Kaffee. Zum Gehen.

Eine Erzählung.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

So wirklich aufgeregt war er eigentlich gar nicht. Wahrscheinlich, weil er einfach so überhaupt keine Ahnung hatte, was da die nächsten drei Monate auf ihn zukommen würde. Nachdem er nun schon seit einem halben Jahr nicht mehr früh aufstehen hatte müssen (oder dürfen?), es abgesehen davon auch meistens gar nicht gekonnt hätte, war es auf jeden Fall sehr…nennen wir es mal „interessant“, den Wecker auf 6.45 Uhr zu stellen. Tatsächlich auch aufzustehen, zu duschen, sich anzuziehen und dann mit einem schicken umweltfeindlichen Coffee-to-go-Pappbecher in der Hand ins frühmorgendliche Bahnhofsgetümmel von Geschäftsleuten, Pendlern und anderen wichtigen offensichtlich erwerbstätigen Menschen zu stürzen.

Sollten die anderen nur meinen, er wäre viel zu beschäftigt, um morgens vor seinem für die Welt so unglaublich bedeutungsvollen Job Zeit für einen Coffee-to-stay zu Hause zu haben. Ein Luxus, den selbst das attraktivste Jahresgehalt nicht finanzieren konnte. Coffee-to-go stand für Geschäftigkeit. Produktivität. Erfolg. Nur Menschen, die ihr Leben im Griff hatten, trugen Coffee-to-go’s durch die Gegend, schnellen Schrittes selbstverständlich. Dass die 2,70€ für dieses von ihm selbst zum Statussymbol ernannten Heißgetränkes nicht mal annähernd in seinem mehr als traurigen und jede Woche aufs Neue akribisch berechneten Krankengeldbudgets einkalkuliert gewesen war und er sich nun ernsthafte Gedanken um den Einkauf bei Penny am Abend machen musste, würde keiner von den Anderen merken. Sie würden nur den Coffee-to-go in seiner Hand sehen. Seinen zielstrebigen Gang. Und dann würden sie beruhigt wieder wegschauen und weitergehen. Und alles wäre gut. Test bestanden. Fehlte eigentlich nur noch der maßgeschneiderte Anzug, der seit seiner Kündigung wegen wiederholter Krankmeldungen einsam und ausgedient zu Hause in seinem Schrank hing und schon lange kein Licht mehr gesehen hatte. Der ebenso depressiv geworden war mit der Zeit. Gab es eigentlich einen Dresscode in dieser Klinik?

Erst vor ein paar Tagen hatte er in einer Forschungszeitschrift einen Artikel zum Thema psychische Erkrankungen gelesen. Abgesehen davon, dass er bereits um die Statistik wusste, die belegte, dass ein Drittel aller Menschen im Laufe ihres Lebens mindestens einmal mit einer psychischen Erkrankung zu tun hatten, schockierte ihn die Stigmatisierung und der schlechte Ruf, den Erkrankungen der Seele und des Geistes in der Gesellschaft trotz aller Fortschritte, trotz dieser horrend hohen Zahlen an Betroffenen, immer noch genossen, über alle Maßen. In dem Artikel stand außerdem, dass der günstige oder eben auch ungünstige Verlauf von psychischen Erkrankungen nicht von der jeweiligen Diagnose abhinge, sondern vielmehr Ausdruck von unzulänglichen Behandlungsstrukturen und gesellschaftlicher Ausgrenzung war. Letzteres eine sehr schmerzhafte Erfahrung, die auch er im vergangenen Jahr hatte machen müssen. Die ihn beinahe um den Verstand gebracht hätte. Nie zuvor in seinem Leben hatte er sich so einsam und verlassen gefühlt. Und das nicht als Symptom seiner Krankheit. Sondern als Ursache.

Zum allerersten Mal seit Monaten fühlte er sich plötzlich wieder als Teil der Gesellschaft. Mit echter Daseinsberechtigung. Nicht mehr wie ein Aussätziger, ohne Beschäftigung, ständig am Existenzminimum kratzend, ohne Struktur und Halt, dafür aber wenigstens mit einer nicht zu verachtenden Depression.

Und das, obwohl er heute erst mal nur auf dem Weg in die psychiatrische Tagesklinik war, die seinen Tagen wieder einen geregelten Ablauf geben und ihm den Sprung zurück in einen „normalen“ Alltag erleichtern sollte. Damit er endlich wieder funktionieren könnte. Einen produktiven Beitrag zu einer Gesellschaft leisten, all seine Zeit, Kraft und Energie in eine Arbeitswelt stecken könnte, die ihn überhaupt erst krank gemacht hatte. Das Brennen für den Betrieb. Ein Feuer, das ihn als Schatten des kleines Aschehäufchens seiner Selbst zurückgelassen hatte. Sollte das sein „normaler Alltag“ sein? Sein Leben als Kollateralschaden einer Welt, in der er sich nicht mehr zurecht fand? Er klammerte sich fester an die heiße Tarnung in seinen Händen und stieg in den Zug.

Ein Kommentar zu „Kaffee. Zum Gehen.

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