Nö.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Dass öfter mal Nein sagen gesund ist und wir dass ja unbedingt vieeel öfter tun sollten, ist mittlerweile kein Geheimnis mehr. Wenn wir es allen Recht machen wollen, blieben wir selbst auf der Strecke. True Story. Man könne es ja sowieso nie allen Recht machen. Auch richtig. Einfach mal abgrenzen und nur nach sich schauen. Ja ja…

Schön und gut…

…aber wie so oft ist das alles leichter gesagt als getan. Dass man definitiv lernen kann, Nein zu sagen, kann ich nur bestätigen. Dass das sehr gut tun kann ebenfalls. Die größere Herausforderung sehe ich eher in dem Finden des richtigen Maßes. Das Pikante zwischen dem Brennt-mir-die-Zunge-weg-Höllenscharf und dem Schmeckt-nach-überhaupt-Garnichts. Weder seine Seele verkaufen und sich komplett verlieren noch zum absoluten Vollassi mutieren. Auch hier ist die goldene Mitte wohl mal wieder das Ziel und gleichzeitig auch die größte Schwierigkeit. Wovor haben wir Angst, wenn wir das Wort mit den vier Buchstaben mal wieder nicht über die Lippen gebracht haben, obwohl unser Kopf so voll damit war, dass er fast geplatzt wäre? Ist es wirklich nur Ablehnung, vor der wir uns fürchten? Woher kommt es, dass sich so viele von uns damit so schwer tun? Geht auch hier unsere Kindheit als Sündenbock durch? Ist mal wieder die Gesellschaft an allem schuld? Was macht eine chronische Ja-Sag-Philie auf Dauer mit uns und vielleicht sogar unserer physischen und psychischen Gesundheit?

Hunger!

Mein körperlicher Zustand könnte sich momentan definitiv eine Scheibe von meinem mentalen abschneiden. Seit ein paar Wochen bin ich unglaublich erschöpft, kann ohne Probleme auch mal 12 Stunden durchschlafen, bin trotzdem dauermüde und ruhebedürftig wie eine Migränepatientin. Wohingegen mein sowieso schon leicht hysterischer Stoffwechsel nochmal drei Gänge zugelegt hat und auf absoluten Hochtouren läuft. Ich hatte schon immer einen gesunden Appetit und liebe Essen in jeglicher Form seitdem ich denken kann. Die regelmäßigen Ratschläge meiner Freunde, wenn sie sich wie so oft über mein etwas spezielles Essverhalten amüsieren, mich doch endlich mal beim Arzt auf Würmer durchchecken zu lassen, haben bisher weder sie noch ich jemals ernst genommen. Eigentlich kenne ich meinen Körper mittlerweile so gut, dass ich jederzeit für diverse Eventualitäten und existenziellen Kohlenhydratknast gewappnet bin und immer zumindest einen kleinen Snack dabei habe. Denn ist der Hunger erstmal da (also eigentlich immer), dann muss es schnell gehen (also eigentlich immer). Aber die Hochofenattitüde, die mein Stoffwechsel gerade an den Tag legt, finde selbst ich langsam nicht mehr witzig. Was auch immer ich zu mir nehme geht offensichtlich binnen Sekunden in Flammen oder löst sich in Luft auf. Eigentlich bin ich den ganzen Tag entweder am Essen zubereiten, am Essen zu mir nehmen oder am Essensreste (Reste…haha) wegräumen, sprich abspülen. Gott segne die Erfindung der Geschirrspülmaschine. Die ich leider nicht besitze. Abgesehen davon, dass ich mit meinem Studium und zwei Jobs leider ab und zu noch andere Dinge zu tun habe anstatt mich 24/7 um meine Nahrungsaufnahme zu kümmern, ist es tatsächlich auch erschreckend teuer, eine vierköpfige Familie zu ernähren. Dazu muss man vielleicht noch erwähnen, dass all das Essen wohin auch immer wandert, aber definitiv nicht auf meine Hüften. Im Gegenteil. Und ja, die Schilddrüsenwerte sind normal.

Düster, Diggie.

