Für’s Erste.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Kleine Staubflusen düsen durch meine Bude wie Tumbleweed. Wenn es gerade nicht so unpassend wäre, „Spiel mir das Lied vom Tod“ laut aufzudrehen, wäre das jetzt ziemlich passend. Berge von Geschirr stapeln sich in der Küche. Frische Wäsche: Eher Mangelware. Mein Zimmer, 20 Grad, windstill. Die Frisur sitzt trotzdem nicht. Bad Hair Day wird zum Bad Hair Month. Ich spekuliere einfach darauf, dass meine Haare nicht mit meiner Wollmütze verwachsen, die ich jeden Tag trage. Ja, auch im Bett. Frisch kochen ist genau so wenig wie frische Wäsche. Kurz mit dem Hund raus, in Schlafanzugshose. Heulend. Von den 10 Dingen, die ich heute erledigen wollte, habe ich genau 0 erledigt.

Mein Rat an dich, wenn es dir gerade ähnlich geht:

Scheiß drauf. Sei endlich nachsichtig und gnädig mit dir. Die Situation, in der wir uns alle gerade befinden entschuldigt so ziemlich alles an Verhaltensweisen, Emotionen, Tun und Nichttun.

Ich befördere das Tumbleweed heimlich ins Nebenzimmer und mache erstmal die Tür dahinter zu. Fein. Ich gebe mich damit zufrieden, dass das Geschirr zumindest noch nicht wegläuft. Stelle fest, dass ich außer Schlafi und Regenjacke gerade eh nix zum Anziehen brauche. Freue mich, dass ich überhaupt Haare auf dem Kopf habe. Find okay, was ich esse, auch wenn’s jetzt halt gerade nicht sonderlich grün ist. Bin stolz, dass ich trotz allem jeden Tag rausgehe. Dem Hund ist es nämlich herzlich egal, ob ich dabei heule oder mir die Sonne aus dem Arsch scheint.

So weit, so gut.

Ich akzeptiere, dass das hier nicht zwangsläufig die beste Zeit für Höchstleistungen und Erledigungsexzesse ist. Und dass mein Gefühl der Zufriedenheit weder vom einen noch vom anderen abhängt.

Das muss für’s erste reichen.

Sei lieb zu dir. Das hier ist anders.

Darf ich vorstellen: Das Schreibcafé Hamburg!

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Ihr Lieben, heute gibt es mal einen etwas anderen Post.

Wie ihr vielleicht durch das „About me“ auf meinem Blog bereits wisst, studiere ich im Master Biografisches und Kreatives Schreiben. Im Frühjahr habe ich alle notwendigen Fachsemester des Studiums abgeschlossen, schreibe meine Masterarbeit und darf mich dann offiziell „Schreibpädagogin“ nennen.

Obwohl ich genau das bereits tue, nämlich schreibpädagogisch arbeiten, und das gesamte Fachwissen aus zweieinhalb Jahren Studium schon besitze, bin ich bis jetzt erstmal „nur“ Schreibgruppenleiterin. Wir wollen uns ja nicht mit fremden Federn schmücken!

Gemeinsam mit einer Freundin habe ich Ende 2020 das „Schreibcafé Hamburg“ gegründet, einen Raum für Kreativität, Achtsamkeit und die Beschäftigung mit unseren inneren Werten. Wir haben bereits einige wunderschöne und inspirierende Kurse gegeben, die uns in unserer Idee und Vision nur einmal mehr bestärkt haben.

Nun geht es in die nächste Runde und wir sind dankbar für jede helfende Hand, die uns bei der Werbung für unsere Kurse unterstützt! Natürlich haben wir diverse Kanäle und soziale Plattformen schon ausgeschöpft, aber aller Anfang ist schwer und egal, wie schön ein Konzept sein mag, es muss sich erstmal rumsprechen. Und da möchte ich die treue Leser*innenschaft meines Blogs natürlich nicht missen.

Also: Wem das Konzept, das ich euch im Folgenden vorstellen werde, gefällt und es für „werbungswürdig“ befindet, würde mir und uns einen riesengroßen Gefallen tun, den Link dieses Blogartikels und/oder unsere Facebookseite (Schreibcafé Hamburg) und/oder unseren Instagram-Account (schreibcafe.hamburg) mit Freund*innen/Bekannten/Familie/Arbeitskolleg*innen zu teilen, zu liken, weiterzuempfehlen und was auch immer man eben so macht um etwas an Frau und Mann zu bringen. Oder ganz oldschool und analog mal beim nächsten Abstandsspaziergang durch die Maske nuscheln wäre doch auch nett!

Und was natürlich noch unfassbar viel großartiger wäre: Wenn ihr selbst mitmacht! 🙂 Es geht los!

Schreibcafé Hamburg

– das sind: Lisa Waldherr & Catalina Suchomel.

In unseren Kursen und Workshops zeigen wir euch, wie ihr durch die Verbindung von Kreativem Schreiben und Achtsamkeit in Kontakt mit euch selbst und euren eigenen Werten kommen könnt.

Unser Konzept: Schreib es Dir Wert!

Wie kann uns die Verbindung von Achtsamkeit und Kreativem Schreiben bei der eigenen Wertedefinition helfen?

Orientiere ich mein Leben wirklich an meinen ganz persönlichen Werten? Lebe ich vielleicht eher nach den Werten von anderen Menschen? Nach den Werten unserer Gesellschaft?

Weiß ich überhaupt, was meine eigenen Werte sind? Wie soll mein Leben in Einklang mit diesen Werten aussehen?

Sowohl die heilsame Wirkung des Kreativen Schreibens als auch der positive Einfluss von Achtsamkeit auf diverse Bereiche unseres Lebens sind mittlerweile wissenschaftlich erwiesen.

In unserem Schreibcafé werden wir die Kombination von beiden Bereichen nutzen, um kreativ schreibend unsere eigenen Werte zu erforschen.

Wir, das bin ich, Lisa, Mental Health Bloggerin, Schreibgruppenleiterin und angehende Schreibpädagogin (M.A. Biografisches und Kreatives Schreiben) und meine Kollegin Catalina, Schauspielerin und Theaterpädagogin.

Gemeinsam haben wir ein ganzheitliches Konzept entwickelt, das kleine Achtsamkeitseinheiten, kreative Schreibübungen und Wertedefinition in vier verschiedenen Lebensbereichen in sich vereint und uns auf der Suche nach unseren Werten unterstützen wird.

Anmeldung per Mail an: schreibcafehamburg@gmail.com

Facebook: Schreibcafé Hamburg

Instagram: schreibcafe.hamburg

Zeiten:

1x wöchentlich
8 Sitzungen à 2 Stunden

IM FEBRUAR WERDEN ZWEI KURSE STARTEN!!!


1. Kurs

Dauer: 2 Monate (8 Termine)
Beginn: 03. Februar 2021
Ende: 24. März 2021

Immer Mittwochs, 19-21 Uhr

2. Kurs

Dauer: 2 Monate (8 Termine)
Beginn: 15. Februar 2021
Ende: 05. April 2021

Immer Montags, 19-21 Uhr

Veranstaltungsort:

Online per zoom

Max. Teilnehmerzahl:

8 Personen

Teilnahmekosten:

150 EUR pro Person (für alle 8 Sitzungen)

Ermäßigung für:

Student*innen des BKS und Sozialhilfeempfänger*innen zahlen nur 100 EUR!

Seid es euch wert und macht mit!

Wir freuen uns auf euch.

Lisa & Catalina.

Mitten im tiefsten Winter…

Bildquelle: Gregor Runge

… wurde mir endlich bewusst, dass in mir ein unbesiegbarer Sommer wohnt.“

– Albert Camus

Meine Energie schwindet von Tag zu Tag, die Akkus sind leer. Ich zwinge mich aufzustehen und öffne das Fenster. Grau-nasse Kälte schleudert mir ein mehr als unhöfliches Moin entgegen. Erstmal Kaffee. Ich zünde ein paar Kerzen an. Draußen wird es schon wieder dunkel. Gute-Laune-Musik an. Ich lege mich zurück ins Bett, schlürfe müde meinen Kaffee und glotze ins Graue. „Look for the good“ von Jason Mraz gibt mir den Rest. Und da fließen sie endlich, die Tränen. Und zwar nicht, weil ich das Gute nicht mehr sehen kann oder will, sondern weil ständig das Gute zu sehen irgendwann seinen Tribut fordert.

So gut es mich durch all die Monate seit Beginn der Pandemie gebracht hat, so sehr hat es mich auch erschöpft. Und das ist okay. Nein, es ist nicht nur okay, es ist wichtig und definitiv überfällig.
Ich lasse sie zu. All die Gefühle, die gerade in mir hochkommen. Traurigkeit. Wut. Resignation. Realisiere, wie viel Kraft es mich gekostet hat, den Herausforderungen der Krise zu trotzen und mit den Einschränkungen umzugehen.
Gestehe mir diese Verletzlichkeit zu. Die Menschlichkeit dahinter. Bin dankbar für sie.

