Unfassbar.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Pizza mit Nichts.

Ganz zu Beginn möchte ich euch heute einmal vorwarnen, dass es eventuell etwas ungeordnet werden könnte heute. Allein mich hier an meinen PC zu setzen hat mich unfassbar viel Überzeugungskraft meines momentan erneut in depressiven Sphären schwebenden Hirns sowie meines äußerst antriebslosen und schwerfälligen Körpers gekostet. Nun sitze ich hier völlig erschöpft am Tisch und schreibe mal los. Aber ich schreibe. Das zählt jetzt erstmal. Allerdings kann ich nicht garantieren, dass ich hier heute irgendeine Ordnung halten werde. Einerseits habe ich irgendwie so viel im Kopf, das ich hier sagen möchte, andererseits kann ich mich gerade weder entscheiden, ob ich Mais oder Pilze oder doch lieber gar nichts auf meiner Pizza haben möchte, geschweige denn nur für ein bestimmtes Thema, über das ich jetzt schön fein sortiert und strukturiert schreiben werde. Konzentration war auch schon mal besser. Also müssen wir es eben heute mal so nehmen, wie es ist.

Das große Blah.

In meinem letzten Blogartikel vom 1. Mai hatte ich geschrieben: „Die Stimmung verläuft gerade nicht bipolar, sondern in Wellen.“ War da ziemlich motiviert, an einem der darauf folgenden Tage einen Artikel zum Thema „Languishing“ zu schreiben, von dem ich selbst in einem englischen Artikel gelesen hatte. Mit meinem aktuellen Empfinden nach über einem halben Jahr Arbeitslosigkeit, Endlos-Lockdown, fehlender Struktur in endlos scheinenden und immer gleichen Tagen sowie stetig schwindenden Reserven zur Bewältigung all dessen, sprach mir dieser Artikel aus der Seele. Der Artikel beschreibt das „Blah“, das viele (und mittlerweile vermutlich sogar die meisten von uns) nach über einem Jahr Pandemie immer stärker empfinden. Von dem „vernachlässigten Sandwichkind der mentalen Gesundheit“ als vorherrschende Emotion des Jahres 2021 ist die Rede. Es handele sich weder um ein Burnout – wir hätten ja noch Energie – noch um eine Depression – wir hätten die Hoffnung ja noch nicht verloren – sondern sind „einfach“ irgendwie freud- und ziellos. „We are languishing“.

Deine Mutter hält durch!

Da mich bereits nur zwei Tage später diverse depressive Symptome nach allen Regeln der Kunst verführt und im wahrsten Sinne des Wortes flachgelegt hatten, war leider an keinen weiteren Blogartikel zu denken. Weder über „Languishing“ noch sonst irgendwas. Der Artikel wird aber kommen, denn die Thematik ist einfach zu gut. Wäre ich nicht so tieftraurig gewesen, hätte ich darüber gelacht. Die Stimmung verläuft gerade nicht bipolar, neeeein! In Wellen. Jaja. Als ob mein Hirn das gehört hätte und sich dachte, na das werden wir ja noch sehen. Zu früh gefreut.

Ich bin gerade dabei, mich mal wieder aus dem Loch heraus zu kämpfen. Die letzte depressive Phase im Februar ist noch nicht lange genug her und aufgrund der aktuellen Situation war es mir trotz aller Bemühungen nicht möglich, meine Akkus mit Aktivitäten und all den Ressourcen, der ich mich ohne Pandemie, Lockdown und Kontaktbeschränkungen sonst bedienen kann und von denen ich weiß, dass sie sowohl Phasen verhindern, abfangen als auch deutlich abmildern können, wieder voll genug aufzuladen. Ich versuche, diesen Artikel nicht zu nutzen, um über die Pandemie zu jammern. Das kann nämlich keiner mehr hören. Und es bringt nichts. Bloß ist es leider so, dass man irgendwann merkt, dass man gerade keine Kraft mehr zum Durchhalten, Zuversichtlichsein, Abwarten und Positivdenken hat. Dass die persönlichen Reserven erschöpft sind und Lethargie und Monotonie einen zu erdrücken drohen.

Toxic positivity.

Ich spreche hier auch wie immer nur aus meiner ganz persönlichen Sicht. Ich liebe meinen Job im Café mit allem, was dazugehört, meine Mädels, die keine Arbeitskolleginnen, sondern engste Freundinnen sind. Unsere Stammgäste. Der Kontakt und das Schnacken mit ihnen. Der Duft von Kaffee und frisch aufgebackenen Croissants in der Frühschicht. Die Leichtigkeit und das viele Lachen, das unsere Arbeit dort begleitet. Die Zerstreuung. Kuchen backen und dekorieren. Neue Eindrücke und neuen Input. Struktur im Tag, die anders ist als die, die ich mir mittlerweile krampfhaft jeden Tag aufs Neue versuche, selbst zu erschaffen. Seit einem halben Jahr können wir nun schon nicht mehr dort arbeiten. Und trotz aller Tagesgestaltungs-Kreativität und nicht selten toxischen Positivität (auch dazu wird es in Zukunft mal einen Artikel geben) à la „Ich versuche, das Beste daraus zu machen“, „Jede Krise macht einen ja auch stärker“, „Corona hat ja auch Vorteile“, „Massenveranstaltungen find ich eh nicht so geil“, „Hab ich wenigstens keinen sozialen Stress mehr“, hat es sich jetzt einfach langsam mal totspaziert. Totreflektiert. Totgezoomt. Totgebacken. Totgepuzzled. Totgebingewatched. Totaussortiert. Totumdekoriert. Tot-Coffee-to-go-ed. Totmeditiert. Totfrühlingsgeputzt. Totgejournaled.

Schlimmer geht immer.

Irgendwann habe ich erkannt, dass ich mir selbst diese Erschöpfung, diesen Pessimismus, den ich so überhaupt nicht von mir kenne und abgesehen davon auch nicht schätze, dieses Gefühl des absoluten Stillstandes und der damit einhergehenden Resignation und Perspektivlosigkeit weder ein- noch zugestehen wollte. Immer noch dachte „Anderen geht es doch viel schlechter“, die alte Laier. Konnte meine Gedanken selbst nicht mehr hören. Merkte, dass dieses selbst auferlegte Verbot meiner Gedanken und Empfindungen leider, Überraschung, so gar nicht zu besserer Laune führte. Weswegen ich irgendwann auf den altbewährten Perspektivwechsel zurückgegriffen und mir vorgestellt habe, was ich einer guten Freundin oder einem guten Freund in der gleichen Situation sagen würde. Wie ich über sie oder ihn denken würde, wenn sie oder er so fühlen würde. Nur um mal wieder festzustellen, dass ich keinen einzigen der unfreundlichen und unnachsichtigen Gedanken jemals über jemand anderen hätte.

Warum tun wir uns dann manchmal so schwer damit, einfach lieb zu uns zu sein? Haben Erwartungen an uns, die überhaupt nicht erfüllt werden können? Völlig überhöhte Ansprüche, die überhaupt nicht realistisch sind? Und abgesehen davon auch gar nicht notwendig. Sind unser strengster Kritiker? Jaja, die guten „Inneren Antreiber“. Oder viel mehr „Innere Kritiker“. Glaubenssätze, die sich vor tausend Jahren ohne einmal nachzufragen in unserem Hirn eingenistet haben und, selbst wenn wir uns ihrer durch rezidivierenden Reflektionsreflux vom Allerfeinsten irgendwann endlich bewusst sind, so hartnäckig kleben bleiben, dass wir uns im Laufe unseres Lebens immer und immer wieder daran erinnern müssen, dass das doch so eigentlich gar nicht stimmt. Dass wir manchmal ganz schön unfair zu uns sind. Und dass wir das gar nicht verdient haben. Weil wir das eigentlich doch ganz schön gut machen. Und dass gut auch einfach gut genug sein kann. Sein darf.

