können, wollte ich es tatsächlich erst einmal mit der günstigsten Variante von 100g probieren. Ich erinnere mich grade an den Artikel „Mit Vollgas über die Insel“ zurück, in dem ich beschreibe, wie wichtig es meiner Meinung nach ist, entgegen aller Vernunft rechtzeitig abzubremsen, um nicht im hohen Bogen aus der nächsten Kurve zu fliegen. Was ganz sicher auch auf psychisch gesunde Menschen zutrifft, vor allem aber eben auf jene, deren Leben aufgrund einer bipolaren Störung ein Auf und Ab der Superlative sein kann.

Zuhause

Dieses Mal war ich gefühlt noch nicht mal besonders schnell unterwegs gewesen. Nachdem ich mit dem April und Mai auch dieses Jahr nochmal den zauberhaften Frühling und die gigantische Rapsblüte auf meiner Lieblingsinsel mitgenommen hatte, fing ich ab Juni an, mich nach und nach wieder in Hamburg einzurichten. Und es war so schön, wieder hier zu sein. Dieses Gefühl und die Gewissheit, die aus deinem tiefsten Inneren kommt und dir sagt, hier gehörst du hin, hier ist dein Zuhause. Was auch geschieht, hier wird dir nichts passieren, hier bist du sicher. An dieser Stelle kommt mir auch der schon etwas ältere Artikel „Ist Heimat wirklich dort, wo dein Herz ist?“ in den Sinn… Diese Diskussion ähnelt etwas der vom Ei und der Henne – was war denn nun zuerst da? Fühlen wir uns irgendwo zuhause und erlauben irgendwann auch unserem Herz, dort anzukommen oder macht unser Herz den ersten Schritt und erst daraus entwickelt sich unser Heimatempfinden? Ich glaube nach wie vor, dass dieses Gefühl von Heimat und einem Angekommen sein, einem sicheren Hafen (ein Vergleich, der bei Hamburg natürlich noch mal ein bisschen schöner ist als bei Städten ohne Hafen) von ganz vielen verschiedenen Aspekten abhängt. Das können Menschen sein, ein Job, eine Wohnung, gewisse Umstände…ich habe für mich festgestellt, dass es vor allem die Menschen sind, aber tatsächlich auch der Ort Hamburg an sich, wo ich immer leben wollte, für den ich mich aus freistem Willen damals entschieden habe, der mir dieses unbezahlbare und treue Gefühl von Heimat schenkt.

Punktlandung.

Aber darum soll es hier heute nicht gehen. Ich war also pünktlich zum Sommerbeginn wieder in Hamburg, habe meinen neuen Job und einen Nebenjob angefangen, weiterhin nebenher als Hundesitterin gearbeitet, und war plötzlich auch schon im zweiten Semester. Das ging ganz schön schnell. Das letzte Semester war ja gerade erst vorbei, ich war zwar drei Wochen im Urlaub gewesen, aber da konnte man das nächste ja schon erst mal etwas ruhiger angehen lassen, dachte ich mir. Was auch echt ziemlich lange gut ging. Bis ich dann Ende des Sommers feststellen musste, dass ich nun zwar ein halbes Jahr Zeit für diverse Kurzgeschichten, Prüfungsleistungen und Hausarbeiten gehabt hatte, nun aber als Ergebnis meiner überaus erfolgreichen Prokrastination alles innerhalb kürzester Zeit und auf einmal fertig machen musste. Tja, was soll ich sagen. Geil war’s nicht. Aber es hat dann doch erschreckend gut geklappt. Nochmal Glück gehabt. Nächstes Mal wird natürlich alles besser!

