Aura is a bitch, too.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Vom Karma wussten wir das ja schon.

Ich glaube fest daran, dass das, was wir ausstrahlen, eine sehr große Wirkung auf die Dinge und Menschen hat, die uns begegnen. Ja, ich glaube auch daran, dass jeder Mensch eine gewisse Aura besitzt, die sich, je nach Lebens- und Gemütslage, immer wieder verändern kann. Und das ganz ohne spirituell besonders affin zu sein. Wie stehen unsere Auren denn eigentlich zu Depressionen, drängte sich mir kürzlich ein Gedanke auf, der mich nicht mehr losließ. Wem Aura hier zu spirituell erscheint, kann für sich dieses Wort im folgenden Text gerne durch „Ausstrahlung“ ersetzen, aber mir gefällt „Aura“ einfach.

Schachmatt, liebe Aura!

Immer, wenn ich tief und fest in einer meiner nicht gerade wenigen depressiven Phasen der letzten Jahre feststeckte, hatte ich das Gefühl, nur noch mehr unangenehme Situationen, unfreundliche Reaktionen und missmutige Menschen anzuziehen. So wie man in einer solchen Phase alles durch den berühmt-berüchtigten grauen Filter sieht und die Welt um einen herum im depressiven Nebel zu versinken droht, so stelle ich mir vor, dass sich auch die Aura eines (im Moment) traurigen, in negativen Gedankenspiralen gefangenen und verzweifelten Menschen dunkel verfärben oder Glanz und Farbe verlieren kann. Und dass man dadurch, abgesehen von dem sowieso gerade ausschließlich negativen Denken und Grau-in-Grau sehen, auch eher negative Situationen oder Menschen anzieht. Was einen dann abermals im sowieso schon wohl etablierten Pessimismus (und zwar als Symptom der Depression und nicht als Charaktereigenschaft!) bestärkt, à la „Mich mag sowieso keiner“, „Immer passieren nur mir solche Dinge“, „Keiner will mir helfen“ und Ähnliches aus dem Repertoire der selbstvernichtenden Behauptungen bestärkt, und schon schließt sich der Teufelskreis.

Blind.

Wenn es uns gut geht, wissen und sehen wir (sowohl rückblickend als auch vorausschauend), dass es selbst in den allerdunkelsten Momenten irgendetwas Schönes geben kann, wenn auch noch so klein, augenscheinlich nichtig und unscheinbar, aber es ist da. Kann für kurze Zeit, wenn auch nur für den Bruchteil einer Sekunde, etwas Licht ins Dunkel bringen. Doch wenn wir in besagtem Teufelskreis gefangen sind, sind wir für all das blind. Und zwar leider nicht blind vor Liebe. Sondern blind vor Traurigkeit, Schmerz und Verzweiflung.

Das Leben zieht scheinbar an einem vorbei, man selbst ist plötzlich nicht mehr Teil der eigenen Welt und der um einen herum. Vom Hauptdarsteller zum Statisten. Aus dem Raster gefallen. Nicht mehr funktionsfähig. Und was kaputt ist, wird aussortiert.

Ich bin meine Gedanken. Oder etwa nicht?

So kann es sich zumindest manchmal anfühlen. Und da die Depression uns leider meist dazu bringt, all unseren Gedanken ungefiltert Glauben zu schenken, seien sie auch noch so selbstdegradierend und vernichtend, und uns voll und ganz mit ihnen zu identifizieren, gelingt es uns irgendwann nicht mehr, Situationen und auch Gefühle aus einer gewissen Distanz oder weniger bewertend zu betrachten. Wir werden sozusagen unsere Gedanken.

Gruselig.

Ab einem bestimmten Moment hatte es sich für mich nicht mal mehr „nur“ so angefühlt, als wäre ich kein funktionierender Teil der Gesellschaft mehr, sondern als wäre ich komplett aus der Welt gefallen. Eine Welt, deren Leben und Alltag in schwindelerregender Geschwindigkeit und ohrenbetäubendem Lärm an mir vorbei jagten, während ich völlig erstarrt und handlungsunfähig zurückblieb. Meine Kraft gerade noch reichte, um mir die Ohren zuzuhalten, wie ein kleines Kind, das nicht hören will, und meine Augen fest zusammen zu kneifen, um zu verhindern, dass sich die gruseligen Szenen dieses Horrorfilms in mein Gehirn brannten und mir schlaflose Nächte und Angstzustände bereiteten. Mit dem kleinen, aber bedeutenden Unterschied, dass beides bereits zu meinem Alltag gehörte und sich das Grauen nicht auf einem Bildschirm, sondern mitten in meinem Leben abspielte.