Mach einfach mal nicht das Beste draus!

Ist das hier jetzt doch ein Jammer-Artikel? Ich hoffe nicht. Wen dieser Artikel deprimiert, kann ja auch aufhören zu lesen und auf andere Artikel warten. Ich persönlich habe in den letzten Wochen und Monaten, und zwar bevor ich in die aktuelle depressive Phase geschliddert bin, einfach mal wieder gemerkt, dass toxische Positivität, in allem immer das Gute zu sehen, aus allem immer das Beste zu machen, uns so viel schlechter fühlen lassen kann und all die Sorgen, Ängste und negativen Gedanken, die wir, warum auch immer, in einem bestimmten Moment oder über einen bestimmten Zeitraum haben, so viel stärker und schlimmer werden lassen können, als wenn wir einfach mal anerkennen, dass es nun gerade mal nicht so toll läuft. Oder halt auch einfach mal so richtig beschissen. Dass wir Übermenschen wären, wenn wir das jetzt einfach so auf die leichte Schulter nehmen und selbst bis zum Hals in dieser Scheiße steckend noch „Carpe Diem“ flöten würden. Dass das Leben nicht immer toll läuft. Dass es Sonnentage gibt. Aber auch Regentage. Sowohl bei psychisch gesunden auch als psychisch kranken Menschen.

Es gibt Regentage. Und dann gibt es Regentage.

Dass die Regentage aber auch nicht heißen, dass die Sonne nie wieder scheinen wird, von was uns das depressive Gehirn von bipolar oder auch unipolar depressiv erkrankten Menschen so zuverlässig und glaubwürdig immer wieder auf’s Neue überzeugen möchte und dessen einfach nicht müde wird. Depressive Regentage sind jedoch anders als „gesunde“ Regentage. Ich kenne beide. Man kann sie nicht annähernd miteinander vergleichen. Depressive Regentage sind so viel dunkler. Und so viel schwerer. Oft ohne einen einzigen Lichtstrahl am Horizont. Oft ohne eine Wolke als Quelle des Regens. Er fällt einfach so. Tiefe Traurigkeit, wie aus heiterem Himmel.

Du darfst.

Die aktuelle depressive Phase hat mich dummerweise sowieso schon im Stromsparmodus erwischt. Akkus nicht mal zur Hälfte aufgeladen. Ladekabel hat wohl ’nen Wackler. Ich glaube, dass mein schon etwas krampfhaftes „Halte durch“, „Anderen geht es immer noch schlechter“ und „Bleib positiv“ nach all den Monaten nun genau das Gegenteil bewirkt haben. Bis ich mir endlich irgendwann eingestanden habe, dass das, was ich gerade denke und fühle, der Situation völlig angemessen ist. Dass ich so denken und fühlen darf. Dass meine Reserven aufgebraucht sein dürfen. Dass ich müde sein darf vom letzten Jahr. Dass ich die alte Normalität vermissen darf. Dass ich darüber traurig sein darf. Dass ich mich nach einem Ende der Ausnahmesituation sehnen darf.

Dass jede und jeder von uns das darf. Und wir damit nicht alleine sind. Immer mehr Menschen sind mittlerweile am Ende ihrer Kräfte und auch am Ende ihres Lateins. Und zwar auch Menschen ohne jegliche psychische Vorbelastung. Die Stabilsten unter den Stabilen. Die vielleicht sogar noch ihren Job weiter ausführen können und sich zumindest um ihre Existenz keine Gedanken machen müssen. Auch hier sei noch einmal klar gestellt, dass die Herausforderungen, vor die diese Pandemie eine*n jede*n von uns stellt, höchst individuell sind und keine davon hier geschmälert werden soll.

Zum Trotz.

Da ich diesen Blog allerdings in erster Linie schreibe, um anderen Betroffenen oder auch Angehörigen von Menschen mit bipolaren Störungen zu zeigen, dass sie nicht alleine sind, ihnen durch die Schilderungen meiner eigenen Phasen und Erlebnisse mit der Erkrankung ein Gefühl von Gesehen- und Verstanden werden zu geben und letzten Endes natürlich auch Hoffnung zu spenden, möchte ich auch diesen Artikel vor allem ihnen widmen.

Mich selbst und euch hiermit und in der aktuellen Pandemie-Situation, mit der wir nun schon über ein Jahr leben und wahrscheinlich auch noch eine Weile leben werden, daran erinnern, dass die bipolare Störung gewisse Vorbelastungen und auch Vulnerabilitäten (Verletzlichkeiten) mit sich bringt, die bei psychisch gesunden Menschen nun mal einfach nicht gegeben sind. Dass in unserem Hirnstoffwechsel Dinge nicht so laufen, wie sie laufen sollten. Das möchte ich an dieser Stelle erwähnen, weil ich bis Ende letzten Jahres trotz allem so gut durch diese Corona-Zeit gekommen und darauf ehrlich gesagt total stolz war. Trotz Arbeitslosigkeit. Trotz finanzieller Sorgen. Trotz weggebrochener Struktur. Trotz fehlender Ressourcen, die mittlerweile fester und verlässlicher Bestandteil meines Krankheitsmanagements waren.

Schmeckt anders. Klingt anders. Is(s)t anders.

Das sind so „einfache“ Dinge wie Saunabesuche, Tanzen gehen, Mädelsabende ohne Abstand und in der Gruppe, die wir nun mal eben sind, nicht nur mit einer Person, miteinander zu Hause kochen oder Essen gehen, dabei andere lachende und sich unterhaltende Menschen um sich herum haben. Lebendigkeit. Leichtigkeit. Zerstreuung. Im Café sitzen, einen Cappuccino trinken, dessen Milchschaum ich zu Hause niemals so hinkriegen würde und der einfach so viel besser schmeckt, und Tagebuch oder einen Blogartikel zu schreiben, völlig versunken und zuckerwattenweich gebettet in eine süße Symphonie aus Geräuschen, die sich so zu Hause an meinem Schreib- oder Küchentisch niemals so ergeben könnten. Das Dampfen des Milchschäumers an der Kaffeemaschine, Tellergeklapper und das Rauschen der Geschirrspülmaschine in der Caféküche, leise französische Jazzmusik im Hintergrund, die Ladenklingel, jedes Mal wenn sich die Tür öffnet oder schließt, die mir sonst so unfassbar hart auf den Sack geht, Menschen, die ein und ausgehen, ihren ganz eigenen kleinen Teil zur Atmosphäre und der Stimmung im Raum für die Zeit, die sie Gast sind, beitragen, lachen und auch manchmal weinen, leise oder laut sind und Gespräche führen, deren Sätze nicht nur aus 7-Tage-Inzidenz, Impfung, Ausgangssperren und Corona-Regelungen bestehen.

Nie wieder Bananenbrot!!!

