Nicht jedem Anfang wohnt ein Zauber inne…

Bildquelle: Michel Rosenberg

Meins. Ab jetzt.

„Pffffff.“

Ich starre an die Decke. Die Decke, die gar keine Decke ist, sondern der
Lattenrost des Bettes über mir. Alte vergilbte Holzplanken und zwischen
ihnen eine verwaschene Matratze, die definitiv schon bessere Zeiten
gesehen hat. Wie die Matratze, auf der ich selbst bewegungslos und wie
erstarrt liege, unter dem billigen Bettlaken aussieht, will ich gar nicht
wissen.

„Pffffff.“

Ich liege im Schlafraum eines Hostels. In Singapur. Ich habe die Betten
nicht gezählt, aber es dürften so um die 30 sein. Ich habe mein Handy schon
lange nicht mehr gecheckt, deswegen weiß ich nicht, wie viel Uhr es ist.
Dazu müsste ich mich bewegen und mit der Hand unter mein Kopfkissen
greifen, wo ich das Handy am Abend zuvor versteckt habe. Damit es nicht
geklaut wird. Vielleicht ist es nachmittags.

„Pffffff.“

Aus dem Fenster kann ich nicht schauen, da alle Vorhänge zugezogen sind.
Wahrscheinlich hat sich keiner der anderen Backpacker überhaupt erst die
Mühe gemacht, sie aufzuziehen, weil sie direkt nach dem Aufstehen
frühstücken gegangen sind. Und direkt nach dem Frühstück ihre Sachen
gepackt haben, um die Sehenswürdigkeiten der Stadt zu erkunden. Mit dem
Boot zu fahren. Einen Ausflug nach Sentosa Island zu machen. Oder sich
mit dem ultraschnellen Aufzug auf die obere Plattform dieses riesigen
Hotels zu beamen. Sieht so aus, als würde ein Schiff auf drei Säulen liegen.
So lang wie die Hotelkomplexe hoch. Mit Infinity Pool.

„Pffffff.“

Ich bin alleine in dem großen kahlen Raum. Ein seelenloser Raum, in dem
lieblos ein paar Messingstockbetten aufgestellt wurden. Aber für den Preis
pro Nacht darf man sich echt nicht beschweren. Allein meinen Augenlidern
den Impuls zum Blinzeln zu geben kostet mich fast unüberwindbare Kraft.
Kraft, die still und heimlich aus meinem Körper und Geist gewichen ist,
ohne auch nur einen winzig kleinen Rest übrig zu lassen. Wenigstens ein
paar Krümel, an denen ich mich festklammern könnte. Etwas, das mir sagen
könnte, es geht vorbei, es wird schon wieder. Du schaffst das. Sie ist einfach
gegangen, ohne mir die Möglichkeit zu geben, sie aufzuhalten. Ihr zu sagen,
dass ich sie noch brauche. Sie ist weg. Als wäre sie niemals da gewesen.

„Pffffff.“

Ich habe keinen Hunger. Schon seit Tagen nicht mehr. Im Hostel gibt es
jeden Tag weißes labberiges Toastbrot, Erdnussbutter und Marmelade
umsonst im Frühstücksraum. Peanut butter jelly. All day long. Fand ich
eigentlich immer geil. Vorgestern habe ich mich noch irgendwie dorthin
geschleppt, um dann sofort wieder umzukehren, weil sich dort so viele
Leute getummelt haben. Sich auf unterschiedlichsten Sprachen unterhalten
haben. Alle gut gelaunt. Kommunikativ. Offen. Traveller’s high. War ich
das nicht selbst noch vor gerade mal zwei Wochen? Konnte ich so etwas
mal? Wo ist dieses Ich hin? Wo bin ich hin?

„Pffffff.“

Es ist die letzte Etappe meiner Reise. Die Reise, auf die ich so lange
hingefiebert hatte und es gar nicht erwarten konnte, wegzukommen aus
meinem alten Leben. Der Schule. Den Leuten dort, die mir nie wirklich lagen.
Dem Leistungsdruck, den ich mir selbst immer gemacht hatte. Nur ich selbst
und niemand anderes. Die Regeln, die andere für einen machten. Ich hatte
Freunde. Gute sogar. Aber irgendwie hatte ich immer das Gefühl, dass ich
nicht auf denselben Bahnen schwamm wie sie. Nicht besser. Auch nicht
schlechter. Einfach anders. Ich hatte damals das Gefühl, die meisten von
ihnen waren zufrieden mit dem, was sie hatten. Mit dem, was war. Ich nicht.