Einmal Überlänge, bitte.

Für das Ticket zum Kino meiner Psyche musste ich sogar Aufschlag zahlen, da der Gruselstreifen Überlänge hatte. Aber irgendwann fiel auch hier der Vorhang und ich konnte den dunklen Kinosaal verlassen, raus ins Helle. Ich kann mich noch heute ganz genau und bis ins kleinste Detail an den allerersten winzigen Moment der Freude nach all den dunklen Wochen und Monaten erinnern. Ausgelöst durch eine simple zwischenmenschliche Geste. Es war so ein leises, zartes, flatteriges Gefühl in meiner Körpermitte, dass ich es zuerst überhaupt nicht zuordnen konnte. Aber dann plötzlich wurde mir klar: Ich hatte gerade Freude empfunden. Zwar nur ein kleines Fünkchen, aber sie war da gewesen. Ein kleiner tapsiger Babyschritt in die richtige Richtung. Wieder laufen lernen. Hatte ich doch damals auch hingekriegt.

Ab diesem Tag keimte in mir die Hoffnung auf, dass sich, parallel zu meiner Psyche, vielleicht ja auch meine Aura zu erholen begann und bereits einen Teil ihres Glanzes wiedererlangt hatte.
Ausgehend von meinem Inneren, das vorsichtig nach und nach wieder kleine Räume für Lebensfreude und Leichtigkeit schaffen würde. Denn begraben unter den Seelenscherben der vorangegangenen Zeit hätte sie besagte Situation, die aus dieser schönen Geste entstanden war und zu meinem neuen alten Gefühl der Freude geführt hatte, ganz sicher nicht begünstigt geschweige denn angezogen.

Dieser Gedanke begleitete mich durch die Höhen und Tiefen, die noch folgen sollten und gab mir die Kraft, auch diese zu durchstehen.

10 Kommentare zu „Aura is a bitch, too.

  1. Liebe Lisa, was du über die Aura schreibst (außer dass sie eine Bitch sei) erlebe ich im Theater und auch an mir selbst ganz stark. Bedrohlich wirkt es, wenn man seinem Körper durch Krankheit fremd wird. Die Krankheit an sich ist ja schon die Entfremdung von Wohlbefinden und die Wahrnehmung darüber kann alles nochmal verstärken- allerdings ohne, dass man es beeinflussen könnte. Ich erlebe es ganz stark, wenn ich mal hohes Fieber habe/ hatte, dann sehe ich im Spiegel jemanden, der nicht Ich zu sein scheint. Jegliche ärztliche Eingriffe und seien sie auch noch so klein, erlebe ich als eine Störung meines Gleichgewichts. Wieviel stärker wirkt das bei einer Depression und ähnlichen Krankheiten! Ich finde, du hast hier einen Artikel geschrieben, in dem dir ein paar sehr schöne sprachliche Bilder gelungen sind. Wenn die Gesellschaft doch so offen und dennoch rücksichtsvoll mit all diesen Themen umgehen könnte!! Herzlichen Dank und lieben Gruß, Deine Comediante23

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  2. Hallo Lisa, ich bin sehr beeindruckt von Deinem Text. Für mich spricht da sehr viel Kraft und Stärke heraus. Diese sensible Selbstbeobachtung und das Greifen nach dem Strohhalm Hoffnung und die Willenskraft den nie wieder loszulassen. Meinen Respekt hast du! Herzlichen Dank für Deinen Text. Liebe Grüße, Dein BAutheater

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  3. Liebe comediante,

    vielen Dank für deinen schönen Kommentar. Ich weiß genau, was du meinst und finde „seinem Körper fremd werden“ trifft es ziemlich gut, vor allem für körperliche Erkrankungen. Bei psychischen Erkrankungen finde ich lässt sich das noch erweitern auf „seiner Seele/seinem Geist fremd werden“, was mehr als „gruselig“ ist. Eine Entfremdung vom eigenen Wohlbefinden, sowohl körperlich, als auch geistig, die alles aus dem Gleichgewicht bringt. Und das Kritische daran ist eben genau das: Man hat, zumindest manchmal und für eine gewisse Zeit, keinerlei Einfluss darauf.
    Vielen Dank für deine motivierenden Worte, liebe comediante!