Doch inmitten dieser Traurigkeit spüre ich vor allem ein Gefühl der Stärke in mir. Gewissheit, dass ich mit all dem umgehen kann und werde. Zuversicht, dass nach jedem Tief ein Hoch kommt. Hundertprozentiges Vertrauen in mich, meinen Körper und meine mir über die Jahre hart erkämpften Selbstheilungsfähigkeiten und Ressourcen. Die Erfahrung all der bisher überstandenen Krisen. Die Einsicht, dass tiefe Traurigkeit und Hoffnung gleichzeitig da sein können. Die Erkenntnis, dass ich mich bei und mit all dem trotzdem sicher und geborgen fühle.

Und dass ich diese innere Stärke ohne meine Erkrankung und all die tiefen Täler der letzten Jahre niemals entwickelt hätte.

Während ich diese letzten Zeilen tippe, beschließt Spotify’s zufällige Wiedergabe, dass es jetzt erst Recht nochmal Zeit für „Look for the Good“ ist.

Zu meinen verquollenen Augen gesellt sich ein kleines Grinsen.

Wenn Liebe durch die Stadt geht.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Wenn die Hügel nach und nach verschwinden, der Blick endlich wieder Ferne zu finden vermag und Windrad um Windrad tröpfchenweise ins Landschaftsbild sickert.

Wenn du um die letzte Kurve auf der A1 bretterst und am Horizont plötzlich Ungetüme aus Stahl auftauchen, die stolz und erhaben den Kopf Richtung Wolken heben.

Wenn dein Herz bei diesem Anblick auch noch im verflixten siebten Jahr klopft wie verrückt, eine Gänsehaut deinen kompletten Körper überzieht und ein idiotisches Grinsen deine Lippen umspielt.

Zur gleichen Zeit kindliche Aufregung und tiefe Ruhe von dir Besitz ergreifen.

Vorfreude und Nostalgie eine Symbiose der Superlative eingehen.

Du die Erkenntnis erlangst, dass Oxytocin auch ohne Berührung freigesetzt werden kann.

Und du weißt, dass du angekommen bist.

Ganz egal, wie lang oder kurz du weg warst.

Ganz egal, wie sehr du das Reisen liebst.

Ganz egal, wie viele großartige Orte du schon gesehen hast.

Ganz egal, wie schön oder schwer deine Zeit in weiter oder naher Ferne war.

Ganz egal, wie hell oder dunkel es in deinem Inneren gerade aussehen mag.

Wenn dir dein Urvertrauen sagt, hier bist du sicher.

Ganz egal wie gefährlich die Welt manchmal scheinen mag.

Dann kannst du dir Sicher sein, dass du im richtigen Hafen vor Anker gegangen bist.

Schon umme Ecke.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Für die Menschen, die, aus welchen Gründen auch immer, dieses Weihnachten alles andere als schön und eine riesen Herausforderung war: Ihr habt es trotzdem geschafft!

Seid stolz auf euch. Seht nicht, was ihr dieses Jahr vielleicht alles nicht „geschafft“, erledigt oder verwirklicht habt, sondern dass ihr trotz und mit allem nun auf dieses Jahr mit all seinen Höhen und Tiefen zurückschauen und es hinter euch lassen könnt.

Seht nicht nur, was alles nicht ging oder gerade nicht geht, sondern vielleicht auch, was stattdessen Neues entstanden ist, welche Alternativen gefunden wurden. Was trotzdem noch ging und geht.

Obwohl ich persönlich die Erfahrung gemacht habe, dass es mir besser geht, wenn ich mich auf die positiven Dinge konzentriere und vor allem nie die Dankbarkeit für alle noch so kleinen schönen Dinge in meinem Leben verliere, muss man nicht immer aus Scheiße Gold machen oder sich alles krampfhaft schön reden.

Ich finde, es ist mehr als okay und legitim, 2020 so richtig fett kacke und schwierig und ätzend gefunden zu haben.

Genau so dürfen wir aber auch zugeben, wenn dieses Jahr ein gutes und schönes Jahr war, trotz und mit Pandemie. Ohne schlechtes Gewissen.

Und dass wir uns nicht schlecht fühlen müssen, weil es für die meisten anderen eher schwierig war.

„Bleibt gesund“ ist immer so leicht gesagt, kann sich aber für psychisch kranke Menschen falsch anfühlen, weil sie eben nicht gesund sind.

Deswegen wünsche ich euch an dieser Stelle, dass ihr so stabil wie möglich durch das neue Jahr gehen und mit all dem umgehen könnt, was da auf euch zukommen wird, das Schöne genießen und das Schwierige meistern werdet.

Nicht zwangsläufig blinden Optimismus hegt, aber trotzdem die Zuversicht nicht verliert oder wiederfindet.

An die, die bereits gesund, egal ob physisch oder psychisch, sind: Bleibt gesund!

Und stresst euch nicht an Silvester. Auch das darf dieses Jahr (und auch sonst) alles auf ner Skala von richtig fett scheiße bis überragend schön sein. Trotz, wegen, ohne oder mit Corona.

Passt gut auf euch auf.

Learn from the worst.

Bildquelle: Sophie Liehr

Alles zu seiner Zeit.

Es hat etwas länger gedauert, bis ich mich zum Schreiben dieses Blogartikels durchringen und den dafür nötigen Raum schaffen konnte. Einerseits weil mich mein Schreibworkshop, den ich seit einem Monat gebe und dessen Vor- und Nachbereitung voll und ganz vereinnahmt, vor allem auch geistig, und nebenher auch noch Uni zu machen wäre, was leider gerade etwas zu kurz kommt, aber vor allem, weil ich mir einfach nicht sicher war, wie ich diese sensible Thematik in einen Text packen soll. Ich habe mir tagelang Gedanken gemacht, wie ich die Dinge, die ich ausdrücken möchte, am besten formuliere, damit sie nicht falsch rüberkommen oder belehrend wirken. Nachdem ich dann den Spiegelartikel „Corona-Pandemie – Was wir von Depressiven lernen können“ gelesen hatte, der eigentlich genau das beschreibt, was ich die ganze Zeit im Kopf hatte, war ich nicht mehr ganz so verunsichert und werde deswegen nun einfach schreiben, was ich dazu sagen möchte. In dem Wissen, dass man es nie allen Recht machen kann, es immer verschiedene Meinungen geben wird und ich sicher bin, dass alle meine Leser*innen sich bewusst sind, dass ich mit meinen Formulierungen immer so vorsichtig wie möglich bin.

Learning by experiencing.

In ihrer Kolumne https://www.spiegel.de/kultur/corona-pandemie-was-wir-von-depressiven-lernen-koennen-a-93f4e953-d48d-45e4-bbf8-8426376a5bbc behauptet Autorin Margarete Stokowski, die selbst jahrelange Erfahrung im Umgang mit Depressionen hat, dass all jene Menschen unserer Gesellschaft ohne einschlägige psychische Vorbelastungen, die am Ende dieses Jahres und mit der aktuellen Situation des erneuten harten Lockdowns nun aber trotzdem mit den Nerven am Ende sind, sich ausgelaugt und leer fühlen, einiges von denen unter uns lernen könnten, die krisenhafte Situationen und schwierige Gefühle nur allzu gut kennen. Nicht in Form einer Pandemie, sondern durch die Depressionen, die sie bisher in ihrem Leben erlebt haben. Menschen, die sich in diesen Zeiten verschiedene Bewältigungsstrategien und Fähigkeiten angeeignet haben und gelernt haben, so gut wie möglich durch Zeiten zu kommen, in denen man glaubt, das war’s jetzt und die Hoffnung auf eine Besserung nicht mehr greifbar ist.

Nebenwirkungen.

Ich habe seit Beginn der Krise so viele Artikel über unsere Psyche in Corona-Zeiten sowie die Auswirkungen und Langzeitfolgen der Pandemie auf unsere psychische Gesundheit gelesen und auch selbst schon darüber geschrieben. In den meisten von ihnen liegt der Fokus auf den Gefahren und den besonderen Herausforderungen, die Corona und seine Begleiterscheinungen wie Arbeitslosigkeit, Social Distancing, finanzielle Sorgen, Einsamkeit, das Wegfallen eines festen Alltags und herkömmlicher Strukturen und noch vielem mehr vor allem für die psychisch kranken Menschen unserer Gesellschaft darstellen. Die nicht auf eine solide mentale Grundstabilität bauen können. Die Rückfälle erleiden. Deren Krankheitsverläufe sich verschlimmern. Suizidraten, die steigen. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass die Pandemie und alles, was sie mit sich gebracht hat, nicht per se positiv zur mentalen Verfassung beitragen muss, vermutlich bei niemandem von uns. Und da mich der Beginn der Pandemie und der erste Lockdown dummerweise in einer leichten depressiven Phase erwischt haben, kann ich auch bestätigen, dass all das in meiner damaligen Verfassung eine sehr viel größere Herausforderung war und mich sehr viel mehr Kraft und Energie gekostet hat, als es das in einer stabilen Phase wie der jetzigen getan hätte. So wie alles mehr Kraft und Energie kostet und unfassbar schwer und fast unmöglich scheinen kann, wenn man sich in einer depressiven Phase befindet.