Für die meisten Menschen sind gewisse Ressourcen Teil des Lebens und wichtig für ihr körperliches und mentales Wohlbefinden. Wenn diese Dinge nicht möglich sind, dann fehlen sie und vermutlich hat diese Lücke langfristig keinen positiven Einfluss auf die Stimmung. Bei psychisch kranken Menschen jedoch bedeutet der Wegfall dieser Ressourcen dann doch noch ein bisschen mehr. Da ist die Isolation durch die Kontaktbeschränkungen und die fehlende körperliche Nähe nicht nur nervig, traurig oder belastend. Sie ist existenziell. Sie sind unverzichtbarer Bestandteil der eigenen Phasenprophylaxe und des Stabilitätsmanagements. Ressourcen, auf die wir als Betroffene zurückgreifen, wenn unsere Frühwarnsysteme anspringen, die eine bevorstehende Phase, ob nun depressiv oder hypoman, ankündigen. Mit Hilfe derer wir über die Zeit gelernt haben, nochmal fix die Kurve zu kratzen, rechtzeitig gegenzusteuern und somit das Schlimmste zu verhindern. Ressourcen, die bisher aus so viel mehr als Spazierengehen und Bananenbrot backen bestanden. Deren Wegfall und Unrealisierbarkeit sehr viel mehr als nur Langeweile für Betroffene bedeuten. Als besondere Gefahr sehe und empfinde ich auch selbst die Isolation, die zeitweise extrem war (sofern man sich an die Kontaktbeschränkungen gehalten hat), je nach persönlicher Lebens-/Wohnsituation. Denn Isolation kann nicht nur Ursache von Depressionen, sondern ebenso auch Symptom sein. Fehlende soziale Kontakte und sozialer Rückzug können in einer depressiven Phase münden. Gleichzeitig sind Selbstisolation und sozialer Rückzug Hauptsymptome einer Depression, in der die Betroffenen, je nach Schweregrad der Episode, das Interesse an allem verlieren können, das ihnen bisher wichtig war und gut getan hat. Keinen Antrieb und keine Energie mehr haben, um sich überhaupt mit jemandem zu treffen. Oder sich selbst in ihrer negativen Stimmung sowieso als Belastung für den Rest der Welt empfinden. Und das Gefühl haben, dass sie sowieso niemandem wirklich wichtig sind aufgrund den verheerenden Veränderungen, die eine Depression für das eigene Selbstwertgefühl mit sich bringt.

Vulnerabilitäts-Stress-Modell.

Wie schon am Anfang des Artikels angekündigt, springe ich heute ein bisschen von Thema zu Thema. Und hätte zu jedem einzelnen eigentlich noch so viel mehr zu sagen. Werde dazu auch in kommenden Artikeln noch mehr sagen. Nun möchte ich nochmal auf den Absatz zurück kommen, in dem ich die so genannte Vulnerabilität erwähnt habe. In der Psychologie spricht man vom „Vulnerabilitäts-Stress-Modell“, das ziemlich bekannt ist und das viele von euch bestimmt schon kennen. Es beschreibt die „individuelle Verletzlichkeit“ eines Menschen anhand eines Fasses, das unterschiedlich schnell zum Überlaufen gebracht werden kann. Das ist so ein umfangreiches Thema, das ich dazu einen eigenen Artikel schreiben werde.

Für jetzt soll die Info reichen, dass jeder Mensch aus unterschiedlichen Gründen ein unterschiedliches Fassungsvermögen in seinem Fass hat und es dementsprechend mehr oder weniger Wasser braucht, um dieses zum Überlaufen zu bringen. Im Vergleich zu psychisch gesunden und relativ unvorbelasteten Personen haben psychisch kranke Menschen ein geringeres Fassungsvermögen. Allein durch all die Herausforderungen und Schwierigkeiten, die eine psychische Erkrankung mit sich bringt, ist da sozusagen schon weniger Platz für zusätzliche Belastungen. Braucht es bei ihnen weniger Liter Wasser als bei den gesunden Menschen, um das Fass zum Überlaufen zu bringen. So wie ein Mensch mit schwachem Immunsystem schneller und häufiger krank wird als eine Person mit starkem Immunsystem.

Alles meine Schuld?

Die Pandemie ist eine der Belastungen, die da seit einem Jahr fleißig und unaufhörlich in rauen Mengen in unsere Fässer gekippt wird. Ich war also so stolz darauf, dass ich trotz allem bis Ende letzten Jahres so stabil geblieben war und es mir eigentlich ziemlich lange ziemlich gut ging angesichts dieses riesengroßen dampfenden Kackehaufens vor meiner Tür. Ich hatte mittlerweile ein so gutes Krankheitsmanagement, dass meine Phasen weniger wurden und kürzer sowie weniger intensiv ausfielen. Und dann saß ich da plötzlich wieder in meiner depressiven Phase im Februar und war völlig am Ende. Wie war das denn jetzt gekommen?! Ich hatte doch die ganze Zeit so gut auf mich geachtet und alle meine so akribisch aufgestellten Regeln für eine bestmögliche Stabilität ganz brav befolgt. Und jetzt das! Ich war unfassbar frustriert und fühlte mich wie der letzte Loser. Wo wir wieder beim Selbstwert in depressiven Phasen wären. Mir fiel nicht noch mehr ein, was ich noch tun könnte. Anscheinend war diese Erkrankung ja wohl doch stärker als ich.

Da malte mir meine Therapeutin die drei Fässer an ein Flipchart. Und plötzlich fiel mir wie Schuppen von den Augen, was ich vor lauter Frustration über die erneute Depression bis dahin nicht einmal in Betracht gezogen hatte. Mein Fass war im Laufe des letzten Jahres durch stetes und unermüdliches Zuführen von ganz und gar nicht zauberhaftem Pandemie-Pansch zu einer Corona-Kloake mutiert, gegen die selbst die edelsten Absichten bezüglich Krankheitsmanagement und Phasenprophylaxe machtlos waren. Dass ein Überlaufen meines Fasses angesichts dieser anhaltenden Belastung im Außen unausweichlich gewesen war. Die Betonung liegt hier auf „im Außen“.

Feudelfreuden.

All das, was ich bisher gelernt habe, um depressive oder hypomane Krankheitsphasen zu verhindern oder abzuschwächen, kommt jedoch „von Innen“. Da sind Entscheidungen, die ich bewusst treffe. Handlungen, die ich selbstbestimmt durchführe. Meine ganz eigene Art, mit dieser Erkrankung umzugehen. Meine Sichtweise auf die Dinge. Etwas, das in meiner Macht liegt. Das ich bis zu einem bestimmten Punkt kontrollieren kann.

Und dann gibt es nun mal die Dinge oder Ereignisse im Leben, die wir nicht beeinflussen oder kontrollieren können. Die sich unserer Macht entziehen. Und wenn die weltweite Verbreitung eines tödlichen Virus kein Paradebeispiel dafür ist, was ein Individuum nicht kontrollieren kann, dann weiß ich auch nicht.

Diese Erkenntnis hilft mir dabei, in diesen Zeiten nachsichtiger mit mir zu sein. Zu akzeptieren, dass das Fass, so lange dieses Brackwasser weiter kontinuierlich zugeführt wird und es nicht genügend Möglichkeiten zum Abfließen gibt, überdurchschnittlich voll sein und vielleicht noch das ein oder andere Mal überlaufen wird. Dass es nichts bringt, mit Gewalt zu versuchen, einen Deckel darauf zu pressen und meine sowieso schon begrenzte Energie dafür zu verschwenden.

Also bleibe ich erst mal daneben stehen und beobachte. Und wenn das Fass wieder überläuft, fasse ich mir ein Herz, schwinge den Feudel und wische die Sauerei auf.

Das ist alles, was ich gerade tun kann.

Und das ist schon unfassbar viel.

Distanz in den Mai.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Die Stimmung verläuft momentan nicht bipolar, sondern eher wellenförmig. Es wechseln sich helle Tage der Akzeptanz, Hoffnung und Zuversicht ab mit nicht so wirklich hellen, geprägt von einer bleiernen Lethargie, Resignation und diffusen Traurigkeit. Dem mal mehr, mal weniger lähmenden Gefühl von Stillstand und eine Sehnsucht nach einem kleinen Stück Normalität und Leichtigkeit. Nach echter Nähe und Berührungen, Tanzen mit Freundinnen und Ausgelassensein.

Das schlechte Gewissen, das sich unter all diese Gedanken mischt, seinen Ursprung in dem Wissen, dass wir es doch gut haben, dass wir so privilegiert sind und wir gefälligst einfach nur dankbar und froh sein können und sollten, wenn wir gesund sind.