Ich wollte mehr. Ein Teil von mir wollte ausbrechen, frei sein, durchdrehen,
endlich unvernünftig sein, Neues sehen, Altes hinter mir lassen, Neues
erleben, Altes vergessen. Auf die Suche gehen. Nach etwas, von dem ich
noch nicht wusste, was es sein würde. Aber was ich wusste war, dass ich es
finden würde. Und dass ich das nur könnte, wenn ich abhaute. Weit weg.
Per Anhalter raus aus jeder erdenklichen Komfortzone.

„Pffffff.“

Ich hatte lange das Gefühl, über viele, vielleicht sogar die meisten Dinge
keinerlei Kontrolle zu haben. Ich lebte nicht mein Leben, sondern auf eine
gewisse Weise lebte es mich. Diesem Gefühl von Kontrollverlust und
Machtlosigkeit habe ich vermutlich meine stets überdurchschnittlichen
Leistungen zu verdanken. Und das nicht im positiven Sinne. Es war auch
nicht so, dass ich keine Menschen in meinem Leben gehabt hätte, die mich
liebten. Die ich liebte. Ganz im Gegenteil. Dass ich keine schöne und
behütete Kindheit oder Jugend gehabt hätte. Nein, auch das war es nicht.
Manchmal quälte mich ein schlechtes Gewissen, weil ich mir so undankbar
vorkam. Aber da war etwas in mir, das befreit werden wollte. So etwas wie
ein „wahres Ich“, begraben unter vielen anderen Dingen, die es jahrelang
stets in Schach gehalten hatten. Diese Dinge wollte ich wegschaufeln und
schauen, was sich darunter verbarg. Ob da nicht noch mehr war.

„Pffffff.“

Australien. Neuseeland. Bali. Fiji. Singapur. So viele Sehnsuchtsorte, die
ich in den letzten Monaten besucht hatte. So viele Eindrücke.
Wunderschöne Erlebnisse. Unvergessliche Erfahrungen. Magische
Momente. Außergewöhnliche Menschen. Inspirierende Gespräche.
Bereichernde Begegnungen. Pulsierende Metropolen. Landschaften und
Natur, die ich mir noch vor einem Jahr nicht einmal zu erträumen gewagt
hätte. Jobs, von denen ich niemals gedacht hätte, dass ich sie einmal machen
würde oder könnte. Das erste eigene Auto. Ohne Versicherung.
Freundschaften, von denen ich wusste, sie würden bleiben. Verliebtsein, von dem ich wusste, dass es nicht bleiben würde. Der Reiz, der genau darin lag.
Das Gefühl von Unabhängigkeit, Freiheit und Selbstbestimmung, nach dem
ich mich so lange gesehnt hatte. Mein Leben. Mein Ich. Meins. Alles.
Glückseligkeit.

„Pffffff.“

Noch vor zwei Wochen fuhr ich mit einem überdimensionalen Rasenmäher
über die Farm im obersten Norden Australiens, wo ich einige Wochen lang
arbeitete. Ein älteres, unfassbar herzliches Pärchen, Heather und Jerry, die
ein Bed and Breakfast dort mitten im Nichts betrieben, die ich bei der
täglichen Arbeit unterstützte. Wwoofing hieß das. Das stand für „Willing
workers on organic farms“. Eine gängige Art für Reisende, eine Zeit lang
Geld zu sparen, indem sie ihre Arbeitskraft für Unterkunft und Essen zur
Verfügung stellten, meistens auf einer Farm.