Ich hatte das Glück, dass es sich nur um eine recht leichte und kurze Phase handelte, in der ich während der ersten Tage meiner freiwilligen Quarantäne zwar das erste Mal in zwei Jahren das Notfalltelefon meiner Therapeutin in Anspruch nahm, weil ich so verzweifelt war, dass ich mir in diesem Moment selbst nicht mehr zu helfen wusste, ich mich aber durch die Anwesenheit und Geborgenheit meiner Familie, zu der ich mich dann aus der Stadt flüchtete, einer vorübergehenden Aufdosierung eines meiner Medikamente und den Beginn des Frühlings sehr schnell wieder stabilisierte und dadurch die Kraft und Energie hatte, mir innerhalb kürzester Zeit einen neuen Alltag ohne Arbeit, jegliche bis dato da gewesene Struktur und mein gewohntes Umfeld, dafür aber mit social distancing, all den tagtäglichen Hiobsbotschaften und damit verbundener Verunsicherung und Sorge geschaffen hatte.

Die Mischung macht’s.

Wie so oft ist es schwierig bis unmöglich, manchmal auch unnötig, genau abzugrenzen, woran es denn jetzt eigentlich liegt, dass das jetzt plötzlich besser geht. Meistens interessiert einen dann erstmal einfach nur, DASS es besser geht. Punkt. So war es bei mir oft, nachdem eine depressive Episode vorbei war. Wenn in diesem Zuge die Medikamente aufdosiert worden waren, ich aber selbst auch alles getan und ins Rollen gebracht hatte, damit es mir besser geht, hätte ich manchmal trotzdem gerne gewusst, an was von alldem die Verbesserung nun eigentlich gelegen hat. Meistens war ich aber so froh, erleichtert und dankbar, dass es mir wieder besser ging und Licht am Ende des Tunnels war, dass mir das ehrlich gesagt herzlich egal war. Mittlerweile bin ich überzeugt, dass es immer eine Mischung aus allem ist. Allein auf die Wirkung von Medikamenten zu vertrauen und sich dann ins Bett zu legen und abzuwarten wird ziemlich sicher nicht die erwünschte Wirkung zeigen. Und je nach Schweregrad der Depression reichen leider auch Spazierengehen oder Meditieren allein nicht aus.

Alles schon jesehn, alles schon jehabt?

Ähnlich erlebe ich persönlich die zweite Welle und auch den zweiten Lockdown. Obwohl die pandemische Lage und die Zahlen, die Situation auf den Intensivstationen und die Überlastung des Gesundheissystems sehr viel ernster, besorgniserregender und dramatischer sind als im Frühjahr fühlt es sich für mich nicht so bedrohlich an wie in der ersten Welle. Ein Eindruck, den ein Teil meines Umfelds teilt. Ich denke, dass das nicht ungewöhnlich ist, obwohl man ja meinen könnte, je schlimmer die Lage, desto größer die Ängste und Sorgen. Ich bin weder Unternehmerin noch Ärztin, Virologin, Pflegekraft oder Poltikerin, deswegen kann ich hier nur für die Rolle sprechen, die ich in meiner aktuellen Situation als momentan arbeits- und kinderlose junge Frau und den damit verbundenen Umständen und Herausforderungen gerade innehabe. Und einer der Gründe, warum ich mit der Situation dieses Mal so viel besser umgehen kann, ist meiner Meinung nach schlicht und ergreifend die Tatsache, dass es schon das zweite Mal ist. Dass wir „das alles“ mittlerweile schon „kennen“, schon mal ähnlich erlebt haben. Vielleicht auch die Tatsache, dass ein Impfstoff in Sicht ist. Dass wir sehr viel mehr über das Virus wissen als ganz zu Anfang der Pandemie. Etwas das uns trotz der noch ernsteren Lage als im Frühjahr vielleicht zuversichtlicher sein lässt.

Isolation Creation!

Die Hoffnung, dass es irgendwann ein Ende geben wird, auch wenn es noch nicht in Sicht ist. Vielleicht liegt es auch daran, dass wir in verschiedensten Lebensbereichen in der Zwischenzeit ganz schön kreativ geworden sind, seien es nun virtuelle Treffen mit Freunden und Vorlesungen per zoom, Home Office, kleine süße Gewächshäuser vor einem Café, um die Abstände zu wahren, die digitale Weihnachtsfeier, zu der wir das Menü und den Vino per Paket nach Hause geliefert bekommen und uns dann gemeinsam vor dem PC mit lustigen Weihnachtspullis und Rudolfhaarreifen einen reinstellen und so viele andere tolle Ideen und Umsetzungen, von denen mittlerweile einige schon wieder nicht mehr gehen. Aber der Wille, die Kreativität und die Anpassungs- und Improvisationskunst des Homo sapiens waren und sind auf jeden Fall da.

Ich glaube, all diese Aspekte spielen bei einigen Menschen unserer Bevölkerung, und zwar egal ob psychisch krank/vorbelastet oder nicht, eine große Rolle bei einem besseren Umgang mit der Coronakrise, einer stabileren mentalen Verfassung und vielleicht auch einer größeren Akzeptanz. Genau so gibt es natürlich auch die genau entgegengesetzte Entwicklung, nämlich dass die zweite Welle für den Rest unserer Bevölkerung aus verschiedensten bereits erwähnten Gründen wie den höheren Zahlen, fast nicht mehr tragbaren Überlastungen des Gesundheitssystems, all jener, die an vorderster Front jeden Tag fast Unmögliches leisten und den anhaltenden und wiederkehrenden wirtschaftlichen, finanziellen oder familiären Belastungen als deutlich schlimmer und verheerender erlebt wird oder es auch schlicht und ergreifend ist.

Für jeden ein Päckchen!

Auch wenn diverse persönliche Situationen und die damit einhergehenden Belastungen, Herausforderungen und Einschränkungen natürlich immer höchst individuell sind und nicht einfach über einen Kamm geschoren werden können, so gibt es doch ein paar Dinge, von denen wir alle in gleicher Form betroffen sind. Der neue Lockdown. Die Konfrontation mit den Zahlen, die Unvorhersehbarkeit in so vielen Bereichen, die Ungewissheit, wie, wann und ob das alles enden wird, Kontaktbeschränkungen, Hygienekonzepte, Veränderungen im beruflichen Umfeld. Manche mehr, manche weniger. Die alleinerziehende Mutter, die weiterhin Vollzeit arbeiten kann (oder muss), und zwar aus dem Home Office, deren Kinder nicht mehr in die Schule gehen können und deswegen nur zu Hause sind und sie sich zwischen Kinderbetreuung, Haushalt, Arbeit und der Vermeidung eines damit verbundenen Nervenzusammenbruchs vierteilen muss steht vor anderen Herausforderungen als der Single, der aufgrund seiner Branche nicht mehr arbeiten kann, nur noch zu Hause oder mal kurz im Supermarkt ist und seine Freunde höchstens digital trifft, der sich widerum in einer anderen Situation befindet als die Omi im Altersheim, die seit Monaten keinen Besuch mehr bekommen, ihr Zimmer nur noch im Notfall verlassen darf und der die Einsamkeit mehr zu schaffen macht als all ihre körperlichen Gebrechen zusammen.

Gerade du?!

Und doch beobachten wir völlig unabhängig von den individuellen Menschen und Situationen das Phänomen, dass manche von uns mental sehr viel besser durch diese Krise kommen als andere. Dass sich wider Erwarten sogar jene, von denen man es am wenigsten erwartet hätte, unfassbar schwer tun und am Ende ihrer Kräfte und Kapazitäten sind, während Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen auch ohne Pandemie tagtäglich kämpfen müssen und zumindest augenscheinlich schlechter für Krisenzeiten gerüstet sind als der Rest der Bevölkerung, dieses Jahr verhältnismäßig locker weggesteckt haben und dabei erschreckenderweise sogar noch die Ruhe in Person geblieben sind. Obwohl wir sie in anderen Zeiten, in denen doch scheinbar alles gut war, so verzweifelt, am Boden und hoffnungslos gesehen haben, dass es uns als Angehörigen eine Scheiß-Angst eingejagt und uns hilf- und machtlos zurückgelassen hat. Ich spreche von psychisch kranken Menschen im Allgemeinen. Depressiven Menschen im Speziellen.

Alles hat seinen Zweck.

Margarete Stokowski wirft zu Beginn ihres Artikels (https://www.spiegel.de/kultur/corona-pandemie-was-wir-von-depressiven-lernen-koennen-a-93f4e953-d48d-45e4-bbf8-8426376a5bbc) also zu Recht die Frage in die Runde, was die bisher psychisch gesunden und so stabilen Menschen in unserer Gesellschaft von denen unter uns lernen können, für die diese Pandemie trotz ihrer massiven Wucht und ihres enormen Bedrohungspotenzials einfach nicht mit all den Kämpfen, die wir im Laufe unseres Lebens bisher geführt haben, mithalten kann. Und zwar nicht mal annähernd. Die wir uns über Jahre oder Jahrzehnte hinweg Überlebens- und Bewältigungsstrategien angeeignet haben, um diese Täler immer wieder auf’s Neue zu durchwandern. Ein kunterbuntes und hart erarbeitetes Repertoire an Ressourcen und Tools aus unseren schwärzesten Zeiten, die uns nun zu Gute kommen und uns in manchen Hinsichten einen gewissen Vorteil gegenüber den weniger Krisenerfahrenen unter uns verschaffen können.

Eine aus diversen inneren Krisen entstandene Resilienz, die dieser globalen Krise im Außen nun unerschrocken die Stirn bietet.