Ich bin dankbar für all das. Und froh. Und mir all der Privilegien in unserer westlichen Welt mehr als bewusst.

Ich bin gerade nicht depressiv. Weit entfernt von hypoman. Schaffe es meistens, meine Tage trotz allem mit schönen Momenten zu füllen und die guten Gedanken zu hüten wie den wertvollsten Schatz.

Und trotzdem geht es mir an vielen Tagen nicht gut. Zerrt all das immer wieder und immer mehr an mir.

Fühle ich Leere, Resignation, Verlust und Traurigkeit. Sehne ich mich. Vermisse ich. Obwohl ich es doch eigentlich so gut habe.

Sich für diese Empfindungen zu verurteilen macht rein gar nichts besser. Deswegen zwinge ich mich dazu, mir diese Gefühle zu erlauben. Wie ich sie einer guten Freundin erlauben würde. Übe mich weiter in Akzeptanz und Vertrauen in die Zukunft. Immer und immer wieder.

Und wenn diese Zukunft erst mal nur das Morgen ist.

Ich dreh am Rad.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Und weiter geht’s:

Es sind diverse Rädchen, an denen ich schrauben kann und muss, damit ich in diesen Phasen meinen Weg Richtung Mitte wieder finde. Dazu gehören die konsequente und regelmäßige Einnahme meiner Medikamente und regelmäßige Therapiesitzungen, in akuten, sowohl depressiven als auch hypomanen Phasen, meist enger getaktet als in den symptomfreien, genau so wie all die anderen Säulen meines Krankheitsmanagements, die ich mir über die Jahre errichtet habe.

Allem voran das riesige Feld der Selbstfürsorge, Achtsamkeit, Bewusstsein und -werden, vor allem in Bezug auf Frühwarnsignale, die depressive oder hypomane Phasen ankündigen, genau so wie stabile Beziehungen, eine gute Balance zwischen An- und Entspannung, Aktivität und Ausruhen, soziale Interaktion,  Ruhe und Zeit für mich selbst.

Glücklicherweise hat sich im Laufe der Jahre herauskristallisiert, dass bei mir ein Justieren der Dosis des Antidepressivums, das ich in Kombination mit der bei bipolaren Störungen eingesetzten Stimmungsstabilisierern (auch Phasenprophylaxe genannt) nehme, sprich ein Erhöhen oder Runterreduzieren, ziemlich unmittelbar und stark auf jeweilige Extreme auswirkt.

Wofür ich ehrlich gesagt ziemlich dankbar bin. Dass das immer eine Möglichkeit ist, die ich in Absprache mit meiner Ärztin und meiner Therapeutin abwägen kann, wenn es, so wie nun im Februar erst wieder, rapide nach unten geht und relativ schnell klar ist, dass es sich um eine erneute depressive Phase handelt.

Ich bin keineswegs der Meinung, dass die alleinige Einnahme von Medikamenten helfen oder gar ausreichen würde. Aber für mich persönlich sind sie ein wichtiger und unentbehrlicher Bestandteil der Behandlung. Und zwar nicht (nur) aufgrund der sehr eindeutigen Rückfallstatistiken bei der Behandlung bipolarer Störungen ohne Medikation, sondern basierend auf all den Erfahrungen, die ich über Jahre hinweg mit dem immer wieder erneuten Absetzen meiner Medikamente gemacht habe.

Um daraus meine ganz eigenen Konsequenzen zu ziehen brauche ich keine Statistik mehr.

Gute Miene. Böses Spiel?

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Im letzten Artikel hatte ich bereits über die Hypomanie und deren Tücken geschrieben.

Wie immer, ich kann es nicht oft genug sagen, beruht all das, was ich hier schildere und mit euch teile, immer nur einzig und allein auf meinen ganz persönlichen Erfahrungen.

Jede Depression, jede Manie oder Hypomanie (zum genauen Unterschied erfahrt ihr mehr unter dem Punkt „Die Bipolare Störung“ auf der Webversion meines Blogs) ist anders und äußert sich von Mensch zu Mensch unterschiedlich.

Klar gibt es, wie bei körperlichen Erkrankungen auch, Symptome oder Verläufe, die gehäuft auftreten oder besonders typisch für ein bestimmtes Erkrankungsbild sind. Trotzdem sind psychische Erkrankungen so individuell wie deren Betroffene selbst und können weder in der Diagnose noch in ihrer Behandlung generalisiert werden.

In den folgenden Beiträgen soll es um Hypomanie in der Praxis gehen und ich möchte mit euch teilen, wie eine hypomane Phase bei mir so aussieht. Oder viel mehr aussehen kann. Denn nicht nur unterscheiden sich Symptome von Mensch zu Mensch, sondern auch von Phase zu Phase.

Sowohl in depressiven als auch in hypomanen. Nicht immer sind alle Symptome gleichermaßen oder zur gleichen Zeit, gleich lang oder in der gleichen Intensität vertreten.

In den Jahren seit meiner Diagnose glich noch kein Verlauf dem anderen. Das Prinzip jedoch ist das gleiche. Zumindest bei mir.

Nachdem ich die ziemlich heftige, aber mit einer Dauer von drei Wochen zum Glück verhältnismäßig kurze depressive Episode im Februar hinter mich gebracht hatte, ging es seit März stetig bergauf.

Wie und warum der Aufstieg ziemlich steil war, erfahrt ihr im nächsten Artikel!

Was ist der Unterschied zwischen Bipolar-1 und Bipolar-2?

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Im Dschungel der Diagnosen – Teil 2

Im Schnitt dauert es aus all diesen Gründen bis zu 10 Jahre (so auch bei mir), bis eine Bipolar-2-Störung richtig diagnostiziert wird, wobei die hier am häufigsten gestellte Fehldiagnose die rezidivierende (wiederkehrende) unipolare Depression ist.

Diese werden in der Regel mit Antidepressiva behandelt, von denen manche ein „Switch-Risiko“ darstellen, das dazu führen kann, dass es noch eher zu Umschlägen ins gegensätzliche Extrem kommt und die bipolare Erkrankung verschlechtert und „befeuert“ statt verbessert. Auch das war bei mir der Fall.

Bei der Behandlung von bipolaren Störungen, sowohl bei Bipolar 1 als auch Bipolar 2, werden stattdessen unterschiedliche Arten von so genannten „Stimmungsstabilisierern“, auch Phasenprophylaxe genannt, zur Behandlung eingesetzt, wie beispielsweise Lithium, Lamotrigin, Quetiapin, etc.

Deshalb ist eine Unterscheidung zwischen und die klare Abgrenzung von diesen beiden Ausprägungen so unglaublich wichtig und leider noch viel zu wenig präsent und bekannt in unserer Gesellschaft. Wenn überhaupt haben Menschen irgendwann schon mal von der bipolaren oder manisch-depressiven Erkrankung gehört, wissen aber in den seltensten Fällen, dass es diese zwei verschiedenen Formen gibt.

Die frühzeitige korrekte Diagnose einer Bipolar-2-Störung und eine dementsprechende frühzeitige und adäquate medikamentöse sowie therapeutische Behandlung hat einen enormen Einfluss auf Prognose und Verlauf der Erkrankung.

Mehr Infos zum Krankheitsbild wie auch den Symptomen der bipolaren Störung findet ihr auf meinem Blog im Menü unter dem Reiter „Bipolare Störung“.

https://tanzzwischendenpolen.com/bipolare-storung/

Vorausschauendes Fahren.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Vor nem Monat noch mitten in einem depressiven Tief von drei Wochen Dauer, das sich gewaschen hat. Jetzt, nur drei Wochen später, Ausschlag in die entgegengesetzte Richtung. Euphorisch, aufgedreht, voller Tatendrang, neuer und alter Ideen, vor Energie nur so strotzend, ja, fast schon aufgeregt.