„Pffffff.“

Noch vor zwei Wochen stand ich jeden Morgen voller Euphorie mit dem
Sonnenaufgang auf, schnitt Hecken, machte die Betten und putzte die
Räume des Bed and Breakfast. Half Heather nachmittags auf der
lichtüberfluteten Veranda des Farmhaupthauses beim Kumquat-Marmelade
einkochen. Bretterte lachend mit dem Rasenmäher über das riesige
Farmgelände und ließ mich so durchschütteln, dass ich mich am nächsten
Tag für das Tragen von zwei BHs übereinander entschied und allen
Daheimgebliebenen davon erzählte, weil ich es so lustig fand. Bekam eines
Nachts panische Angst, weil ich undefinierbare schlurfende Schritte auf
dem Flur in Richtung meines Schlafzimmers hörte. In einer riesigen Hütte
mitten im Busch, die ich ganz allein bewohnte. Nur um irgendwann
festzustellen, dass es sich nicht, wie befürchtet, um einen australischen
Busch-Axtmörder, sondern ein kleines niedliches Wombat-Tierchen
handelte, das auf dem Wellblechdach seine Runden drehte. Entdeckte beim
nächtlichen Gang zur Toilette einen riesigen grünen Frosch im Klo, erschrak mich zu Tode und entschied mich spontan zum Freiluftpinkeln, obwohl ich
mich dabei im dunklen Nichts mindestens genau so gruselte.

„Pffffff.“

Noch vor zwei Wochen fuhr ich jeden Nachmittag nach der Arbeit mit dem
Fahrrad durch das nahegelegene Naturschutzgebiet, in dem Jerry
Wandertouren für Touristen anbot, verlor mich in der unendlichen Weite
dieses faszinierenden Landes, von dem ich in der langen Zeit trotzdem nur
einen so klitzekleinen Teil gesehen hatte, ignorierte die Verbotsschilder,
fuhr weiter und sah hier und da kleine Krokodile und gar nicht mal so kleine
Schlangen am Wegrand.
Saß jeden Nachmittag zum Afternoon-Tea und jeden Abend zum Dinner mit
Heather und Jerry zusammen und kam aus dem Staunen gar nicht mehr
heraus. Über ihr Leben. Ihre Geschichten. Heather war Krankenschwester
bei den Flying Doctors gewesen, hatte damals in New York ihre Ausbildung
gemacht und in ein paar Jahrzehnten vermutlich mehr erlebt als andere
Menschen in einem ganzen Leben nicht.
Vor noch zwei Wochen lief ich jeden Abend nach dem Essen mit meiner
großen Taschenlampe den kleinen Trampelpfad durchs Stockfinstere zurück
zu meiner Hütte, sah Schlangen, hoffte, dass es keine Brown Snake war, der
ich versehentlich den Weg versperrte, sie somit in Bedrängnis brachte und
zur Verteidigung provozierte. Machte meine Taschenlampe aus, sah nach
oben in den abgefahrensten Sternenhimmel, den ich je in meinem Leben
gesehen hatte. Stellte fest, wie unfassbar weit weg ich wirklich von zu
Hause weg war. Denn der große Wagen und alle anderen Sternbilder
standen Kopf. Weil ich auf der anderen Erdhalbkugel war. Ganz alleine.
Und so unfassbar frei.

„Pffffff.“

Und nun liege ich hier. Ganz alleine. Und so unfassbar traurig. Verzweifelt.
Ohne jegliche Hoffnung, dass dieser Zustand jemals vorbeigeht. Ich bin mutterseelenallein am anderen Ende der Welt. Keiner, der mir helfen kann.
Keiner, der mir jemals helfen können wird. Während eine immer größer
werdende bleierne Schwere meinen Körper bis zur absoluten Erstarrung
lähmt, scheint mein Herz unter dieser Last erdrückt zu werden und pocht
und rast panisch um sein Leben. Ich frage mich, ob so ein Herz einfach so
stehen bleiben kann. Weil es nicht mehr möchte. Weil die Last zu schwer
wiegt. Weil die finsteren und vernichtenden Gedankenspiralen in meinem
Kopf es umwickeln wie Stacheldraht und immer fester zudrücken. Bis es
aufhört zu schlagen. Einfach so.

„Pffffff.“

Ich muss pinkeln. Komisch, denke ich. Denn ich kann mich nicht erinnern,
wann ich das letzte Mal etwas getrunken habe. Ich kann nicht aufstehen.