Eine Krisenfestigkeit, die uns einen Puffer zwischen unserem Seelenheil und der aktuellen Bedrohung im Außen verschafft.

Die Entwicklung einer solchen Krisenfähigkeit setzt die Erfahrung mit und das Durchleben von Krisen voraus. Theorie reicht hier nicht. Ohne Krise keine Krisenfähigkeit. Je mehr Krisen wir überstanden haben, desto besser wird diese. Desto größer ist unser Erfahrungsschatz.

Wir mögen in akuten depressiven Phasen nicht die besten Ansprechpartner*innen für „5 Gründe warum ich es liebe, morgens wie ein junges Reh aus meinem Bett zu hüpfen“ sein.

Aber wir haben gelernt zu akzeptieren, dass das Reh auch mal liegen bleiben darf.

Wie es sich während dieser Zeit nicht wund liegt.

Und wir wissen aus Erfahrung, dass es bisher noch jedes Mal irgendwann wieder weiter gehüpft ist.

******FORTSETZUNG FOLGT******

Strahlend grau und schrecklich schön.

Bildquelle: Sophie Liehr

TANZZWISCHENDENPOLEN wird heute 2 Jahre alt!

Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um mich bei all jenen zu bedanken, die meinen Blog regelmäßig lesen, all die schönen und wertvollen Rückmeldungen und jede einzelne persönliche Nachricht und Geschichte, die mich bis heute erreicht hat. Sowohl von Betroffenen, Angehörigen als auch allen anderen.

Ich schätze euer Vertrauen über alle Maßen und jede einzelne Person, die, in welcher Form auch immer, etwas Positives aus meinen Texten ziehen kann, sich verstanden und nicht mehr so alleine fühlt, das Krankheitsbild besser versteht, somit vielleicht besser mit der Erkrankung eines Angehörigen umgehen kann oder Hoffnung und Zuversicht schöpft, erfüllt mich mit Demut und einer tiefen Dankbarkeit, die mich motiviert, weiterzuschreiben und weiter zu machen, mit dem was (mir) so wichtig ist. Meinen kleinen Teil zur Entstigmatisierung, einem besseren Verständnis und größerer Akzeptanz psychischer Erkrankungen in unserer Gesellschaft beizutragen.

Denkt immer daran: Ihr seid nicht allein!

Ein lebenswertes, schönes und kunterbuntes Leben ist auch trotz oder vielmehr mit einer bipolaren Störung möglich! Auch wenn es oft dunkelbunt sein mag, bleibt es trotzdem bunt.

Das kann ich nach einem langen und steinigen Weg mit viel Hoffnungslosigkeit, Rückschlägen und Schmerz, aber auch sehr vielen wunderschönen, bereichernden, zuversichtlichen Zeiten voll positiver Energie und Hunger auf’s Leben aus eigener Erfahrung bestätigen.

Genau das durch meine Texte zum Ausdruck zu bringen und an meine Leser*innen weiterzugeben ist der Grund, warum ich TANZZWISCHENDENPOLEN vor zwei Jahren ins Leben gerufen habe und dieser Blog immer noch mein absolutes Herzensprojekt ist.

Es ist mir eine Ehre, euch mit auf meine Reise zu nehmen und das ein oder andere Stück des Weges gemeinsam zu gehen.

Und jetzt lasst uns tanzen!

Eure Lisa.

Vom Nirwana der Nüchternheit – Reloaded

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Heidelberg, Juni 2013.

Da ich gerade leider überhaupt keine Zeit für einen neuen Blogartikel habe, weil mein erster Online-Schreibkurs seit letzter Woche in vollem Gange und auch für die Uni viel zu tun ist, werde ich, nachträglich zu meinem 3-jährigen Abstinenzjubiläum am 24. September 2020 noch einmal meinen Artikel aus dem letzten Jahr posten, den manche von euch, die später dazugekommen sind, vielleicht ja noch nicht gelesen haben. Die anderen haben ihn vielleicht schon wieder vergessen und können ihn nochmal lesen oder müssen sich noch etwas gedulden bis zum nächsten Artikel.

Eine Sache möchte ich allerdings nochmal ergänzen und betonen:

Ich weiß, dass meine Entscheidung, keinen Alkohol mehr zu trinken, weder im Exzess noch in Maßen, und die Tatsache, dass ich es seit meiner Entscheidung vor drei Jahren ohne nur einen einzigen Rückfall durchgezogen habe, eine der wichtigsten und vor allem richtigsten Entscheidungen meines Lebens war. Dass ich ohne nüchtern zu bleiben niemals dort wäre, wo ich jetzt bin. Nämlich seit zwei Jahren stabil und in der Lage, mit den Phasen meiner Erkrankung umzugehen, egal ob depressiv oder hypoman. Dass ich diese Stabilität nie erreicht hätte, wenn ich so weiter getrunken hätte. Dass sich manch andere*r und nicht zuletzt ich selbst noch vor drei Jahren, auch noch in der letzten Clubnacht vor meinem Klinikaufenthalt 2017, nicht hätte vorstellen können, dass ich von einem auf den anderen Tag aufhören würde, Alkohol zu trinken und zu eskalieren. So als hätte ich es nie getan. Aber genau so ist es nun seit über drei Jahren. Darauf bin ich verdammt stolz und so unendlich dankbar. Ich war nie wacher, klarer und mehr bei mir. Darüber nachdenken, wo oder ob ich heute wäre, wenn ich mich anders entschieden hätte, tue ich nicht.

Denn was zählt ist jetzt.

Hier kommt also nochmal der Artikel vom 10. November 2019.

Schüchterne Stabilität

Ich bin zum ersten Mal seit meiner Diagnose und auch zum ersten Mal in den vergangenen zehn Jahren seit ziemlich genau einem Jahr weitestgehend stabil. Mit stabil meine ich nicht „ohne Ausschläge nach oben oder unten“. Die gab es auch dieses Jahr. Sowohl nach unten als auch nach oben. Da gab es die relativ kurze und gleichzeitig nicht zu verachtende hypomane Phase im Frühjahr, die ich relativ schnell in den Griff bekam und währenddessen getroffene Entscheidungen und ihnen folgende Handlungen glücklicherweise wieder rückgängig machen konnte, bevor sie längerfristigen Schaden anrichteten. Und auch einige depressive Episoden gab es über das Jahr verteilt, von denen fast alle durch vorangegangene Stresssituationen entstanden waren. Da ich mittlerweile weiß, dass diese Phasen zu mir gehören und kommen und gehen, bedeutet „stabil“ für mich, dass diese stetig wiederkehrenden Auf’s und vor allem Ab’s verhältnismäßig geringer ausgeprägt waren und kürzer ausfielen, als sie das schon getan hatten. Und ich selbst während dieser akuten Phasen, wenn auch unter deutlich größerer Anstrengung und daraus resultierender Erschöpfung, meinen Alltag bewältigen, zur Arbeit gehen, für mich selbst sorgen und meine sozialen Kontakte, wenn auch manchmal vermindert, pflegen konnte. Wusste, was mir in diesen Momenten gut tun würde und genau das tat, um wieder in Richtung Mitte zu gelangen. Aus eigener Kraft und mithilfe all des Wissens, das ich mir in den letzten Jahren angeeignet hatte.

Eine Frage des Lebensstils?

Dieses Jahr der „Stabilität“ bedeutet mir unglaublich viel. Und es macht mich auch in gewisser Hinsicht ganz schön stolz. Weil ich weiß, dass ich diesen Zustand neben einer regelmäßigen und konsequenten Medikamenteneinnahme zu einem großen Teil den Anpassungen meines Lebensstils und Alltags, dem Bewusstwerden meiner Bedürfnisse und deren Erfüllung, dem Erkennen meiner Grenzen und deren Verteidigung zu verdanken habe. Bei mir zu bleiben, selbst wenn es im Außen mal zerrt und schubst und drängt. Gut auf mich zu achten, vor allem, wenn es mir nicht gut geht. So wie ich mich auch um eine gute Freundin oder einen guten Freund kümmern würde. Nicht zu streng zu mir zu sein. Selbstmitgefühl zu haben. Klar abgegrenzt von Selbstmitleid. Verstehen und akzeptieren, dass ich nicht perfekt bin und es auch nicht sein muss. Dass das niemand ist. Egal ob Bipolar oder nicht. Und dass das okay ist. Dass wir alle Menschen sind.

Darauf trinken wir nicht!

Der 24. September dieses Jahres war ein ganz besonderer Tag für mich. Ein zweijähriges Jubiläum. Am Samstag des Wochenendes bevor ich 2017 in die Klinik ging, hatte ich zum letzten Mal Alkohol getrunken. Selbstmedikation. In der Hoffnung, diesen quälenden Zustand wenigstens für eine kurze Zeit überwinden zu können und den verheerenden immer schwindelerregender Gedankenspiralen für ein paar Stunden zu entkommen. Sich abwechselnden Schmerz, Traurigkeit, Hoffnungslosigkeit, Qual und Verzweiflung betäuben zu können. Einfach vergessen, was da gerade mit mir passierte. Vergessen waren am nächsten Morgen lediglich sämtliche Details des vorherigen Abends. Alles andere war immer noch da. Knallte mit noch stärkerer Wucht in mein Bewusstsein, noch bevor ich morgens verkatert die Augen öffnete.