Sind das noch Frühwarnzeichen oder schon Symptome einer Hypomanie? Stecke ich schon in der nächsten Hochphase? Haben wir das Mittelmaß dieses Mal entspannt ausgelassen und sind von zu Tode betrübt direkt in himmelhoch jauchzend übergegangen?

Es ist so eine unglaublich schmale Gratwanderung. Was davon ist Teil meines Wesens, was gehört zu meinen Charakterzügen, die mich ausmachen? Mein gesundes Ich, wenn es mir einfach nur (endlich wieder!) richtig gut geht?

Was sind deine persönlichen Frühwarnzeichen für eine potenzielle hypomane Phase? Was sind schon Symptome? Der Übergang ist fließend.

Was kannst du tun, was musst du aufhören, zu tun, um den Blindgänger zu entschärfen, bevor er hochgeht?

Aber warum solltest du?! Du fühlst dich doch so gut wie nie zuvor! Großartig!

Es fühlt sich nicht nur wundervoll an. Nein, es fühlt sich erstmal gesund an. Und das ist das Problem.

Hypomanie ist nicht gesund. Nie. Sie ist, genau wie die depressiven Phasen der bipolaren Störung, Teil des Krankheitsbildes. Nur eben mit dem entscheidenden Unterschied, dass man sich in einer Hypomanie einfach mal so gar nicht krank fühlt.

Sondern besser als je zuvor! Vor allem, wenn sie sich ziemlich zeitnah an eine depressive Phase anschließt.
Jetzt vom Gas zu gehen wäre einfach nur kontraintuitiv.

Doch jede Hypomanie hat ihren Preis. Einen Preis, den ich nicht mehr bereit bin zu zahlen. Einfach viel zu teurer shit.

Ich bin aus genug Kurven geflogen. Und zwar im hohen Bogen. Habe Feuer gefangen. Bin ausgebrannt.

Heute sehe ich die Kurve von Weitem.

Bock hätte ich ja.

Ich bremse ab.

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Bipolar-1 und Bipolar-2?

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Im Dschungel der Diagnosen – Teil 1

Bei einer Bipolar-1-Störung wechseln sich depressive und manische Phasen ab. Ausgeprägte Manien können Symptome wie Größenwahn, Realitätsverlust, aber auch Halluzinationen und Wahnvorstellungen mit sich bringen.

Bei einer Bipolar-2-Störung hingegen können zwar voll ausgeprägte depressive Phasen wie bei einer Bipolar-1-Störung auftreten, allerdings gibt es keine ausgeprägten Manien, sondern so genannte „Hypomanien“ (hypo, „unter“/“unterhalb“). In diesen „Hochphasen“ treten ähnliche Symptome wie bei einer Manie auf, allerdings schwächer ausgeprägt. Die Hypomanie wird oft als „kleine Schwester“ der Manie bezeichnet.

Die Unterscheidung zwischen diesen zwei verschiedenen Ausprägungen ist nicht zuletzt deswegen so wichtig, da sie sehr individuell behandelt werden müssen, verschiedene Herausforderungen für Betroffene und Angehörige mit sich bringen und die in der Therapie eingesetzte Medikation sich unterscheiden kann.

Im Gegensatz zur Bipolar-1-Erkrankung ist die Bipolar-2-Störung deutlich schwerer zu diagnostizieren, vor allem aufgrund der in der Hypomanie „nur“ abgeschwächt auftretenden manischen Symptome, so dass sowohl Betroffene als auch Angehörige meist meinen, dass es nun nach der Depression „einfach“ bergauf geht und es den Betroffenen schlicht wieder besser geht.

Sie wird seltenst als Krankheitsphase erkannt. In einer ausgeprägten Manie bei einer Bipolar-1-Erkrankung verändern sich die Betroffenen in ihrem Wesen meist so sehr, dass sie nicht wiederzuerkennen sind und vor allem das Umfeld (auch hier keine Krankheitseinsicht, weil sich die Betroffenen so gut fühlen) misstrauisch und somit eine Diagnose wahrscheinlicher wird.

Teil 2 folgt!

Das entscheide immer noch ich.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

In erster Linie bin ich immer einfach erst mal froh, wenn eine depressive Phase wieder vorbei ist. Nachdem ich mich dann ausgiebigst dafür abgefeiert habe, dass ich mich mal wieder aus dem schwarzen Loch heraus gekämpft habe, versuche ich herauszufinden, was mir geholfen hat. Was dieses Mal die größte Schwierigkeit war. Was ich selbst dafür getan habe, dass es mir wieder besser geht. Was von Außen geholfen hat.

Und vor allem auch, was ich dafür für’s nächste Tief mitnehmen kann. Ja, das wird kommen. Nein, ich habe keine Angst davor. Aber es wäre nett, wenn es nicht morgen kommt.

Alles hat seine Vor- und Nachteile. Alles. Auch eine bipolare Störung. Oft zeigen sich die positiven Aspekte natürlich nicht mitten im depressiven Loch, das versteht sich von selbst.

Es sind die depressiven Phasen, aus denen ich am meisten lerne. Sie lassen mich immer wieder die Unberechenbarkeit meiner Erkrankung spüren und zeigen mir, dass ich mir nicht aussuchen kann, wann eine Phase kommt. Egal wie gut mein Krankheitsmanagement ist. Denn es gibt nun mal auch Dinge im Leben, wie Corona beispielsweise, die von außen kommen. Die wir nicht beeinflussen oder verhindern können. Die eine Phase triggern können. Und wenn sie nur der Tropfen sind, der das Fass zum Überlaufen bringt.

Aber ich kann mir aussuchen, wie ich mit all dem umgehe. Und mich entscheiden für mein Vertrauen, dass diese Phase wieder geht. Auch wenn das selten von heute auf morgen geschieht. Genau so wenig, wie die Depression von heute auf morgen kommt.

Ich entscheide mich jedes Mal auf’s Neue für meine Zuversicht, dass es auch dieses Mal wieder gut werden wird. Ganz egal, wie fern das im Moment scheinen mag. Und wie real und bitter das Leid dann ist.

Ich kann mich dafür entscheiden, auch dieses Mal wieder alle Hebel in Bewegung zu setzen, jede nur denkbare Ressource zu nutzen und mir Hilfe zu suchen, wenn ich sie brauche. Damit es mir wieder besser geht. Ich kann mich dafür entscheiden, nicht den Mut zu verlieren. Mir meiner Selbstwirksamkeit, meiner Stärke und Resilienz, die durch jede neue Phase immer weiter wächst, bewusst zu bleiben.

Und diese Entscheidungsfreiheit wird mir keine Erkrankung der Welt jemals nehmen können.

Dear friend.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

In meinem letzten Post habe ich in erster Linie davon gesprochen, wo die Grenzen bei unseren Angehörigen liegen. Was sie nicht tragen können und sollen. Wofür sie nicht da sind. Was sie nicht leisten können. Und was wir nicht von ihnen erwarten dürfen. Heute soll es darum gehen, welche wichtige Rolle sie in unserem Leben als Betroffene aber sehr wohl spielen können.

Mutter. Vater. Kind.

Nur wir selbst sind verantwortlich für unser Leben. Wie wir es leben. Wenn wir psychisch erkrankt sind, sind wir nicht weniger dafür verantwortlich. Ich möchte an dieser Stelle noch einmal betonen: Ich lasse hier die Fälle, in denen die Betroffenen, aus welchen Gründen auch immer, nicht mehr für sich selbst entscheiden können und beispielsweise zwangseingewiesen werden, außen vor. Und ich meine auch nicht die Situationen, in denen uns ein*e Angehörige*r insofern Verantwortung übernimmt, dass er uns ermutigt, professionelle Hilfe aufzusuchen oder uns dorthin begleitet. Ich spreche hier von dem „alltäglichen“ Leben mit unserer Erkrankung. Mit den verschiedenen Rollen, die wir in unserem Leben innehaben. Wir sind Mütter, Töchter, Schwestern, Väter, Söhne, Brüder, Partner*innen, Großmütter, Großväter, Freund*innen, Arbeitnehmer*innen, Arbeitgeber*innen, Tanten, Onkel, und so weiter.

