Der Spargelsalat und ich

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Freitagabend. Ein wunderschöner und erlebnisreicher Tag liegt hinter mir. Einer der ersten richtigen Sommertage. Das erste mal beinfrei dieses Jahr. Ich war mit dem Hund einmal durch die halbe Stadt spaziert. Kaffee auf St.Pauli, Sonnenbaden in Altona, Mittagessen mit einem guten Freund in der Schanze, bei meiner alten Arbeitsstelle allen mal wieder hallo gesagt und mit meiner besten Freundin Eiskaffee schlürfend durch die Innenstadt flaniert. So sehr ich Hamburg auch zu jeder anderen Jahreszeit und zum größten Schietwetter liebe…an einen Sommer zwischen Elbe und Alster kommt so schnell nichts ran.

Ich hatte mir im Laufe der Woche fest in den Kopf gesetzt, ganz dringend diesen grünen Spargelsalat nachzumachen, der mich auf einer Veranstaltung am Dienstagabend so von den Socken gehauen hatte. So sehr, dass ich im Rahmen meiner Bemühungen, möglichst unbemerkt und idealerweise erfolgreich nochmal um die Spargelsalatschüssel am Buffet herumzuschleichen, leider so gut wie nichts von dem spannenden Vortrag über skandinavisches Lampendesign mitbekommen hatte. Wie dem auch sei. Der thailändisch interpretierte grüne Spargelsalat sollte es sein.

Nachdem ich mich zur absoluten Einkaufs-Rush hour durch drei verschiedene Supermärkte und den kleinen Asiamarkt um die Ecke habe schubsen lassen, hatte ich endlich alles was ich brauchte zusammen, schwörte mir wie immer auf dem Weg durch die vier Stockwerke zu meiner Wohnung, dass ich auf jeden Fall bald mit dem Rauchen aufhören würde und spürte schon beim Drehen des Schlüssels im Schloss die mir wohl bekannte Vorfreude. Auf mein Zu Hause. Meine ruhige, leere Wohnung. Keine nervigen quasselnden Mitbewohner, die anscheinend schon den ganzen Tag auf dein Nachhausekommen gewartet haben, um dir endlich von ihrem spannenden Reifenwechsel zu erzählen, keine kreischenden Kinder, kein Kerl. Hier möchte ich kurz anmerken, dass ich weder etwas gegen Mitbewohner, Kerle und schon gar nicht Kinder im Allgemeinen habe! So wenig ich auch nur ein einziges Gespräch oder einen einzigen Kontakt dieses Tages missen wollte, so sehr machte sich nun mein Bedürfnis nach Ruhe und Zeit nur für mich alleine breit.

Dafür standen die Zeichen gut, denn ich hatte ja eingekauft und freute mich auf das Schnippeln, Vorbereiten und Kochen bei offenem Fenster, nebenher eine rauchen und meine Lieblingsmusik hören. Diese Kombi hatte ich vor einiger Zeit für mich entdeckt und war fasziniert von der meditativen Wirkung, die sie auf mich hatte. Richtig schön runterkommen und währenddessen wie im Schlaf (im wahrsten Sinne des Wortes) das Fortbestehen der eigenen Spezies durch regelmäßige Nahrungsaufnahme sichern. Los geht’s.

Aus dem Innenhof drang gedämpfter Stimmensmoothie mit der lauen Abendluft durch mein geöffnetes Küchenfenster während ich so von einem Rezeptschritt zum nächsten stolperte. Nur weil Kochen eine meditative Wirkung auf mich hatte, hieß das noch lange nicht, dass ich es auch konnte! Als sich in mir gerade Verwirrung angesichts von „in kochendem Wasser garen“ (Entweder kochen oder garen…aber nicht beides zusammen, oder?) meldete, klingelte das Telefon. Mama. Meine Mutter war für mich die beste Köchin der Welt und manchmal ärgerte ich mich ein bisschen darüber, dass ich ihr nicht einfach ab und zu mal beim Kochen zugesehen hatte. Dann würde ich jetzt sicher kein Koch-Gar-Dilemma haben. Ganz begeistert erzählte ich ihr von meinem kulinarischen Meisterwerken und wollte sie gerade nach der Definition von „Garen“ fragen. So weit kam es allerdings gar nicht.

„Ach Mensch. Manchmal fragen Papa und ich uns wirklich, wie unsere beiden Töchter immer noch keinen Partner an ihrer Seite haben können. Wie schade, dass du den Spargelsalat für dich alleine zubereiten musst und kein toller Mann neben dir steht, der den für dich zubereitet!“

Plopp. Die kleine „Quality-time-with-myself“-Blase, in der ich so zufrieden vor mich hingeschwebt war, platzte in einer lächerlichen glitschigen Miniaturversion des sich eigentlich für das Platzen einer Blase gehörenden Pengs und hinterließ ein paar unspektakuläre Seifenreste auf den weißen Küchenfliesen. Die konnte man schnell wegwischen. So als wäre nichts passiert. Und doch hatte sich etwas geändert. Und ich spreche hier nicht vom Zustand des Spargels, der mittlerweile definitiv mehr gekocht als gegart war.

Während meine Mutter meiner offensichtlichen Entrüstung und weniger offensichtlichen, weil zu verheimlichen versuchten Betroffenheit mit gut gemeinten Erklärungsversuchen über eben genau das, es gut gemeint zu haben, entgegnete, hörte ich schon gar nicht mehr wirklich zu und erwischte mein Unterbewusstsein dabei, wie es bereits eine Liste mit all den Vorzügen und Schönheiten des Singlelebens erstellte. Das ließ mich dann doch kurz stutzig werden und ich fragte mich, warum dieser Satz mich überhaupt auch nur annähernd traf, wo ich doch, und zwar ohne mir etwas vorzumachen, gerade einfach nur voll und ganz bei mir und sehr zufrieden mit meinem Leben war.