„Pffffff.“

Ich spüre etwas vibrieren. Es muss wohl mein Handy sein unter meinem
Kopfkissen. Die Vibration überträgt sich direkt in mein Gehirn. Ich
wünsche mir so sehr, dass es meine Gedanken einfach wegvibriert. Ich kann
sie nicht stoppen. Sie werden immer finsterer und düsterer. Ich kann nichts
gegen sie tun, ich habe nicht die Kraft dazu. Sie ergreifen Besitz von
meinem Geist, der schließlich zur unumstößlichen Gewissheit kommt, dass
alles absolut hoffnungslos ist und auch immer so bleiben wird. Dass sich
niemals wieder etwas daran ändern wird. Dass ich komplett machtlos bin. In
einer Welt, in der ich keinen Platz mehr habe.

„Pffffff.“

Das Vibrieren hat aufgehört. Die Gedanken nicht. Ein paar Minuten oder
vielleicht auch Stunden später fängt das Handy erneut an zu vibrieren. Ich
habe das Gefühl für Raum und Zeit verloren. Da, wo normalerweise
vermutlich mal so etwas wie positive Empfindungen wären, ist Leere und
Nichts. Was ist schon normal. Wahrscheinlich ist es Mama. Oder Papa. Die
spüren das.

„Pffffff.“

Kurz bevor ich fast ins Bett pinkle, erweist mir mein Körper den ersten und
einzigen Dienst des Tages und steht irgendwie auf. Ich sehe mich wie aus
einer Vogelperspektive und in Zeitlupe zum Klo gehen. An der Rezeption
vorbei. „What’s up?“, meine ich aus weiter Ferne zu hören. Worte, die an der
Blase, die sich um mich herum gebildet hat, abfedern und weiterhüpfen wie
ein Flummi. Ich hebe nicht den Kopf, sondern gehe weiter Richtung
Toiletten. Mein Körper setzt einen Fuß vor den anderen. Wie er das wohl
macht, frage ich mich. Wie all die Körper auf dieser Welt all diese
anstrengenden Schritte tun. Stunde um Stunde. Tag für Tag. Jahr für Jahr.
Ein Leben lang. Unvorstellbar. Als ich die leeren Waschräume betrete,
schaffe ich es nicht einmal zur Toilettentür und übergebe mich direkt in das
Waschbecken links neben mir. Da ich nichts gegessen habe, färbt sich das
Schneeweiß vor mir sonderbar grün, meine Speiseröhre brennt, als würde
Säure in ihr hochsprudeln. Und dann würge ich nur noch. Möchte all den
Schmerz, all die Traurigkeit, all die Angst und Hoffnungslosigkeit
herauswürgen. Aber alles bleibt erbarmungslos in mir. Ich blicke in den
Spiegel. Hätte ich die Kraft dazu, würde ich mich erschrecken. Aber auch
das ist mir egal. Meine ungewaschenen Haare kleben verschwitzt an meiner
Stirn. Ich bin bleicher als das Waschbecken vor mir, meine Lippen platzen
an einigen Stellen auf. Über finsteren Augenringen liegen Augen in tiefen
Höhlen und starren mich blicklos und leer an. Ich kenne diese Augen nicht.
Aus ihnen ist jede Lebendigkeit und jeder Glanz gewichen. Lebendigkeit,
die vor nur kurzer Zeit noch so überwältigend war, das ich nicht wusste,
wohin mit meiner übersprudelnden Freude, Euphorie und Liebe.
Lebendigkeit, an die ich mich schon jetzt nicht einmal annähernd mehr
erinnern kann. Die soweit weg ist, das ich sie nicht greifen kann. Vielleicht
hat sie auch nie existiert.

„Pffffff.“

Ich habe es irgendwie zurück ins Bett geschafft und bin so erschöpft, dass
ich am liebsten sofort schlafen würde. Einfach nur schlafen. Vergessen.
Aber mein Körper hat keine Gnade, kein Erbarmen und lässt mir schon seit
Tagen keinen Moment des Wegdriftens. Die einzige Zeit, die eine kurze
Erholung von dieser unendlichen Qual gewähren könnte. Ich fühle mich, als
würde ich sterben wollen. Ich will nicht sterben wollen. Ich möchte nur nach
dem nächsten Schlaf am nächsten Morgen nicht aufwachen müssen. Für
eine lange Zeit. Wie ein Winterschlaf.