Wir dürfen bedürftig.

Ich spreche von einem Leben, das wir trotz und vielmehr mit unserer Erkrankung leben. Ein Leben, in dem wir selbstbestimmt die Verantwortung für unser Tun und Handeln übernehmen. Ein Leben, in dem wir uns professionelle Hilfe für die Behandlung unserer Krankheit suchen und in Anspruch nehmen dürfen und sollen. Ganz gleich ob körperlich oder seelisch. Ein Leben, in dem wir die Verantwortung trotz allem nicht abgeben, aber nach Unterstützung bei unseren Freunden und unserer Familie fragen dürfen. Uns eingestehen, dass wir Hilfe annehmen dürfen, wenn sie uns angeboten wird. Dass wir auch selbst nach Hilfe fragen dürfen, wenn wir das Gefühl haben, wir schaffen das hier gerade nicht allein. Die Fähigkeit, nach Hilfe zu fragen als Stärke zu sehen und nicht als Schwäche. Dass wir bedürftig sein dürfen. Dass wir deswegen keine schlechteren oder schwächeren Menschen sind. Dass wir nicht alles alleine schaffen müssen. Und dass es dabei nicht um „Schaffen“ oder „Scheitern“ geht. Das Leben ist kein Wettbewerb. Und das Leben mit einer psychischen Erkrankung schon gar nicht.

Ein gutes soziales Netz und stabile Beziehungen sind erwiesenermaßen ausschlaggebend für unsere psychische Gesundheit. Für mich persönlich sind sie eine meiner wichtigsten Ressourcen im Umgang und Leben mit meiner bipolaren Störung, vor allem während akuter Krisen, die bei mir in erster Linie von den depressiven Phasen und der Wucht, mit der sie mich manchmal trotzdem noch erwischen, gekennzeichnet sind.

Ein Ziel ist nicht das Ziel.

Es mag nicht bei jeder oder jedem so sein und das muss es auch nicht, aber in meinem Leben spielen die mir am nächsten stehenden Menschen, meine Angehörigen in Form von Familie und Freund*innen, eine sehr wichtige Rolle. Doch ein guter gemeinsamer Umgang mit der psychischen Erkrankung eines Betroffenen und den Herausforderungen, die diese für beide Seiten mit sich bringt, fällt uns in der Regel nicht einfach in den Schoß. Sowohl mit meiner Familie als auch mit meinen Freund*innen ist es, wie auch bei meinem eigenen persönlichen Umgang mit der Erkrankung oder der Zusammenarbeit mit meiner Therapeutin, seit vielen Jahren ein kontinuierliches und stetiges Miteinander und Voneinander lernen. Das passiert nicht so von einem auf den anderen Tag und es ist auch kein Ziel, das einfach so erreicht und abgehakt werden kann. Es ist ein Prozess. Immer wieder Arbeit, Missverständnisse, Hilflosigkeit, Erklären, Verstehen, Erklären, Auseinandersetzungen, tiefe Verbundenheit, Unwissen, Fortschritte, Rückschläge, aneinander und miteinander wachsen, Mut, Angst, Empathie, Ehrlichkeit, Akzeptanz, Vertrauen und Toleranz. Wie vermutlich in jeder gesunden Beziehung. Es ist eine Entscheidung. Die wir immer wieder füreinander treffen. Auch wenn es mal schwer wird.

Es ist ein Weg, den Betroffene und Angehörige gemeinsam gehen können.

An diesem Punkt möchte ich nochmal auf den Teil meines letzten Artikels zurückkommen, in dem ich die Situation mit dem mir sehr nahe stehenden Menschen beschrieben habe.

Hilf! Los!

Er ist mein bester Freund. Wir kennen uns seit vielen Jahren, er weiß um meine Erkrankung und war auch schon live dabei, als es mir sehr schlecht ging…aber nicht so schlecht wie an besagtem Abend. Damals, als er dabei war, war ich schon deutlich auf dem Weg der Besserung und weitestgehend stabil. An diesem Abend war ich am absoluten Tiefpunkt und völlig am Ende. Als ich im Nachhinein nochmal darüber nachgedacht habe, ist mir aufgefallen, dass ich unterbewusst davon ausgegangen war, dass er mit mir in dieser Situation umgehen könnte, da er es ja schon einmal getan hat. Erwartungen in dieser Hinsicht (und auch vielen anderen Hinsichten) und voreilige Schlussfolgerungen im Alleingang führen meist zu keinem guten Ergebnis, drängt sich mir nicht zum ersten Mal die Vermutung auf.

Da war sie also, an diesem Abend: Ganz viel Unsicherheit, auf beiden Seiten. Hilflosigkeit, auf beiden Seiten. Ein ganz schöner Schreck, eher auf seiner Seite. Missverstanden fühlen, auf meiner Seite. Ich stand so neben mir, dass mir dieser emotionale Brandbeschleuniger endgültig den Rest gab und ich überstürzt wieder aufbrach. Und meinen besorgt dreinschauenden und sprachlosen Freund einfach stehen ließ. Weil ich mir nicht anders zu helfen wusste.

Kleines Schwarzes.

Meine Gedanken in diesem Moment waren: Siehst du, hättest du mal lieber nicht nach Hilfe gefragt, deswegen ist das schon richtig, dass du das meistens mit dir selbst ausmachst. Du bist zu viel. Du bist eine Belastung für deine Freunde. Du darfst nicht bedürftig sein. Du musst das alleine schaffen. Du bist schwach. Ja, genau, was ist denn nun der Grund, muss ja wohl einen geben! Wenn nicht mal deine besten und langjährigsten Freunde damit umgehen können, na dann viel Glück. Belästige sie ab sofort auf keinen Fall mehr damit!

Sobald sich der schwarze Nebel der Depression etwas lichtet, kann ich jeden einzelnen dieser Gedanken als absoluten Quatsch identifizieren. Als das, was sie sind: Eine nette kleine Mischung verschiedenster depressiver Symptome: Negative Gedankenspiralen bis hin zu den herrlichen Katastrophengedanken, Schwarz-Weiß-Denken, Verminderung bis hin zum Verlust des Selbstwertgefühls, Selbstvorwürfe getoppt mit Selbstabwertung…die Liste ist lang.

Indem ich wieder klar denken kann und diese Dämonen entlarve, verlieren sie ihre Macht über mich. Kleider machen Leute. Ohne ihr schickes kleines Schwarzes sind die depressiven Gedanken plötzlich nicht mehr High Society der Wirklichkeit, sondern einfach nur noch klein und nackt. Und bleich. Nicht mehr schwarz. Definitiv nicht mehr schick. Und meilenweit entfernt von jeglicher Wirklichkeit. Sie sind einfach nur das, was sie ohne ihre schicken schwarzen Kleidchen sind. Gedanken. Gedanken und sonst nichts.

Affenzirkus. Ohne mich.

Gedanken, die es nicht verdient haben, die Macht über mein Tun und Handeln zu übernehmen. Anstatt mich von ihnen dressieren zu lassen, fasse ich mir also ein Herz und schreibe meinem besten Freund eine Nachricht. Eine sehr lange Nachricht, in der ich ihm noch einmal erkläre, was es mit meiner Erkrankung auf sich hat, welche Rolle sie in meinem Leben spielt, wie ich mich an diesem Abend gefühlt habe. Ich frage ihn, wie er sich gefühlt hat. Stecke ganz klar die Grenzen ab zwischen professioneller und freundschaftlicher Unterstützung. Sage ihm, was ich alles nicht von ihm erwarte und niemals erwarten würde. Dass ich verstehen und es nicht persönlich nehmen werde, wenn er das (mal) nicht aushalten kann. Bitte ihn um Ehrlichkeit mir gegenüber.