Also bin ich zum Herbstanfang dieses Jahr ohne Pause zwischen den beiden Semestern, selbst schuld, direkt ins nächste geschlittert. Habe zu dem Zeitpunkt gerade etwas mehr gearbeitet und relativ bald gemerkt, dass die Pause, wie ich sie auch Anfang des Jahres zwischen dem ersten und dem zweiten gehabt hatte, dringend gebraucht hätte. Dass es dafür jetzt allerdings ein bisschen spät war. Nur war ich leider so kaputt, dass ich nicht drum herum kam, mir zwei Wochen „freizunehmen“, weil ich neben meinen Jobs schlicht und ergreifend nicht noch die Energie aufbringen konnte, die ich für’s Studium brauchte. Hat ja im zweiten Semester auch funktioniert, dachte ich mir. Mir fiel allerdings relativ schnell auf, dass es dieses Semester offensichtlich anders war und ich schon ganz schön viel verpasst hatte. Je größer der Druck wurde, desto weniger Zugang fand ich zu meiner Kreativität. Dann geb ich einfach ab nächster Woche Vollgas, nahm ich mir vor. Im gleichen Moment fiel mir auf, dass genau das der Grund dafür war, warum ich nun so kaputt war. Es gab nun also zwei Möglichkeiten: Wieder Vollgas geben, alles bereits Verpasste unter ganz viel Zeitdruck und Stress aufzuholen versuchen. Hochkant aus der nächsten Kurve fliegen. Totalschaden. Oder einfach die Ausfahrt zur nächsten Raststätte nehmen, erstmal tanken und Pause machen. Snickers kaufen. Snickers essen.

Um mich herum wurde es lauter und lauter, während in meinem Hirn kreative Stille herrschte. Ich brauchte es genau andersherum! Ich brauchte Ruhe. Es sollte endlich ruhig sein da draußen!

Let’s call it „Empirical Escape“

Dieses mal waren es nicht einmal bestimmte Symptome oder die so genannten offiziellen „Frühwarnzeichen“, die mich den Blinker setzen ließen. Dafür schlief ich noch zu gut, klopfte mein Herz noch zu ruhig, aß ich noch genug. War doch alles gut! Noch. Und genau das war der springende Punkt: Noch. Ich brauchte mittlerweile nicht einmal unbedingt immer unübersehbare Frühwarnzeichen, um brav in meinem sorgfältig über die letzten Jahre bestückten Notfallkoffer zu wühlen. Allein aus meinen Erfahrungen, Beobachtungen und Erkenntnissen der letzten Jahre seit der Diagnose wusste ich, was auf mich zukommen würde, wenn ich so weitermachte. Wenn ich mir nicht in einem der vielen Bereiche irgendwie Luft verschaffte, den Druck raus nahm, Zeit schenkte. Wenn auch nur 100 Gramm. Und ganz ehrlich: Das waren mir die 39 Euro dann definitiv wert!

Eine lohnende Investition

100 Gramm frisches Hirn in Form eines Urlaubssemesters. Und mit ihm kamen sie auch schon, die ungebetenen Gäste und klopften an „Wozu brauchst du denn jetzt im dritten Semester schon eine Pause?? Du hast doch erst zwei gemacht!“, „Kann ja noch nicht so anstrengend gewesen sein!“, „Die anderen schaffen das doch auch, sogar mit Vollzeitjob und Kindern!“, „Dann brauchst du ja noch länger, bis du fertig bist!“, „Hättest du dich halt einfach mal besser organisiert…“, „Schon mal drüber nachgedacht, ob du einfach nur faul bist?“, „Alles eine Frage der Disziplin, wenn du mich fragst!“, „Jetzt reiß dich mal zusammen!“, „Kannst ja jetzt auch nicht alles auf deine Krankheit schieben!“… Sie brabbelten alle durcheinander und doch konnte ich sie hinter geschlossener Tür klar und deutlich hören. Den Schlüssel zur Tür hatte jedoch ich. Ich hatte sie schließlich auch abgeschlossen. Und ich war es auch, die entschied, dass sie das erstmal bleibt. Um genau zu sagen, für ein Semester. Die Stimmen wurden weniger, leiser, sie entfernten sich.

Und plötzlich war es ganz ruhig.

Ein Kommentar zu „Pimp my brain

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