Es gibt tausend mögliche Erklärungen für meinen aktuellen Zustand. Vielleicht sind es die Nachwehen der fetten Erkältung letztens. Vielleicht ist es der Herbst mit seinen kürzeren Tagen und dem Lichtmangel. Vielleicht sind es die Nebenwirkungen der Medikamente (Müdigkeit und gesteigerter Appetit sind dabei oft keine Seltenheit). Vielleicht ist es eine Art emotionale Erschöpfung, entstanden aus all den Ereignissen der letzten Zeit. Vielleicht sind es die über 50 Kilometer, die ich jede Woche mit den Hunden laufe. Vielleicht ist es die Doppelbelastung mit zwei Jobs und dem Studium. Wer weiß. Natürlich mache ich mir dazu meine Gedanken, da ich immer gerne für alles eine Erklärung habe, idealerweise noch Schwarz auf Weiß. Aber eigentlich ist es egal. Es ist gerade so. Punkt. Und es wird auch wieder vorbeigehen. Seitdem ich denken kann, habe ich die dunkle Jahreszeit jemals auch nur annähernd herbeigesehnt. Premiere dieses Jahr. Der Herbst mit seinen bunten Blättern und dem warmen Licht, aber vor allem auch seinem grauen Himmel, kalt-feuchtem Regen, düsteren Tagen, an denen es gar nicht richtig hell wird, Sonnenuntergängen ohne Sonne um 16 Uhr, mies gelaunten Fratzen in der U-Bahn und von kahlen Baumskeletten gesäumte Straßenzüge, die an Tristesse kaum zu übertreffen sind. Ich weiß auch nicht warum, aber irgendwie find ich’s dieses Jahr geil. Würde am liebsten mit sämtlichen Bäumen meine Blätter um die Wette abwerfen und mich vergnügt grunzend in der nächsten versifften Schlammpfütze wälzen. Eventuell spreche ich diese heimlichen Phantasien mal in meiner nächsten Therapiesitzung an.

Das Ja(hr) des Neins

Ich könnte mir vorstellen, dass es einfach daran liegt, dass die Diskrepanz zwischen meinem körperlichen Zustand und dem der Natur gerade so verschwindend klein ist, dass sich das alles so richtig und gut anfühlt. Auch die Natur hat den ganzen Frühling und Sommer über alles gegeben (okay, in Hamburg vielleicht nicht ganz so doll, aber ihr wisst, was ich meine), Blüten explodieren, Pollen fliegen, Glückshormone verrückt spielen und Schokolade schmelzen lassen. Davon gilt es sich nun zu erholen, alles von sich fallen zu lassen, alles auf Rückzug, alles auf Ruhe, alles zurück auf null. So anders sind wir Menschen dann doch nicht. Alles eine Frage der Betrachtung. Um den Bogen nun nochmal zum Anfang und zur Thematik des Nein-Sagens zu spannen: Wenn wir davon ausgehen, dass zu häufiges Ja-Sagen uns auslaugen und erschöpfen kann, dann kann ich zumindest das, bei all meinen Erklärungsversuchen für meine Erschöpfung, definitiv als Grund dafür ausschließen, so viel ist sicher. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich in einem Jahr jemals so großzügig mit „Neins“ um mich geworfen habe. Nein zu Jobs, die ich nicht machen möchte. Nein zu Freundschaften, die mir nicht mehr gut tun. Nein zu Männern, die nicht wissen, was sie wollen und einfach nur nicht alleine sein können. Nein zu der Frage, ob ich denn nicht irgendwann mal einen „richtigen Job“ machen wolle. Nein zu der Diskussion darüber, was ein richtiger und was ein unrichtiger Job ist. Nein zu gut gemeinten Ratschlägen, was ich vielleicht anders machen könnte. Nein zur Frage, ob dass denn nun nicht ein bisschen zu hart gewesen sei. Nein zur Kippe. Nein zur 40-Stunden Woche. Nein zum 9-5-Job. Nein zu PCs. Nein zur Verblödung durch Trash-TV. Nein zum Wecker, wenn ich noch keinen Bock habe, aufzustehen. Nein zum schlechten Gewissen, wenn ich einfach mal einen ganzen Tag lang nichts tue. Auch nicht duschen. Nein zum Versuch, Dinge zu tolerieren oder zu verstehen, auf die ich schlicht und ergreifend einfach so gar keinen Bock habe. Nein zum Ablegen von Rechenschaft. Nein zum Gruppenzwang, wenn „wir doch unbedingt mal wieder feiern gehen müssen“. Nein zum Zweifel daran, ob ich wirklich die ganze Schüssel mit rohem Schokokuchenteig auslöffeln sollte. Nein zu diversen Nachrichten und Nein zum Schuldgefühl, dass ich nicht weiß, was auf der Welt so passiert. Nein zu selbstgemachtem Stress. Nein zum Freundlichsein, wenn sich der Stammkunde zum hundertsten Mal aufführt, als wäre das Café sein privates Büro. Nein zu dem verschwitzen Typen, der sich im Bus fast auf meinen Schoß setzt, obwohl daneben noch drei Plätze frei sind. Vielleicht auch besser für’s erste Nein zum Drang, ihm direkt eine auf die Schnauze zu hauen. Nein zum Perfektionszwang und dem Gedanken, dass eine 1.3 ja schon irgendwie geiler gewesen wäre als die 1,7. Nein zu Körperkult und stickigen und überfüllten Fitnessstudios, wenn ich viel lieber bei Wind und Wetter draußen spazieren gehe. Dann halt ohne Sixpack. Nein zu Unverpackt-Läden, weil ich das zwar super finde, mir aber leider nicht leisten kann. Nein zu diesen superhässlichen pseudotrendigen Smartphone-Umhänge-…Stricken(?!). Nein zu Leuten, die mit einem Personal-Shit-Storm über mich hinwegfegen, ohne einmal zu fragen, wie es mir geht. Nein zu Leuten, die sich einfach selbst gerne reden hören und nur mit dir reden, weil sie ihren Spiegel trotz ihres riesengroßen Egos auf Dauer dann doch zu langweilig finden. Nein zur Tendenz, das Leid anderer zu meinem eigenen zu machen und mich nicht davon distanzieren zu können. Nein zu Auberginen. Nein zum Druck, der sich manchmal von Außen anschleicht. Nein zum Druck, den einzig und allein ich mir selbst mache. Nein zu Menschen, die mich kaum kennen und sich trotzdem rausnehmen, mir zu sagen, was ich doch ganz bestimmt bräuchte. Nein zu Lebensentwürfen, die einfach nicht zu mir passen. Nein zur Befriedigung der Bedürfnisse anderer, wenn ich mich gerade um meine eigenen kümmern sollte. Nein zu Energiestaubsaugern. Nein zu Pop-up-Nachrichten. Nein zur neuen Jeans, wenn ich die alte reparieren kann. Nein zur Contenance. Nein zum Ja.