Seit jenem Abend am 24. September 2017 habe ich keinen Tropfen Alkohol mehr angerührt. Und ich weiß, dass das auch so bleiben wird. Entgegen einiger Meinungen und nicht erwähnenswerter Kommentare von unwichtigen Menschen in einem der Vergangenheit angehörenden Umfeld. Einer der Vergangenheit angehörenden Lebensphase. „Lisa trinkt keinen Alkohol mehr, ja, genau!“. Mein über die Jahre anscheinend äußerst erfolgreich etabliertes Partyanimal-Image stellte sich als ziemlich hartnäckig heraus. „Find ich ja ganz cool, aber du wirst bestimmt irgendwann in deinem Leben mal wieder was trinken, ’n Sektchen zu Silvester oder so“. Der Blick und Kommentar des Supermarktverkäufers, den ich nach dem Regal mit dem alkoholfreien Sekt fragte: „Wer trinkt denn so was?“ Erst als ich ihm trocken entgegnete, dass ich schwanger sei, war sein kleines beschränktes Weltbild wieder hergestellt. Sein grunzendes Lachen sprach Bände der Erleichterung.

Rausch als Regel?

Frühere Partybekanntschaften, die „ganz sicher nicht mit Wasser anstoßen“ würden. „Komm, jetzt trink doch was mit! Ein Bier geht doch!“. „Wie, du bist jetzt gerade komplett nüchtern?? Nicht mal Emma oder so? Hätte hier noch ’nen Joint?“- „Wie hältst du das hier nur nüchtern aus…“ Partys mit Leuten oder Musik, die mir nicht zusagten und die ich mir früher vermutlich schön getrunken hätte, verließ ich frühzeitig oder ging einfach nicht hin. Ohne seitdem jemals das Gefühl gehabt zu haben, etwas zu verpassen. Gut gemeinte Solidaritäts-Versuche à la „Ich trinke heute auch einfach mal nichts“, die in den seltensten Fällen erfolgreich waren. War wohl doch nicht ganz so einfach. Die Erkenntnis, dass Alkohol trinken weitaus mehr zu unserer Gesellschaft gehört und von ihr akzeptiert wird, als keinen Alkohol zu trinken. Dass du dafür eine Erklärung brauchst. Und dass du, wenn du nicht gerade schwanger oder trockene/r Alkoholiker/in bist, manchmal ganz schön schlechte Karten haben kannst. Allerdings nur bei Gegnern. Nicht bei Mitspielern.

Diese stellten in dieser Übergangsphase und auch bis heute zum Glück die deutliche Mehrheit dar. Größtenteils bin ich in meinem sozialen Umfeld, in meiner Familie und meinem engen Freundeskreis sowieso, ausschließlich auf Verständnis, Unterstützung und vor allem auch Respekt gestoßen. Meine Familie, die ohne Nachfragen und nur aus Solidarität auch immer mal wieder über längere Zeit keinen Alkohol trinkt. Freunde, die bei einem gemeinsamen Essen nachfragen, ob es in Ordnung ist, wenn sie Alkohol trinken. Obwohl ich niemals auch nur daran gedacht hätte, diese Frage mit Nein zu beantworten geschweige denn es verlangen würde. Die trotzdem jedes Mal auf’s Neue fragen. Und es manchmal auch ohne Fragen einfach nicht tun und mit mir das alkoholfreie Alsterwasser teilen. Bekannte, die ich nur ab und zu sehe, die es sich trotzdem gemerkt haben und mir seitdem nie wieder Alkohol angeboten haben. Bis heute kenne ich genau eine einzige Person in meinem gesamten sozialen Umfeld, die wie ich komplett abstinent lebt. Der Austausch mit ihr gibt mir viel.

Bin ich (nicht) auch nur ein Mensch?

Mein absoluter Favorit der Reaktionen im Außen ist und bleibt der Kommentar eines Arztes in der Klinik, nachdem er mich gerade über die Wechselwirkungen meiner gerade neu aufdosierten Medikamente mit Alkoholkonsum aufgeklärt hatte. Mit seinem eigentlich so sympathischen und immer etwas spitzbübischen Grinsen blinzelte er mich sichtlich vergnügt durch seine lustige Hipsterbrille an und verpasste seiner Aufklärung über die unendliche Liste der negativen Auswirkungen von Alkoholkonsum sowohl auf mein Krankheitsbild aus auch die lebenslange Medikamenteneinnahme eine bühnenreife Pointe: „Aber Frau Waldherr, genau wie Sie selbst weiß natürlich auch ich, dass Sie halt nur ein Mensch sind und auch mal wieder feiern und Alkohol trinken werden.“ Natürlich! Wer keinen Alkohol trinkt ist schließlich auch kein Mensch!

Duell der Substanzen

Aber in gewisser Hinsicht hatte er tatsächlich Recht. Keiner der Menschen, die ich kenne, die mit verschiedenen Arten von psychischen Erkrankungen zu tun haben – und das sind mittlerweile einige – verzichtet auf Alkohol. Vorweg ist es mir an dieser Stelle wichtig, klar zu machen, dass jeder Mensch für sich selbst und für sein eigenes Glück verantwortlich ist, jeder machen kann und soll, was er will, für sich selbst entscheiden sowie die Verantwortung und Konsequenzen seiner Handlungen und seines Verhaltens tragen muss. Und trotzdem erstaunt es mich doch immer wieder, dass anscheinend kaum jemand Bedenken dabei hat, Medikamente, die so unmittelbar und kontinuierlich in unseren Hirnstoffwechsel eingreifen und dort sämtliche Wirkmechanismen, die uns das Leben retten können oder es bereits mehrmals getan haben, entfalten, mit Alkohol oder anderen natürlichen oder chemischen bewusstseinsverändernden Substanzen zu kombinieren. Und sich dann fragen, warum sich ihre Depressionen verschlimmern oder immer wiederkehren, sie in eine Manie schlittern oder Psychosen entwickeln. All das niemals in Verbindung mit ihrem Konsum bringen würden und vor allem nicht wollen. Denn es macht ja Spaß. Und tut in dem Moment doch auch gut. Oder nicht? Die Magie des Moments ist trügerisch. Und all zu schnell verflogen. Ich habe über längere Zeit hinweg so gerne, wild und exzessiv getrunken und gefeiert, dass es weh tat. Allerdings nicht nur am nächsten Morgen.

Vorhang auf!

Ich empfinde es als schmalen Grad, meine Zeilen hier nicht einer Moralapostelei zuzuordnen. Das sollen sie keineswegs sein. Meine Motivation, diesen Blog zu schreiben, besteht zu einem großen Teil darin, meine Erfahrungen, sowohl die negativen als auch die positiven, möglichst genau zu schildern. Die Erkenntnisse, die ich in verschiedenen Bereichen und Hinsichten für mich über einen langen Zeitraum gewonnen habe. Die Schlüsse, zu denen ich irgendwann, manchmal mehr, manchmal weniger schmerzhaft, gekommen bin. Konsequenzen, die ich letztendlich gezogen habe. Ziehen musste, um mich selbst zu schützen. Manchmal gegen meinen Verstand. Manchmal gegen mein Herz. Und trotzdem weiß ich, dass manche von ihnen für mich überlebenswichtig waren. Es nach wie vor sind. Und auch bleiben werden. Es gibt Aspekte der bipolaren Erkrankung, wie wir weder als Betroffene noch als Angehörige beeinflussen können. Die sich unserer Macht entziehen. Genau so gibt es aber auch viele Bereiche, die wir durch unser eigenes Verhalten und unsere Lebensweise positiv beeinflussen, uns unserer Selbstwirksamkeit bewusst werden können. Erkennen, dass wir nicht wie hilflose Marionetten von der Krankheit durch unser Leben geschleift werden müssen, sondern in den allermeisten Fällen zumindest einige der Fäden noch selbst in der Hand halten. Sie vor dem Absturz bewahren können, auch wenn sie mal nur noch an einem Faden hängen. Die Figuren tanzen lassen können. Es liegt an uns, diese Fäden in der Hand zu behalten.

Selbstmedikation vs. Komorbidität

Einer dieser Fäden ist meiner Meinung nach der Konsum von Alkohol und anderen bewusstseinsverändernden Substanzen. Weswegen es mir so wichtig ist, diesem Thema hiermit einen eigenen Artikel zu widmen. In naher Zukunft wird ein Artikel folgen, der sich nicht wie dieser meinen persönlichen Erfahrungen diesbezüglich widmen, sondern die wissenschaftliche Hintergründe der Thematik beleuchten wird. Diverse Fachliteratur zur bipolaren Erkrankung legen die Vermutung nahe, dass bipolare Erkrankungen in Kombination mit regelmäßigem und/oder übermäßigem Alkoholkonsum äußerst schwer unter Kontrolle zu bekommen sind und eine langfristige stabile Stimmungslage unter dessen Einfluss sehr viel unwahrscheinlicher ist. Dass sämtliche bewusstseinsverändernde Substanzen den Verlauf der Erkrankung negativ beeinflussen können. Wobei außerdem erwähnt werden muss, dass eine Unterscheidung zwischen exzessivem Trinken als Selbstmedikation oder Symptom während einer depressiven oder (hypo-)manen Phase einerseits und Alkoholmissbrauch oder -sucht als Komorbidität (eine Begleiterkrankung der Grunderkrankung (in diesem Fall die bipolare Erkrankung), die diagnostisch klar voneinander abzugrenzen sind) andererseits sehr schwer und der Übergang oft fließend ist.*

* Die in diesem Abschnitt aufgeführten wissenschaftlichen Hintergründe habe ich mir im Laufe der letzten Jahre aus diversen Quellen angelesen und für diesen Artikel mit bestem Gewissen aus meinem Gedächtnis zusammengetragen, ohne die Quellen aktuell noch vorliegen zu haben. Da es sich bei diesem Blogbeitrag außerdem nicht um eine wissenschaftliche Arbeit handelt, werde ich hier keine Quellen zitieren. Deswegen besteht bezüglich dieses Abschnitts allerdings auch kein Anspruch auf wissenschaftliche Vollständigkeit. Im bereits angekündigten Artikel über die wissenschaftlichen Hintergründe der bipolaren Erkrankung werde ich dies nachholen.