Und bringe ihm dieselbe Ehrlichkeit entgegen. Erkläre, was ich in Momenten wie diesen brauche. Was ich an diesem Abend gebraucht hätte. Dass es nicht viel gibt, was dann hilft. Dass es aber auch nicht viel braucht.

Da ich mir so viel Zeit für diese Nachricht genommen und alle meine Worte und Erklärungen so bedacht wie möglich gewählt habe, habe ich sie mir abgespeichert, für den nächsten Fall, in dem es vielleicht nochmal einer solchen Nachricht und guten Kommunikation bedarf. Diese Nachricht beinhaltet für mich alle wichtigen Punkte, die ein mir nahestehender Mensch bezüglich meiner Erkrankung und meinem Ich in einer akuten Krise, einem depressiven Tief, wissen sollte. Und ich finde, all unsere Angehörigen sollten so eine Nachricht als Unterstützung haben. Damit sie uns unterstützen können, wenn sie das wollen und können.

Deswegen möchte ich sie hier auch mit euch teilen. Sie ist zwar auf Englisch, da mein bester Freund Engländer ist, aber das wird in den meisten Fällen vermutlich kein Problem sein. Neu und anders schreiben oder einfach stumpf übersetzen wäre keine Option gewesen.

Dear friend,

it is very important for me that you understand just the basics of my disease. My closest friends need to know. Not because anyone should do anything about it. I’m going to therapy, I take my meds, I’m taking care of myself and do a whole lot more for my stability and dealing with the bipolar every day that no one sees. I don’t want pity. I don’t consider myself a victim. It’s not a call for attention. Most of the time, I’m dealing quite well with it in everyday life, but my expectation that it will completely go away and never come back hasn’t been fulfilled until now.

No matter how hard I try, how good my therapist is, how regularly I take my meds, if I drink and party or not, it still is a longlife disease I have and I am going to live with. There is a chance to stay free of symptoms for longer and longer, but still there will most likely be depressive and hypomanic episodes. Thanks to the meds and the rest I do, they occur less frequently, tend to be shorter than they used to be and less intense than all the years I’ve been misdiagnosed with recurrent unipolar depression before the bipolar 2 diagnosis and the clinic 2017. That’s all I can do and I have accepted that bipolar is part of my life.

There are those very very dark moments that, thank god, don’t happen as often anymore. Most of the time I am dealing with them on my own when no one sees, because it’s always also a bit of „shame“ showing yourself to someone, even a close friend, when you really hit rock bottom, when.ypu feel totally helpless and desperate. It’s so intimate and you are so vulnerable. But sometimes I just need someone to be there in that very moment. The only thing that helps in this situation is holding me and maybe telling me that it is gonna be alright. That it’s gonna go away. These are the things I usually keep telling myself and it works, but I’m not able to do so in severe crisis. And if I was, I wouldn’t believe myself telling me those things. I’m sure that seeing a friend like this, not even recognizing this friend, can be fairly overwhelming. Because of that, it is important for me to understand how my friends feel in a situation like this (and not only tell them how I feel in the situation), what makes it hard for them…for me to keep learning.

If you don’t feel like you can deal with this at a particular moment, for whatever reason, that’s totally fine with me and I want you to know this. It can be a lot. And it can be too much for people who just want to help you. In this case, please let me know. It’s hard or maybe even impossible to understand this disease and the symptoms, thoughts and feelings, that you would usually never have, that it causes. And in these situations, I’m not able to communicate myself properly and it’s impossible for me to explain the disease again. I’m so far away from myself and the person I know in these moments.

And as you asked for a reason: Depression or panic attacks don’t (always) need a reason. It’s the nature of the disease. Bi…up and down…polar…between the poles, between two extremes. Yes, there might be triggers that cause slipping into a depressive or hypomanic episode at first, but that night for example, there wasn’t. And if people ask me for a reason (no offence! It’s usually quite a logic thing to do) when I’m that down, it makes me feel even more horrible, because, in that very moment, it just confirms my depressive brain in thinking : „Oh yes, he/she is right. There is not even a reason for being sad. You should be happy! You are weak! You are a failure!“

As I said, I’m not expecting you to be my therapist, heal my disease, take over the responsibility for it or the like. I know about the boundaries of support from friends or family.

I am responsible for my life and the way I handle my disease. I can do it and I am doing it every day. But as having bipolar is part of me and part of my life, I need you to understand. Because you are part of my life, too.

That’s all I need.

Einfach so.

Er ist dankbar für meine Nachricht und beschreibt genau das, was ich gespürt hatte: Hilflosigkeit, Schock, Überforderung. So einen nahestehenden Menschen in diesem Moment nicht wiedererkennen können. Die Erkrankung und deren Symptome nicht verstehen oder nicht um sie wissen. Er wusste genau so wenig, was er tun sollte wie ich. Er sagt, dass es nächstes Mal vielleicht nicht unbedingt einfacher wird, aber dass er dann wenigstens weiß, was er tun kann. Und eventuell annähernd verstehen kann, was sich da gerade in mir abspielt. Dass er immer für mich da ist und ich ihn immer kontaktieren soll und darf, wenn es mir so geht. Dass ich keine Belastung bin.

Zufall oder Schicksal, der nächste heftige Schub erwischt mich ein paar Tage später.

Bevor die High Society im kleinen Schwarzen in ihre High Heels schlüpfen und los stöckeln kann, lasse ich wie letztes Mal meine Schlafanzughose an und ziehe mir meinen Pulli über. Lasse zu, dass mich meine beste Freundin mit dem Auto abholt, da ich in diesem Zustand nicht Bus fahren kann. Und mich bei meinem Freund absetzt.

Er fragt nicht nach einem Grund. Er fragt: „Einfach so?“. Ich nicke und kann meine Tränen nicht zurückhalten. Er zieht mich in seine Arme und hält mich einfach. „Alles wird gut.“

Und er hält mich. Einfach so.

Was da ist.

Gerade ist jeder Tag ein Kampf. Das geht jetzt schon seit über zwei Wochen. Zwei Wochen, von denen jeder Tag ein Tag zu viel ist. Es ist unfassbar anstrengend. Ein paar Mal dachte ich schon, ich wäre aus dem Loch rausgekrabbelt. Dachte, das wäre jetzt aber wirklich der absolute Tiefpunkt gewesen und ab morgen würde es wieder besser werden. Habe mich optimistisch auf dem aufsteigenden Ast gewähnt. Und wieder den Halt verloren. An einem dieser Abende letzte Woche habe ich es geschafft, mir einzugestehen, dass ich das gerade nicht alleine stemmen kann, dass mich diese Traurigkeit zu erdrücken droht, der Schmerz zu vernichtend ist, um ihn zu tragen, ohne dabei gestützt zu werden.

Next level.

Die Angst, zu viel oder zu anstrengend zu sein, nicht bedürftig sein zu wollen, sich deswegen schwach zu fühlen, die Erwartung an sich selbst haben, das doch jetzt alleine schaffen zu müssen…nicht nur mit Abstand, sondern selbst in diesem Ausnahmezustand selbst bin ich mir des Faktes bewusst, dass diese selbst verurteilenden und gnadenlosen Gedanken und Schlussfolgerungen, diese Ängste, Vergleiche, der ohrenbetäubende innere Kritiker…nicht gesunde Gedanken sind, die auch nur annähernd im Verhältnis mit irgend etwas stehen, sondern meine depressiven Gedanken. Selbstzerstörerische Gedanken, die mich nur noch mehr in den schwarzen Schlund reißen wollen. Eine der größten Errungenschaften im Zwiegespräch mit unserem übereifrigen Gedankenapparat da oben ist wohl, dass unsere Gedanken nicht der Wirklichkeit entsprechen (müssen). Dass sie nur Gedanken sind. Ich weiß das mittlerweile. Sehr gut sogar. Es hilft mir in ganz vielen Situationen.