Einfach nö.

Mag vielleicht auf den ersten Blick etwas radikal erscheinen. Und vielleicht ist es das auch. Tut aber nichts zur Sache. Ich habe noch nie so fleißig Neins verteilt und mich noch nie so gut dabei gefühlt. Und so befreit. Jedes Mal wenn ich meine Grenzen verteidigt, meine Bedürfnisse für mich selbst erkannt und nach außen kommuniziert, jedes Mal, wenn ich mich ohne schlechtes Gewissen abgegrenzt habe, bin ich mir selbst etwas mehr auf die Pelle gerückt. Positives Pellerücken aber. Natürlich sollte man abwägen, ob das Nein unbedingt mit einem „Ich-möchte-dir-instant-auf-die-Fresse-hauen“ verbunden sein muss (und ob man dann vielleicht in Betracht ziehen sollte, seine Meditationsapp mal wieder zu reaktivieren) oder ob man es einfach ganz normal, wie sagt man so schön, freundlich aber bestimmt, gegebenenfalls mit einer kurzen Erklärung oder einem Verweis auf später, über die Bühne bringen kann. Nicht immer, aber meistens habe ich auf die zweite Variante zurückgegriffen, die sich für mich in dem Moment stimmig angefühlt hat und damit auch authentisch war. Entgegen der Vermutungen, dadurch eventuell Menschen zu verkraulen oder im tragischsten Fall womöglich plötzlich mutterseelenalleine auf der Welt zu sein und tränenumflorte „Keiner-mag-mich“-Einträge in sein Tagebuch zu kritzeln, habe ich dadurch weder meine Freunde noch meine Familie noch meinen Job verloren. Und vor allem nicht mich selbst. Ganz im Gegenteil sogar. Ein wohl dosierter und von der richtigen Intention geleiteter Gebrauch dieses magischen Wörtchens verleiht seinem wortkargen Opponenten erst den eigentlichen Wert und wahre Größe.

Schlechtes Gewissen?

Nö.

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