Jede Jagd hat ein Ende

Rückblickend kann ich dazu einfach nur sagen, dass sich meine Hochs und Tiefs in keiner Zeit so erbarmungslos und unberechenbar jagten wie in den Jahren, in denen ich regelmäßig und überdurchschnittlich viel Alkohol konsumiert habe. Nie wieder so hoch geflogen bin. Und auch nie wieder so tief gefallen.

Eine allmähliche Stabilisierung meiner Stimmungslage begann erst, nachdem ich am 24. September 2017 meine Entscheidung für ein abstinentes Leben getroffen hatte.

Für keinen Rausch der Welt würde ich diese jemals wieder auf’s Spiel setzen.

Man könnte fast meinen

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Antidepressiva für Android

Vielleicht liegt es daran, dass mein Algorithmus auf dem Handy durch alles zum Thema psychischer Gesundheit und psychischer Erkrankungen, was mich nun mal interessiert und was ich mir gerne durchlese, mittlerweile selbst schon total depressiv ist und mir nur noch Artikel darüber anzeigt, was Corona mit unserer Psyche macht, bisher gemacht hat und noch machen wird und welche negativen Auswirkungen all das Hin und Her und die soziale Isolation und die Unsicherheit auf die menschliche Psyche haben wird und welch schreckliche Langzeitfolgen uns drohen werden. Und wie viel schlimmer es dieses Mal ist, nicht nur, weil die Zahlen viel höher sind als bei der ersten Welle, sondern weil da wenigsten Frühling war und es jetzt einfach nur kalt und nass und dunkel ist. November halt. Wenn man nicht vorher schon depressiv war, dann haben manche dieser Artikel auf jeden Fall sehr großes Potenzial, den mentalen Verfall beeindruckend zu beschleunigen. Ganz ohne Fake-News und Mopo. Warum das nicht sein muss und welche Rolle unsere Sichtweise auf das Ganze auch hier mal wieder spielt, gibt’s im zweiten Teil des Artikels zu lesen. Denn auch wenn wir uns das noch so sehr wünschen, wird aus Herbst, kalt und dunkel nicht plötzlich Frühling und Vogelgezwitscher und Maiglöckchen.

Sehe ich. Anders.

Versteht mich nicht falsch, viele dieser Dinge treffen natürlich zu und dürfen keineswegs auf die leichte Schulter genommen werden. Das steht für heute allerdings auf einem anderen Blatt geschrieben. Nach einer kurzen Bestandsaufnahme möchte ich den zweiten Teil dieses Artikels nutzen, um uns Mut zu machen, die Dinge vielleicht von einer anderen Perspektive zu betrachten, die trotzdem realistisch und nicht verleugnend ist, mit der es uns aber etwas besser geht. Tag für Tag und Schritt für Schritt leben. Trotzdem, ja, immer noch und weiterhin, versuchen, uns auf die positiven Dinge im Alltag und erstmal der Gegenwart zu konzentrieren, auch wenn sie noch so klein sind. Auch wenn wir vielleicht echt die Schnauze voll davon haben, immer noch in einem riesigen Haufen Müll nach etwas doch noch Brauchbarem zu suchen. Und mittlerweile zu der Erkenntnis kommen durften, dass wir uns eben nicht zu allem Übel auch noch selbst unter Druck setzen sollten, das Beste aus einer Pandemie machen und am besten mit diversen Koch-, Back- und Schrankaussortierskills gestärkt, durchtrainiert und wie ein neuer Mensch aus ihr hervorgehen müssen. Alles legitim.

Keinen Bock mehr auf die ganze Corona-Scheiße mehr haben, dieses Wort am liebsten nie wieder hören, sehen oder schreiben zu müssen und uns einfach nur wünschen, dass es vorbei ist. Unser altes Leben zurückhaben wollen, manche Dinge schmerzlich vermissen und uns einfach nicht damit abfinden wollen, dass wir gerade nicht alles haben können, was wir wollen, auch wenn wir wissen, dass Krieg oder Flüchtlingslager schlimmer sind als Couch und Home Office. Auch all das ist mehr als legitim.

Worry-Windowshopping

Aber ganz ehrlich? Es kann mir keiner von euch erzählen, dass es euch besser damit geht, wenn ihr euch all diese Dinge die ganze Zeit bewusst macht und darüber nachdenkt, was alles gerade nicht geht, was fehlt und was scheiße ist. Vielleicht können wir hier einen Kompromiss finden, der daraus besteht, diese negativen Gedanken, Gefühle und Reaktionen zuzulassen und ihnen für eine gewisse Zeit Raum zu geben. So wie es uns ja immer so fein geraten wird, Achtsamkeit und so, blaaaa blubb. Ich halte sehr viel von Achtsamkeit und vielem, was damit zusammenhängt und es ist schon lange ein Teil meines Lebens, der sehr positiv zu meiner psychischen (und physischen) Gesundheit beiträgt. Aber: Wir müssen keineswegs alles freundlich begrüßen. Es reicht auch mal, sich etwas einmal kurz anzuschauen und dann zu beschließen, dass wir gerade keinen Bock darauf haben und deswegen auf dem Absatz wieder kehrt machen. Worry-Windowshopping sozusagen. Dass wir jetzt gerade nicht die Ressourcen und Kapazitäten haben, uns das zu leisten. Und dass wir ja aber wiederkommen können, wenn wir wollen und es vielleicht besser passt. Wir haben also einmal reingeguckt und schlendern weiter zum nächsten Fenster, in dem es vielleicht besser aussieht. Dessen Auslage uns besser fühlen lässt, wir deswegen den Laden betreten, um uns ein bisschen umzuschauen. Und vielleicht sogar etwas mitzunehmen.

Kollateralschaden der Seele

Ich selbst habe es während des ersten Lockdowns am eigenen Leib erfahren, als ich mich, kurz bevor die erste Welle so richtig in Schwung kam, dummerweise schon in einer depressiven Phase befunden hatte und dementsprechend schlecht gewappnet war für die mentale Herausforderung, die die Pandemie, der Lockdown, die Isolation, die Arbeitslosigkeit und das plötzliche Wegfallen sämtlicher Strukturen so mit sich brachte. Und ich finde, die Tatsache, dass all das, was da gerade in und mit unserer Welt und unserem Leben passiert, uns nicht kalt lässt, zeigt, dass wir menschlich sind. Wäre es nicht ziemlich erschreckend und traurig, wenn es anders wäre? Ich finde schon. Und ich bin auch der Meinung, ohne die Auswirkungen auf ALLE Menschen zu vernachlässigen, dass psychisch kranke Menschen oder Menschen mit bestimmten psychischen Belastungen oder Vorerkrankungen genau so zur Risikogruppe von Corona zählen wie Menschen mit physischen Vorerkrankungen. Deren Gefährdung nicht in erster Linie durch den, im Falle einer Ansteckung, Verlauf oder die Folgen des Virus, sondern in den Umständen besteht, unter denen wir unser Leben gerade zwangsläufig führen müssen. Es kursieren seit Monaten diverse Studien und Statistiken über eine Zunahme von psychischen Belastungserscheinungen, Depressionen, etc. im Netz, auf die ich mich hier aber nicht berufen möchte, weil ich nicht sicher bin, wie verlässlich sie sind. Aber dass fast alle das gleiche sagen, könnte uns zum Nachdenken bringen. Einerseits will ich hier heute keine Worst-Case-Szenarien kreieren, aber einfach wegschauen hilft bekanntlich auch nicht. Deswegen meine Frage hier: Macht es einen Unterschied, ob ein Mensch am Virus selbst oder durch Suizid als Kollateralschaden der Pandemie stirbt? Diese Frage muss sicher jeder für sich beantworten, aber danach können wir vielleicht nochmal über die Risikogruppen nachdenken.

Ist das noch im Rahmen?