Ein Leben, für das ich mich frei entschieden hatte und das ich aus nicht weniger freiem Willen genau so lebte, wie ich es seit einiger Zeit tat. Es war nicht so, dass ich per se etwas gegen nette Männer in meiner Küche hatte. Gegen nur halbnette oder aber auch gar nicht nette allerdings sehr wohl. Um kurz klarzustellen: Ich weiß, es gibt sehr wohl nette Männer da draußen. Meine Küche weiß das auch. Was allerdings noch nicht heißt, dass ich direkt mein Leben mit ihnen teilen oder das Singledasein per Arschtritt ins Jenseits befördern möchte. Und das nicht, weil ich eine Hardcore-Emanze bin, die sich in jeder Lebenssituation beweisen muss, wie selbst die Frau doch ist, dass die Welt keine Männer braucht und vor lauter Begeisterung gar nicht mehr aus dem Möbelschleppen und Hardwarekonfigurieren rauskommt. Die augenscheinliche Unkonventionalität, Freiheit und Unabhängigkeit unserer Generation diesbezüglich fühle ich mich trotz allem immer wieder gezwungen, infrage zu stellen. „Du bist ja wohl nicht im Ernst gerne Single!“, „Du brauchst einfach mal wieder einen Mann.“, „Wie, du hast noch nie getindert?!!“, „Wer wohnt schon gerne alleine?“, „Langsam fängt die Uhr doch an zu ticken, oder?“, „Wenn man zu lange alleine ist, wird man doch komisch“, „Sei mal nicht so streng mit dem, mit deinen Ansprüchen wird das nie was!“…die Liste der konstruktiven Bereicherungen aus unserem Umfeld ist lang. Und wir sprechen hier nicht von der Generation unserer Eltern oder Großeltern.

Ich sehe das „Singlesein“ nicht als notwendiges Übel oder Durststrecke zwischen einer vergangenen und einer nächsten Beziehung, die es aus lauter Angst vor dem Allein- und mit sich selbst Konfrontiertsein, ja sich womöglich im schlimmsten Fall sogar tatsächlich mal selbst reflektieren und hinterfragen zu müssen, möglichst schnell hinter sich zu lassen gilt, sondern als eine wertvolle Chance, die man für sich nutzen und dabei sehr viel Schönes erfahren kann.

Die Chance, sich selbst kennenzulernen, tatsächlich mal keine partnerschaftlichen Kompromisse eingehen zu müssen, seine Bedürfnisse ohne schlechtes Gewissen an allererste Stelle zu setzen, Frieden mit dem Alleinsein zu schließen, seine Schönheit zu erkennen und das darin schlummernde Potenzial zu nutzen, mit voller Absicht Zahnpastatuben offen rumliegen zu lassen und die Geschirrspülmaschine aus Prinzip völlig „falsch“ einzuräumen, nackt zu putzen (was sonst wahrscheinlich auch nicht wirklich ungern gesehen worden wäre und sich deshalb nicht sonderlich als Rebell-Akt, wortwörtlich, eignet) einfach mal nur das zu machen, wonach einem gerade ist. „Aber das ist doch total egoistisch“, mag da der ein oder andere selbsternannte Gutmensch quaken. Kann man so sehen, muss man aber nicht. Eine gesunde Portion Egoismus an der richtigen Stelle hat noch niemandem geschadet und läuft auch unter dem Namen Selbstfürsorge.

So toll das auch alles klingen mag, diese verinnerlichten Überzeugungen, gelebten Werte und authentischen Lebenskonzepte…wenn man ganz ehrlich zu sich selbst ist, sind diese oft trotzdem nicht ganz frei von gesellschaftlichen Zwängen und immer noch in Sichtweite des konventionellen Zeigefingers.

Klar meinen es Eltern nur gut mit einem, zumindest die meisten. Und ja, in ihrer Generation war das auch nochmal anders als bei uns, auch wenn ich mich noch immer nicht so recht entscheiden kann, ob es damals besser oder schlechter war. Oder keins von beidem. Allein in Hamburg sind aktuell 514.000 von insgesamt 974.000 Haushalten Singlehaushalte (https://www.hamburg.de/info/3277402/hamburg-in-zahlen/), sprich mehr als die Hälfte.

„Da bist du doch in deiner Stadt in bester Gesellschaft“, hatte mal ein Bekannter zu mir gesagt. Freut mich echt total für die anderen 513.999, aber ehrlich gesagt kann ich gerade ganz gut auf deren Gesellschaft verzichten und finde meine eigene völlig ausreichend. Der Weg zu dieser Genügsamkeit und inneren Zufriedenheit war lang. Und falls eines der sich unter diesen 513.999 oder sonstwo existierenden Singlehaushalten befindlichen männlichen Wesen doch irgendwann mal ganz ohne Wisch den Weg bis in meine Küche gefunden haben sollte, dann hoffe ich Mama zuliebe, dass der Herr kochen kann.

Ein Kommentar zu „Der Spargelsalat und ich

  1. Liebe Lisa,
    Klingt wirklich rundum nach Seligkeit wie du da deinen Spargelsalat zubereitest! Und es macht Spaß dir beim Es-sich-gut-gehen-lassen zu folgen! Auch die Beschreibung mit der Seifenblase gefällt mir und der Stimmensmoothie. Genieße das gute Wetter! LG

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