„Pffffff.“

Mein Flug nach Hause geht in zwei Tagen. Ich habe keine Ahnung, wie ich
all die Impulse an meinen Körper senden soll, damit dieser noch einmal
funktioniert. Die notwendig wären, um mit all meinen Sachen all die
Kilometer zu diesem Flughafen zu fahren und irgendwie in Deutschland zu
landen, Warum überhaupt nach Deutschland? Studium. Auch das könnte
mir nicht gleichgültiger sein. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass
ich mich eigentlich einmal darauf gefreut hatte und immer wusste, dass ich
genau das in genau dieser Stadt studieren wollte. Bis vor zwei Wochen
vermutlich.

„Pffffff.“

„Miss? Miss! Phone! For you. Dad!“
Neben mir steht die Rezeptionistin und streckt mir einen Telefonhörer
entgegen. Sie hat knallrote Haare. War mir vorhin gar nicht aufgefallen.
Kann man eigentlich nicht übersehen. Ich greife wie in Zeitlupe nach dem
Hörer. Halte ihn an mein Ohr. Und höre die Stimme meines Vaters. Diesen
Tonfall kenne ich nicht von ihm. Er macht mir Angst. Ich frage mich noch,
wie er es ohne jegliche Englischkenntnisse wohl geschafft hat, dem Mädel
von der Rezeption beizubringen, wer er ist und was er möchte. Vielleicht
hatte Mama ihm das aufgeschrieben. Egal. Das, was in den nächsten
Minuten zwischen uns stattfindet, kann man nicht als Gespräch bezeichnen.

Abwechselnd reden meine Eltern mich ein. Dann weint Mama und Papa
nimmt den Hörer wieder an sich. Mama schluchzt und redet abwechselnd im
Hintergrund weiter, was mich verwirrt. Sie hätten mit dem Arzt gesprochen,
mehrmals. Sie sagen mir, was er gesagt hat. Die Worte flattern als leere
bedeutungslose Buchstaben in mein Ohr und ohne Zwischenstopp im
Gehirn auf der anderen Seite wieder heraus. Arzt. Bin ich krank? Was
verdammt noch mal fehlt mir? Zumindest schon mal die Worte, um diesen
abartigen Zustand, in dem ich mich seit gefühlter Ewigkeit befinde, auch
nur annähernd beschreiben zu können. Ich weiß nur, dass sich der Gedanke,
all das auch nur einen Tag, eine Stunde, eine Minute länger ertragen zu
müssen, sich jeglicher Vorstellungskraft entzieht. Den einzigen
zusammenhängenden Satz, den mein Sprachsteuerungszentrum im Laufe
des Telefonats hervorbringt, ist: „Papa, ich kann nicht mehr.“
Als ich auflege, ohne ein Tschüss zu erwidern, ist sein Flug nach Singapur
gebucht. Es gab keinen früheren als den in drei Tagen. 72 Stunden. 72
Stunden, die vor mir liegen, bis mich jemand retten kommt. Rettet wovor?

„Pffffff.“

Ich würde mein Leben lang kein gesundes Verhältnis zu automatischen
Raumerfrischern mehr haben.

Dafür aber nach zehn Jahren zahlloser Höhen und Tiefen, Fortschritten und
Rückschlägen ein für mich gesundes Verhältnis zu meiner Krankheit. Und
die Erkenntnis, dass ich mich nicht nur trotz, sondern auch mit ihr gesund fühlen kann.

2 Kommentare zu „Nicht jedem Anfang wohnt ein Zauber inne…

  1. Liebe Lisa! Was für eine tolle Kurzgeschichte! Sie berührt mich sehr. Ich sehe so viel Witz, Fröhlichkeit und Begeisterung in ihr, aber auch so viel Tragik, Verzweiflung und Starre. Das Leben, komprimiert. Und fesselnd, ich habe sie in einem Zug durchgelesen und es hat mich auch bereichert, (die Geschichte ist sehr reich)denn du hast es mir näher gebracht, dieses Fühlen der Pole, das Leben in Schwüngen. Danke für das Teilen deiner Arbeit!
    LG, Elisabeth

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