Eine der wichtigsten Komponenten für eine langfristige Stabilität, sowohl bei unipolaren als auch bei bipolaren Depressionen, sind einigermaßen feste Strukturen. Eine gewisse Regelmäßigkeit im Alltag, gewisse Wochen- und Tagesabläufe. Einer Tätigkeit nachzugehen, eine Aufgabe zu haben, die einem Spaß macht oder die man zumindest als sinnvoll empfindet, sei es ein Job oder ein Ehrenamt oder was auch immer. Die meisten Menschen ziehen sich in einer Depression zurück, weil sie keinen Antrieb mehr haben, ihnen alles zu viel wird, sie einfach nur erschöpft sind, anderen nicht zur Last fallen wollen…es gibt tausende Gründe. Ausnahmen bestätigen die Regel, ich gebe hier wieder, wie ich es von mir und allen anderen Menschen in meinem Umfeld kenne, die mit Depressionen zu kämpfen haben oder hatten. Dies kann bis zur vollständigen Isolation gehen, in der man nicht mehr aufsteht, nicht mehr das Haus verlässt, einfach gar nichts mehr macht. Und in den allerallermeisten Fällen ist das überhaupt gar nicht gut. Lässt einen noch viel tiefer fallen, sich noch verlorener, hoffnungsloser und verzweifelter fühlen. Ganz allein mit seinen Gedanken, Gefühlen und Ängsten.

Mir fehlt was, was dir auch fehlt

Auch wenn jeder*r von uns andere Bedürfnisse haben mag, was das Ausmaß und die Intensität unserer sozialen Interaktionen angeht, ob wir gut und gerne allein sein können und uns ein paar wenige enge gute Freundi*nnen reichen, um uns wohl und als Teil von etwas zu fühlen, oder ob wir am liebsten ständig unter Leuten, am besten vielen auf einmal, und gar nicht gerne alleine sind, der Mensch ist und bleibt ein soziales Wesen. Soziale Kontakte, Nähe und Berührungen gehören zu unseren Grundbedürfnissen wie Essen, Trinken und Schlafen, auch wenn wir das Bedürfnis nach menschlicher (oder tierischer?) Nähe vielleicht nicht so unmittelbar spüren wie Hunger, Durst und Müdigkeit. Und unser Körper durch das Fehlen eben jener nicht innerhalb von ein paar Stunden rebelliert, wie wenn wir nichts zu essen bekommen, sondern dafür ein bisschen länger braucht und sich anders äußert.

Gut isoliert und doch so kalt

Aber zurück zum Thema: Darüber dass soziale Isolation auf Dauer weder für psychisch gesunde oder im Moment stabile noch für psychisch kranke und/oder vorbelastete Menschen gut ist, sind sich die meisten von uns wahrscheinlich einig. Ich möchte hier aber gerne nochmal den Bogen zum vorletzten Absatz schlagen: Den Einfluss, den die Umstände, die Einschränkungen und Veränderungen in unserem Leben, die die Pandemie mit sich bringt, auf bereits vorhandene psychische Krankheiten oder Beeinträchtigungen haben. Wenn eine feste Alltagsstruktur und ein stabiles soziales Netz wie oben erwähnt so elementar für den Verlauf von beispielsweise Depressionen sind, sowohl rehabilitativ als auch präventiv, dann ist das ehrlich gesagt ganz schön kontraproduktiv, wenn Betroffene coronabedingt nun dazu gezwungen sind, Dinge zu tun, die sie eigentlich gelernt haben, zu vermeiden, weil sie wissen, dass sie negative Auswirkungen auf ihre Erkrankung hat.

Wenn der Zwang plötzlich Alltag ist

Eine der ersten Fragen, die im Frühjahr so alle in meinem Kopf umherspukten, war, wie es wohl Menschen mit Zwangsstörungen gerade ergeht. Ich stellte mir vor, wie ein Mensch mit Waschzwang vielleicht über die Zeit mühsam gelernt hat, diesen in den Griff zu bekommen und sich nicht mehr ständig wie ferngesteuert die Hände zu waschen. Der sich jetzt plötzlich am besten den ganzen Tag die Hände waschen soll, mit ganz viel Seife und ganz gründlich, inklusive Fingernägel und mindestens 20 Sekunden, besser vielleicht 30 und dann bitte noch möglichst oft desinfizieren. Alle Behandlungserfolge zu Asche zu Staub. Oder Menschen mit Hypochondrie und (Krankheits-)phobien, jemand, der vielleicht schon sein halbes Leben lang mit einer Virus- oder Pandemiephobie kämpft und dessen schlimmster Albtraum gerade wahr wird. Das sind Gruppen, genau so wie die Opfer von häuslicher Gewalt oder Suchtkranke (wie beispielsweise trockene Alkoholiker) während des Lockdowns einer ganz anderen und sehr viel höheren Gefahr einer Verschlimmerung ihrer Situation oder eines Rückfalls ausgesetzt sind, die zwischen all unseren individuellen Sorgen, Ängsten und Herausforderungen oft untergehen. Die Liste könnte man hier noch endlos weiterführen, aber ich möchte nach wie vor in der Tiefe nur über das schreiben, mit dem ich mich wirklich auskenne. Zu anderen Themen sollen wenn dann nur Betroffene selbst in Form eines Gastartikels berichten, da habe ich für die Zukunft schon einiges in petto, worauf ihr gespannt sein dürft. Also soll es hier heut um psychisch erkrankte Menschen, im Speziellen Betroffene von Depressionen gehen.

Nix wie rauf auf den Deich!

Soziale Isolation kann sowohl Ursache als auch Symptom einer Depression sein. Und nun sollen sich Betroffene sozial isolieren. Je nach Tätigkeit, die sie gerade ausgeübt haben, verändern sich diese und ihr Alltag dadurch eventuell total, oder die Struktur, die so ein Job unserem Alltag in der Regel immer auf eine gewisse Art und Weise gibt, bricht von einem auf den anderen Tag komplett weg. Selbst wenn sich Betroffene nicht in einer akuten Phase befinden, werden sie dadurch zwangsläufig und ungefragt in Verhaltensmuster und Situationen gedrängt, die sie sonst nur aus ihren depressiven Phasen kennen. Rückzug. Keine Struktur im Alltag. Morgens nicht aufstehen müssen. Das dann auch nicht tun. Und so weiter und so fort. Genau darin besteht die Gefahr. Immer mehr bringen diese Herausforderungen nicht nur psychisch kranke Menschen, sondern auch den Rest der Menschheit, die mit psychischen Belastungen in ihrem Leben bisher noch nicht so viel am Hut hatten, an ihre Grenzen. Wenn langsam selbst die mentalen Felsen in der Brandung unserer Gesellschaft Halt zu verlieren drohen, wird vielleicht klar, in welch heftigem Sturm sich die von uns gerade befinden, die mit einem weniger stabilen Fundament ausgestattet sind. Und die Wellen sie kommen und kommen.

Erste Selbsthilfe

Wie immer versuche ich bei den Worten, die ich schreibe, einen so vorsichtigen und sensiblen Umgang wie möglich zu erreichen und möchte deswegen an dieser Stelle sagen, dass das, was ich im Folgenden schreibe, in erster Linie nicht für akute und schwere depressive Episoden gedacht ist. Weil dann schon ein Punkt erreicht ist, wo solche Verhaltensweisen, Denkmuster oder Sichtweisen nicht mehr möglich sind oder nicht funktionieren. Wo fremde, meist professionelle Hilfe nötig ist. Hier geht es um Selbsthilfe. Und uns selbst helfen können wir nur dann, wenn wir stabil genug sind, um auf Ressourcen und Tools zurückgreifen zu können, die wir uns über die Zeit erarbeitet und geschaffen haben.

Ich möchte mit meinen Erzählungen und Vorschlägen von dem, was mir aktuell hilft, trotz Arbeitslosigkeit, fehlender Struktur von außen, Lockdown und sozialer Isolation mit der Situation umzugehen, gut für mich zu sorgen und stabil zu bleiben, keineswegs jemanden unter Druck setzen, dem all das gerade einfach nicht möglich ist, sondern lediglich meine persönlichen Erfahrungen weitergeben, die anderen Betroffenen vielleicht auch helfen können. All das wäre mir mitten in der akuten depressiven Phase im Frühjahr nicht in dieser Form möglich gewesen, weil ich teilweise weder die Kraft noch den Antrieb gehabt hätte. Jetzt befinde ich mich gerade seit Längerem in einer sehr stabilen Phase, was einerseits an all dem liegt, was ich dafür tue und andererseits all das, was ich tue wiederum so viel leichter fallen lässt, als wenn es mir schlecht geht.

Ein Engelskreis sozusagen. Losgelöst von jeglicher Religiosität.

***FORTSETZUNG FOLGT***

Wo Großhartzigkeit klein geschrieben wird.

Bildquelle: Lisa C. Waldherr

Jeder für sich

Es ist eine Sache, aufgrund von Corona seinen krisensicheren Job vorerst aus dem Home Office ausüben zu müssen. Was, versteht mich bitte nicht falsch, ganz bestimmt diverse andere und nicht minder schwierige Herausforderungen mit sich bringt und das vor allem im Frühjahr tat, als Schulen und Kindergärten geschlossen waren, die gesamte Familie zusammen zu Hause war und die Eltern oder alleinerziehende Mütter und Väter irgendwie ihre eigene Arbeit von zu Hause aus, den Haushalt, die Kinderbetreuung und zusätzlich noch einen Teil des Home Schoolings übernehmen oder zumindest beaufsichtigen mussten. Es ist eine Sache, wenn man aufgrund von Corona nicht mehr 100 % arbeiten kann und vorübergehend auf Kurzarbeit ist. Bisher ein ganz passables Gehalt bezogen hat und nun zwar finanziell etwas kürzer treten, aber noch nicht auf die Butter verzichten muss, weil die nicht mehr drin ist. Vielleicht einen Arbeitgeber hat, der es sich leisten kann, seinen Angestellten das Kurzarbeitergeld auf das bisherige Gehalt aufzustocken. Auch wenn man auf 0 ist.