Wenn ich in einer depressiven Phase allerdings schon bis zum Hals in der Scheiße stecke, entfalten diese Gedanken in dem Moment, in dem sie durch meinen Kopf rauschen, trotz allem ihre Wirkung und lassen mich noch schlechter fühlen. Obwohl ich weiß, dass sie nicht der Wirklichkeit entsprechen. Vielleicht ist das ja so next level shit, das ich dafür noch ein bisschen brauche.

Bodenlos.

Zurück zu diesem Abend. Unter größter Anstrengung schaffe ich es irgendwie, einen mir sehr nahe stehenden Menschen zu kontaktieren. Der mich seit Jahren kennt und der auch um meine Erkrankung weiß. Der mich schon ein paar Mal „am Boden“ erlebt hat. Klar, ich soll jederzeit vorbei kommen. Scheiß drauf, ich lasse meine Schlafanzughose an, ziehe einen Pulli über und begebe mich wie in Trance auf den Weg in einen anderen Stadtteil. Jeder Schritt so unglaublich anstrengend. Das „am Boden“, das dieser Mensch heute zu sehen bekommt, stellt die anderen Bodenbesuche allerdings mehr als in den Schatten. Da ist Schock. Da ist Überforderung. Da ist Hilflosigkeit. Was meine eigene Hilflosigkeit in dem Moment ins Unermessliche wachsen lässt. Sich zu meiner Traurigkeit ein Gefühl der Einsamkeit gesellt.

Ihr alle. Und doch nur ich.

Die Art von Einsamkeit, die wir verspüren, obwohl wir unter Menschen sind. Menschen, die uns lieben. Die immer für uns da sind. Die uns in- und auswendig kennen. Die uns schon unser ganzes Leben, seit Jahren oder Jahrzehnten begleiten. Nie von unserer Seite gewichen sind. Mit denen wir gelacht, geweint, gefeiert und getrauert haben. Durch Höhen und Tiefen gegangen, uns in guten wie auch schlechten Zeiten beigestanden haben.

Die Art von Einsamkeit, die ihr schwarzes Tuch über uns wirft und die Menschen im Außen daran ziehen und zerren können, so viel sie wollen. Sie können uns nicht davon befreien.
Die Einsamkeit, die uns scheinbar von allem anderen um uns herum abtrennt. Uns bewusst macht, dass uns niemand diesen Schmerz nehmen kann.
Die Königsdisziplin der Einsamkeit.

Wenn Liebe nicht reicht.

Einerseits verzweifeltes Flehen danach, doch bitte dieses eine Mal einfach die Verantwortung abgeben zu dürfen und gleichzeitig das Wissen darum, dass nur wir selbst durch diese Gefühle gehen können. Dass uns das niemand abnehmen kann.
Die dunkelsten Momente meiner depressiven Phasen, in denen mir selbst die mir am nächsten stehenden Menschen nicht auch nur ein Milligramm der Last auf meinen Schultern nehmen konnten, in denen nichts und niemand mehr zu helfen schien, in denen ich mit voller Wucht gegen die Mauern gerannt bin, die die Grenzen der Hilfe und Belastung meiner Liebsten waren. Diese Momente haben mir am meisten Angst gemacht. Wenn nicht mal das, was in allen anderen Lebenslagen, immer und überall, egal wo und wie, geholfen hat, mehr helfen kann.

Psychische Erkrankungen betreffen nicht nur die Menschen, die an ihnen erkrankt sind, sondern auch unser gesamtes soziales Umfeld. Familie, Freund*innen, Partner*innen. Und selbst wenn diese alles in ihrer Macht stehende tun, um uns zu helfen, kann es sein, dass das nicht reicht. Wir dürfen nicht von ihnen erwarten, dass sie uns heilen. Sind wir körperlich erkrankt, erwarten wir das auch nicht. Die Menschen in unserem Leben haben ihre Grenzen. Einen Punkt, an dem es nicht weiter in ihrer Macht steht, uns helfen zu können. So sehr sie das auch wollen. So sehr sie uns auch lieben. Unsere Angehörigen können und sollen unsere psychische Erkrankung nicht tragen. Und das hat nichts mit der tiefen Zuneigung, Liebe und Loyalität zu tun, die sie uns gegenüber empfinden. Oder der Stabilität unserer Beziehung zu ihnen. Diese kann noch so stark sein und unkaputtbar scheinen, aber sie darf und kann dieses Gewicht nicht alleine tragen.

Wir mögen allerdings auf unserem Lebensweg immer wieder in Versuchung gekommen sein, zu glauben, dass Liebe allein reicht. Dass sie alles besser macht. Dass sie uns immer helfen kann. Dass es mit ihr immer besser ist als ohne sie. Dass sie heil machen kann, was kaputt ist. Wir denken an all die Situationen in unserem Leben, an all die schwierigen und traurigen Momente, in denen uns Liebe und Zuneigung trotz allem immer Trost gespendet haben.

Aber Liebe ist nicht immer die Antwort.

Keiner sieht was geht.

„Ich versteh‘ einfach nicht, warum es dir nicht besser geht, wenn ich dich tröste, warum es nicht reicht, dass ich da bin“, hat mich der damals wichtigste Mensch in meinem Leben in einer meiner ersten depressiven Phasen (als ich noch weit entfernt von der Bipolar-2-Diagnose war) immer wieder gefragt. Ich konnte ihm keine Antwort geben. Und habe mich noch schlechter gefühlt. Ich wusste nur, dass Liebe hier anscheinend plötzlich nicht mehr reichte. Nicht funktionierte wie bisher. Nicht nur partnerschaftliche, auch familiäre Liebe spielte plötzlich nach anderen Regeln.
Und es machte mir eine scheiß Angst. Wenn so viel Liebe nicht reicht, dann kann es keine Hoffnung mehr geben. Davon war ich fest überzeugt. Und zutiefst verzweifelt darüber.

Genau wie bei körperlichem Leiden gibt es Fachleute, an die wir uns wenden können und sollen, wenn nicht der Körper, sondern unsere Seele leidet. Die dafür ausgebildet sind. Die uns helfen können. Mittlerweile weiß ich, dass es einzig und allein meine eigene Verantwortung ist, mir diese Art von Hilfe zu suchen. Eine Verantwortung, die ich nicht abgeben kann, auch wenn das leichter scheinen mag (Fälle, in denen Betroffene nicht (mehr) in der Lage sind, diese Verantwortung zu übernehmen oder selbstbestimmt zu entscheiden, natürlich ausgenommen, ich kann hier wie immer nur für mich selbst sprechen). Dass, auch wenn ich die wunderbarsten Menschen, die man sich nur wünschen kann, in meinem Leben habe, letzten Endes trotzdem immer nur ich selbst durch diese Gefühle und Episoden gehen kann, um weiter mit ihnen umgehen zu lernen, sie immer wieder auf’s Neue hinter mir zu lassen und weiterzumachen.

Unsere Angehörigen können uns weder retten noch heilen. Und das sollen sie auch nicht.
Sie können uns auf unserem Weg begleiten. Unsere Hand nehmen. Mit uns in dieselbe Richtung gehen.

Die Schritte auf diesem Weg müssen und können jedoch nur wir alleine machen.

Und dort, wo Liebe nicht die Antwort sein kann, unsere Fragen anders stellen.