    Schöne und sonnige Grüße aus Hamburg!

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  4. Liebes BAutheater,

    vielen Dank für deine schönen und motivierenden Worte, ich habe mich sehr darüber gefreut!
    Nicht immer hilft in solchen Situationen Willenskraft allein, denn manchmal hat der Wille sprichwörtlich einfach nicht die „Kraft“, ganz egal wie sehr man das gerade wollen will. Aber wenn sie da ist, dann ist das ein großes Geschenk.
    Ich habe auch schon auf deinem Blog gestöbert, wollte mir aber in Ruhe Zeit nehmen für einen Kommentar, die ich in den letzten Wochen einfach nicht hatte. Kommt aber noch, fest versprochen!

    Ganz liebe Grüße und danke!

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  5. Wieder trifft mich jedes Wort deines Blogs mitten ins Herz. „Blind“ für das Positive – das bringt es einfach auf den Punkt. Wie fein du dich beobachtest und minutiös Stimmungen stenographierst. Ich spüre, dass jede Silbe Rettung ist. Interessant finde ich auch wie du nicht nur dein Erlebtes, sondern deine Sprache reflektierst. Aura ist ein wunderschönes Wort. Es hat so einen besonders klaren Klang. Allerdings habe ich oft das Gefühl, ich muss es erst gründlich abduschen oder in die Badewanne legen, damit der mufflige Geruch verschwindet. Leider riecht sehr vieles aus der spirituellen Ecke nach alten Wollsocken. Umso glücklicher macht mich,dass die gute „Aura“ bei dir so einen frischen Auftritt hingelegt hat. Es kommt eben ganz darauf an, was man draus macht.

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  6. Liebe Lisa,
    danke für einen weiteren, so offen Einblick, in deine Gedankenwelt und deine Sichtweise. Vieles von dem was du schreibst, kann ich eins zu eins unterschreiben. Wenn ich in den letzten Tagen unterwegs war, habe ich so viele lächelnde Menschen gesehen. Warum? Weil ich mich so über die ersten Frühlingssonnenstrahlen freute und wahrscheinlich selbst wie eine Sonne vor mich hingegrinst habe. Klar- Aura- das kommt zurück. In diesem Sinne, sonnige Grüße, Anne

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  7. Liebe Lisa,
    Du findest Worte für die Täler einer Depression, die ihren Charakter genau erfassen. Deine Vergleiche („Blind“, „Ich bin meine Gedanken“ und der Vergleich mit dem Kinoticket) sind einfach genial und ich fühle mich, als hätten Deine Worte meine zurückliegende postpartale Depression im Nachhinein nochmals enttarnt. Fühlt sich gut an: Danke dafür!

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  8. Liebe Frau Punkte,

    vielen Dank für deine schönen und motivierenden Worte, über die ich mich, wie immer, sehr gefreut habe!
    Ich musste wirklich schmunzeln, bei deiner Beschreibung des „Reinigungsvorgangs“ der guten alten Aura, die dann zugegebenermaßen doch etwas nach Eso müffelt! Aber das Gute ist ja, dass wir, die wir ihren ursprünglichen Geruch nicht so pralle finden, einfach abduschen können und alle anderen sie auch ohne Dusche direkt bei sich aufnehmen. Auf diese Art haben alle was von dem besonderen Klang der „Aura“ 🙂

    Ganz liebe Grüße
    Lisa

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  9. Liebe shubia,

    vielen Dank für deine im wahrsten Sinne sonnigen Worte, passend zum Frühlingserwachen.
    Kann mir bildlich vorstellen, wie du mit deinem unumgänglich ansteckenden Strahlen durch die Gegend läufst und das Lächeln von den Menschen um dich herum dir förmlich zufliegen! 🙂

    Ganz liebe und sonnige Grüße
    Lisa

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  10. Liebe Amelie,

    vielen Dank auch für deine aufbauenden Worte.
    Es freut und ehrt mich sehr, dass meine Worte zu einer weiteren Enttarnung deiner zurückliegenden Depression beitragen konnten.
    Und das fühlt sich auch für mich gut an 🙂

    Ganz liebe Grüße
    Lisa

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