Von 100 auf 0

Es ist eine andere Sache, wenn man in der Gastronomie arbeitet und erstmal wieder gar nicht arbeiten kann. Wie in dieser Branche nicht unüblich eigentlich vom Trinkgeld lebt. Nach Abzug der Fixkosten kaum mehr etwas übrig bleibt. Und jetzt auf Kurzarbeit 0 ist. Von den 70 Prozent des bisherigen Nettoentgelts, die ab dem vierten Monat KUG dessen Berechnung zugrunde liegen, könnte man sich nicht mal den winterfesten Schlafsack für’s Campen in einem Zelt 50 km außerhalb der Stadt leisten. Wenn es nicht so dramatisch wäre, wäre es fast schon lustig. Was bei einem geschlossenen Laden an Trinkgeld übrig bleibt, kann man sich ja recht schnell ausrechnen. Selbst schuld, wer in der Gastro arbeitet?

You cannot leave your head on!

Aber selbst das kann mich mittlerweile nicht mehr umhauen. Man lernt schließlich nie aus. Nachdem ich durch das vereinfachte und unbürokratische Verfahren während des ersten Lockdowns im Frühjahr mehrere Monate auf das Geld vom Jobcenter warten und alle zwei Tage eine andere noch fehlende Unterlage nachreichen durfte, von deren Relevanz sie offensichtlich erst nach dem Eintreffen der von ihnen im Brief davor eingeforderten Unterlagen erfahren hatten, und einmal einen kompletten Identitätsstriptease hinlegen musste, dachte ich mir dieses mal, ha! Ich kenn mich ja jetzt aus! Und schickte ihnen direkt am ersten Tag des Lockdown Lights die über zwanzig Anhänge, die sich im Laufe des ersten Verfahrens angesammelt hatten, inklusive einer mehr als ausführlichen Mail, in der ich alle angehängten Dokumente noch einmal auflistete und erklärte. Gott, war ich organisiert! So musste sich erwachsen sein anfühlen!

Finde den Anhang!

Zwei Tage später waren bereits zwei Briefe vom Jobcenter im Briefkasten. In dem einen befand sich ein lupenreiner Copy & Paste von der Liste, die ich ihnen in meiner Mail mitgeschickt hatte, versehen mit einem Ausdruck des Bedauerns darüber, dass sie leider all diese Dokumente nicht erhalten hätten. Kurz danach hatten sie aber wohl festgestellt, dass sich Anhänge, wie deren Name schon sagt, tatsächlich meistens im ANHANG der Mail befinden und direkt noch einen Brief hinterhergeschickt, in dem all diese Dokumente jetzt wohl doch nicht mehr fehlten, dafür aber dann doch noch ein paar andere, von denen noch nie zuvor jemals die Rede gewesen war. Außerdem würden sie gerne wissen, ob ich denn noch eine andere Tätigkeit ausüben würde als die von mir angegebenen. Dass mir das aber auch keiner gesagt hat! Dann muss ich wohl all die anderen Nebenjobs, die ich noch heimlich ausübe, auch noch auflisten. Die sind aber auch gemein! Und die Lohnabrechnung für November bräuchten sie natürlich noch, am besten jetzt gleich. Es ist Anfang November.

Paket der besonderen Art

In den Medien hieß es zu Beginn des zweiten Lockdowns erst wieder, es werde nicht nur einen vereinfachten und unbürokratischen Zugang zum Antrag von Hartz 4 geben, sondern es wird außerdem vorerst auf die sonst übliche Vermögensprüfung verzichtet werden. Welch großherzige Güte Sie haben walten lassen! Diesbezüglich hat das liebe Jobcenter sein Versprechen ganz brav eingehalten: Sie haben mich nicht nach meinem Vermögen gefragt! Aber sämtliche Kontoauszüge der letzten Monate bis tagesaktuell hätten sie dann aber trotzdem gerne. Oh! Haben wir da etwa eine 5,99 Euro-Paypal-Gutschrift für den letzten Windeltortenmoneypool entdeckt? Dann schicken Sie uns doch bei der Gelegenheit bitte direkt auch noch sämtliche Nachweise über jegliche Transaktionen auf ihrem Paypal-Konto der letzten zwanzig Jahre! Ich muss mich schwer zusammenreißen, nicht einfach in ein kleines aber feines DHL-Paket zu kacken und es ihnen mit Schleife und per Expresslieferung zukommen zu lassen. Damit sie sich, weil sie nämlich so verdammt schlau sind, direkt selbst um die Stuhlprobe kümmern und mich nicht im nächsten Brief erst fragen müssen, ob ich auch wirklich nur das gegessen habe, was sie da jetzt gerade gefunden haben oder ob ich da nicht etwa doch vielleicht heimlich einen Teil der von mir aufgenommenen Nahrung mit höchstkrimineller Energie durch meine Blase statt meinen Darm gejagt und diese wertvollen Informationen zu meiner Identität in einer nicht minder kriminellen Nacht- und Nebelaktion unwiederbringlich und ohne Rücksicht auf Verluste einfach in den nächsten Busch gepisst habe.

Hat dich jemand gefragt?

Ich möchte an dieser Stelle nur noch einmal kurz klarstellen, dass es sich hier gerade um eine Situation handelt, in der viele Menschen gezwungen sind, diese Anträge zu stellen und auf Hilfe vom Staat angewiesen sind, um ihre Existenz zu sichern. Nicht, weil sie einfach keinen Bock auf Arbeiten haben und lieber den ganzen Tag Zigaretten stopfen und wahlweise RTL 2 schauen oder sich von ihnen filmen lassen. Sondern einfach nur, weil ihnen gerade keine andere Wahl bleibt. Nichts gegen Zigaretten stopfen. Ich frage mich nicht zum ersten Mal, wie jemand, der sich in einer akuten psychischen Krise befindet oder angesichts der aktuellen Situation einfach psychisch labiler ist als sonst, jemand, der gerade depressiv ist, auch nur annähernd die Kraft und Energie aufbringen soll, diese Mühlen der Bürokratie irgendwie in Bewegung zu setzen. Zumal Krisen, als welche sich die Corona-Pandemie denke ich bezeichnen darf, immer auch eine gewisse psychische Belastung darstellen. Für alle Betroffenen. Egal ob psychisch vorbelastet oder nicht.

Schlimmer geht (n)immer

Natürlich gibt es auch hier wie immer verschiedene Betrachtungsweisen. Manch einer mag vielleicht finden, dass das Jammern auf hohem Niveau ist. Dass wir froh sein können, in einem Land zu leben, in dem es überhaupt so etwas wie finanzielle Unterstützung vom Staat gibt. Das stimmt. Dass wir dankbar sein können, wenn seit Beginn der Pandemie bisher „nur“ unsere Finanzen den Bach runtergegangen sind, aber nicht unsere Gesundheit. Stimmt auch. Dass es noch mal eine ganz andere Belastung ist, wenn man selbstständig ist, ein Unternehmen führt und die gesamte Existenz von der Krise gefährdet wird. Auch das stimmt. Aber nur weil es im Leben immer auch schlimmer (oder auch besser) geht, heißt das nicht automatisch, dass unsere individuellen Sorgen und Probleme deswegen keine Daseinsberechtigung haben. Und nur weil es nichts bringt und vergeudete Zeit und Energie ist, heißt das nicht, dass wir uns da mal nicht ordentlich drüber aufregen dürfen.

Post. Traumatisch.

Nachdem ich mich ein bisschen abgeregt und den ersten Brief mit den wie von Geisterhand im ominösen Anhangsnirwana von googlemail verschollenen Dateien direkt in die Tonne gekloppt habe, wird der tägliche Gang zum Briefkasten ab sofort zu einer fast schon liebgewonnenen neuen Routine. Ist fast wie Weihnachten. Man weiß nie, was einen hinter dem nächsten Türchen erwartet. Es bleibt spannend! Mal schauen, was heute noch so alles schief läuft!

Es ist nicht nur, dass die einen offensichtlich am liebsten nackt und in Embryostellung auf dem Seziertisch haben wollen. Oder dass solche Anträge und Ämter allgemein nicht unbedingt zu unseren liebsten Freizeitbeschäftigungen oder Zeitgenossen zählen. Es kotzt mich einfach an, dass sie große Töne spucken, wie unbürokratisch und schnell und vereinfacht das ja jetzt gerade alles ist. Extra für euch! Weil wir so nett sind! Einen aber in Wirklichkeit bis aufs Blut und teilweise über Monate hinweg drangsalieren, bis man die paar Euro bekommt, die einem in dieser nicht selbst gewählten Ausnahmesituation schlicht und ergreifend zustehen.

Sich als etwas ausgeben, das sie nun mal einfach nicht sind. Nämlich unbürokratisch und schnell.

Nur weil du Türen hast biste noch lange kein Adventskalender.